Suchergebnisse für ‘statistik’

“Bild” vs. Drosten, Polizeigewalt, Erlösmodelle für Journalismus

1. Warum Drosten die “Bild”-Zeitung so scharf angeht
(tagesspiegel.de, Tilman Schröter & Gloria Geyer)
Der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten ärgert sich über eine Anfrage der “Bild”-Zeitung, die er als tendenziös und unfair empfand. Noch dazu hatte man ihm zur Beantwortung der komplexen Fragestellung lediglich eine Antwortzeit von einer Stunde eingeräumt. In der Anfrage, die eher einer Konfrontation glich, hatte sich “Bild” auf verschiedene Wissenschaftler bezogen, von denen sich mehrere sofort von dieser Art der Berichterstattung distanzierten.
Weiterer Lesehinweis: Wissenschaftler distanzieren sich im Streit um Drosten-Studie von “Bild” (turi2.de, Benjamin Horbelt). Lesenswert ist auch das Interview von Alexander Kühn mit dem vermeintlichen “Bild”-Kronzeugen, dem deutschen Ökonomen Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca, USA, Statistik lehrt: “Drosten ist ein Gigant der Virologie. Ich habe von seiner Disziplin keine Ahnung, ich bin Statistiker. Als ich heute von dem ‘Bild’-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist.” (spiegel.de)
Und selbst altgedienten “Bild”-Recken wie Georg Streiter ist das Vorgehen seiner ehemaligen Kollegen unangenehm, wie auf Facebook zu lesen ist: “Selbst wenn man die nur als niederträchtig zu bezeichnenden ‘Recherche’-Methoden von Herrn Piatov ignoriert (darüber ist schon ausreichend geschrieben worden), bleibt festzustellen: Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt.”
Außerdem aus unserem Archiv: Wie die “Bild”-Redaktion mit schmutzigen Tricks versucht, Christian Drosten zu zerlegen.

2. Ein Spotify für Journalismus?
(message-online.com, Pauline Tillmann)
Medien erleben die Corona-Krise als eine höchst paradoxe Zeit: Einerseits sind sie als Informationslieferanten wertvoll wie noch nie und verzeichnen explodierende Online-Abrufe. Andererseits brechen die Anzeigeneinnahmen in dramatischer und existenzbedrohender Weise ein. Wie können Gegenstrategien aussehen? Könnten Spotify, Netflix und andere Streamingdienste Beispiele für neue Geschäftsmodelle sein? Was ist nötig, um die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus zu verbessern. Anhaltspunkte dafür können laut Pauline Tillmann Modelle wie die “Krautreporter”, das Schweizer Digitalmagazin “Republik” und der Abo-Abwickler Steady liefern (Offenlegung: Wir nutzen Steady als einen Weg, über den man uns unterstützen kann).

3. Jung & Live mit Bernhard Pörksen
(youtube.com, Tilo Jung & Hans Jessen, Video: 2:04:00 Stunden)
Zwei kurzweilige Stunden ohne überfrachtetes Medien-Blabla, sondern mit dem spürbaren Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen: Bei “Jung & live” war der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Besuch. In dem Gespräch mit Tilo Jung und Hans Jessen geht es um die mediale Wahrnehmung der Corona-Pandemie, die Kunst des Miteinander-Redens, Filter-Bubbles und Filter-Clashs sowie die große Gereiztheit in unserer Gesellschaft. Schön ist auch die Anekdote, wie Pörksen bei einer Talkshow-Teilnahme von einem anderen Talkshow-Gast “bestohlen” wurde.

Bildblog unterstuetzen

4. Netflix: Wer nicht glotzt, fliegt raus
(wuv.de)
Normalerweise freuen sich Unternehmen darüber, wenn zahlende Kundinnen und Kunden die Dienste nicht in Anspruch nehmen (bei Fitnessstudios scheint dies gar zum Geschäftsprinzip zu gehören). Nicht so beim Video-Streaming-Dienst Netflix: Dort wolle man inaktiven Nutzerinnen und Nutzern (oder genauer: Nicht-Nutzerinnen und -Nutzern) das Konto künftig automatisch kündigen. Dies betreffe jene, die ihr Konto seit zwei Jahren nicht mehr genutzt haben oder die ein Jahr nach ihrer Anmeldung nicht in Erscheinung getreten sind. Die Zahl dieser Fälle sei höher als man erwartet: Die Rede ist von mehr als 900.000 Konten.

5. Böse Überraschungen
(taz.de, Lotta Laoire)
Die Kamera-Assistentin Lea R. ist nach eigenen Angaben ein Opfer von Polizeigewalt geworden. Ein Polizist habe ihr am 1. Mai in Berlin mit voller Absicht ins Gesicht geschlagen, während ihr Team eine Festnahme aufgenommen habe. Die medizinischen Folgen für die 22-Jährige seien gravierend. Derzeit sei unklar, ob ihre abgebrochenen Schneidezähne überhaupt repariert werden können. Die Ermittlung des Täters in den Polizeireihen gestalte sich, wie oft bei derartigen Fällen, als schwierig bis unmöglich. Laut einer Studie komme es nur in rund zwei Prozent der Fälle von Polizeigewalt zu Gerichtsverfahren.

6. Pixel-Nacktbilder und SMS-Chats: Der Teletext wird 40
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Man mag es kaum glauben, aber Teletext wird auch 40 Jahre nach seiner Erstausstrahlung immer noch fleißig aufgerufen. Die Rede ist von mehr als zehn Millionen täglichen Nutzerinnen und Nutzern. Matthias Schwarzer lässt die vergangenen 40 Jahre Revue passieren und versucht die Frage zu beantworten, warum der Dienst bei vielen Menschen immer noch so beliebt ist — jenseits des nostalgischen Retrocharmes.

Weißt du noch, im letzten Jahr?

Bild.de berichtete gestern:

Screenshot Bild.de - Putins Corona-Krise - Russland und USA Seuchen-Hotspots der Welt - Mai-Partys mit Grillen und Trinken - Hat Präsident Putin Fehler gemacht?

