Archiv für Juli, 2013

Royal Baby, Chris Froome, Sommerloch

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Schmutzige Geschichten gibt’s gratis“
(taz.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer analysiert die ersten sechs Wochen von „Bild Plus“: „Titten, Tratsch und Trash. Dazu eine gute Ladung Fußball und irgendein Promi in irgendeinem Krisengebiet – im Kern hat sich also nichts geändert. Nur dass man jetzt dafür zahlen muss, wenn man die Zeichnungen aus den ‚Jammerbriefen‘ von Beate Zschäpe sehen will. Oder das Video, in dem Polizisten einen Mann krankenhausreif prügeln.“

2. „Basiswissen Journalismus: Presserecht für Journalisten und Blogger“
(upload-magazin.de, Thomas Schwenke)
Rechtsanwalt Thomas Schwenke hat einen bereits 2007 veröffentlichten, langen Beitrag über das Presserecht überarbeitet.

3. „Royal baby frenzy: ‚I’ve never seen so many cameras'“
(guardian.co.uk, Peter Walker, englisch)
Vor dem St Mary’s Hospital in London hielten sich gestern Massen von Medienschaffenden auf: „In lieu of updates, the handful of union flag-bedecked, self-appointed royal superfans faced occasional queues to be interviewed.“

4. „Blenden Sie das Royal Baby aus“
(spiegel.de, ore)
Guardian.co.uk ermöglicht es seinen Lesern, die Berichterstattung über eine Geburt im britischen Königshaus auszublenden: „Auf der Startseite der linksliberalen Zeitung prangen ein Dutzend Artikel rund um die Geburt des potentiellen Thronfolgers. Doch mit einem Klick lässt sich die Hofberichterstattung abschalten – es bleiben Nachrichten für die Freunde von Demokratie und Aufklärung.“

5. „Stigma in Gelb“
(ad-sinistram.blogspot.de)
Die Medien über den Tour-de-France-Sieg von Chris Froome: „Kann sein, dass Froome gedopt hat. Nur warum spricht man schon jetzt von Doping, obgleich es keine Beweise außer die sportliche Leistung des Athleten dafür gibt? Die Unschuldsvermutung im Radsport erstickt an einem paranoiden Zeitgeist, der hinter jedem Parforceritt Doping wittert. Eine Presse, die kritischen Bericht mit der Bedienung von Spekulation und generellen Argwohn verwechselt, kommt über den Status gut bezahlter Tratsch- und Waschweiber nicht hinaus.“ Siehe dazu auch ein Pro und Contra von TV-Kommentator Andreas Schulz: „Zu schön, um wahr zu sein?“ (de.eurosport.yahoo.com).

6. „Endlich Sommerloch: Regierung setzt Krokodil im Rhein aus, um von Skandalen abzulenken“
(der-postillon.com)

Vorabendprogramm, Woche der Frau, Bushido

6 vor 9

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1. „Sind die noch zu retten?“
(topfvollgold.de, Mats Schoenauer)
Eine Gegendarstellung von Günther Jauch auf der Titelseite der „Woche der Frau“.

2. „Wer wirbt wo für was?“
(fernsehkritik.tv, Video, ca. 6 Minuten)
Das deutsche TV-Vorabendprogramm: Welche Werbungen auf welchen Sendern laufen.

3. „Medien: Je wichtiger der Job, desto weniger Frauen haben ihn“
(diestandard.at)
„Die Standard“ fasst den Bericht „Advancing gender equality in decision-making in media organisations“ (eige.europa.eu, PDF-Datei, englisch) zusammen: „Das EIGE gibt angesichts dieses Verhältnisses zu bedenken, dass Medien eine wesentliche Rolle in der Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit spielen. Sie würden soziokulturelle Muster nicht nur abbilden, sondern diese auch gestalten, und seien damit ein mächtiger Akteur, der die öffentliche Meinung beeinflusse. Daher seien gerade in diesem Bereich Veränderungen besonders wichtig.“

4. „Bei ‚Heute‘ riecht es verdächtig nach Fast Food“
(kobuk.at, Doris Unterrainer)
Die Firma McDonald’s im redaktionellen Teil der Tageszeitung „Heute“.

