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Rückblicke, Grosse-Bley, Journalistenpreise

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wir erinnern uns zu Tode”
(perlentaucher.de/blog, Thierry Chervel)
Thierry Chervel, und der muss es wissen, denn er liest täglich ausführlich darin, über den aktuellen Zustand der Kulturteile: “Unsere Feuilletons – aber ist es im Fernsehen so viel anders? – bestehen aus Rückblicken. Der Jahrestag ist der cache-sexe der Ideenlosigkeit.”

2. “Memo an alle Blick-Ressortleiter”
(blog.persoenlich.com, Roger Schawinski)
Roger Schawinski schreibt einen Brief, in dem er sich als Ralph Grosse-Bley ausgibt, der Anfang 2009 von “Bild” zu “Blick” geholt wurde und dort de facto als Chefredakteur waltet: “Bewegt eure Ärsche und beweist, dass dieses Land genauso verrottet, verdorben und kaputt wie das von Bild täglich präsentierte Deutschland ist, auch wenn wir hier noch ein klein wenig mehr nachhelfen müssen.”

3. “Wie virale Werbung in die Medien eindringt”
(nzz.ch, Tobias Feld)
“Das Internetvideo einer tanzenden Hochzeitsgesellschaft wurde im Sommer millionenfach angeklickt. Die Medien berichteten darüber. Dabei war das Video Teil einer Werbestrategie.”

4. “Das Holzbein einer Humpeldemokratie”
(unsereuni.at, Christian Eisner)
“‘Presse’ und ‘Kronen Zeitung’ nehmen tagtäglich Stellung zu den Studierendenprotesten. Die Art und Weise wie beide Medien das tun erinnert stark an deren Berichterstattung in den 60er Jahren. Im Vordergrund stehen Sach- und Personenschäden, die Einzelereignisse darstellen. Die gesamte Bewegung und ihre Botschaften werden hingegen wenig thematisiert. Es wird immer nur von utopischen Forderungen gesprochen.”

5. “Journalistenpreise in Deutschland”
(dradio.de, Ulrike Köppchen, Audio, 28:21 Minuten)
Eine Bestandesaufnahme der schätzungsweise 300 Journalistenpreise in Deutschland. Bei vielen sei zu vermuten, dass es “weniger um Förderung des Qualitätsjournalismus geht als um preiswerte PR für bestimmte Produkte und Anliegen”.

6. “Leitlinien des Sportjournalismus”
(jensweinreich.de)
Der Verband Deutscher Sportjournalisten VDS löst einen “Ehrenkodex” von 1995 mit neuen “Leitlinien des Sportjournalismus” ab und schreibt darüber in der Monatszeitschrift “Sportjournalist”. Jens Weinreich dazu: “Ich muss allerdings sagen, dass die hübschen Leitlinien im selben Heft konterkariert werden, u.a. auf Seite 26, wo die Aufnahme von Dirk Thärichen in den VDS verkündet wird.”

Die Axe des Blöden

Um die Pointe gleich vorwegzunehmen: Die Quelle für die Geschichte, die seit ein paar Tagen um die Welt geht und natürlich auch von deutschen Boulevardzeitungen begeistert aufgenommen wurde, ist eine Seite namens “Faking News”. “Fake” ist englisch und heißt soviel wie “Fälschung”. Und für alle, die zweifeln, ob den Meldungen einer Seite, die schon in ihrem Titel darauf hinweist, dass ihre Nachrichten nur erfunden sind, nicht vielleicht doch zu trauen ist, steht unten auf der Seite noch der Hinweis, dass die Artikel nur fiktiv sind und Leser die “Nachrichten” nicht mit richtigen Nachrichten verwechseln sollten.

Es hat alles nichts geholfen. Die erfundene “Faking News”-Geschichte über den Mann, der die Hersteller von “Axe” verklagte, weil er trotz reichlichen Gebrauchs des Deos keine Frau zu sich niederduften konnte und sich der in der Werbung beschworene “Axe-Effekt” partout nicht einstellen wollte, ging um die Welt.

