“Nius” hat Skandal erfunden, Das Internet stirbt, How to Sell Bullshit

1. Nius hat Ramadan-Skandal erfunden
(lto.de, Max Kolter)
Das Landgericht Köln habe dem Portal “Nius” von Ex-“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt zentrale Aussagen über ein angebliches “Fastenbrechen für Bürgergeldempfänger” in einer Dortmunder Behördenkantine untersagt und sie als “sämtlich unwahr” bewertet. Tatsächlich habe die Kantinenpächterin das Büfett demnach auf eigene Kosten zu ihrem Einstand veranstaltet. Eingeladen gewesen seien nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsagentur. Die Veranstaltung sei auch nicht öffentlich gewesen, es habe sich mitnichten um ein vom Staat finanziertes Ramadan-Event gehandelt.
Weiterer Lesehinweis: Solidarisch gegen Onlinepranger: “Eine Infoveranstaltung zu Nius mit Berichten von Betroffenen rechter Kampagnen zieht 250 Menschen an. Reichelts Portal hatte im Vorfeld massiv Stimmung gemacht.” (taz.de, Darius Ossami)

2. Das Internet stirbt
(netzpolitik.org, Carla Siepmann)
Carla Siepmanns Beitrag beschreibt, wie Soziale Medien zunehmend von KI-generierten Inhalten und automatisierten Interaktionen geprägt werden. Anknüpfend an die “Dead Internet Theory” argumentiert sie, dass Bots, KI-Videos und maschinell erzeugte Kommentare immer stärker die Feeds bestimmen und den menschlichen Austausch verdrängen. Für Plattformen sei das einerseits profitabel, weil massenhaft Inhalte Aufmerksamkeit erzeugen. Zugleich entstehe aber ein Problem, wenn Bots am Ende vor allem andere Bots bespielen.

3. How to Sell Bullshit Online (Fast)
(blog.ub.uni-leipzig.de, Stephan Wünsche)
Stephan Wünsche warnt vor einem wachsenden Betrug mit KI-generierten pseudowissenschaftlichen Büchern, die über Selfpublishing-Anbieter wie “tredition” veröffentlicht und teils sogar von Bibliotheken angeschafft würden. Die Bücher würden auf den ersten Blick seriös wirken, seien bei genauerem Hinsehen aber voller Fehler und erfundener Quellen. Problematisch sei das nicht nur wegen des verschwendeten Geldes, sondern auch, weil es das Vertrauen in wissenschaftliche Publikationen untergraben könnte.

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4. Newsletter Netzwerk Recherche
(netzwerkrecherche.org, Lena Wrba & Lena Kampf)
Wie immer eine Empfehlung wert, nicht nur für investigativ arbeitende Journalistinnen und Journalisten: der Newsletter des Netzwerk Recherche. Die aktuelle Ausgabe beginnt mit einigen Worten von Lena Kampf zu den Entwicklungen in den USA. Außerdem gibt es den bewährten Überblick über medienrelevante Nachrichten, Veranstaltungen, Preise und Stipendien.

5. Hyperreaktivität: Die Macht der Memes
(verdi.de, Till Schmidt)
Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Annekathrin Kohout beschreibt Soziale Medien als eine Kultur der “Hyperreaktivität”, in der Sichtbarkeit vor allem durch ständiges Reagieren, Bewerten und Zuspitzen entstehe. Politisch gefährlich werde das vor allem dann, wenn Empörung, Ironie oder Verdacht strategisch eingesetzt würden. Für den Journalismus folge daraus, dass er sich nicht von Erregungsdynamiken treiben lassen, sondern eigene Themen setzen und sauber einordnen sollte.

6. Meinungsfreiheit in Gefahr: Was ist da dran?
(ardsounds.de, Sophie Morár & Johannes Leininger, Audio: 25:52 Minuten)
Die aktuelle Folge von “BR24 Medien” geht der Frage nach, ob die Meinungsfreiheit in Europa tatsächlich unter Druck steht, wie es US-Vizepräsident JD Vance vergangenes Jahr behauptet hatte. Sophie Morár und Johannes Leininger sprechen darüber, wo der Staat die Grenzen der Meinungsfreiheit zieht, und wie auch Medien zu dieser Wahrnehmung beitragen. Der Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann betont, dass viele Menschen Meinungsfreiheit als Kern der Demokratie sehen, und wirbt für mehr Offenheit gegenüber anderen Positionen. Ronen Steinke, Journalist und Jurist, sieht die Meinungsfreiheit unter Druck. Der Staat sei in den vergangenen Jahren stärker gegen bestimmte Äußerungen vorgegangen und habe so die Grenzen des Sagbaren enger gezogen.

KW 17/26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Warum sind die Chats des Ex-ORF-Bosses keine Privatsache?
(uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 18:29 Minuten)
Holger Klein spricht mit der “Falter”-Journalistin Barbara Tóth über die Affäre um den zurückgetretenen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann. Thema sind die von Tóth veröffentlichten Chats (nur mit Abo lesbar) zwischen Weißmann und einer ORF-Mitarbeiterin, die Tóth als Beleg für Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung wertet. Holger Klein fragt: “Was ist da los in Österreich? Warum ist die Causa Weißmann kein Einzelfall? Und wie berichtet eigentlich der ORF selbst über diesen Fall?”
Weiterer Lesetipp: #MeToo am Arbeitsplatz: Warum der ORF ein Sexismusproblem hat (falter.at, Barbara Tóth).

2. Wie Polizeigewerkschaften die Innenpolitik beeinflussen
(swr.de, Mohamed Amjahid & Natalie Widmann, Audio: 28:21 Minuten)
Das SWR Data Lab hat Pressemitteilungen und Social-Media-Beiträge der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) ausgewertet. Außerdem habe man sich die Äußerungen der Sprecher der Gewerkschaften in verschiedenen Medien angeschaut. Vor allem die DPolG gebe sich teilweise rechtspopulistisch.

