1. So isser nich’, der Ossi (spiegel.de, Sascha Aurich)
Sascha Aurich ist stellvertretender Chefredakteur der “Freien Presse” aus Chemnitz und hat vielleicht deshalb ein besonders feines Gespür für die klischeehafte Berichterstattung vieler westdeutscher Medien über den Osten. In seinem Essay appelliert er: “Den Osten ernst nehmen, nur so kann es gehen. Und zwar nicht die Schreihälse. Sondern die Menschen in der dritten oder vierten Reihe, die nur hinterhertrotten. Und dann vor allem jene, die sich ein anderes, besseres Ostdeutschland wünschen, sich aber nicht mehr aus der Deckung trauen. Sie müssen Gehör finden, ihr Leben muss stattfinden, wenn es um den Osten geht. Der Anspruch auch des SPIEGEL sollte sein: Raus aus den Mustern der Berichterstattung, weg von den üblichen Verdächtigen. Echtes Interesse für den Alltag im Osten. Die Zeit der Zuspitzung ist vorbei, die Wirklichkeit ist krass genug.”
2. Warum kostet eine sexistische Beleidigung 10.000 Euro? (uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 21:03 Minuten)
Das Landgericht Berlin hat entschieden: Roland Tichy muss für eine sexistische Beleidigung in der von ihm verantworteten Zeitschrift “Tichys Einblick” 10.000 Euro Schmerzensgeld an die SPD-Politikerin Sawsan Chebli zahlen. Ist das gerecht? Wie kommt eine solche Summe zustande? Wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit, und darf Satire nicht auch sexistisch sein? Was kostet es, gegen Beleidigungen vorzugehen? Und hilft das Urteil Opfern von Hate Speech? Darüber hat Holger Klein mit der Medienrechtsanwältin Tanja Irion gesprochen.
3. Historikerverband kritisiert “Verfälschung historischer Fakten” (sueddeutsche.de, Jörg Häntzschel)
Beim von ARD und ZDF betriebenen Jugendkanal “Funk” erschien ein Video, das falsche Fakten über Adolf Hitler enthielt. Der Macher des Videos habe seinen Irrtum bereits vor längerer Zeit eingeräumt, doch der Beitrag selbst sei über Wochen unverändert geblieben. Mittlerweile ist das Video gelöscht, vielleicht auch weil sich prominenter Protest seitens des deutschen Historikerverbands regte.
4. Donald Trumps Internetplattform soll im Februar starten (zeit.de)
Nachdem Donald Trump von den großen Social-Media-Plattformen ausgeschlossen wurde, hatte er die Gründung eines eigenen Netzwerks angekündigt. Der Start dieses Projekts mit dem Namen “Truth Social” steht anscheinend in nächster Zeit bevor: Laut Apple sei die dazugehörige App voraussichtlich ab dem 21. Februar verfügbar.
5. Vernachlässigen Medien nicht-akademische Berufe? (deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 34:02 Minuten)
Akademikerinnen und Akademiker seien in der medialen Berichterstattung weit stärker vertreten als Nichtstudierte, ganz gleich ob in Talkshowrunden, Krimis, Serien oder Zeitungstipps für Beruf und Karriere. Wie kann ein ausgewogeneres und realistischeres Bild der Arbeitswelt entstehen? Darüber diskutiert ein Deutschlandfunk-Hörer mit dem Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Armin Himmelrath und Brigitte Baetz aus der “mediasres”-Redaktion.
6. Glaskugelige Kaffeesatzlesereien 2022: Die Trends für das neue Jahr (indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer hat turnusgemäß die Glaskugel aus dem Schrank geholt und einen Blick auf mögliche Medienentwicklungen des bevorstehenden Jahres geworfen. Wie immer geht er dabei auch selbstkritisch seine Prognosen des Vorjahres durch.
2. Boris Reitschuster sieht sich als Opfer (sueddeutsche.de, Anna Ernst)
Boris Reitschuster ist empört darüber, dass die Bundespressekonferenz (BPK), ein Zusammenschluss von Parlamentskorrespondenten, ihn ausgeschlossen hat, und unterstellt allerlei finstere Motive. Was er dabei nicht verrät, ist der Grund für seinen Ausschluss: Reitschuster hat seinen offiziellen Sitz nach Montenegro verlagert, damit sind die Mitgliedschaftsvoraussetzungen der BPK schlicht nicht erfüllt. Noch habe er jedoch 30 Tage Zeit, Einspruch zu erheben.
3. Steffen Klusmann über Reichelt, Relotius und Diversität beim “Spiegel”. (turi2.de, Markus Trantow & Pauline Stahl, Video: 19:28 Minuten)
“turi2”-Chefredakteur Markus Trantow hat sich mit “Spiegel”-Chefredakteur Steffen Klusmann getroffen. Wie hat sich der drei Jahre zurückliegende Fall Relotius auf die Arbeit des “Spiegel” ausgewirkt? Wie ist es um die Diversität des Hauses bestellt? Und wie sieht es bei dem Hamburger Nachrichtenmagazin wirtschaftlich aus?
5. “ak”? ok! (taz.de, André Zuschlag)
Die Hamburger Monatszeitung “analyse & kritik” (“ak”) feiert ihren fünfzigsten Geburtstag. Ein guter Anlass, sich einmal anzuschauen, was sich in dem vergangenen halben Jahrhundert bei der Zeitung alles getan hat.
6. Opfer oder Täter: Versagt die Justiz im Fall Drachenlord? (faz.net, Corinna Budras & Pia Lorenz, Audio: 1:24:09 Stunden)
In der aktuellen Folge des “FAZ”-“Einspruch”-Podcasts sprechen Corinna Budras und Pia Lorenz mit der Gerichtsreporterin Ulrike Löw sowie dem Pressesprecher des Oberlandesgerichts Nürnberg, Friedrich Weitner, über die juristische Aufarbeitung des Falls des Youtubers Rainer W. (“Drachenlord”). Dieser wird seit Jahren von Hatern verfolgt und wurde im Oktober wegen gefährlicher Körperverletzung und anderer Straftaten zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. “Ein empörendes Urteil, das von Unwissen, Unwillen und Unverständnis des Amtsgerichts und der Staatsanwältin zeugt”, wie es Sacha Lobo vor etwa zwei Monaten in seiner “Spiegel”-Kolumne bezeichnete.
