Suchergebnisse für ‘erfunden’

Bestürzende Sturzgeburt

Michael Martens hat in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” die Inhaftierung des “Welt”-Korrespondenten Deniz Yücel kommentiert. Aber er kann das unmöglich ernst gemeint haben. Vermutlich ist beim Schreiben etwas schiefgelaufen. Vielleicht war es ja so.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Michael Martens hatte am Wochenende eine schlaflose Nacht. Der “FAZ”-Südosteuropa-Korrespondent hatte gehört, dass sich sein Kollege Deniz Yücel in Istanbul in Polizei-Gewahrsam befindet. Yücel hat zwei Pässe. Er ist nicht der erste Journalist mit einem türkischen Ausweis, dem so etwas passiert, aber der erste mit einem deutschen. Martens fragte sich: Hätte man das irgendwie verhindern können?

Zwei Stunden lag er schon da und grübelte. Aber noch war ihm das alles nicht so klar. Er wälzte sich von der einen Matratzenseite zur anderen, zum hundertsten Mal schon, doch es wollte weder Schlaf kommen noch eine Antwort. Und dann wälzte er sich wieder, nur dieses Mal ein kleines Stückchen zu weit.

Rumms!

Martens rutschte ab, versuchte noch, sich im Fallen am Bettlaken festzuhalten, aber das Laken glitt ihm aus der Hand. Er knallte mit dem Hinterkopf gegen den Nachttisch und war kurz bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, hatte er eine Idee.

Ja. Eigentlich war doch alles ganz klar, dachte sich Martens: Vor einem halben Jahrhundert hatten die Deutschen sich die Türken ins Land geholt. Als die dann endlich ein paar Sätze verstanden, sagte man ihnen, was zu tun ist. Das erledigten sie. Und das wurde über die Jahre so beibehalten.

Nun sind wir allerdings inzwischen sehr gut mit Gemüseläden versorgt und müssen den Kindern und Enkeln der Türken daher in anderen Branchen Beschäftigungen zuweisen. Und da lässt man sie doch am besten das machen, wovon sie ihrem Namen nach wohl am meisten verstehen dürften. Irgendwas mit Türkei eben.

So war es wohl zu erklären, dass dieser Yücel jetzt in Istanbul einsaß.

All jene, die gegen jeden guten Rat Journalisten werden müssen, bekommen einen Korrespondenten-Job am Bosporus, denn was soll man sonst mit ihnen machen? Sie über Innenpolitik schreiben lassen? Das wäre ja wohl absurd — bei dem Nachnamen.

Aber sie in die Türkei zu schicken, ist natürlich auch nicht viel besser, denn da liefert man sie dem Despoten ans Messer, der sie dann umgehend einbuchtet, wie man nun wieder einmal gesehen hat.

Und das ist doch die Erklärung, wurde es Martens auf einmal ganz klar: Wer trägt also die Schuld? Natürlich. Die Verlage.

Wenn die sich bei der Zuordnung ihrer Korrespondenten zu den frei werdenden Stellen auch nur ein Minimum an Gedanken machen würden, säße dieser Yücel jetzt nicht im Gefängnis — und er selbst nicht hier in Griechenland.

Immer noch leicht benommen, setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der verdammte Nachtschrank, fluchte er, aber immerhin hatte es aufgehört zu bluten, und der Schmerz ließ langsam nach.

Martens prüfte noch einmal, ob seine These so auch stimmte: Haben denn wirklich so viele Türkei-Korrespondenten deutscher Medien türkische Wurzeln?

Na egal. Es war jedenfalls schon öfter vorgekommen, dass Deutsch-Türken auf Deutsch über die Türkei geschrieben hatten. Und bei Deniz Yücel war es offenbar noch schlimmer. Das sei “einer, der die Türkei liebt”, hatte er gelesen.

Als Journalist. Das muss man sich mal vorstellen.

Dass er selbst das liebte, worüber er schrieb, war bei ihm in all den Jahren nur ein einziges Mal vorgekommen. Aber welche Hollywood-Schauspielerin würde sich schon mit einem Journalisten abgeben? So war das nun mal. Und jetzt saß er auch noch in Griechenland fest.

Der Text floss ihm nur so aus den Fingern.

Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen “lieben” — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

… formulierte er und las den Satz laut. Er gefiel ihm — besonders die Passage mit “Nordkorea oder Hintertupfingen”.

Als er den letzten Satz geschrieben hatte, ging Martens den Text noch einmal durch und war im Großen und Ganzen zufrieden. Er fand noch kleine Fehler, aber nichts, was den Eindruck getrübt hätte. Der Kopf tat schon gar nicht mehr weh. Aber an dieser einen Stelle blieb er doch immer wieder hängen. Und plötzlich war ihm etwas unwohl. Irgendwas stimmte da nicht.

Klang ja schon ein bisschen so, als wären türkischstämmige Journalisten hierzulande so etwas wie willenloses Verfügungsvieh. Dabei war es, wenn auch unwahrscheinlich, doch immerhin theoretisch möglich, dass es bei anderen Verlagen nicht ganz so war wie bei dem, der ihn nach Griechenland geschickt hatte. Wäre ja möglich, dass Yücel freiwillig in die Türkei gegangen war, dachte er, konnte es sich dann aber doch nicht vorstellen und verwarf den Gedanken wieder.

Er überlegte hin und her, und letztlich überwogen die Zweifel. Er hatte die E-Mail an die Redaktion zwar schon geschrieben, aber beschloss, den Text doch nicht abzusenden. Es war ein gutes Gefühl. Es war die richtige Entscheidung.

Als Martens von seinem Schreibtischstuhl aufstand, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen, blieb er mit dem linken Fuß am Ladekabel seines Laptops hängen. Das Kabel zog den Computer in Zeitlupe vom Tisch. Martens schlug mit der flachen Hand zu, um das sich der Tischkante nähernde Gerät zu stoppen.

Es gelang ihm so gerade. In dieser Pose, das Ladekabel am ausgestreckten Bein und die Tastatur unter dem ausgestreckten Arm, sah er seine E-Mail im Ordner Postausgang verschwinden.

In Panik schlug er ein weiteres Mal zu, um die Verbindung vielleicht doch noch zu kappen. Doch der Postausgang war schon leer, die E-Mail in Frankfurt angekommen. Der Bildschirm wurde schwarz. Der Computer ließ sich nicht mehr einschalten. Er versuchte es noch drei- oder viermal. Dann gab er auf.

Was für ein Ärger. Ein Telefon existierte nicht in diesem malerischen Drecksnest, wo er seine Wochenenden verbrachte. Zurück in Athen würde er erst am Sonntag sein. Dann könnte er die Redaktion anrufen. Aber dann war der Text längst erschienen. Statt des Biers aus dem Kühlschrank holte Martens die Flasche Metaxa aus dem Regal. Er setzte sich ans Fenster, schaute aufs Meer und schlief eine Stunde später ein.

Zurück in Athen, fand Martens in seinem Postfach eine E-Mail. Ein Kollege aus Frankfurt hatte geschrieben. Interessanter Text. Sei unter den Kollegen kontrovers diskutiert worden. Die Herausgeber seien allerdings durchweg sehr angetan. Besonders von diesem einen Satz:

Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen “lieben” — aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

“Nordkorea oder Hintertupfingen” — tolle Formulierung, schrieb der Kollege. Die Herausgeber würden sich auch noch bei ihm melden.

Moment. Bei ihm melden?, dachte Martens. Warum das? In all den Jahren war das nicht ein einziges Mal vorgekommen. Wobei. Doch. Ein einziges Mal schon. Als er in der Konferenz ein bisschen die Fassung verloren und über die Kollegen aus dem Sport hergezogen hatte — denn wenn er eins wirklich hasst, dann ist es ja Sport. Das hatte er so auch gesagt. Und jetzt klingelte tatsächlich das Telefon. Waren das die Herausgeber?

