Man könnte natürlich einfach sagen, dass es weder uns, noch die “Bild”-Zeitung irgendetwas angeht, ob Rudi Carrell krank ist und wie krank er ist. Interessanterweise sagt das Gesetz genau das Gleiche:
Die Intimsphäre bildet den engsten Persönlichkeitsbereich und genießt den stärksten Schutz vor öffentlichen Einblicken. Grundsätzlich vor Öffentlichkeit geschützt ist der Sexualbereich des Menschen, und sein körperliches Befinden, wozu auch medizinische Untersuchungen gehören.
(Dorothee Bölke: Presserecht für Journalisten.)
(…) selbst bei Personen der Zeitgeschichte bleibt die Art einer Erkrankung regelmäßig in der Geheimsphäre, es sei denn, die Betroffenen gehen mit dieser Information selbst in die Öffentlichkeit.
(Deutscher Presserat: Umgang mit Krankheiten.)
Bis zum 24. November 2005 hatte Rudi Carrell öffentlich nicht über seine Krankheit gesprochen. Das hatte “Bild” nicht vom Spekulieren abgehalten: “Wie schlimm steht es um Rudi Carrell”, fragte die Zeitung am 15. November in großen Buchstaben und berichtete:
Der Showmaster ist abgemagert, leidet an Haarausfall. (…)
Fragen zu seiner Krankheit möchte Carrell nicht beantworten. Sein Assistent Sören Haensell: “Es gibt von uns keine Auskunft zu diesem Thema.”
Erst, wie gesagt, neun Tage später äußerte sich Carrell öffentlich, in der “Bunten”. Man kann argumentieren, dass “Bild” seitdem das Recht habe, über Carrells Krebserkrankung zu berichten. Aber stimmen muss es natürlich.
Es spricht wenig dafür, dass das stimmt, was “Bild”-Reporter Daniel Cremer in seinem Artikel über den Auftritt Carrells bei der Aufzeichnung der letzten Ausgabe von “Sieben Tage, sieben Köpfe” suggeriert: dass Carrell nicht mehr sprechen kann. “Ist der Holländer mit dem unverwechselbaren Akzent für immer verstummt?”, fragt “Bild” und zitiert zur Antwort einen anonymen “langjährigen Kollegen”: “Rudi kann nicht mehr sprechen.” Cremer behandelt diese Aussage, als sei sie eine Tatsache, zitiert einen Arzt, der das Phänomen einer “Stimmbandlähmung” erklärte, und behauptet vielsagend: Carrell “kommuniziert über E-Mail”.
Wenige Tage später liest sich das in der “Bild am Sonntag” ganz anders. Cremers Kollegin Angelika Hellemann hat von Bernd Stelter erfahren, dass Carrell das Team “zusammengestaucht” habe, und zitiert Stelter mit dem Satz:
Er darf seine Stimme zwar nicht überanstrengen, kann aber ganz normal mit uns reden.
Und wir merken uns: Wenn “Bild” sorglos über die Krankheit von Menschen berichtet, kann immer auch das Gegenteil stimmen.
Am vergangenen Mittwoch berichtete die dänische Zeitung “Frederiksborg Amts Avis”, dass es in dem Schloss Kronborg, das Shakespeare als Vorlage für den Sitz seines Hamlet gedient hat, spuken soll. Eine Hellseherin sei zur Hilfe gerufen worden, die zahlreiche Gespenster vertrieben habe.
Ja. Schöne Geschichte. Die Nachrichtenagentur AP sorgte dafür, dass sie in der ganzen Welt bekannt wurde — mit der nötigen seriösen Distanz natürlich: “Angestellte sagen, in Gebäude spukt es”.
Ja. Warum nicht. Am Tag darauf berichtete die dänische Zeitung “Ekstra Bladet” über die erstaunlichen Ereignisse und ließ die Geisterjägerin Birgitte Graae (“Bild” wird sie Brigitte nennen) ausführlich zu Wort kommen.
Ja nun. Für eine Zeitung, die sich “Bild” nennt, fehlte der Geschichte allerdings noch etwas Elementares: Bilder. Fotos von Gespenstern. Und jetzt sagen Sie nicht, das sei unmöglich — “Bild” hat die Fotos. Und zwar gleich drei.