Tatsächlich sind laut Statistik der Johns Hopkins University die USA (etwa 1,4 Millionen gemeldete Fälle) und Russland (etwa 252.000) aktuell die Länder mit den meisten gemeldeten Covid-19-Fällen weltweit (wobei solche Rankings, als ginge es um den Medaillenspiegel bei den Olympischen Spielen, mit Vorsicht zu betrachten sind — wer viel testet, findet auch viel, und wer kaum testest, findet kaum was; dazu kommt, dass die Zahl der Infizierten nicht automatisch etwas darüber aussagt, wie dramatisch die Lage im jeweiligen Land ist). Im Bild.de-Artikel geht es dann allerdings nur um die Situation in Russland, die USA und die dortigen Probleme werden nicht weiter erwähnt.

Als Aufmacherfoto für den Beitrag wählte die “Bild”-Redaktion eine Aufnahme, auf die man eigentlich nur reagieren kann mit: Na, kein Wunder, dass in Russland so viele infiziert sind.

Screenshot Bild.de - die bereits zitierte Überschrift und dazu ein Foto, das sehr viele Menschen auf einem Haufen bei einer Feierlichkeit. In der Bildunterschrift steht: Russland am Tag des Siegen: Tausende drängen sich bei den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai auf Moskaus Straßen

Das Foto entstand allerdings nicht vor fünf Tagen, “bei den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs”, sondern bereits vor einem Jahr, bei den Feierlichkeiten zum 74. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. In diesem Jahr gab es wegen der Corona-Pandemie keine vergleichbaren Veranstaltungen und Paraden in Moskau.

Bildblog unterstuetzen

Die “Bild”-Redaktion hat das Foto inzwischen gegen ein anderes ausgetauscht. Einen Hinweis auf den Fehler, im Sinne der Transparenz, hat sie dem Artikel nicht hinzugefügt.

Mit Dank an Konni K., Mike C. und @airporttourist für die Hinweise!

Nachtrag, 16:46 Uhr: Die Onlineredaktion des “Bild”-Schwesternblatts “B.Z.” hat dasselbe Foto mit derselben Bildunterschrift veröffentlicht. Dort ist das alles noch online.

Neue Fakten der “Storymachine”, Was für ein Aufzug, Sonja Zietlow

1. Streeck, Laschet, StoryMachine: Schnelle Daten, pünktlich geliefert
(riffreporter.de, Christian Schwägerl & Joachim Budde)
Die “Riffreporter” haben in einem längeren Lesestück die Vorgänge um das sogenannte “Heinsberg Protokoll” rekonstruiert. Eine lesenswerte Chronologie und Analyse mit erschreckenden Erkenntnissen: “Es ist Laschet, Streeck und StoryMachine gelungen, in der politischen Themen- und Prioritätensetzung neue Fakten zu schaffen und Aufmerksamkeit vom Lockdown auf den Exit umzulenken. Doch das PR-Bündnis hat einen Preis: Die Kritik an der Seriosität des Vorgehens.”

2. Traue keiner Statistik, …?
(spiegel.de, Marcel Pauly & Patrick Stotz)
Die Berichterstattung über das Coronavirus basiert häufig auf Zahlen. Doch welche Datenquellen und welche Messgrößen werden verwendet? Der “Spiegel” erklärt, woher die Daten kommen, wie aussagekräftig die Infiziertenzahlen sind, welche Kennzahlen für die Ländertabelle verwendet werden, und beantwortet weitere Fragen zum Umgang mit den Covid-19-Zahlen.

3. Was machen all diese Politiker in einem Aufzug?
(hessenschau.de)
Im ganzen Land heißt es Abstand halten, aber ausgerechnet die, die es besser wissen müssten, quetschen sich in einen proppenvollen Aufzug. Mit dabei: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Kanzleramtsminister Helge Braun, Ministerpräsident Volker Bouffier, Regierungssprecher Michael Bußer (alle CDU) und Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne), dazu noch mindestens sechs weitere Personen. Das Foto der irren Szene sorgte in den Sozialen Medien für allerlei Gesprächsstoff: von kritischen Anmerkungen bis hin zu spöttischen und lakonischen Bemerkungen.

4. Susanne Gaschke fragt sich, ob Corona der neue Hitler ist
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
Gefallen sich die Deutschen tatsächlich “in 150-prozentigem Corona-Gehorsam”, wie von Susanne Gaschke in der “NZZ” behauptet? Jürn Kruse hat sich den Artikel absatzweise vorgenommen und die darin enthaltenen Vorwürfe und Unterstellungen (“Totalitarismus”, “Ermächtigungsgesetz”, “Unterwerfung”) seziert.

5. Forum Recht, Ausgabe “Don’t @ me” (1/2020)
(forum-recht-online.de)
“Forum Recht” ist ein rechtspolitisches Magazin, das vom Bundesarbeitskreis kritischer Juragruppen sowie einem Trägerverein herausgegeben und vor allem von Studierenden, Referendarinnen und Referendaren gefüllt wird. Die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Thema Social Media: Wie agieren Menschen und staatliche Akteure in den Sozialen Medien? Und wie kann das Recht darauf reagieren? Das Heft steht jetzt zur freien Online-Lektüre bereit.

6. Sonja Zietlow irritiert mit Facebook-Posts zum Coronavirus
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
In den vergangenen Tagen postete die prominente RTL-Moderatorin Sonja Zietlow (“Dschungelcamp”) allerlei Seltsamkeiten auf ihrem verifizierten Facebook-Kanal und lockte damit Verschwörungstheoretiker der unterschiedlichsten Couleur an. Am Ostersonntag veröffentlichte sie eine Liste mit Personen aus Medizin und Forschung, die ihrer Auffassung nach in der Gesellschaft als “Verschwörungstheoretiker” gelten würden. Das Problem: Viele davon hatten tatsächlich fragwürdige oder gänzlich widerlegte Aussagen über das Coronavirus verbreitet. “Wer nicht als Verschwörungstheoretiker gilt”, so Zietlow weiter in ihrem Post: “Prof. Dorsten (!), Lothar Wieler RKI, Bill Gates, Spahn.” Der Spuk scheint jedoch beendet, zumindest vorerst: Zietlows Facebookseite ist seit gestern Abend nicht mehr erreichbar.

