Unter obiger Überschrift berichtete die “Bild am Sonntag” gestern, dass die Agentur für Arbeit plane, zukünftig “detaillierte Gespräche mit jedem Arbeitslosengeld-II-Empfänger” zu führen. Genauer gesagt hieß es in der “BamS”:
“Bevor sie eine Stelle vermittelt bekommen, sollen alle Empfänger von Arbeitslosengeld II bei ihrer Arbeitsagentur zum Intim-Verhör!”
Das ist falsch.
Die “Fragen nach privaten Details” (“Wie eng sind Ihre Beziehungen zu Freunden? Gehen Sie regelmäßig zum Arzt? Welche Kontakte zu Ihren Nachbarn pflegen Sie?”), die von der “BamS” aus einem durchaus umstrittenen, internen “Fachkonzept Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II” zitiert werden, sollen nicht, wie die “BamS” pauschal behauptet, “die Hartz-IV-Betroffenen beantworten, wenn sie einen neuen Job wollen”.
Heute reden wir mal über Inkompetenz. Die “Bild”-Zeitung fordert nämlich heute ihre Leser auf, sich ihre Fernsehgebühren von der ARD “zurückzuholen”, weil der Grand Prix so schlecht war:
Was Ihr Peter Urban uns am Sonnabend zugemutet hat, war eine an Langeweile und Inkompetenz nicht zu überbietende TV-Katastrophe.
Der Hauptvorwurf, der fast die Hälfte des zugehörigen “Bild”-Artikels ausmacht, lautet wie folgt:
Hätten Sie gewußt, was “Belrus” bedeutet?
Nein? Macht nichts! 7,01 Millionen TV-Zuschauer wußten es bei der Übertragung des “European Song Contest” auch nicht. Weil die ARD nicht mal in der Lage war, die eingeblendeten Untertitel des ukrainischen Fernsehens zu übersetzen. BILD hilft: “Belrus” ist englisch und heißt übersetzt: Weißrußland …
Daran ist ungefähr alles falsch.
Der Wettbewerb heißt nicht “European Song Contest”, sondern “Eurovision Song Contest”. “Belrus” ist kein englisches Wort. Das Wort, das “Bild” meint, heißt “Belarus”. Das ukrainische Fernsehen hat auch “Belrus” nicht als “Untertitel” eingeblendet. Eingeblendet war “Belarus”, das englische Wort für Weißrussland.
Und an exakt dieser Stelle, an der das ukrainische Fernsehen “Belarus” einblendet, weil die weißrussische Punktevergabe zu sehen ist, sagt der “inkompetente” ARD-Moderator Peter Urban wörtlich dies:
Nun nach Weißrussland.
Jetzt können Sie natürlich immer noch den Vordruck von “Bild” benutzen, an die ARD schreiben und versuchen, sich Ihre TV-Gebühren zurückzuholen. Aber wenn Sie sich schon über Inkompetenz beschweren wollen, vielleicht schreiben Sie lieber woanders hin?
Nachtrag, 20.6.2005:
Am 16.6.2005 musste “Bild” eine entsprechende Gegendarstellung des NDR-Intendanten Jobst Plog abdrucken.
Investigative Journalisten bei der “Bild”-Zeitung haben eine aufsehenerregende Entdeckung gemacht: Der neue Papst gleicht dem alten wie ein Papst dem anderen jemand, der “in seiner Körpersprache seinem Vorgänger immer ähnlicher” wird und “dessen Gestik zu übernehmen”, eine “große stille Verbeugung vor dem Vorgänger” ist.
Die beiden haben offenbar einen ähnlichen Modegeschmack…
… lieben die gleichen Bücher…
…benutzen beim Winken ihre Hände…
…und wenn man sie durch größere Menschenmengen fotografiert, kann man den einen so wenig erkennen wie den anderen.
Aber hier hören (außer für “Bild”) die Ähnlichkeiten natürlich noch längst nicht auf, denn…
…als Zeichen seiner “Verbeugung für den Vorgänger” hat Papst Benedikt XVI. denselben Architekten für seine Arbeitsräume gewählt wie Papst Johannes Paul II…
…und im Schlaf kann man die beiden quasi gar nicht mehr auseinanderhalten.