Unter dem ersten steht:
Zum Erschrecken: Als Schatten geistert diese Dame durchs Wohnzimmer.
Unter dem zweiten:
Zum Gruseln! Dieses Gespenst stürzt sich die Treppe runter. Immer wieder.
Und unter das Dritte schreibt “Bild”:
Zum Spuken! Ist das der deutsche Diener? Sogar im Schloßgarten treiben sich Geister herum.
Zumindest die Frage, ob das der deutsche Diener ist, können wir klar mit Nein beantworten. Er treibt sich auch nicht im Schlossgarten von Kronborg herum. Das Foto zeigt einen Friedhof in Everett, Washington. Es handelt sich nämlich um dieses Foto der Agentur Getty Images, die u.a. für fast jeden Zweck Symbolfotos zum Kauf anbietet — auch zum Thema weiblicher Schatten im Wohnzimmer oder Frauenfigur stürzt sich Treppe hinunter. “Bild” hat offenbar im Archiv der Firma einfach nach dem Begriff “ghost” gesucht, sich drei Ergebnisse herausgepickt und einfach behauptet, es handele sich um Aufnahmen aus dem Schloss.
Offen ist jetzt nur die Frage, ob der Redakteur, der die Fotos betexten musste, womöglich wirklich gedacht hat, es handele sich dabei um echte Gespenster.
könntet Ihr in Eurer Rubrik “Top-Themen” bitte endlich die Behauptung korrigieren, auf der Erde gebe es ab heute “6,5 Millionen Menschen”, die dort seit gestern abend steht?
Aber natürlich ist’s nicht weiter tragisch, wenn sich so ein Papst–Experte wie Andreas Englisch nicht mit künstlicher Besamung oder, sagen wir, mit der Geschichte der Primatenforschung auskennt. Muss er ja auch nicht, steht ja alles in der Zeitung. Genauer gesagt stand am Sonntag in der italienischen Zeitung “La Repubblica”, dass zuvor in der russischen Zeitung “Moskowskij Komsomolez” gestanden habe, was sich anderntags unter Englischs Namen auch in “Bild” wiederfand – nämlich (um es mit “Bild” zusammenzufassen):
Die Sache an sich ist nicht uninteressant (vor allem wo doch gerade “King Kong” im Kino läuft), wie erst jüngst die schweizerische “Le Temps” belegte, die ihrerseits wiederum durch die “New York Times” auf das Thema gekommen sein dürfte.
Ob das mit Stalin und den Affen-Menschen also tatsächlich die “Repubblica” “enthüllte”, wie “Bild”-Reporter Englisch gestern schrieb, wagen wir zu bezweifeln. Ob das darüber hinaus alles “jetzt” passierte, ist zumindest Auslegungssache. Die ZDF-Sendung “aspekte” jedenfalls berichtete schon im Juli 2004 über den russischen Forscher Ilja Iwanow bzw. darüber, “wie die Sowjetunion den idealen Sozialisten züchten wollte”, das US-Magazin “Fate” immerhin im April diesen Jahres, und der russische Wissenschaftler Kirill Rossiianov hat sich bereits Jahre vorher mit Iwanows Arbeit befasst und seine Forschungsergebnisse 2002 in einem 39-seitigen, aufschlussreichen Fachaufsatz veröffentlicht.
Machen wir’s also kurz: Laut Rossiianov kam es aus verschiedensten Gründen nie zur Züchtung irgendwelcher “Affen-Menschen”, andere Behauptungen in “Bild” erscheinen verglichen mit Rossiianovs Erkenntnissen zumindest abwegig.
Und dass Iwanow, wie “Bild” behauptet, “1931 in einem Arbeitslager in Kasachstan” starb, ist schlicht falsch. Wie man in der Encyclopædia Britannica, aber auch in “La Repubblica” (also der “Bild”-Vorlage) nachlesen kann, starb er erst 1932, genauer, am 20. März 1932, sechs Wochen nach seiner Entlassung aus dem Arbeitslager, einen Tag vor seiner Rückreise nach Moskau. Das ist tragisch.
