Suchergebnisse für ‘ausländer bild’

Alle Kriminellen sind Ausländer, fast überall

Weil es bei ihrer Kampagne für ein härteres Jugend- und Ausländerstrafrecht und die Wiederwahl von Roland Koch schon vergangene Woche so gut funktioniert hat, benutzt die “Bild”-Zeitung heute einfach noch einmal den Trick mit der Statistik — und erweckt wieder den falschen Eindruck, sämtliche Straftaten in bestimmten Bereichen würden von Ausländern verübt.

Der Artikel ist Teil 1 der neuen Serie: “BILD-Report über kriminelle Ausländer”, und anscheinend geht es auch allein darum:

(…) Sieben Jugendliche, arabischer und türkischer Herkunft, 17 bis 21 Jahre alt, zertrümmern die Scheiben einer U-Bahn. (…) Die Polizei fasst drei Täter: Einen Iraker (17), zwei 16-Jährige aus Gaza. (…) Übergriffe krimineller Ausländer in Deutschland — lange war es ein Tabu-Thema. (…) In einer neuen Serie beleuchtet BILD die Brennpunkte der Ausländer-Kriminalität in Deutschland. (…) Drogendealer meist arabischer Herkunft schleichen umher (…). 2006 gab es allein in Berliner Bussen und Bahnen etwa 22.381 Straftaten. (…) In Münchner U-Bahnen gab es 192 Gewalttaten. In Hamburg waren es im letzten Jahr 195 Prügeleien oder Messerstechereien, in Frankfurt/Main immerhin noch 84. (…)

Haben Sie’s gemerkt? Die Zahlen, die inmitten all dieser Ausländergeschichten stehen — es sind keine Ausländerzahlen. Es ist die Gesamtzahl aller Straf- oder Gewalttaten, egal von welchen Landsleuten sie verübt wurden. “Bild” erwähnt das nicht. Auch die anderen Schilderungen von ängstlichen Wachleuten oder resignierten Busfahrern kommen teilweise ganz ohne konkreten Bezug zur Herkunft der Täter auf, so als sei Jugendgewalt ganz selbstverständlich Ausländergewalt.

Analog dazu hat “Bild” ein Interview mit dem CSU-Politiker Peter Gauweiler zwar laut Überschrift “zur Kriminalität von Ausländern” geführt. Tatsächlich geht es darin aber fast ausschließlich um Gewalt in U- und S-Bahnen allgemein — abgesehen vor allem von diesem Satz Gauweilers:

Deutschland wird in der Münchner U-Bahn verteidigt, am Bahnhof Zoo in Berlin und in der Frankfurter Innenstadt.

Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, sagte am Sonntag bei “Anne Will” auf die Frage, ob Roland Koch durch seine Vorstöße die Wahlen gewinnen werde:

“Ich denke, diese Koppelung von überzogenen Forderungen mit einer Hetzkampagne der Bild-Zeitung wird ihm nicht helfen, weil es da einfach zu sehr übertrieben wurde und die Einseitigkeit “Ausländer sind kriminell” und das ständig und über Tage wiederholt, das ging zu weit und das begreifen die Bürger.”

Mit “Hetzkampagne” muss Pfeiffer dies hier meinen:

Andererseits:

  • Die Kriminalität in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen.
  • Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen hat deutlich abgenommen.
  • Nach Jahren des Anstiegs geht die Jugendkriminalität seit 1996 zurück.
  • Jugendliche begehen sehr viel weniger Tötungs- und Raubdelikte als noch vor zehn Jahren; die Zahl der von ihnen begangenen Körperverletzungen aber nimmt zu.
  • Bei der Gewaltkriminalität ist der Anteil der Tatverdächtigen, die keine Deutschen sind, gesunken.
  • Ob Jugendgewalt häufiger und schlimmer geworden ist, ist unklar. Möglicherweise nimmt die Zahl der Fälle nur deshalb zu, weil häufiger als früher die Polizei gerufen wird.
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund werden häufiger straffällig, aber nicht so viel mehr, wie die Statistiken glauben machen.
  • Christoph Frank, der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, sagt: “Die Formel härtere Strafen gleich höhere Abschreckung gleich weniger Straftaten ist schlicht falsch.”
  • Anders als zwischen Strafmaß und Kriminalität gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Kriminalität: In München geht die Mehrzahl der Türken nur auf die Hauptschule, in Hannover nicht mehr; in München werden immer mehr Türken Mehrfachtäter, in Hannover immer weniger.

