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Bild.de, Bravo  etc.

Jugend-Kondom in aller Munde

Das hat die Jugendzeitschrift “Bravo” ja gefickt eingeschädelt: Legt der aktuellen Ausgabe einfach ein “Jugend-Kondom” bei und alle schreiben sie drüber.

Die Bauer Media Group preist in einer Pressemitteilung die Vorzüge des Objekts:

BRAVO stellt gemeinsam mit dem Hersteller Coripa in der aktuellen Ausgabe 30/2010 (EVT: Mittwoch, 21. Juli) das erste Jugend-Kondom vor. Das beigelegte Kondom ist 49 mm breit – damit 3 mm schmaler als handelsübliche Standard-Kondome. Das Special erklärt die richtige Anwendung.

Das Magazincover verspricht gleich eine “Welt-Sensation!”, dabei handelt es sich nicht einmal um das erste Jugend-Kondom Deutschlands: Die Firma Amor Gummiwaren hat “schon einige Jahre”, wie man uns am Telefon sagte, das Produkt “Amor Young” im Programm, das sich mit einem Durchmesser von 49 Millimetern extra an Jugendliche richtet.

In der Schweiz gab es im Frühjahr dieses Jahres große Diskussionen um ein von der Aids-Hilfe mitentwickeltes “Jugend-Kondom”, dessen Öffnung sogar nur 45 Millimeter misst.

Bild.de hält das “Teenie-Kondom” der “Bravo” für eine gute Idee:

Die kleinere Lümmeltüte gibt es als Beilage zur aktuellen Ausgabe, die am Mittwoch erschienen ist. Das Jugend-Kondom ist 49 Millimeter breit und damit um drei Millimeter schmaler als herkömmliche Ware. Auch die richtige Anwendung wird erklärt.

Die drei Millimeter Unterschied waren Bild.de vor zweieinhalb Jahren indes noch zu wenig:

Kleinere Verhüterlis gibt es zwar auf Bestellung in der Apotheke und bei Onlineshops. Sie sind aber gerade mal drei Millimeter schmaler als der Standard.

Mit Dank an Alexander M. und Julian M.

Fußball, Rüdiger Grube, Bücherfreunde

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Bild dir deinen Fussball”
(spox.com, eshkeeya)
Ein aufschlußreicher Hintergrundartikel in drei Teilen (1, 2, 3) dreht sich um die Abteilung Fußball bei “Bild”, die rund 80 Prozent des Sportteils ausmacht. Einzeln beleuchtet werden die Kapitel “Fleiß. Einfluss. Polemik. Freundschaftspflege. Feindschaftspflege.”

2. “Wie Bahnchef Grube mit ‘Fakten’ verwirrt”
(nilsole.net, Nils Glück)
Nils Glück vergleicht Interviews mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube, bei “Deutschlandfunk”, “Spiegel” und “Tagesthemen”.

3. “Badische Zeitung: eBook-Leser kulturlos”
(lesen.net, Johannes Haupt)
“Welcher wahre Bücherfreund bestellt sein kostbares Gut seelenlos bei Amazon?” fragt Bettina Schulte in der “Badischen Zeitung”. Johannes Haupt antwortet.

4. “Wasser in der Sahara”
(sportmedienblog.de)
Das Sportmedienblog denkt nach über die halbjährlichen Ranglisten in der Sportzeitschrift “Kicker”: “Ob Weltklasse, Internationale Klasse, im weiteren Kreis oder Blickfeld – bei Fans wie Profis sorgen die regelmäßigen Einstufungen jedes mal für intensive Diskussionen.”

5. “Wie eine Vollmacht zum Abzocken der Hörer”
(blogmedien.de, Horst Müller)
Horst Müller hält Gewinnspiele der Privatradios “Radio Schleswig-Holstein”, “Radio PSR” und “Antenne MV” für fragwürdig: “Kaum zu glauben, dass solche dubiosen Spielpraktiken von den aufsichtführenden Landesmedienanstalten nicht nur geduldet, sondern sogar noch gefördert werden.”