“Faking News” berichtete, dass der 26-jährige Vaibhav Bedi mit all seinen gebrauchten, ungebrauchten und halb gebrauchten Sprays, Sticks und Rollern, After Shaves, Shampoos und Geltuben ins Gericht getapert sei und von dem Anwalt, der ihn nun vertritt, zuerst für einen Deoverkäufer gehalten wurde. “Faking News” meldete, dass Vaibhav Bedi beteuere, alle Anweisungen auf den Packungen genau befolgt und zum Beispiel mit einem Lineal sichergestellt zu haben, dass der Abstand zwischen Spraydose und Achsel nie weniger als 15 Zentimeter betragen habe. “Faking News” schrieb, dass ein bekannter Anwalt es für riskant halte, wenn Unilever, die Firma hinter der Marke “Axe”, Bedis Misserfolg bei Frauen vor Gericht mit seiner hoffnungslosen Unattraktivität und Dummheit zu erklären versuche, weil gerade die tollsten Frauen oft die grässlichsten Männer heirateten. Und “Faking News” schilderte, dass Bedis versucht habe, die Putzfrau nach Auftrag aller “Axe”-Produkte mit seiner Nacktheit zu beeindrucken, woraufhin sie ihn mit dem Besen attackiert habe.

Nichts davon konnte Journalisten in aller Welt abhalten, diese Geschichte zu glauben und weiter zu verbreiten.

Am vergangenen Sonntag berichteten “Bild am Sonntag”, der “Berliner Kurier” und die “Hamburger Morgenpost”, Vaibhav Bedi habe Unilever wegen irreführender “Axe”-Werbung auf 30 000 Euro Schadensersatz verklagt. Auch Medien wie “dnews”, “Die Krone” und “Österreich” glaubten den Witz. Unter dem entsprechenden Artikel der Online-Ausgabe der “Hamburger Morgenpost”, die sogar mit einem Foto des fiktiven Klägers beeindruckt, stehen schon seit Stunden Leserkommentare, die darauf hinweisen, dass es sich um ein Fake handelt — aber Leser sind bekanntlich keine Journalisten, können also nicht recherchieren und sind insofern natürlich unglaubwürdig.

“Faking News” hat am Montag nun noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man eine Satireseite sei und die Meldung nur erfunden habe. Die Online-Ausgabe des “Express” hat ihre Meldung — natürlich ohne Erklärung oder Berichtigung — gelöscht.

Im Artikel der “Hamburger Morgenpost” findet sich übrigens der schöne Satz:

Anscheinend haben manche Menschen einen unerschütterlichen Glauben an Werbebotschaften.

Ja, das auch.

Mit Dank an Rouven R.!

Nachtrag, 3. November. Die “Hamburger Morgenpost” hat den Artikel online gelöscht. Das Foto von dem fiktiven Kläger, mit dem die “Morgenpost” die Geschichte illustrierte, stammt aus Facebook.

Wo ein Wille ist, ist auch eine Wand

In Österreich demonstrieren die Studenten seit zwei Wochen gegen die Bedingungen an ihren Hochschulen. In Wien wird das Audimax seit 12 Tagen besetzt.

Die “Kronen Zeitung”, das österreichische Pendant zu “Bild” (nur noch schlimmer), stellt sich nicht nur in ihren Kommentaren deutlich gegen die Studenten, sie versucht sich auch an subtileren Methoden.

So sah es gestern ganz oben auf Seite 3 in der “Krone” aus:

Vermummte Demonstrierer sprayen an der Wiener Universität Parolen gegen Wissenschaftsinister Hahn an die Wände – die Besetzung des Audimax ging auch am Wochenende weiter. Hahn wird vorgeworfen, "zu feig zu sein, sich den Besetzern persönlich zu stellen". Der Minister sei eben "nicht mehr an studentischen Anliegen interessiert, sondern geistig schon als EU-Kommissar in Brüssel angekommen", heißt es von Seiten der Studenten. (Über ihre Forderungen siehe auch "Thema des Tages").