1. Because it’s 2021! (journalist.de, Stephan Anpalagan)
“Es gibt nur wenig, was mich so anödet, wie das Gerede von Vielfalt.” Stephan Anpalagan hat sich seinen Frust über die wortreich verkündete, aber unzureichend umgesetzte Vielfalt von der Seele geschrieben, und der ist angesichts der von ihm geschilderten Beispiele verständlich: “Auch wenn die Bevölkerung in Deutschland vielfältig ist, ihre öffentliche Darstellung ist es nicht. Im Gegenteil. Es passiert selten genug, dass nichtweiße, nichtheterosexuelle und nichtchristliche Menschen als Models, Bundestagskandidaten oder Karnevalsprinzenpaare auf Werbeplakaten oder Titelblättern abgebildet werden. Wann immer dies aber geschieht, fühlen sich Teile dieses Landes bemüßigt, aller Welt zu zeigen, wie es um ihre Kinderstube bestellt ist.”
2. Keine Angst vor der Angst (message-online.com, Matthias Kalle)
Der freie Journalist und Autor Matthias Kalle kann auf eine bewegte Medien-Karriere zurückblicken, mit Stationen bei “jetzt”, beim “Tagesspiegel”, bei “Neon”, “Zitty”, bei der “Vanity Fair” und dem “ZEITmagazin”. In einem Impulsvortrag vor Journalistik-Studierenden der Universität Hamburg hat Kalle über seinen Lebensweg und seine Ängste gesprochen, die ihn manchmal gelähmt und manchmal angetrieben haben. Unbedingt lesenswert und eines der Highlights des Jahres, weil sehr persönlich und von seltener Offenheit.
3. Superspreader der Desinformation (tagesschau.de, Patrick Gensing)
Die “World Doctors Alliance” (“WDA”) beziehungsweise Mitglieder der “WDA” würden immer wieder durch irreführende Behauptungen zu Covid-19 auffallen. Nun hat sich das Institut für strategischen Dialog mit dem umstrittenen Mediziner-Zusammenschluss beschäftigt: “Die deutsche ISD-Analyse liegt tagesschau.de vorab vor; der Bericht dokumentiert, wie sich die Mitglieder der ‘World Doctors Alliance’ zu Superspreadern der Desinformation entwickeln konnten. Konkret zeigen Datenauswertungen, welche immense Reichweite die WDA auf Facebook erreichen konnte – und wie Facebook es nicht schaffte, die Inhalte maßgeblich einzuschränken.”
4. Journalismus kaum noch möglich (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 7:06 Minuten)
Nach der Machtübernahme der Taliban ist es in Afghanisten leider zu dem gekommen, was viele befürchtet und vorhergesagt haben: Innerhalb weniger Monate ist fast jedes zweite Medienangebot verschwunden. Außerdem hat die große Mehrheit der Frauen, die im Medienbereich tätig waren, ihre Jobs verloren. Besonders schlimm ist die Lage in den Provinzen.
5. Die Peinlichkeiten des Jahres: Der Goldene Günter 2021 ist da (dwdl.de, Thomas Lückerath & Alexander Krei & Timo Niemeier & Manuel Weis)
Die Redaktion des Medienmagazins “DWDL” kürt regelmäßig die Peinlichkeiten des vergangenen Medienjahres mit einem Negativpreis: dem “Goldenen Günter”. Hintergrund der seit 2008 vergebenen Auszeichnung sei eine Aussage des ehemaligen ARD-Programmdirektors Günter Struve. Dieser habe eine Sendung mit der Künstlerin Lady Bitch Ray als “ziemlich ui-jui-jui” bezeichnet. Bis zum 26. Dezember kann man seine Stimme abgeben. Die Auswahl an Peinlichkeiten ist dieses Jahr besonders groß und reicht von Medienfiguren wie Mathias Döpfner und Dirk Ippen bis zu wegretuschierten Personen und Logos und gefakten Dokumentationen.
6. 2021 war ein TikTok-Jahr (spiegel.de)
Der Internet-Dienstleister Cloudflare habe analysiert, welches Internetangebot dieses Jahr den meisten Datenverkehr verursachte. Auf Platz 1 im Ranking liege die Kurzvideoplattform TikTok. Die Zahlen seien jedoch mit Vorsicht zu genießen, so der “Spiegel”, zumal pornografische Angebote von der Analyse ausgeschlossen gewesen seien.
1. Die Abschreckung (zeit.de, Meike Laaff)
Viele hatten es befürchtet, jetzt ist es bittere Realität: Der Londoner High Court hat entschieden, dass Wikileaks-Gründer Julian Assange nun doch in die USA ausgeliefert werden könne. Das Urteil sei “ein schlechtes Signal für die Pressefreiheit und für die Fähigkeit westlicher Demokratien, mit Whistleblowing umzugehen”, kommentiert Meike Laaf bei “Zeit Online”: “Assanges Fall taugt längst schon zur Abschreckung: Je härter er bestraft wird, desto größer ist künftig das Risiko für Quellen und Journalisten, wenn sie versuchen, Missstände aufzudecken.”
Weiterer Lesehinweis: Assange soll Schlaganfall erlitten haben (tagesschau.de).
2. Die “Skandal-Macher”: Corona und die Berichterstattung der BILD (wdr.de, Andreas Maus & Luisa Meyer, Video: 7:03 Minuten)
“Seit Monaten stellt BILD Politiker oder Wissenschaftler, die vor Corona warnen, an den Pranger und raunt von einem autoritären Staat. Wen wundert es da noch, wenn solche Schlagzeilen auch Wirkung entfalten.” Andreas Maus und Luisa Meyer zeigen, wie Deutschlands reichweitenstärkstes Medium zur Radikalisierung der Corona-Leugner-Szene beiträgt.
3. Achtung, fragile Männlichkeit (taz.de, Anne Fromm)
In der “Zeit” hatte der ehemalige “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt jüngst die Gelegenheit, in einem Interview seine Version seines Rauswurfs lang und breit unter die Menschen zu bringen. “taz”-Redakteurin Anne Fromm erklärt, warum aus ihrer Sicht das “Zeit”-Gespräch wenig geeignet sei, Klarheit zu schaffen, und sogar Risiken berge: “Ein Interview ist die am besten kontrollierbare Form für den Interviewten – kritischen Fragen kann man ausweichen, Fakten widersprechen und die eigenen Aussagen vor der Veröffentlichung weichspülen. Viele Medien interviewen deshalb AfD-Politiker*innen nicht mehr direkt, auch die Bild macht das übrigens nicht mehr. Sie berichten und recherchieren über die AfD, drucken ihre Statements, aber keine Interviews mit AfD-Politiker*innen. Weil Aussagen, vor allem gedruckte, schwer zu kontrollieren sind.”
