Suchergebnisse für ‘youtube’

Verstörung, Pornoaktricen und Fair-Trade-Koks

1. «Man muss auch mal Quatsch machen»
(sonntagszeitung.ch, Barnaby Skinner)
Sascha Lobo sieht den professionellen Journalismus vor großen Herausforderungen „verstört“ und „interessenverseucht“ und fordert, dass Journalisten „heute auf neue Weise mit neuen Instrumenten arbeiten und für ein neues Publikum auf neue Ziele hinarbeiten“ müssten.

2. „Wikipedia ist eine sexistische Männerwelt“
(welt.de, Hannes Stein)
Hannes Stein beobachtet, dass man in der Wikipedia viel über Pornodarstellerinnen erfährt, aber wenig über Dichterinnen. Einen Grund dafür, dass wir „mehr über Pornoaktricen als über die große Dichterin Helga M. Novak“ erfahren sieht Hannes Stein darin, dass die Wikipedia eine „Männerdomaine“ sei. Bettina Hammer widerspricht auf Telepolis und wirft Hannes Stein „Clickbait“, wenig überzeugende Argumente und Sexismus vor.

3. „… sonst bring ich dich um!“
(bzw-weiterdenken.de, Brigitte Leyh)
Brigitte Leyh weist auf eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hin, laut der „Gewalt und Gewaltdrohung im Kontext etwa jeder zehnten Trennung und Scheidung“ auftritt. Von den 313 Frauen, die in 2011 einem Mord oder Totschlag zum Opfer gefallen seien, sei bei fast jeder zweiten, nämlich 154, der mutmaßliche Täter ihr Ehemann bzw. Freund oder Lebenspartner. Das alles fände weitgehend ohne ein öffentliches Problembewusstsein statt. Laut der Studie des Familienministeriums sei Gewalt gegen Frauen auch kein Unterschichtenphänomen, häusliche Gewalt „findet tatsächlich – weitgehend unbemerkt – in der Mitte der Gesellschaft statt.“

4. „Silicon Valley versucht Journalismus“
(zeit.de, Patrick Beuth und Johannes Wendt)
Patrick Beuth und Johannes Wendt über den Versuch von Apple, Facebook, Twitter und Google Nachrichtenangebote zu entwickeln und mit etablierte Medien zu kooperienen:

Die Technikunternehmen versuchen […] Nutzer innerhalb ihrer jeweiligen Ökosysteme zu halten. Sie wollen die Verweildauer und Aktivität innerhalb ihrer Angebote erhöhen, und damit auch die Markenverbundenheit und Werbeeinnahmen. Das alles geschieht zu einer Zeit, in der es mehr Konkurrenz, mehr Nischenangebote und damit gewissermaßen mehr Fliehkräfte gibt als je zuvor.

5. „Hört erst mal auf zu koksen!“
(tagesspiegel.de, Fabian Federl)
Fabian Federl weist darauf hin, dass es weder Fair-Trade-Koks, noch pazifistisches Koks gebe:

Drogen zu kritisieren, wird in Berlin gern als spießig oder lustfeindlich wahrgenommen. Deshalb noch mal deutlich: Mir ist es egal, wer was wann nimmt. Ich halte es nur für unerträglich verlogen, wenn mir jemand moralisch überlegen daherkommt, während in seinen Schleimhäuten Blut von ermordeten Mexikanern klebt.

6. “Read Jon Stewart’s blistering monologue about race, terrorism and gun violence after Charleston church massacre”
(washingtonpost.com, Emily Yahr, englisch)
Abschrift des Eröffnungsmonologs von Jon Stewart in der Daily Show vom 18. Juni 2015.

Krautreporter, Ghostwriter, Wikipedia

1. “Wikipedia und der Sexismus – ein Vorwurf, wenig Argumente”
(heise.de/tp, Bettina Hammer)
Bettina Hammer setzt sich kritisch mit dem Artikel “Wikipedia ist eine sexistische Männerwelt” (welt.de, Hannes Stein) auseinander: “Eine flauschige Wohlfühlatmosphäre mit stetem Schulterklopfen ist illusorisch und die Logik, dass Frauen insbesondere durch das Fehlen dieser Atmosphäre vom Schreiben abgehalten werden, degradiert die Frauen zu Hascherln, die erst einmal an die Hand genommen und mit sanftem Lächeln zur Mitarbeit verleitet sowie stetig betreut werden müssen, anstatt sie als selbstbewusste und starke Frauen anzusehen, die selbst einen Schritt wagen und auch bereit sind, mit Kritik und Zurückweisungen umzugehen.”

