Die spektakuläre Rettungsaktion für die chilenischen Bergleute, die 69 Tage in mehr als 600 Metern Tiefe eingeschlossen waren, war auch ein Medienereignis: Seit Monaten wurde das Schicksal der Männer medial begleitet, ihre Rückkehr an die Erdoberfläche wurde weltweit live übertragen, teils rund um die Uhr.
Dennoch sind laut “Spiegel Online” die wichtigsten Fragen immer noch unbeantwortet:
(Wenn Sie auch ernst zu nehmende Antworten auf diese Fragen erwarten, ist “Spiegel Online” allerdings der falsche Ort, danach zu suchen.)
Einer weiteren brennenden Frage hat sich “Welt Kompakt” angenommen: Was waren das eigentlich für geile Sonnenbrillen, die die Kumpels trugen?
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Spiegel-Online und die Studie zur Geschlechtergleichstellung” (campus-web.de, Sebastian Eckert)
Sebastian Eckert prüft die Meldung “Deutschland fällt bei Frauen-Gleichstellung zurück” auf “Spiegel Online”. “Anstatt dass der Spiegel titelt: ‘Frauen in Deutschland gleichgestellter denn je’, spricht er von einem (nominalen) Rückfall im Ländervergleich. Das stimmt natürlich, Platz 13 ist schlechter als 12. Im internationalen Vergleich hat man sich aber nicht ‘deutlich verschlechtert’.”
2. Interview mit Markus Notter (zeit.de, Peer Teuwsen)
Peer Teuwsen diskutiert mit Markus Notter, sozialdemokratischer Regierungsrat im Kanton Zürich, die Frage, wie sich Medien und Politik gegenseitig beeinflussen: “Alles, was in der Boulevardpresse auf der Front erscheint, interessiert die Politiker. Aber mehr nicht. (…) Es hat eine flächendeckende Boulevardisierung der Themen und ihrer Aufbereitung stattgefunden. Das scheint kommerzielle Gründe zu haben.”
4. “Unsere tägliche Desinformation” (blog.markusgaertner.com)
Markus Gaertner holt die Schlagzeile “OPEC boosts oil demand forecast” auf den Boden zurück.
5. “Welt des Journalismus (17)” (zweitens-magazin.de, max)
Max hat sich den Film “Bad Boy Kummer” über Tom Kummer angesehen. “All die Empörung seiner Weggefährten von einst, die ihren Beruf bedroht sehen durch seine Machenschaften, sie geht am Punkt vorbei: dieser Mann machte keinen Journalismus, auch keinen New Journalism und keinen Borderline-Journalism, er arbeitete im und mit dem Journalismus, um etwas Umfassenderes zu diskutieren, vielleicht ohne es dabei selbst zu durchschauen.”
“Bild” traut dem Urteilsvermögen der eigenen Leser nur bedingt. Deswegen schrieb die Zeitung gestern beispielsweise schon mal über einen Artikel, was von dessen Inhalt zu halten sei:
Dabei würde wohl sowieso kaum jemand gut finden, was “Bild” da beschreibt:
Ein Student der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe hat ein Computerspiel entwickelt – ausgerechnet zum Todesstreifen an der DDR-Grenze (872 Tote).
Unfassbar: Man kann dort als Grenzsoldat zu den Klängen der DDR-Nationalhymne Flüchtlinge erschießen! Und bekommt dafür auch noch Orden und Punkte!
Ein Computerspiel, in dem man auf Republikflüchtlinge schießt und dafür Punkte bekommt, das ist wirklich geschmacklos — dieser Eindruck musste zumindest bei Leuten entstehen, die sich nur in “Bild” über das Spiel “1378 (km)” informierten.
Bild.de findet das Spiel auch “widerwärtig”, hat aber immerhin ein paar zusätzliche Informationen zur Hand:
Die Grenzsoldaten sollen die Flüchtlinge stoppen – mit oder ohne Waffengewalt.
Wer zu viele Flüchtlinge abschießt, wird zuerst mit einem Orden ausgezeichnet, findet sich dann aber im Jahr 2000 auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder.