Das waren sie. Guten Tag. Was wollten sie ihm sagen? Nein, umstrukturiert hatten sie. Wie schön. Aber warum erzählten sie das ihm? Roman aus dem Sport ins Literatur-Ressort? Wegen des Vornamens? Wer kommt denn auf so was? Ach so. Anregung aus dem Kommentar. Na dann. Und die freie Stelle im Sport? Was wird aus der? Ach, da suchen Sie wen? Jemanden, der garantiert nicht im Verdacht steht, den Sport zu lieben? Haha. Ja, das ist gut. Da werde er sich mal umhören, sagte Martens.

Aber dann hörte er: Sie dachten an ihn. Das Gespräch damals in der Konferenz. Da hätten sie sich erinnert. Und jetzt brauchten sie eben jemanden, der diese Aufgabe übernimmt. Vor allem eben Spielberichte über den Hamburger Sportverein schreiben. Darum ging es. Das hatte Roman ja bislang gemacht.

“Hamburg?”, fragte Martens.

“Genau, Hamburg”, hörte er am Telefon.

Martens war erleichtert. Hamburg kannte er gut. Da war er ja geboren. Das erwähnte er nebenbei. Die Herausgeber verstanden gleich: Damit kam er für die Stelle wohl nicht in Frage. Da hatte er also wirklich noch einmal Glück gehabt.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von den Tatsachen, dass sich Deniz Yücel in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet, Michael Martens den Kommentar geschrieben, und die “FAS” ihn gedruckt hat, ist all das hier erfunden.)

Spiegels Trump-Cover, Politisches Framing, Yellow Fakes

1. Trump im SPIEGEL: Wozu ein Kopf-ab-Cover?
(schmalbart.de, Frank Zimmer & Christoph Kappes)
Das aktuelle “Spiegel”-Cover zeigt Donald Trump mit blutigem Schwert und dem abgeschlagenen Kopf von Miss Liberty. Das martialische Bild polarisiert in den sozialen Netzwerken wie selten. Auf “Schmalbart” vertreten Frank Zimmer und Christoph Kappes jeweils die Pro- und Kontra-Position.

2. „Wir gehen Trump immer noch auf den Leim“
(tagesspiegel.de, Thomas Eckert & Joachim Huber)
Der “Tagesspiegel” hat mit der Linguistin Elisabeth Wehling über “politisches Framing” gesprochen. Die Wissenschaftlerin lehrt und forscht an der University of California in Berkeley und hat kürzlich ein Buch zum Thema “Framing” vorgelegt. “Es gibt Gruppen, die tun unserer Gesellschaft nicht gut. Dazu gehören die Neo-Faschisten der AfD. Ich dekonstruiere Sprachbilder solcher Gruppen. Ich werbe dafür, nicht jeden sprachlichen Köder der AfD zu schlucken und breitzutreten. Wenn wir Ideen wiederholen, propagieren wir sie in den Köpfen der Menschen ­– ob wir es wollen oder nicht. Selbst wenn wir „dagegen“ sind. Das Negieren von Ideen stärkt sie – denken Sie nicht an einen rosaroten Elefanten!”

3. Warum wir unsere Kommentarspalte umbauen
(nzz.ch, Oliver Fuchs)
Bei der “Neuen Zürcher Zeitung” können künftig nicht mehr alle Artikel kommentiert werden. Die Gründe für den Wechsel erklärt der Social-Media-Redakteur der NZZ. “Wir glauben nicht, dass es weiterhin Sinn hat, wenn Leser alle Artikel kommentieren können. Gerade bei nachrichtlichen Meldungen entbrennt schnell ein Streit über die darin berichteten Fakten. So ist ein kurzer Agenturtext zu einer Demonstration in Ramallah aus unserer Sicht der falsche Ort, um die Geschichte Israels von Grund auf neu zu verhandeln. Zudem erreichen wir dank Google News, Twitter und Facebook zunehmend Leser, für welche NZZ.ch nicht zur Stammlektüre zählt. Diese treffen dann in der Kommentarspalte auf Leser, die uns seit Jahren kennen und lesen.”

4. Die wahre Heimat der Fake News
(faz.net, Jörg Thomann)
Jörg Thomann erinnert in seinem Kommentar in der “Faz” daran, dass “Fake News” nicht nur auf Facebook, sondern auch am Zeitungskiosk stattfinden. Woche für Woche bringt die Yellow Press seit Jahrzehnten erfundene Nachrichten über Schlagerstars und Königsclans unters Volk. Thomann warnt davor, das boulevardeske Treiben zu unterschätzen: “Man sollte sich aber nicht täuschen: Auch die Fake News der Yellow Press können Menschen verletzen und Ressentiments wecken, und zwar nicht nur gegen eine vermeintlich intrigante Herzogin Camilla.”

5. Überall Kontrollwahn
(taz.de, Johannes Kopp)
Der Zweitligaverein 1860 München gängelt die Medien: Schon drei Zeitungen wurde die Dauerakkreditierung entzogen. Dies sei nur die Spitze des gewöhnlichen Irrsinns im deutschen Profifußball, so Jörg Thomann in der “taz” und habe mit der Verkaufslogik zu tun, nach der die Vereine verfahren würden. Wie bei einem Wirtschaftsunternehmen solle das eigene Markenprodukt vor den kleinsten Kratzern geschützt werden.

6. Die South-Park-Macher verzweifeln an Trump
(ze.tt, Till Eckert)
Die South-Park-Macher sind für ihren derben Humor bekannt und die Vehemenz, mit der sie durch Übertreibungen satirisch zuspitzen. Das Thema Trump hat sie jedoch überfordert, wie sie in einem Interview zugeben: “Wir haben wirklich versucht, irgendwas Witziges aus dem zu machen, was da gerade abgeht. Aber wir konnten einfach nicht Schritt halten.”

Verkehrte Welt

Zwei Tage nach Bekanntwerden der Strafanzeige gegen Kai Diekmann wegen eines möglichen sexuellen Übergriffs hat “Springer”-Vorstandschef Mathias Döpfner die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre des “Bild”-Herausgebers zu respektieren. Anlass dazu war ein Vorfall am Samstagabend in Potsdam: Zwei Personen hatten Kai Diekmann vor seinem Privathaus aufgelauert, ihn fotografiert und die Bilder anschließend ins Internet gestellt.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In einer auf Bild.de veröffentlichten Videobotschaft nannte Döpfner den Vorfall “schändlich und niederträchtig”. Er sprach von einer “regelrechten Hetzjagd” auf Diekmann, die man so nicht hinnehmen werde. “Wir sollten nicht vergessen, dass in Deutschland auch weiterhin die Unschuldsvermutung gilt”, sagte Döpfner. Ein schwerwiegender Vorwurf, wie der hier im Raum stehende, bleibe “in irgendeiner Weise immer am Beschuldigten hängen”, sagte er. Daher gebiete es schon der Anstand, sich in einer solchen Situation mit entsprechenden Veröffentlichungen zurückzuhalten, bis geklärt sei, was wirklich passiert ist.

Kai Diekmann soll im Sommer vergangenen Jahres nach einer Klausur-Tagung in Potsdam eine Mitarbeiterin beim Baden sexuell belästigt haben. Er selbst bestreitet das. Der “Spiegel” hatte den Vorwurf am Freitag öffentlich gemacht.
Am Wochenende gerieten die “Bild”-Medien selbst wegen ihrer zurückhaltenden Berichterstattung über die Ermittlungen in die Kritik. Sie hatten sowohl bei Bild.de als auch in der Zeitung nur eine knappe “dpa”-Meldung veröffentlicht. Politiker und Journalisten kritisierten das.

“Grünen”-Chefin Simone Peter warf der Zeitung in einem Radio-Interview vor, sich unbequemen Wahrheiten zu verschließen. “Wir dürfen nicht vergessen, dass zum ganzen Bild auch die Dinge gehören, die nicht in unser Weltbild passen”, sagte sie.