PS: Den “Bild”-Artikel (nach einer “Repubblica”-Idee) mit einen Foto aus einem der “Planet der Affen”-Filme aus den 60er/70er Jahren zu illustrieren (siehe Ausriss oben) und direkt danebenzuschreiben, “Stalins perverse Träume nahmen vorweg, was der Hollywood-Streifen ‘Planet der Affen’ 2001 inszenierte”, ist hingegen einfach nur komisch.
Mit Dank an Daniel S., Thomas H. und Ron für die Hinweise sowie Michael B. für die Unterstützung.
… in einem Dossier über die “Großmacht Springer” hatte sich die “Zeit” am 11. August unter anderem folgende Frage gestellt:
“Ist es Vorsatz, wenn ein Foto so beschnitten wird, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann (…)?”
Hintergrund dieses Satzes war die Veröffentlichung eines Fotos in der “Bild”-Zeitung vom 29.1.2001. Zu sehen war darauf Jürgen Trittin im Jahr 1994 am Rande einer Demo. Die Aufnahme stammte ursprünglich von Sat.1 und erschien 29.1.2001 auch im “Focus”. “Bild” hatte behauptet, in der Hand eines (unmittelbar neben Trittin abgebildeten) Demonstranten befinde sich ein Schlagstock, obwohl es sich dabei nur um ein Seil handelte, wie sowohl bei Sat.1 als auch im “Focus” deutlich zu erkennen war — nicht jedoch in dem von “Bild” abgedruckten Ausschnitt des Fotos. Nachdem der grobe Fehler öffentlich geworden war, druckte “Bild” eine Richtigstellung und Kai Diekmann, damals seit vier Wochen “Bild”-Chefredakteur, sagte dem “Spiegel”(hier für 50 Cent, Gratisauszüge hier): “Wir sind am Sonntag im Vorabexemplar von ‘Focus’ auf das Foto gestoßen und haben es abgescannt, weil wir das Original nicht besorgen konnten. Die Ausdrucke, mit denen wir dann gearbeitet haben, waren Kopien von Kopien und entsprechend schlecht, so dass die Fortsetzung des Seils nicht erkennbar war.” Zuvor referierte bereits die “Berliner Zeitung” Diekmanns Erklärung mit dem Worten: “Deshalb habe man das Foto für den Druck beschnitten.” Das war vor dreieinhalb Jahren und nicht schön.
“Bild”-Chef Diekmann ist seither mehrfach gerichtlich gegen Berichte anderer Medien vorgegangen, die fälschlicherweise behauptet hatten, “Bild” habe Trittin “einen Schlagstock in die Hand montiert” bzw. “in die Hand gedrückt”. Sowohl die “Berliner Zeitung” als auch die “taz” entschieden sich allerdings, den unabwendbaren Abdruck einer entsprechenden Gegendarstellung Diekmanns ausführlich zu kommentieren.
Was indes die “Zeit” anbelangt, könnte man einwenden, auch die Behauptung, “dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann” sei sachlich falsch, weil Trittin selbst das Seil auf dem Foto gar nicht anfasst. “Bild”-Chef Diekmann allerdings nahm Anstoß an einem anderen Aspekt des “Seil”-Satzes. Nach unseren Informationen hieß es in einer Gegendarstellung, deren Abdruck er von der “Zeit” forderte, “Bild” ” habe “niemals ein Foto so beschnitten”, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin hätte als Schlagstock angesehen werden können: Der Fehler von “Bild” habe darauf beruht, “dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde”.
Allerdings weigerte sich die “Zeit”, die Gegendarstellung zu drucken. Und das mit gutem Grund. Schließlich handelt es sich ja bei dem Trittin-Foto in “Bild” zweifelsfrei um einen Ausschnitt des “Focus”-Fotos, auf dessen Original der “Schlagstock” eindeutig als Seil zu erkennen ist. Und so zitiert auch der “Stern” in seiner aktuellen Ausgabe einen “Bild”-Sprecher mit der Aussage: “Der Chefredaktion lag lediglich ein Schwarzweiß-Scan vor, auf dem die Ränder des Fotos schwarz waren. Diese Ränder wurden beim Einstellen des Scans ins Layout … selbstverständlich nicht berücksichtigt.”
