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Und jährlich grüßt die Terrorpropaganda

Die Entscheidung ist keine ganz einfache für Redaktionen: Wie und wie viel berichtet man über den sogenannten “Islamischen Staat”? Die Gefahr, die dabei immer besteht: Durch die Übernahme von Fotos und Videos und anderem Propagandamaterial wird man schnell selbst zum Sprachrohr der Terrororganisation. Auf der anderen Seite will man seine Leser/Hörer/Zuschauer aber auch über das informieren, was in den Gebieten passiert, die der sogenannte “IS” kontrolliert.

Wie man es auf jeden Fall nicht machen sollte, zeigten in der Vergangenheit “Bild”, Bild.de und “Focus Online”, die Fotos und Videos des sogenannten “IS” veröffentlicht hatten, auf denen Hinrichtungen zu sehen waren, die Opfer teilweise nicht mal verpixelt. Auch das Team von “Spiegel Online” agierte nicht gerade glücklich, als es Propagandaaufnahmen der Terroristen aus der irakischen Stadt Mossul übernommen hatte.

Beim österreichischen Knallportal oe24.at hat man sich offenbar dazu entschlossen, sich gar nicht erst Gedanken zu machen über den Umgang mit Terrorpropaganda und stattdessen alles rauszupfeffern, was der sogenannte “Islamische Staat” so hergibt und reichlich Reichweite bringen könnte.

Zum Beispiel der “7-Stufen-Plan”. Diesen Artikel hat die Redaktion vor gut einer Woche veröffentlicht:

Zum Hintergrund: Der “7-Stufen-Plan” stammt eigentlich aus einem Buch des jordanischen Journalisten Fuad Hussein und beschreibt eine langfristige Strategie der Terrororganisation Al-Qaida. Yassin Musharbash hatte 2005 bei “Spiegel Online” über Husseins Buch und die “sieben Phasen bis zum Kalifat” geschrieben. Bis 2020, so zeigt es Husseins Recherche, wolle Al-Qaida den “endgültigen Sieg” erreichen. Aktuell würden wir uns in Phase 6 befinden, der Phase der “totalen Konfrontation”.

Inzwischen haben die “IS”-Terroristen den “7-Stufen-Plan” übernommen und einzelne weltpolitische Ereignisse in ihrem Sinne gedeutet: Die Regimestürze im Arabischen Frühling beispielsweise passen zeitlich und inhaltlich wunderbar in Phase 4, die “Phase des Umsturzes”. oe24.at übernimmt diese Deutungen und verbreitet sie auf der eigenen Webseite:

4.Phase 2011-2013 (Die Phase des Umsturzes)
Die verhassten arabischen Regime sollen beseitigt werden. Dies geschah durch den Arabischen Frühling, weniger durch Angriffe der Jihadisten.

Die Redaktion tut nicht erst seit diesem Jahr so, als würde alles nach dem großen “IS”-Masterplan laufen, der dazu führen soll, dass die Terroristen 2020 “große Teile der Welt” beherrschten, “auch Österreich, dass Teil von Oropba werden soll”. Im Juli 2016 gab es einen ganz ähnlichen Artikel:

Oder im Januar 2016:

Oder im Dezember 2015:

Oder ebenfalls im Dezember 2015:

Oder noch mal im Dezember 2015:

Oder im November 2015:

Oder im August 2015:

Jedes Mal ging es um den “7-Stufen-Plan”, jedes Mal präsentierte oe24.at ihn so, als hätte ein Verein aus der Fußball-Bundesliga ein neues Konzept oder ein DAX-Konzern eine neue Strategie vorgestellt. Und jedes Mal hatte der Artikel mehrere Hundert, zum größten Teil sogar mehrere Tausend Likes. Hat sich für das Portal wohl gelohnt, die kühnen Terroristenträume zu verbreiten.

So langsam scheinen die Redakteure den Bogen allerdings überspannt zu haben. Unter dem aktuellsten “7-Stufen-Plan”-Beitrag findet man diese Leserkommentare:

Und wie oft wird derselbe Bullshit noch aufgewärmt und wieder gebracht? Winterloch ausfüllen?

Im Abstand von 3 Monaten postet ihr den selben Bullshit..

Geh bitte, Herr Fellner, nicht schon wieder diese alte Geschichte aufwärmen.

…hahaha, wie oft noch,die Geschichte kenn ma schon auswendig

Mit Dank an Jonas für den Hinweis!

Was interessiert mich mein Deutsch von vor dreieinhalb Jahren?