Corona und die Medien, Falsche Sat.1-Polizistinnen, Der schwarze Kanal

1. Pandemie veranschaulicht Lücke
(taz.de, Said Rezek)
Anlässlich der vielen herumschwirrenden “Fake News”, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zum Coronavirus plädiert Said Rezek für die Vermittlung von mehr Medienkompetenz. Das mache “zwar niemanden gegen das Coronavirus immun, aber immerhin sind dann alle gegen Fake News gewappnet. So kann jeder User durch Nutzung seriöser Quellen zur Informationsbeschaffung dazu beitragen, die Verbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, die medizinische Versorgung zu verbessern und Panik zu verhindern. Letztlich steht und fällt alles mit Bildung.”
Weiterer Lesehinweis: Das European Journalism Observatory beschreibt in einer Serie, wie weltweit über die Corona-Pandemie berichtet wird (bisher erschienene Beiträge: Großbritannien, Finnland, Schweden, Russland, Brasilien und Ägypten).
Beim “Spiegel” berichten die Korrespondenten in einem Video (3:54 Minuten) von ihrem Alltag aus verschiedenen Weltstädten.
Die “Medienwoche” beschäftigt sich mit einer anderen Gefahr: In mehreren Ländern erhöben Gesundheitsbehörden Smartphone-Daten, um Bewegungsprofile der Bevölkerung zu erstellen und Infektionsketten zurückzuverfolgen. Adrian Lobe fragt: “Mit Big Data gegen Corona: Weniger Datenschutz für mehr Seuchenschutz?”
Gute Fragen hat auch Jakob Buhre beim Pressebriefing des Robert Koch Instituts gestellt. Es geht um den Sprachgebrauch und die Abgrenzung der beiden Begriffe “Erkrankung” und “Fälle”.
Europaweit bleiben die Menschen zuhause und bringen mit ihrem steigenden Internet-Konsum die Netze an ihre Belastungsgrenzen. Um die Infrastruktur zu schützen, reduziere der Streamingdienst Netflix ab sofort seine Bitrate für Streams in Europa (dwdl.de, Thomas Lückerath).
Trotz coronabedingter fußballfreier Zeit würden sich Welt.de und t-online.de auf ein heißes Fußball-Wochenende vorbereiten und entsprechende Vorberichte veröffentlichen. Schuld ist eine Kombination aus Roboterjournalismus und Unaufmerksamkeit (uebermedien.de, Jürn Kruse).

2. Sat.1 schickt falsche Polizistinnen nach Connewitz – und hat nun Ärger mit dem Gesetz
(uebermedien.de, Aiko Kempen & Henrik Merker)
Der Fernsehsender Sat.1 hat zwei Reporterinnen in nachgemachten Polizeiuniformen in den Leipziger Stadtteil Connewitz geschickt. Insgesamt drei Drehtage lang zogen die verkleideten Frauen durch das Leipziger Szeneviertel, samt Kamerateam und Security-Crew. Das Ziel: Eine Art skandalisierender Kriegsbericht aus einer angeblichen No-go-Area. Das löst moralisch-ethische Fragen aus — und das Interesse von Staatsanwaltschaft und Polizei für das Vorgehen von Sender und Fernsehteam.

3. Vor 60 Jahren startete “Der schwarze Kanal”
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 4:55 Minuten)
Vor 60 Jahren wurde in der DDR das erste Mal “Der schwarze Kanal” ausgestrahlt, eine Sendung, die vorgab, sich kritisch mit dem Westfernsehen auseinanderzusetzen. Moderiert von Karl-Eduard von Schnitzler, der die Ausschnitte mal polemisch, mal geradezu hasserfüllt kommentierte. Brigitte Baetz erinnert an eine Propagandasendung aus den finstersten Ost-West-Zeiten.

4. Gerade jetzt ist Wissenschaftsjournalismus unerlässlich
(fachjournalist.de, Holger Wormer & Sascha Karberg)
Eigentlich müsste in den jetzigen Zeiten der Wissenschaftsjournalismus blühen, denn es bestehe ein großer Bedarf an fundierter Berichterstattung, doch das Gegenteil sei der Fall. Holger Wormer und Sascha Karberg beschreiben in ihrem einem Buch entnommenen Text, worin die Probleme bestehen und wie man ihnen begegnen könnte. Zwei Kulturen müssten sich einander annähern: “der naturwissenschaftlich geprägte Berichterstattungsstil des Wissenschaftsressorts und der traditionelle, eher geisteswissenschaftlich oder ›literarisch‹ geprägte Journalismustypus der übrigen Ressorts”.

5. “Grundwerte mutig verteidigen”
(kontextwochenzeitung.de, Minh Schredle)
Rassisten eine Bühne zu bieten habe nichts mit Ausgewogenheit zu tun, so der “Monitor”-Moderator Georg Restle im Interview mit dem Wochenmagazin “Kontext”: “Ich glaube, es braucht auch unter Kolleginnen und Kollegen ein klares Verständnis dafür, dass es nichts mit Ausgewogenheit und Perspektivenvielfalt zu tun hat, rechtsextreme Positionen zu verbreiten. Das haben wir bei ‘Monitor’ schon 2016 kritisiert, als es um Talkshow-Auftritte von AfD-Politikern ging. Ich habe den Eindruck, dass sich diese Auffassung, wenn auch noch nicht überall, aber doch langsam durchsetzt, und hoffe, dass daraus auch die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden.”

6. Der US-“Playboy” war kein “Tittenmagazin”, sondern eine politische Streitschrift
(meedia.de, Ben Krischke)
Man kann an dem US-Magazin “Playboy” sicherlich vieles kritisieren. Anlässlich der Einstellung der Printausgabe in den USA ist Ben Krischke in seinem Nachruf jedoch gnädig und fokussiert sich auf die positiven Aspekte: “Der US-‘Playboy’ war nie ein aufpoliertes ‘Schmuddelblatt’ oder ein chauvinistisches ‘Tittenmagazin’, sondern eine lustvolle Streitschrift. Er lichtete einerseits nackte Frauen in erotischen Posen ab. Andererseits druckte Hefner von Anfang an umstrittene Werke bekannter Schriftsteller wie Ray Bradbury, der in seiner Dystopie ‘Fahrenheit 451’ gegen die Zensur anschrieb. Oder einen Text von Charles Beaumont, der eine Welt erdachte, in der Homosexualität normal ist und Heterosexualität als abartig gilt.”

tag24.de lässt Corona-Sterberate für ältere Menschen steigen

Die Überschrift soll vermutlich sowas wie Aufklärung versprechen:

Screenshot Tag24.de - Coronavirus: Diese Zahlen zeigen, wie gefährlich es wirklich ist!

