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Gefährliches Raunen, Grausame Bilder, Techniker nicht informiert

1. Das gefährliche Raunen
(zeit.de, Bernhard Pörksen)
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Auf “Zeit Online” macht er sich Gedanken über die zunehmende Polarisierung und einen sich über den Medien ausbreitenden Generalverdacht: “Medienkritik und Medienskepsis machen, gerade in einer Zeit, in der Falschmeldungen durch die sozialen Netzwerke wirbeln und Desinformation mächtiger wird, idealerweise alle Beteiligten ein Stück mündiger, klüger und wacher. Aber gegenwärtig werden die Debatten über Gegenwart und Zukunft von ARD und ZDF und des Journalismus zunehmend zu ideologischen Grabenkämpfen und zum Spielfeld für populistische Forderungen; dies eben nicht, wie traditionell üblich und historisch erwartbar, am äußersten rechten oder linken Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.”

2. Nach der Böhmermann-Wutrede: Warum der digitale Boulevard von Bento, Watson, Vice & Co. besser ist als sein Ruf
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Anlässlich Jan Böhmermanns vernichtendem “Bento”-Verriss von letzter Woche stellt Stefan Winterbauer auf “Meedia” die Frage, was von den jungen, auf Unterhaltung getrimmten Websites wie “Bento”, “Buzzfeed”, “Noizz”, “Watson” oder “Vice” zu halten sei. Winterbauer sieht sowohl Kritikpunkte als auch Lobenswertes und spricht sich fürs Differenzieren aus: “Womit manche Kritiker offenbar nicht klarkommen ist, dass in der Welt der reinen Digitalmedien beides nebeneinander existiert: das haarsträubend Banale und das werthaltig Intelligente.”

3. Welche Bilder soll die Tagesschau zeigen?
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
“ARD aktuell”-Chef Kai Gniffke legt im Blog der “Tagesschau” dar, wie schwierig die Dokumentation von menschlichem Leid sei. Konkreter Anlass sind Bilder von unterernährten Kindern, die in einem “Tagesthemen”-Bericht über die Hungersnot in Syrien zu sehen waren. Bilder, auf deren Ausstrahlung man seiner Meinung nach hätte verzichten sollen: “Für mein Gefühl (ich sage ausdrücklich Gefühl) war dieses Bild zu grausam. Heute wissen wir, dass das unterernährte Kind gestorben ist. Deshalb finde ich heute — und hinterher ist man immer schlauer — dass wir dieses Bild auch bei Facebook nicht hätten posten sollen.”

4. Medien-Oligopole im Griff der “Colonels”
(reporter-ohne-grenzen.de)
“Reporter ohne Grenzen” hat einen interessanten Hintergrundbericht über die brasilianische Medienlandschaft veröffentlicht. Dort hätten einige Großgrundbesitzer-Dynastien (die sogenannten “Colonels”) ihre Macht längst auch auf die Medien ausgeweitet. Dem Bericht liegt eine viermonatige Recherche im Rahmen des weltweiten Projekts “Media Ownership Monitor” von “Reporter ohne Grenzen” und der brasilianischen Nichtregierungsorganisation “Intervozes” zugrunde.

5. Hello, world: this is WikiTribune
(beta.wikitribune.com, Jimmy Wales)
“Hello, world” lauteten die ersten Worte von Jimmy Wales auf der von ihm im Jahr 2001 gegründeten Plattform “Wikipedia”. Sechzehn Jahre später folgt von Wales ein “Hello, world: this is WikiTribune”. In seinem Begrüßungspost erklärt er das neue Vorhaben: “My goals are pretty easy to understand, but grand in scope (more fun that way, eh?): to build a global, multilingual, high quality, neutral news service.”

6. “Techniker ist informiert”: Hinter der viralsten Tür Deutschlands steckt eine große Lüge
(motherboard.vice.com, Dennis Kogel)
Vor drei Jahren ging an der Uni Mainz eine Tür kaputt, was ungeahnte Folgen hatte: Der unscheinbarer Zettel mit der Botschaft “Defekt — Techniker ist informiert” löste eine Meme-Welle sondergleichen aus. Dennis Kogel hat dem Vorgang nochmal hinterher recherchiert und dabei einige interessante Dinge festgestellt.

Kontrolle für Gepiercte in großen Autos? “Bild” erfindet Politiker-Zitate

Ein Besuch bei der Jahreshauptversammlung des örtlichen Kegelvereins, den Taubenzüchtern des Nachbardorfes oder einer Fragerunde des CDU-Kreisverbandes ist sicher nicht die Aufgabe, die sich viele Journalisten wünschen. Es ist aber auch eine vergleichsweise simple Übung — hingehen, zuhören, aufschreiben, was so gesagt wurde. Doch selbst an solch einfachen Dingen scheitert “Bild” kläglich.

Am Montag berichteten Bild.de und die Leipzig-Ausgabe der “Bild”-Zeitung von einer Veranstaltung des Leipziger CDU-Kreisverbandes. Immerhin schaute dort Michael Kretschmer vorbei, der aktuell noch Generalsekretär des Sächsischen CDU-Landesverbandes ist und bald Ministerpräsident des Freistaats sein dürfte. Kretschmer hielt erst eine gut 20-minütige Rede und stellte sich in der anschließenden Aussprache den Fragen der anwesenden CDU-Mitglieder.

Für “Bild”-Autor Erik Trümper waren vor allem zwei Aussagen Kretschmers interessant. In der einen geht es um die Nutzung der Videoüberwachung auf Autobahnen. Trümper schreibt:

Und Kretschmer? Legte beim Thema Sicherheit gleich nochmal nach. So empfahl er die elektronische Videoüberwachung auf den Autobahnen Richtung Grenze: “Wenn ich da sehe, dass ein Gepiercter ein großes Auto fährt, dann ist das verdächtig und kann ihn kontrollieren.”