Umfassende und differenzierte Informationen finden sich in Medien, die nicht auf einem politischen Kreuzzug sind, zum Beispiel auf tagesschau.de sowie in “Telepolis”, das den Bericht der Innenministerkonferenz über die Entwicklung der Gewaltkriminalität junger Menschen (pdf) zusammenfasst.

Mit Dank an Christoph K.!

Die Unwahrheit über kriminelle Ausländer

Die Wahrheit über kriminelle Ausländer / Dauer-kriminelle Ausländer ausweisen!

Berlin — Die kriminellen Übergriffe ausländischer Jugendlicher — es ist alles noch viel schlimmer! Allein in Berlin gab es laut Berliner “Tagesspiegel” Ende September 2363 jugendliche Schwerkriminelle (darunter 46 Kinder!) mit fünf und mehr Polizei-Eintragungen wegen Gewalttaten — ein Plus von 7,8 Prozent innerhalb von nur drei Monaten.

Zum ersten Mal spricht jetzt ein Oberstaatsanwalt Klartext über den Umgang und die Hintergründe der zunehmenden Kriminalität ausländischer Jugendlicher. (…)

(Link von uns.)

So macht man das, wenn man den ohnehin erschreckend hohen Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an den Mehrfach-Gewalttätern noch höher wirken lassen will: Die Schlagzeile auf Seite 1 spricht von Ausländern, die Überschrift über dem Artikel spricht von Ausländern, der erste Satz spricht von Ausländern, der folgende Satz spricht von Ausländern — aber die konkreten Angaben beziehen sich nicht auf Ausländer, sondern sind die Gesamtzahl der Mehrfach-Gewalttäter aller Nationalitäten. “Bild”-Autor Dirk Hoeren, sonst für Renten-Lügen zuständig, hat sich heute an Kriminelle-Ausländer-Lügen versucht und einfach zwei Sätze hintereinander montiert, die sich scheinbar, aber nicht tatsächlich aufeinander beziehen.

Die Zahlen stammen aus einem Vortrag, den der für jugendliche Serientäter zuständige Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch im Dezember bei einem Vortrag (pdf) vor der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung hielt. Bereits im Mai hatte Reusch in einem “Spiegel”-Gespräch gesagt, dass 80 Prozent seiner Täter einen Migrationshintergrund hätten und wörtlich hinzugefügt: “Jeder Einzelne dieser ausländischen Täter hat in diesem Land nicht das Geringste verloren.” Insofern ist nicht ganz klar, warum Dirk Hoeren heute den Eindruck einer Premiere erweckt:

“Er bricht ein Tabu! Der erste Oberstaatsanwalt spricht Klartext über die Kriminalität von jungen Ausländern in Deutschland!

“Bild” nennt Reusch “Deutschlands mutigster Oberstaatsanwalt”, lässt aber offen, ob es schon mutig ist, Zahlen zu nennen, die vorhandene Ressentiments der Bevölkerung bestätigen, und Forderungen aufzustellen, die populär sind und von der größten deutschen Tageszeitung unterstützt werden.

Von “Bild” unerwähnt bleibt, dass sein “Mut” den Oberstaatsanwalt aber tatsächlich schon in Schwierigkeiten brachte: Im “Spiegel” hatte er angegeben, Untersuchungshaft bei Jugendlichen als Erziehungsmittel zu nutzen, obwohl sie dazu eigentlich nicht gedacht ist. Nach Ansicht von Kritikern wäre eine solche Praxis rechtswidrig; die Berliner Justizsenatorin drohte Reusch öffentlich mit einem Disziplinarverfahren.

Reusch selbst hat seinen Vortrag vor der Hanns-Seidel-Stiftung übrigens mit dem Hinweis beendet, dass “Juristenkollegen” seine Vorschläge allesamt für verfassungswidrig oder zumindest unvereinbar mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes halten könnten. Der “Bild”-Leser ahnt davon natürlich nichts.

Mit Dank an Thomas S.!

