Archiv für August 10th, 2018

„Bild“ verunsachlicht Kindergeld-Debatte mit falschen Zahlen

„Bild“-Chefreporter Peter Hell hat einen Bulgaren gefunden, der den Leserinnen und Lesern mal erklärt, wieso das mit den deutschen Sozialleistungen für EU-Bürger aus Sicht eines Bulgaren eine ganz einfache Rechnung ist:

Screenshot Bild.de - EU-Ausländer stauben Kindergeld ab - Ein Bulgare erzählt, warum er nach Deutschland kam

Blöderweise nutzt er dafür allerdings falsche Zahlen. Und die „Bild“-Medien verbreiten sie weiter:

Einer, der aufgrund der lukrativen Sozialleistungen aus Plovdiv (Bulgarien) mit dem Bus vor acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland reiste, ist Ricky* (20, Name geändert). BILD traf den Bulgaren, seine zwei Geschwister und Eltern in ihrer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung (70 qm) in Dortmund. Zwei Jahre arbeitete Ricky als Koch. Aktuell lebt die gesamte Familie von Sozialleistungen.

Ricky rechnet gegenüber BILD vor: „In Bulgarien bekommst du 7 bis 8 Euro Kindergeld und 15 Euro Arbeitslosengeld pro Monat. In Deutschland ist das besser. Hier sind es fast 200 Euro pro Person. Eine Familie mit drei, vier Kindern kommt auf fast 800 Euro. Die Miete und der Strom werden uns mit 600 Euro auch bezahlt. Außerdem bekomme ich Arbeitslosengeld. Deshalb ist Deutschland für mich das beste Land.“

Erstmal: Wenn Ricky heute 20 ist und vor acht Jahren nach Dortmund kam, dürfte es ausgesprochen unwahrscheinlich sein, dass er als 12-Jähriger auf die Idee kam, sich aufgrund deutscher Sozialleistungen nach Deutschland aufzumachen, wie Bild.de in der Überschrift behauptet. Die Initiative dürfte wohl eher von Rickys Eltern ausgegangen sein.

Dann: Wenn Ricky zwei Jahre als Koch gearbeitet hat, wird er vermutlich in die Sozialkassen eingezahlt haben. Dass er daraus nun Arbeitslosengeld bekommt, ist erstmal nur fair.

Aber vor allem: Leider hat Ricky keine besonders große Ahnung von den Sozialleistungen in Bulgarien. Und leider hat „Bild“-Chefreporter Peter Hell kein besonders großes Interesse an Fakten.

„7 bis 8 Euro Kindergeld und 15 Euro Arbeitslosengeld pro Monat“ in Bulgarien — da wird selbst der letzte Stammtischler sagen: „Ist ja klar, dass die zu uns kommen und hier was abstauben wollen!“ Nur sind die Zahlen falsch.

Eine bulgarische Familie mit einem Kind bekommt aktuell 40 Lew pro Monat, mit zwei Kindern insgesamt 90 Lew, mit drei Kinder 135 Lew, mit vier Kinder 145 Lew. Für jedes weitere Kind gibt es 20 zusätzliche Lew. Zwei bulgarische Lew sind in etwa ein Euro. Also: 20 Euro für ein Kind, 72,50 Euro für vier Kinder. Das ist, verglichen mit den monatlich rund 200 Euro Kindergeld in Deutschland, immer noch wenig. Aber eben deutlich mehr als von Ricky in den „Bild“-Medien behauptet.

Noch viel weiter entfernt von den tatsächlichen Zahlen ist Rickys Angabe zum Arbeitslosengeld. In Bulgarien hat jeder darauf einen Anspruch, der in mindestens neun der 15 Monate vor der Arbeitslosigkeit in den staatlichen Arbeitslosenfonds eingezahlt hat. Die Höhe des Arbeitslosengeldes richtet sich nach dem durchschnittlichen Nettolohn der vorangegangenen 24 Monate und beträgt 60 Prozent davon. Es gibt allerdings einen Mindestbetrag: Für 2018 liegt dieser bei 9 Lew, also 4,50 Euro — pro Tag. Und nicht, wie von Ricky in „Bild“ behauptet, bei 15 Euro pro Monat. Der Höchstbetrag liegt bei 74,29 Lew beziehungsweise 37,15 Euro täglich. Das monatliche Arbeitslosengeld beträgt in Bulgarien bei 30 Tagen im Monat also zwischen 135 Euro und 1114,50 Euro. Wer bis zu drei Jahre in den Arbeitslosenfonds eingezahlt hat, hat vier Monate lang Anspruch auf Arbeitslosengeld; wer über zwölf Jahre eingezahlt hat, hat Anspruch auf zwölf Monate Arbeitslosengeld.

