Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Auch kleine Wachhunde können beissen” (nzz.ch, ras.)
Für die NZZ führen die Medienblogger die klassische Medienkritik weiter, “während sich die gedruckten Titel zusehends auf News, Skandale, Klatsch und Häme spezialisiert haben”. “Jene, die den Niedergang der Medienkritik beklagen oder die geringe Wirkung ihrer kritischen Tätigkeit beklagen, könnten von den Internet-Aktivisten einiges lernen. Sie sollten ebenfalls die grossen Potenziale des Internets nutzen. Wenig ergiebig wäre es, weitere medienkritische Symposien durchzuführen.”
2. “Steinbrück über Medien” (evangelisch.de)
Ex-Finanzminister Peer Steinbrück beobachtet Politiker, die “mediale Zwänge bis in die Privatsphäre hinein” befolgen. Die Medien hingegen würden die Stimmung nicht nur beschrieben, sondern sie erzeugen und damit selbst “zunehmend zu politisch Handelnden” werden. Steinbrück: “Es geht vor allem darum, Einfluss zu nehmen auf die Bundesliga der politischen Köpfe. Wer gewinnt, wer verliert?”
3. Im Test: niiu (streim.de, Andreas Streim)
Andreas Streim hat sich die individuelle Tageszeitung niiu mal angesehen: “Auf mich wirkt ‘niiu’ nicht wie eine neue Zeitung, sondern eher wie ein Pressespiegel für alle. Ob sich das bei Normalzeitungslesern durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, vor allem wegen der ersten Schwachstelle, der Artikel, die nirgendwo fortgesetzt werden.”
4. “Bürgerschreck mit Kaufmannslehre” (faz.net, Sven Astheimer) Martin Sonneborn war auch mal sowas wie ein Praktikant: “1989 wandte sich Sonneborn an ‘Eulenspiegel’, das einzige zu DDR-Zeiten geduldete Satire-Magazin, welches nun sein gesamtdeutsches Publikum suchte. Ihm imponierte, dass der Verlag vom Osten in den Westen ging und den Preis verdoppelte, deshalb fragte er um ein Praktikum nach. ‘Die wussten nicht, was das ist, und ich eigentlich auch nicht.’ Man fand trotzdem zusammen.”
5. “Futur 3.0” (epd.de, Sylvia Meise)
“Das Ellbogengedrängel am Medienkalender hat die Zeitpunkte unscharf werden lassen. Jubiläen wurden erst ein, dann zwei Monate, jetzt schon mal ein Jahr und mehr vorgefeiert: Erster! Manchen Verlag grämt’s. Darwins Geburtstag im Februar war schon im Dezember des Vorjahres verwurstet. Wer wollte dann noch Bücher dazu haben?”
6. “Was ist ein Bratwurstjournalist?” (blog.nz-online.de/vipraum)
Hardy Prothmann gibt jenen, deren “muntere Zeilen” die Umblätterer in lobenswerter Form sammeln, einen Namen. Bratwurstjournalist. “Der typische Bratwurstjournalist schreibt immer dieselben blöden, langweiligen, ausgelutschten Formulierungen, wie man sie täglich in fast jeder Lokalzeitung lesen kann.”
“Papier ist geduldig und Zahlen können sich nicht wehren”, hat mein Mathelehrer immer gesagt. “q.e.d.” könnte man hinzufügen. Heute auf Seite 1 der “Bild”-Zeitung:
“Bild”-Wirtschaftschef Oliver Santen beruft sich in der Meldung auf das statistische Bundesamt, das gestern in einer Pressemitteilung bekannt gegeben hatte, dass Ende September 2009 in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes rund 233.000 Personen weniger als im September 2008 beschäftigt waren — und folgert (“siehe Tabelle”):
Seit Januar sind demnach 861.000 Jobs in der Industrie gestrichen worden.
Um auf diese imposante Zahl zu kommen, hat Santen einfach für die Monate Februar bis September 2009 die jeweilige Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat (also Februar bis September 2008) addiert.
Noch bevor die Zeitung heute am Kiosk lag, hatte es die Sensationsmeldung in die Newsticker der Presseagenturen geschafft. dpa etwa schrieb:
Die Wirtschaftskrise hat seit Jahresbeginn allein in der deutschen Industrie rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Das berichtet die “Bild”-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Statististischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit.