“Bild” verordnet National-Geilheit

Das ARD-Kulturmagazin “Titel, Thesen, Temperamente” über die “schwarz-rot-geil”-Kampagne der “Bild”-Zeitung:

Mit Autoaufklebern soll gegen “Nörgler” und “Miesmacher” zu Felde gezogen werden. BILD fordert: “Ganz Deutschland muss zur No-Go-Area werden. Für all die Miesmacher, die alles besser wissen und nichts besser können”. [Dem Frankfurter Schriftsteller Matthias] Altenburg geht das zu weit. (…) “Es wurde gewarnt davor, bestimmte Gegenden zu betreten, wenn man eine andere Hautfarbe hat. Dass das nun von der Bildzeitung ausgerechnet umgedreht wird und gesagt wird, alle, die sagen, es gibt in diesem Land Ausländerfeindlichkeit, es gibt Fremdenhass, es gibt Übergriffe und nicht zu wenige, dass die plötzlich irgendwo hingeschickt werden sollen, wo kein anderer anständiger Deutscher sich aufhält.”

Marcel Reich-Ranicki: “Worte wie Miesmacher, wie Nörgler sind im Dritten Reich vor allem von Göbbels verwendet worden. Ich würde empfehlen, auf diese Vokabeln eher zu verzichten oder vorsichtiger zu verwenden.”

PS: Eine Abmahnung von “Bild” wegen mangelnder National-Geilheit erhält heute Wolfgang Thierse. Er ist nicht der erste.

Die klare Sprache von “Bild”

Ausgesprochen unkritisch interviewt “Bild” heute den umstrittenen Historiker Arnulf Baring, nennt ihn “Deutschlands "Deutschlands klügster Kopf redet Klartext - Das läuft mit den Ausländern falsch"klügster Kopf” (obwohl man ihn mit derselben Logik auch den “naivsten Kopf Deutschlands” nennen könnte) und macht ihn zur Titelschlagzeile (siehe Ausriss).

Spiegel Online schreibt dazu:

Im (…) Interview erklärt der Historiker Arnulf Baring, der Deutschland schon vergangenes Jahr über Notverordnungen (!) regiert sehen wollte, dann jenen Satz, der seit dem Hilferuf der Rütli-Schule an jedem Stammtisch zu hören ist: “Multikulti ist gescheitert.” Schuld daran sind — so sehen es die Konservativen — natürlich die “Multikulti-Befürworter”, also jene rot-grünen Dummdeutschen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer brav und arglos zwischen kurdischem Volksfest (vermutlich heimliche Terroristenversammlung) und libanesisch geführtem Italiener-an-der-Ecke (Schnauzbart, sehr suspekt) hin- und hergependelt sind. Freilich ohne zu merken, wie der Kurde und der südländische Kellner heimlich ihre blitzenden Messer wetzen, schlecht über unsere deutschen Frauen reden und hinter unserem Rücken ein unfriendly Takeover der Bundesrepublik vorbereiten. Wie gut, dass uns Arnulf Baring gerade noch rechtzeitig gewarnt hat!

Es ist deshalb höchste Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen: Weder Rot-Grün oder die naiven Multikulti-Befürworter tragen die Hauptschuld an der jetzigen Integrationsmisere. Der Mann heißt Helmut Kohl. (…)

Auch ein Massenblatt wie die “Bild”-Zeitung könnte mit ihrer klaren Sprache hilfreich sein. Auf Ausgaben, in denen Kampagnen gegen erfolgreiche Schauspielerinnen türkischer Herkunft gefahren werden oder ein Arnulf Baring von der Leine gelassen wird, können wir dagegen verzichten.

“Bild” wirkt (2)

Dass ein mutmaßlicher “Nackt-Test für Ausländer” nach niederländischem Vorbild, über den “Bild” gestern groß zu berichten wusste (siehe Ausriss), zumindest in den Niederlanden kein “Nackt-Test” ist, sollte inzwischen eigentlich jedem klar sein, weil viele Medien die Null-Meldung der “Bild”-Zeitung zum Anlass nahmen, selbst darüber zu berichten.

Stellvertretend sei hier nicht Zeit.de, sondern Süddeutsche.de zitiert:

“Von einem ‘Nackt-Test’, auf den die Bild-Zeitung sich fragend bezieht, kann also keine Rede sein. Es geht offenbar darum, einbürgerungswilligen Ausländern ein umfassendes Bild von der Gesellschaft zu vermitteln, in der sie leben möchten — mit allen Facetten.”

Ebenfalls herumgesprochen haben sollte sich eigentlich auch, was beispielsweise die niederländische Regierung über das Einbürgerungsprojekt “Naar Nederland” bzw. über die dazugehörigen Bilder einer barbusige Frau zu sagen hat, die “Bild” und Bild.de so aufgeilte offenbar gar nicht oft genug zeigen konnten:

1.) “Zu den Bildern werden keine Fragen gestellt.”

