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sid  

Like A Virgin

Es ist ja schon erstaunlich, aus was für Kleinigkeiten Bild.de manchmal so Meldungen fabriziert:

Englands Fußball-Latte: Peter Crouch wäre gern eine Jungfrau

Und wie die dann auch noch anmoderiert werden:

Was ist denn auf der Insel los? Ausgerechnet der England-Profi, der eine der heißesten Spielerbräute überhaupt an seiner Seite hat, wäre gern eine Jungfrau!

Peter Crouchs (29) irre Beichte.

Auf die Frage, was er statt eines Fußballers gern geworden wäre, erwiderte der England-Star: “Eine Jungfrau.”

Wer soll ihm das denn glauben? Schließlich ist er mit Unterwäsche-Model Abigail Clancy (24) zusammen. Und die ist das fleischgewordene Gegenteil von keuscher Jungfräulichkeit.

Glauben muss ihm das niemand, weil er es nicht gesagt hat. Und wenn er es gesagt hätte, dann nicht jetzt, sondern “einmal”.

Bild.de hat diese gewagte Übersetzung eines älteren Zitats offensichtlich vom Sportinformationsdienst (sid), der anlässlich Crouchs Wahl zum lustigsten Mann im britischen Sport folgende Gaga-Meldung veröffentlichte:

Der englische Fußball-Nationalstürmer Peter Crouch wurde zum lustigsten Sportler Großbritanniens gewählt. Den Sieg bei der Wahl verdankt Crouch seiner Antwort auf die Frage, was er statt eines Fußball-Profis gerne geworden wäre. “Eine Jungfrau”, hatte Crouch darauf geantwortet.

“Na, wenn man mit so was lustigster Sportler wird, kann es um den berühmte britischen Humor ja nicht zum Besten bestellt sein”, dachte bei “RP Online”, “Focus Online” oder Handelsblatt.com offenbar niemand, und so wurde diese merkwürdige Geschichte munter weiterverbreitet, wenn auch nicht derart aufgeblasen wie bei Bild.de.

Dabei war der Spruch im englischen Original sogar noch wirklich lustig:

The 6ft 7in striker won top billing for a cheeky response to the question: “What would you be if you weren’t a footballer?”

The Spurs targetman replied: “A virgin.”

Auf die Frage, was er wäre (nicht: geworden wäre), wenn er nicht Fußballer wäre, hatte der nicht sonderlich attraktive Stürmer also geantwortet: (noch) Jungfrau.

Mit Dank an Matthias F.

ftd.de  

Gold für Nico Rosberg

Das Interview, das die “Financial Times Deutschland” da auf ihrer Internetseite mit dem Formel-1-Fahrer Nico Rosberg veröffentlicht hat, lässt dann doch ein paar Fragen offen:

Beschreiben Sie doch mal den Grat zwischen der Herausforderung, sich mit dem Rekordweltmeister im eigenen Team messen zu müssen, und der Freude, endlich in einem Rennwagen mit WM-Qualitäten sitzen zu dürfen?
Rosberg:
Wie sehr können Sie davon profitieren, dass die Augen - zumindest erst einmal - alle auf Michael Schumacher gerichtet sein werden?
Rosberg:
Haben Sie sich noch intensiver auf diese Saison vorbereitet als bisher?
Rosberg:
Eines ihrer Hobbys ist Schachspielen - welches wird denn 2010 der wichtigste Zug sein, um in der Formel 1 erfolgreich zu sein?
Rosberg:
Es heißt immer, der erste Gegner ist der eigene Teamkollege - in diesem Jahr für Sie erst recht?
Rosberg:
Was erwarten Sie von sich in diesem Jahr?
Rosberg:
Sind auch Sie bereit für den Titel?
Rosberg:

In der Originalmeldung von dpa stehen übrigens auch Antworten.

Mit Dank an Bernd.

Nachtrag, 16.25 Uhr: Jetzt antwortet Nico Rosberg auch bei FTD.de.

Die Zeit ist nicht auf ihrer Webseite

Die gestrige Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Argentinien hat gravierende Folgen. Bei Bild.de ist zum Beispiel die Zeitachse verbogen.