Um es direkt klarzustellen: Das hat Michael Kretschmer so nie gesagt — das Zitat ist eine Erfindung von “Bild”-Autor Erik Trümper. Die Aussage, die Trümper dem CDU-Mann in den Mund legt, ist natürlich so bescheuert, dass sie sich bestens für eine kleine Empörungsrunde eignet. “Focus Online” hat sie zum Beispiel aufgegriffen:

Screenshot Focus Online - Michael Kretschmer - Sachsens künftiger Ministerpräsident will Menschen mit Piercing kontrollieren lassen

Und auch Netzpolitik.org:

Screenshot Netzpolitik.org - Sachsens künftiger Ministerpräsident findet Menschen mit Piercing verdächtig

Sie alle beziehen sich auf “Bild” und Erik Trümper. Bei Netzpolitik.org haben sie inzwischen mitbekommen, dass das “Bild”-Zitat völlig falsch ist und ein “Update” veröffentlicht.

Tatsächlich sprach Michael Kretschmer in der Fragerunde über das Thema Innere Sicherheit und die Kfz-Kennzeichenerfassung auf Autobahnen. Er sagte:

Es gibt zwei Komponenten, über die wird relativ wenig gesprochen. Das eine sind die technischen Einsatzmittel. Da geht es auch gar nicht zuerst mal um die Autos, mit denen die Polizisten durch die Gegend fahren, sondern da geht es um die Funkgeräte, da geht es um die Frage der Tablets, da geht es um die Frage Kfz-Kennzeichenerfassung, also etwas, was ich jetzt auch vor Kurzem erstmal das erste Mal selber gesehen habe. Und wenn man das sieht, fällt man auch vom Glauben ab, warum das alles so ist. Derzeit wird das so praktiziert: An der Autobahn, wenn Sie jetzt nach Dresden fahren oder nach Berlin, steht da irgendwo in der Abfahrt ein Polizeifahrzeug, mit einem Fernglas, guckt: Wie ist das Kennzeichen von dem Auto?, guckt: Was ist das für eine Marke? Der zweite Kollege gibt das durch ans Revier, der checkt das und fragt, ob das Kfz-Kennzeichen zu dem Auto passt, ob der Halter er sein könnte …

In diesem Moment zeigte Kretschmer auf seinen Nebenmann Frank Tornau, der 42 Jahre alt ist, einen Anzug mit Krawatte und keine Piercings trug:

Screenshot des Mitschnitts von Michael Kretschmers Auftritt, in dem er auf seinen Nebenmann zeigt

… oder ob das irgendwie ein junger gepiercter Typ ist. Und wenn da irgendwie die Dinge nicht miteinander zusammenpassen, wird der Kollege rausgewunken. So. Das dauert. Das bindet Personalkraft. Das ist absolut ineffizient. Und wenn man dann sieht, dass es technische Lösungen gibt, die das vollkommen von alleine machen, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden, und wir es nur deswegen nicht einrichten, weil wir die rechtlichen Rahmen nicht haben, weil Leute sich hinter Datenschutz verstecken, dann muss man sagen: Das kann doch nicht sein.

Das kann man immer noch völlig bescheuert und höchst bedenklich finden. Aber Michael Kretschmer sagt an keiner Stelle, dass es verdächtig sei, wenn “ein Gepiercter ein großes Auto fährt” und dass man Gepiercte in großen Autos generell kontrollieren solle.

An einer zweiten Stelle desselben Artikels arbeitet “Bild”-Mitarbeiter Trümper ähnlich unsauber. Er behauptet, Kretschmer habe zu einer Vergewaltigung in der Leipziger Parkanlage Rosental eine “fragwürdige Idee” geäußert:

Kretschmer: “Wenn ich Oberbürgermeister wäre, würde ich nach einem solchen Überfall erst einmal Schneisen schlagen lassen. Damit sich Verbrecher dort nicht verstecken können.”

Die gut 120 Leipziger CDUler schwiegen peinlich berührt. Denn was sie — im Gegensatz zu Kretschmer — wissen: Das Rosental steht unter Naturschutz. Und mehr Polizeikräfte für Leipzig sind eventuell effektiver als Kettensägen …

Diese angebliche Aussage Kretschmers schaffte es als noch konkreteres Zitat sogar in die Überschrift der “Bild”-Zeitung …

Ausriss Bild-Zeitung - Wenn ich OB wäre, ließe ich Schneisen durchs Rosental schlage

… und in paraphrasierter Form in die Bild.de-Schlagzeile:

Screenshot Bild.de - Fast-Ministerpräsident in Leipzig - Kretschmer würde Schneisen durchs Rosental schlagen damit sich Verbrecher nicht mehr verstecken können

Allerdings hat Michael Kretschmer bei seinem Auftritt in Leipzig nicht explizit von “Schneisen durchs Rosental” gesprochen, sondern von “anderen Orten”:

Und wenn Sie in anderen Orten sind, wo so etwas Schlimmes wie so eine Vergewaltigung wie hier gerade auch passiert ist, dann würden Ihnen die Bürgermeister sagen: “Das Erste, was wir machen, ist, erstmal Sichtachsen zu schneiden, schauen, dass man sich da nicht verstecken kann.”

Auch das “peinlich berührte” Schweigen, das Trümper beobachtete haben will, geht aus dem Videomitschnitt nicht hervor. Die Zuhörer sind in der Situation genauso leise wie in den Minuten davor und danach, während Michael Kretschmer spricht.

Weil wir Zweifel haben, dass bei den “Bild”-Medien überhaupt irgendetwas ankommt, an dieser Stelle ein Tipp für alle anderen Redaktionen: Schreibt nienienie einfach so und ungeprüft von “Bild” oder Bild.de ab.

Mit Dank an Jacob P. für den Hinweis!