2.) “Die Auftraggeber haben beschlossen, zwei Versionen des Films herauszugeben. Eine usprüngliche Version, in der die Offenheit niederländischen Zusammenlebens explizit zu sehen ist (Bilder eines Strandes mit einer Frau mit entblößtem Oberkörper, ein Popkonzert und zwei sich küssende Männer), und eine ‘gekürzte’ Version, in der diese drei Bilder nicht vorkommen, weil der Besitz solchen Bildmaterials in einigen Ländern Strafverfolgung nach sich ziehen kann.”
(Übersetzung von uns.)

So ähnlich stand es immerhin am vergangenen Dienstag (nachdem zuvor die “FAS” das Thema in einem Interview mit Innenminister Wolfgang Schäuble aufgebracht hatte) auch bei Spiegel Online:

“Vorbereiten auf den Test und das Leben im einst so liberalen Land hinter den Deichen können sich die Einwanderer mit einem Buch, das es in 14 Sprachen gibt, und mehreren CD-Roms, die auch Videoaufnahmen enthalten. Weil dabei nackt badende Frauen und Schwule zu sehen waren, die sich in der Öffentlichkeit küssen, kam es zu Protesten von Muslimen. Seitdem gibt es eine keusche und eine unkeusche Version – beide kosten stolze 63,90 Euro.”

In “Bild” steht das natürlich nicht. Dort heißt es über das niederländische Projekt bloß:

“Dort bekommen Ausländer, z. B. aus muslimischen Ländern, schon vor der Einreise eine DVD zugeschickt (Kosten: 63,90 Euro), die das typische Leben in den Niederlanden darstellt.

Zu sehen sind unter anderem küssende Schwulen-Paare und Urlauberinnen, die ‘oben ohne’ am Strand planschen.”

Und würden wir uns kritisch mit der Berichterstattung von Spiegel Online auseinandersetzen, müssten wir uns jetzt wohl fragen, warum Spiegel Online am Tag der “Nackt-Test”-Meldung in “Bild” plötzlich nichts mehr zu wissen scheint von den zwei unterschiedliche “keuschen” Versionen und stattdessen (O-Ton Spiegel Online: “einem Zeitungsbericht zufolge”) nur pauschal behauptet, es seien dort “unter anderem Frauen, die in der Öffentlichkeit ‘oben ohne’ baden, und sich küssende Homosexuelle” zu sehen.

Die traurige Antwort würde lauten: weil offenbar auch Spiegel Online irgendwelchen irreführenden “Bild”-Behauptungen mehr traut als den eigenen Berichten.

Mit Dank an Jürgen K. und viele andere für den Hinweis.

  

Betr.: “Bild”-Kolumnist Hauke Brost erklärt BILDblog

Auf seiner Homepage hatte “Bild”-Kolumnist Hauke Brost www.BILDblog.de zu seinen “Lieblings-Links” gezählt und das wie folgt begründet:

Weil die Macher dieser Seite Tag für Tag geradezu rührend bemüht sind, BILD Fehler nachzuweisen. Zugegeben: Manchmal schaffen sie das tatsächlich (nobody is perfect). bildblog ist für mich wie ein lieber Nachbar, der den ganzen Tag mit dem Sofakissen im Fenster lehnt und in einen Garten glotzt, in dem er Unsittliches vermutet. “Ha, schon wieder ein Wort falsch geschrieben! Typisch BILD!” “Ha, Wussow ist laut BILD schwerkrank? Vor 4 Wochen war Wussow laut BILD noch fit wie ein Turnschuh, klicken Sie hier!” “Haben Sie schon diese entsetzliche Glosse von Hauke Brost gelesen?” So ähnlich geht das den lieben langen Tag. bildblog hat null Humor, weiß grundsätzlich alles besser und macht natürlich niemals Fehler. So ist mir bildblog ans Herz gewachsen – so wie ich oben erwähnten Nachbarn auch fröhlich grüßen würde: “Na, Herr Nachbar? Heute schon jemanden beim Falschparken oder Nacktbaden erwischt?”

bildblog verkörpert die hierzulande weit verbreitete Oberlehrer-Mentalität wie kaum eine andere website und ist deshalb auf jeden Fall einen Besuch wert. Außerdem ist bildblog mehrfach preisgekrönt, also muß ja was dran sein… (???)

