Suchergebnisse für ‘ulrike simon’

Faktenprüfer, Reporterfabrik, Selbstinteressenvertreter

1. Umgang mit Falschmeldungen
(de.newsroom.fb.com)
Facebook kündigt an, gegen Fakenews vorgehen zu wollen. In den kommenden Wochen sollen entsprechende Updates in Deutschland erfolgen. Dabei wolle man sich auf die Verbreitung von eindeutigen Falschmeldungen, die durch Spammer erstellt wurden, konzentrieren. Außerdem will Facebook externe Faktenprüfer einbinden. In Deutschland sei dies zunächst “Correctiv”. Man arbeite jedoch daran, in Zukunft noch weitere Organisationen aus der Medienbranche als Partner zu gewinnen.
Ob dem netzpolitischen Sprecher von Bündnis90/Die Grünen Konstantin von Notz Facebooks Ankündigungen reichen, ist fraglich. Er fordert im Interview mit dem “Deutschlandfunk” die Bundesregierung auf, ihren Ankündigungen zur Bekämpfung von Hasskommentaren im Netz endlich Taten folgen zu lassen. Die Große Koalition habe viel zu lange nichts getan, während der Kultur- und Debatten-Verfall immer weiter vorangeschritten sei: “Ich kann nur sagen, der Justizminister sagt seit vielen Monaten, Facebook, wir müssen reden, aber irgendwann ist auch mal Schluss mit Reden. Wir müssen Gesetze machen und aktennotierte Internetunternehmen müssen sich an Gesetze halten. Und wenn man dann eben bei Überprüfungen uns Sich-diese-Dinge-Anschauen feststellt, dass nicht genug Leute dort beschäftigt sind, dass die Zeiten nicht eingehalten werden, bei denen diese Beanstandungen auch zu Löschungen führen, dann müssen eben auch Sanktionen ziehen…”
Weitere Leseempfehlung dazu: Julia Krügers ausführlicher und mit vielen Querverweisen unterfütterter Beitrag auf “Netzpolitik.org”
Warum der bisherige Kampf gegen #hatespeech und #fakenews auf Facebook irreführend ist – und welche Alternativen sich bieten

2. Polizist am Abgrund
(zeit.de, Thomas Fischer)
Rainer Wendt ist seit mittlerweile zehn Jahren Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), die als zweitstärkste Gewerkschaft der Polizei mit der “Gewerkschaft der Polizei” konkurriert. Nach unzähligen populistischen und polarisierenden Statements in den Medien hat er nun ein Buch geschrieben: “Deutschland in Gefahr”. Thomas Fischer, “Zeit”-Kolumnist und Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, hat sich das Werk angeschaut: “Das Buch von Rainer Wendt verstärkt Ängste und Vorurteile. Wer den Autor kennt, weiß, dass er ein intelligenter und schnell denkender Sprecher ist. Anders wird man nicht, was er ist, und erst recht nicht, was er noch werden will. Doch Deutschland in Gefahr ist nicht bloß ein inhaltlich unzutreffendes und literarisch schlechtes Buch. Bedauerlich ist, dass der Autor behauptet, Sprachrohr der deutschen Polizei zu sein. Dass er deren Interessen vertritt, ist zu bezweifeln. Sicher ist nur eines: Er vertritt die Interessen des Rainer Wendt.”

3. Der Troll an der Macht
(faz.net, Mark Siemons)
Mark Siemons hat sich in der “FAZ” Gedanken über das Twitter-Verhalten des zukünftigen US-Präsidenten gemacht: “Während Obama seinen Twitter-Account von einem Team verwalten lässt, das seine in den üblichen Verfahren und Institutionen entwickelte Politik der Öffentlichkeit zu vermitteln versucht, ist Twitter für Trump zugleich der Entwickler, das Medium und der Vollstrecker der Politik selbst – gleich, ob es um China, um Guantanamo, General Motors oder die unabhängige Ethikbehörde des Kongresses geht. All die Sicherungen der Institutionen, von denen man sich nach Trumps Wahl noch zur Beruhigung versichert hatte, wie stark sie seien, werden durch dieses Verfahren umgangen. Trumps Tweets sind so unpresidented wie unprecedented. Sieht es so aus, wenn eine loose cannon über das Deck der Weltpolitik zu rollen beginnt?”

4. Im Berliner Verlag gilt Kontaktverbot zu den neuen Chefs
(horizont.net)
Das Kölner Medienunternehmen DuMont baut sein Zeitungsgeschäft um. In Berlin hat das weitreichende Folgen für die Mitarbeiter: DuMont legt die Redaktionen von “Berliner Zeitung” und “Berliner Kurier” zusammen. Viele Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz oder müssen weiterhin um ihren Arbeitsplatz bangen. Wie Ulrike Simon berichtet, verläuft das gesamte Procedere alles andere als schön.

5. Reporterfabrik, WebAkademie des Journalismus
(facebook.com, Cordt Schnibben)
“Spiegel”-Redakteur Cordt Schnibben und “Correctiv”-Gründer David Schraven wollen eine Web-Akademie des Journalismus aufbauen, die sich an Nicht-Journalisten und Journalisten wendet. Dabei ginge es um vier Ziele: Grundlagen des journalistischen Handwerks vermitteln, die Funktionsweise von sozialen und klassischen Medien durchschaubar machen, Versuche der Desinformation erkennbar machen, Fortbildung und Erfahrungsaustausch von Journalisten. Das Projekt wird von vielen Promis der Journalistenszene unterstützt. Wie das Ganze funktionieren soll, kann man dem beim Reporterforum veröffentlichten Paper entnehmen.

6. Die Macht der Kunst
(taz.de, Nora Bossong)
Die Schauspielerin Meryl Streep hat bei der Golden-Globe-Verleihung eine vielbeachtete, emotionale Rede gehalten, in der sie mit deutlichen Worten den künftigen US-Präsident Donald Trump kritisierte. Sie erinnere uns daran, dass Kunst kein berieselndes Wunderland sein soll, sondern Empathie lehrt und Verantwortung trägt, so Nora Bossong in der “taz”.

Rabiator Trump, Stiftungsbeistand, Feindbild Köppel

1. “Ihr seid Fake News!”
(spiegel.de, Marc Pitzke)
„Trumps erste Pressekonferenz als designierter US-Präsident versinkt im Chaos, noch bevor sie anfängt. Dutzende Reporter keilen sich im Trump Tower um Plätze. Es stinkt nach Schweiß und den Toiletten, die dem Andrang nicht gewachsen sind.“ Marc Pitzke über ein verstörendes Event mit dem großen amerikanischen Rabiator.

2. Körber Stiftung verteidigt Somuncu-Auftritt
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der Kabarettist Serdar Somuncu hat Ende 2015 bei einer Podiumsdiskussion der Körber Stiftung mit deutlichen Worten Kritik an TV-Sendern geübt und ihnen vorgeworfen, seine Beiträge zu zensieren. Dabei sind auch Beleidigungen gefallen, gegen die eine Redakteurin mit Unterstützung des WDR juristisch vorgehen will. Die Stiftung hat die strittigen Passagen nun aus dem Videomitschnitt entfernt, verteidigt aber den Auftritt des Kabarettisten: „Da wir den vielen weiteren klugen und richtigen Aussagen im Gespräch gern weiterhin eine Plattform geben wollen, haben wir uns entschieden, das Video um die strittige Passage zu beschneiden und wieder einzustellen.”

3. Ich guck’ Sponsoren-TV
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Das erste Spiel bei der Handball-WM – übertragen von einem Sponsor im Internet, auf Youtube. Warum eigentlich nicht, fragt Markus Ehrenberg im „Tagesspiegel“ und konstatiert: „Ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel. Egal, wer hier wen sponsert. Kein großes Gedöns vorher und hinterher, Handball pur.“

4. Wie mache ich mir ein Feindbild?
(medienwoche.ch, René Zeyer)
In letzter Zeit erschienen verschiedene Porträts des Schweizer Journalisten Roger Köppel, der vor allem durch seinen Rechtspopulismus von sich reden macht. René Zeyer hat sich die Porträts von „NDR“, „Spiegel“, Süddeutsche“, „Zeit“ und „Blick“ angeschaut und Noten vergeben.

5. Von starken Frauen … und Kerlen in Redaktionen
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Eigentlich wollte Ulrike Simon in dieser Woche über Kai Diekmann schreiben. Doch dann starb die langjährige „Brigitte“-Chefin Anne Volk. Ein Grund für Kolumnistin Simon ihren Beitrag dieser Frau zu widmen, die sie als eine Ausnahmeerscheinung bezeichnet. Zum Schluss gehts dann doch nochmal um die Causa Diekmann und das ihr merkwürdig erscheinende Datum der angeblichen sexuellen Belästigung durch den Ex-Bild-Chef: „Sollte dieses Datum stimmen, muss die Frage erlaubt sein, warum die Journalisten an diesem Abend nicht längst dort waren, wo sie hingehört hätten: in der Redaktion. Am 22. Juli 2016 schoss im OEZ in München ein Amokläufer um sich.“

6. Fotoveröffentlichung – wann darf ohne Einwilligung des Abgebildeten veröffentlicht werden?
(fachjournalist.de, Frank C. Biethahn)
Medien leben von Fotoveröffentlichungen. Diese können aber schnell mit dem Persönlichkeitsrecht kollidieren. Wann ist eine Einwilligung erforderlich und wann nicht? Rechtsanwalt Frank C. Biethahn beschreibt anhand von Beispielen, in welchen Fällen eine Einwilligung entbehrlich ist.

7. Übermedien abonnieren
(uebrmedien.de, Boris Rosenkranz & Stefan Niggemeier)
Die Kollegen von “Übermedien” feiern heute ihr einjähriges Bestehen. Dazu erstmal: herzlichen Glückwünsch! Wenn Sie den beiden — Medienjournalist Boris Rosenkranz und BILDblog-Gründer Stefan Niggemeier — an diesem besonderen Tag eine Freude machen wollen, hätten wir einen Geschenktipp: Schließen Sie doch ein “Übermedien”-Abonnement ab. Das kostet 3,99 Euro im Monat und lohnt sich. Wirklich.

Balanceakt, Angstmacher, WaWiWi

1. Wenn Journalisten den Erfolg von Polizeiarbeit riskieren
(welt.de, Martin Lutz & Christian Meier)
Es ist ein Balanceakt: Einerseits wollen und sollen Medien auch bei einem Anschlag wie in Berlin informieren, andererseits darf durch eine zu frühe Herausgabe von Informationen die Polizeiarbeit nicht behindert werden. Letzteres wird unter anderem der „Allgemeinen Zeitung“ (AZ) vorgeworfen, die einen Tweet zum mutmaßlichen Täter rausjagte. Im Angesicht einer möglichen Verhaftung hätte der mutmaßliche Täter entwischen oder im schlimmsten Fall sogar Geiseln nehmen können. Die “Welt”-Autoren Lutz und Meier dazu: “Die Abwägung, wann und in welcher Form berichtet wird, treffen Redaktionen je nach ihrer individuellen Einschätzung der Lage. Standardrezepte und -richtlinien gibt es nicht, auch keinen automatischen Gehorsam auf Bitten von Behörden hin. Die journalistische Richtschnur bleibt die Sorgfaltspflicht – sie ist am Ende also auch eine Frage der Moral.”

