Archiv für Dezember 9th, 2009

Will the real Kai Diekmann please stand up?

Nach wie vor ungeklärt ist, wer unter dem Namen “Kai Diekmann” in dem Blog Kai-Diekmann.de der Axel Springer AG schreibt. Zunehmend deutlicher wird allerdings, dass es sich nicht um den bekannten Chefredakteur gleichen Namens handeln kann.

Der Blogger “Kai Diekmann” macht sich heute wieder einmal über den Anwalt Johannes (“Jony”) Eisenberg lustig, der für viele Mandanten erfolgreich gegen Lügen und Persönlichkeitsrechtsverletzungen der “Bild”-Zeitung vorgegangen ist. Vor einigen Tagen hatte “Diekmann” in seinem Blog ein Interview veröffentlicht, das den spektakulären Eindruck erwecken sollte, mit eben diesem gegnerischen Anwalt geführt worden zu sein. Eisenberg hat nun vorhersehbar auf die Provokation reagiert und “Diekmann” aufgefordert, das zu unterlassen. “Diekmann” hat daraufhin ebenso vorhersehbar enthüllt, dass es ein ganz anderer Johannes Eisenberg war, mit dem er gesprochen hatte, und arbeitet weiter an seinem Image als coole Sau inmitten einer Welt voller klagewütiger Spaßbremsen:

Nur zur Klarstellung: Es kann doch wohl keiner geglaubt haben, Johannes sei Jony. Am allerwenigsten Jony selbst! Sie, liebe Blog-Freunde, haben für diese Erkenntnis nur gefühlte zehn Minuten gebraucht!!!

Oder ist alles noch viel schlimmer? Schlägt sich Jonys Verfolgungswahn Empfindlichkeit jetzt schon darin nieder, dass er sogar Interviews mit Namensvettern verbieten will? (…)

Lieber Jony, ich kann Dir als Dein Freund und Genosse wirklich nur noch raten: Mach doch mal Urlaub (vielleicht sogar in Thüringen, Tschechien oder im Erzgebirge…). Das wirkt bei Überspannungen Wunder.

Wegen so eines Spaßes gleich den Rechtsweg beschreiten — das würde “Kai Diekmann”, der Blogger, nicht tun.

Im Gegensatz zu Kai Diekmann, dem Chefredakteur der “Bild”-Zeitung.

Vor einem Dreivierteljahr begann Stefan Sichermann*, der Chefredakteur der sympathischen, nicht-kommerziellen Satireseite “Der Postillon”, unter dem Namen “DerChefred” zu twittern. Sein erster Eintrag lautete: “So der Chefredakteur von Der
Postillon ist jetzt auch bei Twitter! Geil!” Als Homepage gab er den “Postillon” an. Aber als Profilfoto benutzte er ein Bild von Kai Diekmann. Was er schrieb, las sich so:

Nun würde man sagen: Es kann doch wohl keiner geglaubt haben, “DerChefred” sei Kai Diekmann. Selbst die Blog-Freunde von “Kai Diekmann” hätten für diese Erkenntnis nur gefühlte zehn Minuten gebraucht (!!!). Aber Diekmann sah da offensichtlich eine reale Verwechslungsgefahr …

… und schaltete, sicher geplagt von schlimmen Überspannungen, seinen Anwalt ein. Der hatte ebenfalls keine Mühe, den wahren Absender zu erkennen, und mahnte ihn ab:

(…) Der Betrieb dieses Profils und insbesondere die unerlaubte Veröffentlichung des Bildes meines Mandanten stellt einen rechtswidrigen Eingriff in sein allgemeines Persönlichkeitsrecht und Recht am eigenen Bild gemäß § 22 KUG dar. Die unerlaubte Bildveröffentlichung erfüllt außerdem den Straftatbestand des § 33 KUG. (…)

Stefan Sichermann hat daraufhin das Bild Diekmanns sofort aus seinem Twitter-Profil genommen, das zu diesem Zeitpunkt das Interesse von gerade einmal 13 Followern (regelmäßigen Lesern) erreicht hatte. Obwohl er sich — abgesehen von der Verwendung des urheberrechtsfreien Fotos — nie als Kai Diekmann ausgegeben hat, war die Sache damit nicht erledigt: Diekmanns Anwalt schickte ihm eine Rechnung. Er setzte den Streitwert auf 7500 Euro fest und errechnete daraus Gebühren in Höhe von 661,16 Euro — ein erheblicher Betrag für den 28-jährigen Volontär. Sichermann schaffte es mithilfe eines befreundeten Anwaltes immerhin, die Forderung unter Verweis auf den übertrieben hoch festgesetzten Streitwert auf einen “niedrigen dreistelligen Betrag” herunterzuhandeln.