Daneben gibt es in Bulgarien auch eine Sozialhilfe. Der Staat unterscheidet bei der Festlegung der Höhe, je nach Lebenssituation: Eine Alleinerziehende bekommt einen anderen Betrag als ein Rentner. Grundsätzlich orientiert sich die Sozialhilfe aber am monatlichen garantierten Mindesteinkommen von 75 Lew, also 37,50 Euro.

Die „Bild“-Redaktion hat sich mal wieder große Mühe gegeben, eine Debatte möglichst zu verunsachlichen.

Mit Dank an Björn S. für den Hinweis!

Volksempfinden, DW: kein Kommentar, Schweiger und Ullrich im Medienpuff

1. “Angemessen, aber nicht ausreichend” – die Medien und das Staufener Urteil oder: Dr. Prantls gesundes Volksempfinden
(meedia.de, Thomas Fischer)
Manche Medien reagierten auf das Urteil beim Staufener Missbrauchs-Prozess mit Justizkritik und Urteilsschelte. Ex-Bundesrichter Thomas Fischer hat darauf mit einigen Anmerkungen reagiert, in denen er auch den „SZ“-Kommentatoren Heribert Prantl kritisiert. Natürlich in der von ihm gewohnten Direktheit und Rustikalität.

2. Warum wir die Kommentarfunktion abschalten
(dw.com, Ines Pohl)
Die „Deutsche Welle“ schaltet die Kommentarfunktion unter ihren redaktionellen Meinungsbeiträgen ab. Das Diskussionsniveau habe stetig abgenommen: Der Diskurs sei in letzter Zeit von persönlichen Beschimpfungen, Beleidigungen und rassistischen Äußerungen geprägt gewesen. Dementsprechend zeitaufwändig und nervenaufreibend sei die redaktionelle Betreuung gewesen.

3. Russische Trolle für und gegen Merkel
(faktenfinder.tagesschau.de, Karolin Schwarz & Patrick Gensing)
In einer Datenanalyse wurde untersucht, wie russische Trolle auf Twitter den Wahlkampf in Deutschland beeinflussten. Karolin Schwarz und Patrick Gensing erklären anhand von Beispielen die Vorgehensweise der Trolle, deren Zielrichtung nicht immer eindeutig auszumachen sei.

4. Das Magazin „Flow“ – Pausenmusik im Fahrstuhl der Pflichten
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Das Magazin „Flow“ will seinen Leserinnen und Lesern helfen, achtsam und im Einklang mit sich selbst zu leben. „Deutschlandfunk“-Kolumnist Matthias Dell hat dort allerdings nur ein permanentes Hochhalten der Weltschlechtigkeit entdeckt. „Flow“ sei die Pausenmusik im Fahrstuhl der Pflichten.

5. Brutale zehn Jahre
(arminwolf.at)
Armin Wolf hat sich die Auflagen-Entwicklung von Tageszeitungen in Deutschland und Österreich angeschaut. Die Printverluste könnten auch durch steigende Online-Werbeerlöse nicht ausgeglichen werden. Wolfs Apell: „Kaufen Sie professionell gemachte Zeitungen und Magazine! Sonst wird es irgendwann keinen seriösen Journalismus mehr geben. Vielleicht schon 2034, vielleicht sogar noch früher.“

6. Til Schweiger und Jan Ullrich im Medienpuff von „Bunte“ und RTL
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video, 4:59 Minuten)
Verfilmte Medienkritik kann kaum unterhaltsamer daherkommen: Boris Rosenkranz hat die „Zwangsmedientherapie“ des Schauspielers Til Schweiger an seinem Finca-Nachbarn, dem Ex-Radprofi Jan Ullrich, in einem fünfminütigen Film aufgearbeitet.