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Schneewittchen, dapd, Dr. Nakamats

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die Pressefreiheit liegt schon im Bett”
(taz.de, Jakob Augstein)
Jakob Augstein ruft dazu auf, sich mit der (selbst gewählten) Abhängigkeit der Journalisten zu befassen, die es “sich im System gemütlich gemacht, sich selbst embedded” haben: “Jene Kollegen, die die Wikileaks-Veröffentlichungen unter dem Gesichtspunkt der Legalität sahen, wurden dazu nicht gezwungen. Sie taten das freiwillig. Sie wollen Herrschaft nicht kritisieren, sondern stabilisieren.”

2. “Schafft viele Wikileaks!”
(fr-online.de, Jörg Kantel)
Jörg Kantel sieht Wikileaks als eine Aufforderung an, “die Regierenden nicht einfach gewähren” zu lassen. Was wäre, wenn “das Regime in Peking so reagiert hätte, wie nun die westliche Politik auf die Wikileaks-Papiere” reagiert? “Das Geschrei hätte ich gerne gehört. Und sicher wäre Assange für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden, und jeder wäre fest davon überzeugt, dass an den Vergewaltigungsvorwürfen nichts dran sei, dass sie auf einem Komplott der chinesischen Regierung beruhen.” Zu Wikileaks siehe auch “WikiRebels – The Documentary” (svtplay.se, Video, 57 Minuten, englisch).

3. “Schneewittchen does Peking”
(wissenslogs.de, Anatol Stefanowitsch)
Anatol Stefanowitsch verfolgt eine AFP-Meldung, “in der es um einen scheinbar peinlichen Fehler bei der Übersetzung von Grimms Märchen ins Chinesische geht”.

4. “Stockholm: Eklatante Schwächen beim dapd”
(meedia.de, Daniel Bouhs)
Von der Nachrichtenagentur dapd war in der Nacht von Samstag auf Sonntag nichts zu den Ereignissen in Stockholm zu hören, da der Besetzungsplan dann (noch) eine Lücke aufweist. “Der dapd muss sich angesichts solcher Pannen fragen lassen, ob er in der Lage ist, das Weltgeschehen stets verlässlich abzudecken.”

5. “‘Wetten, dass..?’ Wie war das noch mit Samuel Koch?”
(katatonie.org, Markus Mertens)
Ganze vier Artikel liest Markus Mertens auf “Spiegel Online” zur angeblichen “Quotengeilheit des ZDF”. “Wieso aber habe ich ein solches Verhalten beim ZDF nicht beobachten können?”

6. “Dr. Nakamats, die Berliner Zeitung und ich”
(tokyofotosushi.wordpress.com, Fritz Schumann)
Fritz Schumann sieht seine ausführlichen, zuvor von der Redaktion abgelehnten Recherchen über den japanischen Erfinder Dr. Nakamats plötzlich in der “Berliner Zeitung” abgedruckt.

Super-Schurke Wikileaks

Wikileaks bestimmt noch immer die Schlagzeilen. Doch heute bekommen die Enthüllungen auf der Plattform selbst kaum Raum, vielmehr konzentriert sich die redaktionelle Aufmerksamkeit ganz auf den “Hacker-Krieg” um die Enthüllungsplattform. Die lose Gruppierung “Anonymous” hat zu Attacken auf vermeintliche Wikileaks-Feinde aufgerufen — und tatsächlich waren einige Webseiten für kurze Zeit nicht erreichbar.

Grund genug für Bild.de, drängende Fragen zu stellen:

Kristinn Hrafnsson – die Nummer 2 bei Wikileaks - Steuert dieser Isländer den Cyberkrieg?

Die Antwort jedoch enthält Bild.de seinen Lesern vor. Dass beide Gruppierungen betonen, keine direkte Verbindungen untereinander zu haben und dass “Anonymous” bereits zahlreiche andere Kampagnen durchgeführt hat, kommt weder in diesem, noch in den zwei anderen Artikeln zum Thema vor.