2. “Krautreporter: In der Ernüchterungs-Zelle”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Nach neun Monaten Krautreporter zieht Christian Jakubetz eine Bilanz: “Das Projekt tut niemandem weh, es sorgt nicht für Debatten, es setzt keine Akzente. Weder formal noch inhaltlich.”

3. “Der Iran verurteilt Atena Faraghdani wegen Karikaturen zu 12,5 Jahren Gefängnis”
(globalvoicesonline.org)
Atena Faraghdani wird von einem Revolutionsgericht in Iran zu 12,5 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie auf Facebook Karikaturen veröffentlicht hatte: “Die Anklagen gegen die Aktivistin sind ‘Versammlung und geheime Absprache gegen die nationale Sicherheit,’ ‘Regierungspropaganda,’ und ‘Beleidigung des Obersten Führers, des Präsidenten, Parlamentsmitgliedern und der IRGC [Revolutionsgarden]-Aufseher [die sie befragt hatten].'”

4. “Video-Interviews mit Adobe Morph Cuts fälschen – Der Videobeweis”
(michaelnetsch.de, Video, 2:10 Minuten)
Michael Netsch führt vor, wie Videoschnitte mit neuer Technik noch leichter kaschiert werden können.

5. “Ich bin Ghostwriter und nicht gerade stolz darauf”
(zeit.de, Wolfgang Klinghammer)
“Bachelorarbeiten und auch Dissertationen werden nicht geschrieben, um gelesen zu werden, sondern um die zugehörigen Titel zu erwerben”, schreibt Wolfgang Klinghammer, der Ghostwriter solche Arbeiten erarbeitet: “Ich persönlich würde lieber tatsächliche Wissenschaft als Ghostwriting betreiben, sehe aber derzeit keine Möglichkeit, dies mit ähnlich guten Arbeitsbedingungen und Honoraren umzusetzen – vor allem, weil der offizielle Weg in der Regel eine mehrjährige Leibeigenschaft bei einem Professor voraussetzt, auf die ich mich nicht eingelassen habe – auch nicht für einen Doktortitel. Ich hatte und habe kein Interesse daran, mich in die universitären Strukturen, ideologischen Vorgaben sowie in die zugehörige Beamtenmentalität einzufügen.”

6. “Everything Wrong With Fifty Shades Of Grey In 18 Minutes Or Less”
(youtube.com, Video, 20:16 Minuten)

Aus dem lustigen Leben eines “Bild”-Sportreporters

Jürgen Klopp, der ehemalige Trainer von Borussia Dortmund, hat sich in seiner Zeit beim BVB bekanntermaßen gerne mal aufgeregt, mitunter auch über Journalisten. Die Mitarbeiter der “Bild”-Zeitung hatten es ihm dabei immer ganz besonders angetan.

Nach einem Spiel etwa, in dem BVB-Stürmer Marco Reus den Linienrichter umgehauen hatte, kam es, wie “Bild” später nicht ohne Stolz berichtete, zu folgender Szene:

Ich [der “Bild”-Reporter] frage Klopp: „Haben Sie sich kurz Gedanken um den Linienrichter gemacht, als Marco Reus ihn abgeräumt hat?“

Klopp schäumt.

Er weiß, für wen ich arbeite, fragt aber süffisant: „Von was für einer Zeitung sind Sie?“

Ich: „BILD.“

Klopp: „Neeee… So viel Fußball heute, und dann müsst ihr so eine Kack-Geschichte machen. Boah ist das ein Drecksleben, das tut mir wirklich leid!“

Das wollte der “Bild”-Reporter nicht auf sich sitzen lassen.

Drecksleben als BILD-Reporter?

Das ist beleidigend und falsch

Und wie! Denn in Wahrheit ist das Leben als “Bild”-Reporter vor allem eins: megafunny! Besonders dann, wenn man mit Jürgen Klopp zu tun hat.

Fragen Sie mal Jörg Weiler. Der ist auch “Bild”-Reporter — ebenfalls zuständig für den BVB — und hat anlässlich des Abschieds des Dortmunder Trainers neulich „von seinen lustigsten Momenten in sieben Jahren mit Jürgen Klopp“ erzählt.