2. „Die Angst herunterzuspielen, ist weltfremd“: Chefredakteurin Tanit Koch zur Kritik am Bild-Titel
(meedia.de, Marvin Schade)
“Bild”-Chefredakteurin Tanit Koch hat Fragen zum umstrittenen und vielfach diskutierten plakativen Angst-Titel nach dem Anschlag beantwortet. Natürlich verteidigt sie das Vorgehen des Blatts: Mit der Schlagzeile „Angst“ hätte man lediglich eine “Emotion abgebildet”. Dass ein entscheidender Angstauslöser die “Bild” selbst sein könnte, kommt ihr, ebenfalls wenig überraschend, nicht in den Sinn.

3. Schöne Feiertage und einen guten Rutsch
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Medienkolumnistin Ulrike Simon verabschiedet sich mit einem letzten Beitrag vor dem Jahreswechsel. Eigentlich wollte sie dieses Jahr auf Wünsche verzichten und sich stattdessen auf “Verwünsche” konzentrieren. Eine Ausnahme macht sie dennoch: “Nein, es muss nicht jede Beleidigung, jede Verschwörungstheorie, jeder Gesinnungsblödsinn retweetet werden. Ja, es ist möglich, dem Reflex zu widerstehen, alles und jeden zu kommentieren. Doch, auch mit Empörung kann man sich zum billigen Verbreitungsgehilfen machen. Kurzum, mein Wunsch lautet: Öfter mal die Klappe halten.”

4. Wie unser „Was wir wissen“ entsteht
(blog.zeit.de, Karsten Polke-Majewski)
Bei großen, unübersichtlichen Ereignissen wie einem Terroranschlag nutzt “Zeit Online” die Artikelform des “Was wir wissen”, intern abgekürzt “WaWiWi”. Im neuen Glashaus-Blog berichtet Ressortleiter Karsten Polke-Majewski über die Vorgehensweise. Verantwortlich seien die beiden Investigativ-Teams von Online und Print. Und es gäbe feste Regeln: Sichere Quellenlage, kein Konjunktiv, keine Wertungen und größtmögliche Transparenz.

5. 2016: Das Jahr aus Sicht der TV-Sender
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Timo Niemeier hat sich für “dwdl” bei verschiedenen Fernsehsendern nach deren Stimmungslage am Ende des Jahres umgehört. War 2016 ein gutes Jahr für das Fernsehen? Wo gibt es noch Probleme? Und was steht im kommenden Jahr an? Bei den Befragten herrscht ziemliche Einigkeit, dass es sich um ein gutes Jahr für die Branche bzw. den jeweiligen Konzern handelte. Nur die Begründungen dafür fielen unterschiedlich aus.

6. Die besten Cover des Jahres
(horizont.net, David Hein)
“Horizont” zeigt eine Auswahl mit den besten und wichtigsten Covern des Jahres und kommentiert die jeweilige Entscheidung.

Charlie Hebdo, Mario Barth, Vera Lengsfeld

1. Bienvenue, Charlie!
(zeit.de, Wenke Husmann)
Das französische Satiremagazin “Charlie Hebdo” hat den Sprung nach Deutschland gewagt und liegt nun in einer Auflage von 200.000 Stück an den Kiosken. Rezensentin Wenke Husmann ist besonders von der großen Deutschland-Reportage und dem Leitartikel angetan. Insgesamt wünscht sie sich jedoch mehr Provokation: “Charlie Hebdo wird wohl auch in Deutschland nicht so leicht verdaulich bleiben wie in dieser ersten Ausgabe. Hoffentlich nicht. Denn Meinungsfreiheit bedeutet schließlich nicht, dass Inhalte verbreitet werden dürfen, die uns passen, sondern eben auch und vor allem, dass Meinungen verbreitet werden können, die uns gewaltig gegen den Strich gehen. Bienvenue, Charlie!”

2. Ganz tief nach unten getreten
(taz.de, Peter Weissenburger)
Peter Weissenburger greift in einem Kommentar den „Almanach“ des Bundespresseballs mit dem satirisch gemeinten Stück über Schwimmkurse für Flüchtlinge auf und begründet, warum es sich bei dem Stück aus seiner Sicht um wenig Satire und viel schlechten Geschmack handelt.

3. Mario Barth mit versteckter Kamera im Opernhaus
(haz.de, Stefan Arndt)
TV-Comedian Mario Barth deckt in seiner RTL-Show angeblich “die krassesten und absurdesten Fälle von Steuerverschwendung” auf. Nun ist ihm und seinem Autorenteam aufgefallen, dass es Geld kostet, Theater und Opernhäuser zu betreiben: Am Beispiel der Staatsoper Hannover prangerte er in der jüngsten Sendung die Kulturförderung an. Samt Holzhammer-Ironie, Populismus-Keule und Barthscher Kennste-Kennste-Attitüde.
Nachtrag: Von einigen Lesern kam die Rückmeldung, dass sich der Artikel hinter einer Paywall versteckt, andere können den Text ohne Probleme lesen. Die Ursache fürs Erscheinen der Bezahlschranke könnten nicht zugelassene Cookies sein oder aber der Unterschied zwischen Verlinkungen in Social-Media-Kanälen und Verlinkungen auf Websites, den haz.de macht.

4. Deutsches Fernsehen Die TV-Show ist tot, es lebe ding ding dong!
(berliner-zeitung.de, Marcus Bäcker)
In der Fernsehstadt Köln haben sich jüngst einige TV-Macher getroffen, um beim „Großen Ufa-Show-Gipfel“ über die Zukunft der Unterhaltung zu sprechen. Marcus Bäcker war für die “Berliner Zeitung” dabei und berichtet über die Pläne der Bewegtbild-Branche. Es wird viel über Änderungen und neue Plänen geredet, doch mit der Umsetzung könnte es schwierig werden. Auch wegen der festgefahrenen Strukturen: “Spätestens, als die Diskussionsrunde an die zumindest theoretische Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender von Quoten und Marktanteile erinnerte, fühlte man sich tatsächlich um folgenlos verstrichene Jahre zurückversetzt. Das ARD-Adventsfest wird es wohl noch lange geben.”

5. Die ARD vs. Das Erste
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Sollen aus neun ARD-Anstalten in Zukunft tatsächlich vier werden, wie es bei “Bild” und anderen Medien zu lesen war? Nein, bei dieser Meldung handele es sich um “blanken Unsinn” wie Kolumnistin Ulrike Simon den ARD-Sprecher zitiert. “Freilich knallt ein schlichtes „Aus-neun-mach-vier“ besser als der ernsthafte Versuch zu analysieren, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Geld sparen könnte ohne die regionale Identität und programmliche Vielfalt aufs Spiel zu setzen.”, schreibt Simon weiter und verlinkt auf ein ihr zugespieltes Projektpapier.

6. Die Unwahrheiten der Vera Lengsfeld
(stern.de)
Bei “Maischberger” (ARD) wurde gefragt: “Vorwurf ‘Lügenpresse’ – Kann man Journalisten noch trauen?” Die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld war als Medienkritikerin eingeladen. Sie griff besonders den “Stern” an und nannte dafür drei Beispiele. Dabei handele es sich um nachweislich unwahre Behauptungen, so der “Stern”. Darauf habe man die Maischberger-Redaktion bereits während der Live-Sendung per Telefon und Twitter hingewiesen. Eine Reaktion sei jedoch nicht erfolgt. Nun prüfe man rechtliche Schritte gegen Vera Lengsfeld.

Neverpay, Geldentzug, Wetterdichtung

1. Aus für Spiegel Plus? Keiner kauft Nachrichten im Netz
(jensrehlaender.com)
Jens Rehländer greift einen “Horizont”-Beitrag heraus, in dem von Querelen um das wenig erfolgreiche Spiegel-Online-Bezahlmodell berichtet wird. Rehländer nimmt den “Spiegel” in Schutz, um dann umso deutlicher zu werden: “Häme ist hier auch deshalb fehl am Platz, weil die Medien selbstverständlich nur durch Experimente herausfinden können, wie sie sich in Zukunft refinanzieren. Dass Experimente scheitern, liegt in der Natur der Sache und verdient keinen Tadel. Dass man aber Irrwege nochmal beschreitet, um genauso zu scheitern wie die anderen vorher – das verwundert dann doch.”

2. In Abwesenheit
(sueddeutsche.de, Paul-Anton Krüger)
Es ist schon makaber: Der ägyptische Fotograf Shwakan hat den “International Press Freedom Award” bekommen, kann ihn aber nicht annehmen, weil er sich in U-Haft befindet. Sein “Vergehen”: Shwakan hatte im Auftrag der Fotoagentur “Demotix” Bilder von einem der Protestcamps der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo gemacht. Seine Untersuchungshaft dauert nun schon drei Jahre an, obwohl sie selbst nach ägyptischem Recht auf zwei Jahre begrenzt ist. Dieses Jahr wurden zweifelhafte strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn erhoben, weswegen ihm nun die Todesstrafe droht.

3. Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann
(geschichten.detektor.fm, Isabelle Klein, André Beyer)
Frauen haben es auch in der Musik nicht leicht. Bei großen Festivals wie “Rock am Ring” hätte in diesem Jahr nur bei jedem zehnten Act eine Frau auf der Bühne gestanden, bei Indie-Festivals wie dem “Appletree Garden Festival” bei jedem fünften. Isabelle Klein und André Beyer lassen in ihrem Longread über die männerdominierte Musikszene vor allem Frauen zu Wort kommen, so z.B. die “Spex”-Redakteurin Jennifer Beck: “Wenn über Künstlerinnen berichtet wird, dann häufig von älteren, weißen Männern.”

4. In Zeiten der Lügenpresse
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon hat Nachrichten aus dem Deutschlandfunk: Dank des gestiegenen Interesses für Medien strahlt der Sender von März kommenden Jahres an ein tägliches Medienmagazin aus. Der Kulturchef hätte das Vorhaben bestätigt: “Ausschlaggebend war der Erfolg unseres wöchentlichen Medienmagazins “Markt und Medien”, das bei den Hörern einen hohen Einschaltimpuls erzeugt. Das Thema verdient einfach mehr Sendezeit. Die Zeit schreit geradezu danach. Medien stehen wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit. Daher braucht es mehr Orte wie diesen, um zu reflektieren, wie Medien funktionieren, um transparent zu machen, wie wir Journalisten arbeiten.”

5. Kein Geld Für Rechts. Lasst uns rechtsradikalen Medien den Geldhahn zudrehen.” berichten
(davaidavai.com, Gerald Hensel)
Gerald Hensel ist Strategy Director bei “Scholz & Friends” und betreibt unter “davaidavai.com” einen Blog, in dem er sich aktuell dafür stark macht, rechten Seiten die Geldquellen zu entziehen. Er appelliert dabei sowohl an Markeninhaber und Werbeagenturen als auch an die Verbraucher, ihren Einfluss zu nutzen.

6. Quatsch-Vorhersagen für alle! So machen Sie selbst schlecht Wetter
(uebermedien.de, Jörg Kachelmann)
Wetterexperte Jörg Kachelmann zeigt auf “Übermedien” wie man mit wenig Sachkenntnis und einer großen Vorliebe für Stuss schmissige Wetterschlagzeilen dichtet.