Manchmal ist bildblog sogar selbstkritisch. Lesen Sie das (Zitat aus bildblog). “Die Lust, mitzuwirken an BILDblog, scheint grenzenlos. Und führt gelegentlich zu beunruhigenden Auswüchsen. Als wir einmal einen Beitrag über Hauke Brost brachten, einen “Bild”-Kolumnisten, der zu seinen Artikeln voller Klischees über Frauen und Ausländer nur stehen kann, indem er sie als Satire verstanden wissen will, war darin auch ein Link zu seiner Homepage enthalten. In kürzester Zeit hatten unsere Leser dem Mann sein Gästebuch, man kann es nicht anders sagen: vollgekotzt. Eine offenbar jahrelang aufgestaute Wut brach sich Bahn. Erschrocken verfolgten wir, wie sich – trotz unserer Bitten um Zurückhaltung – die Schreiber in immer groteskeren und abstoßenderen Beschimpfungen überboten. Ein Mitarbeiter von “Bild” sagte später: Da sehe man mal, wir sollten von unserem hohen moralischen Ross runterkommen. Unter unseren Lesern sei genauso ein “Mob” wie unter denen der Zeitung, für die er arbeitet. Wir hätten ihm den vermeintlichen Beweis für diese Illusion lieber nicht geliefert.” (Zitat Ende.) Dieser Text enthält zwar eine Reihe von Fehlern und hinterläßt eine Reihe von Fragen. Aber trotzdem danke, bildblog, für diese leisen Ansätze von Selbsterkenntnis.

Brost hat obigen Text inzwischen von seiner Homepage entfernt. Kurzzeitig fand sich dort allerdings offenbar folgender Hinweis:

Und wo ist der Link, den Sie eigentlich lesen wollten? Wegen dem Sie auf dieser Site gelandet sind? Ich habe ihn erst einmal gelöscht, da mir die lieben Kollegen während meines Urlaubs eine Mail geschickt haben, in der sie den bisherigen Text in Frage stellen. Das muss man ernst nehmen. Also denke ich erst einmal in Ruhe darüber nach.

Der Hinweis wurde inzwischen ebenfalls gelöscht.

Nö, mit Ausländerfeindlichkeit hat das nix zu tun

Metin Kaplan lebte von 1983 bis 2004 in Deutschland und erhielt von 1992 bis 2000 politisches Asyl. Nachdem Kaplan in Deutschland zur Tötung Ibrahim Sofus aufgerufen hatte und Sofu 1997 ermordet worden war, kam er 1999 in Untersuchungshaft und wurde 2000 wegen öffentlichen Aufrufs zu einer Straftat zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Haftentlassung 2003 wurde die Auslieferung Kaplans an die Türkei (wo er wegen des Versuchs des “gewaltsamen Umsturzes der Verfassungsordnung” angeklagt war) zunächst abgelehnt, weil ihm dort möglicherweise ein nicht rechtsstaatliches Strafverfahren und Folter drohten. 2004 wurde er dann doch ausgewiesen, in der Türkei festgenommen und 2005 wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt.

Es schadet nicht, sich das alles noch einmal in Erinnerung zu rufen, bevor man den heutigen “Bild”-Kommentar von Georg Gafron liest. Und nicht nur das, denn:

1987 erhielt auch Metin Kaplans Familie Asyl in Deutschland, weil sie in die drohende politische Verfolgung ihres Mannes hätte einbezogen werden können. Mit der Abschiebung Kaplans 2004 wurde jedoch Kaplans Ehefrau Belkis und Tochter Halise der Asylanspruch aberkannt, weil beide vor ihrer Ausreise nach Deutschland nicht politisch verfolgt worden seien und ihnen bei einer Rückkehr in die Türkei keine Verfolgung drohe. Die beiden Frauen hatten dagegen geklagt, ihre Klage wurde am gestrigen Freitag vom Kölner Verwaltungsgericht abgewiesen.

Und jetzt zu “Bild”. Denn dort schreib ja Georg Gafron über die gestrige Gerichtsentscheidung, lobt die Kölner Richter für ihr Urteil und hält es für eine konsequente Anwendung des Ausländerrechts. Weiter schreibt er:

Leider ist dies nicht die Regel: Haarsträubende Mißstände in deutschen Behörden machen es nach wie vor möglich, daß sich zum Teil schwerstkriminelle Ausländer trickreich den Schutz des deutschen Ausländer- und Staatsangehörigkeitsrechts erschleichen können.