“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke bezichtigte “Bild” in einem Blog-Beitrag für tagesschau.de des “Tendenz-Journalismus” und attestierte der Redaktion “falsche Correctness”: “Wenn ein derartiger Vorwurf in der Welt ist, ist es die Aufgabe von Journalisten, alle zur Verfügung stehenden Informationen öffentlich zu machen — und nicht, sie unter den Teppich zu kehren”, schrieb er.

Lediglich der Presserat nahm die Zeitung in Schutz: “Wir sind der Auffassung, dass die ‘Bild’-Zeitung hier absolut richtig handelt, wenn sie darauf verzichtet, einen Verdächtigen unnötig an den Pranger zu stellen”, hieß es in einer Mitteilung des Gremiums. Man hoffe, diese Entscheidung werde auch wegweisend für die Zukunft sein.

Bei Twitter fielen die Reaktionen auf die Anschuldigungen verhalten aus. “Erst mal abwarten, was die Ermittlungen bringen #Diekmann”, schrieb @krawallzwerg1314. Der Nutzer @anarchoklaus78 kommentierte: “Es ist einfach noch zu früh, um dazu irgendetwas zu sagen. #Diekmann #Ruhigbleiben #Abwarten.” Die beiden Tweets blieben die einzigen Einträge zum Thema.

Chefredakteure und Intendanten dagegen überschütteten Kai Diekmann mit Spott und Häme. “Sicherlich nur Umkleide-Kabinen-Gefummel”, schrieb Heribert Prantl von der “Süddeutschen Zeitung”. “Zeit”-Chef Giovanni di Lorenzo veröffentlichte bei Facebook ein Foto, das einen kopulierenden Esel zeigt, auf dessen Hals Diekmanns Kopf montiert ist. “FAZ”-Herausgeber Jürgen Kaube kommentierte: “Hahaha! Genau mein Humor!!!1111“.

“AfD”-Chefin Frauke Petry warnte indes vor Schnellschüssen. “Wir dürfen einen Menschen nicht nur aufgrund seiner beruflichen Herkunft vorverurteilen”, sagte sie und mahnte zur Besonnenheit. In die gleiche Richtung verlief eine Diskussion unter einem Facebook-Posting des “Kopp”-Verlags. Der Tenor dort: Die Behörden werden die Wahrheit schon ans Licht bringen.

Kai Diekmann selbst hatte sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe öffentlich geäußert. Bei einer Pressekonferenz in der 19. Etage des “Springer”-Hochhauses bezeichnete er die Berichte als “Kampagnen-Journalismus der übelsten Art” und beteuerte seine Unschuld.

“Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort — ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind”, sagte er. Nachfragen ließ er nicht zu. Nach der Pressekonferenz verschwand Diekmann wortlos. Mit einer “Bild”-Zeitung in der Hand fuhr er nach unten — im gleichen Fahrstuhl, in dem er gekommen war.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam gegen Kai Diekmann ermittelt, und von der zurückhaltenden “Bild”-Berichterstattung über den Fall, ist all das hier erfunden.)

BILDblog hält Winterschlaf (11)

Zack — schon wieder ist ein Jahr (fast) vorbei. Wie schon in der Vergangenheit, machen wir hier jetzt für ein paar Tage Pause. Im Januar 2017 sind wir mit neuen Beiträgen wieder für Sie da!

Ein großer Dank geht an alle Leser! Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten, ein paar schöne freie Tage und einen guten Start ins neue Jahr. Ein besonders großer Dank geht an all jene, die uns in diesem Jahr mit Hinweisen versorgt haben. Leider schaffen wir es zeitlich nie, allen nachzugehen. Vielen aber schon. Und deswegen geht ein ganz besonders großer Dank an diese Personen, deren Hinweise zu Blogeinträgen geführt haben:

@19Rhyno04, @Alyama1, @BalderHelix, @coralandmauve, @dienetzpilotin, @diet_mar, @EFCRODGAU1999, @gabrielvetter, @griboe, @Hasi_Goreng, @herrnkoenig, @HoechDominik, @i_am_fabs, @im_fo, @JimmyRuppa, @KaiOliverKraft, @levinuzz, @macerarius, @mir70, @moethe, @Pertsch, @Pilzeintopf, @ralfheimann, @SteffiinneSonne, @StrohhutPirat, @TanteEla74, @TypischerTyp,@vierzueinser, @VM_83, @Wasserbanane, Alex, Alexander B., Alexander K., Alexander M., Arnd Z., Axel B., Bas Tian, basti, Ben F., Ben, Bernd, Bernhard W., Boris R., C. F., Carsten N., Chris H., Christian H., Conny S., Daniel N., Daniel, David S., Dominik H., Dominik N., Eiko M., Eugen F., Fab, Fabian S., Florian G., Florian, flurfunk-dresden.de, Gabriel M., Gero D., Götz M., Hanuš G., Hauke H., Helena, henry, Herma R., Ingolf L., Jan H., Janna H., Jannis C., Jens L., Johanna, Johannes K., Johannes R., Jonas J., Jonas, Jörn J., Julian H., Julius A., Kai, Katja, Lars B., Lennart, Lukas H., Lutz K., Marcus D., Markus E., Markus M., Martin S., Martin, Matthias K., Matthias M., Michael H., Michael W., Michel M., Micky B., Moritz D., Moritz K., nikita, Nold, Ole, Pascal S., Patrick B., Peter U., Philip W., Philipp S., pwco, Ralf H., Roland B., Rosemarie H., Samuel G., Sander, Sascha K., Sebastian M., Sebastian S., Sebastian, Sinisa M., Sisi T., Stefan K., Stefan N.,Stefan W., Susanne G., Thomas N., Thomas R., Thomas S., Thorsten H., Tobias N., Torben W., Totte, Uwe K., Volker S., Yannik S.

Sollte es in der Zwischenzeit irgendwo medial richtig knallen, unterbrechen wir natürlich unseren Winterschlaf. Außerdem präsentieren wir Ihnen nach Weihnachten jeden Tag ein Best-of aus zwölfeinhalb Jahren BILDblog.

Und damit Ihnen der Lesestoff auf keinen Fall ausgeht, haben wir eine Übersicht mit all unseren Beiträgen aus diesem Jahr zusammengestellt. Klicken Sie sich doch mal durch:

» Terror-Alarm ohne Gewehr
» Nicht alles, was hitler ist, ist verboten (3)
» Heinz Hermann Thiele trinkt keine Entschlackungstees
» Verzettelte Drohungen
» SO kannst Du vortäuschen, dass Du ein journalistisches Portal bist
» Wer hat’s gemunkelt?
» Gute Vorsätze
» Die Opfer der „Bild“-Zeitung
» “Ich dachte, es gibt ethische Grenzen
» Sag mal Klettergerüst
» Wie der „Focus“ jahrelang über kriminelle Ausländer geschwiegen hat
» Die „Welt“ verheimlicht, dass nichts verheimlicht wurde
» Linke Nummer mit Mutti
» Das muss man sich mal vorstellen
» Presserat billigt nacherzählten Terror-Fehlalarm
» “BILD wird jede Chance nutzen, um mir zu schaden”
» “Bild”-Online-Chef: “BILDblog marschiert für Pegida”
» Das Schweigerkartell
» Bei Schwarzarbeit macht den Griechen keiner was vor
» “Ebenso böswillig wie falsch”
» Sie helfen
» So viel Klartext muss sein
» Medien ermitteln: Es war menschliches Versagen!
» Katastrophenjournalismus heute — eine Anleitung
» Aber der Sportteil!
» Journalismus-Irrsinn: Berichten mit Augenmaß!
» Wie gemein! Wer setzt solche Gerüchte in die Welt?
» Foto: Privat
» Völker, klaut die Signale
» Opferfotos bei Facebook klauen — was hält Mark Zuckerberg davon?
» Geier Sturzflug (2)
» “Blick” macht 15-Jährigen zum Dopingsünder
» Peter Lustig war kein Kinderhasser
» Persönlichkeitsrechte? Ehrensache!
» Sein Wort in ihren Ohren
» Der Minister, die Schauspielerin und die Medien
» Bei „Yahoo“ kann man noch ungestört „Todesstrafe für Ausländer“ fordern
» Sehen alle gleich aus (12)
» Gestreckter Stoff mit Hitler
» „Bild“ macht friedliche Moslems zu radikalen Islamisten
» Wenn die „Bild“-Zeitung erscheint, stirbt ein Promi
» 1+1+1+1+1=2
» Bild dir dein Frauenbild
» Der ehrenhafte Julian Reichelt und die grausamen Fotos aus Syrien
» „Der allergrößte Teil der Medien hat sich sehr gut verhalten“
» Wie gut ist „Bild“ wirklich?
» Clickbait aus Leidenschaft
» Die Anschläge von Brüssel im Breaking-News-Modus
» Schnell, schneller, „Focus Online“
» Heute anonym XXVI
» So sieht Journalismus heute aus
» Presserat hält „Galgenmann“-Fotos für unzulässig
» Medien tappen in gigantische Superrattenfalle
» Die grausame Wahrheit über die „Huffington Post“
» „Eigentlich ist es noch viel krasser“
» Nazi-Skandal Reloaded
» Jeder zehnte Journalist berichtet falsch über kriminelle Flüchtlinge
» Bild.de befördert Edward Snowden zum Russen-Spion
» Der Tod eines Toreros in Zeitlupe
» „Focus Online“ fällt auf einen 85 Jahre alten Witz rein
» „Focus Online“ klaut einen erfundenen Asteroiden
» „Extrem drastisches Video“, munter retweetet
» Wie „Bild“ mit „Sex-Mob-Alarm“ Vorlagen für rechte Hetzer liefert
» Die bigotten Hüter des Urheberrechts
» Falsches Spiel des Jahres
» Genies unter sich
» Das besondere „Bild“-Mitgefühl
» „6 vor 9“-Sonderausgabe: Amoklauf in München
» Das Attentat von München und die Medien
» „The European“ wärmt den „Sex-Mob-Alarm“ auf
» Foto-Tumult im Freibad
» Bild.de macht den Deutschen Angst
» Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel
» Hinterher ist Bild.de immer schlauer
» Dirk Hoerens halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer
» Kokain im alten Zopf
» Dirk Hoerens nächste halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer
» Verfahrene Verbotsfantasien
» Was, wenn Bild.de den Flüchtlingsdeal platzen lässt?
» Wolf, Du hast die Gans gestohlen
» „500 Euro Bild-Zeitung-Leserreporter? Hör auf jetzt!“
» Überschriften sind kein Kinderspiel
» Heinz Buschkowsky und das falsche „Pokémon“-No-Go im Islam
» Burgerjournalismus beim „Express“
» „Bild“ sucht den verschwundenen Chinesen. Wir suchen mit.
» Und wer denkt mal an uns?
» Bild.de und die offizielle Nominierung für den Friedensnobelpreis
» „Bild“ urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern
» „Bild“ schon wieder am Grab von Andreas L.
» Das Phantom der Burka
» 25 lesenswerte Medienreflexionen zu #Rio2016
» Es war nicht ihr Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandburkini
» Den Papageien zum Kolumnisten machen
» Durchfall! Kollaps! Schenkelklopfer!
» Der „Express“ erklärt Köln zum Kriegsgebiet
» Herbert Grönemeyer hat keine 28-Jährige geheiratet
» „Blitz-Heilungen“ kann nicht mal „Bild“ voraussehen
» Das ist doch wohl ein schlechter Witz
» Hallöchen Voyeurchen
» Völlig versemmelt
» Und arbeitslos ist er auch noch
» Mit Bindestrich und ohne Würde
» Falsches über die Fälscher
» Bei Anruf Witwenschütteln
» Lach- und Unsachgeschichten
» Auch mal die andere Seite zeigen
» Telling Lies
» Die nackte Halbwahrheit
» Des Kaisers neuer Name
» Ob rot, ob braun, Bild.de schreibt nur über blonde Frau’n
» Diagnose: eine ernst zu nehmenden Computerspielwerbesucht
» Die Rügen-Könige aus dem Axel-Springer-Hochhaus
» „So wird aus positiv plötzlich negativ“
» „Pixel-Irrsinn“-Irrsinn bei Bild.de
» Einen wichtigen Punkt vergessen
» Das falsche Senegalesen-Zitat von Andreas Scheuer und die Medien
» Zum „Sex-Killer“ erklärt
» „Bild“ zeigt private Fotos von getöteten Menschen
» „Wir helfen“ – beim rechten Verwirrspiel
» Besondere Aufmerksamkeit
» „Die Moral der Moralapostel“
» Das Oktoberfest in den Medien
» Linke Nummer mit der/die ComputerIn
» Recherchieren? „An einem Sonntag ein bissl schwierig“
» „Bild“ wühlt in Gerwald Claus-Brunners In­tim­sphä­re
» „Focus Online“ fällt auf Simpsons-Wiesn-Witz mit Schwarzenegger rein
» Krankgeschrieben
» Was für eine Katastrophe
» Aus dem Gerichtssaal auf die Titelseite
» Heute beginnt das Kandidatinnen-Vergessen
» „Das war noch nicht die Pointe“
» „Völlig absurd!“
» Gabor Steingart und „Bild“ pöbeln im Geistersupermarkt gegen die EU
» Uwe Böhnhardts DNA war nicht an Peggys Skelett
» „Österreich“ sprach mit Bob Dylan, als es die Zeitung noch gar nicht gab
» Tatsachsenbehauptung
» Die Horror-Clown-PR-Kampagne von Bild.de
» „Spiegel Online“ widerlegt Propaganda-Vorwurf mit Propaganda
» Mit „Bild mobil“ jetzt nicht das Mindeste bekommen
» So eine Erde kann man schon mal übersehen
» Bild.de schiebt Wladimir Putin ein britisches Kriegsschiff unter
» Bild.de wärmt einen Grusel-Clown in altem Frittenfett auf
» „6 vor 9“-Sonderausgabe: US-Wahl
» We are BILDblog. And we don’t approve this message.
» Prinz Harry wehrt sich gegen den britischen Boulevard
» D’oh!
» Wie haben die Fake-Promis reagiert?
» Atomkoffer! Trump! Apokalypse!
» Donald Trump will weiter einen Einreisestopp für Muslime
» Antworten auf kritische Fragen? Nicht mit Nikolaus Blome
» Spannerfotos von Kindern? Das wird man ja wohl noch andeuten dürfen
» Lob im Tarnanzug
» Hohe Fehlerquote
» „Die Sensation liegt in der Luft“
» „Bild“ spricht Reisewarnung für Bochum aus
» Schlecht, schlechter, Geschlechtertrennung
» ARD-Fusions-Irrsinn bei „Bild“
» Opfer bringen
» Ein Einschub voller Verachtung
» Alfred Draxlers 84 Cent zu den „Zwangsgebühren“
» ÜBER
» „Bild“ beschneidet Foto und Urheberrecht
» Herbert Grönemeyer wurde immer noch nicht auf „La Fabrique“ getraut
» Im Westen leider viel Neues
» „Bild“ bietet Rainer Wendt Plattform für Generalverdacht
» Die Fotobeschaffer von Hameln
» „Bild“ der Frau
» Warum neu recherchieren, wenn’s anderswo schon falsch steht?
» Stilecht ohne Recherche
» Nichts ist so alt wie die falsche Burkini-Meldung von vor vier Monaten
» Thilo Sarrazins falsche Fakten über Flüchtlinge
» Fehlierer des Tages
» „Merry Christmas“ über Aleppo
» Wo ein Kläger, da eine Unterlassungserklärung
» „Bild“ liefert falsches Futter für Islamhasser und rechte Hetzer
» Der Anschlag von Berlin und die Medien
» Absage von Wagner
» „6 vor 9“-Sonderausgabe: Anschlag in Berlin

Alle Ausgaben unserer werktäglichen “6 vor 9”-Linkliste finden Sie hier. Die Arbeitsnachweise unserer Clickbait-Taskforce hier. Die “Perlen des Lokaljournalismus” hier. Benedikt Franks Kolumne “Mut zur Wirrheit” über das “Compact”-Magazin hier. Johannes Krams Kolumne “Politically Correct!” hier. Ralf Heimanns Kolumne “Im Abseits” hier. Und Leo Fischers “Bildbetrachtung” hier.