Das mit den Mauerschützenprozessen ist natürlich ein nicht ganz unwichtiges Detail, wie man auch erahnen kann, wenn Bild.de den Entwickler Jens M. Stober selbst zu Wort kommen lässt:
Über die virtuelle Verhaftung nach drei Abschüssen sagt Stober gegenüber BILD: “Da soll es beim Spieler Klick machen, dass er sich der geschichtlichen Besonderheit des Spiels bewusst wird.”
Stober ausführlicher zu dpa:
“In dem Spiel kann man sich selbst hinterfragen: Wie verhalte ich mich?”, erklärt Spielentwickler Stober. “Man kann zu dem Schluss kommen: Ich schieße nicht auf meine eigenen Landsleute.” Der 23- Jährige hat zahlreiche Denkanstöße in das Spiel eingebaut. Wahlloses Herumballern ist nicht vorgesehen. Entscheidet sich der Grenzsoldat zum tödlichen Schuss, wird er zwar vom DDR-Regime mit einem Orden ausgezeichnet, gleich darauf jedoch ins Jahr 2000 teleportiert: Dort wird ihm ein Mauerschützenprozess gemacht. Der Spieler ist zwischen 30 und 60 Sekunden aus dem Spiel genommen – und hat Zeit zum Nachdenken.
Selbst gespielt scheint der Bild.de-Reporter das Spiel übrigens nicht zu haben:
“1378 (km)” basiert auf einer Modifikation der Software des sogenannten Ego-Shooter-Spiels “Half-Life 2”, soll aber den Angaben nach kein typisches Ballerspiel sein.
Angeblich soll so auf neue Art und Weise das Interesse der jungen Generation “zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte” geweckt werden, sagte Stober. “Über ein Computerspiel kann man Jugendliche besser erreichen.”
Damit ist der Reporter allerdings nicht allein: Auch der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, die Politiker Markus Meckel (SPD), Norbert Geis (CSU) und Gesine Lötzsch (Die Linke), der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, und ein ehemaliger DDR-Bürger, die sich bei dpa und “Spiegel Online” in höchster Erregung über das “Killerspiel” empören dürfen, haben das Spiel bisher nicht zu Gesicht bekommen (und würden das Angebot, sich selbst ein Bild zu machen, womöglich brüsk zurückweisen).
Um “zur Versachlichung der Diskussion beizutragen” hat die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der Jens M. Stober das Spiel als Seminararbeit konzipiert hat, die für Sonntag geplante öffentliche Präsentation von “1378 (km)” bereits am Dienstag abgesagt, die Veröffentlichung des Spiels verschoben.
Mit Dank an Patrick, Hannes K., Oliver S., Manniac, Lars und Steven L.
Bei “Spiegel Online” werden Meldungen von Nachrichtenagenturen in aller Regel nicht veröffentlicht, ohne von einem Redakteur noch einmal bearbeitet worden zu sein. Das ist nicht immer eine gute Idee.
Mit eintägiger Verzögerung ist eine Sojus-Kapsel mit drei Astronauten der Internationalen Raumstation ISS sicher in der kasachischen Steppe gelandet. (…) Die drei Astronauten sind wohlauf. Zur Begrüßung gab es eine Gurke.
Das mit der Gurke fand der Redakteur so interessant, dass er auch die Überschrift daraus machte:
Verwirrenderweise heißt es aber am Ende seines Artikels dann:
“Wir sind sanft und zart auf der Erde aufgekommen”, sagte Kosmonaut Alexander Skworzow, der am Samstag als erstes aus der Kapsel stieg. Wie in Russland traditionell üblich, reichten ihm Helfer als erstes Nahrungsmittel einen Apfel. Skworzow biss breit grinsend hinein, merkte dann aber an, dass er nächstes Mal lieber eine Gurke hätte. “Wir müssen die Tradition ändern”, sagte er. “Ich hatte seit einem halben Jahr keine Gurke mehr!”
Hm. Hätte es dann nicht in der Überschrift heißen müssen: “Verspätet gelandet, ohne Gurke begrüßt”? Welche von den beiden Versionen stimmt denn nun?