“In Europa wird jetzt wieder Deutsch gesprochen” “Es muss wieder Deutsch in der Kabine gesprochen werden”, fordert der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, aktuell in “Sport Bild”. Damit sich bei den Fußballern des Rekordmeisters keine Grüppchen bilden, sollten die Spieler eine gemeinsame Sprache sprechen, so Hoeneß’ Gedankengang in etwa.

“Bild”-Briefonkel Franz Josef Wagner schreibt in der heutigen Ausgabe an Uli Hoeneß — einerseits um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, andererseits um ihm wegen seiner Deutsch-in-der-Kabine-Idee zu widersprechen:

Lieber Uli Hoeneß,

herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 65. Geburtstag heute. Leider muss ich mit einem Distelstrauch gratulieren. Sie wollen, dass wieder Deutsch in der Kabine gesprochen wird.

Deutsch? Worüber sollen die Weltklasse-Fußballer in der Kabine auf Deutsch miteinander reden? Über die Evolution, wie das Universum entstand, wer Newton war, Goethe, Schiller?

Fußballer sprechen Fußball-Sprache. Feigling. Dreckshund. Tattoos sind wichtig, Frisuren.

Deutsch ist nicht wichtig. Tore sind wichtig.

Herzlichst
F. J. Wagner

“Deutsch ist nicht wichtig”? Mensch, Wagner, denken Sie an Ihre Stammleser!

Aber noch was ganz anderes: Goethe? Schiller? Deutsch in der Bayern-Kabine? War da nicht mal was?

Am 24. Juni 2013 schrieb Franz Josef Wagner an Pep Guardiola, der damals frisch zum FC Bayern München gekommen war:

Lieber Pep Guardiola,

¿Ya habla alemán? Sprechen Sie schon Deutsch? Es ist die Frage der Fragen. Heute Mittag werden wir es hören, wenn Sie sich als neuer Bayern-Trainer vorstellen.

Deutsch sprechen ist mehr als sich Rühreier zu bestellen. Oder ein Bier. Sie müssen Schweinsteiger erklären, dass er nicht Fußball spielt, sondern Kunst macht. Sie gelten als der Philosoph des Fußballs. Sie haben in vier Jahren vierzehn Titel geholt, zweimal die Champions League gewonnen.

Was ist das alles, wenn Sie nur ein gebrochenes Ausländer-Deutsch reden?

Wie können Sie Schweinsteiger, Müller, Kroos, Neuer, Lahm, Götze erreichen?

Um in das Herz eines Menschen zu kommen, musst Du die Sprache seiner Mutter verstehen. Auch die Mutter Boatengs, der bei Bayern spielt. Zu der Sprache der Deutschen gehören die Schwarzwaldtannen, die Ufer der Ostsee, das Kräuseln der Wellen am Tegernsee und Goethe und Schiller gehören auch noch dazu.

Lieber Pep Guardiola, Sie können gar nicht all die Erwartungen erfüllen.

Es sei denn, Sie können über das Wasser laufen. Es sei denn, Sie sind ein Heiliger, der Jesus des Fußballs.

Herzlichst
F. J. Wagner

Mit Dank an Mathias U. für den Hinweis!

2016: Ein letzter Blick zurück

1. Die besten Geschichten des Jahres 2016
(correctiv.org, Markus Grill)
Markus Grill und das Correctiv-Team haben ein lesenswertes Special mit den aus ihrer Sicht besten und wichtigsten investigativen Geschichten des Jahres 2016 zusammengestellt. Die subjektiv ausgewählten Reportagen beschäftigen sich unter anderem mit: PanamaPapers, Trump, Privatgefängnissen, FootballLeaks, Sachsen, Kindergärten und Habermas.

2. Kuscheltiere, Lügenpresse, Analsex
(taz.de, Fabian Franke)
Die “taz” hat eine Top 7 der meistgeklickten Artikel aus 2016 zusammengestellt und mit den Autoren gesprochen. Es geht unter anderem um Sex, die AfD, die Evolution, Angststörungen und die “taz”-Spionageaffäre. Das Ganze ist knackig aufbereitet und macht Lust zum Weiterlesen.

3. Deutscher Reporterpreis 2016: Der Reader
(reporter-forum.de)
1473 Artikel wurden für den “Deutschen Reporterpreis 2016” eingereicht. 82 Vorjuroren haben das Material gesichtet und in elf Kategorien insgesamt 91 Texte und Projekte nominiert… Die Siegerbeiträge gibt es zusammengefasst in einem PDF-Leseband mit 153 Seiten.

4. Unsere Favoriten 2016
(reportagen.fm, Valerie Schönian & Björn Stephan & Matthias Bolsinger & Margarethe Gallersdörfer & Florian Schmidt & Cecilia T. Fernandez & Tin Fischer)
“reportagen.fm” ist eine Kuratoren-Plattform für Reportagen. Junge Journalisten verlinken hier wöchentlich die drei nach ihrer Ansicht besten Reportagen aus deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften. In einem Sonderbeitrag stellen die Kuratorinnen und Kuratoren ihre persönlichen Jahresfavoriten samt Begründung vor.

