Suchergebnisse für ‘Presserat Bild’

Kaufjournalismus, Kinoflops, Kifferbombe

1. „Grundsätzlich geht alles“
(taz.de/Morgane Llanque)
“Vice” bietet sein Online-Frauenmagazin “Broadly” nun auch in Deutschland an. International will man sein und in Vice-typischer „junger“ Tonart über Tabuthemen wie Abtreibung und Menstruation schreiben. Morgane Llanque ordnet den Start des in den USA von erstaunlich vielen Männern gelesenen Angebots ein und kommt zum Schluss: “Wenn Broadly es schafft, auch in Deutschland mehr Männer für feministische Themen zu interessieren, wäre allein diese Tatsache ein Gewinn.”

2. Das eigentliche Problem mit dem Pressekodex
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Die „Tagesschau“ verbreitet Irreführendes von „Bild“-Chefin Tanit Koch, mancher Journalist ist offensichtlich überfordert, und die „Rhein-Zeitung“ ärgert sich in Wahrheit über die Polizei, so Ulrike Simon in ihrem Beitrag über die Entscheidung des Presserats in Sachen Herkunftsnennung. Am Ende kommt die Autorin zur ernüchternden Feststellung: “Die ganzen Debatten um Ziffer 12.1 hätte man sich sparen können. Sie haben das tatsächliche Problem weder erkannt noch gelöst.”

3. Ehemaliger NDR-Redakteur erhält Bewährungsstrafe
(dwdl.de, Andre Gärisch)
Ein EX-NDR-Journalist ist vom Landgericht Kiel wegen Bestechlichkeit in 77 Fällen zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er soll Verbänden und Firmen vorgetäuscht haben, er könne ihre Interessen in Sendungen wie dem “Schleswig-Holstein-Magazin” geltend machen und Sendezeiten beschaffen. Das aufsummierte Schmiergeld soll sich auf 366.000 Euro belaufen.

4. Was macht einen Film zu einem Flop?
(netzpiloten.de, Suman Ghosh)
Die amerikanische Filmdozentin Suman Gosh plaudert über Kino-Flops und warum sie zu solchen geworden sind. Mit diversen Trailern angereicherter Streifzug durch diverse cineastische Investoren- und Produzenten-Alpträume. Von 1924 (“The Thief of Bagdad”) bis in die Neuzeit (“Lincoln” aus dem Jahr 2012).

5. In eigener Sache: SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent muss Türkei verlassen
(spiegel.de)
Der “Spiegel” mit einer Meldung in eigener Sache. Seit Jahren hätte Hasnain Kazim als Korrespondent für “Spiegel” und “Spiegel Online” aus Istanbul berichtet. Weil er von den türkischen Behörden keine Verlängerung seiner Presse-Akkreditierung bekommen hätte, müsse er das Land nun verlassen. Chefredakteur Florian Harms: “Das Verhalten der türkischen Behörden lässt für uns keinen anderen Schluss zu, als dass unser Korrespondent aufgrund seiner journalistischen Berichterstattung vor Ort nicht mehr erwünscht ist.”

6. Kiffer legt keine Rohrbombe vor Flüchtlingsheim
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Anfang der Woche kursierte die Meldung, in Eisenach sei eine “Rohrbombe” vor einem Flüchtlingsheim explodiert. Nun stellt sich heraus: Die vermeintliche Bombe war eine Wasserpfeife mit Cannabis-Resten – und nicht explosiv. Übermedien rekonstruiert, wie es zu der Falschmeldung kommen konnte.

“Der allergrößte Teil der Medien hat sich sehr gut verhalten”

Vor knapp einem Jahr, nachdem die Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 in den Alpen abgestürzt war, machten sich Scharen von Journalisten auf den Weg nach Haltern am See, einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Denn an Bord des Flugzeugs waren auch 16 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrerinnen des Gymnasiums in Haltern. Wir haben mit Georg Bockey, dem Pressesprecher der Stadt, darüber gesprochen, wie er die Situation und das Verhalten der Journalisten damals erlebt hat.

BILDblog: Herr Bockey, was waren die letzten Medienanfragen, die Sie beantwortet haben?
Georg Bockey: Da ging es um Gelbe Säcke für Verpackungsmüll. Was sind die Vor- und Nachteile davon – im Vergleich zur Gelben Tonne? Jeder Haushalt in Haltern kriegt pro Jahr nur begrenzt Rollen, ohne dass wir als Stadt das beeinflussen können. Manchmal gibt es dann Probleme mit der Verteilung. Dazu hat mir die “Halterner Zeitung” ein paar Fragen gestellt. Und dann geht bald der Schulleiter einer unserer Grundschulen in den Ruhestand. Da stellen sich auch Fragen: Wer wird Nachfolger? Bleibt die Schule erhalten? Oder gibt es dann ein Verbundsystem mit einer anderen? Das Spektrum ist breit.

Ein ziemlich drastischer Gegensatz zu dem, was vor etwa einem Jahr über die Pressestelle hereinbrach.
Ja. Da gab es eine Flut von Anfragen, wie wir sie vorher in Haltern noch nicht erlebt haben. Haltern ist mit seinen 38.000 Einwohnern ja eher ein kleines Nest. Und plötzlich standen da 50 Übertragungswagen in der Stadt. Alles entwickelte sich mit rasender Geschwindigkeit.

Was für Anfragen gab es dann?
In erster Linie ging es darum, O-Töne vom Bürgermeister einzufangen. Wir haben in den ersten Tagen streng darauf geachtet, dass dies einerseits ermöglicht werden sollte. Andererseits musste alles in den zeitlich sehr begrenzten Rahmen passen. In diesen Tagen gab es nur dieses Thema bei uns. Alles andere wurde für fast zwei Wochen komplett in den Hintergrund gerückt. Und wenn doch einmal eine Anfrage zu einem ganz anderen Thema kam, habe ich um Verständnis gebeten, dass eine Antwort derzeit nicht möglich ist. Das wurde auch akzeptiert.