“Vermummte Demonstrierer” (letzteres ist Österreichisch für “Demonstranten”), die “die “Wände” beschmieren — klar, dass die Bereitschaft der Bevölkerung gering sein dürfte, sich mit Sachbeschädigern zu solidarisieren.

Allein: Der junge Mann sprayt gar nicht auf eine Wand, sondern auf ein Holzbrett, wie das Protestblog “Unsere Uni” mit einem weiteren Foto beweist.

Junger Mann sprayt Farbe auf ein Brett.

DerStandard.at ergänzt:

Geht es nach der “Kronen Zeitung” so besprayen “vermummte Demonstrierer” die Wände der Universität Wien. Was auf dem abgebildeten Foto so aussieht, ist bei genauerer Betrachtung und Ortskenntnis eine schnöde Holzplatte, die an eine Absperrung gelegt ist. Die “Vermummung” ist im Übrigen lediglich ein Schutz vor den Dämpfen aus der Spraydose.

Es ist nicht so, dass man bei der “Kronen Zeitung” nicht hätte ahnen können, was auf dem Foto wirklich zu sehen ist. Die Bildagentur Getty Images (in deren Angebot das Foto rechts übrigens ein kleines bisschen breiter ist, so dass man schon etwas besser erahnen kann, dass der junge Mann ein Brett besprayt) ist in ihrer Bildbeschreibung ziemlich eindeutig:

Bildunterschrift: A students sprays a placard in Vienna university

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber und an die Kollegen von Medienschelte.at für den Scan!

Westfalenpost, Pressehäuser, Stehtische

6 vor 9

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1. “PR-Journalismus in der Westfalenpost”
(schiebener.net, zoom)
Zoom fragt sich, warum ein Artikel von suedwestfalen-pr.de nahezu unverändert in der “Westfalenpost” und auf dem Portal derwesten.de erscheint.

2. Interview mit Werner D’Inka
(hr-online.de, Thomas Schernbeck und Andreas Bauer)
Die FAZ will nicht bei der Redaktion sparen, sondern bei den “Druck- und Herstellungskosten”. Herausgeber Werner D’Inka: “Wir können alle Seiten vierfarbig drucken, müssen es aber nicht. In letzter Zeit sehen Sie auf unseren Seiten häufiger wieder Schwarzweiß-Bilder.”

3. “Briten wollen Zeitungen nicht einmal geschenkt”
(welt.de, Tina Kaiser)
London ist mit Zeitungen überschwemmt. Mit “The London Paper” und “London Lite” verschwinden nun zwei Gratiszeitungen vom Markt.

4. “Wenn es im obersten Stock raucht …”
(miriammeckel.de)
Miriam Meckel analysiert die “Zeit”-Infografik “Die Woche im Pressehaus”.

5. “Der Stehtisch”
(faz-community.faz.net/blogs/ding, Andrea Diener)
Andrea Diener war an den Münchner Medientagen und machte Beobachtungen. “Wichtige Herren sitzen auf Podien und schwadronieren lauwarmes Zeug über Wachstum und Konsolidierung, Internationalisierung und Regionalisierung, Expansion und Konzentration, Usability und Content, Strategien müssen her, mit Zielgruppen kommuniziert werden, überall Umbruch, überall Diversifizierung.”

6. “The Vertical Newspaper”
(floriansteglich.com, Video, 1:55 Minuten)
Peter Bluijs, der Journalist beim niederländischen “De Telegraaf” war, präsentiert die “vertikale Zeitung”.

