Wenn die “Bild”-Zeitung mal lustig sein will, schreibt sie “Danke Anke” über ein paar Zeilen zur letzten “Anke Late Night” heute Abend, stellt der “deprimierend langweiligen (…) A. E.” (F.J.W.) im Namen von Sat 1 ein “Zeugnis” aus und schreibt daneben:
“Schade, schade! Heute moderiert Anke Engelke zum letzten Mal ihre Late-Night-Show. Dieses Zeugnis soll die Moderatorin trösten.”
“Dieses Zeugnis” ist dann natürlich alles andere als tröstend, sondern im Zeugnisdeutsch eine ziemlich negative Bewertung für die “Comedy-Queen” (“Sie war immer bemüht…”, “…neuen Situationen im wesentlichen gewachsen…”, “Frau Engelke hat versucht…”).
Zum Schluss steht da:
“Frau Engelke und Sat 1 trennen sich in gegenseitigen [sic] Einvernehmen. Für ihren weiteren beruflichen Weg wünschen wir ihr alles Gute.”
Stimmt bloß nicht. Anke Engelke und Sat 1 trennen sich natürlich nicht in gegenseitigem Einvernehmen. Sie trennen sich gar nicht.
“Anke Engelke (…) und Sat.1 arbeiten weiter eng zusammen“, lautete der zweite Satz der Sat.1-Pressemitteilung von vor zwei Wochen, als der Sender das Ende der Show bekannt gab.
Abgesehen davon stimmt auch nicht (mehr), dass “zuletzt (…) nur noch 700 000 Zuschauer eingeschaltet” hatten.
Vermutlich ist es “Bild”-Redakteuren einfach verboten, witzig gemeinte Beiträge mit unnötigen Recherchen zu versauen. Selbst, wenn das nur zwei Minuten gedauert hätte.
Nehmen wir einmal an, bei “Bild” würden 100 Redakteure arbeiten. Einer davon (nennen wir ihn Günni) nimmt Kokain, und fast jeder zweite Kollege weiß es. Eines Tages kommen ein paar Studenten von der Uni Münster vorbei und machen eine Umfrage über den Drogenmissbrauch unter Boulevard-Journalisten. Sie fragen jeden einzelnen Redakteur, ob er einen Kollegen in der Redaktion kennt, der kokst. Wahrgemäß antworten 46 von ihnen: Ja. (Und denken sich: der Günni.) Die Studenten fahren nach Hause. In ihrer Studie wird korrekterweise der Satz stehen: “46 Prozent aller ‘Bild’-Redakteure kennen jemanden, der Kokain nimmt.”
Wenn diese Studie dann aber wieder in die Hände der “Bild”-Redakteure kommt, staunen die und denken sich garantiert: “Wow. Fast jeder zweite von uns nimmt Kokain?”
Dies ist vermutlich für jeden Prominenten eine der schlimmsten Schlagzeilen, die neben seinem Foto in der Zeitung stehen können:
Sicherlich wird sich selbst ein Blatt wie “Bild” bei solchen Vorwürfen Mühe geben, besonders sorgfältig vorzugehen und nicht fahrlässig den Ruf eines Unschuldigen zu zerstören.
— Um es vorwegzunehmen: Das Gegenteil ist der Fall.
Kinderschänder nicht angezeigt
TV-Star Pocher jetzt zum Polizei-Verhör
Jetzt rückt der Comedy-Star ins Visier von Polizei und Staatsanwalt!
In der Show von Johannes B. Kerner im ZDF gab Oliver Pocher (26, “Rent a Pocher”) zu, daß er vom Mißbrauch an einem Mädchen weiß. Er hat den Täter aber nicht angezeigt! […]
“Da kann man nicht einfach hingehen und jemanden beschuldigen und das vor Gericht durchbringen.”
Was denkt sich der TV-Star bloß bei solchen Aussagen – in Zeiten, wo fast täglich Kinder in Deutschland geschändet werden?
Im Text zum Foto nennt “Bild” Pochers Worte eine “Skandalaussage”.
Soweit die “Bild”-Zeitung. Jetzt die Wahrheit:
Oliver Pocher war am 8. Oktober, also vor fast zwei Wochen, bei Johannes B. Kerner. Nach dem üblichen Smalltalk fragte der Moderator den Komiker, ob es ein Thema gebe, bei dem er ernst werde. Pocher sagte: Ja, Kindesmissbrauch. Er sei für das Thema “extrem sensibilisiert”, weil er damit vor Jahren konfrontiert gewesen sei. Es habe unter anderem einen Fall in der “näheren Bekanntschaft”, in der “weiteren Nachbarschaft” gegeben.
Man hat versucht, dann dem Mädchen zu helfen. Man hat das teilweise erst so spät mitbekommen. … Aber konnte auch nicht wirklich so direkt gegen vorgehen, weil das gar nicht mal so einfach ist, weil letztendlich muss ja auch die Person selber zum Beispiel denjenigen anzeigen wollen, das ist halt alles ‘n bisschen komplizierter. Man kann nicht einfach nur hingehen und sagen: Der macht das. … Es ist schwieriger, das vor Gericht auch durchzubringen.