Viel Spaß damit!

Massenüberwachung, Wikipedia-Zwist, Bunte-Lügenfresse

1. Fake News: “Wir brauchen eine akzeptierte Wissensbasis”
(ndr.de, Ulrich Kühn)
Werden “Fake News”, erfundene Nachrichten, die demokratische Auseinandersetzung fundamental verändern? Darüber spricht “NDR-Kultur”-Redakteur Ulrich Kühn mit dem Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger. Dieser ist skeptisch, was Softwarelösungen zur Bekämpfung von Fake-News anbelangt: “Mir fehlt im Moment noch der Nachweis dafür, dass man das durch eine Software schaffen kann, was Journalisten mit viel Aufwand schaffen sollen: Fakten zu überprüfen. Wenn man das künftig einer Software überlässt, besteht die Gefahr, dass es tatsächlich Filterprozesse gibt, die wir gar nicht mehr durchschauen können und dass wir bestimmte Informationen gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich glaube, es bedarf nach wie vor der menschlichen Prüfung von Informationen.”

2. Massenüberwachung Journalistenorganisation verklagt BND
(berliner-zeitung.de, Melanie Reinsch)
Vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig wird derzeit verhandelt, ob der BND massenhaft deutsche Bürger überwachen darf. Initiiert wurde die Klage vom Berliner Rechtsanwalt Niko Härting und der Journalistenorganisation “Reporter ohne Grenzen” (ROG), die in der Überwachung des E-Mail-Verkehrs und der Erfassung von Verbindungsdaten durch den BND einen Verstoß gegen das Fernmeldegeheimnis (Artikel 10 GG) sehen. Die Kläger stützen sich auf neues Beweismaterial: Ein vor zwei Wochen geleaktes Rechtsgutachten des BND, das die Arbeitsweise einer “Verkehrsanalysesystems” beschreibt. Zunächst wird das Gericht klären, ob es die Klage als zulässig befindet.

3. Streit in Wikipedia-Community: AfD-Funktionär „Magister“ ins höchste Schiedsgericht gewählt
(meedia.de, Marvin Oppong)
In der deutschen Wikipedia-Community ist ein Streit um eine Personalie entbrannt: Ein AfD-Funktionär habe sich in das höchste Entscheidungsgremium der Online-Enzyklopädie wählen lassen. Darauf seien drei Mitglieder des Schiedsgerichts gleichzeitig zurückgetreten.

4. Wann ist eine Nachricht für uns eine Nachricht?
(blog.zeit.de, Till Schwarze)
Die “Zeit” hat vor wenigen Tagen ihr “Glashaus-Blog” gestartet mit Hintergrundberichten über die journalistische Arbeit in der “Zeit”-Redaktion”. Im aktuellen Beitrag von “Zeit Online” Chef vom Dienst Till Schwarze geht es um die nicht immer einfache Entscheidungsfindung, wann eine Nachricht berichtenswert sei.

5. Der Klimawandel in GIFs
(de.ejo-online.eu, Mike S. Schäfer)
Wie berichten Medien über Umweltthemen? Sozialwissenschaftler aus fünf Ländern haben erstmals eine systematische Analyse der Umwelt-Berichterstattung neuer “Online-Only-Medien” aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien vorgelegt und deren Berichterstattung mit der von etablierten Massenmedien verglichen. Konkret ging es um die Berichterstattung über die jüngste Weltklimakonferenz, bei der ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll beschlossen wurde. In einer Zeit, in der Umwelt- und Wissenschaftsressorts in vielen Medien verkleinert oder gestrichen werden würden, wirke sich die Berichterstattung der Onlinemedien förderlich auf die öffentliche Debatte aus.

6. Lügenfresse: Gesichtsreporter decken auf!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Wenn Computerprogramme aus Textbausteinen und Daten vollautomatisch Meldungen generieren, spricht man von “Roboterjournalismus”. Die maschinell erzeugten Nachrichten kommen zum Zug, wenn es um Meldungen rund um Börse, Wetter und Sport geht. Stefan Niggemeier hat nun herausgefunden, dass auch die Online-Redaktion der “Bunte” von Robotern beherrscht wird.

Kriminalität der Nationen, Hetze bei Facebook, Werbung auf Hetz-Seite

1. “Nationalität spielt bei Kriminalität keine Rolle”
(wdr.de, Dominik Reinle)
Die wichtigste Aussage diese Interviews steht schon in der Überschrift. Der Kriminologe Christian Pfeiffer stellt die aufgeregte Diskussion um vermeintlich überdurchschnittlich kriminelle Migranten vom Kopf auf die Füße. Nahezu jeder Satz eignet sich als Punchline für einen Tweet. Drei Vorschläge:
1. “Richtigerweise müsste gefragt werden: Wie sind die Merkmale von Männern, die Frauen vergewaltigen? Dann merken Sie, dass Nationalität bei Kriminalität keine Rolle spielt.”
2. “Die Kriminalität in Deutschland geht im Gewaltbereich um 15 Prozent nach unten, gleichzeitig haben wir ein starkes Anwachsen des Anteils der ‘Fremden’. Die Schnellschuss-Antwort, die Ausländer sind die Bösen und verantwortlich für die Kriminalität, ist einfach falsch.”
3. “Wenn Max von Moritz verprügelt wird, ist die Anzeigebereitschaft 19 Prozent, wird Max von Mehmet verprügelt, ist sie über 31 Prozent.”

2. “Die ganzen Verschwörungstheoretiker irren”
(br.de, Florian Schairer)
Hannes Grassegger und Mikael Krogerus haben etwas geschafft, das vor einer Woche undenkbar schien: Hunderttausende teilen einen Text über Big Data und Psychometrie — beides bislang nicht unbedingt als besonders populäre Themen bekannt. Sogar der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar schaltete sich ein und warnte vor “der Manipulation demokratischer Wahlverfahren durch Massendatenauswertung”. Auf die gewaltige Aufmerksamkeit folgte binnen weniger Tage eine mindestens genauso gewaltige Welle der Kritik, teilweise aggressiv und polemisch, nicht immer fair. Hannes Grassegger scheint aber ganz gut damit umgehen zu können: “Wir begrüßen wirklich jede Form des Weiterdenkens — und dazu gehört natürlich auch Kritik.” Außerdem sind gestern die wohl drei besten und differenziertesten Auseinandersetzungen mit dem Thema erschienen: von Daniel Mützel bei “Motherboard”, von Patrick Beuth bei “Zeit Online” und von Matthias Kolb bei süddeutsche.de, der den Text vor allem aus US-amerikanischer Perspektive beleuchtet und erklärt, welche politischen Faktoren zum Sieg von Donald Trump geführt haben.