6. “Fernsehprogramm von Juli 1985”
(retro-tv.de, Video, 21:17 Minuten)
Retro-TV denkt zurück an die “Muppet Show”, an das “Trio mit vier Fäusten” und an “Monaco Franze”.

Nur ein toter Star ist ein guter Star

In der Welt von “Bild” und Bild.de gibt es viele Stars: All die Leute, die Norbert Körzdörfer trifft, Lothar Matthäus oder den Filmproduzenten Arthur Cohn, der einzige Mensch, hinter dessen Namen “Bild” in Klammern nicht sein Alter, sondern die Zahl seiner Oscars (“sechs”) schreibt.

Und dann gibt es Menschen, die Teil des Medienbetriebs sind, aber nicht im Rampenlicht von “Bild” und Bild.de stehen — es sei denn, in ihrem Leben passieren außergewöhnliche Dinge: Ein Schauspieler, der in verschiedenen kleineren und größeren Nebenrollen im Fernsehen zu sehen war, kann schnell zum “TV-Star” werden, wenn er verdächtigt wird, zwei Frauen vergewaltigt zu haben.

Ein sicherer Weg, zum “Star” zu werden, ist ein früher Tod: Der Name des Schauspielers Frank Giering hatte fast zehn Jahre nicht mehr in “Bild” gestanden, als er Ende Juni im Alter von 38 Jahren starb.

Ganze sechs Autoren brauchte es, um Sätze wie diese zu schreiben:

Sein TV-Gesicht kennen Millionen, sein wahres Ich hielt er versteckt: Schauspieler Frank Giering (“Der Kriminalist”) ist tot. Er starb im Alter von nur 38 Jahren.

ER WAR VERZWEIFELT UND ALKOHOLKRANK.

Die zunächst unklaren Todesumstände erlaubten es “Bild”, noch eine Reihe kleinerer Meldungen abzudrucken, die bei Bild.de riesig aufgeblasen wurden.

Die walisische Rockband Stereophonics war Bild.de in Ermangelung großer Eskapaden in den letzten Jahren gerade mal einen CD-Tipp wert, aber als ihr ehemaliger Schlagzeuger Stuart Cable im Juni im Alter von 40 Jahren starb, schaffte er es mit einem Foto auf die Startseite.

Gleich völlig unbekannt dürfte den meisten Bild.de-Lesern der Musiker Vic Chesnut gewesen sein, aber sein Tod mit 45 war eine Meldung wert.

Über den Schauspieler Heinrich Schmieder hatte Bild.de noch nie ein Wort verloren, doch sein plötzlicher Tod während eines Mountainbike-Etappenrennens machte ihn zum “TV-Star” — wenn der Begriff auch einiger Erklärung bedurfte:

TV-Star* Heinrich Schmieder tot mit 40 nach Radrennen * "Tatort", "SOKO Köln"

Der Lübecker Fenstersturz

So kann man sich natürlich auch eine Geschichte basteln:

Die unglaublichste Geschichte des Tages, gefunden bei stern.de: Stürzte dieses Paar beim Sex aus dem Fenster?

Die Zweifel, die “Bild” in der Überschrift simuliert, halten keine fünf Zentimeter bis zum Vorspann, dann ist daraus Gewissheit geworden:

Zwischen Höhepunkt und Vorgarten lagen etwa fünf Meter: Mirja P. (30; alle Namen geändert) und Robert K. (28) fielen beim Sex aus dem Fenster im ersten Stock!

Oder doch nicht?

Das berichtete Stern.de. Nachbarn sollen sie beim Liebesspiel vorm Sturz beobachtet haben.

stern.de wiederum hat sein Video über den Vorfall direkt vom Online-Video-Liferanten “Zoom In”, mit Material vom “Nachrichtendienst” “Nonstop News”, der sich auf das Abfilmen von Unfallstellen, Blaulichtern und Leichenwagen spezialisiert hat.

