Archiv für Juli, 2013

Movie2k, Bundestagswahl, Intellektuelle

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „The man behind the great Dickens and Dostoevsky hoax“
(guardian.co.uk, Stephen Moss, englisch)
Stephen Moss besucht AD Harvey, der ein angebliches Treffen zwischen Charles Dickens und Fjodor Michailowitsch Dostojewski im Jahr 1862 erfunden hatte. Siehe dazu den sehr ausführlichen Artikel „When Dickens met Dostoevsky“ (the-tls.co.uk, Eric Naiman, 10. April, englisch).

2. „Sehnsucht nach dem guten König“
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Was passiert eigentlich, wenn der Intellektuelle überrascht, fragt Gregor Keuschnig. „Klopfen dann nicht die gleichen, die das Engagement des Intellektuellen mit Verve gefordert haben, die entsprechenden Äußerungen auf ihre eigene Meinung ab? Und was passiert, wenn dies dann nicht mit dem längst vorgebildeten Urteil der Redaktion, der Partei, der NGO übereinstimmt? Mindestens winkt dann das Etikett ‚umstritten‘, wenn nicht gar noch Schlimmeres: Der Ausstoß aus dem mehr oder weniger exklusiven Club der gutmeinenden Welterklärer.“

3. „‚Kate: Das Baby ist da!'“
(tagesspiegel.de, Fritz Habekuß)
Schlagzeilen der deutschsprachigen Regenbogenpresse: „Als ‚der neue Mann an Heidi Klums Seite‘ wurde Ralf Höcker Lesern einmal vorgestellt. Was daran stimmte: Höcker ist ein Mann. Und neu an der Seite der Moderatorin. Unterschlagen wurde: Er war nur ihr neuer Medienanwalt.“

4. „movie2k-Aus: Diese Portale protifieren“
(meedia.de, Jens Schröder)
Die Streaming-Website Movie2k.to hatte etwa so viele Besucher wie Bild.de oder Spiegel.de. Jens Schröder versucht herauszufinden, wer davon profitierte, als die Plattform im Mai offline ging. „Die Fans der illegalen Portale werden im Umkehrschluss nicht auf legale Plattformen wechseln, so lang es dort eben nicht die neuesten Filme gibt.“

5. „Endlich raus aus dem Sachsensumpf“
(taz.de, Michael Bartsch)
Thomas Datt und Arndt Ginzel werden rechtskräftig freigesprochen: „Beide Journalisten waren 2008 wegen übler Nachrede angeklagt worden. Es ging um zwei Beiträge in Spiegel und in Zeit online, in denen in Frageform die möglichen Verstrickungen sächsischer Justizbeamter in Leipziger Korruptionsnetzwerke beleuchtet wurde.“

6. „protestwahl“
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Die Bundestagswahl 2013: Felix Schwenzel hat sich entschieden, „das erste mal in meinem leben nicht wählen zu gehen“. „dann habe ich aber weiter drüber nachgedacht und mich erinnert, dass die enthaltung meistens genau die falschen stärkt. (…) deshalb wähle ich am 22. september die piratenpartei. nicht weil ich ihnen zutraue wirklich etwas zu ändern oder zu entern, nicht weil ich glaube, dass sie bald zu sinnen kommen und sich nicht mehr selbst oder gegenseitig zerreiben, sondern weil sie ein symbol dafür sind, dass sich etwas ändern muss und wir uns auf unsere demokratischen wurzel zurückbesinnen sollten. wer glaubt dass das naiv ist hat möglicherweise recht.“

Anno 1887

Die Online-Redakteure des „Hamburger Abendblatts“ sind entsetzt, als sie diese Zeilen schreiben.

Die Mitglieder des Kulturvereins „MaLiMu“ sind entsetzt, als sie vor dem Glashütter Kulturhaus […] stehen. Auf der gerade im vergangenen Jahr frisch gestrichenen Wand neben dem Eingang prangt in mannshohen schwarzen Lettern eine hässliche Nazi-Schmiererei. „Hools 1887“.