Und das ist umso erstaunlicher, als Kai Diekmann doch gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 eine “eidesstattliche Versicherung” abgegeben hat, in der es ausdrücklich heißt, man habe die Abbildung zwar “unzutreffend betextet”, aber:
“Das Foto (…) ist in keiner Weise ‘beschnitten’ worden.”
Das Gericht verlangte daraufhin Ende August zwar zunächst in einer Einstweiligen Verfügung von der “Zeit”, den strittigen “Seil”-Satz aus der Online-Version des Dossiers zu tilgen. Dort fehlt er noch immer, dürfte nach unseren Recherchen aber alsbald wieder in den Text eingefügt sein, denn…
… nachdem die “Zeit” Mitte September Widerspruch angekündigt hatte, nahm Diekmann kurzerhand seinen Antrag zurück, verzichtete freiwillig auf die Ansprüche aus der Einstweiligen Verfügung und muss sämtliche Verfahrenskosten tragen.
Wie es zu Diekmanns überraschenden Sinneswandel kam, entzieht sich unserer Kenntnis. Im “Stern” heißt es, an der Richtigkeit der Eidesstattlichen Versicherung* Diekmanns seien “Zweifel angebracht”.
*) “Wer vor einer zur Abnahme einer Versicherung an Eides Statt zuständigen Behörde eine solche Versicherung falsch abgibt oder unter Berufung auf eine solche Versicherung falsch aussagt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”
(§ 156 StGB)
Heute hat “Bild” mal wieder die obere Hälfte der Titelseite und eine halbe Seite im Innenteil weitgehend frei geräumt. Für eine Geschichte von AttilaAlbert:
Und ignoriert man mal die Überschriften, ist vieles, was Albert da so über Abschwächung und Umpolung des Erdmagnetfelds schreibt, gar nicht mal so weit von der Realität, äh, Verzeihung, Realität entfernt. Dafür aber der vermeintliche Anlass der Geschichte um so weiter. So heißt es auf der Titelseite:
Dramatische Warnung von US-Forschern: Das Magnetfeld der Erde verschiebt sich schnell wie noch nie.
(Hervorhebungen von uns.)
Der Schutzschild der Erde wankt!
Wissenschaftler sind in größter Sorge: Das Magnetfeld, das uns umgibt, könnte schon bald zusammenbrechen.
(Hervorhebungen von uns.)
Bei den kürzlich von Forschern der Oregon State University vorgestellten Ergebnissen handelt es sich aber gar nicht um eine “dramatische Warnung”, das Magnetfeld der Erde verschiebt sich auch keineswegs “schnell wie noch nie”. Deshalb sind Wissenschaftler auch nicht “in größter Sorge” — eher im Gegenteil, wie sich hier nachlesen lässt.
Aber sagen wir es doch einfach mit den Worten von wissenschaft.de:
Jetzt gibt Joseph Stoner von der Oregon State University Entwarnung: Dass das Erdmagnetfeld unter ruckartigen Zuckungen leidet, ist ganz normal (…).
(Hervorhebungen von uns.)
Nachtrag, 14.55 Uhr:Zeit.de widmet sich übrigens in einem anschaulichen Artikel unter der Überschrift “Licht aus bei ‘Bild'” dem dortigen “Katastrophenalarm”. (Mehr zum Thema bzw. zum Gedankenexperiment “Was passiert, wenn das Erdmagnetfeld verschwindet?” findet sich hier.)
Die “Bild”-Zeitung verdankt Klausjürgen Wussow viel.
Im Dezember 1995 bekommt sie eine Homestory und ein großes “Partner-Interview” von ihm und seiner neuen Frau Yvonne. Im Juli 1998 berichtet sie groß über den “endgültigen Bruch” seiner Familie, als er seine Kinder Barbara und Alexander enterbte. Im September 1999 diskutiert sie mit Barbara und Alexander den “unerbittlichen Scheidungskrieg” und die Frage, warum Wussow nicht zur Beerdigung seiner Ex-Frau gekommen sei.