Was das Newsportal tag24.de dann aber heute liefert, ist das exakte Gegenteil von Aufklärung: eine gefährliche Verdrehung und falsche Information.

Die Redaktion schreibt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler “mittlerweile immer mehr Zahlen (vor allem aus China) über die Krankheitsverläufe und Sterberaten auswerten konnten”, und dass daher “die Gefahr des Virus immer offenbarer” werde. Um konkreter zu werden, zieht tag24.de den Virologen Christian Drosten heran:

Christian Drosten (48), Chef-Virologe der Charité Berlin, warnt, dass jeder vierte Erkrankte, der über 65 Jahre alt ist, an dem Virus sterben könnte.

Das liegt vorallem daran, dass Menschen in diesem Alter kein so starkes Immunsystem mehr haben und oft unter Vorerkrankungen leiden.

“Jenseits des Rentenalters muss man die Bevölkerung wirklich schützen”, erklärte Drosten im NDR Podcast.

Aus der “könnte”-Warnung von Drosten macht tag24.de eine unausweichliche Tatsache, extra gefettet und mit Ausrufezeichen:

Um es noch einmal anders auszurücken [sic]: Jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, stirbt daran!

Ja, das ist wirklich “anders” ausgedrückt.

Tatsächlich sagte Drosten in dem angesprochenen NDR-Podcast (Folge vom 9. März, hier das Transkript als PDF):

Ich habe gestern mit meinem Vater telefoniert, der lebt in einem ländlichen Bereich. Und der sagt mir, alle seine Altersgenossen sehen das im Fernsehen, und die finden das super, dass der Sohn von dem Drosten immer im Fernsehen ist. Die finden das verfolgungswürdig und schicken sich per WhatsApp die neuesten Informationen zu. Aber die beziehen das noch nicht wirklich auf sich. Die haben noch nicht verstanden, dass sie in dieser Altersgruppe sind — mein Vater ist über 70 und seine Alterskollegen, Vereinskollegen und so weiter, das ist ein blühendes Vereinsleben dort im ländlichen Bereich –, dass sie eigentlich die wirklich Betroffenen sind und dass auch das Sozialleben jetzt für einige Monate aufhören muss. Der Verein, das Fitnessstudio, und auch leider das Schützenfest. Dass das alles in diesem Sommer betroffen sein wird, und dass es jetzt ernst ist. Und wenn man das nicht ernst nimmt, dass man davon ausgehen muss, dass Raten, die sich im Bereich von 20 Prozent, 25 Prozent dieser Personen bewegen, sterben werden. Da schluckt man dann natürlich, das muss man aber vermitteln.

Zahlen aus China, für die 1023 Todesfälle ausgewertet wurden und die tag24.de in dem Artikel auch in einer Grafik eingebaut hat, zeigen, dass dort die Sterberate für 60- bis 69-Jährige, die sich infiziert haben, bei 3,6 Prozent lag, für 70- bis 79-Jährige bei 8,0 Prozent und für Über-80-Jährige bei 14,8 Prozent.

Mit Dank an Ronny für den Hinweis!

Nachtrag, 20:53 Uhr: Die Redaktion hat die Stelle inzwischen, ohne Korrekturhinweis, geändert. Dort steht nun:

Um es noch einmal anders auszudrücken: Bis zu jeder Vierte, der sich in einem Alter ab 65 das Virus einfängt, könnte daran sterben!

Bei Twitter verbreitet sie den Unsinn hingegen weiterhin.

Kaufbares Klimaleugner-Institut, Angeschossene Funkhäuser, Hoaxfibel

1. Das Heartland Institute: Wie US-Klimaleugner Politik in Europa machen
(correctiv.org, Annika Joeres & Susanne Götze)
Undercover bei den Klimawandelleugnern: “Frontal 21” (ZDF) und “Correctiv” haben verdeckt zur Strategie des sogenannten Heartland Institute recherchiert, einer der wichtigsten Lobbygruppen in der Szene der Klimawandelleugner. Hinter dem dubiosen Institut stecke wohl vor allem das Geld von Kohle- und Erdölindustrie. Für die Investigativrecherche hat “Correctiv” eine fiktive PR-Agentur gegründet und sich als angebliche Auto- und Kohle-Lobbyisten ausgegeben — um herauszufinden, ob und wie man sich bei dem Institut Agitation gegen Umweltschutz und den menschengemachten Klimawandel erkaufen kann, samt dazugehöriger Stimmen aus der Wissenschaft. Eine erschütternde und lesenswerte Recherche, die “zeigt, wie das US-amerikanische Heartland Institute Leugner des Klimawandels in Deutschland unterstützt, um Maßnahmen zum Klimaschutz zu untergraben. Undercover lernen wir den Chefstrategen des Instituts kennen: James Taylor. Er wird uns erzählen, wie das Netzwerk der Klimawandelleugner funktioniert, wie Spenden verschleiert werden und wie sie eine deutsche, AfD-nahe Youtuberin nutzen wollen, um ‘die Jugend’ zu erreichen.”
Der dazugehörige “Frontal 21”-Bericht ist in der ZDF-Mediathek zu sehen (ab Minute 24:08).

2. Sollten wir alle in Panik verfallen? Ich bitte um Handzeichen!
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
Jürn Kruse hat sich die neue Talkshow von “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt und dessen fehlgeschlagene Bemühung um mehr Empörung angeschaut: “Wenn die Diskutierenden in ‘Hier spricht das Volk’ die normalen Menschen sind, wie Reichelt sagt, ‘ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft, ein Querschnitt durch Deutschland’, dann bildet seine Zeitung diese Gesellschaft nicht mehr ab. Dann hat ‘Bild’ den Großteil unserer Gesellschaft verloren. Dann bleibt ihr nur noch der Rand.”