Mutmaßlich sind die Täter Hooligans – Menschen, deren Freizeitbeschäftigung darin besteht, sich mit Gleichgesinnten zu prügeln oder anderweitig Randale zu machen. Mit den Ziffern „1887“ geben die schlichten Gesellen ihrer Nazi-Gesinnung Ausdruck. Die Ziffern stehen für die Buchstaben im Alphabet. Mit diesem Code lassen sich aus „1887“ zum Beispiel die Initialen von Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Hermann Göring bilden.

Und wer richtig clever ist, der kann aus den Ziffern „1887“ sogar das Gründungsjahr des Hamburger SV bilden. Aber das ist nichts für schlichte Gesellen.

Mit Dank an Seppl und Till.

Nachtrag/Korrektur, 12. Juli: Gar nicht mal so clever muss man hingegen sein, um zu erkennen, dass der Artikel schon 2008 veröffentlicht wurde. Wir haben’s trotzdem übersehen und kommen deshalb leider einige Jahre zu spät. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Sei cool, lern‘ lesen

Heute auf der Startseite von „Spiegel Online“:

"Sei cool, fang

„Sei cool, fang‘ an zu rauchen“ wäre im Jahr 2013 in der Tat ein durchaus gewagter Slogan.

Stellt sich dann aber raus, dass „Sei cool, fang‘ an zu rauchen“ gar nicht der Claim einer „aktuellen Kampagne“ ist.

Otmar Wiestler sagt im Interview:

Eine Auswertung der Don’t-Be-A-Maybe-Kampagne von Philip Morris zeigt, dass sie junge Menschen anspricht. Nach dem Motto: sei cool, verhalte dich nicht wie die anderen und fang‘ an zu rauchen!

Die Bedeutung von Anführungszeichen ist Journalisten offenbar nicht mehr ganz so geläufig.

„Spiegel Online“ hat sich aber auch schon korrigiert.

Also: Nicht wegen der Slogan-Nummer, aber wegen eines anderen Fehlers.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews stand fälschlicherweise, dass es den Philip-Morris-Forschungspreis der Philip Morris Stiftung noch immer gibt. Tatsächlich gibt es ihn seit 2008 nicht mehr. Wohl aber die Philip Morris Stiftung, die jährlich mit 100.000 Euro ausgewählte wissenschaftliche Projekte finanziert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Nachtrag, 12. Juli: „Spiegel Online“ hat eine weitere Anmerkung der Redaktion ans Ende gesetzt:

In einer früheren Version des Teasers hieß es, mit den Worten „Sei cool, fang‘ an zu rauchen“ animiere eine aktuelle Kampagne junge Leute zum Griff zur Zigarette. Das ist falsch, es gibt keine Kampagne, die diese Worte verwendet. Vielmehr sollte das Zitat sinngemäß eine Aussage des Interviewpartners wiedergeben, der eine aktuelle Kampagne interpretiert hat. Wir haben beide Fehler korrigiert und bitten, sie zu entschuldigen.

Der Vorspann beginnt jetzt so:

Rauchen ist cool – so die sinngemäße Aussage einer aktuellen Kampagne, die auf junge Leute abzielt.

Angriff der Kreuzritterinnen

Wir werden angegriffen. Eine grausame Splittergruppe von Extremistinnen mit perversen Fantasien und gewaltigem Manipulationsvermögen ist auf dem besten Wege, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Und wir lassen es ahnungs- und tatenlos geschehen.

So in etwa kann man den Text von Bettina Röhl zusammenfassen, der am Dienstag auf der Internetseite der „Wirtschaftswoche“erschienen ist. Er heißt:Kolumne - Bettina Röhl direkt - Der Irsinn der Entmännlichung unserer Gesellschaft

Es geht um jenen Kreis von Menschen, den Bettina Röhl die „Gender-Mafia“ nennt. Wahlweise auch die „Gender-Fanatiker“, die „Gender-Fighterinnen“ oder die „Kreuzritterinnen der Gender-Ideologie“.

Zwar weiß die Autorin selbst nicht so genau, was dieses „Gender“ überhaupt bedeutet, aber eines weiß sie umso besser: Dass es böse ist. Verdammt böse.

Was Gender wirklich ist, weiß Niemand so ganz genau. Dass Gender eine unwissenschaftliche, die Realität ganz offensichtlich auf den Kopf stellende, fanatische Ideologie einer Minderheit ist, die die Mehrheit in ihren Zangengriff genommen hat, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, steht fest.