Zum Beispiel das hier:

Bei einem Testspiel in Emmendingen war es, wo er [Klopp] mir vorher gesagt hat: „Du musst mir einen Gefallen tun: Geh nicht zu meiner Mutter! Die kommt heute mal ins Stadion, um mal zuzugucken, und du wirst nicht zu meiner Mutter gehen!“

Das war ein langweiliges Testspiel, es hat geregnet in Strömen, und dann hatte ich natürlich irgendwann doch die Idee, zumindest aus Neugier mal zu gucken, wie die Mutter aussieht.

Natürlich.

Bin zu der Mutter hingegangen, hab mich nur kurz vorgestellt, ‘n Smalltalk mit ihr gehalten, und bin wieder abgehauen. Und ich schätze mal, das waren 80 bis 90 Meter Entfernung, die der Klopp da irgendwie gucken musste, um das überhaupt mitzubekommen.

Auf der anschließenden Pressekonferenz dann:

Und plötzlich merke ich, wie mir einer vor’s Scheinbein tritt. (…) Dann kommt der zweite Tritt, mitten vor’s Schienbein, und ein dritter Tritt, und ich hatte gute Schmerzen. Irgendwann sehe ich: Es war der Klopp. Ich sag’ zu ihm: „Hömma, was soll der Kack denn? Was machst du denn da?“ Und darauf entgegnete er mir nur: „Hömma, ich hab’ genau gesehen, dass du bei meiner Mutter warst, das hatte ich dir doch extra gesagt, dass Du da nicht hingehen sollst.“

(grinst)

Hihi, ja, ganz schön ulkig, dieses Dasein als “Bild”-Mensch. Mütter behelligen, die man nicht behelligen soll — oder Gespräche belauschen, die man nicht belauschen soll:

Ich kann mich noch erinnern, es war sehr, sehr warm, knalleheiß (…), und das Fenster war eben offen. Und wir standen da, weil der Ordner vergessen hatte, uns wegzuschicken, und ich konnte mal live eine Mannschaftssitzung von Borussia Dortmund miterleben und habe gehört, wie’s da eben zuging. Kloppo wurde schon sehr, sehr deutlich (…). Dann hab ich nach dieser Sitzung allerdings einen Kardinalfehler gemacht: Habe ihn auf die Sitzung angesprochen, worauf der Mann dann fast einen Blutstau bekommen hat vor Wut, dass wir eben da vor dem Fenster gestanden haben und alles mithören konnten. Muss ich heute noch im Nachhinein Sorry an Willi sagen, den Ordner, weil der hat da richtig einen zwischen die Hörner bekommen. Tut mir leid, Willi, das war mein Fehler, aber es war trotzdem ein unvergessenes Erlebnis.

Der Off-Sprecher fasst zusammen:

Kein Zuckerschlecken, sich als Journalist mit Jürgen Klopp anzulegen.

Und erst recht keins, so jemanden wie Jörg Weiler am Bein zu haben.

Mit Dank an Hannes.

Alan Rusbridger, Günther Jauch, Simbabwe

1. “Nummer 10 oder 11 geht”
(freitag.de, Alan Rusbridger)
Alan Rusbridger schaut auf 20 Jahre als Herausgeber des “Guardian” zurück: “Die Entscheidung der Familie Scott, alle finanziellen Interessen an der Zeitung aufzugeben, dürfte zu den historischen Großtaten in Sachen gesellschaftlich ausgerichteter Philanthropie zählen. Auf diese Weise schufen sie eine Eigentümerstruktur, die nur zwei Zwecken dient: die Zukunft des Guardian zu sichern und in jeder Lage, um jeden Preis und gegen alle Widrigkeiten die Unabhängigkeit der Zeitung zu wahren. Natürlich bleibt die Zukunftssicherung eine ständige Aufgabe, aber Rücklagen in Höhe von rund einer Milliarde Pfund sind dafür zumindest eine starke Basis.”

2. “Beflügelt durchs Internet”
(journafrica.de, Malvern Mkudu)
Malvern Mkudu stellt “Zambezi News” vor, eine Comedyshow aus Simbabwe: “Zambezi News parodiert die propagandistische und dilettantische Berichterstattung der staatlich kontrollierten simbabwischen Rundfunkgesellschaft. (…) Mit ihrem Fokus auf tagtägliche Probleme, fand die Show Anklang bei vielen Simbabwern im In- und Ausland. Die Sendung macht sich über die Regierung lustig und richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Unterdrückung durch den Staat.”