3. Keiler & Kritiker (über weibliches Schreiben)
(spotify.com, Annika Brockschmidt & Rebekka Endler, Audio: 1:59:32 Stunden)
In letzter Zeit ist der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck (“Druckfrisch”) selbst in die Kritik geraten. Annika Brockschmidt und Rebekka Endler fragen sich: “Ist Denis Scheck möglicherweise nichts weiter als das geschwülstige Symptom einer tieferliegenden, uralten Struktur über die Deutungshoheit von Literatur? Welche Abgründe tuen sich auf, wenn wir von dem Einzelfall auf das Ganze schauen? Haben wir bessere Literaturkritik und auch bessere Verrisse verdient?”

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4. Werner Herzog – zu groß für Deutschland
(ardsounds.de, Max Osenstätter, Audio: sechs Folgen zu je 38 bis 45 Minuten)
Der Filmemacher Werner Herzog ist nicht jedem bekannt, obwohl er zu Recht als Legende bezeichnet werden kann. Doch der Name des 83-Jährigen spricht sich nun auch wieder bei vielen jüngeren Menschen rum. Ein Grund dafür: Werner Herzogs Instagram-Auftritt, der sich durch die besondere, nun ja, Performance des Meisters auszeichnet. Max Osenstätter fragt sich in seiner sechsteiligen Audioserie: “Wer zur Hölle ist dieser Typ? Und wie konnten wir ihn so lange vergessen?”

5. Eine “Mängelliste” mit Folgen
(deutschlandfunkkultur.de, Anh Tran & Max Kuball, Audio: 30:57 Minuten)
Bei Deutschlandfunk Kultur wird rekonstruiert, wie eine vom Schriftsteller Ingo Schulze angefertigte “Mängelliste” zu Charlotte Gneuß’ Debütroman “Gittersee” nicht nur beim Verlag, sondern auch bei der Jury des Deutschen Buchpreises landen konnte. Für Gneuß habe die Liste weitreichende Folgen gehabt: Ihr Debüt sei fortan öffentlich vor allem unter dem Aspekt angeblicher Fehler diskutiert worden.

6. Network
(arte.tv, Sidney Lumet, Video: 1:56:24 Stunden)
Bei Arte gibt es noch bis Mitte Mai eine visionäre Mediensatire aus dem Jahr 1976 zu sehen: “Network”. Sidney Lumets Film ist eine bitterböse Abrechnung mit dem Kommerzfernsehen und dessen Kampf um Einschaltquoten: “Wegen sinkender Zuschauerzahlen soll Howard Beale, der alternde Nachrichtensprecher eines US-Fernsehsenders, entlassen werden. In seiner Verzweiflung kündigt Beale seinen Selbstmord vor laufender Kamera an. Die Quoten steigen und die Programmchefin baut die Sendung zum skandalträchtigen Format aus.” Unbedingter Gucktipp!

Haarspalterei, Stellenabbau, Lokaljournalismus in der Krise

1. Daniel Gün­ther war Par­tei­po­li­tiker, kein Minis­ter­prä­si­dent
(lto.de)
Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Schleswig-Holstein habe eine Beschwerde des Onlineportals “Nius” gegen Äußerungen von Daniel Günther in der ZDF-Sendung “Markus Lanz” zurückgewiesen. Günther habe dort “Nius” als Gegner und Feind von Demokratie bezeichnet sowie den Vorwurf erhoben, in “Nius”-Artikeln über ihn stimme in der Regel nichts. Wie schon das Verwaltungsgericht habe nun auch das OVG entschieden, dass Günther dabei nicht in seiner Funktion als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident, sondern als Parteipolitiker aufgetreten sei. Deshalb seien seine Aussagen an der Meinungsfreiheit und nicht an den strengeren Maßstäben staatlicher Neutralität zu messen. “Nius”-Anwalt Joachim Steinhöfel habe angekündigt, Verfassungsbeschwerde einzulegen.

2. Presserechtliche Haarspalterei als letztes Mittel
(taz.de, Johannes Eisenberg)
Der Strafverteidiger und Medienanwalt Johannes Eisenberg argumentiert in seinem Kommentar, dass Christian Ulmen versuche, sich im Streit um die “Spiegel”-Berichterstattung mit presserechtlichen Feinheiten gegen den Kern der Vorwürfe zu verteidigen. Entscheidend sei aus seiner Sicht nicht, ob es sich bei den verbreiteten Aufnahmen tatsächlich um Deepfakes oder um anderes Material gehandelt habe, sondern dass über Fake-Accounts der Eindruck erweckt worden sei, Collien Fernandes sei in pornografischen Darstellungen zu sehen. Eisenberg kritisiert, dass viele Medien Ulmens Einlassungen und die Unschuldsvermutung stark in den Vordergrund stellen und damit vom eigentlichen Vorwurf ablenken würden. Er wirft Ulmen vor, so Zweifel an der Darstellung von Fernandes säen zu wollen.

3. AfD gegen Correctiv: Ein Treffen, ein Aufschrei – und ein Streit über die Wahrheit
(abendblatt.de, Christian Unger)
Christian Unger zeichnet den anhaltenden Streit um die “Correctiv”-Recherche “Geheimplan gegen Deutschland” über das Potsdamer Treffen von AfD-Politikern, Unternehmern und Rechtsextremen nach. Auslöser der juristischen Auseinandersetzungen sei die Darstellung, bei dem Treffen sei über einen “Masterplan” zur “Ausweisung” auch deutscher Staatsbürgerinnen und Staatsbürger gesprochen worden. Das Landgericht Berlin habe einzelne Aussagen von “Correctiv” als nicht ausreichend belegt eingestuft und untersagt. Zuvor habe das Landgericht Hamburg eine ähnliche Aussage von “Correctiv” für zulässig erklärt. Unstrittig bleibe jedoch, dass Martin Sellner in Potsdam sein “Remigrations”-Konzept vorgestellt habe und AfD-Vertreter anwesend gewesen seien.
Weiterer Lesehinweis: In einem Beitrag in eigener Sache ordnet die “Correctiv”-Redaktion die juristischen Auseinandersetzungen um die Recherche als weiterhin offen ein und betont, dass das Berliner Urteil nicht rechtskräftig sei.