5. Vor/für 2017: Lesetipps für den Jahreswechsel
(dirkvongehlen.de)
Auch der Autor und Journalist Dirk von Gehlen, der bei der “SZ” die Abteilung Social Media/Innovation leitet und die “SZ-Langstrecke” entwickelt hat, hat Lesetipps und verlinkt zehn lesenswerte Texte vor und für 2017.

6. Reisende Kuscheltiere und Tinder-Exit-Strategien
(spiegel.de, Eva Horn & Anna-Sophie Schneider)
Bei “Spiegel Online” haben Eva Horn und Anna-Sophie Schneider einige kuriose Geschichten aus dem “Social Web 2016” zusammengetragen. Mit dabei sind eine Abschiedsreise, ein untröstlicher Fußballfan und ein letzter Roadtrip mit 92 Jahren.

Absage von Wagner

Gestern waren sich die Fußballexperten von Bild.de und “Sport1” noch so sicher: David Wagner — ein guter Freund von Jürgen Klopp und aktuell beim englischen Zweitligisten Huddersfield Town angestellt — wird ganz bald als Trainer bei den Bundesligafußballern des VfL Wolfsburg auf der Bank sitzen:


Ja, gut, ein, zwei Details müssten vielleicht noch geklärt werden. Aber eigentlich sei alles fix — auch wenn der “Aufsichtsrat dementiert”. Was soll da schon noch anbrennen? Wagner kommt nach Wolfsburg!

Heute hat David Wagner klargestellt, dass er nicht wechseln wird:


(Bild.de)

(“Sport1”)

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Wo ein Kläger, da eine Unterlassungserklärung

Wenn “Bild” und Bild.de sich unerlaubt Fotos aus dem Internet besorgen, hat das für Redaktion und Verlag meistens keine Folgen. Es gilt der Grundsatz: Wo kein Kläger, da kein Richter. Soll heißen: Nur die Person, gegen deren Persönlichkeits- und/oder Urheberrecht die “Bild”-Medien durch ihre illegale Fotobeschaffung verstoßen, kann sich juristisch dagegen wehren. Und wenn die das gar nicht mitbekommt oder vielleicht anderes zu tun hat (schließlich handelt es sich häufig um Menschen, die um verunglückte Angehörige trauern), dann passiert nichts.

Der Fanclub “Rote Böcke” — Fans der Fußballer des 1. FC Köln — hat einen Fotoklau durch “Bild” mitbekommen, ist dagegen vorgegangen und hat gegen das Blatt einen Sieg einfahren können.

Zur Erinnerung: Anhänger eines anderen Fanclubs des 1. FC Köln hatten bei einem Heimspiel für einige Minuten ein Banner hochgehalten:

Der Spruch “GRÜNGÜRTEL MIT FC ODER MIT GÜRTELN AUF GRÜNE! ;)” bezieht sich auf Aussagen der Kölner Grünen, die gegen eine Ausweitung des FC-Vereinsgeländes im Grüngürtel der Stadt sind. Nun ist der zwinkernde Smiley am Ende des Satzes für eine Einordnung des Banners sicher nicht ganz unwesentlich.

Ohne zu fragen, hat “Bild” sich dieses Foto, das von den “Roten Böcken” stammt, genommen und, nun ja, leicht beschnitten:

Schwups war der Smiley weg. Und schon passte das Plakat besser zur Geschichte, die “Bild” gern erzählen wollte:

Das wollten sich die “Roten Böcke” nicht bieten lassen. Und das mussten sie auch nicht. Der Fanclub erwirkte gegen “Bild” eine Unterlassungserklärung, wie der Vorsitzende Daniel Krebs der FC-Fanwebsite effzeh.com erklärte:

“Sie verpflichten sich, das Foto in Zukunft weder zu vervielfältigen noch zu verbreiten oder anderweitig öffentlich zugänglich zu machen, wie es in dem Artikel geschehen ist. Zusätzlich muss die ‘Bild’ einen geringen Schadenersatz sowie die angefallenen Anwaltskosten zahlen.”

Wenn “Bild” den korrekten Weg gegangen wäre und vorher bei Krebs und den “Roten Böcken” angefragt hätte, ob man das Foto verwenden dürfe, hätte das übrigens auch nichts gebracht:

“Speziell der ‘Bild’ hätten wir das nicht erlaubt — vorher nicht und nachher erst recht nicht. Der Fall hat uns auch mal wieder gezeigt, warum das so ist”, betont Krebs.