4. “Gesichert extremistisch” (tagesschau.de, Michael Götschenberg)
Der Verfassungsschutz bewertet das als Sprachrohr der “Neuen Rechten” geltende “Compact”-Magazin nicht mehr als Verdachtsfall, sondern als gesichert extremistisch. Auf eine Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios habe das Bundesamt für Verfassungsschutz mitgeteilt: “Die Compact-Magazin GmbH trägt Positionen und Aussagen in die Öffentlichkeit, die eindeutig als völkisch-nationalistisch sowie minderheitenfeindlich zu bewerten sind. Die Äußerungen enthalten wiederholt antisemitische Verschwörungsmythen und islamfeindliche Motive. Zudem sind sie durch eine Verächtlichmachung und Verunglimpfung der politischen Parteien, Politiker und Repräsentanten der Bundesrepublik gekennzeichnet.”
5. #trending: The End (meedia.de, Jens Schröder)
Nach 1.000 Ausgaben beendet Jens Schröder seinen “#trending”-Newsletter, in dem er stets lesenswerte Social-Media-Analysen präsentierte. In seinem Abschiedstext äußert sich Schröder zu den Gründen und spricht ein schwieriges Dilemma an: “Ich habe mich in vielen Phasen politischer Aufregerwellen und seit 2020 in vielen Phasen von Corona-Wellen immer wieder gefragt, ob ich dieses Missverhältnis zwischen lauter Minderheit und leiser Mehrheit durch meine Betrachtungen nicht verstärke. Die viel beschworene ‘Spaltung’ der Gesellschaft sehe ich nämlich nicht. Allenfalls einen kleinen Spalt am Rande der Gesellschaft. (…) Auf der anderen Seite gehört es eben auch zum Journalismus, diese Tendenzen in den sozialen Netzwerken zu beobachten – und sie einzuordnen.”
6. Welche Partei hat in punkto DSGVO die beste Webseite? (blog.wdr.de, Jörg Schieb)
“Wie gut halten deutschen Parteien im Bundestag geltende Datenschutzregeln auf ihren Webseiten ein?” Dieser Frage ist der Datenschutzexperte Klaus Meffert nachgegangen, der sich in seinem Blog “Dr. DSGVO” nennt. Jörg Schieb kommentiert die Ergebnisse von Mefferts Untersuchung: “Auf den Webseiten von Bundesparteien darf man zu Recht erwarten, dass die quasi selbst gemachten Regeln eingehalten werden. Genau das scheint aber nicht der Fall zu sein.”
Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!
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1. Mord in den Medien: Gehen Reporter zu weit? (ndr.de, Johannes Koch, Video: 15:47 Minuten)
Nach dem Mord an einer Frau und ihren beiden Kindern in Bispingen fielen unzählige Journalisten und Journalistinnen in dem niedersächsischen Ort ein. Dabei wurden oft Grenzen der Berichterstattung überschritten, Trauernde gefilmt und weinende Nachbarn vor laufender Kamera befragt. Reporter Johannes Koch war selbst vor Ort und blickt deshalb besonders nachdenklich auf das Thema: “Ich habe als Reporter für die ARD und den NDR aus Bispingen berichtet und in den Tagen und Wochen danach habe ich immer überlegt: Wem nützt das was, dass wir da berichten? Ich hatte teilweise wirklich das Gefühl, da läuft irgendwas falsch.”
2. Juan Moreno – Ehrenretter des Journalismus (ardaudiothek.de, Jörg Thadeusz, Audio: 31:14 Minuten)
Der Journalist Juan Moreno deckte beim “Spiegel” vor knapp drei Jahren gegen viele Widerstände den Fall um Claas Relotius auf, der sich als einer der größten Betrugsskandale in der deutschen Mediengeschichte erwies. Jörg Thadeusz hat sich mit Moreno über dessen neues Buch mit Auslandsreportagen und seine journalistische Reisetätigkeit rund um die Welt unterhalten.
3. Wieso haben sich Medien den PR-Hund aufbinden lassen? (uebermedien.de, Holger Klein, Audio: 29:07 Minuten)
Seit Jahrzehnten kursiert in vielen Medien die Geschichte von Schäferhund Gunther, der dank einer Millionenerbschaft in Saus und Braus lebe und eine Villa besitze, die früher mal Madonna gehörte. Bei solch einer Story kann man schon mal misstrauisch werden. Der neue “Übermedien”-Redaktionschef Frederik von Castell wurde nicht nur misstrauisch, sondern ging der Sache nach – mit der Erkenntnis: Der Hund ist eine Ente! Holger Klein hat sich mit Frederik von Castell über die Recherche unterhalten und ihn gefragt, inwieweit ihm seine Erfahrungen als Faktenchecker dabei geholfen haben.
4. Journalismus auf TikTok? (journalistik.blogs.uni-hamburg.de, Amelie Marie Weber, Audio: 22:58 Minuten)
Die Journalistin Amelie Marie Weber hat für die Funke Mediengruppe den Bundestagswahlkampf auf TikTok mit dem Format “DuHastDieWahl” begleitet. Nun war sie zu Gast bei Volker Lilienthal in der Ringvorlesung “Kommunikation als Beruf”. Dort hat Weber über ihre Erfahrungen mit Journalismus auf TikTok gesprochen und Tipps zur Karriereplanung gegeben.
5. Talk: Erfolgreich frei sein – das sind die besten Tipps! (mediummagazin.de, Alexander Graf, Audio: 1:08:32 Stunden)
Beim dritten “Medium Magazin Talk” geht es um freiberuflich tätige Journalistinnen und Journalisten, sogenannte Freelancer: Wie überzeugt man eine Redaktion von seinem Themenvorschlag? Wo findet man Kontakte? Wie verhandelt man richtig und auf Augenhöhe? Darüber sprechen der “Medium-Magazin”-Chefredakteur Alexander Graf und der freie Journalist Florian Sturm.