Deniz-Yücel-Parlamentsanfrage, Polit-Podcasts, Fakes aus Krisenregionen

1. Türkische Opposition stellt Parlamentsanfrage wegen Deniz Yücel
(welt.de)
Mehr als sieben Monaten befindet sich der Journalist und “Welt”-Korrespondent Deniz Yücel schon in Einzelhaft. Nun hat ein Abgeordneter der größten türkischen Oppositionspartei CHP im Parlament in Ankara eine kleine Anfrage gestellt, in der es u.a. heißt: “Warum wird gegen den Journalisten Deniz Yücel keine Anklageschrift erstellt, obwohl er vor rund neun Monaten in Polizeihaft genommen wurde? Warum wird Deniz Yücel in Isolationshaft gehalten und ihm eine gemeinsame Unterbringung mit anderen Gefangenen nicht gestattet?”

2. Aufs Ohr gelegt
(taz.de, Anne Fromm)
Podcasts sind weiter auf dem Vormarsch, ob Unterhaltungsformate oder solche zur Politik, wie sie jüngst von “Spiegel Online”, “Zeit Online” und “Deutschlandfunk” gestartet wurden. “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm hat sich einen Monat angehört, was in diesem Themenumfeld von den drei genannten Medien derzeit geboten wird. (Anmerkung des “6vor9”-Kurators: Wer sich für Politik interessiert, könnte auch bei unabhängigen Formaten fündig werden wie z.B. dem “Aufwachen”-Podcast oder der “Lage der Nation”.)

3. Fakes aus Krisenregionen
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Für Medien ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob Bild- oder Videomaterial gefälscht ist. Im Beitrag des “Deutschlandfunks” geht es darum, wie das “News Lab” des Schweizer Fernsehens und das ARD-Studio Kairo mit dieser Herausforderung umgehen. Die Verifizierung von Bildern kann, trotz einschlägiger Tools, eine aufwändige Sisyphusarbeit sein, weiß ARD-Reporter Volker Schwenck in Kairo. Bei unklaren Fällen empfiehlt er zumindest den Hinweis, dass es sich um Bildmaterial aus fremden Quellen handelt. “Häufig ist die einfachste Form, dass man sagt: Die Bilder sollen dies und das sagen. Sie wurden im Internet verbreitet und könne nicht unabhängig verifiziert werden.”

4. Bietet Onlinern bessere Perspektiven!
(edito.ch, Tobias Bühlmann)
Im Schweizer Medienmagazin “Edito” erzählt Tobias Bühlmann von seinen langjährigen Erfahrungen in Online-Redaktionen. Er beklagt den schlechten Umgang der Medienhäuser mit ihren Onlinern. Diese stünden oft ganz unten in der Hackordnung, würden gering geschätzt und schlechter bezahlt. Er appelliert an die Chefs: “Hört euch um am Online-Desk, gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern dort mehr Raum. Mehr Zufriedenheit führt zu einem motivierten Team, und dies garantiert ein besseres Produkt. Was eignet sich mehr als Alleinstellungsmerkmal in einer Medienwelt, die sich immer mehr angleicht?”

5. Keine Angst vor der Wahrheit – auch nicht unter Erdogan
(spiegel.de, Maximilian Popp)
“Spiegel Online” berichtet über den türkischen Medienunternehmer Engin Önder und dessen Internetplattform für Bürgerjournalismus “140journos”. Obwohl in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch Mitte 2016 mehr als 150 Journalisten verhaftet und zahlreiche Medienhäuser geschlossen wurden, gibt es das alternative Medienprojekt immer noch. Was womöglich daran liege, dass Önder zwar heikle Themen anpacke, aber eine neutrale Sprache verwende und Kampfbegriffe meide.

6. Sandro Schwarz knöpft sich Journalisten vor
(swr.de, Benjamin Wüst)
Das passiert nicht oft: Ein Fußballtrainer, hier der des FSV Mainz 05, Sandro Schwarz, findet die Journalisten zu zahm und wünscht sich mehr Reibung und Diskussionen: “Auch wenn dann vielleicht mal eine patzige Antwort dabei ist, das kann natürlich sein. Aber ich will den Austausch. Ich bin bereit, die Wahrheit zu sagen.”

Die Sheriffs der “Bild”-Medien haben wieder auf Rechtsstaat gepfiffen

Am vergangenen Wochenende haben sich die Mitarbeiter der “Bild”-Medien mal wieder ihre Sheriffsterne an Hemden und Blusen gepinnt, sind auf Verbrecherjagd gegangen und auf rechtsstaatlichen Prinzipien rumgetrampelt.

Der Fall, den sie sich ausgesucht haben: ein Mord an einem zweijährigen Kind in Hamburg. Montag vergangener Woche soll der Vater des Kindes seine Tochter getötet haben und dann geflüchtet sein. Bewiesen ist noch nichts, es gibt allerdings Hinweise, dass der Mann diese schreckliche Tat begangen hat. Gestern wurde er in Spanien von der Polizei festgenommen.

Bereits wenige Stunden, nachdem der Tod des Kindes bekannt wurde, fragte die Bild.de-Redaktion ungeduldig:

Screenshot Bild.de - Warum fahndet die Polizei nicht öffentlich nach dem Killer?

Immerhin durfte eine Staatsanwältin im Artikel erklären:

Oberstaatsanwältin Nana Frombach zum Thema Öffentlichkeitsfahndung gegenüber BILD: “Wir führen noch andere Ermittlungen durch, daher liegen die Voraussetzungen für eine Öffentlichkeitsfahndung derzeit nicht vor. Die erste Voraussetzung ist dafür immer eine erhebliche Straftat, die zweite, dass es keine weiteren erfolgreichen Ermittlungsansätze gibt.”

Heißt: Die Ermittler gehen davon aus, Sohail A. zügig zu schnappen. Erst als letzte Maßnahme wird die Polizei mit einem Foto des Täters an die Öffentlichkeit gehen.

Am Wochenende reichte es den Redaktionen von Bild.de und “Bild am Sonntag” dann. Immer noch keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei — da mussten sie handeln. Am Samstagabend veröffentlichte Bild.de diesen Beitrag:

Screenshot Bild.de - Dringend gesucht - Das erste Foto des Kinder-Killers
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag von uns.)