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4. Wie selbstverschuldet ist die Krise?
(deutschlandfunk.de, Stephan Beuting, Audio: 31:50 Minuten)
Im Deutschlandfunk (DLF) kommen regelmäßig Hörerinnen und Hörer zu Wort. Manchmal liefern sie sogar die Idee für eine ganze Sendung und tauschen sich darin mit Expertinnen und Experten aus. In dieser Folge des Podcasts “Nach Redaktionsschluss” geht es um den Zustand des Lokaljournalismus sowie um dessen Aussichten. Es diskutieren DLF-Hörer Tom Schweers, Hans Onkelbach vom Düsseldorfer Lokalmedium “VierNull” und DLF-Landeskorrespondent Niklas Ottersbach.

5. NDR und “Tagesschau” starten Format auf YouTube und TikTok
(dwdl.de, Timo Niemeier)
NDR und “Tagesschau” hätten mit “Stabile Zeitenlage” ein neues Format für YouTube, TikTok und die ARD-Mediathek gestartet, das sich an ein junges Publikum richte. Ziel sei es, komplexe sicherheitspolitische Themen wie die NATO, Europas Sicherheit oder Künstliche Intelligenz im Krieg verständlich einzuordnen und auch Fragen aus der Community aufzugreifen. Die erste Ausgabe beschäftige sich mit dem Beginn des Iran-Krieges und der möglichen Rolle von KI.

6. Meta will etwa jeden zehnten Job kappen
(spiegel.de)
Der Social-Media-Konzern Meta plane einen erneuten großen Stellenabbau und wolle rund zehn Prozent seiner Belegschaft entlassen, was fast 8.000 Jobs betreffen dürfte. Zudem sollen etwa 6.000 offene Stellen nicht besetzt werden. Das Unternehmen begründe dies mit Effizienzsteigerungen und hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig sei bekannt geworden, dass Meta in den USA neue Tracking-Software auf Rechnern von Beschäftigten installiere, um Daten für KI-Systeme zu gewinnen. Der Schritt füge sich in eine breitere Strategie ein, mit KI Arbeitsprozesse umzubauen und Kosten zu senken.

KI-Regulierung gefordert, Maske der Propaganda, Studie zu rechter Gewalt

1. Studie zeigt Kontinuität rechter Gewalt
(verdi.de)
Die Studie “Feindbild Journalist:in” des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit zeige, dass rechte Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland weiterhin ein ernstes Problem sei. Für 2025 seien mindestens 34 physische Angriffe verifiziert worden. Damit habe die Zahl zwar unter dem Höchststand von 2024 gelegen, aber weiter deutlich über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Besonders gefährlich seien Demonstrationen, bei denen sich laut Studie über Jahre stabile rechte Täterkonstellationen gegenüber der freien Presse zeigen würden.

2. “Das geht den Schmierfink gar nichts an”: AfD-Landeschef Frohnmaier pöbelt gegen SÜDKURIER-Redakteur
(suedkurier.de)
Der “Südkurier” berichtet in eigener Sache, dass Markus Frohnmaier, AfD-Landeschef in Baden-Württemberg und Mitglied des Bundestages, einen Journalisten der Zeitung in einer versehentlich mitgeschickten internen Mail als “Schmierfink” bezeichnet habe. Auslöser sei eine Presseanfrage zu einer Großspende an Frohnmaiers Landesverband gewesen. Der “Südkurier” kommentiert: “Auf diese und weitere Fragen kann es Antworten geben. Oder auch nicht. Was es nicht geben muss, sind persönliche Herabwürdigungen.”

3. Sender & Verbände fordern gesetzliche Regulierung von KI-Plattformen
(dwdl.de, Timo Niemeier)
ARD, ZDF sowie mehrere Medienverbände hätten gemeinsam strengere gesetzliche Regeln für den Umgang von KI-Plattformen mit journalistischen Inhalten gefordert. Sie würden warnen, dass große Tech-Konzerne Medieninhalte nutzen, ohne dafür angemessen zu zahlen, und dass klassische Medien dadurch zu bloßen Zulieferern für KI-Systeme werden. Gefordert würden deshalb stärkere urheberrechtliche Schutzrechte, mehr Transparenz über die Nutzung journalistischer Inhalte und eine faire Vergütung.

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4. Wie stehen Chris­tian Ulmens Chancen gegen den Spiegel?
(lto.de, Felix W. Zimmermann)
Felix W. Zimmermann analysiert, wie die Erfolgsaussichten von Christian Ulmen im Verfahren gegen den “Spiegel” stehen. Zentrale Fragen seien, ob die Redaktion in ihrer Berichterstattung den Eindruck erweckt hat, Ulmen habe Deepfake-Pornos verbreitet, und ob eine solche Verdachtsberichterstattung rechtlich zulässig war. Dabei beleuchtet Zimmermann vor allem die Anforderungen an Verdachtsberichterstattung, mögliche Beweistatsachen und den Aspekt, ob der “Spiegel” entlastende Unsicherheiten ausreichend kenntlich gemacht hat.

5. Die freundliche Maske der Propaganda: Chinas Auslandsmedien auf Social Media
(cemas.io, Lea Frühwirth)
Lea Frühwirth beschreibt, wie chinesische Auslandsmedien im Auftrag der Kommunistischen Partei Chinas internationale Zielgruppen beeinflussen sollen. Statt unabhängiger Berichterstattung würden sie gezielte Imagepflege für China betreiben, Themen wie Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang oder Tibet verdrängen und das Land als modern, friedlich und kulturell attraktiv präsentieren. Untersucht wird zudem, wie diese staatlich kontrollierten Medien ihre Inhalte über Plattformen wie Facebook, Instagram und X auf Deutsch verbreiten.