3. Sieben Statistiken zum Journalismus und zum Geschäft der Republik
(republik.ch, Oliver Fuchs & Thomas Preusse)
Das von rund 19.000 Unterstützerinnen und Unterstützern getragene Schweizer Online-Magazin “Republik” lässt sich in die Karten schauen: Woher kommt die Leserschaft? Wann wird “Republik” gelesen? Wie gewinnt man Mitglieder, und wie hält man sie bei der Stange? Und welche der Recherchen und Analysen wurden am meisten aufgerufen?
Weiterer Lesehinweis: Zehn Learnings aus zwei Jahren Republik.

4. Das waren 2019 die beliebtesten Magazine im Netz
(horizont.net, David Hein)
Der Flatrate-Digitalkiosk Readly bietet mehr als 4.000 Magazine zur Lektüre an. Doch auf welche Inhalte stürzen sich Leser und Leserinnen am liebsten? Es ist ein Hang zum Seichten zu erkennen: Zu den beliebtesten Magazinen bei Readly würden Technik- und Autozeitschriften sowie Klatschblätter zählen. Die beliebteste Kategorie sei vergangenes Jahr “Stars & Entertainment” gewesen.

5. Angeschossene Funkhäuser: Die sieben größten Probleme von ARD und ZDF
(rnd.de, Imre Grimm)
Für ARD und ZDF brechen schwierige Zeiten an: Der Spardruck wachse, die Kritik am Rundfunkbeitrag werde lauter, und den Sendern laufe die junge Generation davon. Imre Grimm beschreibt die sieben größten Probleme der Öffentlich-Rechtlichen.
Weiterer Lesehinweis: Der Deutschlandfunk hat mit dem ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow gesprochen: “Rundfunkanstalten müssen Prioritäten setzen” (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 10:05 Minuten).

6. “Verschwörungsideologien und Fake News – erkennen und widerlegen” (Kostenlose Broschüre)
(dergoldenealuhut.de, Giulia Silberberger)
Giulia Silberberger und Rüdiger Reinhardt vom “Goldenen Aluhut” haben eine Fibel über Hoaxes, “Fake News” und Verschwörungstheorien zusammengestellt. Die Online-Version der Broschüre steht ab sofort zum kostenlosen Download bereit (PDF), die Printversion soll Mitte Februar folgen.

“Bild live”: “Das wissen wir noch nicht”, aber eine Sondersendung kann man ja schon mal bringen

Am vergangenen Donnerstag war großer Messer-Tag bei den “Bild”-Medien. Die “Bild”-Zeitung verkündete auf ihrer Titelseite, dass die “Messer-Gewalt” “immer schlimmer” werde:

Ausriss Bild-Titelseite - großes Titelthema: Messer-Gewalt immer schlimmer! Neue, erschreckende Zahlen - Innenminister warnt - Polizisten schlagen Alarm - Opfer sprechen in Bild - Heute große Sondersendung bei Bild.de

Und bei Bild.de lief am Morgen die auf der Titelseite angekündigte “große Sondersendung”.

Ein paar Stunden später, am frühen Nachmittag, gab es noch eine “Bild live”-Sendung. Denn es gab einen “NEUEN MESSERANGRIFF”:

Screenshot der Bild-live-Sendung - Bild live zur Messerattacke in Rottweil - Breaking News - Neuer Messerangriff - Motiv noch unklar

Im baden-württembergischen Rottweil hatte ein Mann eine Mitarbeiterin des örtlichen Jobcenters mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Die Frau musste per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei konnte noch vor Ort einen Tatverdächtigen festnehmen. Und “Bild” berichtete mit einer Messer-Sondersendung.

Diese Sendung dürfte ein weiterer Testballon der Redaktion und ein Vorgeschmack darauf gewesen sein, wie das von Chefredakteur Julian Reichelt und dem Axel-Springer-Verlag geplante “Bild TV” aussehen könnte. Wenn das “Bild”-Team mehrere Stunden am Tag durchgängig senden möchte, muss es auch kurzfristig Sendungen zu aktuellen Themen auf die Beine stellen können. Durch die gut 16-minütige “Bild live”-Sendung vom Donnerstag konnte man einmal mehr erahnen, wie schrecklich das alles werden dürfte.

Das größte Problem war, dass es diese Sendung überhaupt gab; dass ein singuläres Ereignis, das eher von lokalem Interesse ist, durch “Bild” zu einer “BREAKING NEWS” von angeblich deutschlandweiter Relevanz aufgeblasen wurde. So schlimm der Angriff im Jobcenter in Rottweil war, bleibt es ein Vorfall von begrenzter Bedeutung. Die “Bild”-Redaktion aber schnappt ihn sich und schaltet zwei, drei Alarmgänge hoch: Hier, schaut her! Schon wieder ein Messerangriff! Überall Messergewalt! Und wie ist es beim nächsten Vorfall und beim übernächsten — berichtet “Bild live” dann wieder? Vermutlich nicht. Nicht einmal die “Bild”-Redaktion schafft es, aus jedem Messerangriff in Deutschland eine angstverbreitende TV-Sendung zu machen.

Ein möglicher Grund, warum gerade der Angriff in Rottweil zu einer “Bild live”-Sendung führte: Ein Plan von Julian Reichelt soll sein, plattformübergreifende Themenschwerpunkte zu setzen, mit denen er dank “Bild”-Zeitung, Bild.de und eben “Bild TV” bis zu 40 Millionen Menschen erreichen will. Wenn man zufällig sowieso schon eine Titelseite zur “Messer-Gewalt” an den Kiosken liegen hat, und dann ein aktueller Fall reinkommt, kann man doch wunderbar mit einer Messer-Sondersendung testen, wie das klappen könnte. Auch Moderatorin Juliane Bauermeister sagte gleich zu Beginn der Sendung:

Ein Mann greift eine Frau mit dem Messer an und verletzt sie schwer. Ja, dieser furchtbare Angriff passierte heute Vormittag. Das Opfer: eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Rottweil in Baden-Württemberg. Ja, und wir haben ja erst heute morgen in unserer 8-Uhr-Sendung über den Anstieg von Messerangriffen in Deutschland berichtet. Nun also dieser neueste tragische Fall.

