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taz.de  

Ziemlich viel Unfux

Anlässlich des runden Jubiläums blickt taz.de auf die 20-jährige Geschichte des Betriebssystems Linux zurück:

20 Jahre kostenloses Betriebssystem Linux Nichts für "Power-User" Als Linus Torvalds 1990 in einem Diskussionsforum sein eigenes Betriebssystem ankündigte, hielt er es selbst noch für eine Spielerei. Nun wird Linux 20 Jahre alt.

Schon die Überschrift und der Teaser lassen allerdings erahnen, dass der Artikel nicht so ganz ausgegoren ist. Zum einen wird Linux durchaus gerade von sogenannten “Power-Usern” in Abgrenzung zum “Otto-Normal-User” genutzt, zum anderen kündigte der Macher von Linux sein Betriebssystem nicht 1990, sondern 1991 an. Dann kommt man auch auf die 20 Jahre.

Dieser Fehler wiederholt sich auch im Artikel:

Am 25. August 1990 kündigte Linus Torvalds in einem Diskussionsforum des Usenet an, er habe sich ein eigenes Betriebssystem entwickelt (…). Am 17. September 1990 erblickte Linux 0.01 das Licht der Welt und wurde Interessierten auf einem Server zum Download angeboten.

Weiter geht’s mit der Entstehung von Linux:

Torvalds sprach: Es werde ein Kernel. Und es wurde ein Minix. Der Schöpfer sah, dass der Programmiercode gut war und benannte Minix wenig später in Linux um.

Allein, Linux ist keineswegs aus dem Betriebssystem Minix, das auch heute noch existiert, entstanden, sondern wurde von Torvalds anfangs unter dem Namen “Freax” komplett neu entwickelt. Minix wiederum wurde nicht von Torvalds, sondern von Andrew S. Tanenbaum entwickelt, der Linux sogar kritisierte (“Linux is obsolete”).

Der Autor schreibt weiter:

97 Prozent der Weltbevölkerung, die einen Computer haben, nutzen Linux nicht. (…) Erklären könnte das niemand.

Bill Gates hat es versucht. 2001 verlautbarte Microsoft, Linux sei ein “Krebsgeschwür” und Open Source, also Software, deren Code öffentlich zugänglich, überprüfbar und nachbaubar ist, zerstöre das geistige Eigentum.

Tatsächlich stammt der Spruch mit dem “Krebsgeschwür” von Microsoft-CEO Steve Ballmer und nicht von Bill Gates.

Auf alle diese Fehler weisen auch zahlreiche Kommentatoren seit Tagen hin — bislang vergeblich.

Mit Dank an Andreas T. und Michael W.

Nachtrag, 22:21 Uhr: Die hier angesprochenen Fehler wurden inzwischen korrigiert. Zusätzlich hat der Autor folgenden launigen Kommentar unter seinem Artikel hinterlassen:

Also nee…take a stress pill and think things over. Natürlich ist die Jahreszahl 1990 falsch, es muss 1991 heißen (das kommt davon, wenn man nachts um drei noch arbeitet und deswegen keinen Kaffee trinken will).

Ich nutze Debian seit 2004 (http://www.burks.de/forum/phpBB2/viewtopic.php?t=3351) und Ubuntu seit 2005 (http://www.burks.de/forum/phpBB2/viewtopic.php?t=5073)
(Fotos als Beweis). Die Leute, die mir unterstellen wollen, ich hätte davon keine Ahnung, sollten sich zurückhalten.

Es gibt noch ein paar Stellen im Artikel, die im Erbsenzähler-Modus falsch klingen. Linux ist ein Kernel. Schön, gut und wahr. Aber dann muss man noch dem gefühlt Internet-affinen Oberstudienrat erkläre, was das ist. Nein, ich bleibe dabei: Linux ist ein Betriebssystem, volkstümlich formuliert.

Das MaxIntosh-Betriebssystem heisst MacOs? Ahem. Muss man das wissen? Ich arbeite ja auch damit, aber muss man das so sagen? “The Macintosh (pronounced /ˈmækɨntɒʃ/ mak-in-tosh), or Mac, is a series of several lines of personal computers designed, developed, and marketed by Apple Inc”. Ich bin dann für pars pro toto und sage lieber Mac.