Nur zur Erinnerung: Es gab zu diesem Zeitpunkt (und auch später) keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei. Es war noch nichts bewiesen. Es gab noch kein Geständnis. Die Bild.de-Mitarbeiter haben sich mit diesem Artikel nicht nur zu Polizisten gemacht, sondern gleich auch noch zu Richtern.

Dass es zu diesem Zeitpunkt keine offizielle Fahndung per Foto durch die Ermittlungsbehörden gibt, wissen die sechs Bild.de-Autoren ganz genau. Sie schreiben es schließlich selbst:

Noch immer gibt es keine offizielle Foto-Fahndung der Behörde, obwohl Sohail A. dringend tatverdächtig ist.

Eine Öffentlichkeitsfahndung ist für die Polizei das letzte Mittel, wenn alle anderen Ermittlungsansätze keinen Erfolg gebracht haben. Nana Frombach, Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft: “Es gibt noch Ermittlungsansätze.”

Nach BILD-Informationen sind Zielfahnder der Polizei dem Mann, der nach Deutschland 2011 als Flüchtling kam und schon längst hätte ausreisen müssen, sehr dicht auf den Fersen. Ermittler aus Deutschland und auch ausländische Dienste jagen den Killer unter Hochdruck.

Ermittler sollen den Mann “unter Hochdruck” jagen. Zielfahnder sollen ihm “dicht auf den Fersen” sein. Es soll noch immer “Ermittlungsansätze” geben. Und trotzdem entscheidet die Bild.de-Redaktion, sich einfach mal so über rechtsstaatliche Prinzipien hinwegzusetzen, etwa dass Richter oder Staatsanwälte eine Öffentlichkeitsfahndung anordnen müssen.

Einen Tag später zog die Redaktion der “Bild am Sonntag” nach. Auf der Titelseite und im Blatt präsentierte sie das Foto des Mannes wie ein Fahndungsplakat:

Ausrisse  Bild am Sonntag Titelseite - Kindermord in Hamburg - Die Polizei sucht diesen Mann
Ausrisse Bild am Sonntag Innenteil - Kindermord in Hamburg - Die Polizei sucht diesen Mann

Gestern dann die Nachricht, dass der Gesuchte in Spanien gefasst wurde. Es geht keine Gefahr mehr von ihm aus. “Bild” und Bild.de zeigen sein Foto heute dennoch bei mehreren Gelegenheiten ohne irgendeine Unkenntlichmachung — genauso wie ein Bild des getöteten Kindes:

Ausriss Bild Titelseite - So fassten sie den Kinder-Mörder
Ausriss Bild Innenteil - Fahnder fassten Killer in Spanien
Screenshot Bild.de - So fassten sie den Kinder-Mörder
Screenshot Bild.de - Im Video - Hier führt die Polizei den Kinder-Killer ab

Mit Dank an Daniel K., Frank H., Musti und @postillleaks für die Hinweise!

Julian Reichelt erklärt Deutschland zum reichsten Land der Welt

Hätte Julian Reichelt nicht diese große Macht, wäre seine Show ja eigentlich ganz amüsant. Hier mal populistisch poltern, da mal Fakten komplett falsch darstellen, zwischendurch mittelmäßige Witze. Man muss sich das aber immer wieder klarmachen: Reichelt hat das letzte Sagen bei Bild.de, wo er selbst Chefredakteur ist, bei der “Bild”-Zeitung, bei “Bild am Sonntag” und bei der “B.Z.”, wo er den Chefredakteurinnen Tanit Koch, Marion Horn und Miriam Krekel noch mal vorgesetzt ist. Und wenn man das realisiert hat, ist zum Beispiel seine Faktenfremdheit alles andere als amüsant.

Am Samstag hatte Julian Reichelt zum Aus von “Air Berlin” und dem großen Spektakel um den letzten Berlin-Flug der Airline mal wieder so viele Gedanken, dass sie nur in zwei Tweets passten:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Irgendwie symptomatisch, dass sich in Berlin solch spektakuläre Momente aufgrund einer Pleite zutragen. Tempelhof zu, BER eine Bauruine, Airberlin bankrott. Die Hauptstadt des reichsten Landes der Welt hat es geschafft, sich bei der Luftfahrt zu deindustrialisieren.

Irgendwie symptomatisch, dass sich da gleich mehrere Fragen stellen.

Zum Beispiel: Was hat der Bankrott von “Air Berlin” mit einer Deindustrialisierung der Luftfahrt zu tun?

Wir würden sagen: nichts, es handelt sich schließlich nicht um Industrie, sondern um ein Dienstleistungsunternehmen.

Und seit wann ist Deutschland das “reichste Land der Welt”?

Es gibt eine Reihe verschiedener Möglichkeit, den Reichtum eines Landes zu messen. Nach dem nominalen Bruttoinlandsprodukt liegen die USA auf Platz eins, nach dem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt ist es China, beim nominalen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt Luxemburg vorn, beim kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist es Katar, beim Privatvermögen sind es laut “Allianz”-Studie dann wieder mal die USA, laut “Credit Suisse” die Schweizer, und beim Wohlstandsindex einer Denkfabrik liegt Neuseeland ganz vorne. Deutschland ist zwar oft weit oben mit dabei, aber nie “das reichste Land der Welt”, wie Julian Reichelt behauptet.

Dass ein “Vorsitzender der Chefredaktionen” seinen Mitarbeitern ein solches Desinteresse an korrekten Fakten vorlebt, ist wirklich alles andere als amüsant.

Böhmermanns “Bento”-Verriss, “Bild”-Populismus, ESC-Verfahren

1. Bento – 69 Gründe für den Tod des Qualitätsjournalismus
(youtube.com, Neo Magazin Royale, Video, 20:55 Minuten)
Jan Böhmermann hat sich in einem zwanzigminütigen Video-Rant den “Spiegel”-Ableger “Bento” vorgeknöpft. Seine Hauptkritik: Das Jugendmagazin setze auf allzu banale Inhalte und verwende zweifelhafte Werbeformen (“Native Advertising”). “taz”-Medienredakteurin Anne Fromm findet Böhmermanns “Bento”-Verriss schief und stört sich am moralischen Zeigefinger. Statt bei der berechtigten Kritik an “Bento” zu bleiben, schwinge sich Böhmermann mittels allerlei Döpfner-Zitaten zum Retter des Journalismus auf.
Weiterer Lesetipp: Nollendorfblogger und BILDblog-Kolumnist Johannes Kram hat eine Verteidigungsrede verfasst, vornehmlich aus queerer Sicht: “Bento ist kein schlechter Journalismus. Im Gegenteil!”