So wusste das Internetportal noch in der Nacht zu berichten, was eine Untersuchung am kommenden Montag ergeben wird (vielleicht auch am vergangenen Montag, also vor der Verletzung, so genau wird das nicht deutlich):

54. Minute: Bei einer Standardsituation trifft Ballack unglücklich Demichelis mit dem Knie ins Gesicht. Der Bayern-Verteidiger muss verletzt raus – Bruch des Jochbeins, des Oberkiefers und des Augenhöhlenbogens, wie sich bei einer Untersuchung am Montag rausstellt. Eine OP ist nötig, der Argentinier wird Bayern wochenlang fehlen.

Außerdem wird sich Lukas Podolski irgendwie zu einer Situation geäußert haben werden, die später passiert sein wird:

Der äußerte sich gestern früh, also 12 Stunden später, auf der DFB-Internetseite zu dem Vorfall: "Ich fühlte mich von ihm in der Mixed-Zone durch einige Anmerkungen zum Spiel provoziert. Darüber habe ich mich geärgert und ihm deshalb deutlich meine Meinung gesagt. Ich habe ihn aber nicht geschlagen. Wenn ich mich im Ton vergriffen habe, entschuldige ich mich dafür."

Es könnte allerdings auch sein, dass Demichelis’ Untersuchung am Donnerstag stattgefunden und Podolski sich heute früh zu Wort gemeldet hat …

Mit Dank an Patrick.

Nachtrag, 13.49 Uhr: Inzwischen hat sich Podolski laut Bild.de nicht mehr “gestern früh”, sondern nur noch “12 Stunden später” geäußert.

Preiserhöhung allein zu Haus

Früher hat man, wenn man nicht zuhause war, seine Lampen an Zeitschaltuhren angeschlossen und den Nachbarn einen Schlüssel gegeben, damit sie die Rolladen rauf- und runterziehen können.

Heute teilt man aller Welt über das Internet mit, dass man nicht zuhause ist — das spart Stromgebühren und die Flasche Wein für die Nachbarn. Die Einbrecher freuen sich auch über die Hinweise.

Über diesen (tatsächlich etwas überraschenden) Trend berichtete Bild.de in der vergangenen Woche und wusste mit einer Meldung aus Großbritannien zu überraschen:

Auf sorglose Netzwerker, die zu oft mitteilen, dass sie nicht zu Hause sind, sind mittlerweile auch Großbritanniens Versicherer aufmerksam geworden. Die Tageszeitung “The Telegraph” berichtet, dass britische Versicherungen von eifrigen Nutzern sozialer Netzwerke bereits zehn Prozent höhere Gebühren für die Hausratversicherung verlangen. Die Zeitung beruft sich auf das Preisvergleichsportal “Confused.com”.

Egal, wie man es dreht und wendet: Das ist falsch.

Der “Telegraph” berichtet nämlich mitnichten, dass Versicherungen schon jetzt höhere Gebühren verlangen, sondern lediglich, dass sie dies bald tun könnten.

Schon die Überschrift spricht da eine deutliche, wenn auch fremde Sprache:

Using Facebook or Twitter 'could raise your insurance premiums by 10pc'

Die Möglichkeit einer solchen Preiserhöhung wird auch im Artikel noch einmal betont:

Darren Black, Chef der Hausratsversicherungsabteilung bei Confused.com, sagte: “Ich wäre, angesichts der wachsenden Popularität Sozialer Netzwerke und von Orts-basierten Anwendungen, die nach vorne drängen, nicht überrascht, wenn Versicherungsanbieter diese Faktoren bei der Preisfestsetzung eines persönlichen Risikos berücksichtigen. Bei Leuten, die diese Seiten nutzen, könnten wir Preiserhöhungen von bis zu 10 Prozent erleben.”

Und wie es die Falschmeldung von Bild.de dann auch noch in die österreichische “Kronen Zeitung” schaffte, steht bei den Kollegen von Kobuk!

Etwas durchschnittlicher

Bild.de ist aufgebracht:

Die Engländer verpassen unserem Super-Star eine ganz miese Note. Was soll denn der Quatsch?

Sagen Sie nicht, es könnte ja sein, dass Ballack einfach schlecht gespielt hat: Dieses Argument kann Bild.de nicht gelten lassen und ruft deshalb einen “Experten-Streit” aus.

Gleich drei (deutsche) Experten werden dafür in den Zeugenstand berufen:

“Ich finde, er spielt gut. Zuverlässig, laufstark”, urteilte Kaiser Franz Beckenbauer bei Sat.1.