“Nonstop News” war – neben den Nachbarn, die offenbar bereitwillig in jedes Mikrofon plauderten, das man ihnen unter die Nase hielt – auch die einzige Quelle für einen “Nachrichten”-Beitrag des Boulevardsenders RTL, in dem eine Reporterin dramatisch in die Kamera sprach:

Nachbarn wollen das junge Pärchen hier im ersten Stock dieses Mehrfamilienhauses beim Liebesakt auf der Fensterbank beobachtet haben.

RTL würde nie behaupten, dass stimmt, was die Nachbarn beobachtet haben wollen: “Das Paar soll hier Geschlechtsverkehr gehabt haben”, sagt die Offsprecherin wichtigtuerisch, während Schwarz-Weiß-Bilder zweier sich gegenseitig entkleidender Menschen zu sehen sind — eine “Nachgestellte Szene”, natürlich.

Etwas Gänzlich anders stellen sich die Ereignisse in den “Lübecker Nachrichten” dar: Dort hatten die beiden Personen zunächst gemeinsam auf dem Fenstersims gesessen und die Füße heraus baumeln lassen:

Plötzlich ließ sich das Paar auf einen etwa 15 Zentimeter breiten Vorsprung an der Hauswand herab – von dort kamen sie allerdings aus eigener Kraft offenbar nicht mehr zurück in die Wohnung. Ob die beiden daraufhin freiwillig in die Tiefe gesprungen sind, weil ihnen keine andere Lösung eingefallen ist, oder ob die jungen Leute von dem Vorsprung abgerutscht sind, war gestern noch unklar.

Der Lübecker Internetdienst “HL-Live” wurde gleich noch eine Spur deutlicher:

Den Bericht eines Fersehsenders, das Pärchen sei “beim Sex aus dem Fenster gefallen”, weist Polizeisprecher Jan-Hendrik Wulff als Unsinn zurück. Beide seien beim Eintreffen der Polizei bekleidet gewesen.

Mit Dank an Volker G. und Rainer B.

Nachtrag, 16.55 Uhr: Die Meldung hat es – inklusive einiger zusätzlicher übersetzungs- und transportbedingter Fehler – auch ins Repertoire der britischen “Sun” geschafft.

Mit Dank an Sabine T.

Große Leuchte

Am Wochenende stellte die “Welt am Sonntag” eine “Solarglühbirne” vor. Die Meldung ist nicht sonderlich lang, aber sie preist eine wissenschaftliche Sensation an:

Helligkeit erzeugt es über Kerosinlampen, die lediglich ein Zweihundertstel so viel Strom verbrauchen wie herkömmliche Modelle.

Eine solarbetriebene LED-Leuchte, die Helligkeit “über Kerosinlampen” erzeugt, die wiederum Strom verbrauchen. Wow. Passt vielleicht noch ein atombetriebenes Wasserwindrad mit rein?

Nun, so irre ist das Teil dann doch wieder nicht, wie die Produktwebsite erklärt:

Nokero offers five times the light and 1/200th the energy consumption of fuel lights.

Nokero bietet das Fünffache an Licht und ein Zweihundertstel des Energieverbrauchs von Öllampen.

Und weil diese Glühbirnen vor allem Öllampen (Kerosin) ersetzen sollen, hat sich die Firma auch Nokero genannt — und nicht “Nokera”, wie die “Welt am Sonntag” konsequent behauptet.

Mit Dank an Kai.

Primärquellen, Sonntagszeitung, Griechenland

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Journalisten und Primärquellen – Managergehälter”
(marcmichels.blogspot.com, Marc Michels)
“Nutzt endlich mal die verdammten Primärquellen!”, ruft Marc Michels Journalisten, Bürgern und Politikern entgegen. Während ein Bericht der “Thüringer Allgemeinen Zeitung” über Managergehälter auf den “Focus” verweist, schreibt “Bild”: “Eine neue Umfrage macht deutlich…”. Dabei seien die betreffenden Informationen schlicht frei im Internet verfügbar.