Stattdessen hat Bild.de ganz exklusiv erfahren wie teuer die Aktionen der “Wikileaks-Hacker” sind:

"Die negativen Begleitfolgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind sehr ernst zu nehmen", so Fritsche. "Vertrauensverluste, Arbeitplatzverluste für Arbeitnehmer oder Wettbewerbsverzerrungen."  Den möglichen Schaden der Wikileaks-Angriffe würden Experten auf 20 bis 50 Milliarden Euro schätzen.

Die Zahl ist besonders beeindruckend, wenn man berücksichtigt, dass keine der bisher angegriffenen Organisationen ihren Sitz in Deutschland hatte. Die Schäden in den Ländern, die tatsächlich Ziel der Angriffe waren, müssen in die Trillionen gehen.

Oder auch nicht. Bei den Kollegen von “Welt Online” klingt es nämlich ganz anders:

Aber auch ohne Wikileaks sind deutsche Unternehmen seit Jahren in höchstem Maße durch Computerspionage gefährdet. Grobe Schätzungen sprechen von Schäden in Höhe von 20 bis 50 Milliarden Euro jedes Jahr. Laut einer Statistik des Wirtschaftsberatungsunternehmens KPMG wurde jedes vierte deutsche Unternehmen in den letzten drei Jahren Opfer von Cybercrime.

Bild.de hat also mal eben alle digitalen Straftaten in Deutschland auf das publizistische Konto von Wikileaks geschrieben. Weitere Exklusiventhüllungen um den Super-Bösewicht “Dr. Leaks” lassen damit bestimmt nicht lange auf sich warten.

Warum Assanges Aktivitäten so überaus verwerflich sind, erklärt Profi-Rechercheur ”Bild”-Kolumnist Ernst Elitz heute in einem Kommentar:

Journalismus wägt ab und gräbt tiefer, denn er weiß: Die Wahrheit liegt meist unter der Oberfläche. Der Journalist will die Welt erklären. Assange will nur bloßstellen und Vertrauen zwischen den Staaten zerstören. Damit erklärt er sich selber zum Staatsfeind.

Zum Staatsfeind wird man also, wenn man keinen ordentlichen Journalismus betreibt, die Wahrheit unter der Oberfläche ignoriert und nur bloßstellen will. Wenn es danach geht, müsste Elitz eigentlich in Kürze zum Einsatz der Bundeswehr gegen Bild.de aufrufen.

Mit Dank auch an Alex.

Bild, Popstars, Antonomasien

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Ist die Bild-Zeitung noch zu retten?”
(iphone-fan.de, Dirk Kunde)
Die “Bild”-iPad-App erhält von Tester Dirk Kunde 1 von 5 möglichen Punkten: “‘Evolution der Zeitung’ nennt Springer seine App. Da muss ich schmunzeln. Die Menüführung und Gestaltung ist genauso unübersichtlich und wirr wie die Webseite. Das Geld geht vermutlich eher ins Marketing als in Nutzer-Tests.”

2. “Die perfide Logik der Bildzeitung”
(investigativerecherche.de, Boris Kartheuser)
Wikileaks: Boris Kartheuser stellt fest, dass es “Bild” tatsächlich schafft, “in einer einzigen Ausgabe einerseits Assange als Verräter zu beschimpfen und nur drei Seiten weiter stolz auf die bisherige Berichterstattung im Fall Cablegate zu verweisen.”

3. “Worüber man halt so redet… und wieviel”
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.com, Thomas)
Thomas versucht, die Wichtigkeit eines Begriffs zu messen. Während auf der X-Achse die Anzahl Sprachen, in die ein Begriff bei Wikipedia übersetzt wurde, anzeigt wird, werden auf der Y-Achse die Anzahl Google-Treffer für den gleichen Begriff angeordnet. “Und damit haben wir es tatsächlich und endlich offiziell und unumstößlich! Franz Josef Wagner liegt leicht über der Hauptreihe und ist damit gerade eben überpräsent in der öffentlichen Diskussion. Kachelmann und Sarrazin dagegen liegen deutlich über der Hauptreihe. Ihre Namen werden mehrfach häufiger verwendet, als ihre Bedeutungen es rechtfertigen würden!”