Minix. Dann hätte ich besser FreaX schreiben sollen. Um überflüssige Streiterein zu vermeiden, sollte der Satz gelöscht werden.

Love and peace!

Wolfgang Herles, Sudan, Torben P.

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “18 Sekunden Zündstoff”
(spiegel.de, Beate Lakotta)
Wie Boulevardzeitungen mit der Gewalttat von Torben P. umgehen, die breit bekannt wird, nachdem die Polizei ein 18 Sekunden langes Video zur Fahndung ins Internet stellt. “Es hieß, der ‘Juristensohn’ wohne ‘behütet bei Papa und Mama im schicken Heiligensee’. Aber Torbens Vater ist gar kein Jurist, beide Eltern sind schwerkrank und seit vielen Jahren Frührentner, die P.s wohnen in einer Genossenschaftswohnung.”

2. “Am Originalschauplatz”
(katrinschuster.de)
Katrin Schuster erstaunt es, “wie wenige Literaturkritiken tatsächlich von Literatur handeln”. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung sei die ZDF-Literatursendung “Das blaue Sofa” mit Wolfgang Herles: “Vom Fiktionalen scheint Wolfgang Herles schlichtweg keinen Begriff zu haben. Oder vielleicht interessiert es ihn auch einfach nicht. Oder das ZDF denkt, es interessiere seine Zuschauer nicht.”

3. “Das kalte Herz des Internet”
(tagesspiegel.de, Michael Naumann)
Aufgrund des 9/11-Spezialangebots “Asche, Feuer, Todesangst” kritisiert “Cicero”-Chefredakteur Michael Naumann “Spiegel Online”: “Die Website mitsamt ihrem akustisch-voyeuristischen Angebot ist das Zeugnis eines Sensationsjournalismus, der jede Spur von Anstand, Mitgefühl und Demut verloren hat.”

4. “Die 2-Wochen-Frist beim Notar”
(finblog.de, Andreas Kunze)
Andreas Kunze beobachtet im Journalismus zunehmend ein Stille-Post-Syndrom: “Da immer schneller und immer billiger produziert wird, schreibt einer vom anderen ab, auf die Quelle schaut kaum noch einer. Sollte irgendjemand in der Kette einen Fehler gemacht haben, wird daraus irgendwann eine fast unkorrigierbare Legende.”

5. “Nie wurden die Säue schneller durchs Dorf getrieben”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die London-Korrespondentin der ARD, Annette Dittert, spricht über Boulevardzeitungen und den schnellen Wechsel von aktuellen Themen. Die Krawalle in London haben sie nicht überrascht: “Ich habe seit zwei Jahren jedem erklärt, der es wissen wollte, dass die Situation hier irgendwann eskalieren würde, und dazu auch immer wieder Magazinstücke gemacht für Magazine, wie den ‘Weltspiegel’ oder auch lange Dokumentationen, z.B. über die Kindergangs in Liverpool. Das war eigentlich allen hier klar, die genauer hingeschaut haben, dass es irgendwann knallen wird.”

6. “Wie groß ist der Sudan wirklich?”
(fernsehlounge.de)
Eine Frage bei “Schlag den Raab” verpasst die im Juli erfolgte Abspaltung des Südsudans.

Gehirne, Kalauer, Drohnen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Leser in die Röhre”
(sueddeutsche.de, Werner Bartens)
Zusammen mit Ernst Pöppel, dem “Boulevard-Wissenschaftler unter den Hirnforschern”, plant “Bild”, Hirnaktivitäten beim Lesen des Blatts zu messen. “Die Zeitung geht zur Markenpflege direkt an die Schnittstelle der Leser-Blatt-Bindung – in der Fußballsprache würde man sagen, dahin, wo es wehtut: ins Gehirn des Lesers.”

2. “Nur keine Häme gegen Talkshows!”
(zeit.de, Lutz Hachmeister)
“Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat kürzlich bemerkt, dass in den Talkshows der 1970er und 1980er Jahre noch Gesamtpersönlichkeiten als Gäste gefragt gewesen seien, heute fast nur noch ‘one-trick-ponys’ – also Figuranten, von denen dramaturgisch eine ganz bestimmte Haltung erwartet wird. Die Talkshows sind heute scripted reality, in der Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi ihre feste Funktion haben wie einst Slatko und Jürgen bei Big Brother.”