Sie berichtet mehrfach im März und April 2000, als die Ehe zwischen Yvonne und ihm zerbricht, schildert ihn als “verzweifelt” und “einsam”, titelt: “An der 3. Ehe zerbrach sein Leben”, schreibt von seinem “Kampf um seine Ehe” und fasst zusammen: “Familie weg, Frau weg, Freunde weg.”
Im Mai 2000 fragt “Bild”: “Wird es jetzt doch noch eine schmutzige Scheidungsschlacht?” In einem Interview sagt er der “Bild am Sonntag: “Wissen Sie, ein kluger Kopf hat mal gesagt: Sterben ist Scheiße. Aber das stimmt nicht. Einsam alt zu werden — das ist Scheiße.”
Im Juli 2000 zitiert “Bild am Sonntag” ausführlich aus Akten des Unterhaltsverfahrens seiner Frau und staunt u.a. über eine Risiko-Todesfallversicherung, die sie abgeschlossen haben soll: “3,3 Millionen für Yvonne — wenn Wussow bis 2004 stirbt”. Eine Woche später schreibt “Bild am Sonntag”: “Wussow gegen Wussow — jetzt brechen die letzten Dämme” und zitiert detailliert aus Liebesbriefen, die Yvonne Wussow an ihren angeblich verheirateten Geliebten geschrieben haben soll. Zwei Tage später veröffentlicht “Bild” einen “offenen Brief” von Yvonne an Klausjürgen Wussow und nennt ihn den “vermeintliche(n) Schlussstrich unter einen der schmutzigsten Rosenkriege, die es in Deutschland je gegeben hat”.
Im Oktober 2000 berichtet “Bild”, dass ein Haftbefehl gegen Yvonne Wussow erlassen wurde, die Klausjürgen Wussow indirekt die Schuld daran gibt, dass sie vielleicht ins Gefängnis muss. Im September 2001 schreibt “Bild”, dass Wussow keinen Unterhalt für Yvonne und ihren gemeinsamen Sohn Benjamin zahle: “Scheidungskrieg extrem: Familie Wussow stellt neue Schlammschlacht-Rekorde auf.” Einen Monat später titelt “Bild”: “Frau Wussow am Ende”, nennt sie einen “Sozialfall” und schreibt: “Schauen Sie sich an, wie elend es ihrer Frau geht, Herr Wussow!”
Nun beginnt ein langes Pingpong-Spiel, in dem Yvonne und Klausjürgen Wussow per “Bild” miteinander streiten. “Bild” titelt u.a.: “Wussow schämt sich für seine Frau”, “Und ewig hassen sich die Wussows”, “Wussow intim — jetzt sag ich alles!”
“Bild” enthüllt: “Sauber! Frau Wussow, die jeden Monat 561 Mark vom Sozialamt bezieht, leistet sich eine Putzfrau für 2400 DM im Monat” und nennt sie deshalb “die Unverschämte des Jahres”. Die Zeitung beginnt, die Berichte über den Scheidungskrieg unter dem Titel “Diese Wussows” durchzunummerieren. Am 2. November 2001 erscheint Folge 162, in der es darum geht, dass Klausjürgen Wussow seit vier Monaten mit Sabine Scholz zusammen sei, der Witwe des Boxers Bubi Scholz. “Bild” titelt: “Heißt Wussow bald Bubi?” Folge 203 lautet: “Scheidung wieder geplatzt! Wussow tobt — Yvonne ist zu gierig!”
Am 5. Januar 2002 zitiert “Bild” angeblich den achtjährigen Benjamin: “Du bist nicht mehr mein Papa. Ich will dich nie mehr sehen.” Drei Tage später antwortet Wussow, ebenfalls in “Bild”: “Nehmt meiner Frau das Kind weg!” Zwischenzeitlich “beleidigt” Wussow laut “Bild” Uschi Glas und wird von der Zeitung “im Schoß von Gabi Dohm” erwischt.