3. “‘Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?'”
(zeit.de, Annika von Taube)
Wie “Zeit”-Kommentatoren auf Eingriffe der Moderation reagieren.

4. “Fallstricke – wie Sibel Arslan zu Fall gebracht wurde”
(srf.ch, Audio, 55:43 Minuten)
Christoph Keller setzt sich ausführlich mit der Nicht-Beförderung von Sibel Arslan auseinander: “Als sie zu ihrem ersten grossen Karriereschritt ansetzt, schaltet sich die lokale Zeitung ein, die ‘Basler Zeitung’, mit Erfolg: Sibel Arslan kriegt ihre bereits zugesagte Stelle nicht. Ein Lehrstück über die Macht der Medien.”

5. “Ausreden lassen”
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Claudia Tieschky empfiehlt der ARD, die Einstellung von “Günther Jauch” “zum harmonischen Abbau des Talk-Überschusses” zu nutzen. “Ähnlich wie im Fall des Entertainers Thomas Gottschalk war die ARD bereit, für eine Verheißung sehr viel Geld auszugeben, die sie offenbar selbst nicht produzieren kann. Sie wollte eine am Privatfernsehen orientierte, quotenträchtige Unterhaltsamkeit paaren mit der untadeligen öffentlich-rechtlichen Glaubwürdigkeit.” Siehe dazu auch “Ihr werdet ihn noch vermissen!” (taz.de, Heiko Werning).

6. “Jauch hört auf! Jetzt spricht der beliebte Moderator selbst!”
(ahoipolloi.blogger.de)

dpa  etc.

Die antirussische Ente vom verbotenen Oktoberfest

Diese bekloppten Russen mal wieder!

Es hätte so schön sein können: Oktoberfest in Moskau. Aber nein, die Verwaltung der russischen Hauptstadt verwehrt einheimischen Bierfans die große Sause und verbietet die Gaudi einfach.

So schrieb es die “taz” vor zwei Wochen. Aber das war noch lange nicht die ganze Geschichte. Bei der dpa (die die Story in Deutschland verbreitete) war nämlich zu lesen:

Moskauer Stadtverwaltung nennt Oktoberfest “antirussisch”

Moskau (dpa) – Die Verwaltung der russischen Hauptstadt Moskau hat einer ausschweifenden Bierparty nach dem Vorbild des Oktoberfestes in München eine Absage erteilt. Eine solche Veranstaltung mit großen Zelten, Trachtenkleidung und Gerstensaft vom Fass sei «antirussisch», sagte Behördensprecher Alexej Nemerjuk der Agentur Interfax.

Was in etwa so ausgesehen haben dürfte:

Gut, ob Nemerjuk auch eine Augenklappe trägt, ist nicht überliefert, aber bei diesen Irren weiß man ja nie.

Jedenfalls schreibt die dpa weiter:

“Für die Deutschen ist das Oktoberfest eine historische Realität, aber in Russland gibt es eine solche Tradition nicht.” Nemerjuks Aussagen stehen im Widerspruch zum allgemeinen Trend in Russland. Bier wird in der Heimat des Wodkas seit Jahren immer beliebter. Der Gesundheitsbehörde zufolge stieg der jährliche Pro-Kopf-Konsum seit dem Jahr 2000 von 36 Liter auf mehr als 70 Liter.

Auch das noch. Das Volk will Bier, aber Moskau verwehrt es ihm. Russenpolitik. Typisch.

Ein klassischer Russland-Aufreger also mal wieder, und weil die Geschichte von der dpa kam, deren Meldungen von vielen Medien direkt übernommen werden, landete sie unter anderem in den Newstickern von Bild.de, “Focus Online”, FAZ.net, “Zeit Online”, Stern.de, N24, News.de, “Shortnews”, T-Online, auf den Seiten der “Siegener Zeitung”, des “Handelsblatts”, der “Schweriner Volkszeitung”, des “Kölner Stadt-Anzeigers”, der “Mittelbayerischen”, der “Kölnischen Rundschau”, der “Emder Zeitung”, des “Trierischen Volksfreunds”, der “Mitteldeutschen Zeitung”, der “Augsburger Allgemeinen”, der “Stuttgarter Nachrichten”, der “Berliner Morgenpost”, der “Welt”, der “Passauer Neuen Presse”, der “Westdeutschen Zeitung”, der “Abendzeitung”, der “Süddeutschen Zeitung”, der “Frankfurter Neuen Presse”, des “Berliner Kuriers”, der “Neuen Osnabrücker Zeitung”, der “Freien Presse”, der “Dattelner Morgenpost”, der “Frankfurter Rundschau”, der “Lübecker Nachrichten”, der “Stuttgarter Zeitung”, der “Ruhr Nachrichten”, der “Saarbrücker Zeitung”, des “Express”, der “Südwestpresse”, des “Greenpeace Magazins”, der “Münsterlandzeitung”, des “Merkur”, der “Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen”, des “Nordkuriers”, des “General Anzeigers”, des “Berchtesgadener Anzeigers”, der “Neuen Presse”, der “Schwäbischen”, der “Berliner Zeitung” und vielen mehr:




Die Geschichte wurde auch gedruckt, unter anderem in der “Süddeutschen”, der “Berliner Morgenpost” und der “Welt” (Ausriss):

Und nun der große Haken.

Schaut man sich (mit entsprechenden Russischkenntnissen) die Originalmeldung der Agentur Interfax an, wird klar: Das Wort „antirussisch“ kommt dort überhaupt nicht vor. Auch sonst liest sich die Originalmeldung viel harm- und belangloser als das, was die dpa daraus gemacht hat.

Übersetzt lautet die Interfax-Meldung:

In Moskau ist eine Veranstaltung im Sinne des Oktoberfestes nicht geplant, teilte der Leiter der Moskauer Abteilung für Handel und Dienstleistungen, Alexei Nemerjuk, am Mittwoch mit.

“Sicher ist: Es gibt keine Pläne für ein Bierfestival”, betonte Nemerjuk. Das Oktoberfest sei eine “historische Gegebenheit” für die Deutschen. In Russland gebe es solch eine Tradition nicht. “Es gab keine Anfrage von Seiten der Eventplaner Bierhersteller [korrigiert am 30.5.], und eine Tradition gibt es auch nicht”, so der Beamte.

Laut seiner Aussage startet im Sommer jedoch das Festival “Moskauer Konfitüre”, das bereits vergangenes Jahr durchgeführt wurde. Im Herbst erwarte die Bevölkerung das Festival “Goldener Herbst” und Ende des Jahres die traditionelle Veranstaltung “die Reise zum Christfest”.

Von Verboten ist da keine Rede, von “antirussisch” erst recht nicht. Der Beamte sagt bloß, dass kein Oktoberfest geplant sei und es für ein solches Fest keine Tradition in Russland gebe.

Wir haben sicherheitshalber auch noch bei Interfax nachgefragt. Hätte ja sein können, dass es eine weitere Meldung gab, in der tatsächlich das Wort „antirussisch“ auftaucht. Aber: Fehlanzeige.

Kurzum: “Antirussisch” ist an dieser Geschichte allein die Tatsache, dass deutsche Journalisten einem Moskauer Beamten Worte in den Mund legen, die die russische Politik schlecht(er) dastehen lassen, die er in Wahrheit aber nie gesagt hat.

Selbst wenn es keine böse Absicht war, sondern nur die Schludrigkeit des übersetzenden Journalisten — bei Lesern, die die Originalmeldung gelesen haben, kommt es so an, als wollten die deutschen Medien Russland bewusst schaden:

Und man kann ihnen diese Interpretation (zumindest in diesem Fall) nicht mal übelnehmen.

So untergraben die Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und stellen sich — sei es nun mit Absicht oder aus schierer Doofheit — selbst in die russlandfeindliche Ecke. Und das Traurigste ist: Sie merken es nicht mal. Oder sie wollen es nicht merken. Der Leser-Kommentar (Screenshot) ist inzwischen über zwei Wochen alt, seither haben auch einige andere Leser auf den Fehler hingewiesen. Trotzdem steht die Quatschgeschichte bei allen Medien, die wir oben aufgelistet haben, auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an Ben, Katha K. und Mascha B.!

BeHaind, Griechenland, Daniel Steil

1. “Schluss damit!”
(youtube.com, Video, 7:46 Minuten)
Nutzer BeHaind ist genervt vom Quotendruck bei YouTube. Er will zukünftig weniger boulevardeske Inhalte erstellen: “Dieses YouTube-Deutschland, was sich da gerade aufbaut, von dem möchte ich kein Teil mehr sein. (…) Ich möchte nicht mehr ‘masturbieren’ in den Titel schreiben müssen, damit ihr klickt. Denn wenn ihr nur deswegen klickt, dann klickt ihr bei mir aus den falschen Gründen.”