Die überraschende Antwort lautet: keine. Jedenfalls heißt es in der AFP-Meldung, auf der der “Spiegel Online”-Bericht beruht, dass die Kosmonauten zwar mit dem klassischen Apfel begrüßt worden seien. Nicht Skworzow, sondern sein Kollege Kornjenko habe dann aber gesagt: “Wir müssen die Tradition ändern. Ich hatte seit einem halben Jahr keine Gurke mehr!”
Ein Tag später veröffentlichte AFP dann noch eine aktualisierte und um ein Happy-End ergänzte Fassung:
Prompt wurde ihm sein Wunsch erfüllt: Der Weltraumfahrer bekam seine Gurke.
So gesehen stimmt natürlich jetzt die “Spiegel Online”-Überschrift wieder. Auf eine Art.
Die Sonne ist heute in Berlin um zwei Minuten später aufgegangen als gestern. Erstaunlicherweise war das aber nicht einmal “Spiegel Online” einen unheilschwangeren Artikel wert. Das könnte daran liegen, dass die Entwicklung abzusehen war. Das allein erklärt die fehlenden Schlagzeilen aber nicht.
Heute morgen ist der Aktienkurs der Deutschen Bank eingebrochen, und das Bemerkenswerte daran ist, dass man das gestern schon wissen konnte. Die Aktie wird nämlich seit heute ohne das Bezugsrecht auf die neuen Aktien gehandelt, die das Unternehmen ausgeben wird, und der Kurs liegt um den Wert dieses Bezugsrechtes niedriger. Deshalb war klar, dass unabhängig von irgendwelchen anderen Einflüssen allein aus technischen Gründen die Aktie um diesen Betrag niedriger in den Handel gehen würde, das macht über acht Prozent aus.
Aktien-Experten wussten das. Und zum Beispiel die “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” hat es ihren Lesern freundlicherweise vorab schon erklärt; “Der Aktionär” riet online vor der Börsenöffnung: “Aktionäre der Deutschen Bank sollten beim Anblick des heutigen Kurses nicht in Panik verfallen.”
Nun sind aber, anders als man vielleicht glauben könnte, Journalisten, die über Aktien berichten, nicht unbedingt Aktien-Experten. Und wer ahnungslos auf die reinen Zahlen schaut, gerät schnell und ganz unnötig ins Hyperventilieren.
Wie die Nachrichtenagentur AFP. Die meldete heute morgen um 9.22 Uhr:
Deutsche-Bank-Aktien stürzen nach Gewinnwarnung acht Prozent ab
Frankfurt/Main, 22. September (AFP) – Die Aktien der Deutschen Bank sind am Mittwoch nach einer Verlustwarnung des Konzerns vom Vortag massiv abgestürzt. Die Papiere des Konzerns verloren an der Deutschen Börse in Frankfurt am Main kurz nach Handelsstart über acht Prozent. Deutschlands größte private Bank hatte am Dienstag mitgeteilt, dass sie für das dritte Quartal von Juli bis September mit einem Verlust rechnet. (…)
Noch einmal: Der “Absturz” war schon am Tag vorauszusehen und er hatte nichts mit der Gewinnwarnung zu tun.
Doch obwohl Reuters bereits eine halbe Stunde zuvor den Abschlag von 8,8 Prozent berichtet und richtig eingeordnet hatte, wurde die sensationsheischende Falschmeldung von AFP mit der branchenüblichen Besinnungslosigkeit von den Online-Medien übernommen. “Spiegel Online” meldete aufgeregt:
Aktie tief im Minus: Anleger strafen Deutsche Bank ab
An der Frankfurter Börse spekulieren die Investoren massiv gegen die Deutsche Bank: Nachdem das Institut vor einem Verlust warnen musste, fiel die Aktie am Mittwochmorgen um bis zu acht Prozent in die Tiefe. Bereits am Vortag war der Kurs abgestürzt.