Un-Anonymous, Assads Medienstrategie, Griechenbashing

1. Leak zeigt mutmaßliche Betreiber der größten deutschen Hetzseite
(sueddeutsche.de, Max Hoppenstedt & Simon Hurtz)
Mehr als zwei Millionen Menschen hatten auf Facebook die Seite “Anonymous.Kollektiv” geliket. Viele in dem Irrglauben, es mit der Hacker-Bewegung “Anonymous” zu tun zu haben. Doch weit gefehlt, die Seite war ein Tummelplatz für Islamhasser, Verschwörungstheoretiker und Fremdenfeinde. “SZ.de” und “Motherboard” wurde nun ein Screenshot zugespielt, der die Seitenadministratoren zeigen soll. Die Journalisten Max Hoppenstedt und Simon Hurtz sind der Sache nachgegangen und bringen Licht ins Dunkel dieses einzigartigen Krimis, in dem auch das umstrittene “Compact-Magazin” eine Rolle spielt.

2. Je kritischer, desto besser
(de.ejo-online.eu, Kurt W. Zimmermann)
Der Chefredakteur von “Schweizer Journalist” Kurt W. Zimmermann hat sich angeschaut, wie Syriens Präsident Assad mit Medien umgeht: “Assad hat eine ultramoderne Medienstrategie entwickelt, die für westliche Journalisten ebenso ungewohnt wie faszinierend ist. Er erwartet von den Medien nicht Propaganda, er erwartet Konfrontation. Damit unterscheidet er sich diametral von Staatschefs wie Wladimir Putin oder François Hollande, die sich bei Interviews lieber harmlose Steigbügelhalter wünschen. Assad, beraten von PR-Spezialisten aus dem Westen, hat den wichtigsten Mechanismus des Medienbusiness begriffen wie kaum ein anderer. Er weiß, dass seine Glaubwürdigkeit umso höher steigt, je härter und skeptischer die Journalisten ihn befragen.”

3. Journalistenanfrage löste die Razzia bei der An’nur-Moschee aus
(landbote.ch, Mirko Plüss)
Der Kriegsreporter Kurt Pelda recherchiert schon seit Jahren im Umfeld der An’nur-Moschee in Winterthurer Hegi und zu den Mordaufrufen des (mittlerweile verhafteten) Imams. In einer SMS hat er die Stadt Winterthur um eine Stellungnahme zu seinem geplanten Artikel gebeten. Unmittelbar danach führte die Kantons- und Stadtpolizei eine breit angelegte Razzia in der An’nur-Moschee durch. Wohl eine Folge von Peldas Anfrage.

4. Die Griechen provozieren!
(oxiblog.de, Hans-Jürgen Arlt)
Eine Studie der Otto Brenner Stiftung befasst sich mit der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung über die griechische Staatsschuldenkrise. Die Grundlage: 615 Beiträge aus “Tagesschau” und dem “ARD-Brennpunkt” sowie aus “heute” und “ZDF-Spezial”. Hans-Jürgen Arlt gibt der Studie eine gute Note, allem anderen jedoch ein “Mangelhaft”. Insgesamt hätten die Sondersendungen “Brennpunkt” und “ZDF-Spezial” schlechter abgeschnitten als die klassischen Nachrichtensendungen. Sie hätten die Kriterien der Ausgewogenheit und der Neutralität verletzt und eben keine Hintergrundberichterstattung geliefert.

5. Eine Stimme für die Frauen
(taz.de, Knut Henkel)
Fast alle Gesellschaften in Mittel- und Südamerika leiden nach Ansicht von Fachleuten unter sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Wenn in Guatemala über derartige Themen gesprochen wird, liegt das auch an “La Cuerda”, Zentralamerikas einziger feministischer Monatszeitung. Das Blatt kämpft seit 18 Jahren für die Rechte von Frauen und Indigenen. Knut Henkel stellt das Magazin vor und lässt Beteiligte zu Wort kommen.

6. Die Geschichte der Familie Schlesinger
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Der Journalist Gerhard Spörl war 25 Jahre beim “Spiegel”. Er ist verheiratet mit Patricia Schlesinger, der Intendantin des “rbb”. Nun hat er ein Buch über die Großeltern seiner Frau geschrieben. “RND”-Kolumnistin Ulrike Simon war dabei, als das Buch am Mittwoch von Stefan Aust vorgestellt wurde.

Funk-Echo, Oettinger, Podcasts

1. Kleines Medien-Echo zu “Funk”, dem neuen Jugendprogramm von ARD & ZDF
(Links in der folgenden Zusammenfassung)
Am Samstag, dem 1. Oktober startet “Funk”, das junge Digitalangebot von ARD und ZDF, das mit Webvideos die 14- bis 29-jährigen Zuschauer zurückgewinnen will.
Christian Meier fragt in der “Welt”, ob so die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen aussehe. Meier hat mit den “Funk”-Machern gesprochen, erzählt die Geschichte hinter der Idee und bilanziert zum Schluss: “Der Beweis steht noch aus, dass es einen tatsächlichen Bedarf an öffentlich-rechtlichen Web-Videos gibt. Was aber den Ansatz angeht, die Inhalte freizugeben, statt in ein Senderkorsett zu zwängen – das ist schon radikal. Aber es ist auch klar, dass ARD und ZDF dieses nur auf einer Spielwiese zulassen und ansonsten weiter daran arbeiten, ihre Beitragsmilliarden in den permanenten Ausbau des Status quo zu investieren.”
“Zeit”-Autorin Jana Gioia Baurmann hat “Funk” einen Brief geschrieben: “Dass es Dich gibt, ist schon sinnvoll, aber die erste Zeit, sorry, dass ich das so sage, wird nicht einfach werden für Dich. Weil Du diesen Spagat hinbekommen musst. Und auch wenn Helikoptereltern nerven können: Ich hoffe, dass ARD und ZDF – trotz YouTube-Hype – nicht vergessen, was ihr Auftrag ist.”
Stefan Niggemeier war für “Übermedien” bei der Programmvorstellung in Berlin zugegen und sieht allerhand auf uns zukommen, was Anlass zu Kritik geben wird, aber eben auch die Chancen: “Doch bei der Vorstellung lag, dank der entsprechend euphorisierten „Creators“, ein Gefühl im Raum, dass ARD und ZDF hier etwas möglich machen, das es sonst nicht geben würde. Und wenn es gelingt, dass sich der unübersehbare Spaß der Macher an der Arbeit in Relevanz und Kreativität übersetzt, hat „Funk“ vieles richtig gemacht.”
Und bei “Broadmark” gibt es schließlich ein Interview mit Florian Hager, dem “Funk”-Programmgeschäftsführer.

2. Leistungsschutzrecht: Günther Oettinger twittert sich um Kopf und Kragen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Gestern twitterte EU-Digitalkommissar Günther Oettinger allerhand zum Thema Leistungsschutzrecht für Verleger, und viele Mitleser wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. Vor kurzem war Oettinger noch mit seiner Forderung aufgefallen, kritische Journalisten auf Linie zu bringen, nun twitterte er sich mit allerlei schiefen Vergleichen und kruden Argumenten regelrecht um Kopf und Kragen. Markus Reuter von “Netzpolitik.org” hat die Causa aufbereitet und kommentiert die Argumentationslinien des Kommissars.

3. kontertext: Marktschreier
(infosperber.ch, Heinrich Vogler)
Heinrich Vogler greift einen Essay des Schweizer Kabarettisten und Satirikers Andreas Thiel in der “NZZ” auf, in der dieser das Hohe Lied des Marktliberalismus predige. Vogler kritisiert: “Der Autor ernennt sich selbst zum Freiheitshelden. Indem er sich der Freiheit an die Brust wirft. Er assortiert Versatzstücke aus der Mottenkiste des Marktliberalismus. Und gibt sich der gängigen reinen Lehre hin, wonach jeder ausschliesslich seines eigenen Glückes Schmied ist, als hätte es nie so etwas wie die Soziale Marktwirtschaft gegeben.”

4. Eine Kampfansage
(fr-online.de, Peter Rutkowski)
Peter Rutkowski, Politik-Redakteur der “Frankfurter Rundschau”, fordert zum Abschluss der FR-Serie “Die Mythen der Rechten” mehr Selbstkritik der Medien und mehr persönlichen Einsatz und Haltung der Journalisten: “Die „vierte Gewalt“ der Demokratie bietet zu wenig Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit an. Manche Journalisten haben ihren moralischen Kompass eingetauscht gegen privates Glück und clevere Pensionspläne. Nichts gegen Familie und einen gesicherten Lebensabend, aber zum Journalismus sollte man aus einem Drang nach Aufklärung streben, gemäß dem nachkriegsdeutschen Medienmythos. Nicht, weil man „irgendwas mit Medien machen“ will. Auch nicht, weil es „die Hölle ist, aber immer noch besser als Arbeiten“.”

5. Podcasts als Frischzellenkur für Audio
(radioszene.de, Bernt von zur Mühlen)
Podcasts werden immer beliebter, sowohl in den USA als auch hier in Europa. Bernt von zur Mühlen schreibt fachkundig und unter Hinzuziehung von Beispielen und Zahlen über Entwicklung und aktuellen Stand des Mediums: “Jahrzehntelang schien es so, dass in der Audiowelt Musik das Primat hatte. Und Radio dazu verdammt war, ein Begleitmedium zu werden. Also nur für Musik taugte. Das dreht sich jetzt. Weil das Hören on-demand, das Storytelling, die Personality, die Show, das Hintergründige wieder nach vorne holt. Die Omnipräsenz von Smartphones als Ausspielgeräte, die Verbreitung über Social Media hat den Podcast vollständig mobil gemacht.”

6. „Zeit“-Unterschiede in der Flüchtlingsfrage
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon fragt sich in ihrer neuesten Kolumne, wie grün sich “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo und sein Vize Bernd Ulrich noch seien. Anlass sind die widerstreitenden Positionen der prominenten “Zeit”-Macher in der Flüchtlingsdebatte.

VG Showdown, Paralympics, Gedeckwarnung

1. Showdown im Hofbräukeller
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Es ist schon ein seltsames Schauspiel, das die VG Wort (“Gema der Autoren”) da bietet: Jahrelang hat man den Urhebern Millionen von Euros vorenthalten und das Geld stattdessen an die Verlage ausgeschüttet. Nachdem diese Praxis vom BGH als rechtswidrig eingeordnet wurde, korrigiert man den Fehler nicht, sondern sucht geradezu verzweifelt nach einem Weg, diese Praxis beizubehalten. Für Samstag hat die VG Wort eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Stefan Niggemeier bringt Licht in die Sache und erklärt die unterschiedlichen Interessenlagen.

2. Keine Gedeck-Interviews!
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband warnt vor Interviews mit der Schauspielerin Martina Gedeck. Diese bestehe auf inakzeptablen Interviewvereinbarungen. Der DJV-Bundesvorsitzender kritisiert insbesondere folgende Klausel: „Sofern Zitate auf dem Titel der Zeitung, in der Überschrift, in Unterüberschriften, Zwischenüberschriften oder Bildunterschriften bzw. in Falle der Hervorhebung durch Fettdruck im Fließtext verwendet werden, sind diese auch konkret mit Künstler abzustimmen.“ Welche Über- und Unterschriften der Journalist wähle, gehe die Interviewpartnerin jedoch nichts an, so der DJV-Bundesvorsitzender. Ebenso sei es nicht hinnehmbar, dass die Schauspielerin bei der Bildauswahl gefragt werden müsse.