Die Aberkennung des Asylstatus der Familie Kaplan in Köln zeigt: Es geht auch anders, wenn man nur will.

Es hat mit Ausländerfeindlichkeit nicht das geringste zu tun, wenn man fordert: Wer als Gast hier lebt und gegen die Gesetze verstößt, hat das Gastrecht verwirkt und muß gehen! Und zwar schnell.

Mit anderen Worten: Gafron verschweigt komplett, dass die Aberkennung des Asylstatus von Kaplans Ehefrau und Tochter mit der (behaupteten) trickreichen Schutz-Erschleichung schwerstkrimineller Ausländer nicht das Geringste zu tun hat. Stattdessen erweckt er den gegenteiligen Eindruck. Und obwohl das Gerichtsurteil, auf das sich Gafron bezieht, offenbar nicht einmal bedeutet, dass die beiden Frauen nun ausgewiesen werden können, druckt “Bild” das alles unter der Überschrift:

"Kriminelle Ausländer raus!"

Ein Spruch, mit dem übrigens auch die DVU im letzten Wahlkampf warb, obwohl doch für Gafrons Argumentation eine pauschalere “Ausländer raus!”-Überschrift fast präziser gewesen wäre. Und wer weiß: In “Bild”-Logik hätte wahrscheinlich auch die “mit Ausländerfeindlichkeit nicht das geringste zu tun”.

“Bild” wirkt

“Spiegel Online” berichtet:

Morddrohung gegen SSW-Spitzenkandidatin

(…) Dass Rot-Grün im Norden weiterregieren kann, obwohl die CDU bei der Wahl am 20. Februar die meisten Stimmen bekommen hatte, hat in den vergangenen Tagen zu einem erbitterten politischen Streit in Schleswig-Holstein geführt. Mitglieder der dänischen Minderheitenpartei wurden beschimpft, unmittelbar vor Beginn des Parteitages des SSW gab es sogar eine Morddrohung gegen Spitzenkandidatin Anke Spoorendonk. Die Drohung werde sehr ernst genommen, sagte ein SSW-Mitarbeiter in Flensburg. Das Bundeskriminalamt bestätigte den Vorfall.

Wäre es nicht schön, wenn die größte Boulevardzeitung des Landes angesichts dieser Entwicklung von sich sagen könnte, sie habe unabhängig, zurückhaltend und sachlich korrekt berichtet, keine Ressentiments gegen Ausländer und Minderheiten geschürt und nicht Überschriften verfasst wie “Warum dürfen diese zwei Dänen die deutsche Politik bestimmen”?

Ausgewogenes Programm?, Visa weg, Journalismus ohne Chefetage

1. Gerichte müssen prüfen, ob das Pro­gramm aus­ge­wogen ist
(lto.de, Annelie Kaufmann)
In einer “überraschenden Entscheidung” habe das Bundesverwaltungsgericht geurteilt, dass der Rundfunkbeitrag verfassungswidrig sein kann, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk kein ausreichend ausgewogenes und vielfältiges Programm bietet. Nun müsse der Bayerische Verwaltungsgerichtshof klären, ob es “hinreichende Anhaltspunkte für evidente und regelmäßige Defizite” im Programm der Öffentlich-Rechtlichen gibt. Das Gericht halte es nach dem bisherigen Vorbringen der Klägerin allerdings für “überaus zweifelhaft”, dass diese Erfolg haben wird. Annelie Kaufmann erläutert bei “Legal Tribune Online” (“LTO”) den Fall und die juristischen Hintergründe.
Weiterer Lesetipp: “LTO”-Chefredakteur Felix W. Zimmermann sieht in dem Urteil “ein Geschenk für den öff­ent­lich-recht­li­chen Rund­funk”. (lto.de)

2. USA streichen Visa wegen Kirk-Kommentaren – auch einem Deutschen
(spiegel.de)
Die US-Regierung habe sechs Ausländern, darunter einer Person aus Deutschland (Anmerkung des “6-vor-9”-Kurators: offenbar der Filmemacher und Autor Mario Sixtus), die Visa entzogen, weil sie in Sozialen Medien den Tod von Charlie Kirk kommentiert hatten, der vor einem Monat bei einer Campus-Veranstaltung erschossen wurde. Im Fall des Deutschen lautete der Kommentar: “Wenn Faschisten sterben, jammern Demokraten nicht.” Das US-Außenministerium habe die Maßnahme damit begründet, dass das Land nicht verpflichtet sei, Ausländer aufzunehmen, die US-Amerikanern den Tod wünschen, und gewarnt, gegen alle vorzugehen, die Charlie Kirks Tod “loben, rationalisieren oder verharmlosen”.