5. „Experten: ‚Bushido sät nur Gewalt – und die Medien helfen ihm'“
(newsroom.de, Bülend Ürük)
Bülend Ürük befragt Franco Clemens und Frank Überall zu Bushido. Überall: „Der mediale Terrorist ist Bushido selbst, aber man kann durchaus sagen, dass sich Journalistinnen und Journalisten durch unreflektierte Berichterstattung zuweilen zu Mithelfern machen.“

6. „Das Bundesverteidigungsministerium klagt uns an: Wir haben Geheimes veröffentlicht“
(derwesten-recherche.org, David Schraven)
Eine Klage des Bundesministeriums der Verteidigung wegen Veröffentlichung von als geheim klassifizierten Dokumenten. „Nur die Veröffentlichung aller vorliegenden VS-gestempelten Papiere im Internet ermöglicht es, die jahrelange Verharmlosung des Afghanistankrieges zu dokumentieren. Und damit auch schließlich die Bundesregierung zu zwingen, die Wahrheit zu sagen und mit der Schönfärberei aufzuhören.“

Projekt: Spracherkennung

Der „Spiegel“ berichtet in seiner morgen erscheinenden Ausgabe darüber, dass ein Spähprogramm der NSA auch vom deutschen Geheimdienst eingesetzt werde. „XKeyscore“ heiße die Software, schreibt das Magazin in seiner Vorabmeldung.

Viele deutsche Medien berichteten heute über den Artikel. Dummerweise hat gestern ein Journalist einer Nachrichtenagentur die Anführungsstriche falsch gesetzt und aus der Software „XKeyscore“ versehentlich „XKeyscorewerde“ gemacht. Eigentlich ein kleiner Flüchtigkeitsfehler.

Andererseits:

FAZ.net:

Deutsche Verfassungsschützer testen derzeit eine Software des amerikanischen Geheimdienstes. Laut einem Medienbericht handelt es sich um das Programm „XKeyscorewerde“.

Bild.de:

Mit dem Spionagewerkzeug namens „XKeyscorewerde“ werde ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe, schreibt der „Spiegel“.

sueddeutsche.de:

Den geheimen Unterlagen zufolge, die dem Spiegel vorliegen sollen, wird mit der Spähsoftware namens „XKeyscorewerde“ ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

vox.de:

Mit dem Spionagewerkzeug namens ‚XKeyscorewerde‘ werde ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

ksta.de:

Mit dem Spionagewerkzeug namens „XKeyscorewerde“ werde ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

rtl.de:

Mit dem Spionagewerkzeug namens ‚XKeyscorewerde‘ werde ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

dw.de:

Demnach wird mit der Spähsoftware namens „XKeyscorewerde“ ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

„RP-Online“:

Das Programm „XKeyscorewerde“ werde bislang lediglich getestet, aber nicht im großen Umfang eingesetzt, heißt es vom Verfassungsschutz.

Handelsblatt.com:

Demnach wird mit der Spähsoftware namens „XKeyscorewerde“ ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

welt.de:

Demnach wird mit der Spähsoftware „XKeyscorewerde“ ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

Offenbar geht der Fehler auf zwei Meldungen von Reuters zurück, in denen die Nachrichtenagentur gestern geschrieben hatte:

Mit dem Spionagewerkzeug namens „XKeyscorewerde“ werde ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

Und später:

Demnach wird mit der Spähsoftware namens „XKeyscorewerde“ ein großer Teil der Datensätze aus Deutschland erfasst, auf die die NSA Zugriff habe.

Heute schreibt Reuters den Namen der Software wieder richtig. Eine offizielle Korrektur gab es aber offensichtlich nicht.