Erinnern Sie sich noch, wie alles angefangen hat?
Der Tag des Unglücks war ein Dienstag. Die erste Nachrichten kamen so am späten Vormittag rein. Ich bin dann sofort mit dem Bürgermeister zum Gymnasium. Dort haben wir die ersten Gespräche mit dem Kollegium und dem Schulleiter geführt. Da war auch schon jemand von der Schulbehörde da. Dann kamen bald die ersten Medienvertreter an. Und es wurden immer mehr: aus Deutschland, Europa, der ganzen Welt.

Haben Sie die ganze Pressearbeit alleine gestemmt?
Nein, das wäre nicht möglich gewesen. Es gab so viele Orte, wo wir sein mussten: an der Schule, im Rathaus, im Krisenstab in der Feuerwache. Zum Glück gab es ganz schnell und unbürokratisch Hilfe für uns: Zwei Pressesprecher kamen dazu, einer von einer Nachbarstadt, einer von der Kreisverwaltung. Die wurden spontan abgestellt. Die Kreispolizei hat auch eine Menge Beamten geschickt, dazu zwei Pressesprecherinnen. Die haben sofort vor Ort Kontakt zu den Journalisten aufgenommen und darauf geachtet, dass etwa niemand die Absperrlinien zur Schule überschreitet. Das hat sehr geholfen. Wenn Leute in Uniform das sagen, hat das natürlich einen hohen Stellenwert.


(Foto: meistergedanke.de)

Stichwort Absperrlinien – aus Haltern gab es immer wieder auch Meldungen von Journalisten, die durch Vorgärten schleichen, die direkt auf Betroffene zugingen oder die Schülern Geld angeboten haben für interne Videoaufnahmen. Wie haben Sie das erlebt?
Der allerallergrößte Teil der Medienvertreter hat sich nach meiner Wahrnehmung sehr gut verhalten. Ich muss den meisten Kollegen hoch anrechnen, dass sie mit der nötigen Seriosität und Sensibilität berichtet haben. Das darf man ruhig als deutliches Lob verstehen. Es gibt natürlich negative Ausreißer. Wenn wir gesehen haben, dass Kindern Geld für Fotos oder Videos geboten wurde, sind wir eingeschritten. Mir fällt aber gerade nur ein Fall ein. Der Kollege, der das gemacht hat, ist dann auch nicht wieder aufgetaucht.

Zu der Berichterstattung über den Absturz gingen so viele Beschwerden beim Presserat ein wie noch nie zuvor.
Das mag sein, aber das betrifft uns in Haltern nicht so sehr. Das bezog sich überwiegend auf die Berichterstattung über den Absturz selbst und über den Co-Piloten. Da ist viel Unsinn verbreitet worden: über den Menschen, über Krankheiten, über seine Beziehung. Echte Fehler räumt dann auch selten jemand ein. Aber man muss das relativieren: Der allergrößte Teil der Beschwerden blieb auch ohne Rüge.

Was lief vor Ort konkret gut?
Die Abstände wurden respektiert. Überhaupt gab es sehr wenige Versuche, konkret auf betroffene Familien zuzugehen. Wir fanden das sehr positiv. Ein Novum war für mich, zu sehen, wie betroffen auch die Journalisten waren. Bei den ersten Pressekonferenzen haben viele geweint – sowohl die, die sich geäußert haben, als auch die Journalisten. Das habe ich in der Form noch nicht erlebt.

Wie haben die Menschen in Haltern auf die Journalisten reagiert?
Ich glaube, viele Haltener haben das als bedrohlich empfunden. Selbst wenn sich alle Presseleute vorbildlich verhalten: Allein durch die bloße Präsenz von so vielen Ü-Wagen, Kamerateams, Menschen mit Mikrofonen und so weiter entsteht schon eine bedrohliche Atmosphäre für einen Kleinstädter, der das nicht gewohnt ist. In den Tagen nach dem Unglück war die Innenstadt oft menschenleer. Da hat niemand Lust gehabt, shoppen zu gehen. Die paar Leute, die da waren, wurden von Journalisten angesprochen. Das ist ja auch verständlich. Aber wenn jemand nicht reden wollte, wurde er auch in Ruhe gelassen.

Wann verschwand das letzte Kamerateam aus Haltern?
Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Nach dem Absturz am Dienstag war es am Donnerstag, mit einem Wort, abartig, was die Zahl der Anfragen anging. An dem Tag ging blitzschnell die Nachricht um, dass der Co-Pilot den Absturz offenbar bewusst herbeigeführt hat. Viele sind dann in den Ort gefahren, aus dem der Pilot stammte. Am Freitag gab es dann einen Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten und der Ministerpräsidentin von NRW. Da waren noch einige da.

Wie sah in der hektischen Phase Ihre Strategie für die Pressearbeit aus?
Uns war wichtig, den Druck zumindest etwas abzufedern. Wir haben früh entschieden, alle Pressekonferenzen und -gespräche nicht an der Schule abzuhalten, sondern im Rathaus. Das ist nur 400 Meter entfernt, aber das war trotzdem wichtig, um die Schüler zu schützen. Der Ratssaal war dann am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag komplett voll mit Medienvertretern und Kamerateams.

Wie haben Sie noch versucht, den Druck herauszunehmen?
Indem wir die Journalisten bei ihrer Arbeit unterstützt haben. Wir haben oft Gespräche angeboten. Schlicht, damit die nicht selbst jeden Stein umdrehen wollen. Ich verstehe auch, dass die Medien berichten wollen. Als die Toten nach Haltern überführt wurden, waren die Straßen voller Menschen. Die haben sich an den Händen gehalten, es war mucksmäuschenstill. Das waren natürlich Bilder, die für Journalisten interessant sind. Die Polizei hat die Medien vorher kontaktiert und empfohlen: Hier auf dieser Brücke kann gefilmt werden, in der Stadt auch, aber dann am Bestattungsinstitut nicht mehr, da endet die Öffentlichkeit.

Hat das funktioniert?
Meiner Meinung nach ja. Kein Journalist hat versucht, zum Bestattungsinstitut zu gehen. Das ist gut gelaufen. Generell muss man sagen: Alles ging so schnell, jeden Tag kamen neue Details ans Licht. Das kann man nie alles beeinflussen. Wir haben versucht, uns anzupassen. Einmal hatten wir ein Pressegespräch mit Seelsorgern und Polizisten anberaumt. Und eine Stunde vorher kam raus, dass der Co-Pilot die Maschine wohl absichtlich zum Absturz gebracht hat. Da war klar, dass sich darauf die ganze Aufmerksamkeit konzentrieren würde. Wir mussten umdisponieren. Also kamen Bürgermeister und Schulleiter mit. Im ersten Teil haben wir dann über die neue Situation gesprochen, danach haben wir weitergemacht mit dem ursprünglichen Thema.