2. “Jung, cool, lustig sein”
(dirkvongehlen.de)
Stefan Raab befasst sich in “TV Total” auf ProSieben (tvtotal.prosieben.de, Video, 5:47 Minuten) mit der Nachrichtensendung Heute+.

3. “Eine Frage des Zeitpunkts”
(taz.de, Ferry Batzoglou)
Der stellvertretender Finanzminister der griechischen Regierung, Dimitris Mardas, klagt gegen “Bild”, und zwar “wegen Beleidigung seiner Persönlichkeit, verleumderischen Diffamierung und Beschimpfung auf ‘die Wiederherstellung der Wahrheit, seiner Ehre und seines Ansehens'”.

4. “So funktioniert Rufmordmaschine gegen Varoufakis”
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Urs P. Gasche geht Medienberichten nach, die vermeldet hatten, dass der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis von ungenannten Quellen als “Spieler”, “Amateur” und “Zeitverschwender” bezeichnet wurde. “Varoufakis italienischer Minister-Kollege Pier Carlo Padoan hat in der Folge öffentlich dementiert, dass es diese Beleidigungen bei dem Treffen gegeben habe. Dieses Dementi hinterliess aber in den Medien keine grösseren Spuren. Daraus muss man schliessen, dass in den europäischen Medien von anonymen Quellen verbreitete Beleidigungen, zudem ohne mit Namen identifizierte Beleidiger, mehr zählen als der abweichende Bericht des italienischen Finanzministers, der sich mit Namen zitieren lässt.”

5. “‘Relevant ist, was die Masse der Menschen interessiert'”
(meedia.de, Georg Altrogge)
Daniel Steil räumt ein, dass “Focus Online” mit “einigen Berichten” zur “Verwirrung über den Gesundheitszustand” von Michael Schumacher beigetragen hat. “Journalisten erklären häufig, was sie selbst für relevant erachten. Ob das immer mit dem Relevanzgedanken der meisten User übereinstimmt, bezweifle ich stark – unsere Userlab-Befragungen zeigen andere Ergebnisse. Grundsätzlich halte ich eher das für relevant, was die Masse der Menschen interessiert.” Siehe dazu auch “Sie haben bisher immer das falsche Online-Angebot gelesen!” (stefan-niggemeier.de).

6. “Schreiben: Zehn Tipps”
(tomhillenbrand.de)

Bunte, Verräter, Mehrfachfragen

1. “Wie wir Jürgen Klopp fast zu Real gebracht hätten”
(deutschlandfunk.de)
Fußball: “Radio Deutschland” meldet angeblich, dass Jürgen Klopp einen Vertrag bei Real Madrid unterschrieben habe.

2. “Depressiv werden in den Medien: Vom Schreiben ins Schweigen”
(kress.de, Sophia-Therese Fielhauer-Resei)
Sophia-Therese Fielhauer-Resei schreibt einen Text über Depressionen. Und über die Arbeitsbedingungen bei der Zeitschrift “Bunte” 1993: “Chefredakteur Franz Josef Wagner brüllt und schreit so tief, dass die Wände wackeln, Wagner schmeißt das Magazin kurz vor Druck komplett um, kündigt Mitarbeiter um vier Uhr morgens und erinnert sich am gleichen Vormittag nicht mehr daran. Wagner glorifiziert den Autoren Helge Timmerberg, der zumeist in Havanna oder Marrakesch sitzt – ein Großteil dessen, was die Stammbesetzung schreibt, wird nach Kuba und Marokko gefaxt, auf der Schreibmaschine von ihm umgedichtet und retour gefaxt. Das Selbstwertgefühl von Teilen der Redaktion leidet erheblich.”

3. “Seitenwechsler, Verräter: Lieber Christof Moser”
(davehertig.com)
Dave Hertig schreibt an Christof Moser, der Journalisten, die in PR-Abteilungen wechseln, als “Verräter” bezeichnet hatte. “Die meisten Journalisten, die auf der aus deiner Sicht ‘guten Seite’ arbeiten, sind eine Blackbox. Ob sie selbständig und unabhängig denken und nicht auch ein bisschen gekauft und gesteuert sind, das werde ich nie erfahren. Als Leser weiss ich nicht, wem ich vertrauen kann.”