6. Wie ein deutscher Influencer in einen drohenden Atomkrieg stolpert (youtube.com, Walulis Story – SWR3, Video: 17:15 Minuten)
Es ist etwas überraschend, aber der bekannteste Parfüm-Influencer der Welt kommt aus Deutschland und nennt sich “Jeremy Fragrance”. Eben jener Influencer war neulich in Pakistan zu Besuch und hat sich dort für eine PR-Kampagne einspannen lassen. Eine Geschichte, die gleichermaßen ernste wie lustige Aspekte hat, wie das “Walulis”-Team recht unterhaltsam herausarbeitet.
1. “Bild” prangert an, dass die Politik gegen Corona nicht das getan hat, wogegen “Bild” gekämpft hat (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Kaum jemand habe in den vergangenen Monaten so vehement gegen Masken, Tests und andere Anti-Corona-Maßnahmen gekämpft wie die “Bild”-Redaktion. Warnungen von Expertinnen und Experten wurden als “Panikmache” abgetan, um nun in einer wilden Kehrtwende der Politik Untätigkeit vorzuwerfen. Medienkritiker Stefan Niggemeier macht es noch einmal ganz klar: “Dieser journalistische Kurs von ‘Bild’ hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Menschen glauben, die Pandemie sei beendet, das Tragen von Masken sei überflüssig, das Verlangen von Tests sei völlig abwegig und hinter all den Maßnahmen stünden nur ein übergriffiger Staat und Politiker, die einfach ihre sadistische Lust ausleben wollen, die Bürger zu gängeln. Letztlich hat dieser journalistische Kurs von ‘Bild’ auch dazu beigetragen, dass die Corona-Lage jetzt noch schlimmer ist, als sie sein müsste.”
2. Schwache Belege: Der Umgang mit Reichelt in den Medien war nicht fair (kress.de, Markus Wiegand)
Bei “Kress” kritisiert Chefredakteur Markus Wiegand den Umgang der Medien mit dem ehemaligen “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt: “Kaum beachtet worden ist bisher, dass sowohl im Artikel der ‘New York Times’ als auch in der ‘Spiegel’-Ippen-Geschichte der zentrale Vorwurf des Machtmissbrauchs trotz monatelanger Recherchen nur sehr schwach belegt werden konnte: Die Kritiker des Ex-‘Bild’-Chefs stehen in diesem Punkt auf ziemlich dünnem Eis.” Nun ja, möchte man anmerken: Reichelts Haupt-‘Kritiker’ war zuletzt ja vor allem sein eigener Arbeitgeber, der Springer-Konzern.
3. Kampf gegen Facebook: Unterwegs mit Whistleblowerin Frances Haugen (ndr.de, Svea Eckert & Lena Kampf, Video: 14:18 Minuten)
Die frühere Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Frances Haugen fordert, Facebook müsse von staatlicher Seite reguliert werden. Um ihrer Botschaft Nachdruck zu verleihen, reist sie durch die politischen Zentren der Welt, darunter auch Berlin. Svea Eckert und Lena Kampf haben Haugen auf ihrer Mission begleitet.
4. Erziehungsberechtigte in der Verantwortung (deutschlandfunk.de, Mike Herbstreuth & Stefan Fries)
Die Netflix-Serie “Squid Game” hat zu einer neuerlichen Debatte über den Jugendmedienschutz geführt. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz, sieht vor allem die Eltern in der Pflicht: “Netflix hat die gesetzlichen Regelungen nach meiner Einschätzung eingehalten. Sie haben für das Angebot eine Altersbewertung vorgenommen, und die Nutzerinnen von Netflix haben die Möglichkeit, über die Einstellungen genau sicherzustellen: wer kann eigentlich in meinem Haushalt diese Inhalte nutzen?”
6. Klick mich (sueddeutsche.de, David Steinitz)
Fast alle Streamingdienste, von Apple über Amazon bis Disney, machen ein großes Geheimnis aus den Zuschauerzahlen ihrer Sendungen. Nun bietet Netflix einen neuen Chart-Service an: Auf top10.netflix.com kann man sich für mehr als 90 Länder ansehen, welche die dort beliebtesten Sendungen sind, sortiert nach Filmen und Serien. Eine Blackbox bleibe Netflix trotzdem, wie David Steinitz in seinem Beitrag anmerkt.
1. Die Impfskeptiker in den Talkshows befeuern das neue Mittelalter (tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber kritisiert in seinem Kommentar die Entwicklung der Talkshows zu Plattformen der Irrationalen: “In der Unterhaltungsperspektive funktioniert das. Die Daueralarmgesellschaft bekommt Futter, jeder und jede darf sich mit seiner Meinung vertreten fühlen. Aber zum Hurra reicht das nicht. Die Wissenschaft ist schweigsamer geworden, offenbar haben Drosten & Co. die große Lust an der Auseinandersetzung verloren. Das ist für deren Akzeptanz ein Schaden, weil vermehrt Fake News zu Fakten werden und Fakten zur Gefühlssache.”
2. “Überregional taucht das Ahrtal gar nicht mehr auf” (deutschlandfunk.de, Anke Petermann, Audio: 5:57 Minuten)
Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal hätten Zeitungen und Rundfunksender versprochen, dauerhaft über die betroffene Region zu berichten. Wurde das Versprechen eingehalten? Der Deutschlandfunk hat sich bei Betroffenen und Helfenden vor Ort nach deren Eindrücken erkundigt.
3. Nach Desinformationsvorwürfen: “Markus Lanz”-Redaktion bedauert Interpretation zu Corona-Grafik (rnd.de)
In der ZDF-Talkshow “Markus Lanz” wurde am vergangenen Mittwoch eine Grafik eingeblendet, die suggerierte, dass die Schutzimpfung viel wirkungsärmer sei als erhofft. Nachdem viele Zuschauerinnen und Zuschauer die Darstellung und deren Auslegung kritisiert haben, äußert sich nun das “Lanz”-Team: “Die Redaktion bedauert die irreführende Interpretation dieser Statistik.”
4. Silke Burmester: “Fuckability ist die Währung im Fernsehen” (dwdl.de, Timo Niemeier)
Die Journalistin Silke Burmester spricht im Interview mit “DWDL” über mediale Geschlechtergerechtigkeit, die Darstellung von Frauen und die Altersverteilung im Fernsehen: “Wir reden in der Diversity-Debatte über alles, nur nicht über das Alter. Die Unternehmen versuchen, diverser zu sein, aber ich habe das Gefühl, dass es zu Lasten der älteren Kolleginnen und Kollegen geht. Die Menschen sollen alle möglichen Vorder- und Hintergründe haben, nur älter zu sein, ist aktuell nicht so gefragt. Das Irre ist ja, dass fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung über 50 ist. Die Öffentlich-Rechtlichen wollen sich immer verjüngen und ich frage mich, wieso eigentlich? Deren Zuschauer sind im Schnitt um 60 Jahre alt.”