3. Paralympics in Rio 2016 – Medienberichte
(leidmedien.de)
Anlässlich der Paralympics in Rio hat sich “Leidmedien” angeschaut, wie Journalistinnen und Journalisten über das Event berichten und in einer Übersicht besonders gelungene oder diskussionswürdige Artikel zusammengestellt. Außerdem gibt es praktische Tipps für die Berichterstattung über die Paralympics.

4. Jeder dritte Online-Leser kommt über Social Media oder Push
(persoenlich.com)
In der Schweiz wird das Mediennutzungsverhalten regelmäßig über den “Media Use Index” (MUI) abgefragt. Das Online-Portal der Schweizer Kommunikationswirtschaft “persoenlich.com” stellt die wichtigsten Erkenntnisse daraus vor. Danach habe die Internetnutzung per Tablet den Gebrauch von Tageszeitungen eingeholt, das Smartphone werde zum Messenger und Shopping-Tool, Snapchat und Instagram würden Facebook überholen, die News-Medien ihre Titelseiten verlieren und Streaming das klassische Fernsehen überholen.

5. Der alte und der neue Präsident
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Bevor sich Medienkolumnistin Ulrike Simon in den verdienten Urlaub verabschiedet, nimmt sie uns nochmal dorthin mit, wo sich die Medienfürsten, Zeitungstycoone und Honoratioren treffen. Im konkreten Fall war dies die Verabschiedung des Präsidents des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger (BDZV) Helmut Heinen und der erste Auftritt seines Nachfolgers Mathias Döpfner beim BDZV.

6. Xing – hartnäckig wie Herpes
(spiegel.de, Tom König)
Tom König hat seinen Xing-Account längst gekündigt, alle Newsletter deaktiviert und auch ansonsten alle Verbindungen zu dem Business-Netzwerk gekappt. Dennoch spammt ihn die “Online-Plattform für das Social-Networking neuer und bestehender Business-Kontakte” mit unerwünschten Nachrichten und Werbemails zu. “Vermutlich gibt es nur eine Möglichkeit, den Mails von Xing zu entrinnen. Man muss seinen Computer anzünden, seinen Wohnsitz abmelden und Mönch in einem Himalaja-Kloster werden. Aber wer weiß? Vermutlich würde selbst dort nach einigen Jahren ein lächelnder tibetischer Postbote auftauchen mit einem Telegramm aus der Heimat. Und darin stünde dann, in dicken schwarzen Lettern: “Peter N. wartet noch immer auf Ihre Antwort.””

Liveaufgezeichnet, Zuckerkram, Filterblasen

1. Die Sprachartisten vom Bayerischen Rundfunk
(fair-radio.net, Lennart Hemme)
In den Frühnachrichten bei Bayern 1 sollte alles klingen wie ein Live-Gespräch. Live war hier allerdings nur die Anmoderation, wie “Fair Radio” aufdeckt. In verschiedenen Nachrichtensendungen hätte derselbe Reporter “live” berichtet – mit derselben aufgezeichneten „Antwort“. Leider kein Einzelfall, das Ganze scheint System zu haben. Mit den Vorwürfen konfrontiert, versucht sich der Bayerische Rundfunk zunächst mit identischen Manuskripten herauszureden, doch die Analyse im Schnittprogramm beweist “alle Atmer, alle Pausen, alle Betonungen sind auf die Tausendstelsekunde identisch.”
UPDATE: Der Bayerische Rundfunk bestätigt nach Angaben von “Fair Radio” nun die Recherchen und spricht von einem Verstoß gegen Grundsätze. Man werde die Regeln “intern nochmals in Erinnerung rufen”.

2. Sind die Autoren so reich, dass sie ihr Geld verschenken können?
(wolfgangmichal.de)
Die VG-Wort trifft sich am Wochenende in München. Es geht um die Rückzahlung der Gelder, die laut Bundesgerichtshof zu Unrecht an die Verlage ausgeschüttet wurden. Die VG-Wort-Oberen wollen, dass die Autoren zugunsten der Verleger auf das Geld verzichten. Wolfgang Michal fehlt dafür jegliches Verständnis: “Es gehört nicht zu den Aufgaben der VG Wort, den Autoren berechtigte Vergütungsansprüche auszureden oder Verzichtsformulare aufzusetzen. Ginge es mit rechten Dingen zu, wäre es die Aufgabe der VG Wort, Irrtümer der Vergangenheit anzuerkennen und das den Verlagen unter Vorbehalt überwiesene Geld im Rahmen der üblichen Zahlungsfristen zurückzufordern. Dieses Vorgehen wäre die VG Wort den 179.000 Autoren schuldig. Stattdessen schlägt sie sich auf die Seite der Verlage und tut alles, um die Rückzahlung an die Autoren so schwer und langwierig wie möglich zu gestalten.”

3. “Mutterblues”-Autorin Silke Burmester: “Nur wenn du peinlich bist, bist du gut”
(kress.de, Anna von Garmissen)
Die vielen als “Kriegsreporterin” bekannte Silke Burmester hat kürzlich ihre Medienkolumne in der “taz” beendet. Nach sieben Jahren unermüdlichen Kampfs in einer “Branche der Schisser und Anpasser” hatte sie “keine Lust mehr, den Kopf hinzuhalten”. Nun hat sie ein Buch geschrieben. “Mutterblues” handelt vom Schmerz der Mütter, wenn das Kind aufhört Kind zu sein. Im Interview mit “Kress” erzählt sie, wie es zu dem Buch gekommen ist, über Schwierigkeiten und Vorteile ihrer journalistischen Tätigkeit und dem Konzept für ein neues Print- und Onlinemagazin, an dem sie gerade basteln würde.

4. US-Zeitungsverleger streichen “Zeitung” im Namen
(sueddeutsche.de)
Eine Meldung mit Symbolkraft: Der Verband der nordamerikanischen Zeitungsverleger, die “Newspaper Association of America”, benennt sich in “News Media Alliance” um. Grund sei die stark gesunkene Zahl von Zeitungen im Verband. Mit der Umbenennung öffne sich der Verband digitalen Portalen wie zum Beispiel “Buzzfeed”, “Mic” oder “Vice”.

5. “Fernsehwerbung kostet immer mehr”
(haz.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon hat mit einem mächtigen Kunden der Medienindustrie gesprochen. Uwe Storch heißt er und ist Mediachef des Süßwarenherstellers Ferrero. Sein Werbeetat für Nutella, Duplo, Mon Chérie, Tic-Tac und Co.: Mehr als 400 Millionen Euro und das jedes Jahr aufs Neue. Der überwiegende Teil entfalle dabei auf klassische TV-Spots. Fernsehen sei nach wie vor ein reichweitenstarkes Medium, hätte jedoch an Kraft verloren: “Wenn in absoluten Zahlen weniger und immer die gleichen Menschen den einzelnen Spot sehen, müssen wir entsprechend mehr Spots schalten, um die Reichweite stabil zu halten. Dadurch steigen unsere Kosten. Um es auf den Punkt zu bringen: Fernsehwerbung kostet immer mehr, leistet aber immer weniger.”

6. Von wegen Algorithmen: Unsere Filterblasen sind pure Handarbeit
(t3n.de, Mario Sixtus)
Mario Sixtus schreibt über das Filterblase genannte Phänomen, dass Internetseiten über spezielle Algorithmen dem Benutzer nur Informationen anzeigen, die mit den bisherigen Ansichten des Benutzers übereinstimmen und ihn in einer “Blase” isolieren würden. Sixtus sieht das Problem vor allem auf der anderen Seite des Bildschirms: “Weder Facebooks Sortier-Ranking „Edge“ noch Googles Versuche der individualisierten Ergebnisausgabe kleben die Filterblasen dicht. Die Bubbles sind pure Handarbeit. Algorithmen sind bislang schlicht zu dumm für die Herstellung solch filigraner Filtergebilde und werden das auf absehbare Zeit auch bleiben.”

Live-Justiz, Aufmerksamkeitswellen, Cover

1. Live-Übertragung in Gerichten
(blog.tagesschau.de, Frank Bräutigam)
Die “FAZ” ist vor einigen Tagen unter der Überschrift “Recht im Zirkus” kritisch auf die Pläne für mehr Fernsehen im Gerichtssaal eingegangen. Reinhard Müller schrieb in seinem Kommentar: “Das wird zu einer Live-Justiz führen – mit Showmastern, Clowns und Opfern.” Der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam sieht das anders und erläutert im Blog der “Tagesschau”, worum es aus seiner Sicht wirklich geht.

2. Kölner Sonderrolle in der medialen Eskalationsspirale
(welt.de, Christian Meier)
“Welt”-Medienredakteur Christian Meier hat sich mit den Aufmerksamkeitswellen nach Terroranschlägen oder anderen Schreckensnachrichten beschäftigt. Das mediale Interesse hielte normalerweise nicht lange an. Es gebe aber auch Ausnahmebeispiele wie die Kölner Silvesternacht. Generell warnt Meier vor einer medialen Eskalationsspirale. Es bestünde die große Gefahr, dass Ereignisse überinterpretiert werden würden. “Die Beschäftigung mit den laufenden Herausforderungen unserer Gesellschaft findet mittlerweile 24/7 statt, ohne Atempause. Das wird so bleiben. Dennoch ist eine Einsicht nötig: Überfordern wir uns nicht.”

3. Zunehmende Einflussnahme Chinas
(reporter-ohne-grenzen.de)
Anlässlich der bevorstehenden Wahl zum Legislativrat in Hongkong fordert “Reporter ohne Grenzen” die Behörden der chinesischen Sonderverwaltungszone zu einer Kehrtwende in Sachen Medienpolitik auf. Zensur, willkürliche Lizenzvergaben und die Benachteiligung unliebsamer Medien hätten zu einem stetigen Verfall der Pressefreiheit geführt. „Die Selbstzensur in Hongkongs Medien entsteht nicht im luftleeren Raum: Medieneigentümer, Chefredakteure und wichtige Anzeigenkunden schaffen ein Klima der Einschüchterung gegen kritische Journalisten“, so ROG-Vorstandssprecher Rediske. Die Hauptverantwortung für die Repressalien liege jedoch bei der politischen Führung in Peking, deren unsichtbare Hand immer öfter in Hongkonger Redaktionen hineinregiere.

4. Vorwürfe gegen Asylzentrum Kreuzlingen entkräftet
(srf.ch)
Auf der Webseite des “Schweizer Radio und Fernsehen” (SRF) wird über einen bereits des Längeren bekannten Vorgang berichtet, der mittlerweile von offizieller Stelle untersucht wurde. Ein deutscher Journalist hätte sich im Asylzentrum Kreuzlingen als Asylsuchender ausgegeben. Später hätte er die Zustände in einem Zeitungsartikel kritisiert, worauf das Staatssekretariat für Migration die Vorwürfe untersuchen ließ. Der offizielle Schlussbericht entlaste das Sicherheitspersonal, gebe aber auch Empfehlungen, z.B. zur Weiterbildung des Sicherheitspersonals.