4. “Crunks 2010: The Year in Media Errors and Corrections”
(regrettheerror.com, Craig Silverman, englisch)
“Regret The Error” sammelt die Fehler, Korrekturen und Entschuldigungen des Jahres. Der Tippfehler des Jahres 2010: “This blog post originally stated that one in three black men who have sex with me is HIV positive. In fact, the statistic applies to black men who have sex with men.”

5. “Nicht in diesem Leben”
(katrinschuster.de)
Katrin Schuster ist überrascht, “mit welcher Dreistigkeit Pro Sieben noch so tut, als wäre Popstars eine Fernsehsendung”.

6. “A wie Antonomasie”
(welt.de, Marc Reichwein)
Marc Reichwein befasst sich mit der Antonomasie: “Weil jeder gern mit dieser Stilfigur herumspielt, ob talentiert oder nicht, ist die Antonomasie so etwas wie der Fußball unter den journalistischen Stilfiguren: eine Breitensportart, die auch andere Ressorts nutzen.”

Lolas Rente*

Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland wartet. Er wartet darauf, dass ihm jemand von ARD und ZDF verrät, wie viel Geld die öffentlich-rechtlichen Sender für die Rentenbezüge ihrer ehemaligen Angestellten ausgeben. Immerhin wartet er offenbar nicht allein; er schreibt: “Wir warten.”

Suchsland hat für das Online-Magazin “Telepolis” einen Artikel verfasst, in dem er seinem Frust darüber Ausdruck verleiht, dass ARD und ZDF immer weniger so sind, wie sie seiner Meinung nach sein sollten. Er ist damit nicht allein, und die meisten Belege, die er für seine These nennt, dass die öffentlich-rechtlichen ihre “Verpflichtungen immer weniger erfüllen, weil sie den Privatsendern immer ähnlicher werden”, sind bekannt: weniger Dokumentationen, mehr Talkshows.

Unter Suchslands Text liegt ein ohrenbetäubendes Raunen. Denn er reichert die übliche (deshalb aber natürlich nicht unberechtigte) Kritik mit diversen Gerüchten an. Das heißeste davon lautet:

50 Prozent aller Rundfunk-Gebühren entfallen zur Zeit allein auf Zahlung der Rentenbezüge ehemaliger Angestellter (…).

Suchsland hat diese Information offenbar exklusiv “aus den zweifellos gut unterrichteten Kreisen der Chefetage eines großen öffentlichen Senders”. Und er flucht:

Solche Informationen sind bislang nicht öffentlich. Warum eigentlich? Gibt es kein Recht auf Transparenz bei der Verwendung von Rundfunkgebühren — ähnlich wie die Bürger das Recht haben zu erfahren, was mit den Steuergeldern passiert?

Sollte die Information aus der Chefetage nicht zutreffen, wäre es für die Sender jedenfalls ein Leichtes, diese zu widerlegen, indem sie die Zahlen offen legt. Wir warten.

Apropos “ein Leichtes”: Es gäbe da etwas, das Herr Suchsland tun könnte, anstatt mit spitzem Finger auf die Tischplatte zu tippen. Er könnte auf die Internetseite der “Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten” (KEF) gehen, die nicht nur genau das tut, was ihr Name sagt, sondern darüber sogar öffentlich Rechenschaft ablegt. Er fände dort ein ganzes Kapitel über die “Betriebliche Altersversorgung”. In vielen Tabellen könnte er nachlesen, wie viel Geld die einzelnen öffentlich-rechtlichen Sender dafür pro Jahr ausgeben. Die Kommission hat sich sogar die Mühe gemacht, den Nettoaufwand zu errechnen, der neben den Ausgaben für die Altersvorsorge auch korrespondierende Erträge berücksichtigt und die “effektive Belastung des Gebührenzahlers” darstellen soll. Sie verfolge nämlich, schreibt die Kommission, wie Suchsland zum Hohn, “stetig das Ziel, eine größere Transparenz in der Darstellung der Verwendung der Rundfunkgebühren für die betriebliche Altersversorgung der Rundfunkanstalten zu erreichen”.