2. “Kachelmann-Verfahren: Schweizer Zeitung wirft Befangenheit auf”
(morgenweb.de, M. Wirth, A. Lin, J. Gruler)
In ihrer neusten Ausgabe äußert die “Sonntagszeitung” “Zweifel an der Unabhängigkeit des Richters” im Fall Jörg Kachelmann. Einige Regionalblätter vermeldeten darauf, “Vater und Richter seien im gleichen Verein und würden sich gut kennen”, was “zahlreiche seriöse deutsche Tageszeitungen und sogar die berühmten Nachrichtenmagazine Spiegel und Stern” sofort aufnahmen. Der betreffende Richter, Michael Seidling, dementiert und gibt an, weder die Klägerin noch ihren Vater überhaupt zu kennen.

3. “Im Würgegriff der Parteien”
(echo-online.de, Klaus Thomas Heck)
Klaus Thomas Heck sieht die öffentlich-rechtlichen Sender von den Parteien stark beeinflusst. Die Folge: Es ergießen sich “auf beiden Seiten telegene Gesichter in inhaltsarmen Worthülsen, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Man kennt sich, ist einander viel zu nah und hat sich vor der Kamera nichts zu sagen. Ergebnis ist meist journalistisch wie politisch der kleinste gemeinsame Nenner.”

4. “Mehr Mut zur Zensur”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler fürchtet, dass “unterhalb der offiziellen Medienangebote”, also in den Kommentarspalten, “bizarre Parallelgesellschaften” entstehen. “Wer interessante Publikumsmeinungen finden will, muss darum oft durch kniehohen Wortmüll stapfen.” Er empfiehlt, kommerzielle Wege zu prüfen: “Wenn eine Website als Blitzableiter für Enttäuschte oder als Auffangbecken für Unterbeschäftigte dient, sollte man doch daraus eine Geschäftsidee entwickeln können.”

5. “Griechenland: Tödlicher Terror gegen Journalisten”
(focus.de, Wassilis Aswestopoulos)
Journalist Sokrates Giolias wird “im Athener Vorort Ilioupolis” von mehreren Attentätern vor seinem Haus erschossen. “Giolias war wie viele andere Journalisten auf Webseiten autonomer, extremistischer Gruppen als zu eliminierender Klassenfeind erwähnt worden.”

6. “Why Journalists Make Mistakes & What We Can Do About Them”
(poynter.org, Mallary Jean Tenore, englisch)
“Misspelled names and typos are among the more basic errors journalists make. But there’s another type of error that is harder to correct: when journalists miss the story completely.”

Quallen, Doubles, Sächsisch

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Phil entlarvt alte Qualle”
(echo-online.de, db)
Mit dem Sachbuch “Insider-Wissen Ozeane” deckt ein 7-jähriger Leser von “Darmstädter Echo” auf, dass die auf der Titelseite abgebildete Kronenqualle keine neu entdeckte Tierart ist, wie man durch die Schlagzeile hätte vermuten können. Nachtrag, 21. Juli: Die involvierte Nachrichtenagentur AFP erklärt in einer Stellungnahme, die von AFP gesendeten Bilder seien “eindeutig als ‘undated handout photo’ gekennzeichnet” gewesen.

2. “Schnell statt gut – wie unprofessioneller Journalismus funktioniert”
(lerg.de, Andreas Lerg)
Andreas Lerg kritisiert einen Videobeitrag (videos.t-online.de, 2:46 Minuten) des Nachrichtendiensts “Nonstop News”. Der Bericht über einen Badeunfall stützt sich einseitig auf die Aussagen von zwei Ersthelfern, womit er “vorverurteilend und unausgewogen und damit schlichtweg unprofessionell” sei.