„Die Gender-Ideologie“ sei „in Wahrheit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, ihre Ziele seien „größenwahnsinnig“, „grausam“ und „unmenschlich“, zuweilen gar „widernatürlich, verfassungsbrechend und kriminell“. Sie sei „die schmutzige Phantasie von einer kleinen Clique von Extremistinnen, die von der Frauenweltherrschaft, gemeint ist ihre persönliche Weltherrschaft, träumen.“

Es geht noch ewig so weiter. Ein 19.000 Zeichen langes Thesenfeuerwerk, das uns von zwei Dingen überzeugen soll.

Punkt 1, wie gesagt: Gender sei böse, denn die Gesellschaft werde entmännlicht. Im Übrigen kein neues Thema für Bettina Röhl: Schon vor acht Jahren befürchtete sie, der Mann könne vom „lautlos heranrollende[n] Tsunami namens ‚Gender Mainstreaming'“ fortgespült werden.

Punkt 2: Gender gewinne an Macht.

„Gender Mainstreaming“, schreibt Röhl, sei „geistige Brandstiftung“ und „eine menschenverachtende Fiktion, die nicht trotz dieser Tatsache, sondern mutmaßlich wegen ihres Irrsinns so grausam erfolgreich ist“.

Diesen grausamen Erfolg, diese „Machteroberung durch die Gender-Ideologie“ macht Bettina Röhl an einem ganz bestimmten Ereignis fest. Ohnehin ist dieses Ereignis das einzige konkrete Beispiel im gesamten Artikel, der einzige Beleg, den Bettina Röhl anführt, um ihre wilde These von der „Entmännlichung unserer Gesellschaft“ zu untermauern.

Und dieses Ereignis liest sich so:

An der Universität Leipzig wird seit kurzem ein (männlicher) Professor mit Herr Professorin angesprochen. Die Gender-Ideologen blasen zum Angriff auf die Sprache und leiten damit einen neuen Orbitalsprung bei der Durchgenderung der Gesellschaft ein.

Das ist er also, der große Erfolg der „Gender-Mafia“, der Meilenstein des Extremfeminismus: Herr Professorin!

Der Herr Professorin, die neue Anrede von Professoren an der Universität Leipzig und nun auch Potsdam, ist kein Scherz, keine Satire. Ironie ist Ideologen unbekannt, das gehört förmlich zur Definition von Ideologie dazu. Es handelt sich auch nicht um einen bloße Volte des Schicksals. Vielmehr wird hier ein Orbitalsprung im Wachstum der Genderkrake exemplarisch sichtbar.

Der Angriff auf die Sprache zwecks Manipulation der Realität ist nicht nur eine strategische Variante, sondern wird jetzt mit Macht getestet und voran getrieben. Herr Bundespräsidentin ist nicht mehr so weit entfernt. Und die Erzwingung der Akzeptanz, dass Männerunterdrückung keine Diskriminierung ist, sondern schlimmstenfalls berechtigte Strafe für 20 000 Jahre Männerdominanz […].

Die Professoren, die sich fröhlich Professorin nennen lassen, wissen nicht ganz genau, was sie mit dieser „Akzeptanz“ tun und bewirken. Hier geht es ja nicht um einen Gag machen wir es doch zur Abwechslung einfach mal anders herum und machen die weibliche Form zum Gattungsbegriff für beide Geschlechter, sondern es geht im Kontext um die Machteroberung durch die Gender-Ideologie.

So. Und jetzt nochmal für alle. Die Anrede „Herr Professorin“ ist ein Märchen! Fiktion! Reine Fantasie! Eine Erfindung der Medien! Sie hat nichts, aber auch gar nichts mit der tatsächlichen Entscheidung der Uni Leipzig zu tun. Und mit der an der Uni Potsdam genauso wenig.

Wenn am „Herrn Professorin“ überhaupt irgendetwas „exemplarisch sichtbar“ wird, dann ist es ein Orbitalsprung im Wachstum der Recherchefaulheit mancher Journalisten. Und Journalistinnen.

Mit Dank an Kai, Eberhart L. und NaturalBornKieler.