Für 2010 zum Beispiel rechnen ARD, ZDF und Deutschlandradio insgesamt mit einem Nettoaufwand von 377,6 Millionen Euro für die Altersversorgung. Dem stehen 8,5 Milliarden Euro Einnahmen gegenüber — davon stammen über 85 Prozent aus den Rundfunkgebühren, also mehr als 7,2 Milliarden Euro.

Es scheint, als würden ARD, ZDF und das Deutschlandradio nicht fünfzig, sondern fünf Prozent der Gebühren, die sie bekommen, für Rentenbezüge ausgeben. Wenn die gut unterrichteten Kreise der Chefetage eines großen öffentlichen Senders tatsächlich über jeden Zweifel erhaben sind, muss sich Suchsland wohl verhört haben.

Jedenfalls könnte er jetzt aufhören zu warten (und den anderen Bescheid sagen).

Mit großem Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 10. Dezember, 0.00 Uhr. “Telepolis” hat dem Artikel folgende “Ergänzung” hinzugefügt:

Nachdem die Zahlenangaben für viel Unruhe gesorgt haben, will der Autor demnächst dazu weiter berichten.

Wir warten.

Nachtrag, 11. Dezember, 16.30 Uhr. Rüdiger Suchsland räumt nun in einer “persönlichen Stellungnahme” auf “Telepolis” ein, dass seine Behauptung, 50 Prozent aller Rundfunk-Gebühren entfielen auf Rentenbezüge, “nicht zu halten” sei und nennt die Kritik an seinem Eintrag “gerecht”. Er verteidigt jedoch grundsätzlich das ahnungslose Publizieren von irgendwo Aufgeschnapptem:

Grundsätzlich halte ich allerdings daran fest, dass es gerade der Sinn von Blogs mit ihrer Möglichkeit zur Leserreaktion ist, auch das zu publizieren, was ich hier mal “partytalk” nennen will. Da hört man nämlich neben reinen Gerüchten immer wieder Dinge, die namentlich nie zur Veröffentlichung gesagt werden und trotzdem stimmen.

Indirekt scheinen auch ARD und ZDF selbst Schuld zu sein, dass Leute wie er falsche Meldungen über sie in die Welt setzen:

Jetzt könnte man zwar auch darüber räsonnieren, was es denn über den ÖR sagt, dass man solche Informationen erstmal glaubt, bzw. hier immer mit dem worst case rechnet, aber das würde dann wie eine Ausrede klingen, und das soll es nicht.

*) Lola Öber-Klöben, langjährige ZDF-Archivarin (Name geändert)

Kanak Sprak

Heute wurden die Ergebnisse einer neuen PISA-Studie vorgestellt, die sich vor allem mit der Lesekompetenz der Schüler beschäftigt. Grund genug für Bild.de, den Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, zu dem Thema zu befragen.

Meidinger sagt, dass der relativ hohe Migranten-Anteil an unseren Schulen “mitverantwortlich” für das schlechte Abschneiden der Deutschen sei. Er bemängelt “die gescheiterte Integrationspolitik in Deutschland, die über mehr als zwanzig Jahre lang versäumt hat, das Problem der Sprachkenntnisse bei Einwanderern zu thematisieren und systematisch anzugehen”, fordert eine flächendeckende Sprachförderung von Kleinkindern und hebt den Einfluss des Elternhauses hervor:

Doch in vielen Einwanderer-Familien sei “die Sprachkompetenz der Eltern noch schlechter als die ihrer Kinder”.

Das führt laut Meidinger im Ergebnis dazu, dass Kinder aus sozial schwachen, bildungsfernen Migranten-Familien deutlich schlechtere Chancen auf einen erfolgreichen Schulabschluss haben als Kinder aus sozial bessergestellten, bildungsnahen Familien. “Dasselbe gilt natürlich auch für Kinder ohne Migrationshintergrund”, sagt der Bildungs-Experte weiter.