Als Klausjürgen Wussow im Oktober 2002 angeblich einen Nervenzusammenbruch mit Kreislaufkollaps erleidet, fragt “Bild”: “Bringt der Scheidungskrieg den TV-Star noch um?” Am Tag darauf lautet die Frage auf der Titelseite: “Was weiß Wussows unheimliche Wahrsagerin”, die den Kollaps vorhergesagt haben soll.
Am 13. Februar 2003 berichtet “Bild” vom Vollzug der Scheidung. Tags darauf benutzt “Bild” eine bekannte Formulierung: “Einen Tag nach der Scheidung brechen alle Dämme”, schreibt: “Nach der Scheidung packt Frau Wussow aus” und titelt: “Die Wahrheit über meine Ehe — Ich hatte Brustkrebs — Er bat mich betrogen — Und immer so viel Whiskey…”
Im Frühjahr 2004 ergibt sich eine überraschende neue “Nachrichten”-Lage. “Bild” titelt: “Armer Klausjürgen Wussow / Von Witwe Scholz gedemütigt, geschlagen!” Am 2. März 2004 berichtet “Bild”, dass Wussow in einem RTL-Interview “hilflos, verwirrt und stammelnd” zu sehen war. “Bild” spricht von “Altersdemenz”, seine Ex-Frau Yvonne mache für Wussows Zustand aber nicht die Krankheit, sondern “vor allem” Sabine Scholz verantwortlich. Einen Tag später gibt Wussow “Bild” ein Interview, das die Zeitung mit der Frage beginnt: “Herr Wussow, Ärzte erkennen bei ihnen Anzeichen von Altersdemenz. Wie geht es Ihnen?”
Am 2. April 2004 weiß “Bild” von der Neuauflage der “Schwarzwaldklinik” zu berichten und titelt: “Neue Schwarzwald-Klinik rettet Wussow!” Nur fünf Tage später macht ein anderes angebliches Fernsehengagement Schlagzeilen. “Bild” behauptet, die “geldschlaue Witwe Scholz” habe Wussow für 5000 Euro an “Big Brother” “verkauft”. Das Dementi folgt keine Woche später: Der Arzt soll Wussow den Auftritt untersagt haben. “Bild” fragt: “Sind die vielen Nackten und die wilden Sex-Orgien im TV-Container zu viel für sein schwaches Herz?”
Am 15. April 2004 beginnt in “Bild” die “bewegende neue Serie” von Yvonne Wussow: “Die ganze Wahrheit über meinen Ex-Mann Klausjürgen” (“in BILD schreibt sie alles!”).
Im Juni 2004 erleidet Wussow laut “Bild” einen “schweren Kollaps”, am Tag danach dankt er Gott per “Bild”, dass er noch lebt. Im Oktober 2004 spricht Yvonne Wussow mit “Bild” über ihr “Brustkrebs-Drama”: (“Sie lehnte Amputation ab / Sie ging zum Heilpraktiker / Jetzt schwerer Rückfall!”)
Die Neuauflage der “Schwarzwaldklinik” hält “Bild am Sonntag” am 20. Februar 2005 für Wussows “wohl letzten großen Auftritt” und zitiert ihn mit den Worten: “Laßt mich doch in Würde abtreten.” Doch es kommt zu einem weiteren Serienfolge und dabei, laut “Bild”, zu einer Wunderheilung. “Schwarzwaldklinik macht Wussow gesund”, behauptet die Zeitung im August 2005 von den Dreharbeiten. Im Dezember 2005 dementiert “Bild” sich selbst und schreibt nun, Wussows Auftritt sei “erschütternd”; er habe sich kaum seine kurzen Sätze merken können.
Am Tag nach der Ausstrahlung lässt “Bild” Yvonne Wussow erneut öffentlich die Schuld am Zustand des Schauspielers seiner neuen Frau geben: “Was hat Witwe Scholz aus meinem Klaus gemacht?”, lautet die Schlagzeile. Einen weiteren Tag fragt “Bild”: “Erkennt er sich selbst nicht mehr im TV”, ohne im Artikel irgendeinen Beleg dafür zu bieten. Wiederum einen Tag später zeigt “Bild” zwei Fotos, die Sabine Scholz in identischer Pose zeigen: einmal mit Wussow und einmal mit Bubi Scholz, der nach langer Krankheit im Altersheim verstorbenen war. Die Überschrift lautet:
“Erleidet Wussow das gleiche Schicksal wie Bubi Scholz?”
