Archiv für Oktober 8th, 2018

„Bild“ belästigt „letzte Hitlers“, die gar nicht Hitler heißen

Alexander Hitler heißt nicht Alexander Hitler, und dennoch nennen „Bild“ und Timo Lokoschat ihn Alexander Hitler, denn andernfalls käme ihre Titelgeschichte von heute noch ein Stück dünner daher:

Ausriss Titelseite der Bild-Zeitung - Bild traf den Groß-Neffen in den USA - Letzter Hitler bricht sein Schweigen! Mit zweitem Namen heißt er Adolf

Ihre komplette Seite 3 hat die Redaktion für die Story freigeräumt:

Ausriss Bild-Zeitung - Was Alexander Hitler über Merkel und Trump denkt
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Bei Bild.de, dort hinter der Bezahlschranke, prangte sie heute lange Zeit ganz oben auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Bild traf den Groß-Neffen in den USA - Letzter Hitler bricht sein Schweigen! Mit zweitem Namen heißt er Adolf

Und auch online ist fast ausschließlich von Alexander Hitler die Rede, was — das möchten wir hier gern noch mal betonen — falsch ist, da der Mann, den Lokoschat und „Bild“ aufgestöbert haben, gar nicht Alexander Hitler heißt: Er ist tatsächlich mit Adolf Hitler verwandt, um einige Ecken, laut „Bild“-Medien soll er dessen Großneffe sein. Aber den Nachnamen des Diktators trägt er nicht, hat er nie. Das schreibt auch Lokoschat:

Ihren Namen hat die Familie 1946 verändert. Zuerst in Hiller, später in einen englischen Doppelnamen.

Alexander wurde 1949 geboren. Und dennoch heißt es in dem Artikel unter anderem:

„DEAD END“ steht auf dem Schild vor der Straße, in der Alexander Hitler wohnt.

Alexander Hitler lebt in einem Holzhaus

Gepflegt sind dafür die vielen Topfpflanzen, die hier stehen. Fleißiges Lieschen, Bartnelken, Eisbegonien, Funkien. Die amerikanischen Hitlers haben einen grünen Daumen.

Herr Hitler fährt Hyundai.

Er ist groß, zirka 1,85 Meter, trägt ein türkis-weiß-kariertes Hemd und eine beigefarbene Cargohose. Alexander Hitler.

„Deutsche Politik?“, wiederholt Alexander Hitler ungläubig und zieht die Augenbrauen hoch.

Und so weiter. Mehrere Dutzend Mal fällt der Name Hitler. Auch wenn seit 72 Jahren niemand mehr so heißt.

Zum Aufplustern der „Bild“-Titelgeschichte gehört auch: Es handelt sich gar nicht, wie auf Seite 1 behauptet, um den „letzten Hitler“. Es gibt noch mindestens zwei weitere — die allerdings auch nicht Hitler heißen. Bei den beiden Brüdern von Alexander, die wohl zusammenleben, stand Timo Lokoschat ebenfalls vor der Haustür. Einer von ihnen öffnete die Tür, schloß sie sehr schnell wieder, als der „Bild“-Mann sein Anliegen schilderte, und schaltete die Rasensprenger an. Viel deutlicher kann man nicht sagen: „Lass uns in Ruhe“.

Alexander sprach hingegen mit Lokoschat. Was aber nicht das rechtfertigt, was „Bild“ und Bild.de mit ihm anstellen. Mal abgesehen von der hingebogenen Schlagzeile, penetrant genutzten falschen Nachnamen und den ganzen Belanglosigkeiten (Lokoschat klammert sich nicht nur an die bahnbrechenden Entdeckungen von grünen Daumen und Automarken, sondern auch an solche „kuriosen Zufälle“: „Kurioser Zufall: Die Nachbarin kommt aus Österreich!“ Große Enttäuschung direkt im nächsten Satz: „Aber auch sie weiß nichts.“) ist das eigentlich Grässliche an dem Artikel: Das Eindringen in die Privatsphäre eines Menschen, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen; der nichts dazu beigetragen hat, dass die „Bild“-Redaktion sich für ihn interessieren könnte; der einfach nur das verdammte Pech hat, dass es sich bei einem entfernten Verwandten um eine der schlimmsten Personen der Menschheitsgeschichte handelt.

Und das gilt für Alexander genauso wie für seine zwei Brüder. Von dem einen — Alexander — haben „Bild“ und Bild.de ein Foto veröffentlicht, ohne Verpixelung, das ganz offensichtlich aus größerer Entfernung aufgenommen wurde. Man sieht darauf noch den Maschendrahtzaun des Grundstücks, vor dem der Fotograf steht. Wir haben bei Lokoschat nachgefragt, ob der Mann wusste, dass er fotografiert wird, und ob er eingenwilligt hat, dass dieses Foto veröffentlicht wird. Der „Bild“-Redakteur wollte uns darauf nicht antworten.

Von den zwei Brüdern, von denen der eine Lokoschat per Rasensprenger deutlich gemacht hat, dass er nichts mit ihm zu tun haben will, haben die „Bild“-Medien eine Außenaufnahme des Hauses veröffentlicht. Zu ihnen steht im Text:

Sie sind die letzten Hitlers.

Das weiß in der 20 000-Einwohner-Stadt fast niemand.