Lily Allen und die Monsterschlampen

I don’t know what’s right and what’s real anymore
And I don’t know how I’m meant to feel anymore
And when do you think it will all become clear?
‘Cause I’m being taken over by the fear

(Lily Allen – The Fear)

Ein britisches Gericht hat die Boulevardzeitung “The Sun” verurteilt, 10.000 Pfund Schadenersatz an die Sängerin Lily Allen zu zahlen.

Im Mai dieses Jahres hatte die “Sun” aus einem angeblichen Interview Allens mit der französischen Fußballzeitschrift “So Foot” zitiert, in dem die Sängerin sich abfällig über ihre Kolleginnen und Spielerfrauen Victoria Beckham und Cheryl Cole geäußert haben soll.

Lily Allen gab aber an, nie mit “So Foot” gesprochen zu haben, eine Klage gegen das Magazin ist in Frankreich anhängig. Die “Sun” hat sich entschuldigt und den Artikel aus ihrem Online-Angebot entfernt.

Warum wir das in einem Watchblog für deutschsprachige Medien aufschreiben?

Läster-Attacke gegen Victoria Beckham und Ashley Coles Frau - Lily Allen: Posh ist ein Monster, Cheryl eine Schlampe

Nachtrag, 16:16 Uhr: Und – Zack! – hat auch Bild.de den Artikel offline genommen.

Axel Springer, Alena Gerber, René Walter

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1. “Geschäftsmodell für Journalisten: Blogger abmahnen”
(netzpolitik.org, markus)
Blogger Philipp erhält eine Abmahnung in der Höhe von 2155 Euro von einem von einer Journalistin beauftragten Anwalt. Im Gemeinschaftsblog nomnomnom.de zitierte er drei Absätze aus einer Kolumne mit neun Absätzen. Markus meint: “Solche Fälle sollten bei nicht-kommerziellen Zwecken nicht zu solchen Abmahnungen führen.”

2. “Wie die Stasi den Medienkonzern Springer ausspähte”
(ardmediathek.de, Video, 44 Minuten)
Sehenswerter Film von Tilman Jens über die Ausspähung des Axel-Springer-Verlags von der DDR-Staatssicherheit. Der Film hat eine vom Springer-Konzern in Auftrag gegebene und von einem unabhängigen Forscherteam der FU-Berlin erarbeitete Studie als Grundlage, klärt auf über die Herkunft der Parole “Enteignet Springer” und zeigt die Ausmasse der Überwachung des DDR-Feinds auf. Axel Springer war offenbar so wichtig, dass Ende der 60er-Jahre ein 10 Millionen Ostmark teurer Propagandafilm gegen ihn produziert wurde, in dem er unter anderem als impotenter Alkoholiker dargestellt wird.

3. “So spannte ‘Bild’ die SVP vor den Busen”
(20min.ch, Marius Egger)
Um die zum Verlag gehörende Website usgang.tv ins Gespräch zu bringen, bringt “Bild” Schweizer Rechtspolitiker dazu, ihre Vorurteile über Deutsche in der Schweiz auf die bisher kaum beachtete Moderatorin der Sendung zu lenken. Von Erich Hess entlockte “Bild” diese Aussage über Alena Gerber: “Sie ist grundsätzlich eine ganz schöne Frau, aber man merkt eine deutsche Arroganz dahinter.”

4. “Gab’s in der DDR ein Kultmagazin?”
(medien-mittweida.de, Ellen Schaller)
“Wer glaubt, dass es in der DDR nur politische Presse zu lesen gab, der liegt falsch. ‘Das Magazin’ überzeugte mit Reportagen, Kurzgeschichten, Umfragen und Kunstdrucken.”

5. “Interview mit René Walter”
(cicero.de, Constantin Magnis)
Kurzweiliges und unterhaltsames Gespräch mit dem Blogger von nerdcore.de, René Walter. Seine Informationen bezieht er mit einem Feedreader: “Ich hab einen recht rigiden Zeitplan, morgens ein bis zwei Stunden, abends ein bis zwei Stunden. Tagsüber behalte ich die Seite im Auge, falls was wirklich Wichtiges passiert, wenn Michael Jackson stirbt oder so.”

