Seit dem überregionalen Start der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« Ende 2001 hat der Sonntagszeitungs-Markt an Qualität und Dynamik gewonnen. Weil es für ihn bisher noch keinen regelmäßigen Übersichtsdienst gibt, gehen medienlese.com (Ronnie Grob, Florian Steglich) und Der Umblätterer (Frank Fischer, Marc Reichwein) in einer einmaligen konzertierten Aktion mit gutem Beispiel voran. Das Ganze geschieht im Stil des Perlentauchers, den wir von hier aus herzlich grüßen. Wahrscheinlich muss nur noch die lange geplante »Süddeutsche am Sonntag« an den Start gehen, bevor der Perlentaucher auch am Sonntag nicht mehr um eine Feuilleton-Rundschau herumkommt. Wir freuen uns darauf.
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medienlese – der Wochenrückblick
Pfeifenbläser, Telefonabspielgeräte, Kolumnenbeamte, kleine böse Brüder.
Wallpaper-Erfinder und Monocle-Herausgeber Tyler Brûlé kritisierte das Blabla, dass Printmedien verschwinden würden, das zeuge von Faulheit und Kurzsichtigkeit. Der Schaden wurde vor langer Zeit angerichtet und man könne nicht das Internet dafür verantwortlich machen: “Viele Fehlentwicklungen hat es gegeben, weil die falschen Leute an der Spitze von Medienunternehmen sitzen. Vor etwa 15 Jahren haben nämlich Geschäftsleute die Redaktionen übernommen. Ich sage: Wenn man ein guter Journalist ist, kann man auch ein guter Geschäftsmann sein, denn gute journalistische Arbeit macht das Medium attraktiv für Werbekunden.”
Schon 11 Leute haben eine Petition gegen die Heute-Kolumne “Zora Off” unterschrieben. Sie wendet sich gegen ihre wiederholte unbedachte Wortwahl. Es sei “nicht sonderlich klug, wenn sich eine Kolumnistin als Kifferin outet und öfters von anderen Drogen wie bspw. Heroin spricht. Jungen Lesern könnte damit der Eindruck erweckt werden, dass Kiffen oder das Konsumieren von Drogen etwas Tolles sei.”
6 vor 9
Publizistische Schauprozesse
(nzz.ch, ras.)
FC-Thun-Berichterstattung als Dokument geistiger Verwahrlosung.
“Raus aus der Kuschelecke”
(tagesspiegel.de, Mercedes Bunz und Christian Meier)
Tyler Brûlé will die Leser von “Monocle” mit vergessenen Themen konfrontieren.
Sechshundert Dollar Kriegskasse
(faz.net, Lutz Mükke)
Jahrelang brillierte das Erste mit Reportagen aus Somalia. Großen Anteil daran hatte der Einheimische Ahmed Jimale. Er nahm die Bilder des ermordeten amerikanischen Soldaten in Mogadischu auf, die um die Welt gingen. Von der ARD gekündigt, lebt Jimale heute als Flüchtling in Schweden.
“Google ist nicht gut genug”
(faz.net, Roland Lindner)
Jimmy Wales hat das Online-Lexikon Wikipedia gegründet und damit eine sagenhafte Erfolgsgeschichte im Internet geschrieben. Jetzt steigt er ins Suchmaschinen-Geschäft ein und attackiert Google. Anders als bei Wikipedia will er damit richtig Geld verdienen.
E-zines: journalistische Avantgarde im Web
(punkt.ch, wil)
Online-Medien werden immer beliebter, zunehmend bei den Jungen und auch auf Kosten des Print. E-zines könnten damit in der Zukunft an Bedeutung gewinnen. Die Online-Magazine verbinden Print-Ästhetik mit der Multimedialität und Interaktivität des Web.
Nahaufnahme: Computerspiel-Junkie
(rbb-online.de, Video, 6:15 Minuten)
Florian hat keine Ausbildung, keinen Job und keine Freunde. Dafür hat er keine Zeit. Denn er spielt rund um die Uhr ?World of Warcraft“, ein Online-Rollenspiel.
“Bild” versagt als Beckereifachverkäuferin
“Ich konnte mich mit der Art und Weise, wie die Geschichten erfinden und auch mit den Methoden, wie sie arbeiten, nicht identifizieren.”
(Boris Becker, 1989, über “Bild”)
“BORIS — Nächste Frau weg”, schreibt “Bild” heute auf der Titelseite, weil Boris Becker der “Revue” exklusiv gesagt hat:
“Ich habe mich vor sechs Wochen von meiner Freundin getrennt. (…) Wir haben uns getrennt, das können Sie gern veröffentlichen, das weiß auch noch niemand!”