[Die Ärzte] unterscheiden zwischen endogener Depression, die auf Gründe reagiert, die in der Seele liegen. Im Gegensatz zu extragener Depression, die durch äußere Faktoren ausgelöst werden kann — wie Trennung, Verletzung, Verlust. Rezidivierende (wiederkehrende) depressive Störungen (10 Prozent aller Depressionen), die über Jahre immer wieder auftreten, können aus beiden folgen.
Wir würden gern wissen, welche Ärzte die Redakteurin Uta Stiller dazu befragt hat, doch wir fürchten, die Antwort lautet: keinen.
1. Endogen ist griechisch und bedeutet “aus sich selbst heraus” oder “auf Veranlagung beruhend”. Analytisch ausgerichtete Theorien benutzen den Ausdruck, um zu beschreiben, dass es für die Depression keine erkennbare Ursache gibt, somit auch keine Gründe, auf die eine Depression “reagieren” könnte.
2. Mit der Seele hat das nicht viel zu tun, der Begriff ist in Psychologie und Psychiatrie ein wenig aus der Mode gekommen. Vielmehr wird endogen heute verwendet, um die Vermutung wiederzugeben, dass genetische Faktoren für die Erkrankung mitverantwortlich sein können. Dies entspringt der Beobachtung, dass die Störung in einigen Familien häufiger auftritt.
3. Extragene Depressionen gibt es nicht. Wahrscheinlich war mal wieder der “Bild”-Depressions-Experte nicht aufzufinden. Gemeint sind wohl exogene Depressionen. Exogen, ebenfalls aus dem Griechischen, meint “von außen verursacht”.
4. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Depressionen zu klassifizieren. Die am meisten verbreitete ist das Manual der Weltgesundheitsorganisation WHO namens ICD-10. Eine unspezifische Unterscheidung in endogen und exogen wird schon seit vielen Jahren nicht mehr verwendet.
5. Rezidivierende depressive Störungen sind laut ICD-10 durch “wiederholte depressive Episoden charakterisiert”. Außerdem haben “die schwereren Formen der rezidivierenden depressiven Störung viel mit den früheren Konzepten der manisch-depressiven Krankheit, der Melancholie, der vitalen Depression und der endogenen Depression gemeinsam”. Selbst bei diesen früheren Konzepten hatten sie nichts zu tun mit einer extragenen exogenen Depression.
P.S. Woher in dem “Bild”-Artikel die Furcht erregende Behauptung kommt, dass “mehr als die Hälfte aller Menschen in Deutschland, nämlich 65 Prozent” im Lauf ihres Lebens einmal an einer psychischen Störung erkranken, wissen wir auch nicht. Von hier vielleicht, doch landen zum Glück nicht alle Menschen im Laufe ihres Lebens im Altersheim. Vielleicht stammt sie auch aus dieser Studie, doch nicht alle Menschen sind bayerische Lehrer. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zumindest glaubt, dass es etwas weniger Menschen sind, die irgendwann einmal psychisch krank werden. Nämlich ungefähr 25 Prozent. Eine Zahl, die sich zum Beispiel auch im Zweiten Bayerischen Psychiatrieplan findet.
…und hat von da eine tolle Geschichte mitgebracht – über den “schrillen Musiker” Guildo Horn nämlich, Überschrift:
Nee, machen wir’s kurz: Gestern wusste “Bild” über Horst Köhler bzw. Horst Chabbi, besser bekannt als Guildo Horn, Folgendes zu berichten:
“Der Grand-Prix-Sänger und seine schöne Freundin Tanja (38) trennen sich – im verflixten siebten Jahr. Jetzt zieht Horn zurück zu Mutti!
Der schrille Musiker hat die Wohnung, die er mit Tanja teilte, schon verlassen. Er lebt jetzt wieder bei seiner Mama Lotti (69) in Trier.”