5. Kritische Fragen nicht mehr zeitgemäß
(taz.de, Ralf Leonhard)
Seit 45 Jahren gibt es in Österreich das sogenannte “Pressefoyer”, bei dem Kanzler und Vizekanzler der Presse für Fragen jeder Art zur Verfügung standen. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat die Institution nun abgeschafft und will sie durch einen Blog ersetzen. Journalistengewerkschaft und Presseverbände würden die Entscheidung in einem gemeinsamen Kommuniqué bedauern, so Ralf Leonhard in der “taz”.

6. Lead Awards: Jury-Vorsitzender kritisiert Blattmacher
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Im Oktober werden wieder die Lead-Awards verliehen. In diesem Jahr sei es der Jury schwergefallen, überhaupt ein paar Magazin-Cover zu finden, die eine Nominierung verdient hätten. Im Haus der Photographie in Hamburg kann man sich auf 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche alle von der Lead Academy nominierten Arbeiten ansehen. Ulrike Simon hat sich den Jury-Vorsitzenden und ehemaligen “Tempo”-Chef Markus Peichl für einen Rundgang geschnappt. Von einer “mauen Auswahl” und “Notlösung” ist die Rede und von den eigentlich notwendigen Tugenden von Covermachern: „Mut. Unverfrorenheit. Selbstvertrauen“.

Fotoverbot, Revolverblatt, Fußballdoping

1. Wer auf sozialen Netzwerken Bilder von Polizeiaktionen gegen Burkini-Trägerinnen teilt, wird verklagt
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
An einigen französischen Badeorten ist das Tragen von körperverhüllender muslimischer Schwimm-Bekleidung verboten. Nun sorgten Bilder für weltweite Empörung und Verwunderung, auf denen man sehen kann, wie eine Frau in Nizza von vier Polizisten am Strand gezwungen wird, Kleidung abzulegen. Zukünftig wollen die französischen Behörden klagen, wenn Bilder derartiger Polizeimaßnahmen in sozialen Medien verbreitet werden. Man begründet dies damit, dass die Aufnahmen der Polizeiaktion zu Beleidigungen und Drohungen gegen die Polizeibeamten geführt hätten.

2. Wieder über 50.000 Euro”
(taz.de, Ilija Matusko)
Die “taz” setzt bei ihren Bezahlmodell “taz.zahl ich” auf Freiwilligkeit und Solidarität. Über 8.000 Menschen würden mit ihren Unterstützungszahlungen dafür sorgen, dass es auf der Webseite keine Tagespässe oder Bezahlschranken gibt. Im Monatsbericht Juli werden die Zahlen genau aufgeschlüsselt.

3. Schritt für Schritt zur Webreportage: Adobe Spark
(get.torial.com, Peter Gardill-Vaassen)
Für Journalisten ist Mobilität immer wichtiger. Von unterwegs eine ansprechende Webreportage produzieren, das soll mit “Adobe Spark Page” gelingen. Peter Gardill-Vaassen hat sich das Tool angeschaut und eine kleine Reportage damit gebastelt. Das Fazit: Die kostenlose Software sei einfach zu bedienen und hinterlasse einen professionellen Eindruck, die fertigen Dateien würden jedoch auf Adobe-Servern liegen und müssten eingebunden werden.

4. Dopingberichterstattung im Fußball: Das Nähe-Distanz-Problem
(fachjournalist.de, Moritz Belmann & Paul Schönwetter)
Über Doping im Fußball wird wenig berichtet, man könne fast denken, dass die Deutschen keine kritische Fußballberichterstattung wollen, so Moritz Belmann und Paul Schönwetter. Für Journalisten sei es schwer, aus dem System von Abhängigkeiten auszubrechen: “Die Journalisten scheinen gefangen in einem System Fußball, dessen Selbstverteidigung immer besser wird. Einige versuchen sich als Dopingjäger und verlassen den objektiven Pfad im Sportjournalismus. Mit der professionellen Ausrichtung der Vereine, gerade im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und PR, verstärkt sich die Abhängigkeit der Journalisten, um Informationen zu erhalten. Nur ein Insider, der auspackt und ein eventuelles System offenlegt, oder ein erster großer Dopingfall im Fußball können daran etwas ändern.”

5. Wahlkampf: Die BaZ ballert sich ins Abseits
(tageswoche.ch, Gabriel Brönnimann)
Gabriel Brönnimann kommentiert die Linie der “Basler Zeitung”, die sich derzeit im Wahlkampf-Modus befinde. Weil dem, wie er es bezeichnet, “Revolverblatt” der nötige Pulverdampf fehle, schieße man selber scharf und erkläre Basel mit alarmistischen Artikeln zur Gefahrenzone. Brönnimann hat sich die von der “Basler Zeitung” verbreiteten Zahlen angeschaut und kommt zum Schluss: “Der BaZ-Mix aus statistisch nichtssagenden Tatbeschreibungen und ausgewählten Beschreibungen der Herkunft der mutmasslichen Täter ist ein Gift-Cocktail, nichts weiter.”

6. Von wegen Altpapier!
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Da wo andere digitalisieren, dass der Scanner glüht, verlässt sich “RND”-Kolumnistin Ulrike Simon auf ihr analoges Archiv aus Dutzenden von Aktenordnern: “Mir ist klar, dass mich einige für meine altmodische Art, Unterlagen zu horten, auslachen. „Steht doch alles im Netz“, werden die einen sagen. Ach ja? Auch der vor Jahrzehnten verfasste Gesellschaftervertrag vom Spiegel-Verlag? „Kann man doch alles einscannen und auf Festplatte speichern“, werden die anderen sagen. Könnte man, ja. Aber würde es helfen, den Ellbogen beim Schreiben auf die Festplatte zu legen, um sich an sein Wissen zu erinnern?”

Kampfhunde, Kioskmisere, Kronenzeitung

1. Britische Medien in der winzigen Blase von Westminster
(Peter Stäuber, medienwoche.ch)
Der in London arbeitende Korrespondent Peter Stäuber über den Einfluss der britischen Medien auf Politik und einzelne Politiker: “Journalisten in England treten im Umgang mit Labour-Chef Jeremy Corbyn nicht als Wachhunde der Demokratie auf, sondern als Kampfhunde. Selbst der als links geltende «Guardian» übt sich nicht eben in fairer Kritik am polarisierenden Parteichef.”

2. Ausbildung statt Ausbeutung
(buchreport.de)
Kurzes Interview mit der Vorsitzenden des Vereins “Junge Verlagsmenschen” Lena Augustin, in dem es vor allem um die Rechte und die Entlohnung von Volontären in Verlagen geht: “Der Mindestlohn ist, wie es der Name schon sagt, das Mindeste. Verlage, die darunter bleiben, rechtfertigen sich mit dem Argument, Volontariate seien Ausbildungsverhältnisse. Nach unserer Ansicht ist das Volontariat aber eine Einstiegsstelle, weil wir wissen, dass viele Volontäre schon sehr schnell dieselbe Arbeit wie festangestellte Kollegen verrichten. Unser Vorschlag: Verlage könnten mit einem Gütesiegel zeigen, dass sie fair ausbilden. Das Volontariat dauert nicht länger als 2 Jahre, es gibt klar definierte Ziele und feste Ansprechpartner im Verlag – das wären zentrale Kriterien für ein solches Siegel.”

3. Verwirrung um Sky-News-Bericht über Waffenschmuggel
(derwesten.de, Christine Holthoff)
Wer sagt die Wahrheit: Der britische Sender “Sky News” mit seiner Behauptung, Mafiagangs in Rumänien würden für 1.700 Euro Sturmgewehre an jedermann verkaufen? Oder die rumänische Anti-Korruptions-Behörde “Diicot”, die von einer gefakten Inszenierung spricht? Christine Holthoff berichtet über das rumänische Waffen-Verwirrspiel.

4. Aus dem Alltag eines Zeitungshändlers
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Immer weniger Menschen kaufen gedruckte Zeitungen. Das hat meist etwas mit Medienwandel, manchmal aber auch mit Schludrigkeit und kaufmännischem Unvermögen zu tun. Auf diesen Gedanken kann man jedenfalls kommen, wenn man Ulrike Simons Kolumne liest. Der Kioskhändler ihres Vertrauens hat ihr die Misere anhand seiner Kassenzettel erläutert. Daraufhin hat sich Simon ans Telefon gehängt und den zuständigen Geschäftsführer des Pressevertriebs ins Gebet genommen.

5. Slightly More Than 100 Exceptional Works of Journalism
(theatlantic.com, Conor Friedersdorf)
Conor Friedersdorf kuratiert den wöchentlich erscheinenden Newsletter “The Best of Journalism”. Für “The Atlantic” hat er die, seiner Ansicht nach, lesenswertesten 100 Stücke Journalismus zusammengestellt. Eine sensationelle (wenn auch englischsprachige) Fundgrube, die über verregnete Sommer hinweghelfen kann. Mehrere…

6. Liebe @krone_at , eure Grafik war ein wenig abgeschnitten, ich hab sie mal korrigiert
(twitter.com, @sonstwer)
Die österreichische “Kronenzeitung” hat ein Diagramm der “Mindestsicherungsbezieher in Wien nach Land” veröffentlicht, das grob verfälschend ist. @sonstwer hat die Verhältnisse auf Twitter optisch geradegerückt. (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken, die von der mittigen dünnen weißen Linie getrennt werden)

Pressegefängnis Türkei, Podcast-Aufwind, Kneipenverleger

1. Eines Nachts, unvermutet
(faz.net, Bülent Mumay)
“Vergangene Woche wurde ich in Istanbul verhaftet. Man warf mir vor, die Putschisten zu unterstützen. Jetzt bin ich wieder auf freiem Fuß – und noch entsetzter über mein Land als zuvor.” So beginnt der erschütternde Bericht des türkischen Journalisten Bülent Mumay, der letzten Dienstag mit drei anderen Verhafteten in eine sechs Quadratmeter große Zelle gesperrt wurde. Nach drei Tagen bei Mangelernährung, Dauerlicht und ohne Bett wurde er wieder freigesetzt; der Staatsanwalt konnte trotz angestrengten Googelns und dem Besuch von Mumays LinkedIn-Profils nichts Vorwerfbares finden.

2. Die Alte Tante und ihre neuen deutschen Freunde
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Noch vor sechs Jahren wurde der Bedeutungsverlust der “NZZ” als Weltblatt beklagt, doch heute steht das Schweizer Blatt so stark wie noch nie da, vor allem in Deutschland. Nick Lüthi in seiner ausführlichen Analyse: “Mit seiner Refokussierung auf einen Liberalismus ohne erklärende Etiketten trifft NZZ-Chefredaktor Eric Gujer in Deutschland offenbar den rechten Zeitgeist. Auch wenn beileibe nicht alle deutschen Leserinnen und Leser die politische Haltung der Merkel-, Islam- und einwanderungskritischen NZZ-Gastautoren teilen, so gibt es unter ihnen eine mitteilungsfreudige Minderheit, welche die Essays und Kommentare als Bestätigungsprosa liest.”

3. Plattformen rücken der Podcast-Community auf die Pelle
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die Podcast-Szene zeichnet sich durch viele Enthusiasten aus, die mit viel Liebe und meist ohne große kommerzielle Erwartungen ihre Hörangebote ins Netz speisen. Doch nun entdecken Streaming-Plattformen wie Soundcloud, Spotify oder Audible den wachsenden Markt für sich. Markus Reuter hat die Entwicklung zusammengefasst und sich umgehört, was die Podcaster dazu sagen.