So steht’s auch auf dem aktuellen “Revue”-Titel (“Ich habe mich von Lilly getrennt.”) So ließ es sich gestern auch die Nachrichtenagentur dpa aus Beckers “Umfeld” bestätigen (“Das ist richtig, der Bericht der Zeitschrift ‘Revue’ stimmt.”) Und so steht’s auch in “Bild” (“Jetzt sagt Boris BILD: ‘Wir haben es wirklich ernsthaft versucht. … Wir haben dann leider doch beide gemerkt, dass es für eine Beziehung durchaus reicht. Aber nicht für eine Ehe. Das war vor sechs Wochen.'”) Und “Bild” ist sichtlich überrascht:
Boris Schluss mit Lilly
Das Liebes-Aus — es kam mega-überraschend! (…) Dabei hatten viele schon die Hochzeitsglocken läuten gehört und wundern sich jetzt (…). Das alles sah nicht nach dem Ende einer Beziehung aus.
Und auf Bild.de, wo das “Liebes-Aus” bereits gestern Thema war, hieß es scheinbar lakonisch:
Erst kürzlich hatte Becker in BILD gesagt: “Solange ich keine ernsthafte Lebensgefährtin hatte, war vieles leichter, aber jetzt, da möglicherweise eine Nachfolgerin, eine neue Frau Becker ins Haus kommen könnte, die dann auch noch die Familie mit neuen Brüdern und Schwestern erweitert, hat sich die Stimmung etwas verändert.”
Eine neue Frau Becker? Lilly ist es jedenfalls nicht…
Stimmt! Also fast: Beckers “neue Frau Becker”-Zitat stand vor anderthalb Wochen (also ca. vier Wochen nach seiner Trennung) in einem seitenfüllenden “Bild”-Vorabdruck seines Buchs. Beim Namen “Lilly” nennt Becker die mögliche “Nachfolgerin” darin nicht. Mehr noch: Er nennt sie gar nicht, mit keinem Wort.
Ganz im Gegensatz zur “Bild”-Zeitung, die damals zu erahnen vorgab, was Becker verschwieg, und aus ihrem Gemunkel sogar große Schlagzeilen und eine Seite-1-Ankündigung machte:
Kein Wunder also, dass das “Liebes-Aus” jetzt “mega-überraschend” kam für “Bild”.
Der Silberschatz im See
Tolle Geschichte: Schatzsucher finden einen seit über 60 Jahren verschollenen Silberschatz im Schlossteich. Ein Fotograf und Journalist ist dabei und dokumentiert den Fund. Wenig später sind die Schatzsucher verschwunden und mit ihnen der Schatz.
So berichtete die “Bild”-Zeitung im Januar dieses Jahres darüber:
Doch die Geschichte hat einen entscheidenden Haken: Stephan Benesch, der Fotograf und Journalist, der angeblich dabei war, als der Schatz gehoben wurde, hat sie offenbar erfunden und die Fotos, die “Bild” abdruckte, gefälscht. Dafür hat er sein eigenes Tafelsilber nicht nur fein säuberlich aufgereiht, sondern es auch in den Schlamm gelegt und beides fotografiert. Außerdem hat Benesch das Landesamt für Bodendenkmalpflege wegen der “Schatzräuber” informiert und zum angeblichen Fundort geführt. Und Graf Hubert Tiele-Winckler, laut “Bild” der Erbe des Silbers, schaltete wegen des vermeintlichen Diebstahls nach Veröffentlichung des Artikels die Polizei ein. Das alles ergaben Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Rostock.
Vorgestern nun entschied ein Gericht, dass Benesch 1750 Euro Strafe zahlen muss. Wegen Betrugs gegenüber der “Bild”-Zeitung und wegen Vortäuschens einer Straftat. Benesch hat den Strafbefehl zwar akzeptiert, wie uns die Staatsanwaltschaft bestätigt. Laut “Schweriner Volkszeitung” (“SVZ”) behauptet er jedoch nun, er selbst sei ebenfalls reingelegt worden — von den vermeintlichen Schatzsuchern nämlich. Die Fotomanipulation gibt er zu und sagt, das “war ein Fehler. Ich habe Mist gemacht.” Dass er überhaupt auf die Idee kam, Fotos zu fälschen, begründet er der “SVZ” gegenüber so:
“Die wollten unbedingt ein Foto, da habe ich ein wenig nachgeholfen”.
Mit “die” ist die “Bild”-Zeitung gemeint. Deshalb fragten wir dort seit gestern mittag mehrfach an, ob niemand bei “Bild” Beneschs Geschichte überprüft habe, ob sie später in irgendeiner Ausgabe korrigiert wurde, ob “Bild” Benesch tatsächlich “seit der Geschichte wieder einige Bilder von Unfällen abgekauft” habe, wie die “SVZ” schreibt, und warum der Artikel bei Bild.de weiterhin online ist.