3. “Wie ich die Finanzkrise bewältigte”
(freitag.de, Michael Angele)
Michael Angele liest Feuilletons zur Finanzkrise: “Unschärfen und Inkompetenzen liegen nicht auf der Seite von uns ­Beobachtern, das Finanzsystem selbst produziert sie. Und zwar systematisch. Der Beweis? Die Krise natürlich.”

4. “Neues aus Kalau”
(noemix.twoday.net)
Kalauer mit Namen in Zeitungsüberschriften: “Manchmal ist der Unterschied zwischen einem Kindergarten und einer Zeitungsredaktion nicht leicht zu erkennen.”

5. “ARD und Fraunhofer proben die Totalüberwachung”
(ccc.de)
Das SWR-Sommerfest in Heidenheim am kommenden Sonntag wird “von fliegenden Drohnen, Heliumballons, Funk-Sensornetzen, Infrarotkameras und Webcams” überwacht.

6. “Ein Missverständnis namens Mindesthaltbarkeitsdatum”
(faz-community.faz.net/blogs/supermarkt, Peer Schader)
Im “Supermarktblog” macht Peer Schader darauf aufmerksam, dass ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum noch keinen ungenießbaren Joghurt macht: “Wer minimale Cremigkeits-Abstriche in Kauf nimmt, kann den Becher auch noch Tage später auslöffeln. Wenn er vorher die Anstrengung in Kauf nimmt, die Folie abzuziehen und höchstpersönlich zu testen, ob der Joghurt noch gut ist. Riechen und schmecken nennt man das. Irgendwie müssen wir das verlernt haben.”

Pedalisten, Oettinger, Neven DuMont

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die ‘Sächsische Zeitung’ und das Internet – oder: die verlorene Ehre eines Lehrers”
(flurfunk-dresden.de, owy)
“In den sozialen Netzwerken beobachten die Lehrer anonym das Internet-Verhalten ihrer Schüler” steht in einem Artikel in der “Sächsischen Zeitung”. “Wohl kaum. Völliger Unsinn, genaugenommen. Man drehe das mal weiter: Was wäre eigentlich los, würden sich Journalisten anonym mit Pseudonym in soziale Netzwerke einschleichen – und die Leser beobachten?! Ohgottohgottohgott!”

2. “Spiegel der Gesellschaft?”
(weltraumer.de)
“Spiegel Online” beleuchtet den Konflikt zwischen “Pedalisten” und “Blechfreunden”, zufällig das aktuelle Thema der Printausgabe, mit einer Klickstrecke, die aus Zitaten aus verschiedenen Foren besteht: “Im Internet wird über alles und jedes diskutiert, gestritten und geschimpft. Daraus Beweise für ein gesamtgesellschaftliches Phänomen zu stricken, ist schon arg windig und fragwürdig.”

3. “Autobrände: Gegensätzliche Medienstrategien”
(ndr.de, Video, 4:50 Minuten)
Wie die Medien, darunter “Bild” und “Spiegel”, mit den derzeit häufigen Fahrzeug-Brandstiftungen in Berlin umgehen.

4. “‘Bild’-Idee: Oettinger holt Flagge wieder ein”
(ftd.de, Peter Ehrlich)
Ein Vorstoß von Günther Oettinger forderte, dass “Flaggen von Euro-Staaten, die auf Hilfskredite angewiesen sind, künftig vor den Brüsseler Institutionen auf halbmast wehen” sollen. Ein irischer Journalist wollte wissen, woher diese Idee kommt. “Darüber habe Oettinger vorher mit der Chefredaktion der Zeitung gesprochen. So also bringt ‘Bild’ Ideen in die Welt.”

5. “Zeigst du noch Haltung oder buckelst du schon?”
(christundwelt.de, Wolfram Weimer)
TV-Talkshows “laufen dem Parlament den Rang ab”, beobachtet Wolfram Weimer: “Das Koordinatensystem unserer Willensbildung verschiebt sich derartig ins Mediale, dass veritable Minister achselzuckend erklären: Eine Illner-Sendung ist heute wichtiger als zehn Bundestagsdebatten. Wenn die Welt des Inszenatorischen aber so wichtig wird, mutiert das Mediensystem dann nicht zu einer Derivate-Szene des Politischen?”