Frankfurt am Main – Aktien der Deutschen Bank sind am Mittwoch nach einer Verlustwarnung vom Vortag massiv abgestürzt. Der Konzern rechnet für das dritte Quartal mit einem negativen Ergebnis. Diese Nachricht gab das größte deutsche Geldhaus bereits am Dienstag bekannt – woraufhin der Aktienkurs um rund fünf Prozent fiel. Doch auch am Mittwochmorgen ist noch keine Erholung in Sicht. Im Gegenteil: Die Papiere notierten am Vormittag zeitweise mit rund acht Prozent noch kräftiger im Minus.
“Welt Online” titelte: “Nach Verlustwarnung: Deutsche-Bank-Aktien stürzen in den Keller”, die Internetableger von “Stern” und “Rheinischer Post” schrieben: “Nach Gewinnwarnung: Deutsche-Bank-Aktien stürzen acht Prozent ab”.
Es dauerte bis 15:51, bis AFP in einer Meldung den Sachverhalt richtig darstellte, allerdings ohne die Falschmeldung vom Morgen explizit zu korrigieren. Aber auch “Welt Online” und “RP-Online” verzichteten darauf, den Fehler ihren Lesern zu erklären, und verbesserten nur klammheimlich ihre Artikel. “Spiegel Online” hat seiner neuen Fassung, die plötzlich harmlos “Bezugsrechtehandel drückt Aktienkurs” heißt, immerhin einen Hinweis auf den früheren Fehler hinzugefügt.
Beim Rumpfonlineangebot des “Stern” steht natürlich weiterhin die alte Falschmeldung. Rechnet man den rein technischen Kursrückgang heraus, hat die Deutsche-Bank-Aktie heute übrigens sogar an Wert gewonnen.
Amerikanischer Verschwörungstheoretiker müsste man sein! Dann würden die europäischen Medien über einen berichten — wenn es denn das ist, was man will.
Doch von Anfang an: Das “International Center for 9/11 Studies” ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Anschläge vom 11. September 2001 besser verständlich zu machen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Einsturz des WTC 7, jenes Gebäudes des World Trade Centers, das – anders als die beiden berühmten Türme – nicht selbst von einem Flugzeug getroffen wurde. Hinter dem Kollaps dieses Hochhauses vermuten Verschwörungstheoretiker eine gezielte Sprengung.
Das “National Institute of Standards and Technology” (NIST) wiederum ist eine Normierungsbehörde in den Vereinigten Staaten, die auch zahlreiche bautechnische Untersuchungen zum Einsturz des World Trade Centers durchgeführt hat. Im Jahr 2008 veröffentlichte das NIST eine Untersuchung über den Einsturz von WTC 7, deren ursprüngliche Fassung nach zahlreichen Hinweisen des Zentrums für 9/11-Studien noch einmal etwas überarbeitet werden musste. Es gibt also seit längerem ein gewisses Spannungsfeld zwischen dem Verein und der Behörde.
Unter Berufung auf den Freedom of Information Act, der jedem US-Bürger Einblick in Regierungsdokumente erlaubt, hat das 9/11-Zentrum vom NIST die Herausgabe von Gutachten, Plänen und Detailzeichnungen statischer Elemente des WTC 7 gefordert (PDF) — und die Herausgabe aller Videos und Fotos, die bei der Untersuchung des Einsturzes durch das NIST verwendet wurden.
In einer Pressemitteilung schreibt das 9/11-Center, dass das NIST das Material erst herausgegeben habe, nachdem das Center Klage eingereicht habe. Diese Klage ist ein bisschen nebulös: Außer in dieser Pressemittelung lässt sich kein Hinweis dazu finden. Auch lässt das Center selbst offen, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Klage und Herausgabe gibt oder nur einen zeitlichen, und ob es tatsächlich zu einer Verhandlung oder gar einem Urteil gegen das NIST kam.
Als das Material, das eine bunte Sammlung von Fotos und Videos von privaten Nutzern und Medien darstellt, dem Verein vor kurzem dann endlich übergeben wurde, fing der an, es auf YouTube hochzuladen — eine Nachricht, die in den USA außer den üblichen Verschwörungswebseiten näherungsweise niemanden interessierte.