Bisher erhielten wir von “Bild” keine Antwort.
Medienjournalismus nach Art des Hauses
Peter Heinlein, 56, ist so eine Art Söldner der Medienbranche. Er stand unter anderem schon in den Diensten von “Spiegel”, “Welt am Sonntag”, “Handelsblatt”, “Bunte” und “Max” und zeichnete sich immer durch Artikel über die Medien- und Werbebranche aus, 
Für die “Bunte” porträtierte er vor einigen Jahren in einer großen Reihe Werber. Die Artikel hatten programmatische Überschriften wie “Das ist ein wirklich kluger Kopf!”, “Der Hugh Grant der Werbung”, “Dieser Typ ist ‘ne echte Marke”, “Ein Turbo-Werber macht Druck” oder “Der smarte Werbe-Künstler”. Für “Max” schrieb er über die Agentur Crispin Porter + Bogusky (“von der die derzeit beste Werbung der Welt kommt”), die Agentur Jung von Matt (“Deutschlands beste Werbeagentur”), die Agentur Heimat (“der kreativste Werberladen Deutschlands”).
Heinlein in seiner Doppelrolle als Medienkolumnist und Verlagssprecher:
“Viele Websites bieten inzwischen bewegte Bilder an. Aber bei Bild.T-Online gibt’s ab sofort eine eigene Web-TV-Show. BILD live sendet zweimal täglich das Neueste von Stars aus Entertainment und Sport.
Das neue Videoformat wird von meiner Hamburger Kollegin Julia Josten präsentiert. Dazu wählt die Online-Redaktion in Berlin das Interessanteste aus der Fülle des internationalen Themenangebotes aus. (…) Es macht richtig Spaß, [mit dem Videoplayer] durch die aktuellen Newsfilme zu “blättern”, sich Kinotrailer, Musikclips oder Videos der Community auf den Schirm zu holen.”
Quelle: Bild.de
Vor gut drei Jahren ist er mit seiner Medienkolumne zu “Bild” gezogen, und man kann nicht sagen, dass ihn ein Rückgrat bei der Arbeit behindere. Er scheut sich zum Beispiel nicht, Interviews anderer Leute so auf Links zu krempeln, dass sie sich als Lob auf die Zeitung verkaufen lassen, für die Heinlein schreibt (wir berichteten). Wenn er für Bild.de über Probleme bei der Münchner “Abendzeitung” berichtet, flicht er, wie als Erklärung, den Satz ein: “Modernen Boulevard bietet in München die BILD-Zeitung.” Und zur Post und ihrer neuen Konkurrenz durch die PIN-AG fällt ihm zufällig exakt das ein, was auch Linie der Axel-Springer-AG ist, der die PIN-AG gehört, was für Heinlein aber anscheinend keine für die Leser relevante Information darstellt.
Heinlein kann nicht nur positiv. Wenn es um die (auch von Chefredakteur Kai Diekmann nicht geschätzte) “Zeit” geht oder den Verlag Gruner+Jahr, findet er gern ein böses Wort, und den “Geo”-Chef Peter-Matthias Gaede scheint er besonders wenig leiden zu können:
Bevor der gern kritische Journalistik-Papst des Hauses Gruner + Jahr und König der “GEO”-Gruppe, Peter-Matthias Gaede, im Aufsichtsrat seines Verlages neue Weihen erhält, darf er abgeben von seiner Machtfülle.
Aber man täte Peter Heinlein Unrecht, wenn man jedem seiner Texte unterstellte, er habe ein erklärtes publizistisches Ziel. Viele sind auch einfach, sichtlich unredigiert, dahingeworfen. Ein Höhepunkt aus dem Genre “Eh-Egal” findet sich in Heinleins heutiger Bild.de-Kolumne:
Das immer beliebter werdende digitale Aufzeichnen mit automatischem Herausschneiden der Fernsehreklame hat TV-Werber in den USA auf neue Ideen gebracht. Dort gibt’s nämlich schon Fernsehen im Supermarkt. In den Läden der “Wal-Mart”-Kette zum Beispiel, wo sich Leute beim Einkaufen im Schnitt eine Stunde aufhalten. Dort werden sie jetzt zunehmend mit TV-Werbung berieselt. Ausschalten geht nicht, pinkeln auch nicht. Die Werbeerinnerung dort ist mit 56 Prozent deutlich höher als beim Zuhause Gucken (21 Prozent), ergab eine US-Studie.