6. “Vom Kampf darum verstanden zu werden”
(fr-online.de, Arno Widmann)
Der zweite Roman des Printverlegers Alfred Neven DuMont nennt sich “Vaters Rückkehr”, “ein Buch über einen Vater-Sohn-Konflikt aus der Sicht des Sohnes. Das ist mehr als interessant.”

Bild  

Die Achse des Busen

“Dümmer geht’s nicht!”, “POP-DUMMCHEN INDIRA”, “Der dämlichste TV-Auftritt des Jahres” und “Dass auch zwischen ihren Ohren Silikon steckt, das wussten wir nicht.” — mit solchen Superlativen verreißt “Bild” heute den Auftritt der Pop-Sängerin Indira Weis in der Polit-Satiresendung “Entweder Broder — Die Deutschland-Safari”:

POP-DUMMCHEN INDIRA Der dämlichste TV-Auftritt des Jahres

Nun mag man von Indiras Verschwörungstheorien halten, was man will, aber “Bild” — nicht eben bekannt als Sturmgeschütz der Aufklärung — bekleckert sich auch nicht gerade mit Ruhm:

Ebenfalls sonnenklar für Indira: “Die Amerikaner haben Osama selbst gezüchtet und brauchen sich nicht zu wundern, wenn er mal zurückschlägt!” Bin Laden, ein echter US-Frankenstein?

Zum einen liegt Indira hier eigentlich gar nicht so falsch. Es ist hinlänglich bekannt, dass die USA zur Zeit der sowjetischen Besatzung in Afghanistan die Mudschaheddin, aus denen später al-Qaida hervorging, und damit auch Osama bin Laden logistisch unterstützt haben. Zum anderen verwechselt “Bild” einmal mehr die Kreatur mit ihrem Schöpfer Frankenstein.

Bizarrer Höhepunkt dann am Ende des “Bild”-Artikels:

Bizarrer Höhepunkt dann am Ende, beim Gespräch über ihre Silikon-Brüste: “Schwerkraft ist der Feind des Bösen. Merk dir meine Worte”, so Indira zu Broder. Häh? Schwerkraft ist was…?

Tatsächlich sagte Indira nämlich “Schwerkraft ist der Feind des Busen“. Das geht auch ganz klar aus dem Zusammenhang des Dialogs zwischen Broder und Indira hervor (ARD-Mediathek, ab 11:21):

Broder: Dein Busen ist echt?

Indira: Nö, kann so ein Busen echt sein?

Broder: Können solche Augen lügen?

Indira: Ne, Schwerkraft ist der Feind des Busen. Merk dir meine Worte.

“Dümmer geht’s nicht”? Von wegen!

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Helmut-Maria Glogger, Kreuzritter, Legoland

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Fail!”
(theeuropean.de, Martin Eiermann)
Das Panorama-Ressort von “Spiegel Online”: “Im Gefühl der Schadenfreude sind Normen und Hierarchien vergessen, wenn sich der Leser mit dem Promi scheinbar auf Augenhöhe wähnt. Auf einmal erscheint der Gegenüber genauso herrlich menschlich wie man selbst. Ein bisschen gefühlte Emanzipation, ein bisschen Voyeurismus – mehr braucht es nicht zum Glücklichsein.”

2. “Roche legt sich mit Ringier an”
(tagesanzeiger.ch, Daniel Arnet)
Helmut-Maria Glogger legt in einer Kolumne von “Blick am Abend” nahe, Autorin Charlotte Roche habe den Roman “Schossgebete” nicht selbst geschrieben. “Nach einer Anfrage durch Tagesanzeiger.ch/Newsnetz beim Buchverlag wusste man zunächst nichts von diesem Artikel – das, obwohl in der Adressatenzeile von Gloggers Kolumne die Presseleiterin von Piper eingefügt war. Obwohl die Rubrik ‘Glogger mailt’ heisst, hat er offenbar Hemmungen, seine Texte auch wirklich abzuschicken.”

3. “Das Korrektiv im Internet”
(fluter.de, Andi Weiland)
Andi Weiland stellt verschiedene Watchblogs vor.