4. Merkels Presseamt beobachtet Putin-Sender “RT Deutsch”
(stern.de, Hans-Martin Tillack)
Das vom russischen Staat finanzierte Webangebot “RT Deutsch” (Russia Today) konnte sich seit dem Start Ende 2014 trotz (oder wegen) oft umstrittener Beiträge eine Fangemeinde aufbauen. Zu den regelmäßigen Lesern gehört auch das Bundespresseamt, welches nach Recherchen des “Stern” fast seit Beginn mitliest, mitschaut und ggf. mitprotokolliert. Letzteres durchaus kritisch, wie die Notizen aus den Protokollen belegen.

5. Böse, verrückt oder ein Würstchen?
(zeit.de, Thomas Fischer)
Der von vielen kultisch verehrte, in letzter Zeit aber auch kritisierte BGH-Richter und “Zeit”-Kolumnist Thomas Fischer (“Fischer im Recht”) antwortet auf einen Artikel in der FAZ. Wie immer im kraftvollen und metaphernreichen Fischer-Style, der dem Leser einiges an Orientierungs-, Durchhalte- und Abstraktionsvermögen abverlangt.

6. Kneipenwirte sind auch keine besseren Verleger
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Was Ulrike Simon in ihrer Kolumne erzählt, hätte man sich als filmische Umsetzung von Helmut Dietl gewünscht: Als eine Art “Monaco Franze vom Wendland”. Eine Story um einen umtriebigen und lang gedienten Reporter, der mit einem Kneipenwirt bei Bier und Schnaps ein Magazin in hochwertiger Ausstattung erfindet (“Landluft”) und für die Beiträge einige berühmte Namen engagiert. Und sich jetzt mit seinem “Kneipenwirtverleger” auseinanderdividiert hat, um mit seinen 74 Lenzen zu neuen Ufern aufzubrechen.

Körperbeschimpfung, Salafistenrazzia, Olympia-Maulkorb

1. Körperbeschimpfung als Kampfmittel
(zeit.de, Catherine Newmark)
Frauen, die sich öffentlich äußern, schlägt viel Hass entgegen. Doch warum werde gerade jetzt das Klischee der hässlichen Emanze wiederbelebt, fragt Kulturjournalistin Catherine Newmark in der “Zeit”. Newmark greift Vorgänge aus der unmittelbaren Vergangenheit auf wie den Disput zwischen den Autoren Stefanie Sargnagel und Thomas Glavinic und schließt zum Ende hin mit “…es wäre von Vorteil, sich wieder mal klar zu machen, dass Feminismus und Genderforschung keine überflüssigen Hobbys gebildeter Frauen sind oder gar ein ideologischen Verblendungszusammenhang, der weltverschwörerisch an der Natur vorbeizuregieren sucht.”

2. Brexit: So haben die Zeitungen in Europa berichtet
(de.ejo-online.eu)
Das Team des “European Journalism Observatory” hat in einer aufwändigen Untersuchung die Brexit-Berichterstattung von jeweils drei Zeitungen aus elf europäischen Ländern, Russland und den USA unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die Zeitungen hätten mit einer überwältigenden Mehrheit negativ über die Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, berichtet.

3. Salafisten gewarnt? NP weist Vorwurf zurück
(ndr.de)
Hat die Zeitung “Neue Presse” aus Hannover beim “Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim” (DIK) angerufen und diesen vor einer geplanten Razzia gewarnt, wie Niedersachsen Innenministers Boris Pistorius zunächst behauptete? Die “Neue Presse” weist den Vorwurf als “falsche Anschuldigung” zurück. Der “NDR” hat über die zu Grunde liegende Thematik berichtet und mit den zuständigen Stellen gesprochen.

4. Hochkonjunktur fürs E-Paper
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
RND-Kolumnistin Ulrike Simon wundert sich, warum bestimmte Zeitungen ihre E-Paper nur über relativ kurze Zeiträume für ihre Abonnenten bereithalten. Bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ würden sich die digitalen Ausgaben bis maximal drei Wochen nach Erscheinen abrufen lassen, bei der „SZ“, „FAZ“, „Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ sogar nur sieben Tage. Simon hat sich mit den Verantwortlichen unterhalten, die zunächst gute Gründe dafür anführen. Doch die Lage sieht wohl etwas anders aus, wie sich später herausstellt.

5. Nachrichten in Zeiten der Aufregung
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Der Leiter der Deutschlandfunk-Nachrichten Marco Bertolaso überlegt, wie eine Nachrichtenredaktion heutzutage mit Situationen wie dem Münchner Amoklauf umgehen kann. Es ist ein Spagat aus Eilmeldungen, Echtzeitberichterstattung und journalistischer Gründlichkeit, den Bertolaso beschreibt: “Wir müssen dem Druck der Eilmeldung widerstehen. Wir melden, was wir für bestätigt halten. Diese alte passive Tugend reicht aber alleine nicht mehr. Wir müssen uns auch aktiv daran beteiligen, Gerüchte und Unterstellungen einzufangen, bevor sie politisch-gesellschaftliche oder andere Folgen haben.”

6. Social-Media-Maulkorb: Unerlaubte Worte, Hashtags und Re-Tweets bei den Olympischen Spielen
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Bald finden die Olympischen Spiele in Rio statt. Das Internationale Olympische Komitees (IOC) hat ein Regelwerk zur Berichterstattung veröffentlicht, das “Netzpolitik”-Autor Markus Reuter zu Recht als “Social-Media-Maulkorb” bezeichnet. Der hyperaktive Markenschutz des IOCs könne das Spektakel in Rio zu einer Abmahnfalle machen. Wer mit einem Unternehmensaccount etwas über die Olympischen Spiele in sozialen Medien postet, begebe sich auf ein juristisches Minenfeld. Markus Reuter hat am Ende seines Beitrags eine kleine “olympische Übung” zusammengestellt und fragt im Rahmen eines Tests bei einigen denkbaren Konstellationen, ob erlaubt oder verboten. Ein Stück Realsatire, über das man herzhaft lachen könnte, wenn es nicht so bitter wäre.

Intransparenz, Rutschunfall, Wortallergien

1. „Honorare offenlegen!“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber vom “Tagesspiegel” hat sich mit dem Justiziar des Südwestrundfunks unterhalten, der in der ARD federführend für das Rundfunkgebührenrecht zuständig ist. Es geht um den geheimnisvollen ARD-Vertrag mit Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl. Huber erkundigt sich danach, wann die ARD die vielbeschworene Transparenz walten lasse und die Honorare ihrer Experten, Moderatoren und anderer Vertragspartner offenlege: “Ist das nicht ulkig? Ich weiß, was jeder Intendant einer ARD-Anstalt verdient, aber das Honorar für Mehmet Scholl oder Anne Will bleibt ein Sendergeheimnis.”

2. Männer machen Medien
(medienwoche.ch)
“Medienpranger.ch” versteht sich als Blog gegen sexistische Berichterstattung in Schweizer Medien. Die Autorinnen des Watchblogs haben für die “Medienwoche” einen Gastbeitrag verfasst, in dem sie ihre Motive erklären und auf typische Muster frauenfeindlicher Berichterstattung und Rollenklischees hinweisen, die sie als die Wurzel des Problems betrachten.

3. Wo war BILD?
(djv.de, Hendrik Zörner)
Auf der Ausstellungseröffnung “PresseFoto Hessen-Thüringen 2015” gab es bereits bei der Eröffnung kritische Worte über die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen von Bildjournalisten. Hendrik Zörner macht für die Abwertung des Fotografenberufs auch die “BILD” und die von ihr erfundenen “Leser-Reporter” verantwortlich. “Und die Bildjournalisten, die für BILD arbeiten? Ihre Honorare liegen bei rund 50 Euro pro Foto – eine Unverschämtheit gegenüber den fürstlichen Gagen, die die Leser-Reporter bekommen. Wie lange wollen sich die Kollegen Springers Honorarpolitik noch gefallen lassen?”

4. 10 Texte zur Journalistenausbildung – Jetzt geht es ans Auswerten
(journalist.de)
Die Branchenseite “journalist.de” und das Onlinemagazin “vocer.org” haben im Mai gemeinsam eine Serie zur Ausbildung von Journalisten gestartet. Mittlerweile sind zehn Teile zusammengekommen, in denen vor allem junge Journalisten erzählen, welche Inhalte für eine zeitgemäße Ausbildung wichtig sind. In einer Übersicht werden die Beiträge vorgestellt und verlinkt.

5. Rutschunfall bei „Netzwerk Recherche“-Recherche
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Wenn Paul-Josef Raue, langjähriger Zeitungschef, Mitverfasser des Werks „Das neue Handbuch des Journalismus“ und Autor von Artikeln wie Recherchiere immer, von der Jahrestagung des „Netzwerkes Recherche“ berichtet, bei der er selbst auf dem Podium saß, freut man sich besonders auf eine spätere Einordnung. Raue hat dies auf “kress.de” getan und dabei eine ganze Reihe von Personen genannt und zitiert, die gar nicht auf der Veranstaltung waren.

6. Noch und nöcher
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
RND-Kolumnistin Ulrike Simon leidet unter Wort-Allergien. “Content” ist eines dieser Allergene. Zum anaphylaktischen Schock kommt es bei Simon jedoch, wenn Interviewpartner nachträglich das Wörtchen “noch” einfügen.

Kriegspropaganda, Buchblogs, Pokémon Leave

1. Nach Tony Blair auch die Medien hinterfragen
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Der Schweizer Journalist Urs P. Gasche geht mit dem Westen und den westlichen Medien ins Gericht. Blair und Bush hätten mit Lügen den Krieg gegen Irak entfacht und auch Schweizer Medien hätten die US-Propaganda als Tatsachen verbreitet. “In Konfliktsituationen versuchen alle Parteien, die Öffentlichkeit mit einseitigen, irreführenden und sogar gefälschten Informationen zu manipulieren. Die USA und ihre Verbündeten sind darin keinen Deut besser als etwa das Regime Baschar al-Assads oder Putins Russland.” Erhebliche Skepsis sei angebracht, so Gasche in seinem ausführlichen, mit Beispielen gespickten Artikel. Eine Skepsis, die sich im letzten Satz des Beitrags widerspiegelt: “Welche Medien haben aus der Vergangenheit gelernt?”

2. Interviewarten: Gut zu wissen, bevor man fragt
(abzv.de, Mario Müller-Dofel)
Weil manchen, vor allem jungen Journalisten die Unterschiede zwischen den Interviewarten nicht klar seien, hat Mario Müller-Dofel eine Übersicht zusammengestellt, die auch nach sachlicher und emotionaler Kommunikation der wichtigsten Arten unterscheidet. Denn ehe Interviewer sich ihre Interviewziele klarmachen, solle ihnen klar sein, welche Interviewart zum Thema und Gesprächspartner passe. Müller-Dofel macht den angehenden Journalisten zum Schluss Mut: “Augenhöhe hat nichts mit dem Alter, sondern mit Akzeptanz beim Gesprächspartner zu tun. Die können sich junge Journalisten durch eine vorausschauende, professionelle Kommunikation erarbeiten.”