3. Ein Thema, das keins sein sollte
(taz.de, Anne Fromm)
Halb Mediendeutschland streitet sich über eine Nachricht, die gar keine war — zumindest nicht in der “Tagesschau” am Samstag, was wiederum viele haupt- und nebenberufliche Medienkritiker für ein Problem halten. Oder, wie es Anne Fromm ausdrückt: “Freiburg ist das neue Köln.” Das mag eine recht steile These sein, der aktuellen Diskussion fügt ihr Text aber einen interessanten Aspekt hinzu: “Dass nun aber Politiker bewerten, wann, was und wie Journalisten über den Mord in Freiburg hätten berichten sollen, ist fatal. Es spielt denen in die Hände, die der Meinung sind, Journalisten seien von oben gelenkt.”

4. Wie Facebook bei Hetze gegen Künast mit Fake-Zitat zuschaut
(morgenpost.de, Lars Wienand)
Am Sonntag teilte der Schweizer Rechtspopulist Ignaz Bearth auf seiner Facebook-Seite ein erfundenes Zitat von Renate Künast, als Quelle gab er die “Süddeutsche Zeitung” an. Der Bild-Post ging viral, Facebook tat — nichts. Stefan Plöchinger, Chefredakteur von süddeutsche.de, schrieb wiederum auf seiner Facebook-Seite: “Ein paar Stunden lang nicht wissen, was man mit so einem demokratiezersetzenden Dreck machen soll — das kann man sich als Multimilliardenmedienkonzern schon mal erlauben, gell?”. Mittlerweile hat Facebook reagiert und das Posting gesperrt, das Grundproblem aber bleibt: Wie schnell muss das Unternehmen reagieren, wenn sich auf der Plattform strafbare Inhalte (ein erfundenes Zitat erfüllt den Straftatbestand der Verleumdung) verbreiten, die den Opfern (in diesem Fall Renate Künast) schaden können?

5. Empörung über deutsche Werbung auf rechter Hetz-Seite
(spiegel.de, Ann-Kathrin Nezik)
Ein bekanntes (wenn auch umstrittenes) Bonmot aus der Werbebranche lautet: “There is no such thing as bad publicity.” Insofern könnte es durchaus eine gute Idee sein, Anzeigen auf der rechten Nachrichtenseite “Breitbart” zu schalten. In den vergangenen Tagen taten das etliche bekannte deutsche Unternehmen, darunter die “Telekom”, “Vapiano”, “Lieferheld” oder der Elektronikmarkt “Conrad” — meist, ohne es überhaupt zu merken. Während etwa “Lieferheld” sagt, man sei “nicht von der Gesinnungspolizei”, wollen andere Firmen die fragwürdige Platzierung ihrer Werbung zumindest prüfen, “BMW” und “Braun” haben “Breitbart” sogar auf eine Blacklist gesetzt.

6. Wie wahr ist wahrscheinlich?
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Die Wahrscheinlichkeit, dass MH17 von pro-russischen Militärs abgeschossen wurde? Exakt 95,3 Prozent. Und wer hat das Giftgas in Syrien eingesetzt? Zu 92,4 Prozent waren es Rebellen, nicht Assad. Das behauptet jedenfalls das israelische Start-up “rootclaim”. Richard Gutjahr hat mit den beiden Gründern der Plattform gesprochen, die mit Hilfe von Algorithmen Fakten checken wollen.

ARD-Fusions-Irrsinn bei “Bild”

Was “Bild” und Bild.de vom Rundfunkbeitrag halten? Nun ja …











Kurz gesagt: alles Abzocke, Verschwendung, Geldverbrennung, Zwangsgebühren. So geht das seit Jahren. Allein, dass die “Bild”-Medien auch aktuell noch konsequent von der “GEZ” schreiben, die es seit 2012 gar nicht mehr gibt.

Heute dann, fast wie eine Erlösung für die Beitrags-geschröpften “Bild”-Mitarbeiter, diese Meldung auf der Titelseite des Blatts und bei Bild.de als kostenpflichtiger “Bild plus”-Artikel:


Statt bisher neun ARD-Anstalten (NDR, WDR, Radio Bremen, RBB, MDR, SWR, SR, HR, BR) solle es bald nur noch vier geben: Nord, Ost, Süd, West:

Nach BILD-Informationen befürworten Mitglieder einer im Februar von den Ministerpräsidenten eingesetzten Arbeitsgruppe, eine Zusammenlegung zu vier größeren Anstalten.

“Bild” und Bild.de zitieren auch “ARD-Chefin” Karola Wille, allerdings nur mit allgemeinen Aussagen (“‘Wir stehen vor einem tiefgreifenden Reformprozess'”, “Wille sprach vom ‘größten Reformprogramm’ in der Geschichte der ARD”, “‘Wir werden uns verändern. Wir werden uns verändern müssen'”). Darin liest die “Bild”-Redaktion dann eben eine Bestätigung der großen “ARD”-Zusammenlegung.

Und was sagt die “ARD”? Die hat heute morgen mit einer Pressemitteilung reagiert:

Die Spekulationen der Bild-Zeitung über Fusionen von ARD-Landesrundfunkanstalten entbehren jeder Grundlage. Die in dem Beitrag skizzierten angeblichen “Geheimpläne” sind blanker Unsinn und frei erfunden.

Tatort, “Wirus”, Meinungsjournalismus

1. An jedem verdammten Sonntag
(taz.de, Klaus Raab)
Gestern feierte der “Tatort” seine tausendste Folge. Sein Erfolg ist “Symptom einer Gegenwart, die Gefühle standardmäßig mit Gewissheiten verheiratet”, findet Klaus Raab in der “taz”. Raab sieht den “Tatort” nicht, wie oft beschrieben, als Spiegel der Gesellschaft. “Der „Tatort“ nun, die Krimireihe der ARD, gedeiht eigentlich in einer Welt, in der man jeden Unsinn erzählen soll, wenn er der Geschichte dient; der Welt der Fiktion. Die Drehbücher sind erfunden, eigentlich weiß das auch jeder, und das ist auch gut. Man stelle sich vor, wie entsetzlich der „Tatort“ wäre, würde er tatsächlich als „Spiegel der Gesellschaft“ fungieren, wie es bisweilen heißt. Dann würden im Berlin-„Tatort“ 89 Minuten lang nur Fahrräder geklaut.”

2. «Trump-Debatte widerspiegelt Egozentrik des Journalismus»
(srf.ch, Roman Fillinger, Audio, 6:09 Minuten)
Wolfgang Blau war Digitalchef beim “Guardian” und bei “Die Zeit”. Nun arbeitet er als “Chief Digital Officer” beim internationalen Verlag Condé Nast. Beim “Schweizer Radio und Fernsehen” SRF spricht er über die Trump-Berichterstattung. Blau plädiert für mehr Empathie: “Journalisten müssen sich stärker damit auseinandersetzen, dass – selbst wenn sie nicht viel Geld verdienen – sie in aller Regel wohlhabender sind als die Menschen, über deren Wahlverhalten sie sich nun wundern. Journalisten würde mehr Empathie gut tun, um zu spüren, wie es sich anfühlt, mit größter Wahrscheinlichkeit nie mehr einen Job zu bekommen, oder dass auch die eigenen Kinder wahrscheinlich nie eine Festanstellung bekommen werden, wie man sie selbst einmal hatte.”

3. Hubertus Koch bei den #JMT16: „Ich bin Meinungsjournalist“
(flurfunk-dresden.de, Nadine Faust)
Hubertus Koch ist mit seinem Dokumentarfilm “Süchtig nach Jihad” bekannt geworden, in dem er sehr persönlich und emotional aus dem syrischen Flüchtlingslager Bab al-Salameh berichtet. Anfang des Jahres erhielt er dafür den Nachwuchspreis des Deutschen Fernsehpreises. Auf den “Jugendmedientagen 2016” in Dresden hat er sich mit dem Medienblog “Flurfunk” über seine Arbeit und die Zukunft der Medien unterhalten.