6. Was uns die Geschichte des argentinischen Fernsehens über Staat, Marktmacht und Medien lehrt
(de.ejo-online.eu, Joaquín Sticotti)
Joaquín Sticotti zeigt am Beispiel des argentinischen Fernsehens, wie eng staatliche Kontrolle und kommerzielle Logik in autoritären Systemen zusammenwirken können. Während der Militärdiktatur sei das Fernsehen zugleich für Propaganda, Zensur und psychologische Beeinflussung genutzt worden, habe aber dennoch stark nach Marktlogik funktioniert: Einschaltquoten, Werbung und Unterhaltung seien zentral geblieben. Gerade Unterhaltungsformate hätten dazu beigetragen, gesellschaftliche Normalität vorzutäuschen.

7. Liveblog, Livestream, Newsticker: Wenn ein Buckelwal zur Endlosserie wird
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 4:24 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins kommentiert der “6-vor-9”-Kurator den Medienhype um den Buckelwal “Timmy”: “Wir können aus einer ökologischen Katastrophe erst dann eine Herzensangelegenheit machen, wenn sie sich wie Reality-TV erzählen lässt. Weil wir Mitgefühl offenbar nur dann hinkriegen, wenn das Elend einen Namen hat. Wenn wir ihm ins Auge schauen. Wenn es atmet und das am besten in Nahaufnahme.”

Klagen abgewiesen, “Wichtiges Stück Heimat”, Neues Betriebssystem KI

1. Öff­ent­lich-recht­li­cher Rund­funk ist aus­ge­wogen genug
(lto.de)
Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg habe Klagen gegen den Rundfunkbeitrag abgewiesen. Mehrere Kläger hätten argumentiert, der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichte zu einseitig, wodurch die Zahlungspflicht nicht gerechtfertigt sei. Das Gericht habe dafür jedoch keine ausreichenden Anhaltspunkte gesehen. Das Gesamtangebot von Fernsehen, Hörfunk und Mediatheken sei vielfältig und ausgewogen. Auch Vorwürfe der Geldverschwendung habe der VGH nicht gelten lassen. Eine Revision zum Bundesverwaltungsgericht sei nicht zugelassen worden.

2. BILD darf Bezieher von Sozialleistungen nicht als “Stütze-Schmarotzer” oder “Stütze-Schnorrer” beschimpfen
(prigge-recht.de)
Das Oberlandesgericht Köln habe entschieden, dass die Bezeichnung eines Mannes als “Stütze-Schmarotzer” und “Stütze-Schnorrer” in mehreren Onlineartikeln der “Bild”-Redaktion rechtswidrig sei, berichtet die den Betroffenen vertretende Kanzlei Prigge: “Die Kampagne der BILD ist in mehrfacher Hinsicht rechtswidrig. Sie verletzt Persönlichkeitsrechte in eklatanter Weise. Das Kalkül, dass der Betroffene sich schon nicht wehren wird, ist nicht aufgegangen.”

3. “Nicht Feind, sondern neues Betriebssystem unserer Branche”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Beim KI-Special der Medientage München sei deutlich geworden, wie stark Künstliche Intelligenz die Medienbranche bereits verändere. Helge Fuhst, ehemals ARD-aktuell, jetzt beim Springer-Verlag, habe KI nicht als Bedrohung, sondern als “neues Betriebssystem” des Journalismus bezeichnet und betont, dass man die Technologie nicht Propagandisten überlassen dürfe. An verschiedenen Beispielen wie Avatar-Moderationen und KI-gestützten Doku-Formaten sei gezeigt worden, welche neuen Möglichkeiten bereits genutzt würden.
Weiterer Lesetipp: Inhalte und Partnerschaften aus der KI-Ära (medientage.de, Petra Schwegler).

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4. Meta kündigt Outsourcing-Firma, die entlässt daraufhin 1000 Menschen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Nach Enthüllungen über problematische Datenauswertungen bei Metas Kamerabrille habe der Konzern die Zusammenarbeit mit dem Outsourcing-Unternehmen Sama beendet. Daraufhin hätten in Kenia mehr als 1.000 Beschäftigte ihre Arbeit verloren. Zuvor sei bekannt geworden, dass dort intime Aufnahmen von Nutzerinnen und Nutzern zur Datenbewertung gesichtet worden seien. Der Fall werfe erneut ein Schlaglicht auf schlechte Arbeitsbedingungen in der globalen KI- und Moderationsindustrie sowie auf die Datenschutzrisiken von Metas “Smart Glasses”.

5. BJV kritisiert Entlassungs-Welle bei Charivari München
(bjv.de)
Der Bayerische Journalisten-Verband (BJV) kritisiert die Entlassungen beim Münchner Radiosender “Charivari”: “Mit der Kündigung eines Großteils der Journalistinnen und Journalisten bei 95.5 Charivari München droht, dass von dem Privatsender-Urgestein nur noch eine Hülle übrigbleibt”, so Uschi Braun, Vorsitzende der BJV-Fachgruppe Rundfunk: “Die Kündigungen gerade beim Redaktions- und Newsteam kommen der Abschaffung eines lebendigen Lokalsenders gleich.”

6. Bundespräsident Steinmeier über Lokalzeitungen: “Ganz wichtiges Stück Heimat” – Tag des Lokaljournalismus
(presseportal.de)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier habe im Vorfeld des “Tags des Lokaljournalismus” Vertreterinnen und Vertreter von Lokalzeitungen im Schloss Bellevue empfangen und dabei die Bedeutung lokaler Medien für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt betont. Lokalzeitungen seien ein “wichtiges Stück Heimat” und eine tragende Säule der offenen Gesellschaft, so Steinmeier. Hinter dem Aktionstag am 5. Mai stehen Ippen-Media und 30 regionale Zeitungsverlage im deutschsprachigen Raum.