4. “Frauenmagazin für die Islamistin”
(wissen.dradio.de, Audio, 7:02 Minuten)
Stephanie Doetzer macht sich auf die Suche nach Leserinnen des Internet-Magazins “Al-Shamikha”. “Kaum einer der westlichen Autoren scheint sich die Mühe gemacht zu haben, das Magazin zu lesen, beziehungsweise übersetzen zu lassen.”

5. “Im Netz der Islamfeinde”
(berlinonline.de, Steven Geyer und Jörg Schindler)
Unter dem Titel “Kreuzritter 2.0” verkaufen die “Frankfurter Rundschau” und die “Berliner Zeitung” heute die gleiche Titelgeschichte. Es geht darin um Recherchen zum islamkritischen Blog Politically Incorrect.

6. “Legoland erklärt Unabhängigkeit von Dänemark”
(der-postillon.com)

Harald Schmidt, Frauenquote, Julian Assange

6 vor 9

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1. “Großes Pathos garniert mit Eigenwerbung”
(evangelisch.de, Christian Bartels)
Christian Bartels rezensiert die gestrige “Bild”: “Zweifellos gibt es viele schlimmere ‘Bild’-Zeitungs-Ausgaben. Immerhin verzichtete die in New York produzierte auf alles Hetzerische, enthält auch noch einen Bericht aus einer New Yorker Moschee und ein Gespräch zwischen dem Künstler Anselm Kiefer und dem Kunstkritiker Peter Iden, das wie aus einer alter ‘Frankfurter Rundschau’ gefallen wirkt.”

2. “Ich kann nicht anders als Feuilleton”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Ein Interview über Interviews mit Harald Schmidt, für den Antworten in Interviews “nicht stimmen, aber wahrhaftig sein” müssen. Er korrigiere in Interviews “wirklich weniger als ein Prozent”. “Die meisten lassen sich von Beratern beraten, die meistens irgendwelche Pressetanten mit kaputtgefärbten Haaren sind. Hinzu kommt, dass ich es schon oft genug erlebt habe, dass dann auch noch der Journalist die einzige Pointe rausstreicht.”

3. “Anhand konkreter Zahlen: Führende deutsche Online-Redaktionen haben eine miserable Frauenquote”
(nilsole.net, Nils Glück)
Nils Glück analysiert das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bei einigen ausgewählten Online-Medien: “Bei aller Vorsicht, mit der die Ergebnisse zu genießen sind, das Erschreckende vorab: Unter den zwölf ausgewählten Nachrichtenportalen, darunter überregional, regional sowie primär lokal ausgerichtete, findet sich nirgends eine einigermaßen ausgeglichene Geschlechterquote.”

4. “Es lebe die Subjektivität!”
(de.ejo-online.eu, Marlis Prinzing)
Der Medienwandel helfe, “die sinnlose Jagd auf das Einhorn ‘Objektivität’ zu beenden”, findet Marlis Prinzing: “Die Blogosphäre gab uns die Erzählfreude zurück, das Internet zwingt uns, unser Publikum vor dem Ertrinken in Informationsfluten aus professionellen und nicht-professionellen Quellen zu retten, Leuchttürme sind gefragt: Journalisten, die aufmerken lassen, indem sie Orientierung anbieten, Verortung.”

5. “Ich sehe was, was du nicht siehst”
(sz-online.de, Marcus Krämer)
Marcus Krämer glaubt, der Zeitpunkt des Anschlags auf die Twin Towers sei mit List gewählt worden: “Um 8.46Uhr nach amerikanischer Zeit flog das erste Flugzeug in den Nordturm. Um diese Stunde beginnen viele Journalisten, sich erste Gedanken über die Themen für die Abendnachrichten und die Zeitung am nächsten Tag zu machen. Die Vormittagszeit war auch deshalb schlau ausgesucht, weil nun bis zur Dämmerung viele Stunden blieben, in denen bei strahlendem Sonnenschein perfekte Fernseh- und Zeitungsbilder gemacht werden konnten.”

6. “Julian Assange und wie er die Welt sieht”
(blogs.sueddeutsche.de/feuilletonist, Andrian Kreye)
Ein Interview mit Julian Assange: “Die wichtigste Rolle der Medien war, dass sie deutlich machten, dass die Depeschen interessant und wichtig sind. Es funktioniert jedenfalls nicht, wenn man Material einfach so ins Netz kippt.”