Durch diese Aktualitätshechelei begibt sich die “Bild”-Redaktion in einen selbst auferlegten Breaking-News-Modus, der dazu verpflichtet, irgendetwas zu erzählen und irgendetwas zu zeigen, auch wenn kaum bis gar nichts zu erzählen und zu zeigen ist. Das führt etwa dazu, dass Moderatorin Bauermeister dann einen Tweet wie diesen der Polizei Konstanz vorliest:

Screenshot von Bild live, wo ein Tweet der Polizei Konstanz eingeblendet wird - Am Tatort im Jobcenter hat unsere Kriminalpolizei die Ermittlungen übernommen. Ein Hintergrund der Tat ist bisher noch nicht bekannt.

Bauermeister: “Da müssen wir also abwarten, was jetzt die Ermittlungen dazu bringen.” Diesen Tweet, der eigentlich nur sagt, dass es noch nichts zu sagen gibt, liest sie später in der Sendung noch ein zweites Mal vor. Viel weniger kann man nicht zu berichten haben.

Und auch “Bild”-Redakteur Frank Klauss, der mit der Moderatorin im Studio steht, kann nicht viel mehr beitragen als: Mann, Messer, Jobcenter, Mitarbeiterin, Hubschrauber, Krankenhaus, Polizei, Festnahme. Ansonsten sagt er Dinge wie:

Ob sie in Lebensgefahr schwebt, ist derzeit noch nicht bekannt. Wir warten da auch noch auf weitere Nachrichten von Seiten der Polizei.

Und: Angriffe in Jobcentern kämen immer wieder vor …

so dass viele Jobcenter auch mittlerweile einen Sicherheitsdienst haben und auch ihre Mitarbeiter schulen. Ob das hier in Rottweil der Fall war, das wissen wir noch nicht. Aber das ist sicherlich auch eine interessante Frage, der wir noch nachgehen werden.

Dazu noch ein paar Allgemeinplätze: Die Polizei sei jetzt damit beschäftigt, Spuren zu sichern und mit Zeugen zu sprechen. Außerdem werde der Tatverdächtige nun vernommen. Schau an. Zum möglichen Motiv des Mannes sagt Klauss:

Über das Motiv können wir bislang erst noch spekulieren.

… und spekuliert dann über einen möglichen Streit um Leistungskürzungen.

Noch trauriger ist nur die Schalte zu “Bild”-Reporter Frank Schneider, der aus irgendeinem Grund vor einer Burger-King-Filiale steht, aber nicht in Rottweil. Schneider erzählt von der Statistik aus Nordrhein-Westfalen, die die Grundlage für die “Bild”-Titelseite mit der “immer schlimmeren” “Messer-Gewalt” ist:

Naja, die wichtigste Nachricht ist natürlich: Die Attacken nehmen deutlich zu. Es gibt ja wenige Zahlen in der Vergleichbarkeit, weil natürlich viele Bundesländer sie noch nicht erheben. Aber wir haben zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen seit einem Jahr diese Erhebung. Und man sieht ja schon: Vom ersten zum zweiten Halbjahr nimmt die Zahl der Attacken deutlich zu.

Das ist deswegen bemerkenswert, weil nur kurz darauf von der “Bild”-Redaktion ein morgens aufgezeichnetes Interview mit Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul eingespielt wird, der gewissermaßen Herausgeber der Statistik ist, zu der “Bild”-Reporter Schneider behauptet, dass das alles “deutlich” steige. Reul sagt:

Man muss da behutsam sein, weil wir es das erste Mal machen, aber auch die einzigen sind in Deutschland, die das gemacht haben. Aber die Zahlen sind erschreckend. Wir können jetzt nicht sagen, ob sie wirklich gestiegen sind. Aber mein Gefühl ist, das nimmt zu, da tut sich was, da müssen wir achtsam sein. Das muss man vor allen Dingen ernst nehmen. Und das ist auch nicht einfach mit billigen Parolen zu lösen, sondern da muss man ganz genau hinschauen: Warum passiert das? Und welche Möglichkeiten haben wir als Polizei oder als Staat oder als Gesellschaft?

Aber zurück zu “Bild”-Mann Schneider, der noch mal sagen will, auf wen die Gesellschaft da besonders schauen muss: die Ausländer:

Es sind hauptsächlich männliche Tatverdächtige, es sind junge Männer. Es sind nicht nur Jugendliche, es sind auch viele Erwachsene, aber junge Männer, dabei. Es sind relativ viele Nicht-Deutsche dabei. Von den Deutschen haben viele auch noch Migrationshintergrund. Es ist offenbar auch ein kulturelles Problem. Der Psychologe hat es heute morgen ja auch noch mal erklärt: Das ist so ein Männlichkeitssymbol. Und das kommt eben diesem archaischen und patriarchalischen Männerbild von vielen Zuwanderern nahe. Man hat das Messer dabei, um seine Ehre, seine Männlichkeit zu verteidigen. Und das ist sicherlich die Aussagekraft dieser Statistik bisher.

Auch zu dieser billigen Parole zu diesem Aspekt gibt es eine Aussage von NRW-Innenminister Reul. Auf die Frage, wie “das Täterprofil von solchen Menschen” aussehe, sagt er im Interview:

Sie haben es richtig beschrieben: Vorrangig Männer. Vorrangig Männer und vorrangig Deutsche. Und das heißt zum Beispiel, dass die einfache Erklärung ‘Das sind nur diejenigen, die aus dem Ausland kommen’ falsch ist und nicht reicht. Aber auch da gibt es 40 Prozent. Und deswegen sind beide Sachverhalte ernst zu nehmen.

Inzwischen steht fest, dass der 58-jährige Tatverdächtige in Rottweil Deutscher ohne Migrationshintergrund ist.

Am Ende der “Bild live”-Sondersendung sagt Moderatorin Juliane Bauermeister:

So viel zu dem, was wir wissen über den heutigen Messerangriff.

Und:

Wir halten Sie natürlich weiterhin auf dem Laufenden.

Das kann man durchaus als Drohung verstehen.

Mit Dank an @panajotaki für den Hinweis!