Die AfD und ihre (Nicht-)Pläne, Krise beim ORF, Kinder als Content

1. Chaos vorprogrammiert: Die AfD und ihre (Nicht-)Pläne zum ÖRR
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Timo Niemeier beschreibt, welche Folgen es hätte, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern nach den jeweiligen Landtagswahlen die Rundfunkstaatsverträge kündige. Besonders im Fall von Sachsen-Anhalt könnte das den MDR in eine schwere Krise stürzen und jahrelange juristische Auseinandersetzungen auslösen. Unklar wäre dann unter anderem, wie es mit dem Rundfunkbeitrag weitergehe. Aber nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen wären betroffen, sondern auch private Anbieter und Landesmedienanstalten.
Weiterer Lesetipp: Ingo Lierheimer, Teamleiter beim Bayerischen Rundfunk, schreibt über die “Reformpläne für [den] BR”: Die geplante Reform des Bayerischen Rundfunkgesetzes stoße auf deutliche Kritik. Die Staatsregierung wolle unter anderem eine feste Informationsquote von 60 Prozent im linearen BR-Fernsehen verankern und dem Sender “gesellschaftliche Gestaltungsziele” untersagen. Kritikerinnen und Kritiker aus Journalismus, Rundfunkrat und Kultur sähen darin einen möglichen Eingriff in die Programmautonomie und die Rundfunkfreiheit. Der Gesetzentwurf werde derzeit weiter beraten, Änderungen seien noch möglich. (br.de)

2. Lebenszeichen von vermisster deutscher Journalistin
(spiegel.de)
Im Fall der in Syrien verschwundenen deutschen Journalistin Eva Michelmann gebe es nach Angaben ihrer Familie erstmals ein Lebenszeichen. Demnach soll die 36-Jährige in einem Gefängnis in Aleppo in Isolationshaft sitzen, ebenso wie der mit ihr verschleppte kurdische Journalist Ahmet Polat. Die Familie fordere nun konsularischen Zugang, Besuche durch Hilfsorganisationen und stärkeren politischen Druck für Michelmanns Freilassung.

3. Journalisten schlagen Alarm
(taz.de, Florian Bayer)
Die Krise beim österreichischen ORF spitze sich weiter zu. Nach dem Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann wegen Vorwürfen sexueller Belästigung habe der ORF-Redaktionsausschuss nun vier Mitgliedern des Stiftungsrats das Misstrauen ausgesprochen. Kritisiert würden mangelnde Transparenz im Umgang mit dem Fall, ein mutmaßlich toxisches Arbeitsumfeld sowie mögliche Interessenkonflikte und politische Verflechtungen im Kontrollgremium. Im Zentrum der Kritik stünden vor allem die beiden Vorsitzenden.

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4. Joey Kelly geht unter die Schwurbler
(youtube.com, Mats Schönauer, Video: 24:04 Minuten)
Joey Kelly, unter anderem bekannt als Teil der “Kelly Family”, sei “unter die rechten Schwurbler gegangen”. Mats Schönauer hat sich die fiebertraumhafte fünftstündige Show angeschaut: “Joey Kelly (‘7 v. Wild’, ‘Most Wanted’) ist in einem Webinar des rechten Verschwörungstheoretikers und Goldhändlers Dominik Kettner aufgetreten. Was dabei alles passiert ist und wie das perfide Geschäftsmodell dahinter funktioniert, zeige ich euch in diesem Video.”
Transparenzhinweis: Mats Schönauer ist ehemaliger Leiter des BILDblog und Co-Autor des BILDblog-Buchs “Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet”.
Nachtrag: Joey Kelly hat ein Statement veröffentlicht, in dem er sich von seinem Gesprächspartner distanziert (“Die Gedankenwelt von Herrn Kettner teile ich in keiner Weise und lehne sie klar ab.”). Das Interview mit Kelly sei inzwischen auch vom YouTube-Kanal des Goldhändlers verschwunden, wie Mats Schönauer bei Bluesky berichtet.

5. Ein Schritt vorwärts – aber kein echter Paradigmenwechsel
(urheber.info, Sabine Richly)
Sabine Richly hält den französischen KI-Gesetzentwurf für einen Schritt in die richtige Richtung, aber nicht für eine echte Wende. Rechteinhaber hätten es damit etwas leichter, den Verdacht auf eine unzulässige KI-Nutzung vor Gericht zu bringen. Die KI-Anbieter müssten jedoch weiterhin nicht eindeutig beweisen, dass sie ein Werk nicht genutzt haben.

6. Kleinkinder als Content: Brauchen Familien-Influencer klarere Regeln?
(laeuft-programmschau.podigee.io, Alexander Matzkeit, Audio: 27:51 Minuten)
In der neuen Folge des Podcasts “Läuft” spricht Alexander Matzkeit mit Cornelia Holsten, der Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, über Familien-Influencer und den Umgang mit Kindern als Social-Media-Content. Ausgangspunkt ist eine neue Studie des Hans-Bredow-Instituts, die zeige, dass viele Influencer ihre Babys und Kleinkinder offen und teils in intimen Situationen präsentieren: “Was kann und sollte aus diesen Ergebnissen folgen? Welche Rolle könnten etwa das Jugendarbeitsschutzgesetz oder der Jugendmedienschutz spielen? Und wie wirksam sind Selbstverpflichtungen von Influencer:innen, Agenturen und Werbewirtschaft?”

Ungarn nach Orbán, “Schlampige Recherche”, Mediale Parallelwelt

1. Ungarn nach Orbán: Warum ein Regierungswechsel die Medien nicht automatisch befreit
(de.ejo-online.eu, Susanne Fengler)
Susanne Fengler analysiert, warum der Wahlsieg der Tisza-Partei in Ungarn die dortigen Medien nicht automatisch befreien werde. Zwar ende damit die lange Herrschaft Viktor Orbáns, doch die unter Fidesz geschaffenen Strukturen würden weiterwirken: regierungsnahe Medienkonzentration, politisch geprägte Aufsicht, ökonomischer Druck auf unabhängige Redaktionen und schwache Selbstregulierung. Fengler beschreibt das ungarische Mediensystem deshalb als formal plural, aber strukturell verzerrt.