Bei FAZ.net haben sie den Fehler dennoch bemerkt und inzwischen korrigiert. Alle anderen Medien schreiben immer noch, die Software hieße „XKeyscorewerde“. Was selbst bei den oft etwas seltsamen Bezeichnungen amerikanischer Militär- und Geheimdienstprojekte ein außergewöhnlich bekloppter Name wäre.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 23. Juli: Kurz nach Erscheinen unseres Eintrags hat sueddeutsche.de den Fehler transparent korrigiert. Alle anderen Medien haben es heimlich gemacht. Bis auf rtl.de, wo immer noch der falsche Name steht.

Bestechlichkeit, Vertriebssystem, Schlagzeilen

6 vor 9

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1. „Reporter im Bordell, aber nicht zum Recherchieren“
(cicero.de, Petra Sorge)
Die Bestechlichkeit von Journalisten: „Gerade jene Berufsgruppe, die immer als erste dabei ist, den Finger auf andere zu richten, ist besonders uneinsichtig, wenn es um eigene Verfehlungen geht.“

2. „‚Zeit Online‘ wird Paywall bekommen“
(horizont.at)
Rainer Esser, Geschäftsführer des Zeitverlags, kündigt eine Bezahlschranke für Zeit.de an: „Das Freemium-Modell oder das Metered Modell, eines der beiden werden wir bei Zeit Online mit Sicherheit in den nächsten zwölf Monaten einführen.“

3. „Lex Grosso und das Gleichgewicht des Schreckens“
(vocer.org, Markus Schöberl)
Markus Schöberl analysiert die Wettbewerbssituation im Presse-Vertriebssystem: „Fast jede zweite in Deutschland an den Handel ausgelieferte Zeitschrift wird nicht verkauft und retourniert. Im Durchschnitt. In bestimmten Segmenten liegt die Retourenquote bei 80 Prozent. Und manch ein Verlag kalkuliert auch mit 90 Prozent, wenn er dadurch nur die Chance auf wenige zusätzlich verkaufte Exemplare hat. Denn da gibt es ja noch das Anzeigengeschäft, dessen Umsätze sich maßgeblich anhand der Anzahl der verkauften Hefte bestimmen. Wer bezahlt am Ende die Zeche für dieses unter Blähsucht leidende System? Einerseits der Kunde. (…) Hauptleidtragende sind vielmehr die Händler.“

4. „Bring your own WC-Papier – Spielt die Medienbranche verrückt oder ist das die Zukunft?“
(svenruoss.ch)
Sven Ruoss hat erfahren, dass in einem erfolgreichen Medienunternehmen in der Schweiz der Spardruck so gross sei, „dass man nun aktiv freiwillige Mitarbeitende sucht, welche auf einen geschäftlichen Computer verzichten. Man solle doch einfach private Laptops ins Büro mitnehmen, weil die einerseits sowieso besser seien als die vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Maschinen und andererseits natürlich fürs Unternehmen nichts kosten und somit ca. 6’500 CHF jährlich pro Arbeitsplatz eingespart werden kann.“

5. „Über Promi-Schlagzeilen“
(zeit.de, Heike Faller)
Heike Faller denkt sich Boulevard-Schlagzeilen aus.

6. „Bundestagswahl 2013: Der etwas andere Wahl-o-mat“
(christoph-koch.net)

Er so wie er so

Express.de, vergangene Woche:Fan-Liebling im FC-Trainingslager - Ujah: "Ich zerreiße mich für den FC" [auf dem Foto zerreißt der Spieler das Trikot, das er anhat.]

Bild.de, gestern: Nordveit-Schwur - "Ich zerreiße mich für die Borussia!" [auf dem Foto zerreißt der Spieler das Trikot, das er anhat.]

Wer selbst keine Ideen hat, muss sich eben bei anderen bedienen. Das haben nicht nur die „Bild“-Autoren längst erkannt, sondern auch deren Leser.

Die wurden, wie wir gestern berichtet haben, jüngst dazu aufgefordert, Rap-Texte gegen Bushido zu verfassen. Gestern druckte die „Bild“-Zeitung dann stolz ein paar dieser Zeilen ab. Darunter auch diese hier:
"Hey Bushido, dein Rap ist doch nur so 'ne Mode-Droge / So 'ne Berg und Talfahrt / So 'ne Toblerone. Dreh 'nen Clip mit zehn Bitches oben ohne / Und halt dazu 'n paar homophobe Monologe."