3. “Pseudo-Enthüllung: Hannoveraner sprechen Sächsisch”
(frontbumpersticker.blogspot.com, Felix Stein)
Felix Stein über die Weiterverbreitung der dpa-Meldung “Hannoveraner sprechen Sächsisch”: “Dass es sich beim angeblichen ‘Luthersächsisch’ eben nicht um Sächsisch handelte, sondern um eine Kunstsprache aus Elementen des Sächsischen, Fränkischen und Schwäbischen, die in ganz Deutschland verstanden werden sollte, wird zwar in der Agenturmeldung erwähnt – dass damit die Überschrift und der Aufhänger der Meldung unsinnig sind schien aber keinen Redakteur zu stören. Auch dass all das schon seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist scheint in den Redaktionen entweder unbekannt zu sein oder wurde dort als unwichtig empfunden – stattdessen wird unverändert der Eindruck erweckt, es handele sich um eine neue Erkenntnis.”

4. “Kuckuckskinder sind In”
(klatschkritik.blog.de, Antje Tiefenthal)
Während “Grazia” erkennt, dass es sich bei mit Jennifer Lopez abgebildeten Kindern um Doubles handelt, machen “In” und “InTouch” glauben, es handle sich um ihre eigenen Kinder. “Wahrheitsgehalt? Gleich null.”

5. “Den Bock zum Apple gemacht”
(fernsehkritik.tv)
Ein über die Webcam beobachtetes Mädchen wird bei RTL mit einem Apple MacBook Pro gefilmt: “RTL hat hier offenbar dem Mädchen ein falsches Laptop hingestellt – nur warum?”

6. “Konjunktur aus der Kristallkugel”
(politplatschquatsch.com, panzerbummi)
“Ostdeutsche Wirtschaft holt auf” (welt.de, 14.7.) vs. “Wirtschaftswachstum: Osten fällt wieder zurück” (fr-online.de, 15.7.)

Wenn in China ein Sack Dollar umfällt

Dass China nicht mehr dieses verschlossene, kommunistische Rätselreich am Ende der Welt, sondern eine veritable Wirtschaftsmacht ist, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Wie wirtschaftsmächtig China aber ist, darüber herrscht nun umso mehr Rätselraten — zumindest in der Bild.de-Redaktion.

Unter der Überschrift “Angst vor der Supermacht” behauptet Bild.de zu erklären, wie abhängig Deutschland von China mittlerweile sein soll. Dabei bricht Bild.de nicht nur die Kennzahlen der Exportwirtschaft auf eine sehr konfuse und unnötig bedrohliche Formel herunter (“Noch steigen die Zahlen. Die bange Frage: Wie lange noch?”), sondern beweist auch ein gerüttelt Maß an Inkompetenz und Ahnungslosigkeit.

Bild.de schreibt etwa:

China hat mittlerweile Währungsreserven in Höhe von 1,91 Billionen Euro angehäuft – ein gigantischer Euro-Schatz!

Fangen wir mit dem an, was stimmt: Ja, China hält Währungsreserven im Wert von 1900 Milliarden Euro, eine tatsächlich extrem große Summe.

Aber: Was China tatsächlich in den Händen hält sind weitgehend Dollar, nämlich mindestens 60 Prozent von diesen grob 1,9 Billionen Euro (wie man auch einer Pressemeldung der chinesischen Regierung aus dem Jahr 2008 entnehmen kann).

Selbst wenn man also davon ausgeht, dass China die restlichen 40 Prozent samt und sonders in Euro hält (was unwahrscheinlich ist), dann hätte sich Inga Frenser von Bild.de noch um satte 1000 Milliarden Euro verrechnet — aber um so ein Billiönchen kann man sich ja schon mal vertun, wenn man über Wirtschaftspolitik schreibt, klar.

Aber nicht nur die Mathematik von Frau Frenser ist wenig überzeugend, auch ihre Prognosen entbehren jeder Grundlage. In ihrem Beitrag für Bild.de schreibt sie nämlich über die vermuteten Euro-Reserven der Chinesen weiterhin:

Wenn sie den (den “gigantischen Euro-Schatz”, Anm. BILDblog) verkaufen, würde der Euro brutal abstürzen. Das wissen auch die Chinesen…

Sie haben einen gigantischen Faustpfand in der Hand, sollte es zum Streit mit den Europäern kommen. Oder gar zu einem Handelskrieg.