4. Ein gefährliches „Wirus“ breitet sich aus
(udostiehl.wordpress.com)
Der Gebrauch von “Wir”-Konstruktionen führt zu einer Lagerbildung, die dem Versuch einer Geiselnahme gleichkommt, so Udo Stiehl in seinem Artikel über den gefährlichen “Wirus”. “Wer gezielt seine Position als mehrheitsfähig darstellen will, nutzt diese rhetorisch einfache und schlagkräftige Wortwahl. Ganz egal, welches Thema in die öffentliche Debatte gedrückt werden soll: „Wir“ funktioniert inzwischen wie eine Droge. Und sie spaltet exakt so, wie es beabsichtigt ist.”

5. aspekte vom 11. November 2016
(zdf.de, Video, 45 Minuten)
In der aktuellen Ausgabe der Kultursendung “aspekte” (ZDF) hatte Moderatorin Katty Salié einen berühmten Co-Moderatoren: den türkischen Journalist und ehemaligen Chefredakteur der “Cumhuriyet” Can Dündar. In der Sendung geht es überwiegend um Medienthemen und Pressefreiheit. Die Beiträge selbst sind in Deutsch; Dündars Redeanteile auf Türkisch mit deutschen Untertiteln.

6. Facebook erklärt Mark Zuckerberg für tot
(zeit.de)
Eine Softwarepanne führte dazu, dass auf Profilen vieler Facebook-Nutzer Gedenknachrichten erschienen. Selbst Gründer Mark Zuckerberg wurde vom eigenen Netzwerk für tot erklärt.

Vogue Arabia, Fake-Clown, Autorendasein

1. FAZ macht mobil
(oxiblog.de, Kathrin Gerlof)
“Das Leib- und Magenblatt der Wirtschaftselite polemisiert gegen Wachstumskritiker und behauptet, Wachstumskritik sei Rückschritt.”, fasst “Oxiblog”-Autorin Kathrin Gerlof einen Artikel der “FAZ” zusammen. Gerlof stört sich sowohl an Inhalten als auch an Sprache des “FAZ”-Beitrags: “Rainer Hank hat sich für uns alle öffentlich auf die Couch gelegt. Herausgekommen ist ein Text voller Ressentiments, ein Lehrstück manipulativer Sprache und die Erkenntnis, dass es gut wäre, sich noch mal mit Präpositionen zu befassen.”

2. Debatte um mögliche “Spring doch”-Rufe in Schmölln
(mdr.de)
Es besteht immer noch Unklarheit darüber, ob Schaulustige dem Flüchtling, der sich im ostthüringischen Schmölln aus dem Fenster stürzte, “Spring doch” zugerufen haben. Laut eines Berichts des “MDR” sieht die Thüringer Polizei dafür keine Beweise. Auch die Einsatzkräfte hätten solche Rufe nicht bestätigt. Eine Mitarbeiterin der Einrichtung, in der der Somalier lebte, hat jedoch solche Rufe gehört, wie der Leiter der Einrichtung auf Nachfrage bestätigt.

3. Zur Not einen Porno schreiben
(faz.net, Maximilian Weingartner)
Am Wochenende ist die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen. Maximilian Weingartner schreibt über die finanziellen Nöte von Autoren: “Jedes Jahr werden Autoren auf der Buchmesse wie Popstars gefeiert. Doch selbst wer Bestseller schreibt, hat es finanziell schwer. Wie bestreiten da erst die anderen ihr Leben?” Weingartner holt den Rechenstift vor und unternimmt einige Beispielkalkulationen, die beweisen, dass sich das Dasein als Autor für die wenigsten lohnt. Zumindest finanziell.

4. Die Genugtuung der Außenseiter
(taz.de, Elisabeth Wagner)
Nächstes Jahr bringt der Verlag “Condé Nast” die 22. internationale Ausgabe seines Hochglanzmagazins “Vogue” auf den Markt: “Vogue Arabia”. Als Chefredakteurin fungiert die 41-jährige Deena Aljuhani Abdulaziz, eine Prinzessin aus dem privilegierten Umfeld des Scheichs und damit Teil einer absolutistisch herrschenden Elite. Als Redaktionssitz hat man sich jedoch nicht für das frauenfeindliche Riad, die Hauptstadt des Königreichs Saudi-Arabien, entschieden, sondern ist nach Dubai gegangen.

5. Die ganze Wahrheit
(tagesanzeiger.ch, Michèle Binswanger)
Die Medien leiden seit geraumer Zeit unter einer Vertrauenskrise, der Ruf des Journalismus hat gelitten, die Presse ist oft zum Feindbild geworden. Michèle Binswanger hat sich auf Ursachensuche begeben und sieht allen Widrigkeiten zum Trotz auch Positives: “Im Unterschied zu allen Meinungsmachern im Internet haben Journalisten Branchenregeln. Wenn wir Fehler machen, werden wir darauf behaftet, müssen wir überprüfen und allenfalls korrigieren. Wir müssen für unseren Bullshit geradestehen, und das motiviert uns, Bullshit zu vermeiden.”

6. Mord im Clownkostüm: Die Meldung ist frei erfunden
(zak.de, Michael Würz)
Im baden-württembergischen Balingen verbreitet sich die Nachricht über einen als Clown verkleideten Mann, der vor der örtlichen Volksbank einen anderen Mann erschossen habe. Doch die Meldung ist frei erfunden und wurde von einer dubiosen Webseite als “Fake-News” in Umlauf gebracht.

Das Pokémon von Loch Ness

In der Stadt Burg in der Nähe von Magdeburg ist es seit zwei Wochen nicht mehr erlaubt, Bettwäsche am offenen Fenster auszuschütteln, wenn das Fenster weniger als drei Meter von der Straße entfernt liegt. Das Gleiche gilt für Teppiche, Tücher, Kleider und Polster. Auch streunende Katzen zu füttern, ist in Burg nun verboten. Nicht mal mehr auf Laternen klettern darf man.

Das alles regelt die neue Gefahrenabwehrverordnung, die in Burg seit dem 11. Juli gilt. Wer sich nicht an sie hält, riskiert ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst — Perlen des Lokaljournalismus”. Im August erscheint von Daniel Wichmann und ihm “Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Damit auch klar ist, dass die Stadt es mit der neuen Regelung ernst meint, will sie nun vier “Ermittler” einstellen, die laut Stellenausschreibung sogar bereit sein müssen, Dienstkleidung zu tragen. Sie sollen die Einhaltung der neuen Verordnung überwachen.

Im Grunde ist das ja eine gute Nachricht, denn immer wenn man so etwas liest, kann man sich getrost noch mal auf die andere Seite drehen und zwei weitere Stündchen schlafen, weil offenbar alles in Ordnung ist. Nur ist im Moment genau das ja nicht der Fall.

Wir alle sind alarmiert. Es muss nur irgendwas passieren, und wir vermuten gleich das Schlimmste. Bei Twitter schrieb der Kollege Henning Sußebach, er hätte das Wort “Autokauf” gesehen und “Amoklauf” gelesen.

In Eschweiler in der Nähe von Aachen hat jemand den Notruf gewählt, weil er beobachtet hatte, wie ein Mann seine Frau vom Balkon stieß und die Frau dreieinhalb Meter kopfüber in die Tiefe stürzte. Polizei und Feuerwehr kamen mit Blaulicht, und normalerweise vergeht dann ja auch nicht mehr viel Zeit, bis die Reporter eintrudeln, und zum ersten Mal das unvermeidliche Wort “Familiendrama” fällt. Die Nachbarn sind natürlich bestürzt, und garantiert wird sich irgendwer finden, der bestätigen kann, dass es ja eigentlich ganz normale Leute waren.

Aber so weit kam es diesmal gar nicht, denn als die Frau unter ihrem Balkon gefunden wurde, konnte sie selbst sagen, was passiert war. Niemand hatte sie gestoßen. Sie war bei dem Versuch, einen Teppich aufzuhängen, über das Geländer gefallen. Und damit sieht alles ganz anders aus. Auch in Eschweiler ist die Welt doch noch in Ordnung. Nur im Rathaus müssten sie sich nun die unangenehme Frage gefallen lassen, warum es in der Stadt noch immer keine Gefahrenabwehrverordnung gibt. Mit der wäre das ja wahrscheinlich nicht passiert.