Mit Dank an Gero D. und David S. für die Hinweise!

Sexualmord in Freiburg, Lynchfantasien, Fake-Fake-News

1. Krankes Geschäftsmodell
(spiegel.de, Nina Weber & Jörg Römer)
Es gibt da einen netten Begriff: “Empfehlungsmarketing”. Nina Weber und Jörg Römer fänden in vielen Fällen allerdings das Wort “Schleichwerbung” deutlich passender. Sie haben jeweils fünf Ausgaben von 13 verschiedenen Frauenzeitschriften analysiert und dort zahlreiche Erwähnungen von rezeptfreien Medikamenten entdeckt. Oft entdeckten sie nicht nur diese Nennungen im redaktionellen Teil, sondern auch Anzeigen für dasselbe Produkt. Das alles riecht stark nach einer Vermischung von journalistischer Arbeit und Werbung. Zusätzlich hat Nina Weber überprüft, ob die Gesundheitstipps denn wenigstens “medizinisch sinnvoll sind oder gar gesundheitlich bedenklich”: “Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Ihre Frauenzeitschrift”.

2. Warum die Lügenpresse-Vorwürfe gegen die „Tagesschau“ falsch sind
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die “ARD” musste sich in den vergangenen Tagen einiges an Kritik anhören, auch von anderen Medien. Die zentrale Frage: Warum hat die “Tagesschau” nicht über die Festnahme eines Verdächtigen in einem Mordfall in Freiburg berichtet? Der zentrale Vorwurf: Weil es sich um einen Flüchtling aus Afghanistan handele. Stefan Niggemeier kommentiert, die “Tagesschau” habe eigentlich so wie immer entschieden, wenn es um Mord geht: “Es ist nicht so, dass die ‘Tagesschau’ eine Ausnahme von ihrer sonstigen Regel gemacht hat. Sondern der ‘Stern’ und all die anderen Empörten fordern, dass sie im Fall von Flüchtlingen eine Ausnahme machen soll.” Dazu auch Alexander Krei bei “DWDL”: “Morde in der ‘Tagesschau’: Eine Frage der Relevanz”.

3. Fall Maria L.: Ein Blick in die Abgründe von Facebook
(badische-zeitung.de)
Noch einmal zum Sexualmord in Freiburg: Seit Bekanntwerden der Nationalität des mutmaßlichen Täters ist auf der Facebookseite der “Badischen Zeitung” die Hölle los: Lynchfantasien, Mordaufrufe, purer Hass. Die Redaktion dokumentiert einige der von ihr gelöschten Kommentare.

4. Football Leaks — der “Fall” Özil und ein kurzer Blick auf die Rolle des Spielervermittlers
(sportsandlaw.de, Robert Golz)
“Der Spiegel” macht aktuell mit einer großen Geschichte zu den Finanztricks von Fußballstars auf. Robert Golz, der sich als Anwalt mit Urheber-, Persönlichkeits- und Presserecht im Fußball beschäftigt, hat sich die Recherche mal angeguckt. Sein Urteil: “Was als große Enthüllungsstory beginnt und mit dem reißerischen Titel ‘Das sieht richtig übel aus’ überschrieben ist, fällt im Verlauf des Studiums des Beitrags ziemlich schnell in sich zusammen und läuft letztlich darauf hinaus, dass es erhebliche Kommunikationsschwierigkeiten zwischen der deutschen und der spanischen Steuerberatungskanzlei von Mesut Özil gegeben haben muss”.

5. Trump telefoniert mit Tsai — Medien machen Panik
(intaiwan.de, Klaus Bardenhagen)
Ein Telefonat mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen — und schon habe Donald Trump laut Medienberichten beinahe die erste diplomatische Krise ausgelöst. Klaus Bardenhagen findet, dass die Redaktionen mit ihren Beiträgen Chinas Propaganda gleich mit erledigt hätten: “Für die Machthaber in Peking muss es ein Fest gewesen sein, diese Reaktionen zu beobachten. Bevor sie überhaupt eine Chance hatten, sich zu äußern (Zeitverschiebung), hatten Journalisten und Trump-kritische Experten ihnen schon die Entscheidung abgenommen, wie sie sich zu verhalten haben.”

6. Der Mosel Kurier — eine Fake Fake News Seite für mehr Medienkompetenz
(schleckysilberstein.com, Christian Brandes)
Das Team von “Schlecky Silberstein” hat eine eigene Onlinezeitung gegründet: den “Mosel Kurier”. Also zumindest fast. Der “Mosel Kurier” verbreitet vor allem Fake-Nachrichten à la “Grünen-Politiker setzt Kinderheim in Brand” oder “Bei Kreisliga-Spiel: Großfamilie bedroht Schiedsrichter mit Säbel” — alles ausgedacht. Der Trick dabei: Teilen Leute nun diese wahnwitzigen Geschichten bei Facebook, und folgt ein “bestätigungswütiger Wutbürger” dem Link, bekommt dieser nur einen Warnhinweis angezeigt: “REINGEFALLEN!!!!!!”