6. “Kommas – Welche Regeln muss ein Online-Redakteur kennen?”
(text-gold.de)
Eine kurze Auffrischung der Kommaregeln. Wichtiger Tipp am Schluss: “Um welchen Kommasetzungsfall es auch geht: Sie sollten stets Kommas während des Schreibens setzen und nicht nachträglich einfügen.”

Promis, Zwangsfernsehen, Printfeudalismus

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1. “Das Geschäft mit falschen Promi-Nachrichten”
(ndr.de, Video, 5:22 Minuten)
Ein Blick auf die englische Boulevard-Presse, die ungeprüft von Lesern telefonisch mitgeteilte Stories über Prominente druckt, wenn sie denn keine rechtliche Bedrohung darstellen. Einmal niedergeschrieben, werden die Unwahrheiten, zum Beispiel die Geschichte über die in Brand geratenen Haare von Amy Winehouse, hundertfach von anderen Medien verbreitet, immer mit Bezug auf das Ursprungsblatt.

2. “Axel Springer und die Stasi”
(faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld über den Film “Bespitzelt Springer!” von Tilman Jens, der die Überwachung des Axel Springer Verlags durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR zum Thema hat. Sein Fazit: “Vor der Stasi war Springer nackt.”

3. “Kein politisches Zwangsfernsehen”
(sprengsatz.de, Michael Spreng)
Für Michael Spreng gehen die Vorwürfe von Bundestagspräsident Norbert Lammert an ARD und ZDF ins Leere. Die Übertragung sei auf “Phoenix” zu sehen gewesen, ausserdem unterliege auch der Bundestag “den Gesetzen der Mediengesellschaft”: “Veranstaltungen müssen spannend und kontrovers, zumindest aber interessant sein und einen Erkenntnisgewinn vermitteln”.

4. “Abt. Das Ende des Journalismus”
(infam.antville.org, vanpipe)
Bild.de liefert ein Beispiel, wie eine Geschichte auch ganz ohne Empörung inszeniert werden kann – und Schweizer Online-Portale steigen dankbar darauf ein: “Weder in der Schweizerischen Mediendatenbank noch in Blogs noch auf Google News finden sich Hinweise darauf, dass irgendjemand sich darüber geärgert haben könnte, dass ein deutsches Wiesn-Playmate namens Alena Gerber die obskure Web-Sendung usgang.tv präsentiert.”

5. “Qualitätsmedien und Analysen”
(ballverliebt.eu, Philipp Eitzinger)
Fußball: Philipp Eitzinger war in London und freute sich über detailierte Pass-Analysen im “Guardian”. “Solche Grafiken und Artikel” könne man “in den heimischen Medien lange suchen”.

6. “Nicht mein Beruf”
(rebellmarkt.blogger.de, donalphons)
Donalphons über den Niedergang der Printbranche: “Es wird dem Printfeudalismus ergehen wie dem echten Feudalismus, ein paar Paläste werden stehen bleiben und gegen Geld zu besichtigen sein, aber die Kaschemmen wird man wegreissen, weil es weder finanzierbar sein wird, noch gefragt. Irgendwann wird auch der Trick einer Berliner Tageszeitung nicht mehr laufen, Leute umsonst arbeiten zu lassen – weil die Leute irgendwann verstehen, dass in dem Beruf nur für wenige etwas zu holen ist.”

Lammert, GEZ, Auflagen

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1. “Return to Sender”
(kaidiekmann.de)
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann dementiert die Vorwürfe, “Bild” habe ohne Erlaubnis Inhalte des Magazins “Lettre International” online gestellt: “Lieber Herr Berberich: Da müssen Sie etwas übersehen haben. Denn natürlich haben wir das Interview nicht geklaut, sondern uns vorher die Erlaubnis zur Veröffentlichung geholt.” Als “Beweis” für eine Erlaubnis stellt Diekmann ein von der Zeitschrift verschicktes Fax online.