Am vergangenen Sonntag stand im “Tagesspiegel” ein Text von Marie Theres Kroetz-Relin. Kroetz-Relin ist die Tochter der Ende April verstorbenen Maria Schell, und sie beschreibt in diesem Artikel anschaulich und detailliert, “wie sie nach dem Tod ihrer Mutter von der Boulevardpresse belagert wurde”. Zwar nennt Kroetz-Relin keine Namen einzelner Boulevardmedien, es gibt in dem Text aber einen Absatz, bei dem man unweigerlich an diese, nein, diese – Verzeihung: bei dem man an folgende Geschichte erinnert wird, die am 29. April auf Seite vier in “Bild” stand:
In dem seitenfüllenden “Bild”-Text geht es um Maria Schells Bruder, Carl Schell. Der habe sich Jahre nicht um seine “kranke Schwester” gekümmert, sei jetzt aber “plötzlich wieder da” und wolle “an ihrer Beerdigung teilnehmen”.
Außerdem wird Kroetz-Relin in dem “Bild”-Text zitiert – allerdings nicht, ohne dass “Bild” noch ein paar Sätze dazuschreibt. So heißt es dort:
“Es gibt Leute, die sich jetzt auf Kosten meiner Mutter in den Vordergrund drängen.”
Wen sie damit meint, ist klar! Marias Bruder Carl Schell (77). Hervorhebungen von “Bild”
Und der Text endet folgendermaßen:
Und niemand ist glücklich über das Wiedersehen!
Düster klingt, was Marie Theres Kroetz-Relin vor der Beerdigung sagt: “Wenn jemand, der da nicht hingehört, meiner Mutter am Grab zu nahe kommt, dann raste ich aus.” Hervorhebungen von “Bild”
Das klingt tatsächlich nach Familienkrach – Kroetz-Relin hat es ja quasi bestätigt. Oder? Im “Tagesspiegel” allerdings klingt das völlig anders:
Nach so vielen Würdigungen war die Zeit reif für Schmutzwäsche: Eine Boulevardzeitung brauchte eine Story und konfrontierte mich mit Zitaten, die angeblich von meinem Onkel Carl stammen sollten. Ich verweigerte dazu jede Stellungnahme, da ich meinen Onkel 16 Jahre nicht gesehen hatte, und erklärte im strengen Ton, dass ich dieses pietätlose Verhalten der Journalisten widerlich finde und ich das auch öffentlich am Grab meiner Mutter sagen würde. Hervorhebungen von uns
Anschließend erzählt Kroetz-Relin im “Tagesspiegel” vom Tag der Beerdigung:
Wütend rief ich den Journalisten an und schrie: “Wie kommen Sie dazu, meine Zitate zu entfremden und gegen meinen Onkel anzuwenden? Sie wissen genau, dass es gegen euch, die Medien, gerichtet war! Ich würde nie ein Wort gegen meine Familie sagen…” “Tut mir leid, aber die Story über Vicky Leandros ist ausgefallen, und da hab ich Ihre Antworten vom Band abgetippt…” Ich war fassungslos: Das Gespräch wurde ohne mein Wissen mitgeschnitten und meine Worte zum reißerischen Aufmacher verdreht. Hervorhebungen von uns
Waschmaschinen, Zahnbürsten, Fahrräder und sogar Autos – als “Volks”-Produkt kann “Bild” inzwischen fast alles verkaufen. Mehr als 10 Millionen Euro jährlich verdient der Online-Ableger Bild.T-Online mit der unübersehbaren Werbung für die umetikettierten Waren. Dabei ist nicht jedes Schnäppchen, das von “Bild” in Anzeigen und Online-Beiträgen über alle Maße gelobt wird, auch das günstigste Produkt seiner Klasse. BILDblog erklärt, was hinter der “Volks”-Strategie steckt und wie “Bild” immer mehr Einfluss darauf bekommt, was in Deutschland zum Verkaufsschlager wird.
Amigo-Affäre um Grünen-Chefin Roth — Warum bekam ihr Freund so lukrative Staatsaufträge?
So schrieb “Bild” am 20. April 2005. Die Antwort auf die von “Bild” gestellte Frage muss offen bleiben, denn Roths Freund bekam die “lukrativen Staatsaufträge” schon, als er noch gar nicht ihr Freund war, was es ein bisschen knifflig macht, darin eine wie auch immer geartete “Amigo-Affäre” zu sehen.