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“Bild” beschneidet Foto und Urheberrecht

Am liebsten berichtet “Bild” über Skandale. “Schmuck-Skandal nach Trump-Interview”, “Fäkal-Skandal in der JVA Bielefeld”, “Nackt-Skandal an Luthers Thesentür” — egal was, Hauptsache ein Skandal.

Am vergangenen Wochenende hat die Köln-Ausgabe der “Bild”-Zeitung einen neuen Skandal ausgemacht, einen “Plakat-Skandal im Stadion” des 1. FC Köln:

Dazu muss man wissen: Der 1. FC Köln will wachsen. Drei neue Kunstrasenplätze und ein neues Leistungszentrum sollen entstehen, nach Wunsch des Fußballvereins im Grüngürtel der Stadt. Gegen diese Pläne gibt es Protest von Bürgerinitiativen, die die Grünflächen nicht bebauen lassen wollen. Und auch die Kölner Grünen sind gegen das Vorhaben des Fußballvereins. Stattdessen solle der 1. FC Köln auf ein Gelände weiter außerhalb ausweichen, so der Vorschlag.

Und nun also, am vergangenen Samstag beim Heimspiel gegen den FC Augsburg, der “Plakat-Skandal”, ausgelöst durch Fans des Klubs:

Auf der Südtribüne hatte der offizielle FC-Fanclub ein Banner ausgerollt, das offen zur Gewalt aufrief: “Grüngürtel mit FC oder mit Gürteln auf Grüne”, stand dort schwarz auf weiß.

Nur am Rande: Den einen “offiziellen FC-Fanclub” gibt es nicht. Es gibt Hunderte in ganz Deutschland, allein in Köln sind es laut Verein 362. Das Banner, das “Bild” anspricht, stammt von den “Coloniacs”, kurz “CNS”.

“Bild” hat über den “Plakat-Skandal im Stadion” mit Jörg Frank, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, gesprochen:

Wie dieses Plakat überhaupt durch die Banner-Kontrolle kommen und das ganze Spiel dort hängen konnte, fragt er sich und erwartet vom FC ein “klares Bekenntnis zu Demokratie, Gewaltfreiheit und rechtsstaatlichem Verhalten.”

Nur am Rande: Das Banner hing nicht “das ganze Spiel dort”, sondern nur für einige Minuten. Die “Coloniacs” hatten für den Nachmittag mehrere Spruchbänder vorbereitet und hintereinander präsentiert.

Nun aber zum eigentlich Wichtigen: “Bild” hat auch ein Foto gedruckt, das das Banner zeigt:

Bei der Wahl des Fotoausschnitts müssen die “Bild”-Mitarbeiter vor dem Computerbildschirm des Layouters gestanden und beraten haben: “Hm, soll das noch mit rein oder nicht? Nee, lass mal, dann ist die Geschichte nicht mehr so knackig.” Denn das Banner geht nach dem “AUF GRÜNE!” noch ein Stück weiter, wie ein Foto des Fanclubs “Rote Böcke” zeigt:

Natürlich kann man die Aussage “MIT GÜRTELN AUF GRÜNE!” kritisieren und darüber debattieren, ob sie zu heftig ist. Aber dann sollte man doch so fair sein und auch zeigen, dass ein Zwinker-Smiley der ganzen Sache einiges an Schärfe nimmt.

Der “Express” hat ebenfalls über das Banner und die Empörung der Grünen berichtet, allerdings mit Hinweis aufs Gezwinker. Im Gegensatz zu “Bild” hat die Redaktion auch mit einem “CNS”-Vertreter gesprochen:

Eike Wohlgemuth von den Coloniacs versucht, die Wogen zu glätten: “Wer uns kennt, weiß, dass wir keine gewaltsuchende Gruppe sind, im Gegenteil. Wer sich das Spruchband anschaut, wird den großen Smiley sehen”, sagt er dem EXPRESS.

Und:

“Wer das Plakat sieht, wird erkennen, wie es gemeint ist: Ein Spruch mit einem sehr großen Augenzwinkern.”