Vor allem der zweite Satz ist bemerkenswert, denn natürlich hätte sich dpa selbst um 01.41 Uhr nachts nicht auf “Bild” verlassen müssen, sondern die richtigen Zahlen direkt und kostenlos beim Statistischen Bundesamt nachlesen können.
Aber auch AFP berief sich (um 03.06 Uhr) auf die erfahrungsgemäß maximal mittelseriöse Quelle “Bild”:
Durch die Wirtschaftskrise sind seit Jahresbeginn in der deutschen Industrie offenbar rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet worden. Wie die “Bild”-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Statististischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit berichtet, sank die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe zwischen Februar und September um insgesamt 861.000.
Doch dann, um 09.18 Uhr, vermeldete AFP plötzlich:
ANNULLIERT: “Bild”: 1,2 Millionen Jobs durch Krise vernichtet
+++ Die “Bild”-Zeitung hat ihre Berechnung zurückgezogen +++
BERLIN, 17. November (AFP) – Bitte verwenden Sie die Meldung “‘Bild’: 1,2 Millionen Jobs durch Krise vernichtet” von 03.06 Uhr nicht. Die darin genannten Zahlen zu Arbeitsplatzverlusten sind nach Angaben der Zeitung nicht korrekt. “Bild” hat die Meldung deshalb zurückgezogen.
Da aber hatten schon dutzende Seiten Artikel zum Thema veröffentlicht (die inzwischen teilweise verschwunden, teilweise korrigiert sind).
Um 11.10 Uhr schließlich veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine eigene Pressemitteilung, deren Überschrift einigermaßen eindeutig war:
Falsche Zahlen in der “Bild” zum Beschäftigungsabbau in der Industrie
[…]
In der “Bild” vom 17.11.2009 wurde auf Seite 1 – Bezug nehmend auf [unsere] Pressemitteilung – dargestellt, dass in der Industrie seit Jahresbeginn 861.000 Jobs weggefallen wären […]. Diese Zahlen sind falsch. Die “Bild”–Zeitung hat fälschlicherweise die absoluten Vorjahresveränderungen der Beschäftigtenzahl aller Monate von Januar bis September aufaddiert.
Richtig ist Folgendes: Im Januar 2009 waren in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten rund 5.167.000 Personen tätig, im September 5.039.000. Daraus ergibt sich per Saldo von Januar bis September ein Beschäftigtenabbau von 128.000 Personen.
Die “Bild”-Redaktion wurde auf den Fehler hingewiesen. In der Online-Ausgabe von “Bild” wurde der falsche Artikel inzwischen gelöscht.
(Letzteres stimmt übrigens nicht: Der Artikel steht immer noch online.)
Dpa brauchte trotzdem noch bis 13.20 Uhr, um (“Eil! Achtung!”) folgende Korrektur zu veröffentlichen:
Bitte verwenden Sie die dpa 0034 (“Bild”: 1,2 Millionen Jobs in Industrie weg – Berlin/0141) nicht. Die Zahlen basieren auf einem Rechenfehler. Die “Bild”-Zeitung hat sich korrigiert. Die Meldung entfällt ersatzlos.
Vielleicht ist die lange Leitung von dpa ja demnächst kürzer — zumindest zu “Bild”.
Mit Dank an Daniel B.!
Nachtrag, 18. November: Bild.de hat den Artikel jetzt tatsächlich offline genommen und ihn durch diesen Hinweis ersetzt:
Bei der gestrigen Meldung “1,2 Mio. Jobs in der Industrie weg” ist uns ein Rechenfehler unterlaufen. Die monatlichen Veränderungen von Januar bis September der Industrie-Beschäftigungszahlen des Statistischen Bundesamts wurden versehentlich addiert. Korrekt ist, dass die Beschäftigtenzahl im September im Vergleich zum Vorjahresmonat um 233 000 sank. Seit Jahresanfang ging die Zahl der Industrie-Beschäftigten aber nur um 128 000 zurück.
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1. “Warum sind Leser von Zeitungen 6 Mal so wertvoll wie Leser im Netz?” (carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal glaubt, dass Werbeagenturen nur “nur ungern an die große Glocke hängen”, “wie günstig und zielgenau” Unternehmen “ihre Kunden im Netz erreichen können”: “Denn in lauter kleine Netz-Häppchen zerlegte Werbebudgets würden nicht den Gewinn, sondern nur die Arbeit vermehren – und die eleganten Mad Men in ständig klamme, hemdsärmelige TKP-Online-Vermarkter verwandeln.”