Nach “Ford Unilever” und “Gilette” will jetzt auch die US-Navy diesen Kanal nutzen und für ihr PC-Spiel “Call of Duty” werben.
Offenbar hat Heinlein diesen Artikel aus der amerikanischen Fachzeitschrift “Brandweek” zum Thema gelesen. Oder besser: flüchtig überflogen. Denn mal abgesehen davon, dass Ford und Unilever zwei verschiedene Unternehmen sind, dass sich Gillette mit Doppel-L schreibt und es vielleicht wichtig gewesen wäre, darauf hinzuweisen, dass die “US-Studie” mit den für das Wal-Mart-Fernsehprogramm so vorteilhaften Ergebnissen von dem Produzenten des Wal-Mart-Fernsehprogramms erstellt wurde… also, mal abgesehen davon ist das PC-Spiel “Call of Duty” natürlich nicht von der US-Navy. Die “Brandweek” hatte nur darauf hingewiesen, dass jugendliche Käufer dieses Kriegsspiels doch die perfekte Zielgruppe wären für die eigene Werbung der US-Navy im Ladenfernsehen (bei GameStop übrigens, nicht Wal-Mart).
Da muss man schon sehr schludrig arbeiten, um all das, wie Heinlein, misszuverstehen. Aber es geht in diesem Fall ja auch nicht um “Bild”, die Axel-Springer-AG oder ihre Konkurrenten.
Nachtrag, 22. November: Bild.de hat die Wal-Mart-Meldung aus Heinleins Kolumne ersatz-, wort- und restlos gelöscht.
Gene und die falschen Männer machen lesbisch
Christine Baumanns ist Autorin der Bücher “Massagen für Liebende” und “Träume von Leidenschaft und Lust” sowie Diplompsychologin, Sexualtherapeutin und Genussforscherin. “Bild” nennt sie heute “Dipl.-Psychologin” bzw. schlicht “Expertin”.
Christine Baumanns hält Britney Spears für psychisch krank, wenn “Bild” sie danach fragt. Und Christine Baumanns hat nicht nur eine Antwort parat, wenn “Bild” von ihr wissen will, warum sich Sophia Loren “mit 71 noch so scharf fotografieren” lässt, “wie ehrlich” die Liebe von Gülcan Karahanci und Sebastian Kamps “wirklich” sei oder, ob es “noch normal” ist, wenn Meret Becker ihren Stiefvater auf den Mund küsst — nein, Christine Baumanns ist auch zur Stelle, wenn “Bild” im WM-Taumel bloß deliriert: “Wollen wir uns alle DUZEN?”
Und Baumanns’ Antworten sind immer toll:
“Bild”: Was macht den schmuddeligen Doherty bei Frauen bloß so attraktiv?
Christine Baumanns: Es ist die Faszination des Kaputten.“Bild”: Kann das Video [von Tokio Hotel] labile Jugendliche möglicherweise zum Selbstmord verführen?
Christine Baumanns: Ich denke nicht.“Bild”: Ist Tom Cruise etwa ein softes Mama-Söhnchen?
Christine Baumanns: Absolut nicht!
Zum Thema “Wie gut ist Ihre Ehe?” entwickelte Christine Baumanns “exklusiv für BILD” sogar den “großen BILD-Test” (Zitat: “Ihr(e) Partner(in) hat ziemlich an Gewicht zugelegt. Ihr Kommentar? a) “Schatz, ich mag dich, wie du bist.” b) “Wie wäre es mit einer Diät? Mir ist dein Aussehen nicht egal.” c) “Frust-Essen macht nicht gerade schön. Du könntest ein bisschen mehr auf dich achten.” Zitat Ende.)
Und heute beantwortet Christine Baumanns aus aktuellem Anlass exklusiv in “Bild” die Frage:
“Bild” fragt zum Beispiel:
Wie wird eine Frau lesbisch – ist das angeboren oder sind die Männer schuld?
Und Christine Baumanns antwortet:
Bei manchen Lesben ist das ganz klar genetisch festgelegt. Sie verlieben sich von Anfang an immer nur in Frauen. Viel häufiger ist aber eine große Enttäuschung mit einem Mann der Auslöser. Die Frau wendet sich bewusst von den Männern ab und findet erfüllende Liebe bei einer Frau.
Zu Baumanns “Expertin erklärt”-Interview haben wir deshalb mal Renate Rampf, Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD), befragt.
Wie enttäuscht sind Lesben von Männern?