Korruptionsbarometer, Girls, Leberwurst

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Globales Korruptionsbarometer 2013: Medien werden erstmals als korrupter wahrgenommen als Öffentliche Verwaltung und Parlament“
(transparency.de)
Für den Report „Transparency International’s Global Corruption Barometer 2013“ (PDF-Datei, englisch) wurden zwischen September 2012 und März 2013 je etwa 1000 Menschen aus 107 Ländern befragt („Five hundred people were surveyed in countries with a population of less than 1,000,000“). „Auffällig ist das vergleichsweise schlechte Abschneiden der Medien (3,6) in Deutschland. Sie rangieren erstmals hinter der Öffentlichen Verwaltung (3,4) und dem Parlament (3,4).“

2. „Nach Lügengeschichte um getötetes Kind: Neues Leben von Axel L. in Scherben“
(rhein-zeitung.de, Ulf Steffenfauseweh und Lars Wienand)
Nach Protesten von Angehörigen liefert „Bild“ einen zweiten Artikel zu einem Obdachlosen auf Mallorca. „In einem Zusatz erklärt die Zeitung, dass sie aus edlen Motiven bisher nicht berichtet habe. Um ‚keine alten Wunden aufzureißen‘ und ‚aus Rücksichtnahme auf die Familie‘ habe man darauf zunächst verzichtet. Dabei war es den Angehörigen ja gerade auf eine Richtigstellung angekommen, sie gratulieren sich jetzt zu ihrer Beharrlichkeit.“

3. „Internetdörfer“
(rotebrauseblogger.de)
Die Berichterstattung zu einem „von der Tiroler Polizei wegen Sicherheitsbedenken“ abgesagten Testspiel zwischen Energie Cottbus und Maccabi Tel Aviv, das mit Maccabi Haifa verwechselt wird. Siehe dazu auch „Kapitulation vor dem Inferno“ (dradio.de, Olaf Sundermeyer).

4. „Stirbt die wöchentliche Serie? ZDFneo zeigt ‚Girls‘ im Schnellsendeverfahren „
(ulmen.tv, Peer Schader)
ZDF Neo zeigt die ersten fünf Folgen der ersten Staffel von „Girls“ „am Samstag von 22 Uhr bis 0.20 Uhr, und die zweiten fünf am Sonntag von 22 Uhr bis 0.15 Uhr. Mitten im Sommer, wenn die jungen Leute natürlich nix anderes zu tun haben, als am Wochenende abends zuhause abzuhängen, um ihre neue Lieblingsserie zu entdecken.“

5. „Neue Dimension der Auflagen-Akrobatik“
(derstandard.at, fid)
Der Gesundheitsverlag „Der Neue Apotheker Verlags GmbH“ „nannte Inserenten 80.000 Stück für Hefte wie ‚Vitale Senioren‘, ‚Apotheken Journal‘, ‚Diabetes Journal‘, ‚Praxis‘ – und ließ je 100 bis 200 Stück drucken.“

6. „Müsli predigen, Leberwurst essen“
(topfvollgold.de, Moritz Tschermak)

Krokodil, Überwachung, Daniel Ellsberg

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Das Krokodil im Sommerloch“
(ejz.de, rg)
Ein „Bild“-Artikel über ein Foto mit einem präparierten Krokodil. „Niemals habe er behauptet, das Krokodil in der Elbe geschossen zu haben, sagt Michael Manke. ‚Und erst recht habe ich mich nicht als Held aufgespielt, der Badegäste vor solch einer Bestie schützen wollte‘, stellt er heraus. Dass er nun als Lügner, als Aufschneider und ‚Großmaul‘ dargestellt wird, ärgere ihn, und daher habe er auch seinen Anwalt damit beauftragt, rechtliche Schritte gegen die Bild-Zeitung zu prüfen.“

2. „Vater tötete Tochter und setzt sich als Opfer ins Bild“
(rhein-zeitung.de, Ulf Steffenfauseweh)
Angehörige eines von „Bild“ porträtierten Mannes melden sich zu Wort: „Dabei sind die beiden nicht sicher, was sie schlimmer finden: Die Dreistigkeit, mit der sich L. auch vor die Kameras von Bild-TV und RTL (‚Extra‘) stellt und ’seine Lügen‘ erzählt, oder die Art, wie die Zeitung reagiert.“