2. “Maßlose TV-Trauer” (tagesspiegel.de, Matthias Kalle)
Wie das Fernsehen auf den Tod von Robert Enke reagiert: “Ein Mensch ist tot, und weil wir ihn aus dem Fernsehen kannten, übernimmt das Fernsehen die Trauerarbeit, als sei das der Auftrag des Fernsehens. Das ist er nicht, und es wird auch nicht dadurch besser, dass die Tränen echt sind und die Anteilnahme auch – und der Erkenntnisgewinn wächst auch nicht durch die Wiederholung der immer gleichen Worte, der immer gleichen Fragen, der immer gleichen Bilder.”
3. “140 Zeichen Sprachlosigkeit” (blog.onetoone.de, Christoph Salzig)
Christoph Salzig hat am Dienstagabend die Reaktion einiger Twitterer auf die Meldung von Enkes Tod beobachtet.
4. “Lieber Tom Schimmeck” (visdp.de)
Die Rede von Tom Schimmeck am Mainzer Mediendisput sei eine “Jammerrede”, die “von einem vormodernen Weltbild” ausgehe und eine “70er-Jahre-Haltung” verkörpere: “Kein Gesetz in diesem Land verbietet es, selbst Verleger, Sender, Kollektiv oder schlauer Blogger zu werden. Eine Internet-Präsenz als Experte, egal für was, bietet Journalisten heute neue Chancen auf ein seriöses Erlösmodell.”
5. “Sean Hannity Uses Glenn Beck’s Protest Footage” (thedailyshow.com, Video, 2:43 Minuten, englisch)
Der US-TV-Sender “Fox News” ergänzt Bilder einer kleineren Demonstration gegen die Gesundheitsreform mit Bildern einer grösseren Demonstration von vor zwei Monaten.
6. “Die Macht der Minderheit” (freitag.de, Nikolas Westerhoff)
“Abweichler und Querdenker müssen ihre Positionen oft wiederholen und beharrlich daran festhalten. Nur so können sie etwas bewirken.”
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1. “Angriff der Online-Paparazzi” (faz.net, Katja Gelinsky)
Ein Hintergrundbericht über die Vorgehensweise der zum Time-Warner-Konzern gehörenden Boulevard-Website TMZ.com und ihren Chef Harvey Levin: “Rivalen behaupten, erst der Scheckbuchjournalismus, den Levin mit dem finanzkräftigen Medienriesen im Rücken betreibe, habe dem TMZ-Boss seine zahlreichen Exklusivmeldungen beschert.”
2. “interview mit einem ‘digital native’ (mit mir)” (wirres.net)
Es gibt nicht nur 14-jährige “digital natives”, sondern auch 40-jährige. Felix Schwenzel, der, seit er 13 ist, einen eigenen Computer besitzt, klärt ausführlich auf über seine Mediengewohnheiten: “seit april 2002 nutze ich wirres.net regelmässig um erlebnisse, witze, bilder, was mir so über den weg lief, mich freute oder ärgerte zu veröffentlichen. irgendwann fand ich heraus, dass man das ‘bloggen’ nennt, was mich aber bis heute nicht sonderlich beeindruckt.”
3. “Pressestelle der Uni narrt das ZDF” (blog.17vier.de)
Die ZDF-Sendung “WISO” befragt in einem Kurzbeitrag über die Uni Greifswald eine Studentin, die als Hilfskraft bei der Presse- und Informationsstelle arbeitet. Das Fleischervorstadt-Blog stört sich daran: “Da ist es tatsächlich gelungen, dem ZDF eine Angestellte als Beispielstudentin zu verkaufen. Ein kritisches Wort über die Situation ist dann natürlich nicht zu erwarten.”
4. “Auch in Koblenz fiel die Mauer” (blog.rhein-zeitung.de, Christian Lindner)
Christian Lindner von der “Rhein-Zeitung” erinnert sich in einem lesenswerten Text an den Abend des Mauerfalls, als er alleine in der Redaktion war und eine Entscheidung über die Gestaltung der Titelseite treffen musste: “Ich ziehe den Fall der Mauer nun über die ganze Breite unserer Titelseite, und formuliere nicht eben die gelungenste, aber die fetteste Überschrift meiner gesamten Laufbahn: ‘Die deutsch-deutsche Grenze ist offen’. Fünfspaltig. So breit und so klotzig wie möglich.”