Also alles in allem durchaus differenzierte Antworten, die der “Bildungs-Experte” da gegeben hat. Bild.de fasst seine Aussagen so zusammen:


Philologen-Chef Heinz-Peter Meidinger: Migranten ziehen Pisa-Ergebnisse nach unten

In der gedruckten “Bild” war für Ausdifferenzierungen dann gar kein Platz mehr:

Philologen-Chef: Migranten ziehen Pisa-Ergebnisse nach unten. Berlin - Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie belegen, dass deutsche Schüler besonders bei der Lesekompetenz schlecht abschneiden. Der Chef des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, sagte BILD.de: "Der relativ hohe Migranten-Anteil an unseren Schulen ist mitverantwortlich für das schlechte Ergebnis der Deutschen bei der Pisa-Studie." Für den Bildungs-Experten sind vor allem "ihre Sprachdefizite das Problem".

Mit Dank an Vincent und Christian S.

Angst essen Hirn auf

Man fragt sich langsam, was die Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) an sich haben, dass sie so gerne falsch verstanden werden.

Als vergangene Woche in Hannover die “Zentralen Befunde des zweiten Forschungsberichts des Projekts ‘Gewalt gegen Polizeibeamte’ zu den Tätern der Gewalt” (PDF) vorgestellt wurden, in denen es in genau einem von zehn Punkten auch um Täter nichtdeutscher Herkunft ging, titelte die Hannoveraner Regionalausgabe von “Bild” reißerisch:

Gewalt gegen Polizisten! Fast jeder 2. Täter ist ein Migrant

… und liegt damit klar daneben. Denn während “Bild” behauptet, “42,9 Prozent der Schläger sind Migranten, vor allem Muslime, Russen”, heißt es im KFN-Bericht unter Punkt 2:

Von allen berichteten Tätern hatten laut Angaben der Polizeibeamten 37,8 % eine eindeutig benennbare nichtdeutsche Herkunft.

Wo “Bild” die 42,9 Prozent her hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Im KFN-Bericht, der sich übrigens auf eine wenig repräsentative Polizistenbefragung aus dem Jahr 2009 bezieht (BILDblog berichtete), findet sich diese Zahl jedenfalls nirgends, sodass von “fast jeder 2.” nur noch etwas mehr als ein Drittel übrig bleibt.

Auch handelt es sich bei den besagten Tätern nicht um “Migranten”, wie von “Bild” behauptet, sondern um Personen, die von betroffenen Polizisten für “Nichtdeutsche” gehalten werden. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler würde bestimmt dazugehören. Im KFN-Bericht heißt es dazu etwas schwammig:

Dabei wurde “Herkunft” im Fragebogen nicht definiert; aufgrund des deutlich über den in der [Polizeilichen Kriminalstatistik] ausgewiesenen Anteil nichtdeutscher Täter (2009: 18,6 %) liegenden Wertes in der Stichprobe ist aber davon auszugehen, dass sich die Beamten beim Beantworten der Frage nach der Herkunft eher auf einen vorhandenen Migrationshintergrund und nicht auf das Vorliegen einer nichtdeutschen Staatsangehörigkeit bezogen haben.

Vielleicht hat die Unfähigkeit von “Bild”, was die Auswertung von Studien angeht, aber auch weniger mit dem Institut zu tun, das sie anfertigt, sondern vielmehr mit dem Thema “Islam”.

Eine andere Studie des Exzellenzclusters “Religion und Politik” ergab kürzlich, dass 58 Prozent der Westdeutschen und 62 Prozent der Ostdeutschen dem Islam gegenüber kritisch eingestellt sind. Bemerkenswert an diesen Ergebnissen ist vor allem, dass die Deutschen nichtchristlichen Religionen gegenüber – also etwa auch dem Judentum oder dem Hinduismus – im europäischen Vergleich am intolerantesten abschnitten.

Bild.de interpretierte das dennoch ganz einfach so:

Neue Studie Jeder zweite Deutsche hat Angst vor dem Islam

Der dazugehörige Artikel beginnt mit den Worten:

Ehrenmorde, Zwangsehen, religiöse Fanatiker – sie prägen das Bild vieler Deutscher vom Islam. Die Folge: Angst. Über die Hälfte der Deutschen steht dem Islam kritisch gegenüber.

Abgesehen davon, dass es in der Studie nicht um “Angst” ging, sondern darum, ob Menschen ein negatives oder ein positives Bild von verschiedenen Religionen haben, weiß man jetzt wenigstens, wo Intoleranz gegenüber und Angst vor dem Islam herkommen.