3. „Der Super-GAU für den Wirtschaftsstandort Deutschland“
(neunetz.com, Marcel Weiß)
Marcel Weiß vernimmt nach den Enthülllungen zum Überwachungsprogramm PRISM „einen kollektiven Seufzer der Beruhigung aus den konservativen Redaktionen Deutschlands“. „Das Internet, endlich hat es einen Makel. Einen systemischen noch dazu. Welch Glück! Die NSA kann nicht einfach über Ihre Schulter schauen, während Sie Texte in der papiernen Zeitung lesen. Also besser nicht das Abo abbestellen! Im Internet dagegen, da haben Sie keine Privatsphäre.“

4. „Sollten sich ‚anständige Bürger‘ wegen der Überwachung sorgen? – Ein Erfahrungsbericht aus den Schattenkriegen“
(scilogs.de, Michael Blume)
Michael Blume erzählt ein Erlebnis von vor zehn Jahren mit „‚Kollegen‘ der Sicherheit“: „Hätten die selbsternannten Jäger damals Erfolg gehabt, so hätte ich meine Anstellung verloren und wir wären noch dazu ein Leben lang beruflich und öffentlich gebrandmarkt gewesen – ohne jedes faire Gerichtsverfahren, ohne jede rechtsstaatliche Verurteilung und gezeichnet für das gesamte, restliche Leben. Und es war den Jägern völlig egal. Aus ihrer Sicht hatte ich mich für die falschen Themen engagiert, die falsche Frau geheiratet und vor allem das falsche Stellenangebot angenommen. Das reichte schon.“

5. „Snowden made the right call when he fled the U.S.“
(washingtonpost.com, Daniel Ellsberg, englisch)
Daniel Ellsberg, der 1971 die Pentagon-Papiere kopierte, kann die Flucht von Edward Snowden nachvollziehen: „Many people compare Edward Snowden to me unfavorably for leaving the country and seeking asylum, rather than facing trial as I did. I don’t agree. The country I stayed in was a different America, a long time ago.“

6. „Hohlspiegel?“
(twitter.com/ruhrpoet, Foto)

Bild  

Kaum zu ertragen (2)

„Die traurigste Geschichte des Tages kommt aus Indien“, schrieb „Bild“ am Samstag.

Es ging um ein neugeborenes Baby, das offenbar lebendig begraben wurde.

Mit einem rosa Tuch bedeckt, sollte das Mädchen sterben. Und obwohl es noch lebendig gefunden wurde, kam am Ende jede Hilfe zu spät …

Irgendjemand hat ein Foto von dem halb verscharrten Baby gemacht; der Kopf ist mit einem Tuch bedeckt, das Ärmchen blutverschmiert.

Es ist ein Foto, das kaum zu ertragen ist.

… schreibt die „Bild“-Zeitung.

Doch das hält sie — wie wir schon aus Erfahrung wissen — natürlich nicht davon ab, es trotzdem zu zeigen:Die traurigste Geschichte des Tages kommt aus Indien - Neugeborenes Mädchen lebendig begraben

(Unkenntlichmachungen von uns.)

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Wirtschaftswoche, Neusprech, Marion Bartoli

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Jürgen Klopp fährt durch die Schleichwerbungszone“
(tagesspiegel.de, Sonja Álvarez)
Jürgen Klopp im redaktionellen Teil der Zeitschrift „Grazia“.

2. „Wie die ‚WirtschaftsWoche‘ Jugendliche aufhetzt“
(sensatzionell.blogspot.de)
Illustrationen in der „Wirtschaftswoche Schule“, einer Beilage der „Wirtschaftswoche“: „Die Nordeuropäer sind freilich alle blond und schlank. Der dargestellte Südländer trägt Schnurrbart und dunkle Haarpracht. Während die germanische Frau das Haus putzt oder gerade von der Arbeit kommt, liegen die faulen Mittelmeeranrainer im Liegestuhl oder cruisen mit ihrem neuen Mercedes durch die Gegend.“

3. „Plus ist stuss: Was die Branche von ‚Bild‘ lernen kann“
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Die Auswahl dessen, was „Plus“ ist und was nicht, wirke „hoffnungslos willkürlich und damit für den Nutzer nicht nachvollziehbar“, findet Christian Jakubetz. „Der knutschende Völler ist wichtiger, relevanter, unterhaltsamer als die knutschende Nacktschnecke Schäfer? Die Begründung dafür würde ich gerne hören.“