Sie haben selbst mehr als 25 Jahre als Journalist gearbeitet und sind erst seit einigen Jahren Pressesprecher. Ist die Situation für Journalisten heute schwieriger?
Ich glaube, dass der Druck heute viel größer ist. Ich kannte das so überhaupt nicht und ich möchte das auch nicht erleben. Jetzt brauchen wir hier noch einen O-Ton, da noch eine Aufnahme – und dabei stellen doch alle die gleichen Fragen. Man kann das Rad nicht ständig neu erfinden. Das müssen die Chefs in den Redaktionen akzeptieren. Wenn Journalisten immer Neues liefern müssen, dann fangen sie an, unüberlegt zu agieren, ohne genügend im Thema zu sein und die Verhältnisse vor Ort gut genug zu kennen.

Wie meinen Sie das?
Wenn Journalisten meinen, sie müssten immer neue Konflikte ausfindig machen. Oder Fragen stellen wie: “Wie ist das Leben an der Schule erlahmt?” Mit Verlaub, das ist idiotisch. Natürlich hinterlässt so ein Unglück Spuren. Wir sind eine kleine Stadt. Über drei Ecken kennt jeder jemanden, der jemanden kennt… Und natürlich war für eine Weile kein Unterricht möglich. Und natürlich gedenken die Schüler und Lehrer der Opfer. 18 Fotografien hängen in der Schule, es gibt zwei Gedenkstätten in Haltern.

Aber?
Nach dem Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten sind der Schulleiter und die Lehrer zurück in die Schule gegangen, um das Abitur vorzubereiten. Und im Sommer kamen dann neue Fünftklässler an das Gymnasium. Der Schulleiter sagte zurecht, auch die haben einen Anspruch auf eine normale, auf eine schöne Schulzeit. Wir werden die Opfer nie vergessen, und auch nicht, wie sehr die Angehörigen leiden müssen. Aber das Leid ist so schon groß genug. Man muss der Schule nicht noch zusätzlich Probleme aufschwatzen.

Bald jährt sich das Unglück zum ersten Mal. Dann werden einige Kamerateams voraussichtlich zurückkommen. Was würden Sie sich von den Journalisten wünschen?
Dass sie das entsprechend einschätzen und keine Riesenveranstaltung daraus machen. Am 24. März gibt es eine Gedenkminute und dann einen ökumenischen Gottesdienst. Da kann man auch gar nicht viel berichten. In der Kirche werden keine Kameras und Aufnahmegeräte erlaubt sein. Darüber möchte ich dann auch gar nicht diskutieren, das ist einfach selbstverständlich. Wenn Journalisten die ruhige Atmosphäre einer Kirche respektieren, wenn sie sich einfach an die Regeln halten, dann erleichtert das unsere Arbeit ungemein. Auch deshalb, weil die Trauernden diese Ruhe dringend benötigen.

Der ehrenhafte Julian Reichelt und die grausamen Fotos aus Syrien

Sehr geehrter Herr Andreas Fischer,

es bereitet mir körperliche Schmerzen, in der Anrede diese Höflichkeitsformel zu verwenden, weil ich nach Ihrer Entscheidung an Ihnen, Ihrer Institution, Ihrem Weltbild und Ihrem Verständnis von der Pressefreiheit nichts Ehrenhaftes finden kann.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese Zeilen von Julian Reichelt stammen, dem Online-Chef der „Bild“-Zeitung.

Reichelt empört sich mit diesem Schreiben über eine Entscheidung der Kommission für Jugendmedienschutz. Die hatte auf Bild.de einen „Verstoß gegen die Menschenwürde“ festgestellt:

Bei dem geprüften Angebot handelt es sich um einen Bericht über den Syrienkrieg, der die Folgen von Bombenangriffen des syrischen Präsidenten Assad auf die Zivilbevölkerung thematisiert. Zur Illustration der Lage in Syrien werden verschiedene Fotografien von schwer verletzten oder toten Babys und Kindern gezeigt. Die Gesichter der Kinder sind dabei unverfremdet in Nahaufnahme zu sehen, sodass die Opfer identifizierbar sind. Zudem wird der Effekt durch die Möglichkeit zur großformatigen Darstellung durch Anklicken verstärkt.

Nach Ansicht der KJM verstoßen zwei der Darstellungen gegen die Bestimmungen zur Menschenwürde, da die Opfer auf diesen Bildern deutlich zu erkennen sind. Das Leiden und Sterben der Kinder wird zur Schau gestellt und sie werden dadurch zu Objekten der Schaulust degradiert. Auch wenn es sich um ein tatsächliches Geschehen handelt, besteht nach Meinung des Gremiums kein berechtigtes Interesse an dieser Art der Darstellung, da eine Verpixelung der Bilder die Aussagekraft des Artikels nicht geschmälert hätte.

Verstöße gegen die Bestimmung zur Menschenwürde liegen insbesondere dann vor, wenn Menschen leidend oder sterbend dargestellt und dabei zum Objekt herabgewürdigt werden. Darüber hinaus muss die Darstellung ein tatsächliches Geschehen wiedergeben, ohne dass ein berechtigtes Interesse gerade für diese Form der Darstellung oder Berichterstattung vorliegt. Reine Geschmacksfragen spielen bei Prüfungen der KJM keine Rolle.

Ich bin bei solchen grausamen Fotos aus Krisengebieten oft unentschlossen: Muss das ein? Darf man das zeigen? Muss man das zeigen?

Einerseits: Die Gefahr, dass Menschen zu bloßen Objekten werden, zum grausigen Clickbait für die Katastrophenvoyeuristen, ist sehr groß. Andererseits sind solche Fotos wichtig und notwendig, um Dinge in Bewegung zu setzen, um ein realistisches Bild der Welt zu vermitteln und um sie für die Leser greifbar zu machen.

