Archiv für August 2nd, 2019

Sterbende Blätter unter sich

Nach der „Höllen-Hitze“, die selbst Franz Josef Wagner die noch übrigen Gehirnzellen völlig durcheinanderbrachte, hat Bild.de vor ein paar Tagen den nächsten Wetter-Wahnsinn entdeckt, und zwar in Hannover:

Screenshot BILD.de: Plötzlich Herbst? - Die ersten Bäume verlieren schon ihre Blätter!

Sie können es kaum fassen: „Laub liegt rund um den Maschsee – und das Ende Juli!“

Ein Bild, auf dem man grüne Bäume sieht, unter denen bräunliche Blätter liegen. Die Bildunterschrift lautet:  Oben alles grün, unten ist der Boden von Laub bedeckt – ist denn schon Herbst?

Überall braune Blätter! „Ist denn schon Herbst?“, fragt Bild.de.

Gerade noch war‘s pottenheiß, jetzt fallen schon die Blätter von den Bäumen. Am Maschsee, in den Biergärten, Alleen, auf Gehwegen – überall raschelt‘s wie im Herbst. Spielt die Natur jetzt total verrückt?

Nö, schreibt uns unser Leser Lion:

Alle „braunen Blätter“, die gezeigt werden, sind nur verwelkte Lindenblütenblätter. Die Lindenblüte ist von Juni bis August und total normal für diese Jahreszeit. Das eingebettete Bild mit einer grünen Linde spricht ja eigentlich für sich. Baumsterben und die Klimakatastrophe sind real, aber eben nicht mit verwelkten Lindenblüten darstellbar.

Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir auch noch bei einem Experten nachgefragt, bei Prof. Dr. Thomas Pfannenschmidt vom Institut für Botanik der Leibniz Universität in Hannover. Er schreibt uns:

Um es kurz zu machen: Der Leser hat recht, im wesentlichen sind es verwelkte Blütenblätter, die zuhauf unter den Linden zu finden sind. Das zweite Foto des Artikels zeigt ja sehr schön, dass die Laubblätter der Bäume noch sehr grün sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass auch Laubblätter in dem trockenen Blattwurf enthalten, dazu sind die Aufnahmen zu unscharf.

Bäume, wie alle mehrjährigen Pflanzen, können die Jahreszeit über die Tageslänge wahrnehmen. Wenn die Tage kürzer werden und dabei eine bestimmte Länge unterschreiten, dient dies als Signal für die Bäume, die Stickstoffressourcen aus den Laubblättern abzuziehen. Wir nennen das dann Herbst. Danach sind die Blätter wertlos und werden abgeworfen.

Der Artikel ist natürlich suggestiv geschrieben, ist aber auch nicht ganz falsch. In der Tat werfen viele Baumarten in ausgedehnten Trockenperioden ihre Blätter ab, insbesondere, wenn ihre Wurzeln keinen oder nur geringen Kontakt zum Grundwasser haben, wie viele Stadtbäume. Dies ist eine normale Reaktion auf lang anhaltenden Stress durch Wassermangel. Die Bäume vermeiden durch den vorzeitigen Laubabwurf die totale Austrocknung und versuchen dadurch zu überleben. Dies hat absolut nichts mit der Jahreszeit zu tun, sondern ist in der Tat eine reine Stressreaktion. Einige Arten können bei nachfolgender guter Bewässerung neue Blätter austreiben, andere nicht. Das Wachstum des Baumes wird auf jeden Fall deutlich beeinträchtigt.

Das Phänomen wird in den nächsten Jahren mit weiteren heißen Sommern mit Sicherheit weiter zu beobachten sein.

Und mit ihm mit Sicherheit auch weitere suggestive „Bild“-Artikel.