Renate Rampf: Die Behauptung, dass Frauen lesbisch sind, weil sie enttäuscht sind, ist völliger Unsinn. Dann müsste Deutschland zu 90 Prozent lesbisch sein. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Frauen, die schwerwiegende, dramatische Enttäuschungen mit Männern erleben, heterosexuelle Frauen. Die werden verlassen, die werden betrogen, die werden geschlagen — manche haben natürlich auch ganz wunderbare Beziehungen. Aber wo Liebe ist, ist auch Enttäuschung, und deshalb gehe ich mal davon aus, dass die Enttäuschung von den heterosexuellen Frauen gegenüber den heterosexuellen Männern viel größer ist. Lesbische Frauen sind meistens gar nicht so enttäuscht von Männern, sie erwarten nicht so viel. Sie haben Freunde, sie haben Kollegen, sie haben Väter, sie leben mit denen so, wie Männer eben auch mit anderen Männern und anderen Frauen jenseits der Sexualität leben. Wir Lesben haben, ich möchte mal sagen, ein unspektakuläres Verhältnis zu Männern.
Wie “Bild” über Lesben berichtet
Claus Jacobi, “Bild”, 18.11.2006:
Ein Gericht im nahen New Jersey hat entschieden, dass zwei zusammenlebende Lesben als Eltern eines Neugeborenen anerkannt werden können. Und das ist auch gut so. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Unbeantwortete Nebenfrage: Wie kam die eine Lesbe zu dem Kind?
Claus Jacobi, “Bild”, 2.9.2006:
Ab Juni 2007 wird in Berlin ein Mahnmal an die “im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen” erinnern. Nach dem Entwurf soll im Innern ein Filmbild zwei einander küssende Männer zeigen. (…) Sogleich warnte der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in “Emma” davor, “weibliche Homosexuelle” auszugrenzen und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Griefahn (SPD), die den Mahnmal-Entwurf “schlicht unangebracht” findet, möchte auch “ein küssendes Frauenpaar” sehen. Und das ist dann gut so?
“Bild”, 22.7.2006:
SIND DIE WIRKLICH ALLE ANDERSRUM? 450 000 Männer und Frauen werden heute in Berlin zum Christopher Street Day erwartet, der Parade der Schwulen und Lesben. Aber nicht alle, die kommen, sind auch wirklich so. Hier sehen Sie fünf junge Frauen, die mittanzen wollen. Schauen Sie sich die Bilder an und raten Sie, wer welche Vorlieben hat.
“Bild”, 1.6.2006:
Tina hat Sex mit Bette. Jenny knutscht mit Marina. Shane vernascht eine Nackte im Swimmingpool. Frauen lieben Frauen in der neuen TV-Serie “The L-Word” (…). Doch nur eine der Hauptdarstellerinnen ist auch im richtigen Leben lesbisch. Raten Sie mal, welche …
“Bild”, 10.5.2006
Lesbe (taubstumm) sticht Lesbe (taubstumm) nieder
… weil sie sie mit einem Mann (auch taubstumm) betrogen hat
“Bild”, 1.4.2006:
Jetzt packt Jürgen Krust (62) aus. Er war zwölf Jahre lang Trainer beim Bundesligisten FCR Duisburg, wurde dreimal Deutscher Meister. Sein Vorwurf: Intrigen, Eifersucht & Zicken-Zoff sind Alltag im Frauen-Fußball.
Krust über Homosexualität: “30 bis 50 Prozent der Fußballerinnen fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen. Die gleichgeschlechtliche Liebe ist aber zum größten Teil keine echte. Der hohe prozentuale Anteil der Lesben-Liebe hängt vor allem mit dem Zeitfaktor zusammen. Die Mädels sind an sechs Tagen in der Woche bis spät abends für den Fußball unterwegs. Sie haben kaum noch Zeit woanders hinzugehen. Es ist einfach problematisch, einen passenden Mann zu finden. Sie gehen dann den Weg des geringsten Widerstandes und verlieben sich innerhalb der Mannschaft. Natürlich gibt es auch ein paar echte Lesben. Die versuchen dann ihre Macht auszuspielen. Beim Hallen-Fußball-Masters zum Beispiel gibt es eine Players-Night. In internen Kreisen lautet das Motto: Heteros knacken.”
Claus Jacobi, “Bild”, 21.1.2006:
Das ist die Welt, in der wir leben: In Hamburg kann jeder fünfte Schulanfänger nicht richtig Deutsch. Das Fernsehen plant Serien über Schwule und Lesben. “Ich wollte ihn nur essen, nicht töten”, verteidigt sich ein Angeklagter vor Gericht. Manager, die Konzerne an den Rand der Pleite führten, erhalten zum Abschied Millionen Euro und Limousinen auf Lebenszeit. Deutsche Atomkraftwerke, die zu den sichersten der Welt zählen, sollen abgeschaltet werden. Die grüne Claudia Roth schwärmt von “Interkulturalität”. Eine Blinde möchte mit ihrem Blindenhund ins Kino. Susanne Osthoff wird für den Grimme-Preis vorgeschlagen. Schöne neue Welt …
“Bild”, 13.10.2005:
Lesben-Küsse im TV Ulrike Folkerts
Berlin – Privat küßt TV-Kommissarin Ulrike Folkerts (44, “Tatort”) schon lange nur noch Frauen. Jetzt tut sie es auch beruflich … (…) Für Barbara Rudnik, die privat nur Männer liebt, ist es der erste Lesben-Kuß. Wie fühlt es sich an, die Lippen einer Frau zu spüren?