Das Foto aus dem “Bataclan” nach den Anschlägen von Paris war so ein Fall. Viele Leser haben uns damals empörte Mails geschrieben, weil darauf die blutverschmierten Leichen in dem Konzertsaal zu sehen sind. Ich kann die Aufregung verstehen. Ich kann aber auch die Leute verstehen, die dieses Foto brauchten, um sich ein Bild von dieser schlimmen Tat zu machen, um zu begreifen, was dort passiert ist, und vielleicht auch um zu erkennen, dass sie das selbst hätten sein können.

Ob man das Foto riesengroß auf der Startseite zeigen muss, ist freilich eine andere Frage.

Die KJM hat die Veröffentlichung des “Bataclan”-Fotos auf Bild.de übrigens nicht beanstandet. Das Portal verstoße damit nicht gegen die Menschenwürde, weil:

Zum einen bietet das in das Angebot eingebundene Foto einen Überblick über einen großen Ausschnitt des gesamten Tatorts. Die Leichen nehmen dabei nur einen geringen Teil an der Gesamtfläche der Abbildung ein. Gesichter sind nicht zu erkennen und es werden keine Verletzungen in den Fokus der Abbildung gerückt. Somit wurde die Subjektqualität der abgebildeten Menschen nicht missachtet. Zum anderen umfasst die Pressefreiheit die freie Wahl der Art und Weise, in der über ein Ereignis berichtet wird. Der Artikel behandelt ein Ereignis des aktuellen Tagesgeschehens von größtem öffentlichem Interesse und das Foto soll die Dramatik der Ereignisse sowie ihre schrecklichen Folgen veranschaulichen. Es kann zudem angenommen werden, dass Bilddokumente die Authentizität der Berichterstattung erhöhen. Somit lag ein berechtigtes Interesse für die Form der Darstellung und Berichterstattung vor.

Ähnlich sieht es auch der Deutsche Presserat.

So kann man sicher auch in diesem Fall, bei den grausamen Fotos aus Syrien, über die Entscheidung der KJM diskutieren.

Aber Diskussionen mit Julian Reichelt sind so eine Sache. Wer anderer Meinung ist, ist sofort sein Feind, und Reichelt wird jedes „Nein“ mit einem doppelt so lauten „Doch“ übertönen, koste es, was es wolle, und wenn es das Letzte ist, was …

Um es gleich zu sagen: Die Entscheidung, die Sie getroffen haben, ist schrecklich und falsch. Wir werden sie nicht akzeptieren, sie nicht hinnehmen und mit allen Mitteln – juristisch, journalistisch, politisch – dagegen vorgehen, bis Sie sich korrigieren oder korrigiert werden und anerkennen, dass Sie bei der Wahrnehmung des Ihnen erteilten Auftrags schlicht versagt haben.

Und so lärmt Reichelt in denkbar größtmöglichen Kategorien gegen die KJM-Entscheidung.

Sie erheben gegen uns einen der in unserem Rechtssystem denkbar schwerstwiegenden Vorwürfe, nämlich dass wir mit unserer Berichterstattung gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes, gegen die Menschenwürde verstoßen, weil wir das unermessliche Leid in Syrien so drastisch darstellen wie es eben stattfindet, die dort begangenen Menschheitsverbrechen so schonungslos dokumentieren wie es unsere Pflicht ist – und nicht müde werden, dies zu tun und unsere Berichterstattung auch immer wieder in den eindeutig gegebenen politisch Zusammenhang stellen.

Dazu zwei Anmerkungen, eine grundsätzliche und eine persönliche.

Denn das ist es immer für Reichelt: grundsätzlich und persönlich. Er fühlt sich persönlich attackiert, wenn man „Bild“ kritisiert. Darum schlägt er auch persönlich zurück.

Erstens, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ausgerechnet eine deutsche Institution im Angesicht von Menschheitsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine solche Entscheidung trifft und Berichterstattung über Tyrannei in irgendeiner Form zu beschneiden und einzuschränken versucht. Ihre Entscheidung und deren infame Begründung ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die aus der deutschen Geschichte gelernt und aus ihr heraus unser Grundgesetz geschaffen haben. Und es ist nicht weniger als ein Angriff auf einen anderen Artikel unseres Grundgesetzes, nämlich auf die Pressefreiheit.

Zweitens, ich habe als Reporter über zehn Jahre hinweg aus Syrien über den Krieg berichtet. Viele Szenen, wie unsere Fotos sie zeigen, habe ich selbst erlebt und fotografisch dokumentiert. Da Ihnen offenbar jedes Maß und jegliches Urteilsvermögen fehlen, da Sie – seien Sie dankbar dafür – vergleichbare Situationen offenbar nie erleben mussten, lassen Sie mich Ihnen sagen: Nicht das Foto ist die Verletzung der Menschenwürde, sondern die Fassbombe, der Giftgasangriff, das Schrapnell, das ein Kind von innen zerfetzt. Niemals werden wir uns vorschreiben lassen, wie wir solch abscheuliche Taten, diesen Zivilisationsbruch zu dokumentieren haben. Dass wir uns von Menschen „kontrollieren“ lassen müssen, die sich – aus welchen Motiven auch immer – zu solch schrecklichen Entscheidungen verleiten lassen, ist ein Hohn.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Schaum dabei auf die Tastatur getropft sein muss, und das ist noch lange nicht das Ende (den Rest ersparen wir Ihnen – hier können Sie es nachlesen, wenn Ihnen danach ist).

Wenn Reichelt so herumtost, klingt es nicht, als hätte die KJM zwei Leichenfotos kritisiert, sondern als wollte sie der „Bild“-Zeitung grundsätzlich verbieten, das Grauen in Syrien zu dokumentieren. Anders gesagt:

Julian Reichelt ist unfähig, Kritik von Zensurversuchen zu unterscheiden. Wer bemängelt, dass „Bild“ die Hinrichtungsfotos des „IS“ verbreitet, ist ein Freund der Terroristen und will, dass gar nicht mehr über die Gräueltaten des „IS“ berichtet wird. Wer findet, dass man auch einen “Pegida”-Anhänger nicht heimlich in seiner Wohnungstür fotografieren darf, kämpft “für die Interessen von Pegida”. Wer “Bild” für die Berichterstattung über Flüchtlinge kritisiert, will “Bild” verboten sehen. Jede Forderung nach Zurückhaltung ist für Reichelt gleich ein antidemokratischer Akt, ein nicht hinzunehmender „Anschlag auf die Pressefreiheit“.