3. Charta für mehr Qualität
(horizont.net, Ulrike Simon)
Auf der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche am vergangenen Wochenende in Hamburg haben mehrere Journalistenschulen eine gemeinsame Charta vorgestellt, mit der sie sich erstmals freiwillig auf einige Mindeststandards verpflichten. Ulrike Simon fasst in einem Kurzbeitrag die begleitende Diskussion zusammen.

4. Was lesen Buchblogger: Eine neue Analyse mit Visualisierungen und Statistiken
(lesestunden.de, Tobias Zeising)
Buchblogger Tobias Zeising hat die Rezensionsschwerpunkte von 500 Literatur- und Schmöker-Blogs ausgewertet. Als Grundlage dienten ihm von “Lovelybooks” und “Goodreads” abgeleitete Daten. Rund 65.000 Bücher flossen in die Auswertung ein. Bei den Genres lagen auf den ersten drei Plätzen Jugendbuch, Roman und Fantasy, gefolgt von Krimis und Thrillern. Zeising hat aber noch unzählige weitere interessante Dinge aus den Daten abgeleitet wie die Geschlechterverteilung, eine Hitliste der zehn von Buchbloggern meistgelesenen Büchern und viele weitere Detailfakten.

5. Was fließt hier eigentlich?
(meta-magazin.org, Axel Bojanowski)
“Spiegel Online”-Wissenschaftsredakteur Axel Bojanowski hat vor einiger Zeit einen Leserbrief erhalten, in dem es im weitesten Sinne darum ging, welche Formulierungen zur Beschreibung von wissenschaftlichen Sachverhalten angemessen sind und ob die Verwendung unscharfer Metaphern erlaubt sei. Bojanowski hat den Leserbrief ausführlich beantwortet und unter anderem festgestellt: “Ich glaube, man muss unterscheiden, ob man Wissenschaft erzählen oder darstellen will. Bei der exakten Darstellung können Metaphern hinderlich, ja destruktiv sein. Beim Erzählen müssen jedoch die Regeln guter Geschichten gelten, also Poesie, Spannung, Sprache, Assoziationen aus der Welt des Lesers, Verknüpfungen mit der Alltagswelt. Ansonsten scheitert das Erzählen, es wäre vergeblich.”

6. Datenschutzerklärung von „Pokémon Go“: Großzügige Erlaubnis zur Datenweitergabe an staatliche Stellen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Obwohl Nintendos Handy-Spiel “Pokémon Go” in Europa noch nicht offiziell in den App-Stores verfügbar ist, gibt es im Netz bereits unzählige Berichte und Screenshots des gefeierten Augmented-Reality-Games. “Netzpolitik.org” gibt zu bedenken, dass sich die Betreiber weitreichende Rechte zur Datenübertragung einräumen lassen. Auch Heise-Security-Autor weist in seinem Beitrag Pokémon Go greift sich alle Google-Rechte darauf hin, dass die App alle Mails lesen, auf Daten im Google Drive zugreifen und selbst Mails im Namen des Nutzers verschicken kann.

Demontage, Blamage, Hommage

1. „In welcher Welt lebt Björn Höcke eigentlich?“
(handelsblatt.com, Dietmar Neuerer)
Thüringens AfD-Fraktions- und Landeschef Björn Höcke hat seiner Partei angesichts des Führungsstreits die Empfehlung gegeben, gegenüber Pressevertretern keinerlei Erklärungen mehr abzugeben. Er nannte es “ein grundsätzliches und allgemeingültiges Pressemoratorium”. Der Chef des Journalistenverbands Frank Überall erklärte dem “Handelsblatt” gegenüber: “In welcher Welt lebt Björn Höcke eigentlich? Ein Pressemoratorium ist zum einen mit dem verfassungsmäßigen Auftrag der Parteien zur politischen Willensbildung unvereinbar, zum anderen halten das die AfD-Politiker doch gar nicht durch.” “Handelsblatt”-Reporter Dietmar Neuerer fasst den Selbstzerfleischungsvorgang der AfD zusammen, einschließlich des genauen Zeitablaufs.

2. Türkische Journalisten: Gegen die Schere im Kopf
(ostpol.de, Cicek Tahaoglu)
Die Journalistin Cicek Tahaoglu ist Redakteurin beim unabhängigen türkischen Portal „Bianet“ und beobachtet bei sich und Kollegen eine fortschreitende Selbstzensur. “Das passiert sogar mir, aber bei Bianet motivieren wir uns, mutig zu sein. Wenn ich merke, dass ich mich selbst zensiere, frage ich mich, was ich tue und korrigiere meine Fehler. Aber die sogenannte Schere im Kopf ist nicht verwunderlich, schließlich kann alles, was du schreibst, gegen dich verwendet werden.”

3. Vertrauen zur NZZ – und Tausende Franken sind weg
(infosperber.ch, Christian Müller)
Eine ganzseitige “NZZ”-Eigenanzeige bewarb ein von einem österreichischen Reisebüro durchgeführtes Opern- und Musicalarrangement. 15 NZZ-Abokunden haben sich für den Musikabend entschieden, der mit einem Preis von 4.263 Euro nicht ganz billig war. Nun ist der Veranstalter pleite und das Geld der Leser wohl futsch. Juristisch sei im vorliegenden Exklusiv-Kultur-Empfehlungsdebakel die NZZ natürlich nicht haftbar, schreibt Christian Müller. Doch ganz wohl ist ihr wohl auch nicht. Man will den LeserInnen deshalb zur Entschädigung (“zusätzlich zu den Anstrengungen…”) ein Jahr lang kostenlos die NZZ zustellen und je zwei Tickets für das Opernhaus Zürich “offerieren”.

4. „Lügenpresse“: Worum geht es hier eigentlich?
(telemedicus.info, Simon Assion)
Simon Assion ist Rechtsanwalt und Mitgründer des juristischen Internetprojekts “Telemedicus”. In einer längeren Stellungnahme setzt er sich mit der Fundamentalkritik des “Lügenpresse”-Begriffs auseinander. Er geht darin auch auf das Auslassen von Informationen ein, das oftmals kritisiert wird und weist darauf hin, “dass Medienunternehmen und Journalisten zu Recht auch dafür Verantwortung übernehmen, welche Folgen ihre Berichte auslösen. Und dies gilt eben nicht nur für Selbstmorde, sondern – in Abstufungen – auch für die Berichterstattung über bestimmte Volks- oder Religionsgruppen. Und ganz allgemein für die Berichterstattung über hass- und angstgetriebene Themen wie z.B. Vergewaltigungen.”

5. Die Verabredung, sich öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leisten, gilt für viele offenbar nicht mehr.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jedes Jahr gibt es im ZDF das berühmte Sommer-Interview mit Spitzenpolitikern. Die Gesprächsreihe hat Tradition und geht auf die Sendung “Bonn direkt” in den 1980er Jahren zurück. Seit einiger Zeit liegt das Interview in Echtgrünkulisse in den Händen von Bettina Schausten und Thomas Walde. “Welche Absprachen gibt es dabei? Warum gibt Angela Merkel kein Interview in ihrem Wahlkreis? Und warum hat das ZDF noch nie Edward Snowden interviewt?” Jakob Buhre von “Planet Interview” hat den Spieß umgedreht und die Interviewer interviewt.

6. Zum 70. Geburtstag von Stefan Aust. Ein Nachtrag
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Stefan Aust war lange Jahre Chefredakteur des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel”, seit 2014 ist er Herausgeber der Tageszeitung “Die Welt”. Zu seinem 70. Geburtstag hat er auf sein Gestüt eingeladen (Aust gilt als passionierter Pferdezüchter). Medienkolumnistin Ulrike Simon ist es gelungen, ein Exemplar der achtseitigen Sonderausgabe der „Welt“ zu ergattern, die man für den Jubilar erstellt hat. Als „Hommage an einen Aufrechten“… Im Buzzfeed-Stil führt sie einige der Highlights auf: “Diese 14 Zitate verraten Ihnen, wie Stefan Aust wirklich ist”.

Prestigefrage, Frauenfrage, Haltungsfrage

1. Justiz blockt Neonazi-Watchblog
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
Der “Tagesspiegel” berichtet über das Neonazi-Watchblog “Störungsmelder”, das seit neun Jahren bei den Kollegen von der “Zeit” gehostet werde. Dort würde fortlaufend über die rechte Szene berichtet, auch wenn sie mal nicht im Fokus der Öffentlichkeit stünde. Zuletzt beispielsweise über einen “Identitären”-Aufmarsch in Berlin, Verbindungen von Russlanddeutschen zur extremen Rechten und eine Sonnenwendfeier im schwäbischen Landkreis Neu-Ulm. Doch die “im besten Sinn journalistische Arbeit” hätte einen empfindlichen Dämpfer bekommen: Das Verwaltungsgericht Augsburg sehe im “Störungsmelder” kein Presseorgan und habe deshalb einem der Autoren die Auskunftsrechte gegenüber Behörden verweigert.

2. Benjamin Carter Hett: “Für den Spiegel ist das eine Prestigefrage”
(wolfgangmichal.de)
Das neue Buch des US-amerikanischen Historikers Benjamin Carter Hett über den Reichstagsbrand stellt die These vom Einzeltäter in Frage. Diese sei in den fünfziger Jahren vom “Spiegel” in die Welt gesetzt worden, so Wolfgang Michal auf seiner Seite. Nun ducke sich der “Spiegel” weg und sähe keinen Grund zur Selbstkorrektur. Während Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust in der “Welt am Sonntag” fünf Druckseiten für Hetts Buch freigeräumt hätte, sei es dem “Spiegel” bis heute keine Zeile wert. Wolfgang Michal hat mit dem Autor über die Gründe gesprochen und ihn nach den Ergebnissen seiner Recherchen gefragt.

3. Hartmut Schneider: „Blessuren gelten als Statussymbol“
(augenzeugen.info, Frank Überall)
Seit Jahren hält Hartmut Schneider photographisch Aufmärsche und Veranstaltungen von Neonazis fest – zu journalistischen, aber auch zu Dokumentationszwecken. Frank Überall hat ihn im Interview u.a. gefragt, warum er so viel Zeit auf solchen Veranstaltungen verbringen würde, auch wenn damit meist kein Geld zu verdienen sei. Schneider berichtet von aus dem Ruder gelaufenen Demos der Rechtenszene und erklärt, warum Deeskalation aus seiner Sicht nicht immer das Mittel der Wahl ist. So wünscht er sich zum Beispiel ein schnelleres und beherzteres Eingreifen den Polizei: “Ich habe in meiner langen Tätigkeit noch nie beobachtet, dass ein rechtsextremistischer Störer einen Platzverweis erhielt. Dagegen werden mir regelmäßig Platzverweise angedroht, weil ich angeblich die Arbeit der Polizei störe.”

4. Die FAZ, Jürgen Kaube und die Frauen
(www.rnd-news.de, Ulrike Simon)
Jürgen Kaube ist einer der vier Herausgeber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” und dort zuständig für das Feuilleton. RND-Autorin Ulrike Simon wirft Kaube in ihrer neuesten Kolumne vor, ein Problem mit Frauen zu haben. Konkreter Anlass ist die Versetzung einer Redakteurin. Ulrike Simon hat sich im Hintergrund umgehört und spekuliert über die Gründe.