Ganz anders in Europa: Mit der Internetseite der “Neuen Zürcher Zeitung” fing letzte Woche alles an. Die erklärte erst noch einigermaßen korrekt:
[Die Videos] gleichen im wesentlichen denjenigen, die schon am 11. September 2001 und kurz danach im Fernsehen gezeigt wurden. Darunter befinden sich aber auch die Szene [sic] aus der Sicht von direkt Beteiligten, etwa von Feuerwehrmännern oder von Eingeschlossenen.
Nur um dann hinzuzufügen:
Die Aufnahmen blieben während Jahren unter Verschluss.
Eine Formulierung, die so oder so ähnlich von allen anderen Medien übernommen wurde, die aber grob irreführend ist: Das NIST hatte die Aufnahmen ja nur für seine Untersuchungen zusammengetragen, nicht etwa beschlagnahmt. Die Originalaufnahmen existierten weiterhin und wurden teilweise veröffentlicht (zum Teil live am 11. September 2001 selbst) und teilweise eben nicht. Bei der Menge des Materials lässt sich schlecht sagen, was davon schon veröffentlicht wurde und was nicht, und anders als Texte lassen sich Videos auch nur bedingt googeln. Schon unter den Clips, die das 9/11-Center mit seiner Pressemitteilung online gestellt hat, finden sich aber prompt zwei, die schon seit mindestens drei Jahren auf YouTube zu sehen sind.
“NZZ Online” zeigte die beiden seit Jahren veröffentlichten Videos als zwei von drei Beispielen für die “bisher unbekannten Videos”. Und weil die Formulierungen zur Klage gegen das NIST in der Pressemitteilung etwas vage waren und der Autor von “NZZ Online” auf jede weitere Recherche verzichtete, wie er uns auf Anfrage mitteilte, lautet die Formulierung dort ähnlich vage:
Die Veröffentlichung erfolgt unter dem Druck einer Klage des International Center for 9/11 Studies.
Obwohl sich “NZZ Online” ausschließlich auf das Center for 9/11 Studies selbst stützt, reichte der gute Ruf der “Neuen Zürcher Zeitung” einigen Journalisten offenbar aus, die Angaben ungeprüft zu übernehmen. Und damit existierte plötzlich eine neue, vermeintlich seriösere Quelle:
Wie die “Neue Züricher Zeitung” in ihrem Internetangebot berichtet, seien die Videos in den vergangenen neun Jahren durch das National Institute of Standards and Technology (Nist) unter Verschluss gehalten worden.
Auch Bild.de (BILDblog berichtete), express.de, FAZ.net und “Focus Online” schlossen sich an. “Spiegel Online” erklärte gar, die Veröffentlichung der “jahrelang unter Verschluss gehaltenen” Aufnahmen sei “vor Gericht” erzwungen worden, wofür sich nun wirklich überhaupt kein Beweis mehr finden lässt.
Und weil ein paar europäische Journalisten auf der Suche nach einer guten Story und beeindruckenden Bildern auf ernstzunehmende Recherche verzichtet haben, glauben jetzt ein paar Millionen Internetnutzer, dass sie bisher unbekannte Videos gesehen haben, für die amerikanische Verschwörungstheoretiker vor Gericht gezogen sind.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.
Nachtrag, 15. September: Das International Center for 9/11 Studies hat uns gegenüber bestätigt, dass es keine gerichtliche Entscheidung gegen das NIST gegeben hat. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen der eingereichten Klage und der Freigabe des Bildmaterials durch das NIST besteht, ließ das Center selbst offen.
In den USA konnte sich ein Mann einige Tage nicht in ein Online-Spiel-Netzwerk einloggen, weil dessen Betreiber den Wohnort des Mannes für einen Witz hielt: Fort Gay.
“Hihi”, dachte man sich da bei “Spiegel Online”, “‘Schwulburg’, das ist ja witzig”, und kalauerte weiter:
Es ist kein Zufall, dass “Fickdorf” – im Gegensatz zu den anderen genannten Orten – nicht mit einem Link unterlegt ist: Ein Ort dieses Namens ist nämlich nirgends zu finden.