2. „Bild“-Populismus zum Mitmachen
(taz.de, David Gutensohn)
Vor einiger Zeit schlagzeilte “Bild” noch: “Deutschland setzt ein Zeichen: Flüchtlinge willkommen” und verteilte als Teil der “großen Hilfsaktion von BILD” bundesweit “refugeeswelcome”-Aufkleber. Das Blatt hat sich mittlerweile gewendet. Gegenwärtig sollen die Leser sogar mittels Online-Petition für mehr Abschiebungen mobilisiert werden. Einem Vertreter der Organisation “ProAsyl” bereitet dieser Wandel “zurück zur Stimmungsmache” Sorgen. Er konstatiert: “Mal wieder konstruiert die Bild-Zeitung ein Vollzugsdefizit, das so nicht existiert”.

3. Peinliche Posse um Rainer Wendt
(fr.de, Danijel Majic)
Der umstrittene Chef der Polizeigewerkschaft “DPolG”, Rainer Wendt, wurde zunächst zu einem Vortrag an der Frankfurter Goethe-Uni ein- und dann wieder ausgeladen. Konservative Kreise sahen ob dieser Absage die Meinungsfreiheit in Gefahr. Danijel Majic ist anderer Meinung: “Wendt, der Deutschland nicht mehr als “Rechtsstaat” sieht und wenig auf Fakten gibt, wenn es gegen Migranten oder Politiker links der CSU geht, und seine unfundierten Ansichten regelmäßig in Fernsehkameras plärren darf, ist wahrlich der letzte Mensch, der sich über einen Mangel an “Podien” beklagen kann. Die Peinlichkeit der Posse um seinen Auftritt besteht nicht in seiner Aus-, sondern seiner Einladung.”

4. Hundert Köpfe für ein Halleluja
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Der NDR hat mal wieder das Verfahren für die Auswahl des “Eurovision Song Contest”-Kandidaten geändert. Die Kandidatenkür soll nun gemeinsam von Datenexperten, einem 100-köpfigen “Europa-Panel” und einer internationalen Jury durchgeführt werden. Hans Hoff ahnt die Beweggründe für das komplizierte Procedere: “Wenn es schief geht, sind ganz viele schuld.”

5. DW-Interview: Türkische Presse verfälscht Aussagen von MdB Ulla Schmidt
(dw.com, Berthold Stevens)
Die Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt (SPD) hat sich in einem Interview mit der “Deutschen Welle” kritisch zu den Entwicklungen in der Türkei geäußert: Ein Großteil der Bevölkerung in der Türkei stimme Erdogans Politik nicht zu. Das Referendum zur Verfassungsreform habe laut internationalen Beobachtern nicht ohne Manipulation stattgefunden. Türkische Tageszeitungen wie die “Star” haben Schmidts Aussagen verfälscht wiedergegeben und Teile hinzugedichtet. So wird ihr die Aussage untergeschoben, die NATO solle in der Türkei intervenieren.

6. Neues vom Symbolbildbeauftragten: Woran man Telefonbetrüger erkennt
(noemix.twoday.net)
Immer wieder müssen Redaktionen Meldungen über betrügerische Anrufer illustrieren, die sich am Telefon als Polizisten ausgeben. Wie der “Nömix-Symbolbildbeauftragte” herausgefunden hat, gelingt dies mal wenig und mal weniger …

Kachelmann-Freispruch-Verurteilung, Mafia-Buch, Veganer-Inszenierung

1. Jörg Kachelmann: Verurteilt trotz Freispruch
(Panorama, Robert Bongen & Fabienne Hurst, Video, 14:25 Minuten)
Der Fall Kachelmann ist ein großes Versagen von Justiz und Medien. Obwohl Deutschlands berühmtester und renommierter Wettermoderator unschuldig ist, verliert er seinen Job bei den Öffentlich-Rechtlichen, sein Geld, seine Reputation. Er bleibt bei vielen “verurteilt, trotz Freispruch”. “Panorama” hat den Fall aufgegriffen und in einem Filmbeitrag kritisch aufgearbeitet.
Weiterer Lesetipp: Filmautorin Fabienne Hurst auf “Zeit Online”: Unschuldig und doch verurteilt.

2. “Gehörn S’ jetzt zua Mafia oda ned?”
(taz.de, Lisa Ecke)
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat entschieden: In Petra Reskis Mafia-Buch müssen Teile geschwärzt werden. Der EGMR gab einem italienischen Gastronomen recht, der sein Persönlichkeitsrecht verletzt sah, weil er darin mit der organisierten Kriminalität in Verbindung gebracht wurde. Die “taz” hat mit der Autorin über die Auswirkungen des Urteils gesprochen: “Dieser widersinnige Umgang mit Verdachtsberichterstattung betrifft allerdings nicht nur mich, sondern praktisch jeden, der auf die unglückselige Idee kommt, über die Mafia in Deutschland zu berichten.”

3. Preisverfall in der Bildbranche – Die Untergrenze der Angemessenheit?
(message-online.com, Chantal Alexandra Pilsl)
Laut Marktbeobachtungen des “Bundesverbands professioneller Bildanbieter” geht es mit den Bildhonoraren beständig abwärts. Chantal Alexandra Pilsl hat sich in der Branche umgehört, wie sich der Preisverfall auf Agenturen und Fotografen auswirkt und ob die Abwärtsspirale aufzuhalten ist. In mehrfacher Hinsicht lesenswert, denn es geht dabei auch um konkrete Zahlen.

