Archiv für Oktober 2nd, 2018

Besonders schnell, besonders falsch

Möchte man besonders schnell und besonders falsch informiert werden, sollte man die Push-Meldungen der „Bild“-Smartphone-App abonnieren. Vorhin schickte die Redaktion diese Nachricht zu einem angeblichen Notfall auf der Ostsee raus:

Screenshot einer Bild-Push-Mitteilung - 335 Passagiere an Bord von Ostsee-Fähre: Feuer nach Explosion im Maschinenraum

Im zugehörigen Bild.de-Artikel heißt es hingegen:

Screenshot Bild.de - Auf er Fähre sei eine Maschine kaputt gegangen, sagte Vaidas Klumbys, ein Sprecher der Fährlinie. Es gab keine Explosion

Mit Dank an @BringItOnYFD für den Hinweis!

Sachsens sturer Haderer, Karge Krankenkost?, Slimanis Rumgehaule

1. Editorial: Zwei gravierende Fehler
(journalist-magazin.de, Matthias Daniel)
Das Medienmagazin „Journalist“ hat mit dem sächsischen Ministerpräsident Michael Kretschmer über die Vorgänge in Sachsen und deren Bewertung gesprochen. „journalist“-Chefredakteur Matthias Daniel findet anerkennende Worte für den Ministerpräsidenten, sieht ihn aber auch als Gefangenen seiner selbst: „Kretschmer ist kein abgebrühter Politprofi, wie sie in Berlin gerade unterwegs sind, oder wie sein Vorgänger Kurt Biedenkopf, der die Geschicke Sachsens nach der Wiedervereinigung zwölf Jahre lang lenkte. Kretschmer ist nahbar, er ist nachdenklich, er ist empathisch. Man kann in seinem Gesicht lesen, wie sehr er mit seiner Rolle hadert. Und doch bleibt er dabei. Vielleicht ist diese politische Sturheit in diesen Tagen sein größter Fehler.“
Weitere Lesehinweise: „Ich hätte mir auch vom ZDF selbstkritische Reflexion gewünscht“ (journalist-magazin.de, Matthias Daniel) und die Lehren aus Chemnitz (journalist-magazin.de, Michael Kraske).

2. „Nationalismus können wir uns nicht mehr leisten“
(deutschlandfunk.de, Henry Bernhard, Audio, 4:46 Minuten)
Internationale Medienkooperationen werden auch als „Cross-Border-Journalismus“ bezeichnet. Bekanntes Beispiel: Das Rechercheprojekt „Panama Papers“, bei dem 376 Journalistinnen und Journalisten aus 76 Ländern zusammengearbeitet haben. Warum derartige Medienkooperationen immer wichtiger werden, war Thema der Fachtagung „Journalism across Borders“.

3. Ex-Bild-Chef Diekmann lehnt Leistungsschutzrecht ab
(golem.de, Friedhelm Greis)
Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann lehnt das Leistungsschutzrecht ab. Wäre er noch Chefredakteur bei „Bild“, würde er sich vermutlich nicht so äußern, aber Diekmann leitet mittlerweile eine Content-Agentur. Friedhelm Greis berichtet über einen interessanten Fall von „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, in dem beide Seiten mit Vokabeln wie „Irrglauben“ und „Wahnwelt“ um sich schmeißen.

4. Meinung: Warum ich mich so richtig über Ayla Mayer geärgert habe – und über mindestens 8.076 Menschen auf twitter
(severint.net, Severin Tatarczyk)
Vielen Twitter-Nutzern und -Nutzerinnen ist in den letzten Tagen eine fotografische Gegenüberstellung zweier Krankenhausmahlzeiten begegnet: Oben die überaus kärgliche Frühstücksversion, unten die Luxusvariante. Die Botschaft: Gesetzlich versicherte Patienten werden mit dem Nötigsten abgespeist, während Privatpatienten im Luxus schwelgen. Severin Tatarczyk erklärt, warum das Bild aus seiner Sicht nicht zur Skandalisierung taugt.

5. Keine Briefe, keine Zeitung
(taz.de, Reinhard Wolff)
Die norwegische Post will ihre Dienste herunterschrauben: Briefe sollen statt fünfmal die Woche nur noch durchschnittlich zweieinhalb Tage pro Woche verteilt werden. Der Abbau beim Zustellservice betrifft nicht nur die Postbediensteten, sondern hätte auch gravierende Folgen für die Lokalzeitungen, die auf den Postweg angewiesen sind.

6. Sami Slimani will Geschlechterrollen zerstören – indem er in der Frauenabteilung einkauft
(vice.com, Lisa Ludwig)
Der Youtube-Star Sami Slimani (Youtube: 1,6 Millionen Abonnenten, Instagram: 1,4 Millionen Follower) war in der Damenabteilung einer großen Klamottenkette shoppen, um „modische Geschlechtergrenzen“ zu überwinden. Lisa Ludwig ist von der derart überhöhten Einkaufstour des beliebten Influencers wenig überzeugt: „Wie der 28-Jährige an den Punkt gekommen ist, auf homophobe Beleidigungen zu scheißen und sich optisch so zu geben, wie er sich fühlt, wäre eine sicherlich interessante und womöglich sogar inspirierende Geschichte gewesen. Stattdessen hat er ein Zara-Haul mit gesellschaftskritischem Anstrich gedreht. In einer Welt, in der Konsum alles ist, in der Geld ausgeben Glück ersetzen soll, muss das wohl als Revolution reichen.“
(Anmerkung für alle, die in der Youtube- und Influencer-Sprache nicht so fit sind: Bei „Haul-Videos“ geht es um das hier.)