(Unkenntlichmachung von uns.)

Der Text kommt Ihnen bekannt vor? Nun, vielleicht, weil Sie ihn schon mal woanders gehört haben:

Und er so: Rap ist doch nur ’ne Modedroge
So ’ne Berg- und Talfahrt, so ’ne Toblerone, ja
Dreh ’n Clip mit zehn Bitches oben ohne
Und halt dazu ’n paar homophobe Monologe

(Aus: „ErSoIchSo“ von Dendemann.)

Mit Dank an Jan V. und Dennis S.

Keuschi, Dichter, Dzhokhar Tsarnaev

6 vor 9

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1. „Kirchenkänguru Keuschi ist Hoax“
(heise.de, Peter Mühlbauer)
Die Erzdiözese Wien dementiert einen Bericht, der behauptet, die katholische Kirche wolle mit dem Känguru Keuschi Jugendliche für die Enthaltsamkeit vor der Ehe gewinnen. „Wer etwas genauer hinsah, der konnte feststellen, dass bei den Bildcredits nicht nur ‚Erzdiözese Wien‘, sondern auch ‚Fotomontage‘ stand. Und wer auf den etwas versteckten Link ‚Über uns‘ klickte, dem wurde versichert, dass ‚ausnahmslos alle Artikel [auf dem Portal] frei erfunden‘ sind. Trotzdem wurde die Meldung auf Facebook und in Tweets massenhaft für bare Münze genommen.“

2. „Der ‚Spiegel‘ rafft sich nicht zu einer Aufarbeitung seiner dunklen Aids-Zeit auf“
(stefan-niggemeier.de)
Wie der „Spiegel“ umgeht mit Kritik an seiner Aids-Berichterstattung in den 1980er-Jahren: „Der ‚Spiegel‘ tut so, als gebe er ehrlich die Kritik an sich wieder und beschönigt sie dabei. Mir fiele dazu das Wort ‚unverfroren‘ ein, aber vermutlich ist es viel schlimmer: Gedankenlos.“

3. „Here’s what the perfect women’s magazine would look like“
(newstatesman.com, R. Cosslett und H. Baxter, englisch)
Vorschläge, wie das perfekte Frauenmagazin aussehen könnte.

4. „The Inconvenient Image of Dzhokhar Tsarnaev“
(newyorker.com, Ian Crouch, englisch)
Ian Crouch macht sich Gedanken über die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Rolling Stone“ mit Dzhokhar Tsarnaev auf dem Titelbild. „What is so troubling about this image, and many of the others that have become available since April, is that Tsarnaev really does look like a rock star.“

5. „Gezielter Tabubruch“
(dradio.de, Fabian Elsäßer)
Fabian Elsäßer kommentiert die Medienberichterstattung über einen neuen Song von Bushido (BILDblog berichtete): „Die größte Strafe für einen wie Bushido wäre etwas anderes: totale Ignoranz durch diejenigen, die Öffentlichkeit herstellen.“

6. „Vielleicht Dichter“
(matthias-schumacher.com)
Wo ist der Dichter geblieben, fragt Matthias Schumacher: „Ja gäbe es noch Dichter, die sich als Dichter verstünden, die weit über das Sich-ins-Fernsehen-einladen-Lassen und Neues-Buch-in-die-Kamera-Halten hinausgingen, die etwas zu sagen hätten, das in noch keinem ihrer Bücher gedruckt wäre und das sie nicht aus verkaufsfördernden Gründen sagen würden. Ja wenn! Ich will daran glauben.“

Vom Bordstein bis zur Headline

Sie haben es vielleicht mitbekommen: Bushido ist zurück. Und weil er in einem neuen Song Politiker bedroht und weil gerade Sommerloch ist, drehen die Medien jetzt völlig am Rad.