Das ist grundsätzlich natürlich richtig: Lösen die Chinesen ihre Reserven schlagartig auf, fallen die Kurse der betroffenen Währungen, also vor allem der Kurs des Dollars, aber auch der Kurs des Euro.

Aber welche Konsequenzen hätte das? Die chinesische Währung, Renminbi oder Yuan genannt, würde sofort deutlich an Wert zulegen, was chinesische Produkte für den Export unvergleichlich teurer machen würde. Die Nachfrage an chinesischen Produkten würden also nachlassen, es käme kein ausländisches Kapital mehr nach China und die fast vollständig auf Export ausgerichtete Wirtschaft Chinas würde ihrer Grundlage entzogen und zu Grunde gehen.

Das bedeutet alles nicht, dass man Chinas Wirtschaftspolitik nicht doch für bedrohlich halten kann — aber eben aus anderen Gründen. Wie hatte der chinesische Premierminister Wen Jiabao etwas früher im Text sehr richtig gesagt:

“Wir sitzen im gleichen Boot”, betonte Jiabao freundlich.

Mit Dank an Michael S. und Christoph G.!

Leserreporter, Kachelmann, Futurezone

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Raumschiff Berlin”
(tagesspiegel.de, Ernst Elitz)
Ernst Elitz glaubt, dass Blogger zur “wahren Konkurrenz” der Hauptstadtjournalisten werden. Der “angeblich so hektische Hauptstadtjournalismus” sei nämlich “manchmal ziemlich verschlafen”. “Die Konsequenz müsste lauten: Werdet schneller und macht euch bissiger Konkurrenz.”

2. “Bild: 2,3 Millionen Euro für Leserreporter”
(meedia.de, Daniel Bouhs)
Daniel Bouhs schreibt über die “Bild”-Leserreporter: “Wie ein Sprecher des Axel-Springer-Verlages MEEDIA auf Anfrage mitteilte, liefen seit dem Start der Aktion im Jahr 2006 bis dato nämlich schier unfassbare 685.595 Fotos in der Redaktion der Bild ein, von denen 13.514 ins Blatt wanderten, also immerhin etwa zwei aus einhundert Bildern.”

3. “Warum fangen wir nicht bei uns an?”
(faz.net, Mark Siemons)
Die Studie “Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien” der Heinrich-Böll-Stiftung löst in China eine Debatte aus. “Die chinesischsprachige Parteizeitung ‘Global Times’ nahm die als notwendig vorausgesetzte Parteilichkeit der Nachrichten sogar als Lizenz zum freien Erfinden und zitierte aus dem Berliner ‘Tagesspiegel’ Sätze, die dort gar nicht standen.”

4. “Freundliche Übernahme”
(timklimes.de, 11. Juli 2010)
Tim Klimes vergleicht eine RTL-Pressemitteilung mit einer dpa-Nachricht. Thema: Eine aus der Doku-Soap “Bauer sucht Frau” resultierende Hochzeit.

5. “Ein Fall für Krake Paul”
(blog.persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Für Matthias Ackeret fusst “die ganze Kachelmann-Story lediglich auf zwei Facts”: “dem Kürzestauftritt von Kachelmann vor dem Gefangenentransporter (‘ich bin unschuldig’) und einem Gutachten der Bremer Psychologin Luise Greuel, das von beiden Parteien beliebig interpretiert wird. Gesprochen hat sie mit Kachelmann nie. Auch das vermeintliche Opfer hat sich bis jetzt öffentlich noch nicht geäussert, so wenig wie die angeblichen Heerscharen der Kachelmann-Freundinnen, die den Mythos des hemmungslosen Casanova begründen.”

6. “Veräußerung der ORF-Futurezone”
(beschaffung.orf.at)
“Bis längstens 15.9.2010” beabsichtigt der ORF, das hauseigene IT- und Technologieportal “www.futurezone.at” zu veräußern. “Abgabe der Interessenbekundung bis längstens 30.7.2010, 12.00 Uhr (Einlangen aller Unterlagen).”