“Bild” meldet falsche “Messer-Attacke” auf Karamba Diaby

Nachricht 1: Auf das Bürgerbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby in Halle (Saale) wurde geschossen.

Nachricht 2: Das Land Nordrhein-Westfalen präsentiert die “Gesamtjahresbilanz der Messerstraftaten 2019” (PDF).

Auf der “Bild”-Titelseite von heute kommen beide Nachrichten vor:

Ausriss Bild-Titelseite - großes Titelthema: Messer-Gewalt immer schlimmer! Neue, erschreckende Zahlen - Innenminister warnt - Polizisten schlagen Alarm - Opfer sprechen in Bild - Heute große Sondersendung bei Bild.de

… wobei die “Bild”-Redaktion die “immer schlimmere” “Messer-Gewalt” offenbar für ein deutlich größeres Thema hält als den Angriff mit einer Schusswaffe auf das Büro eines gewählten Parlamentariers — allein das Wort “Messer-” ist größer als die gesamte Meldung zu Karamba Diaby auf Seite 1. (Dazu muss auch noch sagen, dass nur die aktuellen Zahlen aus Nordrhein-Westfalen die These “immer schlimmer” nicht stützen beziehungsweise gar nicht stützen können: Sie wurden zum ersten Mal erhoben, Vergleichswerte aus den Vorjahren gibt es nicht. Außerdem heißt “Messerstraftaten” nicht, dass es sich automatisch um “Messer-Gewalt” im Sinne von Gewaltdelikten handelt.)

In der auf der Titelseite angekündigten “großen Sondersendung bei Bild.de” hat die Redaktion es dann leider nicht geschafft, die zwei Nachrichten, die nichts miteinander zu tun haben, auseinanderzuhalten. Auf einmal meldet “BILD LIVE”, dass es eine “Messer-Attacke auf SPD-Politiker Karamba Diaby” gegeben habe:

Screenshot Bild.de - Willkommen zu Bild live - Messer-Attacke auf SPD-Politiker Karamba Diaby - 6827 Messer-Taten in NRW 2019

Was kann schon schiefgehen, wenn “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt seine TV-Pläne erfolgreich umsetzen sollte und mit dieser grottenschlechten Berichterstattung 40 Millionen Menschen erreicht?

Mit Dank an @papalaeuft, @BehluelCevikel und @BergChris1 für die Hinweis!

Unwort des Jahres, Assanges Hinrichtung auf Raten, Herrenwitz

1. Selbstverliebte Männer
(taz.de, Ingo Arzt)
Eine Jury aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten hat entschieden: Unwort des Jahres ist “Klimahysterie” (Pressemitteilung als PDF). Im Interview mit dem “Spiegel” erklärt Jurychefin Nina Janich, warum das Wort irreführend und diskreditierend sei: “Wenn man die Klimadebatte mit einem Wort wie Hysterie in Zusammenhang bringt, dann diskreditiert man die Debatte, indem man sie pathologisiert und wie eine kollektive Psychose behandelt. Damit werden in der Konsequenz alle, die sich für Klimaschutz engagieren, als Hysteriker abgestempelt. Irreführend ist der Begriff deshalb, weil die Klimadebatte auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse geführt wird, mit dem Wort Hysterie wird sie aber in einen Krankheitsbereich verschoben.” “taz”-Redakteur Ingo Arzt kommentiert: “Auch FDP-Neoliberale, CDU-Konservative und diverse Journalisten nutzten es, denn sie eint mit den Rechtspopulisten das dumpfe Gefühl, dass ihnen da jemand die argumentative Lufthoheit geraubt hat. ‘Hysterie’ als Kampfbegriff gegen eine größtenteils weibliche Klimabewegung lag da auf der Hand.”

2. Gericht stärkt Faktenchecks von Correctiv
(correctiv.org, David Schraven)
Wie “Correctiv”-Chef David Schraven berichtet, habe das Landgericht Mannheim die Klage des Blogs “Tichys Einblick” auf eine einstweilige Verfügung abgewiesen (Urteil als PDF). Bei “Tichys Einblick” hatte man sich an “Correctivs” Faktencheck für Facebook gestört. Die Entscheidung sei auf 45 Seiten ausführlich und umfassend begründet. Trotzdem hätten Tichys Anwälte angekündigt, in Berufung gehen zu wollen. Der Streit wird also vermutlich fortgeführt.

3. Julian Assanges Hinrichtung auf Raten
(deutschlandfunkkultur.de, Milosz Matuschek)
Nach einem langjährigen Aufenthalt in der Botschaft Ecuadors sitzt Wikileaks-Gründer Julian Assange nun in einem Hochsicherheitsgefängnis in Großbritannien. Der UN-Folterbeauftragte Nils Melzer spreche in diesem Zusammenhang von “psychologischer Folter”. Trotz dieses Vorwurfs würden sich nur wenige Journalistenverbände für Assanges Freilassung einsetzen. Der Publizist und Jurist Milosz Matuschek spricht in seinem Kommentar von einem Totalversagen: “Wäre Julian Assange in einem Keller über Monate eingesperrter, gequälter Hund — wir hätten vermutlich längst einen Prozess gegen die Tierquäler, eine Verschärfung des Tierschutzgesetzes und ‘Donnerstage für Doggen’-Demos gesehen. Doch Assange ist — zu seinem Pech — leider ein Mensch. Und zwar einer, der sich bei Mächtigen nicht beliebt gemacht hat.”

4. Liebe Kollegen der @berlinerzeitung …
(twitter.com, Julius Betschka)
Julius Betschka wirft der “Berliner Zeitung” in einem Twitter-Thread vor, zum wiederholten Mal Falschmeldungen über die Mordrate in Berlin zu verbreiten: “Jeder macht Fehler. Man kann sich korrigieren und entschuldigen. Aber anstelle einer Entschuldigung wird hier eine unhaltbare These mit wiederholt falschen Fakten und besonders markigen Worten verteidigt. Verstehe ich nicht, liebe @berlinerzeitung.”
Lesehinweis zum Hintergrund: Berlin doch nicht Mordmetropole Europas (uebermedien.de, Stefan Niggemeier).