2. Richter rügt “schlampige Recherche” bei Böhmermann
(t-online.de)
Im Rechtsstreit um eine Sendung des “ZDF Magazin Royale” über Arne Schönbohm habe das Oberlandesgericht München dem ZDF laut einem Bericht der “Welt” eine deutliche Niederlage signalisiert. Der Senat halte die Einschätzung der Vorinstanz offenbar für richtig, wonach die Sendung von Jan Böhmermann beim Publikum den Eindruck erweckt habe, Schönbohm habe Kontakte zu russischen Geheimdiensten gehabt. Das stelle eine schwere Verletzung des Persönlichkeitsrechts Schönbohms dar.

3. Die mediale Parallelwelt von “Timmy” und “Hope”
(dwdl.de, Simon Pycha)
Simon Pycha beschreibt am Beispiel des gestrandeten Wals an der Ostseeküste, wie sich auf Social Media eine mediale Parallelwelt zur klassischen Berichterstattung bilde. Auf TikTok und Instagram gebe es oft eine stärkere Emotionalisierung, verbunden mit alternativen Erzählungen. In diesen Echokammern würden sich Verschwörungstheorien, manipulierte Bilder, KI-Inhalte und falsche Spendenaufrufe verbreiten.

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4. Neues Mediengesetz für MV tritt in Kraft
(verdi.de, Volker Nünning)
In Mecklenburg-Vorpommern sei ein neues Mediengesetz in Kraft getreten, das die Förderung lokaler und regionaler Sender sowie privater Bürgermedien neu regele. Künftig könnten Lokal-TV-Anbieter über die Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern Landesmittel erhalten, um regionale Nachrichten- und Informationsangebote mit engem Ortsbezug zu sichern. Dafür stünden 2026 und 2027 jeweils insgesamt 300.000 Euro zur Verfügung.

5. Looksmaxxing – Macht dieser TikTok-Trend dein Kind zum Nazi?
(volksverpetzer.de, Lars Freudenberger)
Lars Freudenberger beschreibt das in den Sozialen Medien verbreitete “Looksmaxxing” als vermeintlichen Selbstoptimierungstrend für junge Männer, der von harmlos wirkenden Tipps schnell in extreme Körperkontrolle, pseudowissenschaftliche Schönheitsideale und gefährliche Praktiken kippen könne. Dabei gehe es nicht nur ums Aussehen, sondern um ein hierarchisches Weltbild, in dem Erfolg und sozialer Wert allein an Attraktivität geknüpft würden. In den einschlägigen Onlineforen würden zudem Frauenhass, Rassismus und rechtsextreme Denkmuster eine große Rolle spielen.

6. Wie überzeugend ist Journalismus auf der Bühne?
(deutschlandfunkkultur.de, Elena Philipp & Susanne Burkhardt, Audio: 59:51 Minuten)
“Journalistische Recherchen, als Theaterstück auf der Bühne präsentiert, machen seit einigen Jahren Furore. Entsteht damit ein neues Genre? Oder wird das Theater zu einer ‘Vertriebsstelle für journalistische Sendungen’ degradiert, wie die FAZ beklagt?” Darüber sprechen beim Deutschlandfunk Kultur Kay Voges, Intendant am Schauspiel Köln, und “FAZ”-Autor Simon Strauß, der dazu einen kritischen Kommentar geschrieben hatte (nur mit Abo lesbar).

KW 16/26: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Wochenendausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Wie Podcasts den Hauptstadt-Journalismus verändern
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann, Audio: 30:16 Minuten)
Podcasts würden den Hauptstadtjournalismus immer stärker prägen, ob bei Kanzlerinterviews, politischen Einordnungen oder Recherchen zu Parteifinanzen. Helene Bubrowski (frische “FAZ”-Herausgeberin), Dagmar Rosenfeld (Podcast “Machtwechsel”) und Katharina Hamberger (Deutschlandfunk) sprechen darüber, was Podcasts in der Berliner Politikberichterstattung verändern.

2. Wenn ein Prozess zur Schlagzeile wird – ein Medienjurist ordnet ein
(spotify.com, Michael Maske, Audio: 59:02 Minuten)
Im Podcast zum “Fall Block” begleiten Michael Maske und Christoph Pilz regelmäßig das Verfahren um die Unternehmerfamilie Block und die Entführung zweier Kinder. In dieser Folge spricht Maske mit dem Medienrechtsprofessor Tobias Gostomzyk über die Frage, wie Medien über ein laufendes Verfahren berichten dürfen, ohne zur Vorverurteilung beizutragen.
Weiterer Gucktipp zum Thema: In Jan Böhmermanns “ZDF Magazin Royale” geht es diesmal um “Die vielen Anwälte des Christian Ulmen”: “Die Unschuldsvermutung ist ein rechtsstaatlicher Grundsatz. Aber wieso steht sie immer sofort im Mittelpunkt der Debatte? Der Fall Ulmen zeigt vor allem eines: Wie Männer aufeinander aufpassen.”

3. Elon Musk, Peter Thiel & Trump: Die Allianz, die den Staat zerstört
(youtube.com, Martin Fehrensen, Video: 33:35 Minuten)
Martin Fehrensen vom “Social Media Watchblog” spricht mit dem “SZ”-Journalisten und Buchautor Jannis Brühl über die politische Macht großer Techunternehmer. Ausgangspunkt ist Brühls Buch über die “Tech-Oligarchen” sowie deren Nähe zu Donald Trump und der MAGA-Bewegung. Im Gespräch geht es um Figuren wie Elon Musk, Peter Thiel, Mark Zuckerberg und Sam Altman und um Disruption als politische Ideologie. Außerdem diskutieren beide darüber, wie sich Staaten und Medien, Nutzerinnen und Nutzer aus der Abhängigkeit von den großen Plattformen lösen könnten.