Stefan Effenberg meinte bei Sky: “Durchschnittlich. Er spielt ordentlich und erfüllt seine Aufgabe.”

Und Lothar Matthäus war zur Halbzeitpause begeistert: “Er macht ein gutes Spiel. Er ist aktiv, versucht das Spiel zu verlagern und schnell zu machen. Er gefällt mir sehr gut.” Nach dem Abpfiff lautete das Matthäus-Fazit: “Er stand etwas weniger im Mittelpunkt. Eine durchschnittliche Leistung.”

Das sehen die Engländer jedoch anders…

Und wie anders “die Engländer” die im Durchschnitt als durchschnittlich eingeschätzte Leistung von Michael Ballack sahen, verrät Bild.de freundlicherweise auch gleich:

Die Tageszeitung “Guardian” gibt Ballack 5 von 10 Punkten.

Also ziemlich … durchschnittlich, eigentlich.

PS: Außergewöhnlich ist hingegen der Versuch von Bild.de, einen Kommentar über Ballacks Laufgeschwindigkeit mit einem Hinweis auf die von ihm zurückgelegte Strecke widerlegen zu wollen:

Die Engländer lästern: “Er tauchte mal am Rande des Spielfelds auf, war nur halb so schnell wie Inters Mittelfeldspieler.”

Ziemlich daneben. 11,6 Kilometer lief der Deutsche – mehr als jeder andere auf dem Feld. 61 Prozent seiner Zweikämpfe gewann Ballack.

Mit Dank an Ralph K.

Ein Ö für ein Ü vormachen

Andi Möller zum PSV Eindhoven? Fred Rutten überlegt Andreas Möller als technischen Direktor zum PSV Eindhoven zu holen, wie die niederländische Seite www.voetbalprimeur.nl berichtet. Der ehemalige Schalke-Coach trainiert seit dem 01. Juli 2009 das holländische Team von PSV Eindhoven. Rutten und Möller hatten sich während der gemeinsamen Zeit bei Schalke 04 kennen gelernt. Andreas Möller ist seit dem 1. Juli 2008 Manager bei dem Drittligisten Kickers Offenbach.

Zäumen wir diese kleine Sport-Meldung von Bild.de doch mal von hinten auf und schreiben erst mal, was daran richtig ist:

  • Andreas Möller ist seit dem 1. Juli 2008 Manager bei dem Drittligisten Kickers Offenbach.
  • Fred Rutten trainiert seit dem 01. Juli 2009 das holländische Team von PSV Eindhoven.
  • voetbalprimeur.nl berichtet, dass Fred Rutten überlege, Andreas Möller als technischen Direktor zum PSV Eindhoven zu holen.

Und hier kommt das Problem: voetbalprimeur.nl hat sich – im Gegensatz zu vielen anderen niederländischen Seiten – vertan, als es darum ging, eine Meldung aus der Originalquelle “Telegraaf” abzuschreiben.

Es geht nämlich nicht um Andreas Möller, sondern um Andreas Müller, der Manager beim FC Schalke 04 war, als Rutten dort als Trainer arbeitete. Der frühere Nationalspieler Möller war zu diesem Zeitpunkt übrigens schon lange wieder aus Schalke weg.

Zugegeben: Selbst wenn Bild.de direkt beim “Telegraaf” nachgelesen hätte, hätte noch die Chance bestanden, über den falschen Mann zu schreiben. Einmal bezeichnet der “Telegraaf” selbst nämlich Müller als “Möller”.

Mit Dank an Marcus B. und Nabil T.

B.Z., Brender, Wissenschaftsjournalisten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Online-Gebühren: Über den Wert von Qualitätsjournalismus”
(jensweinreich.de)
Sportjournalist Jens Weinreich setzt ab sofort Bezahlbuttons in seine Blogartikel. “Wer nichts zahlen möchte, weil ihm die Dienstleistung nicht gefällt, weil sie ihm nicht gut genug ist oder gar, obwohl sie ihm nützlich erscheint, trotzdem nichts zahlen möchte, weil er sich sagt: das Zeug gibt es doch sowieso umsonst; der hat Argumente, die ich schwerlich entkräften kann.”

2. “Blogs [metadiskussion]”
(2-blog.net, Luca Hammer)
Ein langer Text über die immer mal wieder aktuelle Debatte “Blogs sind tot”: “Ich sehe die Entwicklungen rund um Blogs sehr positiv. Die Technologie kommt weiter, die Inhalte werden besser, mehr Leute wissen was Blogs sind und wenn die anderen Medien endlich ihre Paywalls hochziehen, steht den Blogs eine tolle Zeit bevor.”