Heute jedoch bezeichnet der “Trierische Volksfreund” das, was gestern in “Bild” stand, als “ziemliche Ente” und “blühende Fantasie”. Weiter heißt es dort:
“Der 42-Jährige und seine Lebensgefährtin, die Stuntfrau Tanja de Wendt, haben sich bereits vor fast einem halben Jahr getrennt – ohne es an die große Glocke zu hängen. Guildo wohnt weiterhin in seinem Haus in der Nähe von Köln, will dort auch wohnen bleiben.
Dass er sich zurzeit in Trier aufhält, hat einen anderen Grund: Der Sänger spielt die Hauptrolle in dem Musical “Paradise of Pain” (…), das Anfang Januar im Trierer Theater Premiere feiert. Weil er zwei Monate lang täglich mehrfach probt, hat er sich wie meist bei Theater-Produktionen vor Ort einquartiert. Übrigens nicht bei Mama Lotti Köhler im Schatten des Moselstadions, sondern im ruhigen Hotel.”
Mit Dank an Tim R., Janni, Fritz L. und J.K. für den Hinweis.
wir mögen uns nicht ausmalen, was bei Ihnen los ist. Ob vielleicht die ganze Mannschaft krank im Bett liegt, dahingerafft von einem Virus. Oder bei den aktuellen Umstrukturierungen irgendetwas schief gelaufen ist und gerade die Techniker für die Texte zuständig sind. Oder die Weihnachtsfeiern in einem Maße eskaliert sind, dass tagsüber wirklich niemand mehr seine Sinne halbwegs beisammen hat.
Aber so geht es nicht weiter. Um noch einmal kurz auf den Roxette-Artikel von gestern zurückzukommen, in dem die Namen sämtlicher vier Hauptpersonen falsch geschrieben waren. Heute früh hat jemand versucht, das zu korrigieren, aber offensichtlich nicht einmal eine schlichte “Suchen & Ersetzen”-Funktion zur Verfügung gehabt. Jedenfalls heißt der arme Per Gessle immer noch einmal “Gessele“. In demselben Artikel wird auch das Alter des Sohnes Oscar falsch angegeben (acht statt neun). Und das Lied, das Marie Fredriksson gesungen hat, heißt nicht“I’ve Never Loved A Man Like I Loved You”, sondern “I Never Loved a Man (The Way I Love You)”.
Anna Nicole Smith (28) läßt tief blicken… zu tief! Ihr offenherziger Auftritt beim “Life 8” kommt sie jetzt wahrscheinlich teuer zu stehen.
Anna Nicole Smith ist ganze zehn Jahre älter. Und das Konzert schreibt sich nicht “Life 8”, sondern “Live 8”.
Wie ist das möglich, all diese Fehler (und noch viele mehr) zu produzieren, die doch so einfach zu vermeiden wären? Werden diese Texte von einem erkälteten Mitarbeiter per Mobiltelefon über eine sehr schlechte Verbindung einem Legastheniker diktiert? Raten Sie das Alter und die Namen der Personen, über die Sie berichten? Guckt da niemand, wirklich niemand mehr drauf?
Liebe Bild.de-Redaktion, wir kommen nicht mehr nach. Tun Sie doch sich und Ihren Lesern einen Gefallen: Nehmen Sie sich ein paar Tage frei, legen Sie sich hin, und dann, nächste Woche oder vielleicht besser nächstes Jahr, gehen Sie die Arbeit mit frischem Schwung wieder an.
Besorgt,
Ihr BILDblog.de
Nachtrag, 10. Dezember. Anscheinend gibt es noch irgendjemanden, der bei Bild.de ein paar Fehler korrigiert, aber sehr groß ist sein Ehrgeiz nicht. Das Alter der Kinder der ehemaligen Roxette-Sängerin Marie Fredriksson ist nicht verbessert, sondern entfernt worden; auch der Name des von ihr gesungenen Titels fehlt nun ganz. Immerhin hat er die beiden Fehler über Anna Nicole Smith und “Live 8” korrigiert — zumindest im Text, in der dazugehörigen Bildbeschriftung hingegen steht leider noch immer “Life 8”.