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4. Social Media: Was bringt ein Verbot für Kinder und Jugendliche?
(youtube.com, Julia von Buddenbrock & Hannah Krämer, Video: 20:39 Minuten)
Im NDR-Medienmagazin “Zapp” geht es um das mögliche Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Expertinnen und Experten verweisen darauf, dass Altersgrenzen technisch und rechtlich schwer umzusetzen seien und Alterskontrollen neue Probleme aufwerfen könnten. Entscheidend seien deshalb vor allem Medienbildung, Begleitung durch Eltern und Schulen sowie strengere Vorgaben für die Plattformen selbst. Schutz im Netz entstehe nicht allein durch Aussperren, sondern durch einen kompetenten Umgang mit digitalen Risiken.

5. Traumjob Journalismus: Zwischen Idealismus und Realität
(youtube.com, Tanjev Schultz & Markus Wolsiffer, Video: 50:02 Minuten)
In der Podcastreihe “Die Medienversteher” sprechen Markus Wolsiffer und Tanjev Schultz über den Beruf Journalismus und den Einstieg in die Branche. Es geht um die Fragen, warum Menschen Journalistinnen und Journalisten werden wollen, welche Fähigkeiten dafür wichtig sind, ob es den typischen Berufsweg überhaupt gibt und welche Rollen Studium, Praktika, Volontariat und Journalistenschulen spielen. Wolsiffer und Schultz sprechen auch über prekäre Bedingungen, Unsicherheiten und Belastungen im Beruf und erörtern, warum sich der Weg trotz aller Probleme weiterhin lohnen kann.

6. “El Hotzo” aka Sebastian Hotz: Satire, Weltpolitik und das Pferd mit den Raketenschuhen
(spotify.com, Peter Greve, Audio: 48:48 Minuten)
In der “Lektion meines Lebens” unterhält sich Host Peter Greve mit Sebastian “El Hotzo” Hotz: “Wir reden über folgenreiche Punchlines, über Moral und Überzeugungen und warum es manchmal schwer ist, dem eigenen öffentlichen Bild zu entsprechen. Ein Pferd mit Raketenschuhen kommt ebenfalls vor. Ein fränkischer Grillabend auch.”

Machen Abgeordnete Geld mit Social Media?, Wayback Machine, ORF-Krise

1. Machen Abgeordnete ihre Social Media Aktivitäten zu Geld?
(abgeordnetenwatch.de, Tania Röttger)
Eine Recherche von “Abgeordnetenwatch” geht der Frage nach, ob Bundestagsabgeordnete ihre Social-Media-Aktivitäten zu Geld machen. Anlass ist unter anderem der Fall des AfD-Abgeordneten Stephan Brandner, der laut “Redaktionsnetzwerk Deutschland” (nur mit Abo lesbar) seit 2024 rund 15.000 Euro mit Werbung auf YouTube eingenommen haben soll, ohne dass diese Zahlungen bislang in seinen veröffentlichten Nebeneinkünften aufgetaucht seien.

2. Despentes, Beigbeder und Bernard-Henri Lévy verlassen Verlag aus Protest gegen Rechtsaußen-Investor
(spiegel.de)
In Frankreich hätten 115 Autorinnen und Autoren angekündigt, den Grasset-Verlag, einen der bedeutendsten Literaturverlage des Landes, aus Protest gegen den Einfluss des rechtskonservativen Investors Vincent Bolloré zu verlassen. Auslöser sei die Entlassung des langjährigen Verlagschefs Olivier Nora, hinter der die Unterzeichner Bollorés Einfluss vermuten. Sie sprächen von einem Angriff auf die verlegerische Unabhängigkeit.

3. Würde eine Klage wie in den USA auch in Deut­sch­land funk­tio­nieren?
(lto.de, Carl Christian Müller)
Carl Christian Müller spielt durch, ob eine Klage gegen süchtig machendes Social-Media-Design wie in den USA auch in Deutschland Erfolg haben könnte. Sein Fazit: Ganz ausgeschlossen sei das nicht, aber die Hürden lägen hier deutlich höher und die möglichen Schmerzensgelder viel niedriger. Anders als in den USA fehle es im deutschen Recht an weitreichenden Offenlegungspflichten. Zudem müsse die Kausalität zwischen Plattformdesign und psychischen Schäden sehr genau bewiesen werden.

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4. KI und Geschichte
(taz.de, Johannes Drosdowski)
Einige Medienhäuser würden das Internet Archive und dessen Wayback Machine aus Angst vor KI-Nutzung aussperren. Die Wayback Machine archiviere seit 1996 Websites und sei wichtig, auch um gelöschte Inhalte nachvollziehbar zu machen. Gerade in Zeiten politisch motivierter Löschungen diene sie dem Erhalt öffentlicher Wahrheit und journalistischer Recherche. Mehr als 100 Journalistinnen und Journalisten hätten deshalb die Bedeutung des Archivs für das journalistische Erbe hervorgehoben.

5. Krise und kein Ende: Der ORF steht vor einem Scherbenhaufen
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der österreichische ORF stecke nach dem überraschenden Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann in einer tiefen Krise. Weißmann bestreite die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sexueller Belästigung und wolle juristisch gegen seine Kündigung vorgehen. Zugleich wachse der Druck auf die Spitze des Stiftungsrats: Der Redaktionsausschuss des öffentlich-rechtlichen Senders habe mehreren Mitgliedern das Misstrauen ausgesprochen. Die Affäre verschärfe damit auch die Debatte über die seit Jahren geforderte Entpolitisierung der ORF-Aufsichtsgremien.

6. Die besten Comics des Quartals: Alison Bechdels USA-Satire “Kaputt” führt Kritikerauswahl an
(tagesspiegel.de, Lars von Törne)
Lars von Törne stellt die aktuelle Auswahl der besten Comic-Neuerscheinungen des Quartals vor, die von 30 deutschsprachigen Kritikerinnen und Kritikern zusammengestellt wurde. Der Beitrag gibt einen Überblick über die zehn favorisierten Titel und ordnet sie kurz ein. Vertreten sind sehr unterschiedliche Formen und Themen, von Graphic Novels und Sachcomics über Manga bis hin zu Klassikern und Kindercomics.