Es ist ein Glücksfall für die Boulevardmedien dieser Republik: Die Richter des “Brunner-Prozesses” (benannt nach dem Opfer Dominik Brunner) haben das Staffelholz an die Richter des “Kachelmann-Prozesses” (benannt nach dem Angeklagten Jörg Kachelmann) übergeben, die Gerichtsreporter müssen ihre Koffer gar nicht erst auspacken und beleben nach der Münchener jetzt die Mannheimer Hotelwirtschaft. Vorher gab es in München aber noch die Urteile: Neun Jahre und zehn Monate Jugendhaft wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung für den 19-jährigen Haupttäter, sieben Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie versuchter räuberischer Erpressung für seinen 18-jährigen Mittäter.
Das mit der Körperverletzung mit Todesfolge hatte Bild.de Anfangs allerdings nicht ganz verstanden und zum “Totschlag” umdeklariert:
Überhaupt: Während andere Medien Dominik Brunner mit seiner Berufsbezeichnung (“Geschäftsmann” oder “Manager”) versehen, war er für “Bild” und Bild.de von Anfang an der “S-Bahn-Held”, der “vier Kinder vor zwei Schlägern beschützte”. Schon wenige Tage nach dem tödlichen Vorfall am S-Bahnhof Solln forderte die Zeitung das Bundesverdienstkreuz für Brunner und rief ihre Leser auf, den Appell an den Bundeskanzler Bundespräsidenten zu unterschreiben. Horst Köhler machte eine seltene Ausnahme und verlieh Brunner posthum das Verdienstkreuz 1. Klasse, worüber “Bild” wiederum groß berichtete.
Im Februar berichtete der “Spiegel” erstmalig, dass Brunner “den ersten Fausthieb setzte” — eine Meldung, die auch auchvonanderenMedien interessiert aufgenommen wurde. “Bild” versteckte eine kleine Meldung auf Seite 3 und bemühte sich sofort um eine Einordnung in den Helden-Kontext:
Jetzt geht die Staatsanwaltschaft München davon aus, dass Brunner zwar zuerst zuschlug – aber nur aus Notwehr, um dem Angriff der Jungs zuvorzukommen (“SZ”).
“Bild” und Bild.de konzentrierten sich (außer einem Hinweis darauf, dass dem “Münchner S-Bahn-Held Dominik Brunner” ein Denkmal gesetzt werden soll) lieber auf den Prozess, der im Juli begann, und liefen gleich zu Beginn zu Höchtsleistungen auf: Die Schwestermedien eröffneten ihre Prozessberichterstattung, indem sie auf die “besondere Zurückhaltung”, die der Pressekodex bei der Berichterstattung über Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Jugendliche fordert, verzichteten (BILDblog berichtete).
Dann ging es los: Rührselig zitierte Bild.de eine SMS, die auf Brunners Handy eingegangen sei, als dieser schon tot war (“Der tote S-Bahn-Held erhielt einen Herzensgruß für seinen letzten Weg”). Aus der “Ex-Freundin”, die ihm diese Nachricht geschickt hatte, wurde dann kurze Zeit später seine “Lebensgefährtin”.
Ein 18-Jähriger, der vorab in einem eigenständigen Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung zu einem Jahr und sieben Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden war (“Bild”: “Gericht lässt 1. Täter laufen”), wurde bei Bild.de zum “Anstifter der Schläger”, der sich aus diesem Grund kein Urteil über die Situation erlauben dürfe:
Christoph T.: “Für mich ist dieser ausschlaggebende Punkt der Schlag von Herrn Brunner” – das sagt ausgerechnet der Anstifter der Schläger!
Dass der junge Mann beim tödlichen Angriff auf Brunner gar nicht dabei war und schon deshalb nur bedingt als Zeuge taugt, ist Bild.de immerhin aber auch noch aufgefallen:
Der Anstifter hat Dominik Brunner zwar nie gesehen – doch ohne ihn wäre der Mord am S-Bahnhof Solln am 12. September 2009 wohl nie geschehen!