Mit etwas Pech wissen es dort bald ganz viele. Die „Bild“-Redaktion feiert sich jedenfalls schon dafür, dass ihre Geschichte auch international Widerhall findet:

Screenshot Bild.de - So kommentiert die internationale Presse den Besuch bei den Hitler-Nachfahren

Bei Twitter erklärt Timo Lokoschat, dass er in seinem Text „aus Prinzip“ nicht den richtigen Nachnamen von Alexander und dessen Brüdern (natürlich erst recht nicht in anonymisierter Form) verwendet hat:

Screenshot eines Tweets von Timo Lokoschat - Der Nachname ist eigentlich auch weithin bekannt, auch der Ort lässt sich leicht herausfinden. Wollte beides trotzdem aus Prinzip nicht hineinschreiben. Macht die Story nicht besser.

Was so eine Story offenbar „besser“ macht: Leute immer wieder Hitler nennen, die gar nicht Hitler heißen und auch nicht Hitler heißen wollen, und Fotos von ihnen und ihren Häusern in Millionenauflage unter die Leute bringen. Julian Reichelt, der schon dann sauer wird, wenn jemand öffentlich nur sein Jahresgehalt schätzt, und dadurch seine Familie bedroht sieht, scheint kein Problem mit der Veröffentlichung all dieser Details zu haben.

An einer Stelle im Artikel steht zum Vater der drei von „Bild“ besuchten Männer:

Den Fluch des schlimmsten Familiennamens der Weltgeschichte wollte er seinen Söhnen ersparen.

„Bild“ und Timo Lokoschat wollen das offenbar nicht.

Dazu auch:

Richtige Worte, Journalistenmord, Ronaldo und das lange Schweigen

1. Liebe @fr
(twitter.com/berufslesbe, Friederike Wenner)
Friederike Wenner kritisiert auf Twitter die Wortwahl eines Beitrags der „Frankfurter Rundschau“ über den Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege und dessen Arbeit. Dabei findet sie Worte, die von so grundsätzlicher Natur sind, dass sie in das Handbuch einer jeden Redaktion gehören. Die „FR“ hat sich zu dem Vorgang wiederum vorbildhaft selbstkritisch geäußert und eine Überarbeitung der Formulierungen vorgenommen.

2. Wurde Kashoggi in Istanbul ermordet?
(tagesschau.de)
Der regierungskritische saudische Journalist Jamal Khashoggi wollte sich im Istanbuler Konsulat seines Landes nur kurz Unterlagen für seine anstehende Hochzeit besorgen und tauchte anschließend nicht mehr auf. Medien berichten von einem Mordkomplott.
Weiterer Lesehinweis: In Bulgarien wurde die TV-Journalistin Wiktorija Marinowa vergewaltigt und ermordet. Sie soll zu Korruption und Betrug mit EU-Geldern recherchiert haben. (zeit.de)

3. ARD und ZDF prüfen rechtliche Schritte gegen AfD
(t-online.de, Jonas Mueller-Töwe)
Nach Recherchen von t-online.de nutzt die AfD offenbar systematisch urheberrechtlich geschütztes Material der öffentlich-rechtlichen Sender für Parteiwerbung. Dabei gehe es vor allem um Videos von Interviews und Talkshows der öffentlich-rechtlichen Medien, die die Partei mit eigenen Botschaften und oft mit dem AfD-Logo versehe. t-online.de hat die AfD zu den möglichen Urheberrechtsverstößen befragt. Dort gibt man sich unwissend: Bislang hätten sich keine Sender an die AfD mit der Aufforderung gewandt, Inhalte zu löschen. Dies widerspricht jedoch Angaben von WDR und RBB.

4. Zum Beitrag des „heute journals“ über die geplante Änderung der rumänischen Verfassung zur bzw. gegen die „Ehe für alle“
(twitter.com/SebMeineck, Sebastian Meineck)
Sebastian Meineck beschäftigt sich in einem Twitter-Thread mit einem „heute Journal“-Beitrag über die geplante Änderung der rumänischen Verfassung zur bzw. gegen die „Ehe für alle“. Der Beitrag sei „ein Beispiel dafür, wie die scheinbar neutrale Gegenüberstellung von extremen und liberalen Standpunkten zu einem diskriminierenden Ergebnis führt.“

5. Cristiano Ronaldo und das lange Schweigen der dpa
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
Als der „Spiegel“ über Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Fußballer Cristiano Ronaldo berichtet, ist von der Nachrichtenagentur dpa erstmal nichts zu hören. Das Schweigen könnte mit weiterer Recherche zu tun haben, aber auch mit einem einschüchternden Medienanwalt, der für seine Mandanten gerne „Informationsschreiben“ verschickt, welche eine Berichterstattung verhindern sollen. dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger hat Kai-Hinrich Renner in einem Twitter-Thread öffentlich geantwortet: „Lieber Herr Renner, nein, Schertz war kein entscheidender Grund dafür, dass wir erst nach mehreren Tagen auf die Vorwürfe gegen Ronaldo eingestiegen sind. Wir hätten auch ohne das presserechtliche Informationsschreiben nicht anders gehandelt.“

6. Dann nennt uns doch Lügenpresse!
(spiegel.de, Ferda Ataman)
„Spiegel Online“-Kolumnistin Ferda Ataman denkt über Deutschlands Medienlandschaft und seine Lügenpresse-Rufer nach: „Der Lügenpresse-Vorwurf kommt entweder von Leuten, die nicht wissen, was Meinungsfreiheit ist. Oder von Leuten, die finden, dass alle Medien ihre Ansicht verbreiten müssen. Tun sie das nicht, ist das ein Beweis dafür, dass die Meinungsfreiheit unterdrückt wird.“ Und sie macht auf einen geradezu absurden Umstand aufmerksam: „Nicht wenige von denen, die sich heute als Opfer angeblicher Zensur inszenieren, würden die ihnen unliebsame Presse am liebsten selbst zensieren.“