3. Krautreporter: Journalismus ohne Chefetage
(dfjv.de, Ulrike Bremm)
Ulrike Bremm hat sich mit Theresa Bäuerlein über die “Krautreporter” und deren von anderen Redaktionen abweichende interne Struktur unterhalten. Die beiden sprechen darüber, wie “Krautreporter” seit 2023 ohne Chefredaktion funktioniert, und wie Führungsaufgaben auf das Team verteilt sind. Bäuerlein erzählt von den Vorteilen wie geteilter Verantwortung und davon, dass jeder seine Stärken einbringen könne. Sie spricht aber auch von Herausforderungen wie einem erhöhten Mental Load durch die vielen verschiedenen Rollen.

Bildblog unterstuetzen

4. Stephan Schmitter: “Kooperation ist ein Must-have”
(medientage.de, Petra Schwegler)
Stephan Schmitter, seit Januar 2024 CEO von RTL Deutschland, spricht im Interview mit Petra Schwegler über die Zukunft der Medienbranche, die sich laut Schmitter in einem “Dreikampf zwischen Content, Tech und Engagement” befinde, sowie über RTLs Strategie mit breiten Erlösmodellen, Partnerschaften und massiven Investitionen ins Streaming. Ein zentrales Thema ist außerdem die geplante Übernahme von Sky Deutschland.

5. Neue ChatGPT-App holt tote Promis zurück – zum Entsetzen ihrer Familien
(stern.de, Malte Mansholt)
Die neue Video-KI-App Sora von OpenAI ermögliche es Nutzern, mit wenigen Worten KI-Videos zu erstellen. Dazu zähle auch das Darstellen verstorbener Prominenter, was zu einer Flut von manipulierten Videos mit Personen wie Robin Williams oder Martin Luther King geführt habe. Die Angehörigen seien entsetzt, da die Verstorbenen in den Videos wie “digitale Handpuppen” dargestellt würden, die oft rassistische, provokante oder völlig untypische Dinge sagen. OpenAI habe zwar signalisiert, dass Angehörige “kürzlich Verstorbener” künftig eine Sperrung beantragen können, das Unternehmen wolle aber nicht vollständig auf die Funktion verzichten.
Weiterer Lesetipp: Kulturausschuss wünscht sich Label für KI-Nutzung bei Büchern: Der Vorsitzende des Kultur- und Medienausschusses im Bundestag, Sven Lehmann (Grüne), schlage ein Transparenzlabel für Bücher vor, das offenlegen soll, ob und in welchem Umfang Künstliche Intelligenz bei der Entstehung genutzt wurde. Hintergrund sei, dass ganze Berufszweige wie Übersetzung, Lektorat oder Covergestaltung durch die rasante KI-Entwicklung wegfallen könnten, und die Buchbranche massiv unter Druck stehe. (zeit.de)

6. Fast eine Tonne taz
(taz.de, Bernd Müllender)
Ein “taz”-Leser aus Marburg habe dem Internationalen Zeitungsmuseum in Aachen seine komplette “taz”-Sammlung geschenkt. Von der ersten Nullnummer 1978 bis heute seien dies insgesamt 13.133 Exemplare, die zusammen fast eine Tonne wiegen und 60 Regalmeter füllen. Das Museum sammele seit 1962 historische Zeitungen aus aller Welt und bewahre auch besondere Ausgaben wie die erste deutsche Nachkriegszeitung oder Blätter aus Nordkorea.