3. “LSVD entsetzt über B.Z.”
(queer.de, dk)
“Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) ist entrüstet über einen Kommentar in der Boulevardzeitung B.Z., in dem die Überfälle auf Homosexuelle in Berlin bagatellisiert werden.”

4. “Lauscher auf dem Lerchenberg”
(faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld über Hugo Diederich, der Nikolaus Brenders Äusserungen über das ZDF als “verbale Entgleisung” geisselte: “Das ZDF sei keine kleine DDR. Der Mann muss es wissen; er sitzt in jenem Fernsehrat des Senders, dessen Mitglieder die Ministerpräsidenten, die im Verwaltungsrat sitzen, als Vertreter vermeintlich unabhängiger gesellschaftlicher Gruppen auswählen und aus deren Mitte wiederum acht Gesandte für den Verwaltungsrat bestimmt werden.”

5. “Mit dem Zweiten spitzelt man besser?”
(spreegurke.twoday.net, Ursula Pidun)
Auch Ursula Pidun kommentiert die Auseinandersetzung: “So taff sich Brenders Worte also in diesen Tagen auch anhören mögen und so traurig die inhaltliche Brisanz für unsere Demokratie auch ist: Ein authentisch arbeitender Journalist hätte diese Zustände – so sie denn tatsächlich in dieser völlig inakzeptablen und verfassungswidrigen Form existent sind – bei Bekanntwerden sofort und auf der Stelle anzeigen und die Öffentlichkeit über die wahren Ausmaße in Kenntnis setzen müssen.”

6. “Splitter aus San Diego (IV): Die Journaille”
(scienceblogs.de/alles-was-fliegt, Alexander Stirn)
Ein Bericht von einem Jahrestreffen der Wissenschaftsjournalisten, das mit viel weniger deutschen Journalisten und ohne Party auskommen muss.

Here Comes “The Sun”

Es geschah John Lennon ganz Recht, dass er 1980 vom geistig verwirrten Mark David Chapman erschossen wurde. Das scheint zumindest “Bild am Sonntag” zu denken:

Das böse Omen der Beatles. Dieses bisher unveröffentlichte Foto zeigt John Lennon, der so tut, als würde er sterben. Zwölf Jahre später wurde er erschossen. Moral: Let it be!

Aber selbst wenn man den Versuch ignoriert, einen Zusammenhang zwischen Foto und Attentat zu konstruieren, und außer Acht lässt, dass “Let It Be” im gleichnamigen Beatles-Song sehr wahrscheinlich eher im Sinne von “lass es geschehen” denn als “lass es sein” gemeint sein dürfte, ist an diesen drei Sätzen noch etwas merkwürdig. Im Sinne von “falsch”.

Das laut “Bild am Sonntag” “bisher unveröffentlichte Foto” ist nämlich alles andere als bisher unveröffentlicht: Es ist Teil einer 23-teiligen Fotoserie, die seit 1998 in Galerien und Museen zu sehen ist — so auch im Jahr 2003 in Liverpool, der Heimatstadt der Beatles. Die BBC berichtete damals darüber und zeigt das Foto seitdem auf ihrer Website.

Vielleicht war “Bild am Sonntag” verwirrt, dass die Galerie, in der die Fotos zur Zeit zu sehen sind, schreibt, dass die Bilder für drei Jahrzehnte “unbesehen, weggepackt in der Dunkelheit, beinahe vergessen waren” — die drei Jahrzehnte zwischen ihrer Entstehung 1968 und der ersten Ausstellung eben.

Aber vielleicht hat “Bild am Sonntag” auch nur auf die Recherche-Qualität der britischen “Sun” vertraut, die am Samstag auf ihrer Internetseite von “unveröffentlichten Beatles-Fotos” schwadronierte, die “für Jahrzehnte in Umschlägen gelagert” gewesen seien.

Von der “Sun” scheint “Bild am Sonntag” zumindest auch die Information zu haben, dass die Fotos (von jedem gibt es 195 nummerierte und signierte Abzüge) “pro Stück 114.000 Euro” kosten sollen — was etwas unwahrscheinlich ist, wenn die Original-Dias laut Ausstellungankündigung vom Auktionshaus Christie’s mit 100.000 US-Dollar (ca. 74.000 Euro) und damit deutlich niedriger bewertet werden.