Straßenkämpfe, Trinkkonzepte, Konfetti

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Empören wir uns nicht genug, Herr Harpprecht?”
(mediummagazin.de, Annette Milz)
Vom “Einstein” in der Kurfürstenstrasse bis zum “Borchardt” in der Französischen Straße sei das Vertrauen und die Vertraulichkeit das gängigste Korruptionsmittel zwischen Medien, Politik und Wirtschaft in Berlin, sagt Klaus Harpprecht: “In Wahrheit sind die vermeintlich exklusiven Informationen meist nur Bestechungsmittel, um Journalisten zu bauchpinseln.”

2. “Pöbler, Drängler, Straßenkämpfer”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
“Der Straßenkampf – Rüpel-Republik Deutschland” heißt die Titelgeschichte des aktuellen “Spiegel”. Unter den Linden in Berlin spiele sich das so ab: “Der Wagen sei in Sekundenschnelle ‘umzingelt’, links und rechts schießen die Radler vorbei, um danach an der Ampel die ‘Poleposition’ zu suchen und schließlich fahren sie dann demonstrativ nebeneinander und kümmern sich nicht drum, dass sie den Verkehr aufhalten. Muss man nur mal nach Berlin für fahren, um diesen unerträglichen Straßenkampf zu erleben!”

3. “Nachhaltige Vollverblödung”
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.com, Thomas)
Auf “Zeit Online” entdeckt Thomas eine Reklame für Flaschen aus Borosilikatglas, die in umweltfreundlichem, skandinavischen Design daherkommen und ein nachhaltiges Trinkkonzept verfolgen.

4. “Kommentar zur Berichterstattung über den Hirschmannprozess”
(feldstecher.wordpress.com)
Mehrere Schweizer Medien konsultieren in der Berichterstattung über den Prozess gegen Carl W. Hirschmann jun. den gleichen Experten, den Zürcher Anwalt Valentin Landmann: “Seine Konkurrenten im Zürcher Anwaltsverband haben nicht einmal im Ansatz eine vergleichbare Werbefläche.”

5. “Alles kostet Geld, und auch mein Service kostet”
(welt.de, Benjamin von Stuckrad-Barre)
Benjamin von Stuckrad-Barre besucht den ehemaligen ARD-Talker Jürgen Fliege.

6. “9/11”
(blog.bassena.org, H​a​n​s K​i​r​c​h​m​e​y​r)
H​a​n​s K​i​r​c​h​m​e​y​r war am 11. September 2001 in New York: “09:04 – Dichter Qualm: Minuten später wurden mir die glitzernden ‘Konfetti’ zu dutzenden vor die Füße geweht. Es waren die Akten, Briefe und Notizen jener Menschen, die da oben gearbeitet hatten.” Zu 9/11 siehe auch die Erinnerungen von Ulrich Wickert (“So, und wer ist das? Ich habe keine Ahnung”) und diese neue Verschwörungstheorie (“Stecken Verschwörungstheoretiker hinter den Anschlägen vom 11. September?”).

“… drei mal hoch!”

Am Dienstag ist in Plymouth, im Süden Englands, ein Junge zur Welt gekommen. Er kam eine Woche nach dem berechneten Geburtstermin, aber gerade rechtzeitig, es in die Lokalzeitung zu schaffen: Er hat nämlich nun am selben Tag Geburtstag wie sein Vater und seine Mutter.

Lustige Sache. Oder, wie die deutsche Nachrichtenagentur dpa fand, die über die britische Nachrichtenagentur PA davon erfahren hatte, ein Ereignis, das internationale Aufmerksamkeit verdiente. “Spiegel Online” machte sogleich eine Meldung im berüchtigten Panorama-Ressort daraus:

Und tatsächlich stimmt alles, was darin steht. Inklusive der Rechnung, für die man sicherheitshalber einen Experten zurate gezogen hat:

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar und ihr erstes Kind denselben Geburtstag haben, liege bei 1 zu 133 225, zitierte die Zeitung “Plymouth Herald” einen Mathematikprofessor der Universität Plymouth.