6. “Ran an die Vulva!” (blog.zeit.de/sex, Sigrid Neudecker)
Sigrid Neudecker wundert sich über einen “Spiegel-TV”-Beitrag zu einer “Schamlippenkorrektur-OP”: “Als Experten werden im Beitrag genannt: der operierende OP-Propagandist. Punkt. Sonst niemand. Keine kritische Stimme, die auf die Risiken einer solchen OP hinweist, und auch der Kommentar erwähnt das maximal so flüchtig, dass ich schon gar nicht mehr sicher bin, ob er’s überhaupt tut.”
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1. “Schlichter Diebstahl” (kress.de, Christian Meier)
Die Zeitschrift “Lettre International” meldet aufgrund eines ungefragt verwendeten Interviews mit Thilo Sarrazin Schadenersatzansprüche gegenüber “Bild” und Bild.de an. “‘Bild.de’ hat gegen unser explizites Verbot das gesamte Interview eingescannt und auf seine Website gestellt.”
2. “Abwärtstrend – nach Print nun auch Online?” (medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Martin Hitz vergleicht mit Hilfe von Google Trends die täglichen Besucher einiger Nachrichtenportale. Und bemerkt in den letzten beiden Jahren einen klaren Abwärtstrend.
3. “Die Medienkrise ist auch eine Krise der kommerziellen Blogs” (carta.info, Matthias Schwenk)
Matthias Schwenk hat für kommerzielle Blogs drei Tipps bereit: 1. Themengebiete umfassend abdecken, 2. Meinungs-Bloggen reicht nicht, 3. Präsenz zeigen und vor Ort recherchieren.
4. Rede von Werner D’Inka (rhein-zeitung.de)
FAZ-Herausgeber Werner D’Inka spricht anlässlich der Verleihung des von 5000 Euro und einer aussergewöhnlichen Trophäe begleiteten Journalistenpreises “Sophie von La Roche”. D’Inka über Blogger: “Die besten und geistreichsten Blogger sind so etwas wie Kolumnisten, die oft originelle Sichtweisen vertreten, die sich aber nicht mit der Mühe ernsthafter Nachrichtenarbeit plagen und stattdessen das abschöpfen, was Zeitungsredaktionen kostenlos ins Netz stellen.”
5. Interview mit Udo Reiter (dwdl.de, Jochen Voß)
MDR-Intendant Udo Reiter entdeckt Twitter für sich: “Man muss sich darauf einlassen, um eine Idee davon zu bekommen, was da passiert. Vorher hatte ich den gängigen Eindruck, diese ganze Twitterei sei ein einziges Lockendrehen auf der Glatze.”
6. “Print and the revolution” (monocle.com, Tyler Brûlé, englisch)
“Monocle”-Herausgeber Tyler Brûlé über die deutschen Zeitschriftenverlage: “While the German ad market has been every bit as ugly as the UK’s or US’s, the lack of pages hasn’t had the same effect on media houses in Berlin, Hamburg and Munich.”
Das ist gelegentlich unterhaltsam, aber natürlich: Quark.
Da ist zum Beispiel die berühmte Bolzenschneider-Geschichte aus dem Januar 2001. Kai Diekmann war erst vier Wochen zuvor Chefredakteur geworden, als “Bild” ein Foto des Grünen-Politikers Jürgen Trittin veröffentlichte, das auf einer Demonstration in Göttingen 1994 entstanden war und ihn laut “Bild”-Beschriftung inmitten von Bolzenschneider und Schlagstock zeigte.
In Wahrheit handelte es sich, wie die Zeitung zwei Tage später einräumen musste, bei den vermeintlichen Waffen bloß um ein Seil und einen Handschuh, Diekmann musste sich entschuldigen, und “Bild” wurde vom Presserat gerügt.