Wahrheit in Gefahr, Polizeiliche Kriminalstatistik, Sampling geht klar

1. Wenn der Begriff Wahrheit zerstört wird
(taz.de, Patrick Gensing)
Patrick Gensing warnt in seinem Essay, “Fake News” könnten im öffentlichen Diskurs gegenüber überprüfbaren Fakten zunehmend die Oberhand gewinnen. Er argumentiert, dass Desinformation längst kein Randproblem mehr sei, sondern ein strukturelles Merkmal digitaler Öffentlichkeit. Plattformen würden Empörung, Tempo und Zuspitzung belohnen. Nötig seien nicht nur Korrekturen einzelner Falschmeldungen, sondern ein politischer und publizistischer Angriff auf die Macht der Plattformen.

2. Was die Polizeiliche Kriminalstatistik aussagt – und was nicht
(correctiv.org, Sara Pichireddu)
Sara Pichireddu erklärt, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nur begrenzt aussage, wie sich Kriminalität in Deutschland tatsächlich entwickele. Die Statistik erfasse polizeilich registrierte Fälle und Tatverdächtige, nicht aber gerichtliche Schuldfeststellungen. Viele Deutungen seien deshalb irreführend. So lasse die Statistik keine belastbaren Aussagen darüber zu, ob etwa mehr Menschen kriminell würden, oder ob Migranten krimineller seien.

3. Sampling geht klar
(netzpolitik.org, Denis Glismann)
Der Europäische Gerichtshof habe im Fall “Metall auf Metall” das Recht auf Sampling und Remix gestärkt. Demnach könne die Übernahme geschützter Werkteile als erlaubtes Pastiche gelten. Eine bloße Nachahmung ohne eine künstlerische Auseinandersetzung reiche jedoch nicht aus. Damit gehe der seit 27 Jahren geführte Streit zwischen der Band Kraftwerk und dem Musikproduzenten Moses Pelham in die letzte Runde. Nun müsse der Bundesgerichtshof entscheiden, ob das Sample in Sabrina Setlurs Song “Nur mir” diese Voraussetzungen erfüllt.

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4. Fünf Fakten zu Fracking (die Medien immer wieder falsch darstellen)
(kobuk.at, Andrea Gutschi)
Andrea Gutschi widerspricht mehreren verbreiteten Darstellungen von Fracking in österreichischen Medien. Demnach seien Aussagen über eine mögliche Gasversorgung für 30 Jahre auf veraltete Schätzungen gestützt und heute wissenschaftlich nicht haltbar. Auch ein angeblich ökologisch unbedenkliches Frackingverfahren beseitige nicht die Risiken wie etwa die Methanemissionen, den hohen Wasserverbrauch und belastetes Lagerstättenwasser.

5. “Einen Politiker zu Fall zu bringen sehe ich nicht als unsere Aufgabe”
(dfjv.de, Gunter Becker)
Im Interview beschreibt Bernhard Pötter das Newsletter-Medienhaus “Table.Media” als Modell für vertieften Fachjournalismus. Beim “Climate.Table” etwa arbeite ein größeres Team deutlich spezialisierter und enger mit anderen Fachredaktionen zusammen als in klassischen Redaktionen. Ziel sei “Deep Journalism” für Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und NGOs.

6. Austria First: Der rechte Dudelfunk
(verdi.de, Till Schmidt)
Till Schmidt beschreibt den österreichischen Radiosender “Austria First” als Teil einer gezielten Medienstrategie der FPÖ. Der Webradiosender verbreite parteinahe Inhalte in einem freundlichen, journalistisch wirkenden Format. Beobachter sähen darin den Ausbau einer medialen Parallelwelt. Anders als in weiteren FPÖ-Medien trete die Parteipropaganda hier jedoch weniger schrill auf, sie werde stattdessen mit Popmusik und Unterhaltung verbunden.

7. Überall “Entlastung”: Wenn ein Regierungswort zur Nachricht wird
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 3:47 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins beschäftigt sich der “6-vor-9”-Kurator mit dem Wort “Entlastung”, einer Regierungsvokabel, die oft von Medien übernommen werde: “‘Entlasten’ spart den Konjunktiv, es spart die Einschränkung, das Möglicherweise. Es klingt nach einer fertigen Nachricht. Und genau das macht es so verführerisch.”

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BILDblog-Klassiker

neu  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete “Bild”:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat “Bild” im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin “Annelise Krauß” ein “e” vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in “Bild”. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‘Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche’, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.”

Und das sei nun wirklich “Quatsch”, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von “Bild” zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: “Das wäre ja auch idiotisch,” sagt Krauß, “denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!” Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut “Bild” ja “aus Katzen Benzin machen” kann):

“Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.”

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu “Bild” gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn “der Herr Helfricht”, also einer der Autoren des “Bild”-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in “Bild” stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass “Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)”, wie es in “Bild” heißt, “aus Katzen Benzin machen” könne: Denn dass die “Benzin”-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige “Bild”-Text selbst, weil darin nur von “Bio-Diesel” oder “Diesel” die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die “Welt” im Januar 2005, die “Pirmasenser Zeitung” im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

“Bild” indes nennt Kochs Erfindung einen “Spezialreaktor” und schreibt Sätze wie diesen:

“Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.”

Und fragt man einfach mal nach bei dem “Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann” (“Bild”), antwortet Christian Koch, der “Bild”-Bericht habe “nichts mit der Wahrheit zu tun” und sei “zudem grenzenlos dumm”. Koch weiter:

“Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.”

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
“Bild” hat die Sache mit der “Katzen-Kraft” heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch “theoretisch auch aus Katzen” Bio-Diesel herstellen “könnte”, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von “Bild” aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen “Bild”-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz (“Die Diskussion ist überflüssig”) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es “Bild” offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen “Benzin” (Überschrift) und “Diesel” (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.