2. “Es geht auch ohne Leistungsschutzrechte”
(heise.de/tp, Peter Mühlbauer)
“Lettre International” ist allerdings gar nicht der Meinung von Kai Diekmann (siehe Link 1). Man “sei man von der Bild-Zeitung mehrmals angerufen und nach einer Erlaubnis zum Onlinestellen gefragt worden, habe das aber stets explizit verboten.”

3. Norbert Lammert im Bundestag
(bundestag.de, vorläufiges Protokoll)
Norbert Lammert, Präsident des deutschen Bundestages, macht das Parlament darauf aufmerksam, dass “eine Übertragung der Konstituierung dieses Deutschen Bundestages im Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht stattfindet”. Stattdessen seien “Schaumküsse”, “Alisa – Folge deinem Herzen” und “Bianca – Wege zum Glück” zu sehen. “Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass ein gebührenpflichtiges Fernsehen, das dieses üppig dotierte Privileg allein seinem besonderen Informationsauftrag verdankt, auch an einem Tag wie heute mit einer souveränen Sturheit der Unterhaltung Vorrang vor der Information einräumt.”

4. “Rosarot ist die Hoffnung”
(faz.net, Hanno Charisius und Georg Rüschemeyer)
Die “Frankfurter Allgemeine” arbeitet das “gewaltige Echo” auf, das der Film “Heilung unerwünscht” von Klaus Martens erzeugt hat.

5. “Der GEZ-Gebühr droht das Aus”
(handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar)
“Die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen eine grundlegende Reform der Finanzierung von ARD und ZDF diskutieren, im Raum steht eine pauschale Haushaltsabgabe anstelle der geräteabhängigen Gebühr.”

6. “A Graphic History of Newspaper Circulation Over the Last Two Decades”
(theawl.com)
Die wochentägliche Auflage einiger US-Zeitungen von 1990 – 2009 im grafischen Vergleich.

D’Inka, Reiter, Brûlé

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1. “Schlichter Diebstahl”
(kress.de, Christian Meier)
Die Zeitschrift “Lettre International” meldet aufgrund eines ungefragt verwendeten Interviews mit Thilo Sarrazin Schadenersatzansprüche gegenüber “Bild” und Bild.de an. “‘Bild.de’ hat gegen unser explizites Verbot das gesamte Interview eingescannt und auf seine Website gestellt.”

2. “Abwärtstrend – nach Print nun auch Online?”
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Martin Hitz vergleicht mit Hilfe von Google Trends die täglichen Besucher einiger Nachrichtenportale. Und bemerkt in den letzten beiden Jahren einen klaren Abwärtstrend.

3. “Die Medienkrise ist auch eine Krise der kommerziellen Blogs”
(carta.info, Matthias Schwenk)
Matthias Schwenk hat für kommerzielle Blogs drei Tipps bereit: 1. Themengebiete umfassend abdecken, 2. Meinungs-Bloggen reicht nicht, 3. Präsenz zeigen und vor Ort recherchieren.

4. Rede von Werner D’Inka
(rhein-zeitung.de)
FAZ-Herausgeber Werner D’Inka spricht anlässlich der Verleihung des von 5000 Euro und einer aussergewöhnlichen Trophäe begleiteten Journalistenpreises “Sophie von La Roche”. D’Inka über Blogger: “Die besten und geistreichsten Blogger sind so etwas wie Kolumnisten, die oft originelle Sichtweisen vertreten, die sich aber nicht mit der Mühe ernsthafter Nachrichtenarbeit plagen und stattdessen das abschöpfen, was Zeitungsredaktionen kostenlos ins Netz stellen.”

5. Interview mit Udo Reiter
(dwdl.de, Jochen Voß)
MDR-Intendant Udo Reiter entdeckt Twitter für sich: “Man muss sich darauf einlassen, um eine Idee davon zu bekommen, was da passiert. Vorher hatte ich den gängigen Eindruck, diese ganze Twitterei sei ein einziges Lockendrehen auf der Glatze.”