Das könnten auch Nicht-Mathematikprofessoren rechnen: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater den selben Geburtstag hat wie die Mutter ist 1:365, ebenso hoch ist die, dass er denselben Geburtstag hat wie sein Kind. Die Gesamtwahrscheinlichkeit ist also (1:365)*(1:365)=1:133.225.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 678.000 Kinder geboren. Statistisch gesehen tritt also in Deutschland fünfmal jährlich der Fall des Vater-Mutter-Kind-Geburtstages ein. Weil dpa und “Spiegel Online” aber solche Fälle auch international für berichtenswert halten, könnten sie — angesichts von 670 134 Millionen Geburten jährlich — grob statistisch gerechnet fast vierzehn dreimal Mal täglich melden: “Kurioser Zufall: Baby kommt am Geburtstag der Eltern zur Welt”.

Keine Ahnung, ob das ein Beitrag zur Rettung des Journalismus wäre.

Mit Dank an Martin H.!

Korrektur, 16:30 Uhr. Wir hatten die Zahl der jährlichen Geburten weltweit ursprünglich um den Faktor 5 zu hoch angegeben.

Darauf muss man erst mal kommen

Unsere Eltern hatten uns immer gewarnt: Es schädige das Rückenmark, verursache Pickel und mache blind. “Tausend Schuss, dann ist Schluss”, haben sie gesagt.

Und jetzt das:

Medien berichten: Junge (16) onanierte sich zu Tode

“In Brasilien”, also an einem angenehm weit entfernten Ort, “soll”, so Bild.de, sich ein Junge zu Tode onaniert haben. Das berichte das englische Onlinemagazin “The Morning Star”.

Angeblich soll sich der Jugendliche aus dem Dorf Rubiato im Bundesstaat Goias unglaubliche 42mal selbst befriedigt haben. In einer Nacht. Hintereinander.

Schulfreunde behaupten, er hätte sie sogar zu seinem nächtlichen Samenerguss-Marathon eingeladen. Alles live via Webcam.

Nun heißt das englische Onlinemagazin eigentlich “The Morning Starr”, hat ein irritierend martialisches Logo und bringt sonst Meldungen wie “Die fetteste Frau der Welt”, “Alkoholiker festgenommen, weil er eine Schlange gebissen hat” und “Großmutter findet beim Aufwachen einen Fuchs in ihrem Bett”. Klar, dass sich Bild.de-Redakteure dort auf der Suche nach Meldungen rumtreiben.

Zum angeblichen Tod des Schülers schreibt die Website ziemlich genau das, was Bild.de dort abgeschrieben hat.

Nur: “The Morning Starr” hatte es auch abgeschrieben — bei der brasilianischen Website “G17”, wo die Meldung seit Juni steht. Dort heißt es zu dem Fall unter anderem, auf dem Computer des Teenager seien ungefähr 17 Millionen erotische Videos und 600 Millionen Fotos gefunden worden. Dafür bräuchte er eine verdammt große Festplatte. Das Bild, mit dem “G17” den Artikel bebildert hat, stammt aus einer polnischen Party-Bildergalerie.

Auf der Startseite von “G17” stehen Meldungen wie “Senat billigt automatischen Freispruch für korrupte Politiker” oder “Justin Bieber verspricht, in Brasilien die Windeln auf die Fans zu werfen”. Was ist das für eine Website, die noch bizarrere Artikel bringt, als Bild.de und “The Morning Starr” zusammen?

Nun, das kann man auch ohne größere Portugiesisch-Kenntnisse verstehen:

G17 é um site de humor que satiriza os portais de notícias com conteúdo fictício.

Eine Humor-Website, die mit frei erfundenen Inhalten News-Portale verhöhnt.

Mit Dank an Anonym, Matthias B., Nicole H. und nothing.

Nachtrag, 19.40 Uhr: Bild.de hat’s auch gemerkt und unauffällig einen Nachtrag angefügt:

PS. Tatsächlich handelt es sich bei dieser Geschichte (nicht nur für den Jungen) glücklicherweise um eine Satire, die sich im Internet wie ein Lauffeuer verbreitet. Ob häufiges Onanieren wirklich tödliche Folgen haben kann, lesen Sie hier.

Und “hier” hat Bild.de tatsächlich einen Mediziner befragt: “Kann man sich wirklich zu Tode onanieren?”

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