Die Berichterstattung nimmt aktuell dermaßen besorgniserregende Züge an, dass es Zeit ist, sich den Fall mal etwas näher anzuschauen. Damit wir nicht durcheinanderkommen, fangen wir am besten gleich bei der Wahrheit an:Morddrohungen als PR-Masche - Die billige Wahrheit hinter Bushidos Hass

Zuletzt inszenierte sich Bushido als braver Familienvater. Doch in einem neuen Video bepöbelt und bedroht der Rapper Politiker und Prominente. BILD am SONNTAG enthüllt die abgefeimte Marketingstrategie hinter der Hass-Attacke

Die „Bams“-Reporter sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Bushido dieses Video vor allem deshalb veröffentlicht hat, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und um sein Gangster-Image mal wieder ein bisschen aufzupeppen. Nach der „altbewährten Methode: ‚gut ist, was provoziert'“. Kurzum: Bushido benutze die „Morddrohungen als PR-Masche“.

Im Hause Springer sind sie sich also völlig im Klaren darüber, dass es Bushido „bei der ganzen Sache vor allem um PR geht“. Und trotzdem schenken sie ihm seit Tagen genau das, was er will: Aufmerksamkeit.

Los ging es am Freitag mit dieser Schlagzeile auf Bild.de:Hass-Song auf Youtube - Bushido droht Politikern mit Mord

Am Tag darauf legte die gedruckte „Bild“ mit einer Titelgeschichte nach:Neues Hass-Video mit Mord-Drohungen gegen Politiker - Strafanzeige gegen Bushido

Im Innenteil sah der Artikel so aus:Bushido in seinem neuen Hass-Video - "Du Schwuchtel wirst gefoltert!"

Die härtesten Passagen des Songs hat „Bild“ natürlich abgedruckt — stilecht samt Einschussloch.

Auch auf Bild.de werden die bösen Zitate ausführlich wiedergegeben, zum Beispiel in diesem Artikel:Hass-Video! Strafanzeige! - Jetzt spricht der Politiker, dem Bushido den Tod wünscht

Oder in diesem:"Clip verstößt gegen unsere Richtlinien" - YouTube sperrt Bushidos Hass-Video

(Auf Bild.de waren einige der umstrittenen „Hass-Video“-Passagen bis heute übrigens immer noch zu sehen.)

Am Wochenende schickte „Bild“ dann extra zwei Reporter auf Recherchereise in eine „Dorf-Disko“. Dort hatte Bushido nämlich seinen ersten Auftritt „nach der Veröffentlichung seines Skandal-Videos“. Zurückgekommen sind die Autoren mit einem Video des Auftritts (in dem die besonders bösen Stellen säuberlich untertitelt sind), einer neunteiligen Fotostrecke (davon neun Mal Bushido in Aktion) und jeder Menge aufgeschnappter „Hassparolen“, die sie im Artikel ausführlich zitieren:

Vor nur 400 Zuschauern - Bushido hetzt in Dorf-Disko

Dazu gibt’s nochmal die Szenen aus dem Video, eine Umfrage unter Jugendlichen, zwei weitere Fotos (einmal Bushido, einmal Bushido und Shindy) und die Einschätzung eines Rechtsexperten.

Am Montag folgte dann die nächste Titelgeschichte der „Bild“-Zeitung, Kategorie: Höchstform.

Heino geht auf Proll-Rapper los - Bushido gehört ins Gefängnis! ... oder in die Psychiatrie

Und selbst Franz Josef Wagner richtete am Montag seinen Brief an die „dumme Wurst“ Bushido, obwohl es seiner Meinung nach ja eigentlich mehr Sinn machen würde, „an Brüllaffen oder lärmende Frösche zu schreiben“. Das Video sei jedenfalls „so eklig, wie Ratten essen“.