Pocher sagte, er habe den Fall erst “später mitbekommen, viel später”. Erst mit 14 Jahren sei er auf das Thema Kindesmissbrauch aufmerksam geworden. Der mutmaßliche Täter laufe noch frei herum:
Dann kommt’s einem ehrlich gesagt hoch. … Das ist etwas, das einem sehr nahe geht, gerade wenn man damit sehr viel zu tun hat.
Unter anderem wegen dieser Erfahrung engagiere er sich für ein Projekt eines Freundes, der ein Kinderhaus in Nepal gegründet habe.
Der Fall liegt, nach Pochers Beschreibung, mindestens zehn Jahre zurück. Pocher war anscheinend in keiner Weise beteiligt oder Zeuge. Wer das Video der Sendung gesehen hat, dürfte zu dem Schluss kommen, dass Pocher bei Kerner nicht über das Thema sprach, um Kindesmissbrauch zu verharmlosen, sondern im Gegenteil: um für die Alltäglichkeit solcher Fälle zu sensibilisieren.
Im Übrigen sagt es viel über die “Bild”-Zeitung aus, wenn sie das (verkürzte) Zitat Pochers, “Da kann man nicht einfach hingehen und jemanden beschuldigen und das vor Gericht durchbringen”, für eine Skandalaussage hält. Man könnte es auch für das Wesen eines Rechtsstaates halten. Nicht natürlich ein Blatt, das fast täglich einfach hingeht und jemanden beschuldigt…
“Frankfurter Rundschau: Müssen noch mehr Redakteure gehen?”,
fragt “Bild” Frankfurt am Dienstag und fügt hinzu:
“Letzte Woche hatte die zu 90 Prozent der SPD-Presse-Holding gehörende Rundschau das Abschmelzen von derzeit rund 1000 auf 750 Mitarbeiter verkündet. Heftige Reaktionen blieben aus.“
Heftige Reaktionen blieben aus? Wieso denn das? Weil’s keinen mehr kümmert?
Oder vielleicht, weil SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier schon Anfang August, also vor zweieinhalb Monaten, in der “Berliner Zeitung” sagte:
“Die Zahl der Beschäftigten soll Ende des Jahres 750 Vollzeitbeschäftigten entsprechen.”
“(…) ich mag BILD sehr, weil es BILD irgendwie täglich schafft, die Geschehnisse aus der gewaltigen Erde (…) verständlich darzustellen.”
Das schrieb Franz Josef Wagner vor zwei Wochen in der “Bild”-Zeitung anlässlich eines mehrteiligen Vorabdrucks des “Rückenbuchs” von Dietrich Grönemeyer in der “Bild”-Zeitung. Aber das nur so nebenbei.
Denn heute macht “Bild” den Grönemeyer zum “Gewinner” des Tages, nachdem es sein Buchauf Platz 1 der “Spiegel”-Bestsellerliste geschafft hat. Doch warum? Warum nur? “Warum?” fragt sich auch “Bild” und antwortet:
“Weil’s eine BILD-Serie war!”
Und wer weiß, vielleicht hat es “Bild” mit diesem Halbsätzchen ja tatsächlich geschafft, die Geschehnisse aus der gewaltigen Erde (in diesem Fall: die Eitel- oder Selbstgefälligkeit, mit der “Bild” ihre “Gewinner” kürt), irgendwie verständlicher darzustellenals sonst so. Warum man “Bild” dafür mögen sollte, steht allerdings in einem anderen Blatt – oder aber auf.
Heute spielen wir wieder das lustige Spiel: Was möchte uns diese “Bild”-Schlagzeile sagen?
Mal so frei assoziiert: Ralf Moeller hat sich daneben benommen, ist in einen Skandal verwickelt, eine Schlägerei oder sowas, und darf jetzt drei Jahre nicht mehr als Schauspieler arbeiten. Oder Ralf Moeller hat sich nicht daneben benommen, aber irgendwelche bösen, mächtigen Filmmenschen haben was gegen ihn und verhindern nun, dass er in einem bestimmten Streifen mitspielen darf. Womöglich hat sich die Meldung, dass er Nachfolger von Arnold Schwarzenegger als Terminator wird, schon erledigt, weil es ja Riesenärger um ihn gibt und er nun ein Drehverbot hat. War es so? Umhimmelswillen, ist es das?
Fast.
Ralf Moeller hat im Mai und Juni 2003 zusammen mit Kollegen wie Carsten Spenge- und Jeanette Biedermann für den RTL-Film “Hai-Alarm auf Mallorca” vor der Kamera gestanden, der am Sonntag lief. Anscheinend waren die Behörden dort plötzlich nicht mehr so hilfsbereit, als ihnen plötzlich klar wurde, dass es in einem Film womöglich um einen Hai-Alarm auf Mallorca gehen könnte. “Bild” zitiert den Schauspieler mit den Worten:
Die anfängliche Hilfsbereitschaft hörte schlagartig auf. … Die hätten den Film am liebsten verhindert. … Plötzlich klappten zuvor zugesagte Drehgenehmigungen nicht mehr. In Palma gab es für uns ein Drehverbot, und am Strand geplante Helikopteraufnahmen waren auf einmal nicht mehr möglich.