5. Immer die gleichen Nachrichten (taz.de, David Muschenich)
Das Netzwerk der “Neuen deutschen Medienmacher*innen” hat untersucht, welche Personen in den Nachrichtensendungen “Tagesthemen”, “heute Journal” und “RTL Aktuell” im August und September zu Wort gekommen sind und zu welchen Themen sie gesprochen haben. “Migrantisch wahrgenommene Menschen” seien in dieser Zeit deutlich unterrepräsentiert gewesen und hätten sich dabei am häufigsten zu Flucht- oder Migrationsthemen geäußert.
6. Endlich schaltet YouTube das Hassfeature ab (netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Sebastian Meineck begrüßt die Entscheidung Youtubes, den “Dislike”-Button abzuschaffen. Die von manchen Nutzern und Nutzerinnen geäußerte Kritik, dabei handele es sich um eine Beschneidung der Meinungsfreiheit, kann Meineck nicht nachvollziehen: “Ohne öffentliche Dislikes wird Meinungsvielfalt sogar gefördert. Wenn die Dislike-Zahl fehlt, wandert der Blick schneller in den Kommentarbereich. Statt einfach auf den Daumen nach unten zu klicken, müssen Kritiker:innen jetzt zumindest ein paar Worte finden, um ihre Ablehnung per Kommentar auszudrücken.”
Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!
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1. Auf der Spur des Geldes (arte.tv, Susanne Binninger & Britt Beyer, Video: 1:27:27 Stunden)
Die Regisseurinnen Susanne Binninger und Britt Beyer haben für Arte über Monate das Investigativteam von “Correctiv” begleitet. Ihr Film zeichnet die Wege von zwei Recherchen nach, die in letzter Zeit große Aufmerksamkeit bekamen: die internationalen Enthüllungen rund um den Cum-Ex-Steuerraub und der AfD-Spendenskandal, der ein immer größeres Ausmaß annehme.
2. Die letzten Reporter (ardmediathek.de, Jean Boué, Video: 1:33:33 Stunden)
Der Dokumentarfilm “Die letzten Reporter” begleitet drei Journalistinnen und Journalisten, die für Lokalzeitungen schreiben: eine Nachwuchsjournalistin, einen Gesellschaftsreporter und einen Sportberichterstatter. Der Film bietet interessante Einblicke in den Berufsalltag der drei Medienschaffenden, wurde aber auch kritisiert, unter anderem, weil er zu wenig hinterfrage.
3. Medien und Klima: Versagt?! (ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 20:34 Minuten)
Der Klimawandel ist das Top-Thema unserer Zeit. Das spiegelt sich jedoch nicht in der medialen Berichterstattung wider. Daniel Bouhs hat sich mit Experten wie dem ARD-Meteorologen Karsten Schwanke über die Defizite in der Behandlung dieses wichtigen Themas unterhalten. Schwanke wünscht sich von seinem Haus mehr Unterstützung: “Es würde der ARD gut zu Gesicht stehen, eine Sendung zu kreieren, bei der das Wort ‘Klima’ wirklich im Titel steht – neben der Berichterstattung in allen anderen Formaten. Wir können auch nicht sozusagen die Ausputzer für die ARD sein, für das, was vielleicht noch nicht gemacht wird.”
4. Verbindend? – das Lesen (wdr.de, Jürgen Wiebicke, Audio: 55:53 Minuten)
“Das Lesen hat ein gutes Image. Es bringt die Persönlichkeit weiter und auch die Gesellschaft, so heißt es oft. Aber worüber genau reden wir eigentlich, wenn wir über das Lesen sprechen?” Darüber sprechen im “philosophischen Radio” der Hörfunk-Journalist und Schriftsteller Jürgen Wiebicke und die Philosophin Julika Griem.
5. Fakten, Folter, Fakenews: Interview mit einem globalen Wikipedia-Administrator (youtube.com, Niklas Steenfatt, Video: 1:59:54 Stunden)
Wer sind eigentlich die Menschen, die hinter der Wikipedia stecken? Youtuber Niklas Steenfatt hat mit einem von ihnen gesprochen: “Martin Rulsch ist eine der aktivsten und einflussreichsten Figuren in der Wikipedia-Szene. Unter dem Benutzernamen ‘DerHexer’ wirkt er seit 16 Jahren an Wikipedia und ihren Schwesterprojekten mit. Er schreibt Artikel, nimmt Fotos auf, organisiert Community-Projekte, programmiert Software-Tools und bekämpft Vandalismus.” Ein Gespräch, das tiefe Einblicke in das Online-Lexikon liefert. Tipp: In der Videobeschreibung auf Youtube gibt es Kapitelmarken (“Timestamps”), über die man die einen interessierenden Themen direkt anspringen kann.
6. Wie Kommunisten-Nazis in Deutschland Nordkorea-Propaganda machen (ernsthaft!) (youtube.com, Walulis Story – SWR3, Philipp Walulis, Video: 15:52 Minuten)
Das nordkoreanische Regime betreibt seit jeher einen großen Aufwand zur medialen Selbstinszenierung, seit Kurzem auch auf Social Media und in deutscher Sprache. Das Walulis-Team hat sich die Medienarbeit der Nordkoreaner angeschaut – wie immer mit der nötigen Portion satirischer Distanz.
1. Programmauswertung: Wir haben mal nachgezählt… (klimavoracht.de)
“Klima vor acht” versteht sich als “Initiative zur Förderung von Klimaberichterstattung zur besten Sendezeit”, also kurz vor 20 Uhr, unmittelbar vor der “Tagesschau”. Die Mitglieder der Initiative haben sich das zurückliegende öffentlich-rechtliche Programm seit 2016 angeschaut und kommen zu einem eindeutigen Ergebnis: Im Verhältnis zum öffentlichen Interesse an der Klimakrise gebe es deutlich zu wenig Sendungen bei ARD und ZDF, die sich mit dem Thema befassen.