Obwohl die Geschichte so peinlich ist, erzählt Diekmann sie immer wieder gern, und zwar ungefähr so, wie auch jetzt in seinem ersten Blogeintrag:
An einem Sonntag Ende Januar 2001 waren wir im Vorabexemplar des “Focus” auf ein altes Foto von Jürgen Trittin gestoßen. (…) Die Originalbilder [von der Demonstration] stammten aus dem Fernsehen. Wir konnten sie nicht besorgen, deshalb scannten wir das Foto aus der Zeitschrift ab und druckten es aus. Die Redaktion arbeitete also mit Kopien von Kopien — in entsprechender Qualität. (…)
Jemand hatte die Gegenstände auf den schlechten Fotos als Schlagstock und Bolzenschneider “erkannt” und das mit Fragezeichen auf einem Ausdruck vermerkt. Auf dem Weg durch die Redaktionsinstanzen ging das Fragezeichen irgendwo verschütt — und plötzlich stand die Vermutung als angebliche Tatsache im Blatt. (…)
Mir blieb nur, mich sofort bei [Trittin] zu entschuldigen — was er mir allerdings nicht sehr leicht machte. Er ließ mich drei Tage warten, bevor er meinen Anruf entgegennahm…
PS: Enttäuscht hat mich bei dieser Geschichte vor allem eines: Dass einige Kollegen mir tatsächlich eine Kampagne unterstellten. Liebe Leute — glaubt ihr ernsthaft, ich würde solche Anfängerfehler machen?!
Da möchte man Diekmann natürlich sofort gratulieren, dass er so offen mit seinen Fehlern (oder jedenfalls einem davon) umgeht und die unangenehme Wahrheit scheinbar nicht verschweigt. Doch was Diekmann erzählt, ist höchstens die Hälfte der Geschichte.
Hinzuzufügen wäre zum Beispiel noch, wie die Menschen damals auf den für Diekman so “enttäuschenden” Gedanken gekommen waren, er führe eine Kampagne gegen die rot-grüne Regierung im Allgemeinen und den Umweltminister im Besonderen. Am 23. Januar 2001, nur sechs Tage vor der “Bolzenschneider”-Sache, hatte “Bild” Trittin zum Beispiel mit dem 1977 veröffentlichten “Mescalero-Nachruf” in Verbindung gebracht, in dem “klammheimliche Freude” über die Ermordung von Siegfried Buback geäußert wurde, und geschrieben:
“Trittin gehörte damals zur linken Szene der Universitätsstadt, saß in der Studentenvertretung AStA, deren Zeitschrift den ‘Nachruf’ veröffentlichte.”
Trittin aber war damals nicht Mitglied des Göttinger AStA und hatte mit der Publikation und dem Brief nichts zu tun. Auch für diese falsche Behauptung wurde “Bild” später vom Presserat gerügt.
Auch die bewegende Schilderung, wie der entschuldigungswillige “Bild”-Chef tagelang von Trittin hingehalten wurde, erscheint in einem anderen Licht, wenn man eine andere Version der Abläufe kennt, wie sie die “Berliner Zeitung” damals veröffentlichte:
Am Dienstagmorgen [dem Tag nach der “Bolzenschneider”-Veröffentlichung] rief Jürgen Trittin den “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann persönlich an. Um sich zu beschweren. Diekmann, so stellt es Trittins Sprecher dar, habe zunächst mit Gegenfragen geantwortet. “Warum waren Sie denn überhaupt auf der Demonstration?” Trittin sagte, das beantworte er gerne, aber zunächst wolle er über das Bild reden. Das Gespräch sei von Diekmann mit der Bemerkung beendet worden: “Wenn da etwas falsch ist, werden wir es richtig stellen.” Trittin habe gesagt, dass er darum dann auch sehr bitte.
Und es gibt noch ein Detail, das in Diekmanns Schilderung des damaligen “handwerklichen Fehlers” regelmäßig fehlt: Das Foto in “Bild” unterschied sich nicht nur durch die schlechtere Qualität von dem Foto im “Focus”. Dass das Seil wie ein Schlagstock wirken konnte, lag auch daran, dass das Foto an den Rändern beschnitten wurde. Das “Bild”-Foto war nicht nur eine schlechte Kopie, sondern auch ein kleinerer Ausschnitt aus dem “Focus”-Abdruck des Sat.1-Originals.
Und jetzt kommt das Erstaunliche: Kai Diekmann hat das geleugnet. Im Jahr 2005 forderte er von der “Zeit” eine Gegendarstellung, in der es heißen sollte, “Bild” habe “niemals ein Foto so beschnitten”, dass ein Seil als Schlagstock angesehen werden konnte: Der Fehler von “Bild” habe darauf beruht, “dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde”.
Diekmann ging vorübergehend sogar so weit, gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 in einer eidesstattlichen Versicherung über das beschnittene Foto zu behaupten:
“Das Foto (…) ist in keiner Weise ‘beschnitten’ worden.”
Komisch. Die wirklich lustigen Sachen stehen gar nicht in Diekmanns neuem Spaßblog.