Kita-Messerstecher, Diekmanns Brei, Flower Rain statt Shitstorm

1. „Ich werde sie töten, mit einem Messerstich ins Herz“
(t-online.de, Jonas Mueller-Töwe)
Dass die reißerische und manipulative Berichterstattung der „Bild“-Zeitung immer wieder dramatische Folgen hat, wird in Zusammenhang mit dem angeblichen Schweinefleisch-Verbot in Kindertagesstätten besonders deutlich. So veröffentlichte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung eingegangene Morddrohungen gegen Kita-Leitung, Erzieherinnen und Erzieher, bei denen einem selbst als Unbeteiligtem ganz mulmig zumute wird.

2. Von wegen Einheitsbrei
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der frühere „Bild“-Chef Kai Diekmann kritisiert in einem aktuellen Interview die Medien und schwadroniert von „Einheitsbrei“ und „Mainstream-Journalismus“. Hendrik Zörner hält Diekmann entgegen: „(…) dass er selbst sein eigenes Blatt nicht mehr zur Kenntnis nimmt, ist skurril. Täte er es, so wüsste er, dass Deutschlands meistverkaufte Zeitung das schlagende Argument gegen den angeblichen Mainstream-Journalismus und medialen Einheitsbrei ist. Darin ist sein Nachnachfolger Julian Reichelt Spitzenklasse.“

3. Wikipedia löscht wieder Frauen: Die schwierige Kultur einer Enzyklopädie
(t3n.de, Jochen G. Fuchs)
Werden Frauen bei Wikipedia benachteiligt? Jochen G. Fuchs fasst noch einmal die Löschdiskussion über den Phantastik-Autoren-Verband zusammen und beschäftigt sich mit den sogenannten Relevanzkriterien. „Es gibt verschiedene Probleme in der Wikipedia: Manchmal stellen die Relevanzkriterien und deren beliebige Auslegung ein Problem dar, manchmal die ausgeprägte Abneigung gegen Neumitglieder und gegen eine Öffentlichkeit außerhalb der Wikipedia. Manchmal aber ist das Problem eine generelle strukturelle Benachteiligung der Frauen und eine sowohl latente als auch offen zur Schau getragene Frauenfeindlichkeit. In den vorliegenden Fällen ist es eine Mischung aus allem.“

4. Flower Rain statt Shitstorm – Wie wir Betroffene von Hass im Netz unterstützen können
(vice.com, Alexandra Stanic)
„Vice“-Kolumnistin Alexandra Stanić geriet unlängst in einen Shitstorm, als eine rechtsextreme Plattform einen ihrer Texte aufgriff und ihre Leser zur massenhaften Hetze anstachelte. So unerfreulich sich dies für sie auswirkte, so erfreulich war, dass ihr im Netz viele Menschen beiseite standen: „Eine Welle an Solidarität hat mich in Zuckerwatte gepackt und mir geholfen, mit den Hass-Mails besser umzugehen. Der Flower Rain — das positive Pendant zum Shitstorm — war stärker als die Wut. Dieser virtuelle Blumenregen hat gut getan — und wir sollten alle daran mitarbeiten, dass es im Netz weiterregnet, und zwar nicht nur auf mich.“

5. Das bedrohte Erbe des Axel Springer
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Der amerikanische Finanzinvestor KKR will den Axel-Springer-Verlag übernehmen. Was hat das für Folgen für das Medienunternehmen und seine publizistischen Ableger? Gibt es Umstrukturierungen oder droht am Ende gar die Zerschlagung des Konzerns? Caspar Busse trägt die bislang bekannten Fakten zusammen.

6. Würde er doch beim Wetter bleiben!
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Jörg Kachelmann startet einen vierwöchigen Urlaub und werde nach eigenen Angaben in dieser Zeit auch nicht twittern. Für Arno Orzessek eine gute Gelegenheit den Wettergott und dessen „Twitter-Ergüsse“ gebührend zu würdigen: „Liebe Kulturpessimisten und Verächter der sozialen Medien, geben Sie es ruhig zu: Was das rhetorische Vermögen angeht, vereint der Twitterer Kachelmann den Ingrimm des ruhmreichen Kotzbrockens Arthur Schopenhauer mit dem Detailwahnsinn des Buchstabenfexes Jean Paul.“