4. „‚Die Männer sind in den letzten Jahren massiv bevorteilt worden'“
(persoenlich.com, Corinne Bauer)
Mit der „Stauffacher-Deklaration“ (PDF-Datei) strebt die Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ bis Mitte 2016 einen redaktionellen Frauenanteil von 30 Prozent an. Simone Meier, Kopf der Frauendelegation, berichtet von einem Besuch eines Chefredaktionsmitglieds der „Süddeutschen Zeitung“: „Wie er uns erzählte, stellen Sie dort seit eineinhalb Jahren fast nur noch Frauen ein. Sie haben zwar keine Quotenvorgabe, aber sie tun es einfach. Aktuell hat man zum Beispiel als Mann so gut wie keine Chance, eine Korrespondentenstelle bei der ‚Süddeutschen‘ zu bekommen.“ Siehe dazu auch „Starke Frauen und schwache Männer“ (persoenlich.com, Roger Schawinski).

5. „Neusprech für Fortgeschrittene“
(nzz.ch, Claudia Wirz)
Claudia Wirz schreibt über politisch korrekte Sprache. „Lesbarkeit und Eleganz des Ausdrucks haben zurückzutreten für das höhere Gut der Geschlechtergerechtigkeit.“ Siehe dazu auch das Interview mit Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch: „‚Sprache ist Gewöhnungssache'“.

6. „Women’s Wimbledon Champion Marion Bartoli Deemed ‚Undeserving Ugly Fat Slut‘ By Sexists Because She’s Not A Tall Skinny Blonde“
(publicshaming.tumblr.com, englisch)
Tweets zu Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli.

Alles nur Munchelei

Vor 150 Jahren wurde Edvard Munch geboren. Seine Heimatstadt Oslo ehrt ihn deshalb zurzeit mit einer großen Jubiläumsausstellung. Und die „Bild“-Zeitung ehrte ihn Anfang Juni mit ein paar klug klingenden Zeilen ihrer Adelfeder Alexander von Schönburg.

Und weil von Schönburg nicht nur Royal- und Promi-, sondern offenbar auch noch Kunstexperte ist, erklärt er uns darin mal genau, was es mit Munch und diesem Expressionistenzeugs eigentlich auf sich hat. Und warum er Munchs Gemälde „Der Schrei“ sogar vor der Sintflut retten würde. Und dass es in Oslo nun „zwei Mega-Ausstellungen“ zu Ehren des „große[n] Maler[s]“ gibt.

Am Ende der kleinen Lehrstunde schüttelt er dann noch lässig ein paar spannende Fakten aus dem Ärmel, „Motto: ‚Munch zum Mitreden'“.

Da wäre zum Beispiel:

Edvard Munch (gesprochen „Munk“, † 1944) war der größte aller Expressionisten, weil er todunglücklich war. Genauer: manisch-depressiv.

Damit lässt sich beim nächsten Grillabend sicherlich Eindruck schinden. Mit der Information, dass Munch den „Schrei“ gleich in vierfacher Ausführung gemalt hat, bestimmt auch. Vorsichtig aber sollten Sie sein, wenn Sie folgende Anekdote zum Besten geben wollen:

Die schönste Version (in Pastell) gehört dem New Yorker Milliardär Leon Black. Er hat sich überreden lassen, es für die Dauer der Ausstellung Oslo zu leihen. Er traut den Norwegern aber nicht, hat dem Bild zwei Leibwächter mitgeschickt.

Das klingt eigentlich zu gangsterfilmmäßig, um wahr zu sein. Und wie wir dank unseres Lesers Johannes H. wissen, hat diese Geschichte tatsächlich nicht viel mit der Wahrheit zu tun. Genauer: gar nichts.

Johannes H. ist beim Lesen des Artikels misstrauisch geworden, denn er hatte die Ausstellung in Oslo zuvor selbst besucht – der „Schrei“ wurde zwar auch gezeigt, nicht aber die Pastell-Version von Leon Black. Er fragte also beim Osloer Munch-Museum nach, wie viel Wahres an der „Bild“-Geschichte dran sei. Man antwortete ihm:

Es gibt, das ist korrekt, vier gemalte Versionen von „Der Schrei“ – zwei Pastelle und zwei Ölgemälde.