Trotz all dieser Ungereimtheiten gibt “Bild am Sonntag” an, mit dem Fotografen gesprochen zu haben.

PS:

Am 8. Dezember 1989 transportiert ein Leichenwagen den toten John Lennon vor dem Dakota-Building in New York ab

Keine Ahnung, was das für eine Leichenwagen ist, aber der tote John Lennon wurde damit ganz sicher nicht vor dem Dakota-Building abtransportiert. Lennon war nämlich schwerverletzt mit einem Polizeiauto zum Roosevelt Hospital Center gefahren worden, wo er schließlich für tot erklärt wurde.

Aber das mit John Lennons Tod scheint für deutsche Journalisten sowieso etwas schwierig zu sein.

Mit Dank an RisingEd.

Nachtrag, 24. Februar: Unser Leser Samuel J. wusste, was das für ein Leichenwagen ist: Tatsächlich (laut Getty-Images) der, in dem John Lennons Leiche transportiert wurde — nur eben nicht vor dem Dakota Building und kurz nach den Schüssen:

Der Leichenwagen mit der Leiche des ermordeten britischen Musikers John Lennon, geparkt vor dem Bestattungsinstitut Frank E. Campbell, New York City, Dezember 1980

(“Frank E. Campbell” steht übrigens gleich zwei Mal auf dem Eingang des Gebäudes — aber den hat “Bild am Sonntag” abgeschnitten.)

Bild  

Verwirbelte Verantwortung

Eine Woche vor dem Traditions-Derby des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund bemüht sich “Bild” weiterhin redlich, die Stimmung auf ein ungesundes Niveau anzuheizen. Nachdem “Sportbild” dem Dortmunder Profi (und erklärtem BVB-Fan) Kevin Großkreutz in einem Fragebogen einen Seitenhieb auf den Gelsenkirchener Konkurrenten untergejubelt hatte und sich daraus eine Schlagzeile zurechtbog (BILDblog berichtete), kann “Bild” heute in der Ruhrgebietsausgabe folgendes berichten:

KLOPP SCHÜTZT GROSSKREUTZ: "Ich habe schallend darüber gelacht"

Wirbel um den Kinderheim-Spruch von Kevin Großkreutz. Gestern schaltete sich sogar BVB-Trainer Jürgen Klopp (42) ein…

Das ist natürlich auch eine Art von Journalismus: Erst Windmaschinen aufstellen und dann den “Wirbel” beschreiben — fast so wie Feuerwehrmänner, die selber Brände legen.

“Eingeschaltet” hat sich Klopp übrigens gestern, als er auf einer Pressekonferenz auf den “Fall Großkreutz” angesprochen wurde. Und sich alsbald die Pressevertreter selbst vornahm:

… und die Freunde hier schaffen es tatsächlich, heute so’n Ding draus zu machen, um anschließend uns alle dazu aufzufordern, Ruhe zu bewahren, damit die Zuschauer sich nicht gegenseitig rund um so’n Spiel auf den Kopf hauen. (…)

Dann schafft Ihr’s jetzt tatsächlich, da so’n Thema draus zu machen — find ich beeindruckend, weil wir müssen anschließend dafür sorgen: “Ja, so war’s doch gar nicht gemeint …” (…) Bin ich gespannt, wie wir das hinkriegen.

“Bild” tut unterdessen so, als falle der Veröffentlichungstermin eines “Sportbild”-Fragebogens in den Zuständigkeitsbereich des Spielers:

Jetzt der dritte Großkreutz-Akt – nur eine Woche vorm nächsten Revier-Derby.

So richtig erfolgreich scheint “Bild” beim Anheizen aber nicht zu sein: Den Satz

Was für Klopp ein Scherz ist, empfinden viele Schalke-Fans als erneute Provokation von Großkreutz

untermauert “Bild” mit keinem einzigen Beispiel — dabei hätte sich in Schalker Fan-Foren sicherlich der ein oder andere böse Kommentar über Großkreutz gefunden.