Auch nach diesem Eintrag wird Reichelt wahrscheinlich davon ausgehen (oder es zumindest so darstellen), als hätten wir vom zensorischen BILDblog es am liebsten, wenn “Bild” gar keine Fotos mehr aus Syrien zeigen würde. Aber noch mal: Es geht uns nicht um die Frage, ob man grausame Fotos grundsätzlich zeigen darf oder nicht, sondern darum, dass in jedem Einzelfall sorgfältig entschieden werden muss. Und es geht uns darum, auf welche Art und Weise Julian Reichelt auf die Entscheidung des KJM reagiert und wie er und sein Portal diese Entscheidung jetzt darstellen.

Gestern Abend erklärten sie:

Als hätte ihnen das jemand verboten.

“Bild”-Kommentator Ernst Elitz* fragt:

Was für eine Sicht auf die Welt haben diese Jugendschützer? Soll die Grausamkeit von Diktatoren nur noch vertuscht oder verpixelt an die Öffentlichkeit kommen? (…) Wer die Würde des Menschen schützen will, muss in solchen historischen Momenten auch seine Entwürdigung zeigen. Nicht um die Opfer „zur Schau zu stellen“, sondern um Abscheu vor den Tätern zu wecken.

Das ist unser journalistischer Auftrag. Im Interesse der Menschenwürde.

Als würde die Jugendmedienschützer das total anders sehen. Dabei sind die KJM, Julian Reichelt, Ernst Elitz und der Rest der “Bild”-Bande im Grunde alle einer Meinung. Natürlich dürften Medien Berichte über Kriege mit drastischen Fotos bebildern, sagte uns Andreas Fischer von der KJM auf Nachfrage. Aber da gebe es eben Grenzen, und diese Grenzen habe Bild.de hier mit zwei Fotos überschritten.

Insgesamt zeigt Bild.de in dem fraglichen Artikel 15 Fotos von verletzten oder toten Menschen, die meisten davon Kinder. Ganze Hallen voller Leichen. Überall Trümmer, Verletzte und Blut. Nur zwei der Fotos hat die KJM beanstandet, unter anderem die Nahaufnahme eines toten Babys.

Die KJM will nicht alle Kriegsfotos verbieten. Sie will, dass Opfer nicht ein zweites Mal zu Opfern werden und Journalisten bei jedem einzelnen Foto abwägen.

“Bild” aber will nicht abwägen, sondern zeigenzeigenzeigen.

Begründeter Sachbezug, TV-Debatten, Streaming-Pauperismus

1. Kein Freibrief für Gedankenlosigkeit
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm von der “taz” berichtet über die Entscheidung des Presserats, die Nationalität oder Religion von Straftätern weiterhin nur dann zu nennen, wenn ein „begründeter Sachbezug“ bestehe. Anders als “Bild”-Chefredakteurin Tanit Koch begrüßt Fromm die Entscheidung: “Jede Redaktion, auch der Boulevard, trägt eine publizistische Verantwortung – gerade in einer Zeit, in der Asylbewerberunterkünfte brennen. Diese zu erfüllen gehört zum journalistischen Handwerk. Das unterscheidet sie schließlich von Twitter und Facebook.”

2. Streaming: Warum kommt so wenig bei Musikern an?
(telemedicus.info, Fabian Rack)
Kann im Digitalzeitalter wirklich kaum jemand mehr von einem Musikalbum leben? Und zementieren Spotify und Apple Music diesen Zustand? Keine harten Zahlen, kaum Transparenz, viele Akteure im Spiel: Die Situation ist nicht einfach. Dennoch hat das juristische Internetprojekt “Telemedicus” einige Informationen zum Musikstreaming, zu Geldflüssen und Plattenverträgen zusammengetragen.

3. Siri, bin ich süchtig?
(fluter.de, Philipp Brandstädter)
ARD und ZDF wollen in einer Onlinestudie festgestellt haben, dass wir im Durchschnitt drei Stunden täglich an unseren Smartphones hängen. Der Psychologe Dr. Bernd Sobottka hält dies noch nicht für problematisch. Bedenklich könne es jedoch werden, wenn die reale Kommunikation in den Hintergrund rücke und das Smartphone der Hauptinternetzugang sei. Im Interview über Digitalsucht spricht er über typisches Suchtverhalten und gibt Tipps zu Entwöhnung und Ausstieg.

4. Der Countdown läuft
(carta.info, Rubina Möhring )
Die Amtszeit der OSZE-Medienbeauftragten Dunja Mijatovic ist ausgelaufen und die Mitgliedsstaaten können sich nicht auf eine Nachfolge einigen. Das eh nicht üppige, operative Budget dieser OSZE–Institution sei rund um den Jahreswechsel dramatisch gekürzt worden, und für die Entscheidung werde Einstimmigkeit aller 57 Mitgliedsstaaten gefordert. Nun liege es an Deutschland und Frank-Walter Steinmeier eine Entscheidung herbeizuführen, fordert die Autorin und Präsidentin der “Reporter ohne Grenzen Österreich”, Frau Dr. Rubina Möhring.

5. Wer darf auf die große Bühne?
(faz.net, Christoph Bieber)
Zu Wahlzeiten sind Fernsehdebatten ein wichtiges Element, um sich zu informieren oder eine Wahlentscheidung herbeizuführen. Christoph Bieber plädiert für den Blick nach Amerika: Während bei uns vieles ungeordnet abliefe, überwache dort die “Commission on Presidential Debates” den Zugang zu den prominenten Podien und lege die wichtigsten Regeln für die Gesprächsformate fest. Die Einrichtung einer ähnlicher Instanz in Deutschland sei überfällig.

6. Stellungnahme von Karlo Tobler
(facebook.com, Karlo Tobler)
Nachdem im sächsischen Clausnitz ein fremdenfeindlicher Mob die Ankunft eines Busses mit Flüchtlingen blockiert hatte und die Bilder deutschlandweit für Entsetzen gesorgt hatten, setzte sich Karlo Tobler tags darauf spontan ins Auto und fuhr zum Ort des Geschehens. Sein feinfühliger Facebookbericht über die Aktion wurde zehntausendfach geliket und geteilt und medial verwertet. Nun hat Tobler den Eintrag auf “privat” gestellt. In einem öffentlichen Post berichtet er über die Gründe.