Bild.de setzte die Artikelflut im Laufe des Tages fort und veröffentlichte vier weitere Texte:

Nach Hass-Video und Anzeige - Jetzt spricht Bushido! ++ Klaus Wowereit stellt Strafanzeige gegen Bushido ++

Autogrammstunde abgesagt - Saturn lädt Bushido-Kumpel Shindy ausErstes Interview nach dem Skandal - Bushido bricht sein Schweigen ++ Ich werde mich nicht entschuldigen ++ Ich schieße nur mit Worten ++ Der Song ist kein Aufruf zur Gewalt ++Bushido - "Ich schieße nur mit Wörtern"

Gestern musste sich Bushido zwar mit etwas weniger Platz auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung zufrieden geben, im Innenteil spendierte ihm das Blatt aber erneut einen großen Artikel:

Hass-Video - Was sagen Bushidos Freunde jetzt?

Auch online ging es munter weiter:FDP-Politiker Serkan Tören zeigt Rapper an - "Bushidos Rechnung wird nicht aufgehen"

Skandal-Song - Das denken die Promis über Bushido

Künstler, Familienvater, Geschäftsmann - Bushido - Sein lauter Weg zum Pöbel-Rapper

Im TV-Interview - Bushido zofft sich mit ORF-Moderatorin

Hass-Video - Was verdient Bushido an dem Skandal?

Skandal-Album "NWA" indiziert - Bushidos Hass-Rap kommt auf den Index

Und so dreht sich bei „Bild“ seit Tagen und auf allen Kanälen alles nur um einen. Und Bushido selbst lacht sich währenddessen ins Fäustchen — wenn er denn eine Hand frei hat:

Screenshot: http://instagram.com/p/btLkDyILyL/#

In einem Fernseh-Interview sagte er am Montag, das Album sei mittlerweile „in den Trends auf Platz 1“. Aus „Geschäftsmann-Perspektive“ sei die Sache also „super gelaufen“.

Aber Bushido ist schon lange nicht mehr der Einzige, der den „Wirbel“ um den Song als „PR-Masche“ nutzt.

Die „Bild“-Zeitung macht es im Grunde genauso. Nur eben auf ihre Weise. Das ist spätestens seit dieser Aktion klar:

Hey, Bushido! Jetzt rappt BILD zurück - Wir suchen IHRE Rap-Antwort an den Rüpel-Rapper +++ 1000 Euro Belohnung

BILD.de veröffentlicht die besten Ideen. Zusätzlich darf sich der kreativste Kopf über eine Belohnung von 1000 Euro freuen.

Jetzt geht sie erst richtig los, die wilde Fahrt auf dem Trittbrett: Die Leser werden dazu aufgefordert, zurückzuschlagen. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Die „BundesRAPublik“ ließ sich jedenfalls nicht lange bitten und schickte „tausende Texte, Videos und Audio-Dateien“ an die Redaktion, wie „Bild“ heute stolz mitteilte:

Bushido bekommt Gegenwind aus dem Internet - Deutschland rappt zurück!

(Unkenntlichmachung von uns.)

In den veröffentlichten „Raps“ finden sich dann solche Zeilen:

Guten Tag Bushido, Seit wann bist du denn Salafist? Dein Gandalf-Bart ist echt der letzte Mist.

Oder solche:

Bildleser zersägen dich wie eine Fräse, und jetzt kriegst DU Löcher wie ein Schweizer Käse!

Oder solche:

[…] die Zunge dir in den Hals zu stecken, du kannst mich mal an meinem schwulen Arschloch lecken.

Den vorläufigen HöheTiefpunkt dieser irrsinnigen Geschichte lieferte aber ein ganz besonderer Pöbel-Poet:

Sprechen möchte der Kolumnist nicht mit Bushido, aber auf die Bitte von BILD hat Franz Josef Wagner den Brief vorgelesen, seine Stimme wurde mit Musik unterlegt. Wagners erster eigener Rap – im VIDEO oben!

„Wagners erster eigener Rap“ — oder anders:Post von Wagner - Franz Josef Wagner im Gangsta-Style

Das hat womöglich nicht mal Bushido verdient.