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Zu den wichtigsten Handwerkszeugen im Onlinejournalismus zählt die Copy-and-paste-Funktion. Auch wir können gar nicht oft genug zitieren, was in der sogenannten “Hamburger Erklärung” steht, die im Vergangenen Jahr von zahlreichen großen Verlagen, darunter die Axel Springer AG, verabschiedet wurde:

Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben. Gesetzgeber und Regierung auf nationaler wie internationaler Ebene sollten die geistige Wertschöpfung von Urhebern und Werkmittlern besser schützen. Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben.

Am Freitag veröffentlichte das Computer-Magazin mac-essentials.de eine Ankündigung zu einer überraschend anberaumten Pressekonferenz des Computer-Herstellers Apple.

Eine erstaunlich ähnliche Meldung erschien kurz darauf bei Bild.de:

Artikel auf bild.de
Artikel bei Mac Essentials
Heute Abend ab 19 Uhr MESZ läuft eine kurzfristig einberufene Apple-Pressekonferenz am Firmensitz im kalifornischen Cupertino. Erwartet wird eine Stellungnahme zu den Berichten über Signalverluste und Gesprächsabbrüche beim iPhone 4. Zum ersten Mal nimmt Apple zu einem Produktproblem Stellung. Heute abend um 19 Uhr beginnt die überraschend einberufene Apple-Pressekonferenz am Firmensitz in Cupertino. Erwartet wird eine Stellungnahme zu den anhaltenden Berichten über Signalverluste und Gesprächsabbrüche beim iPhone 4.
Ob und in welchem Umfang ein Rückruf der bereits verkauften Geräte stattfindet, ist bisher unklar. Das Wall Street Journal und die New York Times haben Informationen erhalten, nach denen es keinen Rückruf geben soll. Ursache der Probleme sei das Zusammenspiel aus Kommunikations-Software und Antenne, das mittels eines Software-Updates reparierbar sei. Ob und in welchem Umfang ein Rückruf der bereits verkauften Geräte stattfindet, ist völlig unklar. Sowohl Wall Street Journal als auch New York Times haben Informationen erhalten, nach denen es keinen Rückruf geben soll: Ursache der Probleme sei ein komplexes Zusammenspiel aus Kommunikations-Software und Antenne, das mittels eines Software-Updates reparierbar sei.
Ob sich Steve Jobs der Presse stellt, ist noch nicht sicher, angesichts der internationalen Aufmerksamkeit aber wahrscheinlich. […] Ob Steve Jobs sich der Presse stellt, ist ebenfalls nicht bekannt, angesichts der internationalen Aufmerksamkeit aber wahrscheinlich.
Die Wall Street scheint dagegen an einen “freiwilligen” Rückruf zu glauben — iPhones mit nachweisbaren Defekten würden ausgetauscht, sofern der Besitzer ein neues Gerät haben will. Damit werde Apple sein Gesicht wahren und Geld sparen, so der Analyst Mike Abramsky von RBC Capital Markets. Die Wall Street scheint dagegen an einen »freiwilligen« Rückruf zu glauben – iPhones mit nachweisbaren Defekten würden dabei ausgetauscht, sofern der Besitzer ein neues Gerät will. Damit werde Apple sein Gesicht wahren und Geld sparen, meint z.B. Analyst Mike Abramsky von RBC Capital Markets:
Zwischen 130 und 525 Millionen Dollar könnte dieser “freiwillige Rückruf” kosten — deutlich weniger als die von anderen Analysten geschätzten Kosten von 1,5 Milliarden Dollar für einen kompletten Rückruf. zwischen 131 und 525 Millionen Dollar würde dieser “freiwillige” Rückruf kosten – deutlich weniger als die von anderen Analysten geschätzen Kosten von 1,5 Milliarden Dollar für einen kompletten Rückruf.

Der Text, der bei Bild.de als Anmoderation für den Liveticker von der Pressekonferenz diente, war schon bald darauf verschwunden (im Google Cache ist er noch vorhanden) — kurz nachdem Mac Essentials in seinem eigenen Liveticker auf den Content-Klau hingewiesen hatte.

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Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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