Ressentimentkodex, Feminismuskritik, Erikasourcing

1. Exkonvertit mit Salzgitterhintergrund
(zeit.de, Mely Kiyak)
Der Presserat diskutiert darüber, ob Medien die Herkunft von Straftätern grundsätzlich nennen sollen. Wem wäre damit geholfen, fragt “Zeit”-Kolumnistin Mely Kiyak. Eine ethnische Zuschreibung helfe nicht weiter, es sei denn, man wolle eine ganz bestimmte Aussage treffen. Die Kolumne endet mit den Worten: “Mal sehen, wie die Kollegen im Rat entscheiden werden. Ändern wird die Entscheidung gar nichts: Der Pressekodex ist nicht bindend. Zum Glück für Ressentimentmedien wie Bild, Focus.de und andere. Ohne die Nennung von Nationalitäten wäre die Grundlage so mancher Medien komplett im Eimer.”

2. Buzz-Report Feminismuskritik
(fraumeike.de, Meike Lobo)
Meike Lobo reflektiert die Reaktionen auf ihre (streitbare) Feminismus-Kritik auf “Zeit Online” und denkt über Reaktions- und Diskussionsschemata bei Twitter nach.

3. Crowdsourcing nach dem Original-Bild aus dem Steinbach-Tweet
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Der Journalist Fiete Stegers fahndet immer noch nach dem Urheber des Fotos, das ein blondes Kind und eine Gruppe indischer Kinder und Jugendlicher zeigt. Das Foto wird von vielen rechtsgerichteten Personen und Institutionen missbraucht, um Stimmung gegen eine angebliche “Überfremdung” zu machen. Traurige Berühmtheit erlangte es jüngst durch einen Tweet von Erika Steinbach (CDU). Stegers berichtet vom Stand der Fahndung und den Schwierigkeiten bei der Ermittlung von Veröffentlichungsdatum und Urheber.

4. Nachholbedarf bei Afrika-Berichterstattung
(de.ejo-online.eu, David Freches)
Viele der Asylsuchenden stammen aus nordafrikanischen Ländern, doch wieviel wissen wir über diese Region beziehungsweise wie präsent ist die Berichterstattung über Subsahara-Afrika in deutschen Medien abseits der Flüchtlingsthematik? David Freches fasst die Untersuchungsergebnisse einer Forschungsgruppe zusammen, die im Rahmen der Konferenz “Media and Migration” gewonnen wurden.

5. Kid Rock und die AfD — die Welt ist grau.
(medium.com, Christian Henne)
Christian Henne plädiert für mehr Gelassenheit im Social-Media-Umgang. So wenig wie die Welt in Gut und Böse einzuteilen sei, dürfe ein Like der AfD-Facebookseite zu reflexhaftem Entfreunden führen. “In meinen Augen hilft es enorm, Andersdenkende ernst zu nehmen, um sie dann argumentativ zu beeinflussen. Deshalb werde ich mich auch weiterhin mit Menschen unterhalten, die die AfD liken, wählen oder gewählt haben. Und zwar um alles dafür zu tun, dass sie dies kritisch überdenken.”

6. Square für Künstler
(arte.tv, Video, 27 Minuten)
Darf man ein Jahr nach den Attentaten auf Charlie Hebdo noch über alles Witze machen? Im Porträt des Karikaturisten Chapatte geht es um den Alltag und die Zukunftsperspektiven des in Los Angeles lebenden Zeichners. Und die Frage, ob es für ihn eine Karikatur vor und nach dem Anschlag in Paris gibt.

Huffbaiting-Post, Lügenpartei, Aufwachen

1. “FAZ Woche”: Jung und ohne Perspektive
(wuv.de, Manuela Pauker)
Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hat für den 22. April eine neue Publikation angekündigt: Die “FAZ Woche”. Das Magazin ist laut Verlag “auf die spezifischen Ansprüche der jungen Elite zugeschnitten, einer Zielgruppe die “always on” ist”. Manuela Pauker, Ressortleiterin Medien bei “W&V”, räumt dem Vorhaben keine großen Chancen ein: “Ein ehrenwerter und ambitionierter Versuch. Nur: Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit schiefgehen. Denn wenn die letzten, sagen wir, zehn Jahre etwas gebracht haben, dann die Gewissheit, dass die nachwachsende Generation immer weniger Bock auf althergebrachte Darreichungsformen von Informationen hat”.

2. Das macht die „Huffington Post“ mit Einwanderern
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
“Die „Huffington Post“ betreibt Clickbaiting, das offenbar ganz gezielt rassistische Reflexe triggern soll – und triggert.” Diesem Resümee kann man sich nur anschließen, wenn man die Beispiele sieht, die Boris Rosenkranz in seinem Beitrag zusammengestellt hat. Ob durch manipulative Überschriften, Bebilderung oder Teasertexte: Die scham- und rücksichtslose Jagd nach dem schnellen Klick hat Methode. Auch, wenn die klicksüchtigen Berufszyniker der “Huffington Post” in einem allzu schäbigen Fall zurückrudern mussten.

3. Dreist: AfD fälscht Abendzeitungs-Überschrift
(abendzeitung-muenchen.de, Timo Lokoschat)
Die “Abendzeitung” macht auf einen besonders dreisten Fall von Fälschung aufmerksam: Die AfD (Kreisverband Nürnberg) hat auf Facebook einen “Abendzeitung”-Artikel geteilt, diesen jedoch mit einer selbstgetexteten, tendenziösen Überschrift versehen. Besonders pikant bei einer Partei, die sich fortwährend über die “Lügenpresse” beklagt und von der “Pinocchiopresse” höhnt. (Update 08:05 Uhr: Die AfD Nürnberg hat nun kommentarlos gelöscht.)