Dann wiederholte der S-Bahn-Führer im Zeugenstand seine Aussage, dass Brunner den ersten Schlag gesetzt habe und die Situation erst daraufhin eskaliert sei (ein Umstand, von dem “Spiegel Online”-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen irritierenderweise annahm, er sei “erst jetzt, zu Prozessbeginn, der Öffentlichkeit mitgeteilt” worden). Zusammen mit dem Obduktions-Ergebnis, nach dem Dominik Brunner einen vergrößerten Herzmuskel hatte und letztlich an Herzversagen gestorben sei, ergab sich plötzlich ein etwas anderes Bild und viele Medien fragten sich selbstkritisch, ob sie nicht voreilig über die Situation am S-Bahnhof Solln geurteilt hätten. Viele, aber natürlich nicht alle.
“Bild” fand diese neuen Töne “unglaublich!”, und reagierte erschüttert auf die Medienberichte:
ZUM HELDEN HOCHSTILISIERT? ANGEBLICH TOTGETRETEN? PRÜGELNDER KAMPFSPORTFREUND?
Die Wahrheit ist: Nichts ist anders seit dem Wochenende! Nur, dass dem Opfer nun sogar im Grab die Ehre genommen werden soll.
Wohl weil die Verklärung Brunners andernorts ins Stocken geraten war, packte Tanit Koch noch eine Schüppe Poesie drauf:
Er hat diesen Bürgersinn nicht etwa mit seinem Leben bezahlt – es wurde ihm geraubt. (…)
Dominik Brunner starb nicht, weil er ein vergrößertes Herz hatte.
Der S-Bahn-Held starb, so erkennt die “Süddeutsche Zeitung” zu Recht an, weil er ein “großes Herz” hatte.
Franz Josef Wagner schließlich wusste es sowieso wieder besser als alle anderen und schrieb dem “lieben Held Dominik Brunner” ins Jenseits, “gegen Ihr Herzflimmern mussten Sie Mittel nehmen”. Gegen einen Herzfehler, von dem Brunner selbst Zeit seines Lebens nichts geahnt hatte.
Die Linie blieb also klar und das, was in anderen Medien “Präventivschlag” hieß, wurde bei Bild.de zum “Abwehrschlag” umdeklariert und taucht in der “Chronologie der tödlichen S-Bahn-Attacke”, wie sie heute noch online steht, gar nicht auf:
Der Mann steigt mit den Jugendlichen aus, die beiden Angreifer folgen ihnen. Plötzlich greifen sie den Mann an, er fällt zu Boden, sie treten weiter auf ihn ein.
Die Aussage des S-Bahn-Führers über Brunners Erstschlag ließ “Bild” erst mal unter den Tisch fallen und schrieb erst darüber, als ein “Lügenforscher” die Aussage “relativiert” hatte — gegenüber der Münchener Boulevardzeitung “tz”, wohlgemerkt, nicht gegenüber dem Gericht.
Der Beschreibung Brunners als “sozial besonders engagiert” setzte “Bild” die “kaputte Kindheit” und das “verpfuschte Leben des zweiten Brunner-Totschlägers” entgegen, dem die Zeitung nicht mal seine vor Gericht gezeigte Reue abnahm:
Sebastian L. behauptete: “Es tut mir auf jeden Fall wahnsinnig leid, es hätte nicht passieren müssen. Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen.”
Selbst Details der Gewalt, die eigentlich für sich sprechen, hat “Bild” noch zugespitzt: Wenn der Angeklagte Markus S. “einen Schlüsselbund aus der Tasche und als Waffe zwischen die Finger” nimmt, ist das nicht nur “schlimm” oder “brutal” oder wie immer man das nennen würde, für die Schlagzeilenmacher bei “Bild” ist es “Der Schlüssel-Trick des S-Bahn-Schlägers”.
Über die erste Aussage dieses Angeklagten wusste Bild.de zu berichten:
Kein Mitleid, keine Reue, keine Tränen. Nein! Seine ersten Worte in dieser Verhandlung sind der blanke Hohn: “Ich habe einen Hass auf die Polizei.” Ungläubiges Kopfschütteln im Gerichtssaal.
(In der Bildunterschrift und der URL übrigens: “Ich hasse die Bullen.”)
Harte Worte, die aber trotzdem niemanden außer den “Bild-Reporter erschüttert zu haben scheinen: Für das Zitat findet sich keine einzige andere Quelle.