5. ROG-Korrespondent freigelassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Erol Önderoglu, seit 20 Jahren Korrespondent und Repräsentant von “Reporter ohne Grenzen” in Istanbul, wurde am 20. Juni zusammen mit anderen Menschenrechtsverteidigern verhaftet. Der Anlass: Önderoglu hatte sich an einer Solidaritätsaktion für die pro-kurdische Zeitung “Özgür Gündem” beteiligt. Nun ist er auf Anordnung eines Istanbuler Gerichts freigelassen worden. Die Anschuldigungen wegen angeblicher “Terrorpropaganda” würden aber weiterhin aufrechterhalten.

6. Michael Jackson und die Kinder
(perlentaucher.de, Thomas Groh)
Das amerikanische Klatsch- und Schmuddelmagazin “RadarOnline” hat den Polizeibericht der Hausdurchsuchung bei Michael Jackson aus dem Jahr 2003 veröffentlicht. “RadarOnline” würde unterstellen, es seien üble Bilder missbrauchter Kinder aufgefunden worden. Deutsche Medien wie die “Deutsche Welle” oder der “Rolling Stone” hätten die Meldung ungeprüft übernommen. Es handele sich jedoch bei den im Polizeibericht aufgeführten Büchern um bei Online-Buchhändlern frei verfügbare und keineswegs justiziable Werke. Thomas Groh dazu in seinem Schlussabsatz: “In erster Linie ist diese ganze Angelegenheit vor allem ein Lehrstück über journalistische Kultur im Zeitalter potenzierter Empörungswilligkeit. Es zeigt sich, mit welchen kleinen semantischen Verschiebungen sich ein Maximum an öffentlicher Welle hervorrufen lässt. Wer der Ansicht ist, dass die Behörden bei Michael Jackson Folter- und Missbrauchsmaterialien gefunden hat, geht seiner eigenen voyeuristischen Fantasie und der eigenen spekulativen Lust auf den Leim.”

7. Offener Brief an die AfD Bayern
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Ausnahmsweise heute ein siebenter Link: Der in seiner Niedertracht schwer zu ertragende Facebook-Post der AfD-Bayern und die Antwort des BILDblog-6vor9-Kurators darauf.

Flüchtlingszitat, #keinZwerg, ARD-Idiotien

1. Vergleichsweise kriminell: Das Flüchtlingszitat des Innenministeriums
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat in der vergangenen Woche erstmals bundesweit erhobene Daten zu Straftaten von Zuwanderern veröffentlicht. In dem Zusammenhang fiel die Äußerung: „Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche.“, was jedoch nicht aus den Zahlen des BKA-Berichtes abgeleitet werden könne, so Medienjournalist Stefan Niggemeier auf “Übermedien”. Vermutlich sei die Aussage nicht einmal richtig, werde aber ungeprüft von vielen Medien verbreitet. Niggemeier rätselt über die Motive und fragt sich und die Leser: “Ist das die Nachrichtenroutine, in der ein korrektes Zitat erst einmal ein korrektes Zitat ist, auch wenn es inhaltlich nicht korrekt ist? Oder spielt dabei ein Wunsch der Journalisten eine Rolle, solche eine positive Nachricht zu verbreiten?”

2. Matthias Matussek und andere Leidensgenossen
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon beschäftigt sich mit den Meldungen eines Branchendienstes, der jüngst bei Springer unrühmlich ausgeschiedene Matthias Matussek und sein umstrittener Anwalt Joachim Steinhöfel könnten eine Videokolumne bekommen: ausgerechnet bei einer zum Springer-Kosmos gehörenden Webseite. Eine etwas voreilige Meldung, denn dort ist man mittlerweile zurückgerudert. Ulrike Simon schreibt: “Matussek bleibt vorerst die „Weltwoche“, bei der ihn Roger Köppel als regelmäßiger Autor engagiert hat, und Steinhöfel lässt sich entweder auf der illustren Seite „Achse des Guten“ oder gleich im eigenen Blog aus, wo er mal dem „Welt“-Vize Ulf Poschardt unterstellt, geistige Miniaturen zu verfassen oder einen anders als er denkenden Redakteur der „Süddeutschen“ einen „gemütsverrotteten Spitzbuben“ nennt. Es ist also jeder da, wohin er gehört.”

3. Kleiner Mann – und nun? #KeinZwerg
(leidmedien.de, Lilian Masuhr)
Anlässlich des Todes des Schauspielers Michu Meszaros, der im Kostüm des TV-Außerirdischen “Alf” steckte, hat die “SZ” eine betextete Bilderstrecke über “Kleinwüchsige in der Showbranche” veröffentlicht. Einige der Formulierungen des “Lobs auf die menschliche Verschiedenheit” sorgten sowohl bei Betroffenen als auch Nicht-Betroffenen für Kritik. “Leidmedien” schreibt, was genau an den Sätzen als störend empfunden wird. Mittlerweile hätte sich auch der Autor des Ursprungsartikels mit einer Leserbriefantwort gemeldet. Wie viel von der Eigenbeschreibung “Lernt viel und gern und von jedem immer was dazu.” zutreffend ist, muss dabei jeder selbst entscheiden.

4. Will they stay or will they go? Brexit und die Medien
(carta.info, Fridtjof Küchemann)
Nina Trentmann arbeitet als Korrespondentin in London und verfolgt mit besonderem Interesse die Medienberichterstattung über das Referendum, den sogenannten “Brexit”. Was sie immer wieder wundere: Die klar erkennbare Parteinahme führender britischer Blätter und Sender. Dies sei in Wahlzeiten so, wo die führenden Blätter sogar Wahlempfehlungen abgegeben hätten und wiederhole sich nun beim Brexit. Einer Studie des “Reuters Institute for the Study of Journalism” zufolge herrsche bei den führenden Medien des Landes eine Präferenz für den Brexit.

5. „Österreich” hat eine kriminelle Dauerexplosion
(kobuk.at, Martin Straudi & Gabriele Scherndl)
Das Medienwatchblog “Kobuk” kritisiert die Panikmache des Gratisblatts “Österreich”. Obwohl die Kriminalstatistik das Gegenteil belege, werde Österreich in „Österreich” immer gefährlicher. In einer Chronologie der Kriminalberichterstattung zeigt man einige Beispiele für die reißerische Berichterstattung des Blatts.

6. “Beckmanns Sportschule”: Wie viele Idiotien soll diese Welt noch aushalten?
(spiegel.de, Jürgen Roth)
Die ARD-Sendung “Beckmanns Sportschule” sorgt allerorten für Entsetzen und Verstörung. Auch Schriftsteller Jürgen Roth hat entsprechende Erfahrungen gemacht und schreibt auf “Spiegel Online”: “Der peinliche, das Laienschauspiel im läppisch-jovialen Zwinkerzwinkertonfall krönende Plauderoheim Reinhold Beckmann tapert mit seinen Gästen durch Gänge und Treppenhäuser, und irgendwann krault Horst Hrubesch auf der Couch im “Bernsteinzimmer des deutschen Fußballs” den zehnjährigen (ja, das erfahren wir) Hund des Moderators, der gestern ausgiebig übers pittoreske Gelände strolchen durfte. Das haben sie sich beim Sat.1-Frühstücksfernsehen abgeguckt, allwo jahrelang ein Mops herumhoppelte. Hier, in dieser “etwas wahnsinnigen Männer-WG” ist nichts mehr zu retten.”

Rechtsausleger, Vergesslichkeit, Sakrilegebatterie

1. Wie reaktionär hätten Sie’s denn gerne?
(carta.info, Philip Sarasin)
Der Historiker Philip Sarasin von der Universität Zürich beschäftigt sich mit der traditionsreichen Schweizer Tageszeitung “NZZ”. Seine Analyse: “In letzter Zeit musste man zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen politische und intellektuelle Strömungen weit rechts im politischen Spektrum abgrenzen mag. Der Ton wird rauer, die Fronten härter. NZZ-Autor Heribert Seifert mimt derweil das liberale Mediengewissen”. Die “NZZ” müsse sich fragen lassen, ob sie zum Sprachrohr von Positionen werden wolle, die bislang als rechtsextrem galten.

2. Springer und die Türkei
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
“Einst wollte Springer groß in den türkischen Medienmarkt einsteigen. Was ist daraus geworden? Und was hat das mit Döpfners Kampfansage gegen Erdogan und Diekmanns Engagement bei “Hürriyet” zu tun?”, fragt sich “RND”-Medienkolumnistin Ulrike Simon. Der aktuelle Quartalsbericht werfe weitere Fragen nach Springers Türkei-Strategie auf.

3. Google kämpft mit Frankreich um Privatsphäre
(faz.net, Jonas Jansen)
Die französische Datenschutzbehörde “CNIL” besteht im Rahmen des “Recht auf Vergessenwerden” darauf, dass Google monierte Suchergebnisse nicht nur in der EU, sondern weltweit löscht. Google wehrt sich mit einer Klage und argumentiert damit, dass ein Land keine Gesetze für andere Länder schaffen dürfe. Jonas Jansen von der “FAZ” berichtet über den derzeitigen Stand des Konflikts und liefert einige interessante Zahlen über die Entwicklung der Löschanfragen.

4. Journalisten, warum denkt Ihr nicht an Eure Nutzer?
(vocer.org, Lina Timm)
Die Meinungen gehen auseinander, was Journalisten können müssen. Die einen sehen den Journalisten ausschließlich als “Vertreter der schreibenden Zunft”. Andere erwarten den medialen Tausendsassa, der nicht nur schreiben, sondern auch programmieren, filmen und schneiden kann. Lina Timm macht sich Gedanken über das wandelnde Berufsbild und plädiert für Offenheit gegenüber den Möglichkeiten der Technik. Aber nicht um jeden Preis: “Technologie umarmen, statt vor ihr wegzulaufen. Dafür muss jetzt kein Journalist coden lernen. Das ist völliger Quatsch, dann müsste ja auch jeder Coder, der im Newsroom arbeitet, lernen, Geschichten zu erzählen. Aber wir müssen uns verständigen können.”

5. Darf man investigativen Journalismus kritisieren oder ist das ein Sakrileg?
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal stellt die rhetorische Frage, ob es nicht mehr erlaubt sei, investigativen Journalismus zu kritisieren. Anlass sind ihm die sogenannten “Panama Papers”. Kollegen, die es wagen, die Fleißarbeit der SZ und die, wie er findet, pompöse Inszenierung des eingesandten Materials etwas tiefer zu hängen, würden ausgegrenzt oder zu Feinden erklärt werden. Michal macht bei der Kritik an der Art und Weise des Umgangs mit den Panama Papers vier zentrale Punkte auf. Sie betreffen die Quelle, das Material, die Auswertung und das internationale Journalisten-Konsortium.

6. Dieses ganze spannende Leben auf DIN A5
(uebermedien.de, Peter Breuer)
Werbetexter und geistreiches Vorbild ganzer Twitter-Generationen Peter Breuer geht für “Übermedien” gelegentlich zum Bahnhofskiosk und zieht irgendeine beliebige Zeitschrift aus dem Regal. Als Besprechungsobjekt! Seine Rezension von “Reportagen” ist jetzt auch für Nicht-Abonnenten frei lesbar. PS: Breuer ist sehr angetan von dem Magazin mit den langen Lesestücken.

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