Allerdings auch Einschränkungen wie diese:

Wobei man hier mal wieder sehr schön die perfide Stimmungsmache der BLÖD sehen kann: Sie titeln “Peinlicher Spruch von Großkreutz… der BxB-Profi heizt die Stimmung an, hat er denn nix gelernt?” , obwohl es sich um eine VORFORMULIERTE ANTWORTMÖGLICHKEIT in einem Sportblöd-Fragebogen handelt! Erst locken sie erwiesene geistige Tiefflieger auf derlei Aussagen und dann zündeln sie, um dann hinterher “unschuldig” auf Großk*** zu verweisen… Wahrscheinlich hoffen sie insgeheim auf “richtig schöne” Derbyausschreitungen, die sie dann genüßlich ausschlachten können.

Bei derlei Methoden kann ich gar nicht so viel essen, wie ich k**zen möchte! Und weder Schalker noch Dortmunder Fans sollten darauf reinfallen.

Offenbar wollte man nicht mal beim FC Schalke selbst auf den Zug aufspringen, den “Bild” so schön ins Rollen zu bringen versucht:

Die Königsblauen schütteln ob des neuen Vorfalls nur mit dem Kopf. Neuer: “Dazu sage ich nichts mehr…”

Das stand jedenfalls so ähnlich auch schon gestern in der Zeitung:

Nun der provozierende Heim-Spruch. Und Neuer? Der gibt sich cool: “Dazu sage ich nichts mehr.”

Drei Mal bezeichnet “Bild” im Artikel die von Kevin Großkreutz angekreuzte Antwortmöglichkeit im “Sportbild”-Fragebogen als “Kinderheim-Spruch”. So auch im letzten Satz des Artikels:

Großkreutz und der Kinderheim-Spruch – gestern hat Klopp ihm ein striktes Interview-Verbot erteilt. Bis zum Derby…

Und was das für ein Interview-Verbot war, erklärt Klopp vielleicht am Besten selbst im Wortlaut auf der Pressekonferenz:

Ich werde [Kevin] raten, einfach mit niemandem mehr über dieses Spiel zu sprechen. Sollten irgendwelche Interviews abgemacht sein, sind die in diesem Moment abgesagt, zum Thema Schalke. Weil er anscheinend machen kann, was er will, es wird anschließend ‘ne Riesengeschichte draus gemacht, weil er nun mal ‘n Dortmunder ist. Und deswegen wird’s keine Geschichte geben. Und ich bin am Überlegen, ob wir meine Termine, die in diesem Bereich abgeschlossen wurden, ob wir die nicht auch absagen. Es ist einfach zu gefährlich: Man kann nicht oft genug drüberlesen, um nicht anschließend ‘ne Geschichte zu machen, die man vier Tage wieder glattbügeln muss.

Und ich finde es so wichtig, dass es in diesem Spiel nur um Fußball geht und um nichts anderes; dass jeder dafür in der Verantwortung steht. Und ich werde meine Spieler darauf hinweisen, dass sie dieser Verantwortung gerecht werden. Ich werde ihr gerecht werden — und dann gibt’s Menschen, die wir nicht beeinflussen können, die müssen ihr aber auch gerecht werden. Und das ist anscheinend nicht so leicht.

Offensichtlich steht dem verantwortungsbewussten Verhalten von “Bild” vor allem eines im Wege: das Fehlen von Verantwortungsbewusstsein.

Bild  

Kurz korrigiert (499 & 500)

Kein Schwein will Spiele von Hertha BSC sehen, erklärt “Bild” heute in der Berliner Ausgabe:

Das letzte Liga-Heimspiel gegen Mainz (1:1) wollten nur noch 3715 Fans sehen. Saison-Minusrekord.

Nun weiß man nicht, wie viele Zuschauer beim Spiel gegen Mainz auch Fans waren, aber selbst davon dürften es mehr als 3.715 gewesen sein. Im Stadion waren jedenfalls 36.715 Menschen, wie mehrere Quellen übereinstimmend berichten.

* * *

Jetzt wurden Liebesbriefe von John F. Kennedy († 38) an eine schwedische Geliebte veröffentlicht.

Anders als “Bild” heute behauptet, ist John F. Kennedy nicht im Alter von 38 Jahren gestorben, sondern mit 46. Da muss wohl jemand den US-Präsidenten beim Googeln mit seinem Sohn John F. Kennedy, Jr. verwechselt haben, der 1999 mit 38 tödlich verunglückt ist.

Mit Dank an Horst, Basti, Martin K., und H.

Nachtrag, 19. Februar: Bild.de hat beide Fehler korrigiert.

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