“Bild” hat das unglücklich abgeschnittene Foto übrigens mit dem Credit “Foto: PRIVAT” versehen. Man kann allerdings ziemlich leicht herausfinden, wer dieses “PRIVAT” ist, indem man das “Bild”-Foto und das des Fanclubs “Rote Böcke” übereinanderlegt:

Wir haben bei den “Roten Böcken” nachgefragt, ob die “Bild”-Redaktion eine Erlaubnis dafür hatte, die Aufnahme zu verwenden. Hatte sie nicht. Damit beschneidet “Bild” nicht nur ein Foto so, dass es besser zur Geschichte passt, sondern auch noch das Urheberrecht.

Mit Dank an Dominik N. und Daniel für die Hinweise!

Hohe Fehlerquote

Heute Abend, in gut einer Stunde, spielt RB Leipzig in der Fußball-Bundesliga bei Bayer 04 Leverkusen. Beim Bezahlsender “Sky” werden sich vermutlich einige Hunderttausend Leute das Spiel anschauen. Und das könnte dann für “Bild”-Sportchef Walter M. Straten der nächste ultimative Beweis sein, dass der ziemlich umstrittene Fußballklub aus Sachsen gar nicht so doof ist, wie ihn viele Fans anderer Vereine finden. Doch der Reihe nach.

Ende Oktober schrieb Straten in seiner Kolumne “Die Lage der Liga” in “Bild am Sonntag” und bei Bild.de:


Das Interesse an den Leipzigern ist bereits fast so groß wie an den alteingespielten Klubs der Liga. In der Einschaltquoten-Tabelle von Sky (Stand 8. Spieltag) rangiert Leipzig bereits auf Platz sechs. Hinter Bayern, Dortmund, Schalke, Köln und Hertha.

Heißt: Die Fans in ganz Deutschland wollen den frechen Großstadt-Neuling spielen sehen. Ob sie ihn nun mögen oder nicht.

Wer steht in der Quoten-Rangliste am Ende?

Ingolstadt, Leverkusen, Augsburg, Hoffenheim — und ganz hinten Darmstadt.

Damit ist die Frage beantwortet, wer für die Liga wertvoller ist. Also: Schluss mit dem primitiven Leipzig-Bashing!

(Straten dürfte sich auf die “Sky”-Einschaltquoten-Tabelle von “Meedia” beziehen.)

Mal davon abgesehen, dass es vielleicht nur von begrenzter Weitsicht zeugt, in einem Beitrag gegen das Bashing eines Fußballklubs andere Fußballklubs als weniger wertvoll darzustellen, übersieht Walter M. Straten in seiner Argumentation einen ziemlich wichtigen Punkt: den Bundesliga-Spielplan und dessen Auswirkungen auf die Einschaltquoten bei “Sky”.

Jeder Bundesliga-Spieltag besteht aus neun Partien. In der Regel findet eine davon am Freitagabend um 20:30 Uhr statt, fünf weitere parallel am Samstagnachmittag um 15:30 Uhr, eine am Samstag um 18:30 Uhr, eine am Sonntag um 15:30 Uhr und die neunte zwei Stunden später um 17:30 Uhr.

Am Samstag um 15:30 Uhr gucken viele “Sky”-Abonnenten die Konferenz mit allen fünf Spielen, und nur jene Fans, die ausschließlich ihren Verein sehen wollen, entscheiden sich am Samstagnachmittag für das Einzelspiel mit ihrem Klub. Bei den Spielen am Freitagabend, Samstagabend, Sonntagnachmittag und -abend gibt es diese Auswahl hingegen nicht. Es findet ja jeweils nur ein Spiel statt. Und deswegen sind die Einschaltquoten bei diesen Partien meist höher als bei den einzelnen Spielen am Samstagnachmittag.

Schaut man sich nun den Spielplan der bisherigen Bundesligasaison an, sieht man, dass RB Leipzig einer der Vereine ist, die die meisten Einzelspiele abbekommen haben. Zum Zeitpunkt, als Walter M. Straten seinen Text veröffentlich hat, waren es sechs Stück. Und das nach lediglich neun Spieltagen. Am vergangenen Spieltag ist noch ein weiteres Einzelspiel hinzugekommen.

Gut möglich also, dass “die Fans in ganz Deutschland” gar nicht unbedingt “den frechen Großstadt-Neuling spielen sehen” wollen, “ob sie ihn nun mögen oder nicht”, wie Straten schreibt. Vielleicht wollen sie einfach nur Fußball gucken, unabhängig davon, wer da nun spielt.