6. “Print and the revolution”
(monocle.com, Tyler Brûlé, englisch)
“Monocle”-Herausgeber Tyler Brûlé über die deutschen Zeitschriftenverlage: “While the German ad market has been every bit as ugly as the UK’s or US’s, the lack of pages hasn’t had the same effect on media houses in Berlin, Hamburg and Munich.”

Anfängerfehler

Kai Diekmann ist seit heute “Bild”-Blogger.

Unter kai-diekmann.de zeigt der Chefredakteur lustige Videos, gibt Einblicke in sein Leben, zitiert Kritiker, verlinkt auf BILDblog, brüstet sich zum ungefähr einundvierzigtausendachthundertachtundneunzigsten Mal damit, der “taz” die höchste Auflage ihrer Geschichte beschert zu haben (Einzelverkauf: 41.898), veröffentlicht ein Gerichtsprotokoll über seinen Intimfeind, den Berliner Rechtsanwalt Jony Eisenberg, sowie einen unfassbar dämlichen Brief der RTL-Moderatorin Inka Bause, in dem sie sich bei ihm entschuldigt, dass sie sich beim Presserat über “Bild” beschwert hat. Diekmann (oder sein Ghostwriter) tritt dabei so grandios großkotzig auf, dass es schon wieder bescheiden wirkt, und erweckt geschickt den Eindruck, er sei vielfacher Landesmeister in den Disziplinien Selbstkritik und Selbstironie.

Das ist gelegentlich unterhaltsam, aber natürlich: Quark.

Da ist zum Beispiel die berühmte Bolzenschneider-Geschichte aus dem Januar 2001. Kai Diekmann war erst vier Wochen zuvor Chefredakteur geworden, als “Bild” ein Foto des Grünen-Politikers Jürgen Trittin veröffentlichte, das auf einer Demonstration in Göttingen 1994 entstanden war und ihn laut “Bild”-Beschriftung inmitten von Bolzenschneider und Schlagstock zeigte.

In Wahrheit handelte es sich, wie die Zeitung zwei Tage später einräumen musste, bei den vermeintlichen Waffen bloß um ein Seil und einen Handschuh, Diekmann musste sich entschuldigen, und “Bild” wurde vom Presserat gerügt.

Obwohl die Geschichte so peinlich ist, erzählt Diekmann sie immer wieder gern, und zwar ungefähr so, wie auch jetzt in seinem ersten Blogeintrag:

An einem Sonntag Ende Januar 2001 waren wir im Vorabexemplar des “Focus” auf ein altes Foto von Jürgen Trittin gestoßen. (…) Die Originalbilder [von der Demonstration] stammten aus dem Fernsehen. Wir konnten sie nicht besorgen, deshalb scannten wir das Foto aus der Zeitschrift ab und druckten es aus. Die Redaktion arbeitete also mit Kopien von Kopien — in entsprechender Qualität. (…)

Jemand hatte die Gegenstände auf den schlechten Fotos als Schlagstock und Bolzenschneider “erkannt” und das mit Fragezeichen auf einem Ausdruck vermerkt. Auf dem Weg durch die Redaktionsinstanzen ging das Fragezeichen irgendwo verschütt — und plötzlich stand die Vermutung als angebliche Tatsache im Blatt. (…)

Mir blieb nur, mich sofort bei [Trittin] zu entschuldigen — was er mir allerdings nicht sehr leicht machte. Er ließ mich drei Tage warten, bevor er meinen Anruf entgegennahm…

PS: Enttäuscht hat mich bei dieser Geschichte vor allem eines: Dass einige Kollegen mir tatsächlich eine Kampagne unterstellten. Liebe Leute — glaubt ihr ernsthaft, ich würde solche Anfängerfehler machen?!