Amanda Palmer, Sunil Chhetri, Bushido

6 vor 9

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1. „my open letter to the daily mail“
(amandapalmer.net, Video, 5:54 Minuten)
Sängerin Amanda Palmer antwortet mit einem Song auf den Artikel „Making a boob of herself! Amanda Palmer’s breast escapes her bra as she performs on stage at Glastonbury“ der Boulevardzeitung „Daily Mail“. Siehe dazu auch die Übersetzung des Songtextes (fm4.orf.at).

2. „Der unerwartete Ruhm des Sunil Chhetri“
(reviersport.de, Stefan Schinken)
Fußball: Eine Passage in einem Text von Reviersport.de über eine mögliche Verpflichtung von Sunil Chhetri durch Borussia Dortmund führt zu vielen Tweets und Presseanfragen. Siehe dazu auch die Beiträge von Blogger Arunava Chaudhuri (arunfoot.blogspot.de, englisch) sowie ein Interview mit ihm (sportschau.de, Video, 2:56 Minuten).

3. „‚Gefallen an Gefälligkeiten‘: Vorstellung einer Kurzstudie zu Journalismus und Korruption“
(netzwerkrecherche.de)
Das Netzwerk Recherche veröffentlicht die Studie „Gefallen an Gefälligkeiten – Journalismus und Korruption“ (PDF-Datei). „Neben der Compliance-Untersuchung von Natascha Tschernoster von der TU Dortmund, enthält die Kurzstudie Beiträge von Netzwerk-Recherche-Mitglied Boris Kartheuser über den Einfluss der PR-Branche auf den Journalismus sowie Fallbeispiele wie die Luxusreisen von Journalisten mit ThyssenKrupp, Volkswagen und Mazda. Ein weiterer Beitrag deckt Schleichwerbung in Zeitschriften der WAZ-Women-Group auf.“

4. „Fünf Sterne auf Bestellung“
(dradio.de, Thomas Otto)
Gefälschte und gekaufte Rezensionen zu Produkten, die im Netz angeboten werden.

5. „Mit Pinocchio online Fakten checken“
(de.ejo-online.eu, Federico Guerrini)
Federico Guerrini stellt verschiedene Portale vor, auf denen Fakten geprüft werden. „Auch die Art und Weise, wie Medien über Politik berichten (insbesondere über amerikanische Politik) hat sich durch die Organisationen in den vergangenen Jahren stark verändert. (…) Selbst die Politiker begannen, Faktenchecks selbst als Waffen gegen ihre Kontrahenten einzusetzen, oder als Instrument, um ihre eigenen Aussagen zu bewerben.“

6. „500. Medienbericht kritisiert Bushidos plumpen Versuch, in die Medien zu kommen“
(der-postillon.com)

Beschimpfungen, Geschenke, Krimis

6 vor 9

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1. „Darf man Bushido ein Arschloch nennen?“
(vocer.org, Ralf Höcker)
In Fällen wechselseitiger Beschimpfungen winken Staatsanwälte ab, „wenn einer der beiden Pöbler Anzeige erstattet. Die Staatsanwälte erheben keine Anklage, sondern betrachten das Verhalten der Betroffenen als milieutypische Entgleisungen, also als Unhöflichkeiten ohne ehrverletzenden Inhalt oder jedenfalls ohne ernsthafte strafrechtliche Relevanz.“

2. „‚Anzeigen werden im Laufe der nächsten zehn Jahre verschwinden'“
(persoenlich.com, Edith Hollenstein)
Detlef Gürtler denkt nach über Zukunft und Finanzierung des Journalismus: „War bis anhin ein Verlag für die Weiterverbreitung von Inhalten zwingend nötig, ist die heute nicht mehr so. Die Verlage verschwinden. Die Medienbranche lässt sich heute also nicht mehr mit der Ölbranche vergleichen, sondern eher mit der Wasser-Industrie. Jeder kann daran teilnehmen. Einerseits kann jeder Einzelne eine Regentonne im Garten aufstellen und damit das eigene Wasser gewinnen. Andererseits gibt es riesige Konzerne, wie z.B. Néstle, die das Geschäft mit dem Wasser professionalisiert haben.“