4. “Dann schreib doch unter nem Männernamen!”
(herlandnews.com, Zoë Beck)
Zoë Beck, als Verlegerin, Autorin, Übersetzerin und Synchronregisseurin seit langer Zeit erfolgreich im Mediengeschäft, macht sich Gedanken, wie es wäre, wenn ein Männername ihre Buchcover zieren würde: “Natürlich reizt es mich entsprechend auch schon seit Jahren, diesen Test zu machen: Wie käme derselbe Text an, stünde ein Männername drauf? Das Experiment müsste aber noch weitergehen: Gäbe es andere Vorschüsse? Andere Werbemaßnahmen? Würde der Buchhandel anders vorbestellen? Sähen die Verkaufszahlen anders aus?”

5. Eine Frage der Ethik
(daniel-bouhs.de)
Daniel Bouhs berichtet von den aktuellen Diskussionen im Presserat, dem Selbstkontrollgremium der Medien. Streitgegenstand ist derzeit eine Richtlinie des Pressekodex zur Nennung von Abstammungen: „die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten [wird] nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“. Bouhs berichtet über das Pro und Contra und die Interessenlage der Medien.

6. A!096 – American Saleswoman
(aufwachen-podcast.de, Stefan Schulz & Tilo Jung)
Wer Podcasts mag und sich für Medien interessiert, kommt am “Aufwachen-Podcast” nicht vorbei. Hier seziert ein, sich aufs Vorteilhafteste ergänzendes, Zweimann-Team regelmäßig die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen: Auf der einen Seite der Soziologe und ehemalige FAZ-Journalist Stefan Schulz, auf der anderen Seite Tilo “Bundespressekonferenz” Jung. Ein aktueller Anlass zum Einschalten ist die Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf: Eine derart ausführliche Auseinandersetzung mit den derzeit stattfindenden Debatten der Präsidentschaftsbewerber wird man schwer finden.

Sein Wort in ihren Ohren

„Mag“? „Vergöttert“ trifft es viel besser. In der Welt von „Bild“ ist Zuckerberg nämlich nichts weniger als ein übermenschlicher Held, der Franz Beckenbauer des Internets. „Bild“-Oberchef Kai Diekmann nennt Zuckerberg den „Charity-Gott“. Springer-Vorstand Mathias Döpfner schwärmt, er sei „a wonderful human being“. Franz Josef Wagner nennt ihn in einem rasselnden Atemzug mit Nelson Mandela und Mutter Teresa.

Umso aufgedrehter war die Springer-Bande gestern — denn der Facebook-Chef hatte angekündigt, sie am Abend in ihrem Hauptquartier zu beehren.

Schon morgens jauchzte Kai Diekmann:

Zu Ehren ihres Gastes hatten die Springer-Leute nicht nur schnell einen Award ins Leben gerufen, sondern gleich noch ihre Dachterrasse umgebaut …

… ein Stück Berliner Wald abgeholzt …

… und alles ganz facebookblau-kuschelig gemacht für den man of the evening.

Und dann — endlich:

An einem so zauberhaften Abend spricht man natürlich nur ungern über heikle Themen. Aber dafür gab es dann ja auch die Zuckerberg-Fragestunde heute in Berlin, zu der wir Folgendes eingereicht hatten:

Da die Frage zu denen mit den meisten Likes gehörte (vielen Dank für die Unterstützung!), ist Zuckerberg auch darauf eingegangen. Er sagte:

Well, this is a tricky one. If it’s not a public photo, then someone should not be taking your photo and using it publicly. You know, in general, the rule is that you control all the content that you post on facebook. (…) If we’re building a community and people are sharing stuff that they don’t intend to be public, and then someone else is making it public, then that’s an issue. Right? And that’s gonna undermine the trust that our community has in us to making sure that, you know, when you share something with just your friends then that’s actually going to only the people that you want.

This is a tricky area for us, because we don’t control … you know, the law in most countries around the world, I believe, is that you post a photo, you own that photo. And that people don’t have the ability to use that photo without your permission. So if you find out that someone, you know, whether it’s on a blog or … you know, someone else is using your photo without your permission, you should have the right to be able to send them an e-mail and get in touch with them and tell them that that they don’t have permission to do that and they should take it down. In (…) most countries I can think of, if people don’t respect your rights for the content that you own, you have legal recourse to go after that.

But this is obviously an issue for facebook, because we want people to feel completely comfortable, that if they share something with their friends or with a community of a hundred people, then that’s not somehow gonna be taken and shared with more people. Unfortunately, we don’t have complete control if someone takes a screenshot or something, but you do own those photos and have the right to have it distributed only how you want, wheter that’s on our service or outside.

Man darf also sagen: Er findet’s eher nicht okay.

Das hatten wir ehrlich gesagt vermutet, und wir hatten die Hoffnung (zumindest ein kleines bisschen), dass — wenn es schon die Justiz, die Polizei, Angehörige von Betroffenen, der Presserat, wir und auch sonst keiner schafft, den “Bild”-Mitarbeitern die Fotoklauberei bei Facebook auszutreiben — dass vielleicht ja Mark Messias Zuckerberg etwas in seinen Jüngern auszulösen vermag.

Jene Jünger waren natürlich auch bei seiner Fragestunde, haben live getickert und später einen Artikel gebracht, in dem sie die Fragen und Antworten zusammenfassen. Über das Thema Täter- und Opferfotos schreiben sie sowohl im Ticker als auch im Artikel — kein Wort.

Aber dafür, heute auf Bild.de:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Rügenritt in Sternchenjeans

Dürfen wir vorstellen:

„Georgie“ ist die Kinder-Rubrik der Reitsport-Zeitschrift „St. Georg“ — normalerweise nicht ganz unser Beritt, aber wenn mit einer Redaktion dermaßen die Pferde durchg… okay, zur Sache.

Doch in Wahrheit waren es nicht “Georgie” und die Redaktion von „St. Georg“, die das “herausgefunden” haben, sondern: HKM Sports Equipment.

Denn die Outfits, die Bibi und ihre Freundin Tina im Film tragen, wurden von HKM Sports Equipment gestellt und inzwischen könnt auch ihr euch in Bibi und Tina und eure Pferde in Amadeus und Sabrina verwandeln. Aber wie entsteht eigentlich so eine Kollektion? HKM Sports Equipment erklärt es euch.