Ein niedriger dreistelliger Betrag für die harmlose, weitgehend unbeachtete und erkennbar scherzhaft gemeinte Verwendung eines Fotos, in der ausgerechnet der “Bild”-Chefredakteur eine Verletzung seines Persönlichkeitsrechtes sah.

Soviel zum Verfolgswahn des wahren Kai Diekmann.

*) Hinweis: Stefan Sichermann schreibt gelegentlich für BILDblog.

Eine Reise, die Fragen aufwirft

“Spiegel Online” lud gestern zum “Nintendo-Quiz”. Überraschenderweise muss man dafür nicht wissen, welchen Beruf Super Mario hat, wer “Tetris” erfunden hat oder wie die aktuelle Nintendo-Spielekonsole heißt.

Nein, darum geht’s:

Was bedeutet “Safari”? Wo leben die Sherpa? Und wer erfand eigentlich das Sandwich für Zwischendurch? Testen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Reisequiz Ihr Wissen – und rätseln Sie sich mit Fragen aus dem Nintendo-Spiel “Weltreise” von Kontinent zu Kontinent.

Die Firma Nintendo bringt für ihren tragbaren Spielcomputer “Nintendo DS” seit längerem Spiele heraus, die “Spiegel Online” im Titel tragen: “Allgemeinwissen”, “Life Coach” und jetzt eben “Weltreise”.

Beim “Nintendo-Quiz” auf “Spiegel Online” gilt es, Fragen aus eben diesem Spiel zu beantworten. Und damit der Leser auch weiß, wie er an das Spiel kommt, findet sich links neben den Fragen ein subtiler Hinweis:

Spielerisch vermittelt SPIEGEL ONLINE – Weltreise allen Reiselustigen geographisches und länderspezifisches Wissen – vom Kofferpacken bis hin zu Geheimtipps am Zielort. Jetzt im SPIEGEL- Shop!

Wie traurig ist das: Der Online-Ableger des traditionsreichen Nachrichtenmagazins “Spiegel” stellt im Rahmen einer Werbeklickstrecke läppische Quizfragen (“Wo steht der Buckingham Palace?”), die die Journalisten entweder einem Computerspiel entnommen oder ursprünglich selbst für das Computerspiel geschrieben haben, aus dem sie sie nun wieder recyclen, um dafür zu werben.

Gestern Nachmittag haben wir “Spiegel Online”-Chefredakteur Rüdiger Ditz gefragt, ob das Quiz nicht wenigstens als “Anzeige” bzw. “Eigenanzeige” gekennzeichnet werden müsste.

Eine Antwort haben wir bisher nicht bekommen, aber statt “Nintendo-Quiz” steht plötzlich etwas anderes über den Fragen:

Reisequiz: Einmal um die Welt gerätselt

Mit Dank an Achim S.

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Ohr-ab-Verleger findet Killerapplikation

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, hat vor einigen Monaten angekündigt, mit kostenpflichtigen Anwendungen für das iPhone neue Einnahmen zu generieren. In der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” sprach er von einer geradezu “heiligen Verantwortung”, die die Verleger hätten, “alles zu versuchen, um eine Wirtschaftsgrundlage für die digitale Welt zu schaffen”. Entscheidend sei bei den Bezahlmodellen, die Frage zu beantworten, “warum der angebotene Journalismus attraktiv, unverwechselbar und unverzichtbar ist”.

Was es kostet

“Wenn man jeden Tag 60 Cent sparen kann, tun die einmaligen 79 nicht weh”, freut sich ein Nutzer in den Kommentaren in Apples “App Store”. Nicht ganz: Für die 79 Cent gibt es nur 30 Tage lang Zugang zu den Inhalten und einer tagesaktuellen “Bild” im PDF-Format. Danach muss man monatlich seinen Account verlängern — für 1,59 Euro ohne bzw. 3,99 Euro mit PDF. In seiner großen Eigen-Werbung weist “Bild” auch auf die möglichen Folgekosten hin, im “App Store” fehlt ein Hinweis darauf.

Als Teil dieser Strategie, zu der auch die Forderung gehört, sogenanntes “geistiges Eigentum” gesetzlich stärker zu schützen, hat die “Bild”-Zeitung heute eine neue iPhone-Anwendung (“App”) veröffentlicht. Zu dem kostenpflichtigen Angebot gehört neben allem möglichen ein Spiel, mit dem man typische “Bild”-Schlagzeilen automatisch generieren kann. Damit bekommen iPhone-Besitzer erstmals die Möglichkeit, für einen solchen Gimmick Geld zu zahlen.