3. „Fall Snowden und die US-Medien: Gleichschritt der Mitläufer“
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Vermehrt kritisieren US-Medien nicht die Enthüllungen zum NSA , sondern die Enthüller. „Snowden in Moskau, Greenwald in Rio: Nicht die immer neuen Details dieses scheinbar endlosen Skandals beherrschen die US-Schlagzeilen – sondern ihre Überbringer.“

4. „Beim Krimi-Gucken Spannungen abbauen“
(dradio.de, Thomas Hauschild)
Ethnologe Thomas Hauschild beschäftigt sich mit dem Abbau von aggressiven Spannungen durch den Konsum von TV-Krimis: „Viele Leute mögen das ja, wenn zum Beispiel reiche Leute dann als besonders verwerflich erscheinen, letztendlich sehr hinterhältig, oder manche werfen auch gerne einen Blick in das Rotlichtmilieu und wenden sich dann belehrt, aber auch doch wieder angewidert ab – also, da gibt es ganz viele Spielzüge, die man machen kann in diesen Fällen.“

5. „Journalisten und Geschenke: Jeder ist käuflich!“
(deutsche-startups.de, Thomas Keup)
Thomas Keup, „langjähriger PR- und Social-Media-Specialist“, glaubt, dass jeder Blogger und Journalist käuflich ist: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und dafür gibt es einen ganzen Katalog von Aufmerksamkeiten in der Pressearbeit – von legal bis … egal.“

6. „Welche dieser zehn Beate-Zschäpe-Beschreibungen gibt es wirklich?“
(herrfischer.net)

Kriegsreporter, Content-Drill, VG Wort

6 vor 9

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1. „Das unfassbare Leben einer Kriegsreporterin“
(welt.de, Francesca Borri)
„Die Welt“ übersetzt einen Artikel von Kriegsreporterin Francesca Borri: „In der Welt wird das Geschehen in Syrien instinktiv als ‚dieses Chaos‘ beschrieben, denn niemand hat den Konflikt verstanden – nur Blut, Blut, Blut. Deswegen können die Syrer uns nicht mehr ertragen. Denn wir zeigen der Welt Bilder wie das eines siebenjährigen Mädchens mit einer Zigarette und einer Kalaschnikow. Es ist eindeutig, dass es ein arrangiertes Foto ist, aber es tauchte im März in Zeitungen und auf Webseiten auf, und jeder schrie: ‚Diese Syrer, diese Araber, was sind das für Barbaren!'“

2. „Halle Berry und der Wunsch nach Ruhe“
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Ein Gesetzvorschlag will in Kalifornien Kinder davor schützen, „aufgrund der Tätigkeit ihrer Eltern belästigt zu werden“.

3. „Bereit, aber nicht gebraucht“
(jan.twoday.net)
Jan Söfier vergleicht Studienzeit und Alltag im Journalismus: „Im Studium hatten wir sehr viele sehr tolle Sachen gemacht. Nur: Mit dem Arbeitsalltag in den meisten Online-Redaktionen hatte das wenig zu tun. Da gab es nur den Content-Drill. Möglichst schnell, möglichst viel Content durchschleusen – und für diesen Nachrichten-Stress war ich dann doch nicht vorbereitet.“

4. „Relevanz – online darstellen“
(swissreporter.ch)
Peter Sennhauser beschäftigt sich mit der Frage, welche Nähe und welcher Betrachtungszeitraum für die Platzierung der Meldungen auf Newssites maßgebend ist: „Den Redaktionen ist bei der Einschätzung die Dimension ‚Betrachtungzeitraum‘ abhanden gekommen: Sie haben keinen Redaktionsschluss und damit keine Publikationspanne mehr. Also behelfen sie sich mit dem neuen Schlagwort der Echtzeit.“

5. „Vorgestellt: Top-Themen 2013“
(derblindefleck.de)
Die Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) wählt zehn „von den Medien vernachlässigte Themen und Nachrichten im Jahr 2013“.

6. „Die VG Wort gibt 8 aufs Wort. Aufs Geld und aufs Recht vielleicht nicht so.“
(stefan-niggemeier.de)

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