PS: Anders als “Kai Diekmann” behauptet (und “Welt Online” unbesehen glaubt, siehe links) ist das hier gezeigte Motiv nicht auf BILDblog zu finden. Diese “Schmähung” stammt nicht von uns, sondern vom Pantoffelpunk.
Die deutsche Ausgabe der Kulturzeitschrift “Lettre International” hatte in den vergangenen Wochen soviel Aufmerksamkeit wie selten — dank eines Interviews mit Thilo Sarrazin, das zum Skandal wurde. Viele Reaktionen der Medien auf die Veröffentlichung legen für Chefredakteur Frank Berberich den Schluss nahe: “Die Alphabetisierung von Journalisten nimmt rapide ab”.
Die Sensationalisierung und Skandalisierung wurde vor allem von Medien inszeniert, die damit Geld verdienen wollten. (…) BILD hat die Stadt tagelang mit Sarrazin-Titeln zugepflastert und das Thema dramatisiert und hochgeputscht. An einem Tag behauptete die Schlagzeile “Sarrazin beleidigt die Berliner” am anderen “die Türken”, und am dritten wurde gefragt: “Hat Sarrazin doch Recht?” (…)
BILD ONLINE hat das Interview eingescannt und ohne unsere Einwilligung komplett veröffentlicht und erst nach einer einstweiligen Verfügung wieder aus dem Netz genommen. (…)
Wenn BILD ein so großes Interesse am Thema hatte – warum war man nicht originell genug und hat es selbst bearbeitet? Die Möglichkeiten dazu hätte sie doch. Man muss Leuten wie Diekmann auch mal unter die Nase halten: Sie geben sich als Anstandsdamen, wenn es passt, und wenn nicht, gehen sie auf Beutezug in fremden Revieren. Abgesehen davon ist es eine groteske Heuchelei, Sarrazin Rassismus vorzuwerfen und diese üblen “Beleidigungen” gleichzeitig soweit wie möglich zu verbreiten, indem man sie unter Verletzung des Urheberrechts auf die eigene Homepage stellt, um deren “traffic” zu erhöhen.
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1. “Copy-Paste” (medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Onlinejournalismus 2009: Tagesanzeiger.ch reichert eine Meldung der Nachrichtenagentur sda mit aus der Wikipedia kopierten Sätzen an.
2. “Falsche Fälscher” (blogs.sueddeutsche.de, Johannes Boie)
Johannes Boie hält das blinde Vertrauen, das Journalisten in Wikipedia haben, für nicht so schlimm: “Sie haben sich lediglich beim Fact-Checking einer Nebensache auf eine der besten Seiten im Netz verlassen. Das ist kein Beweis fehlender Qualität, sondern höchstens dafür, dass Journalisten bereit sind, sich dem Netz zu öffnen, es zu verwenden und als Recherchequelle zu gebrauchen. Viel mehr, als feixende Fälscher dies vielleicht wahr haben möchten.”
3. “Die wundersame Welt der Suchmaschinenoptimierung” (medienjunkieblog.wordpress.com)
Der “Medienjunkie” befasst sich mit 1-Cent-SEO-Aufträgen: “Anscheinend gibt es ein ganzes Texter-Prekariat, das hauptsächlich aus Studenten, Hausfrauen u.ä. besteht, die, teilweise, um sich ein paar Euro dazu zu verdienen, teilweise auch als Hobby, ganze Webseiten zutexten, mit oberflächlichen, schnell zusammen gezimmerten Texten, die nur einen Zweck haben: ahnungslose Leute auf die Seiten von irgendwelchen Unternehmen zu locken.”
4. “Wütende Männer” (berlinonline.de, Nina Rehfeld)
“Barack Obama erklärt den Sender Fox News zu seinem Gegner.”
5. “Projekt Neustart” (sz-magazin.sueddeutsche.de, Meike Winnemuth)
Die Journalistin Meike Winnemuth hat “zwanzig beglückende, bereichernde, berauschende Berufsjahre” hinter sich und steht nun vor einem grossen Fragezeichen: “Die Statistik sagt: Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland dreißig Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs. Inzwischen sind es drei Millionen weniger. Und wer heute als Journalist arbeitet, bekommt leicht den Eindruck, dass allein zwei Millionen davon in der Medienbranche weggefallen sind.”