Zwei der Bilder (eine Pastell-, eine Öl-Version) seien im Besitz des Munch Museums in Oslo, die Nationalgalerie habe ein weiteres (Öl), und das Vierte gehöre Herrn Black (Pastell). Allerdings:

In der Jubiläumssausstellung zeigen wir im Munch Museum unsere Öl-Version […] und die Nationalgalerie hat ihre. Die Version von Herrn Black wird definitiv nicht gezeigt, und ich weiß nicht, auf welche Quellen oder Informationen die „Bild“-Zeitung ihren Artikel stützt.

Johannes H. fragte auch bei Herrn von Schönburg nach, wie es zu dieser Behauptung kommen konnte. Eine Antwort bekam er nicht.

Immerhin nimmt es das Museum mit Humor. Die erste Reaktion auf den „Bild“-Artikel lautete: „What a brilliant story!“

Mit Dank an Johannes H.

Aids, Röntgenmann, Züri Fäscht

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „Töte deine Feinde! Die schwarze Liste“
(blog.tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Was aus den Texten rausgestrichen werden kann: „Stil entsteht dadurch, dass man Unfug nicht stehen lässt. Denn beim Schreiben unterlaufen einem so viele Peinlichkeiten wie im Leben. Nur dass man sie streichen kann.“

2. „Die Schwulen bringen uns allen den Tod: Die Lust des ‚Spiegel‘ an der Apokalypse durch Aids“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier liest im Archiv des „Spiegel“ Texte über Aids, unter anderem von Hans Halter. „Die Berichterstattung des ‚Spiegel‘ über Aids in den achtziger und neunziger Jahren war durchaus vielstimmig und bestand nicht nur aus Hysterie und frivolen Ausrottungsfantasien. Aber wenig davon wird eine ähnliche Wirkung gehabt haben wie Halters apokalyptische Texte.“

3. „Qualitätsjournalismus: Der Röntgenmann-Bullshit in der NZZ am Sonntag vom 7.7.2013“
(andreasvongunten.com)
Der in der „NZZ am Sonntag“ erschienene Beitrag „Der Röntgenmann“: „Eine ganze Seite komplett unkritisches Porträt, ja ein eigentlicher Werbebeitrag über einen sogenannten ‚Heiler‘, der einen Röntgenblick habe, damit durch Wände und vor allem in Menschenkörper hineinsehen und danach kranke Menschen heilen könne, dürfte doch in einer Zeitung, die den Namen NZZ im Titel trägt, auch am Sonntag nicht möglich sein.“

4. „‚Wahr‘ oder ‚Pants on fire‘?“
(get.torial.com/blog, Bernd Oswald)
Bernd Oswald stellt Politifact.com vor: „Politifact versetzt sich in die Lage einer fiktiven Hausfrau namens Mable, die von einer steilen Politikerthese Wind bekommt und sich fragt: ‚Stimmt das wirklich?‘ Manche Hinweise kommen auch von Lesern. Dann legt die Redaktion los: Zuerst kontaktiert sie den Politiker, ob er das wirklich so gesagt hat und fragt nach Quelle und Belegen. Oft beziehen sich Politiker ja auf Studien. Die Redakteure schauen sich diese Quellen an, recherchieren online und offline, führen Interviews, um den Sachverhalt differenziert einschätzen zu können.“

5. „Jörg Thadeusz – Gefangener des ZDF“
(dwdl.de, Hans Hoff)
Die ZDF-Sendung „Durchgedreht“ mit Jörg Thadeusz: „Wer hat ihm gesagt, dass es eine gute Idee ist, wenn man fünf Komödianten zu aktuellen Nachrichten improvisieren lässt?“

6. „Der 20min-Live-Ticker zum Züri-Fäscht“
(ahnungslos.ch)
Der Liveticker von 20min.ch zum Züri Fäscht: „Meine Fresse, die Unterhaltungen zwischen zwei Säcken Reis hätten mehr Informationsgehalt. Deshalb, liebe 20 Minuten: Wieso nur, wieso?!“

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