2. Facebook arbeitet weiter an Gesichtserkennung (netzpolitik.org, Sebastian Meineck)
Wer die Nachrichten der vergangenen Tage verfolgt hat, könnte meinen, Facebook verabschiede sich von seiner umstrittenen Gesichtserkennnung. Wenn man die Pressemitteilung des Mutterkonzerns Meta genau lese, ergebe sich jedoch ein anderes Bild, schreibt Sebastian Meineck: Facebook halte nach wie vor an der Technologie fest, wolle sie nur gezielter einsetzen. Meinecks Tipp: “Wer auch in Zukunft sein Gesicht vor möglicher, biometrischer Erfassung durch den Konzern schützen will, sollte eher keine Facebook-Produkte nutzen.”
3. Falter-Gate: Wie kritische Journalist:innen eingeschüchtert werden sollen (youtube.com, Moment Magazin, Natascha Strobl, Video: 3:41 Minuten)
In Österreich hat sich im ÖVP-nahen Umfeld eine Kampagne gegen Florian Klenk, Chefredakteur der Zeitschrift “Falter”, und gegen die Staatsanwaltschaft, die unter anderem gegen Ex-Kanzler Sebastian Kurz ermittelt, gebildet. Natascha Strobl erklärt in ihrer Video-Kolumne die dahinterstehende Strategie: “Desinformation wie Falter-Gate bietet eine Gegenrealität zur realen, auf Fakten basierenden Realität. In dieser Gegenrealität werden die eigentlichen Täter:innen zu Opfern und die Aufdecker:innen zu Täter:innen”.
4. Holt mehr Journalistinnen mit Behinderung in die Redaktion! (uebermedien.de, Andrea Schöne)
“Diversity in den Medien ist die Debatte schlechthin für den Journalismus der Zukunft. Meistens geht es hier um die Förderung von Frauen, von Menschen mit Migrationsgeschichte oder queeren Menschen. Alles wichtig. Genauso wichtig wäre aber, auch über die Sichtbarkeit von behinderten Menschen in Medien zu reden oder über ihre Mitarbeit hinter den Kulissen.” Die freie Journalistin Andrea Schöne beschreibt bei “Übermedien” ihre Erfahrungen als Journalistin mit Behinderung und erklärt, was sich tun müsste, damit der Zugang in den Journalismus endlich barrierefrei(er) wird.
5. “Müssen wir uns jetzt wieder beschimpfen lassen?” (journalist.de, Thilo Komma-Pöllath)
Claudia Neumann ist seit 1999 Sportreporterin beim ZDF, seit 2008 kommentiert sie Fußballspiele live, seit 2016 auch Partien der Männer. Bei Letzterem schlagen ihr regelmäßig sexistische Kommentare, Beschimpfungen und Hass entgegen. Der “journalist” hat sich mit Neumann über ihre Vorbildrolle, die unterschiedliche Beurteilung von Frauen und Männern und den Umgang mit Fehlern unterhalten.
6. Expertinnen warnen vor Netflix-Serie “Squid Game” für jüngere Kinder (rnd.de)
Die aus Südkorea stammende Serie “Squid Game” ist die weltweit erfolgreichste Netflix-Produktion aller Zeiten. Sie steht jedoch wegen ihrer Gewalttätigkeit in der Kritik. Vor allem für Kinder sei die Serie nach Ansicht von Experten und Expertinnen ungeeignet. Eltern sollten die Altersfreigabe ab 16 Jahren berücksichtigen und gegebenenfalls mit ihren Kindern über das Gesehene sprechen, um bei der Verarbeitung zu helfen.
Ende vergangener Woche konnte die “Bild”-Redaktion einen alten Bekannten präsentieren, ein “Schreckgespenst”, immer gut für große Aufregung und Blutdruckerhöhung bei den Leserinnen und Lesern:
Er war DAS Schreckgespenst der Griechenland-Krise, Frauenschwarm (polierte Glatze, muskulös, enge Hemden, dickes Motorrad) und Finanzminister der radikal-linken Syriza-Regierung auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Jahr 2015.
Gemeint ist: Yanis Varoufakis. Und der jagt den deutschen Steuerzahlern laut “Bild” gleich wieder einen Riesenschreck ein:
Buh!
Dieses Zitat, das Bild.de am Donnerstagabend auf der Startseite veröffentlichte, und die “Bild”-Zeitung in leicht abgeänderter Form …
… am Freitag im Blatt druckte, steht höchstens noch im losen Zusammenhang mit dem, was Varoufakis tatsächlich gesagt hat. Die linke Bewegung DiEM25, deren Gründer Varoufakis ist, hat auf ihrer Website die drei Fragen, die “Bild” geschickt hatte, und Varoufakis’ Antworten darauf in voller Länge veröffentlicht. Dort liest sich das alles etwas anders:
BILD: Will we ever get our money back?
Yanis Varoufakis: If you are one of the German or Greek oligarchs who benefitted immensely from the Greek state’s bailout, you have already received gargantuan returns – and you will receive even more in the future. Alas, if you a German or a Greek worker or middleclass person, you will be paying, and paying and paying…
(Hervorhebungen im Original, hier auch als deutsche Übersetzung lesbar.)
Anders als die “Bild”-Redaktion es darstellt, geht es Yanis Varoufakis offensichtlich nicht um einen vermeintlichen Konflikt zwischen den zahlenden Deutschen und den kassierenden Griechen, sondern, plakativ gesagt, um Oben gegen Unten – die deutschen oder griechischen Oligarchen, die Profiteure, auf der einen Seite und die deutschen oder griechischen Arbeiter und Mitglieder der Mittelschicht, die Zahlenden, auf der anderen.
Die Griechen, die laut Varoufakis ebenfalls “zahlen und zahlen und zahlen” werden, hat “Bild” einfach rausgestrichen. Das wörtliche Zitat, wie es auf der Bild.de-Startseite erschienen ist, ist eine Erfindung der “Bild”-Redaktion.
Im Text zitieren Peter Tiede und Liana Spyropoulou zwar etwas originalgetreuer, aber auch dort fehlten die zahlenden Griechen gänzlich:
Und heute?
Rechnet er knallhart ab und prophezeit den “deutschen Arbeitern und Mittelständlern” gegenüber BILD in Athen: “Sie werden leider zahlen und zahlen und zahlen …”
Profiteure der Krise: “Deutsche oder griechische Oligarche”, die laut Varoufakis “immens vom Rettungspaket des griechischen Staates profitiert haben” – und in Zukunft noch weiter profitieren werden.