4. “Ein Plädoyer gegen Mehrfachfragen”
(abzv.de, Tim Farin)
Warum Mehrfachfragen nicht zielführend sind: “Man könnte schon verwirrt reagieren, oder? Es könnte aber auch sein, dass man so etwas schon kennt – und nur auf die Frage antwortet, die einem gerade mehr in den Kram passt. Nach dem Motto: Ich suche mir aus, worauf ich antworte.”

5. “Marie, 19, Instagram-Star”
(gruenderszene.de, Hannah Loeffler)
Ein Interview mit Marie von Behrens, deren Instagram-Konto mvb412 derzeit 88000 Abonnenten hat.

6. “Adel royale – Königliche Berichterstattung”
(youtube.com, Video, 3:36 Minuten)

Hoax, Trash, Flattr

1. “Trash und Trash”
(sashs-blog.de)
Fragen zur Regenbogenpresse: “Wieso sollte man zur Unterhaltung unwahre Geschichten über echte Menschen lesen, die vorgeben, wahr zu sein? Wieso sollte man sich falsche Stories über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher reinziehen, anstatt entweder eine fiktive Geschichte über einen Menschen mit einem Schicksalsschlag oder eine tatsächlich recherchierte Doku über Michael Schumacher? Ich verstehe nicht einmal, wieso man sowas schreiben sollte.”

2. “Ausländische Banden und deutsche Einzeltäter”
(heise.de/tp, Wolfgang J. Koschnick)
Wolfgang J. Koschnick macht sich ausführlich Gedanken darüber, ob und wie individuelle Eigenschaften von Menschen in einer Story vorkommen sollten: “Alle Kodices stimmen darüber überein, dass die Zugehörigkeit zu einer Minderheit nur erwähnt werden soll, wenn sie im thematischen Zusammenhang relevant ist. In der journalistischen Alltagspraxis machen es sich jedoch die meisten Redakteure zu einfach: Sie verschweigen sie grundsätzlich und scheinen zu glauben, dadurch seien sie aus dem Schneider.”

3. “Hoax-Kampagnen: Opium fürs Empörungsvolk”
(youtube.com, Video, 42:30 Minuten)
Deef Pirmasens und Christian Schiffer stellen verschiedene Hoaxes vor. Ab Minute 18:30 wird ein Beitrag von LeFloid analysiert.

4. “5 Jahre Flattr: Erinnerung an eine gescheiterte Revolution”
(get.torial.com, Stefan Mey)
Das Bezahlsystem Flattr hätte eine ökonomische Revolution sein können, glaubt Stefan Mey: “Die ökonomische Revolution im Netz ist heute klar gescheitert. Und das ist ein Verlust für alle, für Leser*innen, Blogger*innen und auch für Verlage, denen durch eigene Schuld seit fünf Jahren Einnahmen entgehen. Paid Content meint heute das vorsichtige Aussperren von Nutzern und gilt mit der Definition weitgehend als alternativlos. Mit dafür gesorgt hat eine Fehlentscheidung der Verlage. Und das war vielleicht deren größte kollektive Fehlentscheidung nach der Unterschätzung des Internets in seinen frühen Tagen.”

5. “Der ‘Bild’-Aufzug fährt wieder nach oben”
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber kommentiert die Nachricht, dass Christian und Bettina Wulff wieder ein Paar sind: “Die Versöhnung im Kleinen scheint mit einer Versöhnung im Großen einherzugehen, der Versöhnung eines zum Boulevard gewordenen Paares mit dem Boulevard.”

6. “Emily Surname’s immigration report”
(youtube.com, Video, 3:36 Minuten, englisch)
Ein TV-Bericht zur Zuwanderung von Emily Nachname.

Eritrea, Geo Epoche, Freizeit im Blick

1. “Freizeit im Blick, Realität aber nicht”
(topfvollgold.de, Moritz Tschermak)
“Wie schlimm steht es wirklich um ihn?”, fragt die Zeitschrift “Freizeit im Blick” bezüglich dem Ende März verstorbenen Karl Moik.

2. “Letzter Platz: Pressefreiheit in Eritrea”
(ndr.de, Video, 6:28 Minuten)
David Isaak sitzt bereits 14 Jahre im Gefängnis. Als Journalist einer Wochenzeitung veröffentlichte er einen offenen Brief, in dem Reformen gefordert wurden.