“Bild”, 19.8.2005:
Lesben-Liebe
Ihr Ex jammert: Wir hatten doch so großartigen Sex!
“Bild”, 28.1.2005:
Die Geheimnisse der Liebe. Teil 4: Lieben Schwule und Lesben besser?
(…) Für Frauen sind Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht besonders wertvoll. (…) Vorsicht aber bei Dreiern. Mancher Mann träumt davon, daß zwei Frauen miteinander zärtlich sind. Sieht er es dann, kommt die Eifersucht: Er fühlt sich ausgeschlossen – gegen eine Frau kann er nie konkurrieren.
“Bild”, 28.12.2004:
Lesben-TV! Kommt das etwa auch zu uns?
“Bild”, 8.10.2004
Pocht das Herz der RTL-Lesbe jetzt für einen Mann? Dieser Frauen-Sex war wohl nicht scharf genug…
“Bild”, 9.8.2004:
Scheidung auf lesbisch: Erst Liebe, dann Hiebe!
“Bild” lässt sich erklären, warum Frauen lesbisch werden. Geht das überhaupt?
Renate Rampf: Grundsätzlich gilt für mich: Wer fragt, verdient eine Antwort. Insofern darf natürlich auch die Frage nach der Ursache für Homosexualität gestellt werden. Die Antworten sollten dann nur schon möglichst reflektiert sein. Wir müssen darauf hinweisen, dass die Frage “Warum ist eine Frau lesbisch?” genauso sinnvoll ist oder genauso unsinnig wie die Frage “Warum ist eine Frau heterosexuell?” Wir müssen auf beides antworten: “Wir wissen es nicht.” Wissenschaftlich ist das oft erforscht worden, leider meistens mit der Absicht, Homosexualität zu verhindern oder auszumerzen, und trotz all dieser Versuche kann man dazu nichts sagen. Die Suche nach dem “homosexuellen Gen” hat bis jetzt keine Ergebnisse gebracht, genauso wenig wie die Suche nach dem “heterosexuellen Gen”.
Es gibt lesbische Frauen, heterosexuelle Frauen, bisexuelle Frauen, es gibt Frauen, die viele, viele Jahre heterosexuell leben und dann mit 40 ihr Coming Out haben und ganz glücklich sind, aber vorher auch glücklich waren.
Was halten Sie von Fragen wie “Was ist bei lesbischer Liebe anders”?
Renate Rampf: Jede Liebe ist einzigartig. Das Traurige ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die wissenschaftlich betrachtet auch Patriarchat genannt wird, in der bestimmte Formen des Liebens mehr respektiert werden als andere. Die Form, die mehr geschätzt wird, ist die heterosexuelle, man macht es also am Geschlecht der Liebenden fest. Sinnvoller wäre es natürlich, es beispielsweise daran festzumachen, was die Liebenden einander geben, wie treu sie sind, was ihre Liebe für die Gesellschaft bedeutet.
Können Sie sich erklären, warum das Interesse an dem Coming Out von Anne Will im Jahr 2007 immer noch so groß ist? Sind Lesben für die Öffentlichkeit interessanter als Schwule?
Renate Rampf: Die Lesben und Schwulen haben in den letzten zwanzig, dreißig Jahren sehr viel gekämpft für eine öffentliche Anerkennung, wir haben jetzt die Lebenspartnerschaft, und wir haben offen schwule Bürgermeister und Politiker. Die Lesben haben da eine gewisse Leerstelle hinterlassen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen jetzt wissen: “Wie sieht denn die Lesbe eigentlich aus?” Man hat schon ein Bild von Klaus Wowereit und Ole von Beust, aber die Lesbe an sich bleibt unbekannt. Es gibt nur so gewisse Schraffierungen: Manche denken, dass sind Frauen, die sich viel in Baumärkten rumtreiben, andere denken an Fußballerinnen, aber eigentlich weiß man oder frau nicht, wie eine Lesbe ist. Ich glaube, es gibt ein öffentliches Bedürfnis zu sehen, wer oder was die Lesben sind. Da wird man schnell feststellen: Es sind irgendwie ganz normale Frauen, es gibt solche und solche — lange Haare, kurze Haare, ganz besonders hübsche und einige, die sturznormal aussehen. Von den Lesben selber wiederum gibt es auch ein starkes Bedürfnis danach, dass jetzt endlich Frauen den Weg vorgehen und öffentliche Präsenz zeigen.