Wir haben bei “Bild” nachgefragt, warum das Varoufakis-Zitat derart verfälscht wiedergegeben wird. Ein Sprecher antwortete uns:
Wir haben bei BILD nicht das vollständige Wortlautinterview mit Herrn Varoufakis veröffentlicht, sondern aus diesem insbesondere seine konkrete Antwort auf die Frage, ob wir (Deutsche) unser Geld wiederbekommen werden, in den Mittelpunkt des Beitrages gestellt.
Dabei wurde in der ursprünglichen Fassung des Artikels ein Zitat von Herrn Varoufakis nicht vollständig wiedergegeben. Er sprach nicht nur von deutschen Arbeitern und Mittelschichtlern, die “leider zahlen und zahlen und zahlen”, sondern von deutschen und griechischen. Wir haben dies inzwischen für unsere Leser transparent präzisiert.
Inzwischen befindet sich unter dem Bild.de-Artikel eine entsprechende “Anmerkung der Redaktion”. Die Überschrift lautet nun nicht mehr “‘Die Deutschen werden leider zahlen und zahlen und zahlen …'”, sondern “Deutsche Arbeiter werden ‘leider zahlen und zahlen und zahlen …'”. Und im Text steht jetzt:
Und heute?
Rechnet er knallhart ab und prophezeit: “Wenn Sie ein deutscher oder griechischer Arbeiter oder Mittelschichtler sind, werden Sie leider zahlen und zahlen und zahlen …”
Dass die “Bild”-Redaktion reagiert und transparent korrigiert, ist gut, dürfte aber herzlich wenig bringen. Zahlreiche Medien haben das falsche Varoufakis-Zitat längst abgeschrieben: n-tv.de, “Focus Online”, Merkur.de, das Mitglieder-Magazin der AfD, das Rechtsaußen-Verschwörungsblatt “Compact”. Und auch in den Sozialen Medien wurde der Bild.de-Artikel mit der falschen Überschrift kräftig rumgereicht, unter anderem vom Werteunion-Vorsitzenden Max Otte, von AfD-Politiker Stefan Wirtz und in der Facebook-Gruppe “Dr Hans-Georg Maaßen für Kanzler”.
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In unserem Buch “Ohne Rücksicht auf Verluste” schreiben wir in einem Kapitel über die Feindbilder, die “Bild” seit Jahrzehnten kreiert und bedient – von den 68er-Studenten über die Wölfe bis zu den Geflüchteten. Und es geht auch um die Griechen und deren früheren Finanzminister Yanis Varoufakis. Hier ein Auszug:
“EURE neue griechische Regierung ist dreist, unverschämt und tritt auf wie eine Horde von ungehobelten und manierlosen Pennern. Dieses Pack repräsentiert Griechenland, weil die Mehrheit Eures Volkes diese Leute gewählt hat !” So beginnt ein Brief, der im März 2015 ohne Absender, aber ordentlich frankiert mit 62 Cent, im Briefkasten eines griechischen Restaurants in Düsseldorf landet:
In der Sonne liegen ist doch viel bequemer, insbesondere wenn andere dafür aufkommen … So geht es nicht !! Wir werden, solange diese Regierung derart schäbig, insbesondere fleißige und sparsame Europäer und Deutsche verunglimpft und beleidigt, ganz sicher keine griechischen Waren mehr kaufen, sondern auch Euren Laden ab sofort nicht mehr betreten !! Verkauft doch Eure Waren besser nicht mehr an die “Scheißdeutschen”, sondern macht Euch auf zurück in Euer korruptes, stinkendfaules und total unfähiges Drecksgriechenland
Und als letzten, fett gedruckten Satz: “Griechenland NEIN DANKE !!!!!!!!!”
Als sie den Brief gelesen habe, sei sie geschockt und verängstigt gewesen, erzählt die Restaurantbetreiberin später “Spiegel Online”: Sie habe sich gefragt, was als Nächstes komme. Stehe bald jemand vor der Tür und bedrohe sie, wenn sie abends das Lokal verlasse?
In seinem Brief greift der anonyme Verfasser jene Vorwürfe auf, die von den “Bild”-Medien in den Wochen zuvor nahezu täglich wiederholt wurden. Am 26. Februar 2015 etwa druckt “Bild” das Wort “NEIN” – quer über die gesamte Breite der Seite 2 der Bundesausgabe.1 Darunter die Forderung oder vielmehr der Befehl: “Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!” In einem Kommentar daneben schreibt Julian Reichelt, seinerzeit Chef von Bild.de, zu der Verlängerung der Finanzhilfen für Griechenland:
Was am Freitag im Deutschen Bundestag geschehen wird, mag man eigentlich keinem vernünftigen Menschen mehr erklären. Zusammengefasst: Wir überweisen weiter Milliarden nach Griechenland dafür, dass man uns ALLE bisher gebrochenen Versprechen (z. B. Kampf gegen Korruption und Steuerhinterziehung) NOCH MAL verspricht.
Wir kaufen Griechenland also im wahrsten Sinne des Wortes seine alten Reformlügen mit neuem Geld ab. Und das, obwohl inzwischen JEDER weiß, dass wir unser Geld niemals wiedersehen werden.
Sind wenigstens die griechischen Politiker, die uns ihr Versprechen geben, glaubwürdiger als ihre Vorgänger?
NEIN!
Dazu startet “Bild” eine “große Mitmach-Aktion”: Man solle die “NEIN”-Seite hochhalten, ein Selfie damit machen und an die Redaktion schicken. So könne und solle man zeigen, dass man “auch gegen weitere Milliarden-Hilfen für die Griechen” sei.