Erstaunlicherweise blieb die “Bild”-Zeitung dennoch bei ihrer Darstellung, und Claudia Roth musste sich ihr Recht auf eine Gegendarstellung erst vor Gericht erkämpfen. Heute nun steht sie im Blatt. Und der Artikel, von dem ein “Bild”-Sprecher zuletzt noch sagte, die Fakten seien korrekt und man habe sich nichts vorzuwerfen, ist spurlos aus dem Online-Angebot verschwunden.
Korrektur, 14. Mai: Nur der Online-Ableger von “Bild” hat die Gegendarstellung akzeptiert und gedruckt. Die “Bild”-Zeitung geht weiterhin juristisch dagegen vor.
Nachtrag, 13.6.2005:
Über den aktuellen Stand der juristischen Auseinandersetzung informiert heute (unter dem Titel “Vorentscheid für Roth”) die kommerzielle Dementi-Plattform Fairpress.biz von Ex-“Bild”-Chef Udo Röbel.
Faustregel 1: Wenn die “Bild”-Zeitung gegen jemanden eine Kampagne fährt, hört sie nicht nach zwei Tagen auf.
Faustregel 2: Je länger die Kampagne andauert, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass in den Artikeln noch Dinge stehen, die stimmen.
Heute ist der dritte Tag der aktuellen “Bild”-Kampagne gegen Alexandra Neldel, und die Zeitung hat sich Folgendes einfallen lassen:
“Bild” schreibt: Weil RTL im Juli den Film “Miststück” mit ihr wiederhole, in dem “heiße Sexszenen” mit ihr zu sehen seien, sei Neldel “stinksauer” und wolle vielleicht sogar bei “Verliebt in Berlin” aussteigen.
Nun kann man sich fragen, ob das denn stimmt. Vorher aber noch kann man sich fragen, ob das überhaupt einen Sinn ergibt: Neldel ist bei Sat.1 so erfolgreich, dass RTL sich ärgert. RTL will Neldel zurückärgern und wiederholt deshalb einen alten Film mit ihr. Neldel ärgert sich so sehr über RTL, dass sie daraufhin bei Sat.1 kündigt.
Oder, anders gesagt: Hä?
“Bild” behauptet weiter, Christian Popp, der Produzent von “Verliebt in Berlin”, habe “Bild” gegenüber gesagt:
“Ob Frau Neldel auch in einer weiteren Staffel mitwirkt, ist derzeit noch unklar.”
Mal abgesehen davon, dass auch “noch unklar” ist, ob es eine weitere Staffel geben wird (Telenovelas wie “Verliebt in Berlin” sind eigentlich nicht auf Unendlichkeit angelegt), hat sich Alexandra Neldel schon vor einem Monat festgelegt. Bei “Beckmann” sagte sie am 18. April 2005:
“Ich fände es traurig, weiterzumachen. Dann müssen sie jemand anderes suchen. Nach 225 Folgen ist die Geschichte erzählt.”
Damals war von dem angeblichen Wirbel um die RTL-“Miststück”-Wiederholung noch nichts zu ahnen; der von “Bild” hergestellte Zusammenhang ist offenkundig falsch.
Dass der eigentliche “Zoff um Sexszenen”, von dem “Bild” schreibt, nicht zwischen RTL und Sat.1 stattfindet, sondern zwischen Neldel und dem Springer-Verlag, in dem “Bild” erscheint, verheimlicht die Zeitung. Neldel geht (wie gesagt) dagegen vor, dass Springer mehrmals rechtswidrig ein altes “Playboy”-Foto von ihr veröffentlicht hat. Wenn man das weiß, erkennt man auch den “Bild”-Humor, der sich in diesem Text unter einem Foto von Neldel ausdrückt:
Dass die Springer-Blätter politisch auf einer Linie fahren, ist nicht neu, auch nicht, dass sie sich gegenseitig helfen, indem sie die selben Texte drucken. Dass die Bild-Zeitung aber ihre Macht missbraucht, um das rechtswidriges Vorgehen eines Hausblättchens zu rächen, ist eine neue Qualität.
Schreibt die “Berliner Zeitung” in einem Artikel über die “widerliche Kampagne”, die “Bild” gerade (wie berichtet) gegen die Schauspielerin Alexandra Neldel fährt.