3. “Friedemann Karig: Die Abschaffung der Wahrheit”
(youtube.com, Video, 51:54 Minuten)
Friedemann Karig beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und ordnet sie auf einer Achse von heterodox bis orthodox.

4. “Frau Zschäpe und ich”
(journalist.de, Tom Sundermann)
Tom Sundermann ist einer von vier freien Journalisten, die einen Platz am NSU-Prozess zugelost erhielten: “Lange Erklärungsabsätze, in denen die Verbindung zwischen dem Zeugen X und dem NSU-Trio hergestellt wird, sind unvermeidlich. Andernfalls würde ich Berichte über den Prozess zur geschlossenen Veranstaltung machen. Die Diskussion in den Onlinekommentaren bestimmt ein fester Kern aus Lesern, die die Artikel zum Thema genauestens verfolgen – meist vor dem Hintergrund einer eindeutigen politischen Haltung.”

5. “‘Geo Epoche’ irritiert mit verzerrtem ‘Buback-Nachruf'”
(tagesspiegel.de, Eckhard Stengel)
Eckhard Stengel wirft “Geo Epoche” vor, selektiv beziehungsweise nicht ausführlich genug zu zitieren: “226 Zeilen lang war der Text, doch die meisten Medien zitierten daraus immer wieder nur vier Zeilen: ‘Meine unmittelbare Reaktion, meine ‘Betroffenheit’ nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert: ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.'”

6. “Einfach mal das Mikrophon niedersinken lassen!”
(katzundgoldt.de)

Sexismus, ZDF-Lobbyradar, Urheberrecht

1. “‘Sie träumen nachts von mir?'”
(sueddeutsche.de, Christina Koormann)
Zu oft werden Politikjournalistinnen zu Sexismus-Opfern, schreiben französische Journalistinnen in einem Manifest (liberation.fr, französisch): “Die Journalistinnen beschreiben, wie hochrangige Politiker sie während eines gemeinsamen Fluges auf einer Geschäftsreise schlafend fotografierten, wie ‘politische Schwergewichte’ lieber mit ihnen in ein Hotelzimmer gehen wollten anstatt ein Interview fortzuführen, oder wie ein Abgeordneter sich wünschte, dass sie unter einer Arbeiterkluft während einer Fabrikbesichtigung ‘besser nichts anhätten’.”

2. “Warum wir ein neues Urheberrecht brauchen”
(faz.net, Andrea Diener)
Ein Interview mit Julia Reda zum Urheberrecht: “Wir haben das Problem, dass das Urheberrecht nicht mit der technischen Entwicklung schrittgehalten hat. 2001, als es zuletzt auf europäischer Ebene reformiert wurde, gab es noch kein Youtube, es gab kein Facebook, und auch Wikipedia fing gerade erst an. Damals hat man in Europa Mindeststandards für den Schutz von Rechteinhabern erstellt, aber keine Mindeststandards für den Schutz der Allgemeinheit. Die EU legt also fest, was mindestens verboten sein muss, aber nicht, was mindestens erlaubt sein sollte.”

3. “Verteilungskampf in der Bundesliga”
(deutschlandfunk.de, Daniel Theweleit)
Fußball: Bundesliga-Vereine wollen neue Kriterien bezüglich der Höhe von an die Clubs ausgeschütteten Fernsehgeldern besprechen: “Zum Beispiel die Einschaltquoten bei den Live-Spielen im Bezahlfernsehen. Oder die Auslastung des eigenen Stadions. Oder die Menge der Auswärtsfans, die einen Klub begleiten.”

4. “Warum das Lobbyradar so kaum zu gebrauchen ist”
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat bespricht das ZDF-Lobbyradar: “Das Lobbyradar ist in der jetzigen Form kaum zu gebrauchen. Es ist visuell zu überladen und hilft mit seiner einzigen Funktion, der Suche, nicht dabei, Lobbyismus transparenter zu machen.”

5. “Der Hochstapler”
(ndr.de, Video, 30:26 Minuten)
Geschädigte eines Hochstaplers, unter ihnen Journalisten des ZDF und von Zeit.de, erzählen. Siehe dazu auch “Richtig reingelegt” (taz.de, René Martens).

6. “Astro TV sagt sich selbst schlechte Quoten voraus und stellt vorsorglich Sendebetrieb ein”
(der-postillon.com)

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