Denken Sie, dass das Interesse an Lesben und die häufige Fokussierung auf Sex daher kommt, dass viele Männer die Vorstellung von Lesbensex besonders anregend finden?
Renate Rampf: Sex ist an sich eine anregende Sache, es gibt auch keinen Grund, darüber nicht zu sprechen oder zu schreiben. Leider ist es so, dass sich die öffentliche Diskussion meistens nicht für Lesben interessiert. So wird zum Beispiel häufig in den Medien von der “Schwulenehe” gesprochen, obwohl es selbstverständlich eine Lesben- und Schwulenorientierte Lebenspartnerschaft ist. Das Interesse an Lesben ist nicht größer; es ist eher so, dass wir unter der Tradition der Unsichtbarkeit leiden. Lesbischsein wird erst dann als Lesbischsein gewertet, wenn wir öffentlich sagen: “Wir machen Sex mit Frauen!” Und dann haben wir das Problem, dass dann alle über Sex reden wollen.
Freuen Sie sich, wenn eine Zeitung wie “Bild” versucht, Aufklärung zu betreiben?
Renate Rampf: Ich freue mich, wenn über Lesben gesprochen wird. Ich hab mich auch gefreut, als es die Sendung “Hinter Gittern” gab, in der ja auch mehrere Lesben vorkamen und prominent besetzt waren. Noch mehr habe ich mich aber gefreut, als die lesbische Liebe nicht mehr hinter Gittern war. Man muss über Lesben schreiben, und das führt auch dazu, dass auch Falsches über Lesben geschrieben wird. Aber es ist besser, mal ins Fettnäpfchen zu treten und etwas zu sagen, was nur die Wiederholung eines Vorurteils ist, als überhaupt nicht über Lesben zu sprechen. Für die lesbischen Mädchen, die keine Vorbilder haben, für die lesbischen Frauen, die sich orientieren müssen, ist es gut und wichtig, dass das Thema auf der Tagesordnung steht. Lieber wäre mir natürlich, wenn man auch ein bisschen differenzierter aufklärt.
Insgesamt freuen Sie sich aber, dass das Thema durch das Coming-Out von Anne Will in die Presse gekommen ist und sich Leute damit auseinandersetzen?
Renate Rampf: Ja. Lesben sind überall, es sind Journalistinnen, Ärztinnen, Busfahrerinnen, Straßenbahnfahrerinnen, es sind Ministerinnen, Bürgermeisterinnen und und und. Wir hoffen, dass noch eine und noch eine und noch eine sich dazu bekennt, und ich freue mich, wenn ganz viel darüber geschrieben wird.
Betr.: Anne Will und Miriam Meckel
Sehr geehrter Herr Diekmann,
wenn Sie darauf angesprochen werden, dass die von Ihnen verantwortete “Bild”-Zeitung die Privatsphäre von Prominenten nicht respektiert, antworten Sie, dass die Prominenten dafür selbst verantwortlich seien. Gegenüber der Schweizer Zeitung “Persönlich” (pdf) formulierten Sie es so:
Grundsätzlich ist das Privatleben tabu. Das gilt aber nicht für diejenigen, die mit ihrem Privatleben das Licht der Öffentlichkeit suchen.
Der “FAZ” sagten Sie:
Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat. (…) Wer nicht selbst das Spiel eröffnet, muß auch nicht mitspielen.
Immer wieder greifen Sie auf eine Fahrstuhl-Metapher zurück:
Wer die Presse einlädt, wenn es im Fahrstuhl des Lebens nach oben geht, darf sie nicht aussperren, wenn er wieder nach unten fährt.
Gestern und heute haben “Bild” und “Bild am Sonntag” in größter Aufmachung darüber berichtet, dass die ARD-Moderatorin Anne Will am Rande einer Veranstaltung bestätigt habe, mit der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zusammen zu sein. “Ja, wir sind ein Paar”, habe Will gesagt und hinzugefügt: “Wir möchten unser Privatleben privat halten.”
Diesen Wunsch mochten Sie ihr offensichtlich nicht erfüllen. Denn Ihre Zeitung belässt es nicht dabei, über das Coming-Out der Moderatorin zu berichten, ihre Partnerin vorzustellen und über Kleidung, Schmuck, Sitzordnung, Menufolge und Stimmung bei der öffentlichen Veranstaltung zu berichten, zu der Will und Meckel gemeinsam gekommen waren. Sie informiert ihre Leser zugleich unter anderem auch über einen gemeinsamen Urlaub der beiden und nennt Details ihrer Freizeitgestaltung.