All das ist, wie gesagt, 16 Monate her, und es gab keinen Riesenärger um Ralf Moeller.
Eine Herde Wasserbüffel hat nachAgenturberichten am Donnerstag auf der Autobahn 4 einen Verkehrsunfall mit einem Todesopfer verursacht. Oder, in den Worten der “Bild”-Zeitung:
Afrika-Büffel? Wasserbüffel! Wieso schreibt die “Bild”-Zeitung “Afrika-Büffel”, wenn alle anderen “Wasserbüffel” schreiben? Vermutlich um im Kopf der Leser schon die Frage vorzubereiten, die sie dann im Text stellt:
Was machen Wasserbüffel mitten in Deutschland?
Eben. Die gehören doch nach Afrika. Wird unser schönes Deutschland jetzt auch noch von gefährlichen Ausländertieren überrannt?
Nein, jedenfalls nicht von Afrika-Büffeln, sondern höchstens von Asien-Büffeln. DomestizierteBüffel sind nämlich keine afrikanischen Büffel(Bubalus caffer), sondern asiatische Wasserbüffel(Bubalus bubalis). Und irgendwie hätte der “Bild”-Autor das auch als Büffel-Laie ahnen können, denn in seinen Text schrieb er unter die gewaltigen Buchstaben “Afrika-Büffel” den Satz:
Die Büffel stammen aus Vietnam.
Übrigens endet der “Bild”-Beitrag über den tödlichen Unfall mit den Worten:
Das Fleisch ist eine Delikatesse, besonders dunkel und zart.
Der Satz passt gerade noch neben die Hinterhufe von diesem appetitlichen Tier:
Noch am vergangenen Donnerstag hätte man tatsächlich denken können, dass Christopher Reeve doch an einem Super-Virus starb, wie “Bild” zwei Tage zuvor berichtet hatte.
Superman aufgeschnitten – Ärzte wollen jetzt den Super-Virus entschlüsseln, der Hollywood-Schauspieler Christopher Reeve getötet hat
Das war auf Seite 8 zu lesen. Und außerdem das:
Wie BILD aus Familienkreisen erfuhr, wurde die Leiche von Christopher Reeve († 52) im Northern Westchester Hospital (New York) aufgeschnitten, sein Körper obduziert – auf der Suche nach dem Supervirus.
Ob die Information über den vermeintlichen Supervirus tatsächlich von der Familie kam, lässt sich anhand der Formulierung nicht mit Sicherheit sagen. Fakt ist, dass wer wollte schon am Dienstag aus allgemeinzugänglichen Quellen erfahren konnte, was vermutlich die Ursachen für Reeves Tod waren. So wurde der langjährige Arzt von Reeve, Dr. John McDonald, von der “New York Daily News” wie folgt zitiert:
We don’t know exactly why he died yet. But we know that it was the accumulation of complications (…). That immobility and lack of movement and then just repeated infections, complications – it takes its toll. (Wir wissen nicht genau, warum er starb. Aber wir wissen, dass es eine Anhäufung von Komplikationen war (…). Die Immobilität und mangelnde Bewegung und dann wiederholte Infektionen, Komplikationen – das fordert seinen Tribut)
Und was schreibt “Bild” nun, fünf Tage später, ohne den “Super-Virus” zu erwähnen?
Erst jetzt wurde bekannt, wie schlecht es wirklich um Reeve stand: Immer mehr Infektionen fraßen sich zuletzt in seinen kaputten Körper.
Dieser Artikel auf “Bild”-Online stammt vom 14. Oktober des Jahres 2004. Er trägt folgende Überschrift:
Lust-Seuche besiegt? Forscher erfindet Creme gegen AIDS
Damit das klar ist: Es geht in dem Artikel nicht darum, dass AIDS auch nur ansatzweise besiegt ist, es besteht lediglich die Möglichkeit, dass ein Mittel gefunden wurde, das die Übertragung des Virus verhindert – zusätzlich zum Kondom.
Dass “Bild” es mit der Berichterstattung über die Immunschwächekrankheit AIDS zuweilen nicht so genau nimmt, wissen wir ja schon. Dass der Pressekodex in Ziffer 14 ganz spezielle Richtlinien für die Berichterstattung über medizinische Themen enthält, erwähnen wir nur der Vollständigkeit halber – Wie aber kommt “Bild” dazu, hier plötzlich den Begriff “Lust-Seuche” zu verwenden?
Nur zur Erinnerung: die Ansteckung mit HIV kann durch vier Körperflüssigkeiten erfolgen, das sind Samen- und Scheidenflüssigkeit sowie Blut und Muttermilch – ob man bei der Übertragung Lust empfindet oder nicht, ist gänzlich unerheblich.