Solche Lesermobilisierungsaktionen setzt die “Bild”-Zeitung schon seit ihren frühen Jahren immer wieder ein, vor allem gegen ihre Gegner. “Durch Appelle an die Lesermeinung fordert die Redaktion politische Willensbekundungen ihrer Leser heraus, die – obwohl demokratisch verbrämt – bisweilen undemokratische Formen annehmen”, schreibt Peter Jordan 1970. So startet “Bild” etwa nach dem Mauerbau 1961 eine Leserbrief-Aktion gegen jene westdeutschen Theaterintendanten, die weiterhin Stücke des bekennenden Marxisten Bertolt Brecht spielten (“Millionen verfluchen diesen Mann”2). “Diese zur Volksabstimmung erhobene Aktion” sei “in wüste Beschimpfungen” ausgeartet, schreibt Jordan. “Bild” sei eben sehr bemüht gewesen, “die ohnehin bewegte deutsche Öffentlichkeit weiter aufzustacheln”.3
Um die bewegte deutsche Öffentlichkeit des Jahres 2015 aufzustacheln, beginnt “Bild” im Frühjahr damit, die Griechen – die währenddessen durch die Sparvorgaben massenhaft in die Armut getrieben werden – als “Raffke-Griechen” und “Griechen-Raffkes” zu bezeichnen. Damit wird der von “Bild” in den Jahren zuvor eifrig verwendete Begriff der “Pleite-Griechen” abgelöst, denn jetzt haben sie ja Geld: “unser Geld”! Die neu gewählte griechische Regierung nennt “Bild” “Radikalos-Regierung” oder “Griechos Radikalos”, aus Finanzminister Varoufakis machen sie wahlweise Finanzminister “Varoutricksis”, den “Krawall-Griechen” oder “Griechenlands Radikalo-Naked-Bike-Rider”. (Ein “Naked Bike” ist einfach ein Motorrad ohne Verkleidung, für “Bild” weckt es aber offenbar aufregend-düstere Assoziationen.) Der damalige Politik-Chef Béla Anda etwa schreibt in seinem “Politik-Briefng”:
Wie lederbejackte Rüpel-Rocker röhren Griechenlands Neo-Premier und sein Posterboy-Finanzminister seit ihrem mit platten Parolen erzielten Wahlsieg durch Brüssel. Ihr Gesetz ist die Straße. Hier sind sie (politisch) groß geworden. Hier ist ihre Hood. Deren Unterstützung wollen die Kawa-Naked-Biker (zumindest Varoufakis hat eine) nicht verlieren.
Vor allem auf Varoufakis, den neuen, linken Finanzminister, schießen sich die “Bild”-Medien ein. Sie engagieren beispielsweise eine Grafologin, die seine Handschrift untersucht und darin “Pathos und Geltungsbedürfnis” feststellt; die Schrift wirke “selbstgefällig” und gehe merkwürdigerweise im “Schlusszug wieder scharf nach links”, das wirke, “als würde er sich selbst wieder durchstreichen, als würde er unbewusst das zuerst Gesagte wieder zurücknehmen”.
Wenig später ist “Bild” maßgeblich an einer bizarren Mittelfinger-Diskussion beteiligt, die sich tagelang hinzieht und weltweit für verwundertes Kopfschütteln sorgt. Im Kern geht es um ein Video, in dem Varoufakis, wie “Bild” entrüstet schreibt, “uns den Mittelfinger” zeige. Tatsächlich muss man die Geste im Kontext sehen: Das Video ist mehrere Jahre alt, Varoufakis zu dieser Zeit noch gar kein Minister und die Geste zur Illustration eines hypothetischen Szenarios gedacht, in dem Varoufakis den deutschen Banken den Finger gezeigt hätte. Eine ebenso komplizierte wie belanglose Geschichte, die in den “Bild”-Medien auf die Nachricht reduziert wird, Varoufakis habe den Mittelfinger “gen Deutschland” gereckt:
Keine Krawatte, der Kragen seines Sakkos hochgestellt, Hände in den Hosentaschen: So zeigen die meisten Fotos Yanis Varoufakis. […] Mit einer drastischen Geste – dem gestreckten Mittelfinger – zeigte er in der Vergangenheit auf Deutschland!
Die Diffamierungskampagne – die bis heute immer mal wieder aufflammt – beschränkt sich aber nicht bloß auf die Politiker Griechenlands, sondern trifft immer wieder auch die Griechen als gesamtes Volk. Seit Beginn der “Pleite-Griechen”-Berichterstattung werden “Bild”-Attacken häufig so formuliert, dass sie sich auf alle Griechen beziehen: “So verbrennen die Griechen die schönen Euros!”4“Wer soll den Griechen noch glauben?”“Keine Gnade mit den Griechen!” Michalis Pantelouris, Journalist und Sohn eines Griechen, schreibt schon 2010:
Es wird das Bild gemalt von einer Nation, die in fauler Gier anstatt zu arbeiten lieber die EU ausgenommen hat und jetzt überversorgt und fett am Strand liegt, während in Deutschland hart gearbeitet wird, um ihnen das Geld hinterher zu werfen. Natürlich braucht man keinen Nobelpreis, um zu erkennen, dass es so nicht stimmt. Man braucht gerade mal ein Gehirn.
Aber auch: ein Mindestmaß an Informationen, um sich ein realistisches Bild machen zu können. Doch wie bei den Studenten der 68er, den Wölfen und anderen Feinden ersetzt “Bild” bei den Griechen Fakten durch Gefühle. In einer Untersuchung der Griechenland-Berichterstattung deutscher Medien kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung 2016 zu dem Ergebnis:
“Bild” berichtete in 81,6 Prozent der Artikel und damit am stärksten negativ über die griechische Regierung, setzte am intensivsten auf Negativismus, war im geringsten Umfang ausgleichend zwischen verschiedenen Positionen, setzte gezielt Akteure mit negativen Positionen gegenüber der Regierung Griechenlands als Zitatgeber ein und stimmte dann in Artikeln am stärksten mit diesen überein. Die Reformagenda wurde zudem bei der Boulevardzeitung “Bild” im geringsten Umfang thematisiert. Es wurde sich nur auf sehr wenige Reformziele konzentriert, wie z. B. die Einführung einer Großvermögenssteuer, die Reform des Rentensystems oder eine Mehrwertsteuerreform. 73 spezifische Reformen wurden hingegen komplett ausgelassen, soviel wie bei keinem anderen Medium.
Ende Februar 2015 ist die Berichterstattung auch im Bundestag ein Thema. Axel Schäfer, damals stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, hält die (von ihm durchgestrichene) “NEIN”-Seite aus der “Bild”-Zeitung zu Beginn seiner Rede hoch und sagt unter Applaus:
Wir sind hier sicherlich in einer Reihe von Punkten unterschiedlicher Auffassung. Das ist auch gut so, dass wir das diskutieren. Aber in einem Punkt sollten wir uns hier alle […] einig sein: Wir unterstützen keine Kampagnen gegen andere Länder. Wir unterstützen das nicht!
“Die ‘Bild’ spricht von den gierigen Griechen”, fügt er später in einem Interview hinzu, “aber wir beleidigen niemals ein Land. Wir gegen die – das gibt es nur im Fußball …”