Dafür spricht auch die Einschaltquote der Partie, um die es in Walter M. Stratens Beitrag hauptsächlich geht: SV Darmstadt gegen RB Leipzig. Das Spiel an einem Samstagnachmittag — also mit Konkurrenz von vier anderen Partien und der Konferenz — haben weniger als 5000 Leute eingeschaltet. In der offiziellen Messung heißt das: 0,00 Million.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

Gerichtsstand, Schwarm-Extremisten, Schwatzgelb

1. Trotz ihrer Kritik an “Bild”: Gisela Friedrichsen wechselt zu Axel Springer
(kress.de, Jochen Zenthöfer)
Vor kurzem berichtete der “Spiegel” in einer Meldung in eigener Sache vom Abschied von Gerichtsreporterlegende Gisela Friedrichsen. Nun stellt sich überraschend raus, dass die 72-jährige Friedrichsen zu Axel Springers “Welt”-Gruppe wechselt. Was etwas pikant ist: Im Zuge des Kachelmann-Prozesses hatte Springers “Bild” sie wegen ihrer Berichterstattung im “Spiegel” noch als “Lügenpresse” tituliert.

2. Fußball-Berichterstattung: “Nennen wir das bitte nicht Journalismus”
(kress.de, Frank Hauke-Steller)
Der freie Journalist Ronny Blaschke hat ein Buch geschrieben, in dem er die öffentlich-rechtlichen Sender wegen ihrer Fußballberichterstattung kritisiert. Viele soziale Projekte der Vereine seien nicht ehrlich gemeint, Sportjournalisten seien oft mehr Fans denn objektive Begleiter. “kress.de” hat mit dem Autor gesprochen und unter anderem gefragt, ob die Milliarden, die die Sender für die Übertragungsrechte ausgeben, einen Maulkorb für Reporter bedeuten würden.

3. «Extremisten benehmen sich wie ein Schwarm»
(tagesanzeiger.ch, Jonathon Morgan)
Der US-Amerikaner Jonathon Morgan ist Datenwissenschaftler und untersucht, wie IS-Terroristen oder Rechtsextreme im Netz kommunizieren. Morgan über seine Analysetechnik: “Es ist wie im richtigen Leben. Menschen, die Schaden anrichten, haben bestimmte Verhaltensweisen – online und in der realen Welt. Wir nutzen Algorithmen und Datenanalyse, um diese Muster zu finden. So identifizieren wir Gruppen, die radikale Ideologien annehmen, anhand ihrer Sprache. Extremisten vertreten per Definition extreme Ansichten, sprechen eine extreme Sprache. Das können wir messen.”

4. Koran und Analsex
(taz.de, Natalie Mayroth)
Das Online-Magazin „renk“ soll Klischees über Deutschtürken widerlegen. Dank Crowdfunding erscheint nun auch eine Printausgabe. Natalie Mayroth ist durchaus angetan von dem Projekt: “Designs und Fotografierichtungen werden gemixt, Plätze getauscht: Sie langt ihm an den Po, nicht er; das Inhaltsverzeichnis ist hinten, nicht vorne, und die Schrift wechselt mit jedem Artikel – dennoch hält renk seinen Namen: Es ist sogar rengarenk – kunterbunt. Mit dieser Mischung halten sie ihr buntes Versprechen und stellen sich als Gesellschaftsmagazin auf.”

5. Redaktionsnetzwerk Rumpelding
(bilanz.de, Bernd Ziesemer)
Bernd Ziesemer äußert sich kritisch über Zusammenlegungen von Zeitungen, Redaktionsnetzwerke und Mediengruppen: “Wenn Verlage sich statt ihrer Marken in den Mittelpunkt stellen, geht es mit beiden bergab. Sie werden austauschbar wie die Texte der Gemeinschaftsredaktionen.” Unter den Printmedien würden sich immer noch diejenigen Zeitungen und Zeitschriften am besten schlagen, die ihre Marken weiter in den Vordergrund rücken: Das “Handelsblatt” etwa oder die “Zeit”, der “Spiegel” oder die “Frankfurter Allgemeine”.

6. Kampf gegen Rechts: Die “BVB Freunde Deutschland” im Porzellanladen
(schwatzgelb.de, Malte S.)
Als die “BVB Freunde Deutschland” bekanntgeben, sich aus dem aktiven Kampf gegen Rechtsextremismus zurückzuziehen, gibt es ein großes mediales Echo. Das Fanzine “Schwatzgelb.de” bezweifelt die Aussagekraft der Meldung: Der nach eigenen Angaben rund 1.400 Mitglieder große Fanclub sei weitgehend unbekannt und im Stadion nicht präsent. Belege für ein antirassistisches Engagement gebe es auch nicht: “Dass die BVB Freunde Deutschland also – um es mal vorsichtig auszudrücken – nicht die Speerspitze des antirassistischen Engagements bei Borussia Dortmund bilden, hätte man mit weniger als einer Stunde Recherchearbeit herausfinden können. Dass neben dem eingangs erwähnten sport.de auch Focus Online journalistische Arbeit gegen ein paar sichere Klicks tauscht, überrascht nicht wirklich. Schließlich sind beide Seiten nicht dafür bekannt, fanpolitische Themen differenziert beziehungsweise mit entsprechendem Aufwand aufzubereiten.”