Der Hintergrund: Die Springer-Jugendzeitschrift “Yam” hat — offenbar rechtswidrig — ein acht Jahre altes Nacktfoto veröffentlicht, das Neldel exklusiv für den “Playboy” gemacht hat. Als die Schauspielerin jetzt juristisch dagegen vorging, zeigte “Bild” ebenfalls die nackte Neldel vom “Playboy”-Cover. Dabei hat laut “Berliner Zeitung” ein Gericht dem Blatt die Veröffentlichung der “Playboy”-Fotos schon 1998 ausdrücklich verboten. Neldels Anwalt sagt, “Bild” habe “in Kenntnis des Verbots gegen Recht und Gesetz verstoßen”.
Im vergangenen Jahr hat “Bild” bereits eine ähnliche Kampagne gegen die Schauspielerin und frühere Porno-Darstellerin Sibel Kekilli gefahren. Dafür wurde sie vom Presserat im Dezember 2004 gerügt. Auch über ein halbes Jahr später hat “Bild” diese Rüge — entgegen den Gepflogenheiten und der eigenen “journalistischen Richtlinien” — noch nicht im Blatt abgedruckt.
Alexandra Neldel hat gerade ziemlich viel Erfolg mit der Telenovela “Verliebt in Berlin”. In dieser Woche wurde die Sat.1-Vorabendserie sogar von mehr Zuschauern gesehen als die RTL-Konkurrenz “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”. Soviel steht fest: Glücklich ist RTL darüber ganz sicher nicht.
Und jetzt “Bild”:
So berichtet “Bild” heute auf der Titelseite unter einem Nacktfoto Neldels darüber, dass RTL im Sommer einen acht Jahre alten Film zeigen will, in dem die Schauspielerin in einer Sexszene, pardon: “drei Minuten lang bei wildesten Sex-Spielen mit Filmpartner Christian Brückner” zu sehen ist. Im Innenteil druckt “Bild” weitere Nacktfotos aus dem RTL-Film und fragt:
Bei RTL sind sie deshalb stinksauer. Sprecher Claus Richter sagt, der Film werde wiederholt, weil er bei seiner Erstausstrahlung sehr erfolgreich gewesen sei. Dass “Bild” behauptet, RTL strahle den Film womöglich aus, um sich an der Konkurrenz zu rächen, nennt Richter “kompletten Humbug”. “Die Schlagzeile entbehrt jeder Logik und jeder Wahrheit. Hier wird RTL instrumentalisiert, um Frau Neldel zu schaden.” Ein Zitat von Sprecher Wolfram Kons sei von “Bild” verkürzt wiedergegeben worden.
Richter sagt auch, ein “Bild”-Redakteur habe bei ihm angerufen, sich erkundigt, ob und wann der Film laufe und um einen Mitschnitt gebeten. Dass es um eine Geschichte über Neldel geht, habe der Redakteur ihm nicht gesagt – und war auch nicht unmittelbar zu ahnen gewesen, da Iris Berben die Hauptrolle spielt. Neldel ist lediglich in einer Nebenrolle zu sehen. Folglich hat “Bild” die Sexzenen-Fotos gedruckt, ohne vorher bei RTL um Erlaubnis zu fragen. “RTL hat keinerlei PR-Effekt dadurch, diesen Film jetzt anzukündigen”, erklärt Richter empört.
Dass “Bild” die Neldel-Nacktbilder aus dem Film publiziert, ist allein deshalb reichlich unverschämt, weil das Blatt gestern erst berichtete, die Schauspielerin habe “all ihre wunderschönen Nacktaufnahmen” aus dem “Playboy” von 1997 “aus dem Verkehr ziehen” lassen: “Sie dürfen nicht mehr veröffentlicht werden.” Selbst der dümmste Redakteur hätte auf die Idee kommen können, dass Neldel offenbar keine Nacktfotos von ihr in der Zeitung sehen will.
Gegen die Jugendzeitschrift “Yam”, die wie “Bild” im Axel-Springer-Verlag erscheint, gehe Neldel juristisch vor, weil das Magazin die Titelseite der “Playboy”-Ausgabe mit Neldel abgebildet habe, schrieb “Bild” außerdem – und stellte frech den Titel der “Playboy”-Ausgabe mit der nackten Alexandra Neldel dazu. Als fahrlässig lässt sich das schon nicht mehr schönreden – soviel Sensationsgeilheit ist eigentlich schon: böswillig. Fragt sich also, wer hier auf eine “bittere Rache” aus ist.