4. Das Sexismus-Problem des “Spiegel”
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
In seiner “Medienmacher”-Kolumne kritisiert Kai-Hinrich Renner den “Spiegel”. Das Nachrichtenmagazin thematisiere “Macht und Missbrauch”, eiere aber herum, wenn es um Übergriffe im eigenen Haus geht. Im Zuge des Weinstein-Skandals seien sexuelle Übergriffe und Sexismus in dieser Woche Titelthema beim “Spiegel”. Die Geschichte des eigenen Hauses hätte man jedoch schamhaft verschwiegen. Renner bezieht sich auch auf die Erinnerungen von Irma Nelles in ihrem Buch “Der Herausgeber” über Rudolf Augstein, in dem sie von Übergriffen des Magazingründers berichtet hatte.

5. Zeitung will Journalisten mit Waffen ausstatten
(spiegel.de)
Gleichzeitig erschütternde und traurige Nachrichten aus Russland: Die russische Oppositionszeitung “Nowaja Gaseta” sieht keinen anderen Weg, als in Zukunft ihre Mitarbeiter mit Waffen auszustatten. “Wenn der Staat nicht bereit ist, uns zu verteidigen, werden wir uns selbst verteidigen”, sagt der stellvertretende Chefredakteur Sergej Sokolow. Hintergrund ist die gestiegene Angst vor Attacken auf Journalisten im Land wie der jüngste Anschlag auf eine Journalistin des kremlkritischen Radiosenders “Echo Moskwy”.

6. Attila Hildmanns öffentliches Burger-Essen war das absurdeste Werbe-Event des Jahres
(vice.com, Tim Geyer)
Wie ein “BDSM-Sklave, der seiner Herrin auf der Venus den Absatz leckt” fühlte sich Tim Geyer bei einem Presse-Event der etwas anderen Art: Attila Hildmann hatte in seinen veganen Imbiss geladen und etwa 30 Journalisten waren dieser Einladung gefolgt. Als Besucher der Veranstaltung wird der Reporter automatisch Teil der Dramaturgie. Burger werden an die Pressemeute verteilt und alle scheinen sich gegenseitig abzulichten: “Als ich reinbeiße, werde ich von ungefähr zehn Kameras auf Facebook gestreamt. Eine RTL-Journalistin hält mir ihr Mikrofon ins Mampfgesicht und fragt, wie es schmeckt, fast so, als interessiere sie das wirklich.”

Peter Steudtner, Bullshit von “Burda”, Sean Penn in Angst

1. “Ein Sieg für uns alle”
(spiegel.de, Maximilian Popp)
Der Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner, der mehr als 100 Tage in der Türkei in Untersuchungshaft saß, darf völlig überraschend das Gefängnis verlassen. Der gerade erst gestartete Prozeß gegen ihn und neun seiner Kolleginnen und Kollegen geht zwar weiter, Steudtner darf allerdings zurück nach Deutschland reisen — und will das auch möglichst schnell tun. Sein Anwalt Murat Deha Boduroglu hofft nun, dass sich die Entscheidung positiv auf andere Verfahren auswirkt, auch auf die gegen die Journalistin Mesale Tolu und den Journalisten Deniz Yücel.

2. Burdas Bullshit
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Bei den “Medientagen München” fragt Moderator Klaas Heufer-Umlauf den “Burda”-Vorstand Philipp Welte, ob er und sein Verlag nicht “‘einen Wettbewerbs-Vorteil zum Thema alternative facts'” hätten, schließlich sei “Burda” ja im Yellow-Press-Bereich aktiv. Welte, dessen Verlag mit Heften wie “Freizeit Revue” regelmäßig klassische “Fake News” druckt, philosophiert in seiner Antwort über Wirklichkeit und Wahrheit rum und warnt vor der Gefahr von “Fake News”. “Und am Ende bekommt er für seine verlogene Sonntagsrede auch noch Applaus, anstatt aus dem Saal gelacht zu werden”, kommentiert Stefan Niggemeier.

3. Bei Fake News sind die Schulen hilflos
(de.ejo-online.eu, Stephan Russ-Mohl)
Stephan Russ-Mohl über eine Studie zur “Nachrichtenkompetenz an Schulen”: “Spannend und verstörend ist nicht zuletzt, dass nur drei Prozent der Lehrpläne Aussagen zu den sozialen Netzwerken enthalten: Facebook und Twitter sind also als Nachrichtenmedien in den Unterrichtsvorgaben derzeit noch inexistent.”

4. Wie YouTube die Jugendkultur revolutioniert
(ndr.de, Sebastian Meineck, Audio, 28:35 Minuten)
“Wer die Jugendkultur von heute verstehen will, muss YouTube verstehen”, sagt eine Stimme, noch bevor das Radiofeature von Sebastian Meineck losgeht. Er hat mit aktuellen und ehemaligen Youtubern gesprochen, mit Youtube-Kritikern und Youtube-Werbe-Experten. Anhören und zumindest etwas “die Jugendkultur von heute verstehen”.

5. Sean Penn fürchtet um sein Leben – wegen einer Doku
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Eigentlich sei die dreiteilige “Netflix”-Dokumentation “The Day I Met El Chapo” ein “unfassbar ödes und unfassbar selbstverliebtes Selbstporträt” von Schauspielerin Kate del Castillo, schreibt Jürgen Schmieder. Durch die Rolle, die Schauspieler Sean Penn in der Doku abbekommt, wird es allerdings doch ganz interessant. Denn Penn fürchtet nun, dass der Dreiteiler vermitteln könnte, er sei an der Verhaftung von Drogenboss “El Chapo” aktiv beteiligt gewesen. Sein Anwalt hat die “Netflix”-Bosse auf jeden Fall schon mal gewarnt, dass Blut an ihren Händen kleben werde, “‘sollte dieser Film zu körperlichem Unheil führen.'”