Bislang war das nur kostenlos möglich: Das “Bild”-kritische Weblog “BILDblog.de” hatte im Juni 2006 eine virtuelle Maschine veröffentlicht, die aus vier zufällig kombinierten Wörtern lebensechte “Bild”-Schlagzeilen produziert wie: “Porno-Hund frisst Nazi”, “Hitler-Penis köpft Busen”, “Ohr-ab-Mullah verklagt Rentner” und “Grinse-Äquator belügt Erde”. Erklärt wurde das Konzept u.a. mit dem Satz:

Jetzt bist Du an der Reihe, der größten Zeitung Deutschlands die größten Schlagzeilen Deutschlands zu liefern!

Das kostenlose Angebot, das sich auch heute, dreieinhalb Jahre später, gewisser Beliebtheit erfreut, heißt “Schlagzeil-o-mat”.

Die neue kostenpflichtige “Bild”-Applikation hingegen, die vier Wörter zufällig zu Schlagzeilen wie “Luxus-Koch streichelt Marsmensch”, “Drama-Star entschuldigt Einbrecher” und “Kunst-Koch jagt Mond” kombiniert, heißt “SchLACHzeil-O-Mat”. Die Zeitung bewirbt sie mit den Sätzen:

Sie wollten schon immer mal Chefredakteur der BILD sein und die Schlagzeilen machen über die Deutschland spricht? Dann haben Sie jetzt die Chance dazu.

 
Übrigens, der echte Überschriftengenerator von “Bild” hat gestern zu einem vier Jahre alten Foto eines verletzten Polizisten folgende erwartungsfroh klingende Schlagzeile produziert:

Der 1. Tote wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Popstars, dpa, Keese

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wie Pro Sieben sein Publikum betrügt”
(faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog, Peer Schader)
Das Publikum reagiert mit Buh-Rufen, als im Halbfinale der Castingshow “Popstars” mitgeteilt wird, dass die angesetzte Entscheidung um zwei Tage vertagt wird. “Mit Fairness hatte das, was am Dienstagabend im Halbfinale der diesjährigen ‘Popstars’-Staffel passiert ist, nun wirklich nichts zu tun. Es war stattdessen ein Moment, in dem ein Sender endgültig offenbarte, wie egal ihm seine Zuschauer sind, die er nur braucht, um auf ihrer Telefonrechnung aufzutauchen.”

2. “DPA fällt auf falsche Pressemeldung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung herein”
(netzpolitik.org, simoncolumbus)
Das “Zentrum für politische Schönheit” sendet eine Pressemitteilung (PDF), die von der dpa aufgenommen (und bald darauf korrigiert) wird. “Dabei hätte man, wenn schon nicht über die Idee, über die angebliche Aussage des Bundespräsidenten stolpern können. Dass dieser eine Bundesstiftung als ‘Schaustück der Ignoranz’ bezeichnet, wäre schließlich eine nie dagewesene Deutlichkeit für Horst Köhler.”

3. “Interview mit dem falschen Sprecher der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung”
(metronaut.de, John F. Nebel)
“Dr. Robert Eckhäuser” sagt, wer “die Geschichte noch fast geglaubt” hätte: “Wir wissen von der FAZ, T-Online und Financial Times. Und Kulturzeit von 3sat wollte unseren Stiftungsdirektor selbst dann noch zum Interview bitten, als die dpa längst widerrufen hatte.”

4. “Falsche Pressemitteilung sorgt für Verwirrung”
(handelsblatt.com)
“Dass es sich bei der Mitteilung und der dazugehörigen Internetseite um eine Fälschung handelte, war laut dpa zunächst nicht erkennbar. Auch eine telefonische Rückfrage bei dem angegebenen Kontakt ergab zunächst keine Zweifel an der Authentizität.”

5. “Der geschmeidige Außenminister”
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Ein Porträt von Christoph Keese, der als “Springer-Cheflobbyist” / “Strategie-Sprachrohr” / “His Döpfners Voice in Reinkultur” aufblüht: “Gelernt hatte er das spiegelglatte Formulieren ohne auszurutschen auf der Henri-Nannen-Schule, als dort noch Sprach-Zuchtmeister Wolf Schneider persönlich das Regiment führte.”

6. “Die bedrohte Elite”
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo antwortet dem Kopf von Frank Schirrmacher, der nicht mehr mitkommt: “Gehen wir also in einem digitalen Marsch durch die Institutionen dorthin, wo die Überforderung jeden Tag stattfindet. (…) Erklären wir ihnen, dass der Unterschied zwischen der Veröffentlichung der eigenen Daten und der staatlichen Überwachung der gleiche ist wie der Unterschied zwischen ‘sich im Klo einschließen’ und ‘im Klo eingeschlossen werden’.”