An der Skala geschraubt, Geschäft mit Amoklauf, “Compact”-Prozesstag

1. Alte Facebook-Linke statt junger TikTok-Nazis
(netzpolitik.org, Markus Reuter & Tomas Rudl & Martin Schwarzbeck)
“Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat getrickst: Bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts für 2024 zeigte er zwei ausgedruckte Infografiken zur Personalstärke der links- und rechtsextremen Bewegungen. Die Balken bei den Linksextremist*innen sind deutlich höher. Doch schaut man genauer hin, wird klar: Da hat jemand an der Skala herumgeschraubt.” Die Autoren Markus Reuter, Tomas Rudl und Martin Schwarzbeck kritisieren bei netzpolitik.org, dass der kürzlich vorgestellte Verfassungsschutzbericht die rechte Szene im Internet nur oberflächlich analysiere, während linksextreme Onlineaktivitäten umfassend dargestellt würden: “Vergeblich sucht man im Verfassungsschutzbericht detailliertere Informationen zu rechten Strategien im Netz, wie sie von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Cemas ausführlich beschrieben und untersucht wurden. Kaum ein Wort zu rechten Influencern und alternativen Medienstrategien, zu Fake-Accounts auf TikTok, zur Stärke der AfD auf dieser chinesischen Plattform oder rechtsradikalen Strategien in sozialen Medien. Hinweise auf rechte Podcasts und Youtuber, die junge Menschen radikalisieren können, finden sich bestenfalls in Zitatform, etwa mit Verweisen auf den YouTube-Kanal ‘Junge Freiheit’ oder ‘AfD TV’.”

2. AUF1.TV: Das Geschäft mit dem Amoklauf
(dietagespresse.com)
Die österreichische Plattform “AUF1” habe den Amoklauf in Graz auf reißerische Weise genutzt, “um Klicks und Spenden mit dem Leid von Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und den Angehörigen zu generieren.” Dabei seien schockierende Videos von Betroffenen sowie Szenen des Polizeieinsatzes und der Opfer veröffentlicht worden. Die “Tagespresse” habe daher eine Prüfung der “AUF1”-Berichterstattung durch die österreichische Medienaufsichtsbehörde RTR angeregt, um mögliche Verstöße gegen das Gesetz sanktionieren zu lassen.

3. “Unsere guten alten Gast­ar­beiter”
(lto.de, Christian Rath)
Bei “Legal Tribune Online” berichtet Christian Rath über den zweiten Tag im “Compact”-Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht. Demnach hätten Vertreter des rechtsextremen Magazins versucht zu zeigen, dass es nicht grundsätzlich ausländerfeindlich sei. Von zentraler Bedeutung für die Gerichtsentscheidung könnte die Zusammenarbeit von “Compact” mit dem als verfassungsfeindlich geltenden Aktivisten Martin Sellner sein, von dem sich “Compact”-Chefredakteur Jürgen Elsässer vor Gericht zumindest etwas und dessen Ehefrau Stefanie Elsässer deutlich distanziert habe. Ein Urteil werde für den 24. Juni erwartet, wobei “Compact” im Falle einer Niederlage weitere Rechtsmittel angekündigt habe.

Bildblog unterstuetzen

4. Propaganda für Mutterschaft: Russlands Verbot kinderloser Menschen als Instrument der kulturellen Kontrolle
(de.ejo-online.eu, Lucie Rektorová)
Russland habe im Oktober 2024 ein Gesetz verabschiedet, das die öffentliche Verbreitung von Informationen, etwa in klassischen oder Sozialen Medien, unter Strafe stelle, die “einen kinderlosen Lebensstil bewusst und positiv als gültige Wahl darstellen”. Dies sei nicht nur aus demografischen Gründen geschehen, sondern vor allem zur ideologischen Kontrolle und zur Förderung “traditioneller Werte”. Kritiker würden warnen, dass dieses bewusst vage formulierte Gesetz Zensur ermögliche und Teil einer autoritären Politik sei.

5. Wie ähnlich ist presseähnlich?
(verdi.de, Volker Nünning)
Wie Volker Nünning im Verdi-Medienmagazin “M” berichtet, habe MDR-Intendant Ralf Ludwig davor gewarnt, dass die geplante Verschärfung des Verbots presseähnlicher Onlineangebote die öffentlich-rechtlichen Sender erheblich einschränken könnte. Künftig könnten Texte in Onlineangeboten der Öffentlich-Rechtlichen nur noch erscheinen, wenn sie zuvor in Rundfunksendungen behandelt worden seien, wobei eine Ausnahmeregelung etwa für Breaking-News-Situationen vorgesehen sei.

6. Wegen KI-Bildern: Disney & NBCUniversal verklagen Midjourney
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Disney und NBCUniversal hätten Midjourney verklagt, weil der KI-Bildgenerator urheberrechtlich geschützte Figuren nutze, so der Vorwurf. Die Klage sei der bisher größte juristische Schritt gegen KI-Software durch Hollywood-Studios und kritisiere Midjourney als Plagiatsplattform. Die Studios würden Schadensersatz fordern und versuchen zu verhindern, dass Midjourney einen Videodienst ohne ausreichenden Urheberschutz startet.

Blättern:  1 ... 7 8 9 ... 22