6. Wenn Rechte als Helden auftreten
(taz.de, Silke Burmester)
In der “Tatort”-Folge “Auge um Auge”, die am 12. November im Fernsehen zu sehen sein wird, für Journalisten aber schon vorab abrufbar war, treten in einer Szene fünf Männer als heldenhafte Retter auf. Aufnäher auf ihren Jacken lassen sie ziemlich eindeutig der rechten Szene zuordnen. Rechtsextreme als Helden? “Wie konnte das durchrutschen?”, hat Silke Burmester beim verantwortlichen MDR nachgefragt und eine interessante Antwort bekommen. Bis zur Ausstrahlung der “Tatort”-Folge sollen die Aufnäher übrigens noch digital verschwinden.

So kein Reinfall!

Früher, als noch nicht ganz so viel passierte, war Lokaljournalismus ein überschaubares Geschäft. Hin und wieder wurde ein Scheck übergeben, der Bürgermeister gab einen neuen Radweg frei, oder eine Delegation aus der Partnerstadt kam zu Besuch. Aber natürlich war nicht immer alles nur harmonisch. Manchmal platzte am frühen Nachmittag eine Polizeimeldung hinein in die redaktionelle Idylle. Dann hatte zum Beispiel ein Trickbetrüger an der Haustür eine alte Frau überrumpelt. An diesen Tagen waren selbst die Redakteure erschüttert. Dann erschienen Meldungen wie diese:

Betrüger zockt ahnungslose Seniorin ab

Und wenn die Betrüger, obwohl Umgangsformen damals noch eine sehr große Rolle spielten, nicht zuvorkommend waren, sondern — ja, das kam vor — ausgesprochen dreist, zögerten die Redakteure natürlich nicht, auch das zu erwähnen:

Dreiste Betrüger zocken Oma ab
Dreiste Trickbetrüger beklauen Senioren in Duisburg-Hochfeld
Dreister Dieb beklaut Seniorin mit fieser Masche

In vielen Redaktionen ging das über Jahre so, aber dann muss etwas passiert sein, das mit einem Mal alles veränderte.

Möglicherweise hatte sich in der Branche herumgesprochen, dass mit der immer größer werdenden Zahl an alten Menschen ein neuer Markt entstanden war, der deutlich attraktivere Ertragschancen bot als die klassischen Segmente Einbruch und Taschendiebstahl.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Viele Menschen in diesen Gewerben sattelten um. In einigen größeren Städten gab es bald mehr Trickbetrüger als Grundschullehrer. Und natürlich, das hatte auch Vorteile. Die alten Menschen mussten tagsüber nicht mehr alleine sein: Die Enkeltrick-Betrüger meldeten sich oft schon frühmorgens. In den Nachmittagsstunden klingelte der Mann mit dem gefälschten Stadtwerke-Ausweis.

Der große Nachteil war: Sie alle hatten Erfolg. Die Geldverstecke der Senioren ließen sich leichter plündern als ein offener Tresor in der Fußgängerzone. Und so ergab sich bald auch ein Problem für die Journalisten: Keine Redaktion konnte Tag für Tag seitenweise Meldungen veröffentlichen, in denen es einzig und allein darum ging, wie Betrüger und dreiste Diebe alte Menschen mit großer Leichtigkeit um ihr Vermögen brachten. Andererseits konnte kaum eine dünn besetzte Redaktion komplett auf diese Nachrichten verzichten.

Kein triviales Problem. Aber man fand eine Lösung.

Journalisten berichten über außergewöhnliche Ereignisse, nicht über gewöhnliche. Warum sollte man also nicht auch in diesem Fall so vorgehen? Dass ältere Menschen an der Haustür ausgeplündert oder per Telefon erleichtert wurden, war inzwischen der tägliche Normalfall. Ein ganzer Tag ohne überrumpelte Senioren oder ein erfolgloser Versuch — das wäre eine Meldung gewesen!

So fand man einen neuen Ansatz, der das Problem immerhin vorübergehend löste:

Seniorin des Tages - 89-Jährige fällt nicht auf Enkeltrickbetrügerin herein
83-jährige Heidelbergin fällt nicht auf angeblichen Polizeibeamten herein
72-Jähriger fällt nicht auf betrügerisches Gewinnspiel herein

Die Praxis setzte sich schnell durch. Mit der weiter steigenden Zahl an Betrugsfällen gingen immer mehr Redaktionen dazu über. Generell wurde nur noch dann berichtet, wenn die Ausführung misslungen war.

Apothekerin fällt nicht auf Wechselfallenbetrug herein
21-Jährige fällt nicht auf falschen Polizisten herein
Mann fällt nicht auf Gewinnmasche herein

Die Betrugswelle hatte mittlerweile so große Ausmaße erreicht, dass sich kaum noch die Möglichkeit bot, über Einzelfälle zu berichten. Besonders dramatisch war dieser Fall:

Die falsche Polizei ruft an: 20 Münsteraner fallen nicht rein

Lediglich 20 Münsteraner fielen nicht herein. Alle anderen schon?

Die Polizei wurde immer machtloser. In einigen Fällen geriet sie sogar selbst ins Visier der Betrüger und dreisten Diebe. Die Bevölkerung mutmaßte: Wenn auch hier nur über die gescheiterten Versuche berichtet wurde, musste die Zahl der geglückten Fälle gewaltig sein.

Polizei fällt nicht auf Trick herein

Der damit einhergehende Vertrauensverlust in die Polizei zwang auch die Betrüger zum Handeln. Wenn sie weiterhin Erfolg haben wollten, konnten sie in dieser Situation unmöglich, wie bisher, vorgeben, Polizisten zu sein.

Betrüger geben sich am Telefon als falsche Polizisten aus
Bühlerin fällt nicht auf falschen Sicherheitsberater herein

Immer öfter scheiterten sie, schließlich sogar in Bremen-Nord.

Falsche Polizisten scheitern in Bremen-Nord

Jeden Tag las man nun solche Meldungen:

Polizei Hagen - Ältere Dame fällt nicht auf Trick herein

In den Redaktionen ergab sich wieder das gleiche Problem, das man mit der Hinwendung zu den gescheiterten Fällen schon gelöst geglaubt hatte. Täglich häuften sich die Meldungen von erfolglos verlaufenen Enkeltrick-Anrufen, entlarvten falschen Polizisten und furchtlosen Rentnern, die Diebe in die Flucht geschlagen hatten. Wer sollte all das veröffentlichen?