6. “Interview Project” (interviewproject.davidlynch.com, Videos, englisch)
Ein Filmteam zieht durch die USA und macht Interviews mit Menschen. Bisher sind bereits 47 Folgen erschienen. Das Projekt läuft auf der Website des Filmregisseurs David Lynch.
Bei einem Festakt im Gewandhaus hat Bundespräsident Horst Köhler vorgestern den Mut der Leipziger Demonstranten im Herbst 1989 gewürdigt. Am 20. Jahrestag der entscheidenden Montagsdemonstration hielt er eine eindringliche Rede. Der Bericht der dpa-Korrespondenten darüber beginnt so:
“Vor der Stadt standen Panzer. Die Bezirkspolizei hatte Anweisung, auf Befehl ohne Rücksicht zu schießen. Und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt.” Eindringlicher als Bundespräsident Horst Köhler kann man die Dramatik der Ereignisse von 1989 nicht schildern.
Eindringlicher vielleicht nicht; richtiger vermutlich schon. Noch am gleichen Nachmittag widersprach der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) der Darstellung Köhlers und löste damit erheblichen Wirbel aus. Wiederum in der Zusammenfassung von dpa:
Nach Recherchen des MDR gab es weder Panzer vor der Stadt noch seien Blutplasma oder Leichensäcke bereitgestellt worden. Der Bundespräsident habe seine Angaben wahrscheinlich aus einem bekannten Buch, das teils falsche Fakten nenne, sagte der Leiter der Feature-Redaktion beim MDR-Hörfunk, Ulf Köhler.
Entweder aus einem bekannten Buch also — oder vielleicht einfach aus den Publikationen des MDR. Auf dessen eigener Homepage heißt es nämlich in der Ankündigung eines Festkonzertes zum 20. Jahrestag der “Friedlichen Revolution”:
Mit Dank an Dániel K.!
Nachtrag/Korrektur, 12. Oktober: Da waren wir voreilig und ungenau. Schützenpanzerwagen sind keine Panzer und Blutkonserven in den Krankenhäusern etwas anderes als Blutplasma in der Stadthalle. Unser Vorwurf gegen den MDR geht also fehl. WIr bitten um Entschuldigung!
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1. “DJV-Umfrage Freie Journalisten” (frei.djv-online.de)
Eine Umfrage des Deutschen Journalistenverbands (DJV) unter 2000 freien Journalistinnen und Journalisten ist online (PDF-Datei).
2. “Nur für geladene Gäste” (taz.de, Steffen Grimberg)
“Die LBBW Stuttgart spricht nur mit handverlesenen Journalisten. Dabei ist sie kein privates Geldinstitut, sondern Deutschlands größte Landesbank.”
3. “Micropayments im Online-Journalismus” (carta.info, Robert G. Picard)
“Mit Journalismus im Netz Geld zu verdienen, verlangt daher mehr als einfach nur zu sagen: ‘Okay, wir nehmen jetzt mal Geld dafür’. Man muss die ganze Wertschöpfungskette, die gesamte Art, wie Inhalte erzeugt und angeboten werden, überdenken. Und vor allem, sich mit der Frage beschäftigen: ‘Was hat der Leser davon?’ – Eine Frage, die bislang kaum vorkam.”
4. “Boykottiert Quality!” (print-würgt.de, Michalis Pantelouris)
Michalis Pantelouris kritisiert das Magazin “Quality” von Constantin Rothenburg, das sich offenbar sehr viel Zeit lässt mit der Ausbezahlung von Honoraren.
5. “England-Spiel nur im Internet” (tagesspiegel.de, Annegret Ahrenberg)
Fußball: Das WM-Qualifikationsspiel zwischen England und der Ukraine wird in Großbritannien erstmals nur im Internet zu sehen sein. Verlangt dafür wird 4.99 Pfund, umgerechnet etwa 5.20 Euro. “Wer erst am Samstag bucht, zahlt 11.99 Pfund für das Spiel.”
6. Interview mit Martin Sonneborn (meedia.de, Alexander Becker)
Ex-“Titanic”-Chefredakteur Martin Sonneborn ist nicht sauer auf den WDR. “Nein, ich bin nur irritiert, dass hier rund 250.000 Euro GEZ-Gebühren in den Sand gesetzt wurden.” Sonneborn wurde in die Sendung “Zimmer frei” eingeladen – nun musste er erfahren, dass die Sendung “inhaltlich” nicht den WDR-Maßstäben genügte und deshalb nicht ausgestrahlt wird.