Nur wird diese Frage momentan vermutlich niemand stellen, denn eigentlich befinden wir uns ja mitten im Sommerloch, und da stellt niemand solche Fragen. Da bleibt normalerweise endlich Zeit, sich auf die unwichtigen Dinge zu konzentrieren, um hier und da auch mal einzuwerfen: Ach, und dafür ham’se Zeit.

Aber das ist noch nicht passiert. In diesem Jahr ist alles anders. Allein in den vergangenen Tagen sind so viele schreckliche Dinge passiert, dass man denken könnte, irgendwo da oben sitze Hiob ganz alleine am Newsdesk. Ein Montag reiht sich an den nächsten, und wir sind so sehr mit unserer Angst beschäftigt, dass wir nicht mal mitbekommen haben, wie das Huhn Gerda an der A4 in der Nähe von Dresdesn wochenlang mit der Autobahnpolizei Katz und Maus spielte. Es war nicht zu fassen — bis irgendwann ein Autofahrer anhielt und es einfach einfing:

Vielleicht hat diese Ignoranz aber auch gar nichts mit unserer Angst zu tun, sondern einfach damit, dass so ein Huhn, egal, wie es nun heißt, bei “Pokémon Go” keine Punkte bringt. Und darum scheint es in diesem Sommer ja eigentlich zu gehen. Vielleicht hat der Mann, der wegen des Huhns ausstieg, da einfach irgendwas verwechselt.

Immerhin ist sein Auto heil geblieben, und das ist ja auch schon mal was, denn wenn man sich die Warnungen der Polizei ansieht, dauert es vermutlich nicht mehr allzu lange, bis “Pokémon Go” auch in Unfallursachen-Charts an der Spitze steht. In den USA ist man da schon etwas weiter. Dort lassen sich bereits ganze Nachrichten-Spalten mit den mutmaßlichen Pokémon-Schäden füllen.

In Baltimore zum Beispiel ist ein Mann mit seinem Wagen in ein parkendes Polizeiauto gekracht, während ein Polizist danebenstand und das alles filmte. Man kann sich das Video ansehen.

Der Mann versucht nicht mal zu vertuschen, was er da gemacht hat. Als er aus seinem demolierten Wagen aussteigt, hält er sein Smartphone noch immer in der Hand und flucht: “Das hat man jetzt davon, wenn man dieses Spiel spielt.” Also in dem Fall: gar nichts. In Deutschland hätte man auch für dieses Manöver ja noch ein paar Punkte bekommen — wenn auch leider die falschen.

Die richtigen bekommt man anscheinend vor allem da, wo man bei klarem Verstand niemals hingehen würde. In Kalifornien sollen zwei Pokémon-Sammler 30 Meter in die Tiefe gestürzt sein, weil sie an einer Klippe hinter der Absperrung ein seltenes Pokémon vermuteten:

Bis in Bosnien etwas passiert, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dort suchen die fidelen Pokémon-Sammler offenbar sogar auf Landminen-Feldern. Dass ihr Jäger-Gruß lautet “Wir hören voneinander”, ist wiederum nur ein Gerücht.

“Pokémon Go” verbreitet sich wie eine Pandemie. Überall auf der Welt suchen Horden von Menschen in den Städten der Verzweiflung nahe nach imaginären Dingen, die dann doch nur auf Displays existieren. Das alles kommt einem so seltsam bekannt vor. Und natürlich, das gab es auch früher schon, aber da ging es nicht um Pokémons, sondern um freie Parkplätze.

Die Monsterjagd hat ja auch sonst etwas Vertrautes. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass das Sommerloch damals extra für sie erfunden wurde. Früher verlief ja jedes Jahr sehr ähnlich (auch das eine vage Erinnerung). Kaum war im Sommer nichts mehr los, hatte relativ erwartbar wieder irgendwer das Ungeheuer von Loch Ness gesichtet, es aber durch einen unglücklichen Zufall nicht fotografieren können — oder wenn doch, dann nur so unscharf, dass das auf dem Bild abgebildete Ding auch ein Elefant, ein Auto oder ein Stück Holz in der Badewanne hätte sein können.

Über viele Jahre ging das so. Und während der erste “Pokémon Go”-Jäger schon nach gut drei Wochen behauptet, seine 142 Monster zusammen zu haben und mit dem Spiel damit durch zu sein, wartet Steve Feltham in den schottischen Highlands weiter auf sein zweites Erfolgserlebnis. Das erste war der Eintrag ins “Guinness-Buch der Rekorde” als ausdauerndster, aber eben auch erfolglosester Monsterjäger, von dem man jemals gehört hat.

Steve Feltham hat vor 25 Jahren seinen Job aufgegeben, um sich ganz seinem Hobby widmen zu können, der Suche nach Nessi. Um dieses Vorhaben zu finanzieren, verkauft er seit einigen Jahren kleine Figuren, die das im See vermutete Ungeheuer so zeigen, wie man sich so ein See-Ungeheuer vorstellt.

Das Geschäft scheint irgendwie zu laufen. Jedenfalls ist Feltham noch immer da. Seit einigen Wochen läuft es sogar etwas besser, und Feltham wundert sich nicht nur darüber, denn seitdem sieht er rund um den See immer wieder Menschen, die anscheinend etwas Ähnliches suchen wie er, das aber ganz anders anstellen. Sie schauen nicht auf den See, sondern auf dieses Gerät, das sie vor sich hertragen, und seltsamerweise sprechen sie auch nicht von Nessi. Sie nennen das Ding, das sie suchen, Lapras.

Das Pokémon Lapras sieht so aus wie die kleinen Figuren, die Feltham verkauft. Es wurde hier und da schon gefangen, gilt aber als sehr selten, und deshalb ziehen viele Monster-Jäger irgendwann entnervt wieder ab, ohne es gefunden zu haben. Einige von ihnen kaufen vorher als kleines Souvenir eine von Felthams Figuren. Und irgendwie schließt sich hier sehr schön der Kreis zwischen dem beschaulichen alten Sommerloch und dem globalisierten von heute.

Vielleicht kann man Felthams kleine Teilhabe am weltweiten Pokémon-Boom sogar als sein zweites Erfolgserlebnis bezeichnen. Das dritte wäre wahrscheinlich immer noch keine Nessi-Sichtung, aber es könnte ein neuer Geschäftszweig sein: Viel mehr Geld als mit seinen Figuren könnte Feltham wahrscheinlich mit dem Verkauf von Zweit-Akkus und Ladestationen machen, denn die Handy-Batterien von Pokémon-Jägern sind schneller leer als eine kleine Flasche Bier.

In Witten im nördlichen Ruhrgebiet haben sich vier junge Männer deshalb mit einer Kabeltrommel auf die Jagd begeben, die sie, als der Akku-Balken immer schmaler wurde, im Vorraum einer Sparkassen-Filiale an eine Steckdose schlossen. Im Übermut betrieben sie über die gleiche Steckdose auch eine Musik-Anlage, und nur das verriet sie.

Die Polizei kam leider zu spät. Die Akkus waren längst geladen. Die Beamten schrieben noch schnell eine Strafanzeige wegen illegalen Stromabzapfens. Doch danach mussten sie die vier Männer ziehen lassen und mitansehen, wie sie vor der Sparkassen-Filiale ihre Monster-Jagd fortsetzten. Dagegen kann bislang leider niemand etwas tun. Die Staatsgewalt ist vollkommen machtlos. Vielleicht braucht auch Witten eine neue Gefahrenabwehrverordnung.

Blättern:  1 ... 14 15 16 ... 32