Die Meldungsbeine platzten aus allen Nähten. Große Ratlosigkeit. Dann passierte etwas Unerwartetes, die Geschichte nahm eine überraschende Wendung. Und so löste sich ein weiteres Mal auch für die Journalisten das Problem:

Enkeltrick mal umgekehrt: Seniorin trickst Betrüger aus
Wie Oma Inge die Trickbetrüger-Mafia reinlegte
72-Jährige trickst Trickdiebe aus - und kopiert gefälschten Ausweis

Deniz Yücel, Angst-Studie, Ludwig-Schwindel

1. “Der Fall Yücel sollte kein Politikum sein”
(welt.de, Daniel-Dylan Böhmer)
“Welt”-Korrespondent Deniz Yücel sitzt nun seit mehr als 250 Tagen im Gefängnis. Eine Anklageschrift gibt es noch immer nicht. Daniel-Dylan Böhmer hat mit Yücels Anwalt Veysel Ok gesprochen, der seinen Mandanten regelmäßig besucht und der durchaus Hoffnung hat, dass der Fall Yücel noch juristisch zu lösen ist. Am Ende des Interviews gibt es alle nötigen Informationen, wie man Deniz Yücel einen Brief zukommen lassen kann — auf Deutsch oder auf Türkisch.

2. Der Preis der Anna-Lena Schnabel
(3sat.de, Jan Bäumer, Video, 44:56 Minuten)
Anna-Lena Schnabel hat einen Preis bekommen, den “Echo Jazz”, weil sie hervorragend Saxophon spielt. Bei der Preisverleihung durfte sie allerdings keines ihrer eigenen Stücke ihres Albums “Books, Bottles & Bamboo” spielen, für das sie die Newcomer-Auszeichnung bekommen hat. Die seien zu sperrig fürs Fernsehpublikum, das dann nur wegschalten würde, so die Befürchtung des NDR, der die Preisverleihung übertragen hat. Jan Bäumers 45-minütige sehenswerte Doku ist eigentlich ein Portrait über Anna-Lena Schnabel. Sie zeigt aber auch das hochpeinliche Vorgehen eines TV-Senders, wenn er mit Kultur in Berührung kommt. Bei “Zeit Online” ist eine Rezension zu Bäumers Film erschienen. Nachtrag, 13:28 Uhr: Thomas Schreiber, Unterhaltungschef des NDR, widerspricht der Darstellung von Anna-Lena Schnabel.

3. So hetzt ‘RT Deutsch’ seine Fans gegen einen Berliner Kritiker auf
(vice.com, Matern Boeselager)
Bei einer Demonstration gegen die AfD stellt sich ein junger Mann vor die Kamera von “RT Deutsch” und kritisiert auf Englisch den deutschen Ableger des russischen Staatssenders. Nach einem späteren Interview des Mannes mit der “Welt” veröffentlicht “RT Deutsch” in einem als “Satire” gekennzeichneten Beitrag den vollen Namen des Mannes, Fotos von ihm, seine angebliche Arbeitsadresse. Darauf folgen Drohungen und Beleidigungen. Matern Boeselager über “die Methode RT Deutsch”.

4. Wenn das Gericht dem Amt nicht traut
(taz.de, Christian Rath)
Ist die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt, wenn sich Autoren auf amtliche Berichte berufen? Ja und nein, hat der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) kürzlich entschieden. Es ging um ein 2008 erschienenes Buch der Mafia-Expertin Petra Reski, die darin einen Mann als “mutmaßliches Mitglied” der kalabrischen Mafia beschrieb. Reski stützte sich dabei auf zwei interne Berichte des Bundeskriminalamts (BKA). Wären die BKA-Berichte veröffentlicht worden, wäre laut EGMR alles in Ordnung. Da sie aber unveröffentlicht bleiben, hätte Petra Reski die dort enthaltenen Informationen weiter prüfen müssen, so das Gericht. Christian Rath schreibt zum Urteil: “Journalisten sollen also nicht ungeprüft Aussagen veröffentlichen, die der Staat (noch) nicht für veröffentlichungsfähig angesehen hat.”

5. Eine Studie, die Angst macht
(stefan-fries.com)
Die “R+V”-Versicherung veröffentlicht jedes Jahr die Ergebnisse ihrer “Langzeitstudie” zum Thema “Die Ängste der Deutschen”. Redaktionen im ganzen Land greifen diese gern auf. Stefan Fries sieht das kritisch, weil die Fragen der Studie einen engen Rahmen vorgäben, und an einer entscheidenden Stelle Transparenz fehle: “So bleibt am Ende die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz aller Transparenz, was die Erhebung der Umfrage angeht, diese bei den Ergebnissen fehlt. Was freilich Journalisten nicht daran hindert, die Ergebnisse und damit auch Werbung für die Versicherung in die Berichterstattung zu heben.”

6. Der Schwindel des Journalisten, dem Ludwig II. scheinbar sein Herz öffnete
(sueddeutsche.de, Hans Kratzer)
1886 war es eine Sensation, ein Scoop, als der Journalist Lew Vanderpoole im angesehenen “Lippincott’s Monthly Magazine” eine große Geschichte über Ludwig II. veröffentlichte. Vier Jahre zuvor soll er den bayerischen König getroffen haben — keinem Autor vor ihm und keinem nach ihm ist das gelungen. Aufgrund dieser Einzigartigkeit wird Vanderpooles Artikel noch heute häufig zitiert. Nun gibt es allerdings Zweifel an der Echtheit des Stücks. Süddeutsche.de berichtet über die Entdeckungen des Privatgelehrten Luc Roger, der sagt: “Vanderpooles Bericht über seine Audienz mit König Ludwig II. ist höchstwahrscheinlich ein Betrug.”

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