Die Berliner Agentur der Schauspielerin möchte zu den “Bild”-Berichten derzeit keinen Kommentar abgeben.
Und trotzdem stand in der gestrigen Berliner “Bild”-Ausgabe diese Doppelseite:
Das Wort “Kannibale” findet sich dort nicht nur in der Überschrift, sondern auch in zwei Bildunterzeilen – und im Text wird Ralf M. weitere vier mal als Kannibale bezeichnet. Und das, obwohl “Bild” nebenan sogar einen Auszug der Anklage abdruckt, aus der sich deutlich entnehmen lässt, dass es eben nicht zu Kannibalismus kam. Man muss also davon ausgehen, dass “Bild” den Angeklagten absichtlich und wider besseres Wissen als Kannibalen bezeichnet.
Außerdem geht es hier mal wieder um Ziffer 13 des Pressekodex’. Obwohl dort und in den Richtlinien dazu eindeutig festgelegt ist, dass Verdächtige vor einem gerichtlichen Urteil nicht als Schuldige hingestellt werden dürfen, tut “Bild” mal wieder genau das (wie sich auch in der Online-Version des Berichts auf Bild.de nachlesen lässt).
Möglicherweise kann man auch darüber streiten, ob die Fotos, die “Bild” zur Illustration des Artikels gewählt hat, Ralf M. aussehen lassen, wie ein Raubtier im Käfig. Man kann darüber streiten, ob es wirklich notwendig und angemessen ist, detaillierte, “grausige” (“Bild”) Auszüge der Aussage des Gerichtsmediziners abzudrucken. Und man kann darüber streiten, ob man Ralf M.s Geständnis, das “Bild” im Wortlaut abdruckt, tatsächlich als “Grusel-Geständnis” qualifizieren muss. Es gibt jedenfalls Passagen darin, die dem Eindruck widersprechen, es handele sich bei dem Angeklagten um ein gewissen- und willenloses Monster:
“Ich selbst stehe den Vorwürfen fassungslos gegenüber und finde nur unzureichende Erklärungen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. (…)
Mir ist bewußt, daß dieser Teil meines Ichs medizinisch behandelt werden muß. Ich hoffe, mit Hilfe von Ärzten irgendwann einmal wieder ein normales Leben führen zu können.
Für die von mir begangene Tat schäme ich mich. (…)
Mir ist bewußt, welch schwere Schuld ich auf mich geladen habe. (…)
Bis zu der Tat habe ich irrig geglaubt, meine Fantasien im Griff zu haben. (…)
Ich weiß, daß ich in den nächsten Jahren unter gesicherten Bedingungen behandelt werden muß.”
Wie gesagt, “Bild” druckt all das im Wortlaut ab, und schreibt trotzdem darüber:
Sperrt ihn weg, er hat wieder Hunger!
Und in eine Bildunterzeile:
Offenbar hat er immer noch Hunger auf Menschenfleisch
Denn Ralf M. hat immer noch Hunger auf Menschenfleisch!
Ob also die Art und Weise, wie “Bild” die Geschichte präsentiert, entwürdigend ist, und ob sie den Angeklagten Ralf M. wie einen tumben Zombie darstellt, der einzig und allein von seinem Hunger auf Menschenfleisch getrieben ist, darüber müsste man jetzt vermutlich immer noch streiten — wenn auch nur mit “Bild”.
Nachtrag, 6.5.:
Man könnte glatt meinen, “Bild” versuche heute sich für ihre “Kannibalen-Berichterstattung” zu rechtfertigen. Auf Seite acht der Berliner “Bild”-Ausgabe steht nämlich ein fast ganzseitiger Artikel, der die Überschrift trägt, “Jetzt winselt der Berliner Kannibale! Ich fühle mich wie ein gefährliches Tier im Käfig”. Und im Text wird Ralf M. folgendermaßen zitiert: “Ja, ich bin ein Kannibale, und ich fühle so wie einer.” Aber, liebe “Bild”-Mitarbeiter, mal angenommen, irgend eine geistig derangierte Person käme auf die obskure Idee, sich als “Bild”-Chefredakteur und Herausgeber zu bezeichnen, würden Sie ihn dann auch so nennen und darstellen?