Offenkundig ist das Privatleben von Anne Will für die “Bild”-Zeitung also nicht mehr Tabu. Angenommen, Ihre öffentlichen Erklärungen über den sonst geltenden Respekt Ihrer Zeitung vor der Privatsphäre anderer Menschen seien nicht nur Lügen oder bestenfalls Selbstbetrug: Bedeutet die Tatsache, dass Frau Will und Frau Meckel auf Nachfrage einmal bestätigen, ein Paar zu sein, dass beide nun “das Spiel eröffnet” haben und in den “Bild”-Fahrstuhl eingestiegen sind? Glauben Sie, dass beide dadurch etwas Intimes enthüllt haben? Haben beide dadurch das sonst angeblich von Ihnen garantierte Recht verwirkt, ihr Privatleben privat zu halten? Müssen sie deswegen damit rechnen, dass “Bild”-Reporter sich auf die Suche nach früheren Partnern machen; dass “Bild”-Fotografen dokumentieren, wenn beide gemeinsam (oder gerade nicht gemeinsam) in den Urlaub fahren oder in einem Café sitzen; dass “Bild”-Artikel die Öffentlichkeit über Höhen und Tiefen in dieser Beziehung auf dem Laufenden halten?
Müssen Prominente, wenn sie nicht in Ihrer Zeitung lesen wollen, wo sie mit wem welchen Freizeitsport treiben, beispielsweise vollständig darauf verzichten, sich von ihren Partnern zu gesellschaftlichen Anlässen begleiten zu lassen? Oder dürfen sie sich von ihren Partnern begleiten lassen — aber nicht darüber reden?
Herr Diekmann, was kann ein Paar tun, um Ihnen keinen Vorwand dafür zu liefern, sein Privatleben als Verfügungsmasse Ihrer Zeitung zu betrachten?
Über Antworten würden wir uns freuen!
Mit freundlichen Grüßen
Ihre BILDblogger
Nachtrag, 28.11.2007: Von einem “Bild”-Sprecher erhielten wir folgende Antwort:
Sie schickten am 19.11. einen Brief an die Bild-Chefredaktion zum Thema Anne Will. Von unserer Seite gibt es dazu nur soviel zu sagen: Wir haben geschrieben, was an diesem Abend unserer BILD am SONNTAG-Reporterin gesagt wurde.
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Digitale Demokratisierung des Wissens
(nzz.ch, hag.)
Wissensmanagement erfolgt im Internetzeitalter nicht mehr nur über traditionelle Schulungsprozesse und Lehrmittel. Vermehrt eröffnen Suchmaschinen den Zugang zu kostenlosen Bildungsinhalten. Der Trend provoziert Fragen zum Urheberrecht und kollidiert mit kommerziellen Geschäftsmodellen von Verlagen, Medienhäusern oder Bibliotheken.
Finn Canonica und Urs Leuthard im Gespräch
(drs.ch, mp3, 25:54 Minuten)
Der Chefredaktor des Magazins redet mit dem Leiter der Arena des Schweizer Fernsehens darüber, wie man den Redeschwall von Politikern stoppt und wie diese sich, weil sie alle den gleichen Kommunikationskurs gemacht haben, genormt verhalten.
Big G is watching you
(sonntagszeitung.ch, Michael Soukup)
Google sammelt fleissig persönliche Daten – besser als jeder Marktforscher und Geheimdienstler.
Der Einzug der grauen Mäuse
(sonntagsblick.ch, Karin El Mais und Simone Matthieu)
SF sehen – und vergessen. Die neuen Gesichter des Schweizer Fernsehens sind sympathisch, aber so durchschnittlich, dass sie keinem in Erinnerung bleiben. Die glamourösen TV-Stars werden rar in unserem Land. Weil sie in Pension gehen. Oder schlicht übergangen werden.
Wie ein Journalist Außenminister wurde
(stern.de, Rafal Wos)
So einen Außenminister hatten die Polen noch nie. Nach dem diplomatischen Krawallkurs der Kaczynski-Brüder soll nun Radoslaw “Radek” Sikorski Polen wieder auf den Europapfad bringen.
Beziehungskiller Handy
(sonntagonline.ch, Nicolas Gattlen)
Tag und Nacht erreichbar, die E-Mail-Flut nun auch auf dem Handy: Smartphones mögen für die Wirtschaft ein Segen sein – für das Privatleben sind sie ein Fluch, wie eine neue Studie der Universität St. Gallen belegt.