Trump-Enthüller, Russia-Today-Undercover, ZDF-Gutachten

1. Der Wadenbeisser aus Washington
(nzz.ch, Peter Winkler)
Die NZZ berichtet über den “Washington Post”-Reporter David Fahrenthold, der für einen großen Teil der Negativschlagzeilen über Trumps Wahlkampagne verantwortlich sei. Auch die Enthüllung der sexistischen Prahlereien des Präsidentschaftsbewerbers ginge auf sein Konto. “Der Reporter hatte sich bereits wie ein Terrier an den Behauptungen Trumps über seine wohltätige Großzügigkeit festgebissen und aufgedeckt, dass von angeblich gespendeten sechs Millionen Dollar für amerikanische Kriegsveteranen nach Monaten praktisch nichts auffindbar war. Weitere Enthüllungen Fahrentholds betrafen unzulässige politische Spenden aus seiner wohltätigen Stiftung und die Tatsache, dass Trump seit 2009 kein eigenes Geld mehr in diese Stiftung einbrachte, sondern seine «Großzügigkeit» von anderen bezahlen ließ.”

2. Jetzt wird sich zeigen, wie gut wir sind
(faz.net, Harald Staun)
Harald Staun hat sich in der “FAZ” mit dem TV-Produzenten Oliver Berben über moderne Erzählformen, anspruchsvolle Zuschauer und den Grund für die Übermacht amerikanischer Serien unterhalten. Zum Schluss geht es noch um die Adaption von „Terror – Ihr Urteil“, dem Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Dabei wird die Frage gestellt, ob man ein Flugzeug abschießen darf, das von Terroristen entführt wurde, die es über einem Fußballstadion abstürzen lassen wollen. Wie im Theater würden auch im Fernsehen die Zuschauer am Ende über diese Frage abstimmen können. Staun fragt den Produzenten, ob es sich dabei nur um einen programmmacherischen Trick handelt und wendet auf dessen Argumentation ein, dass man manche Fragen aus gutem Grund nicht stelle.

3. 100’000 Abos zusätzlich – und die NZZ-Medien sind werbefrei!
(medienwoche.ch, Ronnie Grob)
Die “NZZ” hat ihre Frontseite an einen Werbetreibenden abgetreten und kassiert dafür viel Kritik. Ronnie Grob kann dem nicht zustimmen: “Die Realität ist jedoch, dass auch einige von denen, die «Geldgier!» oder «Seele verkauft!» rufen, kein NZZ-Abo bezahlen. Sie lesen die Inhalte online und löschen von Zeit zu Zeit ihre Cookies, um die aufgestellte Bezahlmauer wieder einzureißen. Sie haben in ihren Browsern Adblocker installiert. Und wenn sie es tatsächlich mal mit Print versuchen, hangeln sie sich – «Geiz ist geil!» – von vergünstigtem Probeabo zu vergünstigtem Probeabo.”

4. NEON Undercover bei Russia Today
(blog.neon.de, Video, 2:34 Minuten)
Drei Wochen lang recherchierte der Journalist Martin Schlak für “Neon” undercover bei der Berliner Redaktion von “Russia Today”. Er hatte sich dort für ein Praktikum beworben und bereits nach zwei Wochen Arbeit ein Jobangebot bekommen. In einem kleinen Werbevideo für den Beitrag im Heft erzählt er, wie es ihm bei Russia Today ergangen ist und wie die Redaktion “tickt”, aber auch über seine Selbstzweifel.

5. ARD, ZDF & „Cloud-TV“: Ein Gutachten wie ein Requiem
(carta.info, Hermann Rotermund)
Das ZDF hat ein Gutachten zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Auftrag gegeben. Das 108-seitige Papier („Legitimation und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Zeiten der Cloud“) weise gravierende Mängel auf, so Carta-Autor Hermann Rotermund. “Das vom ZDF bestellte Gutachten bestätigt den Auftraggebern letztlich nur ihren Status quo. Weil sie damit keinen Beitrag zur Formulierung der Zukunftsaufgaben für das öffentlich-rechtliche System und deren medienrechtliche und medienpolitische Bahnung leisten, schaufeln die Gutachter am Grab dieses Systems mit.”

6. 38 Hilarious Tweets That Perfectly Sum Up The Second Debate
(buzzfeed.com)
Eine Zusammenstellung von 38 teilweise verstörend komischen Tweets zur zweiten TV-Debatte von Hillary Clinton und Donald Trump.

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