Österreich, Jahrtausendwinter, Udo Reiter

6 vor 9

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1. “‘Wetten dass’: Geheimauftritt von ‘Take That'”
(politblogger.eu)
Die Sonntagsausgabe der Boulevardzeitung “Österreich” titelt “So rockte Robbie Gottschalk” und “Gottschalk: Robbie holte Show aus Koma”, obwohl Robbie Williams am Samstagabend gar nicht in der Sendung “Wetten, dass..?” auftrat. Wegen eines Unfalls bei einer Wette wurde die Sendung vorzeitig abgebrochen. Siehe dazu auch “‘Österreich’: Wenn Kaltschreiben pietätlos wird” (kobuk.at, Yilmaz Gülüm)

2. “Die Jahrtausendwinter – Ente”
(wissenslogs.de, Stefan Rahmstorf und Olivia Serdeczny)
Der polnische Wissenschaftler Michał Kowalewski sieht von ihm getätigte Aussagen zu einem Artikel vermengt, “der so geschickt seine Worte mit einigen meiner Sätze ohne ihren Kontext vermischte, dass eine ganz neue Bedeutung entstand. Eine absolut absurde These. Meine Zitate sind für sich genommen aber korrekt, daher konnte ich keine Richtigstellung verlangen.” Stefan Rahmstorf und Olivia Serdeczny zeigen auf, wie sich die Meldung fortpflanzt.

3. “Reiter: MDR-Intendant löscht Twitter-Account, Nachspiel im Rundfunkrat”
(flurfunk-dresden.de, owy)
Peter Stawowy kommentiert den Rückzug von MDR-Intendant Udo Reiter (@mdrreiter) aus Twitter: “Es war ein schlechter Witz, ja, Reiter hat sich gleich darauf entschuldigt – so what? Diese und ähnliche Erfahrungen werden eins zur Folge haben: Wir werden in Deutschland noch sehr lange warten müssen, bis sich Politik und andere Entscheiderkreise an Twitter und Co. herantrauen.”

4. “Niebel: ‘Spiegel’ hat keinen verantwortungsvollen Journalismus betrieben”
(lvz-online.de, Dieter Wonka)
Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel ist unzufrieden mit der Aufarbeitung der ihn betreffenden Wikileaks-Diplomatendepeschen durch den “Spiegel”: “Nachdem ich den Originalbericht über meine Person gelesen habe, kann ich die Aufarbeitung des ‘Spiegel’ nicht als verantwortungsvollen Journalismus bezeichnen. Auch durch Weglassen kann man falsche Informationen streuen.”

5. “Facie prima”
(ad-sinistram.blogspot.com, Roberto J. De Lapuente)
Roberto J. De Lapuente beschreibt von den Medien ausgewählte Bilder von Julian Assange: “Die Manipulationsmacht, die ein Bild verströmen kann, selten ist sie so zielgerichtet, wie im Falle Assanges; selten wird so manipulativ auf solche Fotos zurückgegriffen, auf denen die Person, über die man berichtet, so unvorteilhaft zur Geltung kommt.”

6. “Medien machen Geschichte(n)”
(heise.de/tp, Wassilis Aswestopoulos)
Nicht nur in Neapel stapelt sich der Müll, sondern auch in Griechenland. Wassilis Aswestopoulos über den aktuellen Zustand des Lands.

Anmerkung: Wegen Serverüberlastung ist Link 1 zwischenzeitlich deaktiviert.

Schlagzeilen aus einer anderen Welt

Der Medienzirkus um Wikileaks geht weiter. Am Freitag antwortete Wikileaks-Gründer auf der Webseite der britischen Zeitung “Guardian” auf Leserfragen. Julian Assange erläuterte, dass er derzeit nicht in sein Heimatland Australien zurückkehren könne, erklärte die Wikileaks-Quellen zu Helden und wies eine Frage nach der Verantwortung für diplomatische Kollateralschäden zurück. Ach ja — ein ganz anderes Thema kam auch zur Sprache:

achanth: Mr Assange, have there ever been documents forwarded to you which deal with the topic of UFOs or extraterrestrials? Julian Assange: Many weirdos email us about UFOs or how they discovered that they were the anti-christ whilst talking with their ex-wife at a garden party over a pot-plant. However, as yet they have not satisfied two of our publishing rules. 1) that the documents not be self-authored; 2) that they be original. However, it is worth noting that in yet-to-be-published parts of the cablegate archive there are indeed references to UFOs.