5. “Deutschland sticht absolut heraus”
(deutschlandfunk.de, Bettina Schmieding, Audio: 6:30 Minuten)
Bettina Schmieding hat sich im Deutschlandfunk mit der Wissenschaftlerin Susanne Fengler unterhalten, die sich mit ihrem Co-Autor Marcus Kreutler die Berichterstattung über Geflüchtete genauer angeschaut hat (“Stumme Migranten, laute Politik, gespaltene Medien”). In Deutschland werde zwar intensiv über Migration und Flucht berichtet, aber dies erfolge sehr selektiv. So kämen Migranten und Geflüchtete nur in einem Viertel der Berichte als zentrale Akteure vor. Auch Herkunft und Kontext sowie der Status — Geflüchteter oder Migrant — seien oft kein Thema, so Fengler.

6. Herrenwitz: Keine Partei wird anteilig häufiger von Männern gewählt
(einfacherdienst.de)
Welche Partei wird laut offizieller Wahlstatistik des Bundeswahlleiters am meisten, nämlich zu zwei Dritteln, von Männern gewählt? Ist es die AfD? Oder vielleicht die FDP? Nein, es handelt sich dabei um die Satirepartei Die Partei mit ihren Spitzenleuten Martin Sonneborn und Nico Semsrott. Das krasse Geschlechter-Ungleichgewicht bei der Wählerschaft soll sich jedoch ändern. Laut Semsrotts Pressesprecherin Isabel Prößdorf stelle man sich nun “immer die Frage, ob Frauen aber auch Personen, die sich selbst als divers bezeichnen würden, genug in unsere Aktionen miteingebunden sind und sich angesprochen fühlen.” Männer seien dabei egal, “die werden von der AfD und CSU schon genug vertreten.”

Unvollständig berichtet, Mücke und Elefant, Kampf um “Schmähgedicht”

1. Was die “Süddeutsche Zeitung” zum Fall Epstein nicht schreibt
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die “Süddeutsche Zeitung” hat sich ausgiebig mit dem Fall des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein beschäftigt, habe dabei aber nicht die Rolle des Literaturagenten John Brockman erwähnt. Boris Rosenkranz fragt bei “Übermedien” nach den Gründen: “Aus Rücksichtnahme auf einen engen Partner der Zeitung, der mit Feuilleton-Chef Andrian Kreye seit Jahren verbunden ist?”

2. Zeitungsverlag wider Willen
(welt.de, Christian Meier)
“Welt”-Journalist Christian Meier berichtet über die neuesten Entwicklungen im Medienhaus DuMont. Die Eigentümer des Traditionsverlags hätten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mitteilen lassen, dass sie nun doch an ihren Kölner Zeitungen festhalten wollen: “Oder, anders gesagt, dass sie diese nicht verkaufen werden. Was ein Unterschied ist, denn nach allem, was zu hören ist, hätten die 17 Kommanditisten des Unternehmens, allen voran Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte, doch ganz gern einen Abnehmer gefunden. Angesichts der sinkenden Margen und der damit einhergehenden sinkenden Attraktivität des Verlegertums. Doch ein ansprechendes Gebot für Köln gab es dann nicht, auch wenn die Funke-Mediengruppe (“Westdeutsche Allgemeine Zeitung”) ein naheliegender Käufer gewesen wäre.”

3. Podcasts: Aus der Nische zum Massenmarkt
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz nimmt den neuen täglichen Podcast-Mix von Spotify zum Anlass, einen Blick auf das Wachstumsmedium Podcast zu werfen. Er erkennt einen ähnlichen Trend wie beim Bewegtbild: “Weg von der linearen Nutzung, hin zu On-Demand-Inhalten. Weg von General Interest, rein in die Nische. Weg vom Allgemeinen, hin zur Personalisierung. Das bringt auch eine Fragmentierung des Marktes mit sich, das Long-Tail-Phänomen haben wir schon jetzt auch bei Podcasts: Ein paar laufen richtig gut, dahinter kommen dann ganz, ganz viele, die irgendwo bei sieben Hörern monatlich absaufen.” Eingebettet in den Beitrag ist das (schon etwas ältere) Gespräch mit dem Geschäftsführer von detektor.fm Christian Bollert. Darin geht es um die Zukunft von Radio, Podcasts und Audio-Technologie. Sowie um die Bedrohungen und Chancen durch die “Mediathekisierung” und “Spotifysierung” des Marktes, um Reichweitenmessung und den Mut zur Nische.

4. Wahlen in Großbritannien: Die Grünen haben ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert
(rwi-essen.de)
Die aktuelle “Unstatistik des Monats” geht auf eine Meldung der ZDF-Nachrichtensendung “heute” zurück, nach der die Grünen bei der Wahl in Großbritannien ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert hätten. Abgesehen von der niedrigen Basis habe es sich auch nicht um die beste Ergebnissteigerung gehandelt. Das Urteil der Unstatistiker: “So macht man aus einer statistischen Mücke einen Elefanten.”

5. Ab 18. Dezember: Mehr Geld für (fast) alle AutorInnen – acht Fragen und Antworten
(selfpublisherbibel.de, Matthias Matting)
Seit Neuestem gilt auf E-Books der gleiche Umsatzsteuersatz wie auf Bücher, also sieben Prozent statt bisher 19 Prozent. Wie wirkt sich das auf Self-Publisher und Verlags-Autoren und -Autorinnen aus? Für welche Einnahmen gibt es mehr Geld? Welche Folgen hat die Umstellung auf meine Steuern? Matthias Matting antwortet auf die wichtigsten Fragen.

6. Schmähgedicht: Böhmermann zieht vors Verfassungsgericht
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Jan Böhmermann ergreife im Rechtsstreit um das in Teilen verbotene Erdoğan-“Schmähgedicht” seine letzte Chance und ziehe vor das Bundesverfassungsgericht, berichtete Timo Niemeier bei “DWDL”. Sein Anwalt Christian Schertz vertrete die Ansicht, dass die bislang damit befassten Gerichte verkannt hätten, dass Böhmermanns Gedicht keine “Herabwürdigung des Herrn Erdoğan als Person”, sondern eine “künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen der Satire” sei.

Blättern:  1 ... 5 6 7 ... 30