Da möchte man Diekmann natürlich sofort gratulieren, dass er so offen mit seinen Fehlern (oder jedenfalls einem davon) umgeht und die unangenehme Wahrheit scheinbar nicht verschweigt. Doch was Diekmann erzählt, ist höchstens die Hälfte der Geschichte.

Hinzuzufügen wäre zum Beispiel noch, wie die Menschen damals auf den für Diekman so “enttäuschenden” Gedanken gekommen waren, er führe eine Kampagne gegen die rot-grüne Regierung im Allgemeinen und den Umweltminister im Besonderen. Am 23. Januar 2001, nur sechs Tage vor der “Bolzenschneider”-Sache, hatte “Bild” Trittin zum Beispiel mit dem 1977 veröffentlichten “Mescalero-Nachruf” in Verbindung gebracht, in dem “klammheimliche Freude” über die Ermordung von Siegfried Buback geäußert wurde, und geschrieben:

“Trittin gehörte damals zur linken Szene der Universitätsstadt, saß in der Studentenvertretung AStA, deren Zeitschrift den ‘Nachruf’ veröffentlichte.”

Trittin aber war damals nicht Mitglied des Göttinger AStA und hatte mit der Publikation und dem Brief nichts zu tun. Auch für diese falsche Behauptung wurde “Bild” später vom Presserat gerügt.

Auch die bewegende Schilderung, wie der entschuldigungswillige “Bild”-Chef tagelang von Trittin hingehalten wurde, erscheint in einem anderen Licht, wenn man eine andere Version der Abläufe kennt, wie sie die “Berliner Zeitung” damals veröffentlichte:

Am Dienstagmorgen [dem Tag nach der “Bolzenschneider”-Veröffentlichung] rief Jürgen Trittin den “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann persönlich an. Um sich zu beschweren. Diekmann, so stellt es Trittins Sprecher dar, habe zunächst mit Gegenfragen geantwortet. “Warum waren Sie denn überhaupt auf der Demonstration?” Trittin sagte, das beantworte er gerne, aber zunächst wolle er über das Bild reden. Das Gespräch sei von Diekmann mit der Bemerkung beendet worden: “Wenn da etwas falsch ist, werden wir es richtig stellen.” Trittin habe gesagt, dass er darum dann auch sehr bitte.

Und es gibt noch ein Detail, das in Diekmanns Schilderung des damaligen “handwerklichen Fehlers” regelmäßig fehlt: Das Foto in “Bild” unterschied sich nicht nur durch die schlechtere Qualität von dem Foto im “Focus”. Dass das Seil wie ein Schlagstock wirken konnte, lag auch daran, dass das Foto an den Rändern beschnitten wurde. Das “Bild”-Foto war nicht nur eine schlechte Kopie, sondern auch ein kleinerer Ausschnitt aus dem “Focus”-Abdruck des Sat.1-Originals.

Und jetzt kommt das Erstaunliche: Kai Diekmann hat das geleugnet. Im Jahr 2005 forderte er von der “Zeit” eine Gegendarstellung, in der es heißen sollte, “Bild” habe “niemals ein Foto so beschnitten”, dass ein Seil als Schlagstock angesehen werden konnte: Der Fehler von “Bild” habe darauf beruht, “dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde”.

Diekmann ging vorübergehend sogar so weit, gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 in einer eidesstattlichen Versicherung über das beschnittene Foto zu behaupten:

“Das Foto (…) ist in keiner Weise ‘beschnitten’ worden.”

Komisch. Die wirklich lustigen Sachen stehen gar nicht in Diekmanns neuem Spaßblog.

PS: Anders als “Kai Diekmann” behauptet (und “Welt Online” unbesehen glaubt, siehe links) ist das hier gezeigte Motiv nicht auf BILDblog zu finden. Diese “Schmähung” stammt nicht von uns, sondern vom Pantoffelpunk.

Nachtrag, 17.20 Uhr. Ist korrigiert.

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