Zu deutsch:

achanth: Herr Assange, wurden ihnen jemals Dokumente übermittelt, die sich mit UFOs oder Außerirdischen befassten?

Julian Assange: Viele Wirrköpfe schicken uns E-Mails über UFOs oder wie sie erkannten, dass sie der Antichrist sind, als sie sich mit ihrer Ex-Frau über eine Topfpflanze unterhielten. Wie dem auch sei, erfüllen diese Einsendungen zwei unserer Veröffentlichungeregeln nicht. Erstens: Dokumente dürfen nicht selbst geschrieben sein. Zweitens: Die Dokumente müssen Originale sein.
Aber es ist erwähnenswert, dass in einigen noch zu veröffentlichenden “Cablegate”-Dokumente auch auf unidentifizierte Flugobjekte Bezug genommen wird.

Angesichts von andauernden Drohnen-Einsätzen und Spionageflugzeugen sind unbekannte Objekte am Himmel kein besonders überraschendes Thema für die internationale Diplomatie, aber Assange verriet nicht wirklich, was in den Dokumenten zu lesen sein wird. Doch das Wort “Wirrköpfe” macht auch deutlich: Enthüllungen über außerirdisches Leben sind von Wikileaks nicht zu erwarten.

Für Schlagzeilen-Schreiber, die ihre Superlative in den letzten Tagen verschossen hatten, war es jedoch mehr als genug.

Bild.de:

be1

“Welt Online”:

Julian Assange kündigt Enthüllungen über Ufos an  Der Wikileaks-Aktivist bricht sein Schweigen: Julian Assange stellt sich Lesern des "Guardian". Der Ansturm legte zwischenzeitlich die Seite lahm.

abendblatt.de:

WikiLeaks: Assange will UFO-Dokumente veröffentlichen

augsburger-allgemeine.de:

Enthüllungs-Plattform Assange: WikiLeaks hat Dokumente, in denen es um Ufos geht

Und sueddeutsche.de:

Julian Assange chattet beim Guardian Todesangst und Ufo-Akten - 2010-12-03 16:48:52   Wikileaks-Kopf Julian Assange beantwortet Fragen von Lesern des "Guardian" - und macht Verschwörungstheoretiker mit einem Hinweis auf Außerirdische neugierig.

Mit Dank an Ralf D. und Tobi R.

Nachtrag, 6. Dezember: Süddeutsche.de hat die Außerirdischen aus dem Vorspann entfernt und fragt auf Twitter: “War die Schlagzeile tatsächlich zu sehr aufgebrezelt?”

Redakteure, Dokumentationen, Wikileaks

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Rigide redigierende Redakteure”
(journalist.de, Timo Rieg)
Timo Rieg kümmert sich in einem weitgehend unredigierten Text um den redigierenden Redakteur, dem “ein hierarchieärmeres Berufsverständnis” gut stehen würde: “Redakteure erziehen ihre Autoren, nicht so zu schreiben, wie sie selbst schrieben, wenn sie könnten, wollten, müssten – sondern sie suchen Autoren, die eigene Themen, Sichtweisen und Darstellungen ins Blatt bringen.”

2. “Das Erste im Talkshow-Wahn”
(stern.de, Bernd Gäbler)
Ab Herbst 2011 bietet ARD fünf Talkshows an – dafür keine Dokumentationen mehr vor 22 Uhr. “Tatsächlich ist es so, dass das Erste wie die Dritten Programme die Prime Time inzwischen mit Populärem durchformatieren. Nun wäre das alles verständlich, würden die Dokumentationen so aussehen wie die ARD-Verantwortlichen es suggerieren: absurde, elitäre Selbstverwirklichung zu bulgarischen Kauderwelschthemen. Jedoch haben die Dokumentationen gerade im Fernsehen außerordentliche Relevanz und auch Resonanz.”