Auch mit einem anderen Detail stand “Bild” etwas alleine da:
Der damals 18-jährige Markus S. habe zweimal gerufen: “Ich bring’ dich um! Ich bring dich um!”, während er auf Brunner eingetreten und geschlagen habe, sagte die 16-jährige Schülerin, die das Ganze vom Bahnsteig gegenüber verfolgt hatte, vor dem Landgericht München aus.
Bei der Polizei hatte Vera B. drei Tage nach der Tat ausgesagt, dass einer der Täter zu Dominik Brunner gerufen hätte: “Ich bringe dich um!” Nun kann sie dies aber nicht mehr ganz sicher bestätigen.
Es sind letztlich eher Kleinigkeiten, die “Bild” anders wiedergibt als die meisten anderen Medien. Die Brutalität, mit der die Schläger vorgingen, zeigt sich auch daran, dass das Gericht mit seinen Urteilen nur knapp unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft blieb. Aber es sind viele Kleinigkeiten, mit denen “Bild” das Gesamtbild verzerrt — immer darauf bedacht, das früh gezeichnete Bild vom “S-Bahn-Helden” nicht zu beschädigen.
Über den “Kachelmann-Prozess” wird in “Bild” übrigens die Journalistin Alice Schwarzer berichten — weil sie eine “voreingenommene Berichterstattung” der “anderen Leitmedien” befürchtet.
Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber in den letzten Monaten.
Es ist schon ein Kreuz mit den Religionen! Nur die wenigsten Anhänger des Islam sind islamistisch und die evangelikalen Christen haben nur sehr wenig mit der Evangelischen Kirche zu tun. Wer soll sich da noch auskennen?
Bild.de schon Mal nicht: Das Fachmagazin für christliche Werte schreibt über die Ankündigung eines radikalen evangelikalen Pfarrers aus Florida, am 11. September eine Koran verbrennen zu wollen, Folgendes:
Ursprung des Religion-Mischmaschs waren wohl gleich zwei Agentur-Meldungen, die den christlichen Fundamentalisten zum evangelischen Priester Pastor machten: Um 10.05 Uhr hatte die Nachrichtenagentur AFP den Fehler verbreitet und schickte 34 Minuten später eine Korrekturmeldung. Um 11.17 Uhr folgte der Basisdienst der dpa in Hamburg mit dem gleichen Fehler. Dass die Agentur seit dem Nachmittag mehrere Meldungen ohne die Verwechslung publiziert hat, wurde bei vielen Abnehmern offenbar nicht zur Kenntnis genommen.
Aber die Worte des Herrn haben schon immer ihre Zeit gebraucht, um zu allen durchzudringen.
Mit Dank an Florian V., Ivo B. und Arne A.
Nachtrag, 9. September: “Tagesanzeiger” und “Die Presse” haben ihre Artikel inzwischen korrigiert.
Es gibt wohl kaum etwas, was Michaele Salahi nicht täte, um bekannt zu werden
erklärt “Spiegel Online” und ist sich der Ironie dieser Aussage offenbar nicht bewusst.
Michaele Salahi und ihr Mann jedenfalls sind “mit einer Unverfrorenheit” schon einmal “vorübergehend groß heraus” gekommen:
Die Ex-Cheerleaderin der Washington Redskins und der Winzer schafften es, sich uneingeladen zu einem Staatsdinner ins Weiße Haus zu stehlen.
Was “Spiegel Online” nicht ahnen konnte: Wer es schafft, sich selbst ins Weiße Haus zu schmuggeln, der schafft es auch, sich als frühere Cheerleaderin der Washington Redskins auszugeben. In einem Artikel über Salahis Auftritt mit den Cheerleaderinnen betont die “Washington Post” jedenfalls vier Mal, dass sich niemand daran erinnern konnte, dass die Frau jemals Mitglied gewesen sei:
Ihre Zweifel stiegen, als Salahi einige grundlegende Cheerleader-Routinen nicht ausführen konnte, darunter die Standard-Choreographie zum Teamsong “Hail to the Redskins”.