3. “Peinlich: OZ kopiert beim SZ-Magazin”
(blog.17vier.de)
Das Fleischervorstadt-Blog vergleicht Textbausteine eines Artikels der “Ostsee-Zeitung” vom 29. November mit dem “SZ-Magazin” vom 16. September.

4. “Now leaking: The one and only Ich”
(print-wuergt.de, Michalis Pantelouris)
Michalis Pantelouris fragt, ob wir mit drei sich extrem voneinander unterscheidenden Wahrheiten leben wollen: “Bisher leben wir selbstverständlich damit, dass es irgendwo ‘eine Wahrheit’ gibt, die wir nie erfahren (in den Dokumenten, hinter den Kulissen), eine ‘öffentliche Wahrheit’, nämlich das, was offen gesagt wird, das, was in der Zeitung steht – und unsere private Wahrheit, mit der wir leben und arbeiten.”

5. “The moral standards of WikiLeaks critics”
(salon.com, Glenn Greenwald, englisch)
Glenn Greenwald glaubt, dass es bisher keine Anhaltspunkte gibt, dass Wikileaks-Veröffentlichungen tatsächlich Personen geschadet haben. Dagegen hätten US-Journalisten die opferreichen Kriege der USA immer wieder verteidigt. Die Kommentare gegen Julian Assange seien überzogen: “The ringleaders of this hate ritual are advocates of — and in some cases directly responsible for — the world’s deadliest and most lawless actions of the last decade.”

6. “Der Überfall”
(zeit.de, Susanne Leinemann)
Die 41-jährige Susanne Leinemann wird in Berlin-Wilmersdorf von Jugendlichen überfallen und bewusstlos geschlagen: “Ich kenne diese drei Typen nicht, ich habe keine Geschichte mit ihnen, keinen Konflikt gehabt, nichts. Alles, was uns verbindet, ist die Tatsache, dass sie mich fast umgebracht haben.”

Untertauchen für Anfänger

Wo ist Julian Assange? Und: Ist er auf der Flucht? Der Wirbel rund um die Whistle-Blower-Plattform Wikileaks sorgt für immer neue Höhepunkte im weltweiten Medienzirkus. Kein Wunder, dass Bild.de da mitspielen will:

Jagd auf Wikileaks-Chef Julian Assange: Entkommt er wegen einer Behörden-Schlamperei?

Doch nicht nur Behörden schlampen, wenn es um Julian Assange geht. Zur Frage nach dem gegenwärtigen Aufenthaltsort des Wikileaks-Gründers schreibt Bild.de zunächst dies:

Scotland Yard sei sein Aufenthaltsort bekannt, berichtet die britische Tageszeitung “The Independent”. Der Australier wird von Schweden wegen Vergewaltigungsverdachts gesucht, steht inzwischen auf der internationalen Fahndungsliste von Interpol. (…)

Nach dem Bericht des “Independent” habe der Australier der Polizei bereits im Oktober nach seiner Ankunft im Land seine Kontaktdaten zur Verfügung gestellt.

Ein paar Absätze weiter sieht es ganz anders aus:

Doch bereits seit Monaten treibt Assange ein Versteckspiel mit den Behörden, gibt seinen Aufenthaltsort nicht preis und operiert aus dem Untergrund.

Und auch zum Aufenthaltsort des Wikileaks-Gründers hat Bild.de noch ein paar ganz exklusive Informationen:

Assange weist die Vorwürfe zurück; er sieht sich als Opfer eines Komplotts und ist deshalb im August 2010 abgetaucht. Angeblich versteckt er sich jetzt in Australien, doch sein genauer Aufenthaltsort ist weiterhin unbekannt.

Diesen Satz verwendete Bild.de bereits in mehreren Artikeln, richtiger wird er dadurch aber nicht. Assange ist keinesfalls seit August abgetaucht: Damals hielt er sich nämlich noch in Schweden auf. Erst im September durfte er das Land verlassen und gab schon im Oktober wieder eine große Pressekonferenz in London.

Doch England oder Australien, behördlich gemeldet oder auf der Flucht — Hauptsache, es gibt irgendwas zu spekulieren.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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