Vor allem erklärt HKM Sports Equipment aber, wie umwerfend HKM Sports Equipment doch ist — vier Seiten lang:


Im Laufe des letzten Jahres konnte das HKM-Team immer wieder Einblicke in die Filmwelt erhaschen. Die Darstellerinnen von Bibi & Tina, Lina Larissa Strahl und Lisa-Marie Koroll, haben sogar mal ganz liebe Grüße direkt vom Filmset geschickt. Echt aufregend.

Au ja. Aber der Höhepunkt kommt erst noch.

Im Dezember war es dann so weit: Weltpremiere in Berlin und das Team HKM war mit zwölf Mädels live dabei. Das war mal etwas ganz Besonderes, denn bei der Premiere ebenfalls anwesend waren Schauspieler wie Heino Ferch oder Max von der Groeben. Und die HKMs mitten drin. Während des Films haben sie natürlich immer wieder geschaut, wo Produkte von ihnen verwendet wurden und klar, da waren sie schon ziemlich stolz, als sie die vielen Produkte entdeckt haben.

Auch Teil der Premiere: Die Präsentation der HKM by Bibi & Tina Reitsportkollektion. Das war natürlich ganz besonders aufregend für die HKM-Mannschaft und eigentlich beinahe der wichtigste Teil – ähnlich wie die entscheidende Germany‘s Next Topmodel-Frage, ob Heidi ein Foto für die Kandidatin hat. Hier stellte sich die Frage: Wie kommt die Kollektion bei den kleinen Reiterinnen an? Hat sich die monatelange Arbeit und das Herzblut gelohnt, das hineingesteckt wurde? Gefallen Sternchenjeans in blau und Oversizeblouson in knallrot den Bibi & Tina Fans?

Antwort: Ja, HKM, wir haben ein Foto für Dich! Da waren Freude und Erleichterung bei allen Beteiligten natürlich groß.

Und was noch toller ist: Auch in jenen Ländern, in denen Bibi & Tina gar nicht jeder kennt (stellt euch vor, das gibt‘s!), HKM aber viele Kunden hat, kommt die Kollektion toll an. Und wer freut sich nicht über zufriedene Kunden?!

Übrigens apropos Inspiration – die Begeisterung für das „voll verhexte“ Bibi & Tina Outfit hat Desginchef Stefan und sein Team zur Entwicklung von „Little Sister“ inspiriert, einer neuen Kollektion für die kleine Reiterin, die ab Herbst 2015 erhältlich sein wird.

Übrigens apropos Begeisterung. Der Deutsche Presserat zeigte sich weniger angetan von dieser Schleichwerbung und sprach eine Rüge gegen „St. Georg“ aus.

Es war bei Weitem nicht der einzige Schleichwerbetext, der vom Presserat gerügt wurde. Wir sind zwar etwas spät dran (die Sitzung fand im September statt), wollen uns die Geschichten aber trotzdem noch etwas genauer anschauen.

***

Da wäre zunächst dieser Artikel, erschienen in der “Rheinischen Post”:

Eine Bank, die Kredite vergibt? Hammer!

Das Kleveblog (das uns freundlicherweise auch das Foto zur Verfügung gestellt hat) schreibt dazu:

Im Text, Bestandteil des redaktionellen Angebots und nicht als Anzeige gekennzeichnet, heißt es: „DieVolksbank Kleverland stellt ihren Kunden Kunden [sic!] für private Anschaffungen schnell und unkompliziert Darlehen zur Verfügung. Der Wunschbetrag kann dabei bis 75000 Euro betragen.“ Kundenberater Benjamin Brüschke sagt: „Wofür der Kunde den Kredit braucht, spielt dabei gar keine Rolle“. Hey, it’s so easy, nehmt die Kohle! Der junge Mann posiert auch für das Foto, vor einem üppigen Mercedes und mit einem Easy-Credit-Plakat in der Hand, das ein Pärchen zeigt, welches fröhlich verkündet: „Unser Kredit, so individuell wie wir“.

Diese „ausschließlich positive und völlig unkritische“ Berichterstattung der „Rheinischen Post“ sei „nicht von öffentlichem Interesse“ gewesen und habe „deutlich die Grenze zur Schleichwerbung“ überschritten, urteilte auch der Presserat und sprach eine Rüge aus.

***

Gerügt wurden auch die „Westfälischen Nachrichten“. Die Zeitung hatte im Rahmen einer „Medienpartnerschaft“ drei redaktionelle Beiträge über Unternehmen und ihr Angebot veröffentlicht. Beigestellt waren den Artikeln Anzeigen der Unternehmen. Auch hier erkannte der Presserat Schleichwerbung.

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Die „Leipziger Volkszeitung“ wurde gerügt, weil sie auf der Titelseite auf eine werbliche Veröffentlichung im Innenteil hingewiesen hatte (es ging um Navigationsgeräte). „Ein solcher Querverweis ist mit der erforderlichen klaren Trennung von Redaktion und Werbung nicht vereinbar“, befand der Presserat.

***

Ebenfalls wegen Schleichwerbung gerügt wurde „Sonntag Aktuell“. Das Blatt hatte, so der Presserat, „25 ausgewählte Urlaubshotels vorgestellt und dabei auch werbliche Formulierungen verwendet. Im Umfeld der Artikel wurden zudem zwei redaktionell gestaltete Anzeigen veröffentlicht, die mit ‘Sonderveröffentlichung’ gekennzeichnet waren. Dieser Begriff ist jedoch nicht geeignet, die Werbung für den Leser klar als solche erkennbar zu machen”.

***

Eine Rüge ging auch an „L.A. Multimedia“. Die „Zeitschrift für den Einsatz von Multimedia, EDV, IT und Kommunikationstechnologien in Schulen“ (Eigenbeschreibung) hatte „unter anderem in werblicher Sprache über IT-Produkte berichtet und dabei jeweils einen bestimmten Hersteller bzw. Anbieter hervorgehoben“, wie der Presserat schreibt. „Zudem enthielten die Artikel Hinweise auf die Web-Seiten der Unternehmen. Einer der Artikel war sogar von einem leitenden Mitarbeiter eines Herstellerunternehmens verfasst worden.“ Der Presserat beurteilte auch diese Artikel als Schleichwerbung.

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Auch Bild.de bekam eine Rüge. Nicht wegen Schleichwerbung, sondern “wegen einer unangemessen sensationellen Darstellung eines grausamen Unfalls”. Der Presserat schreibt:

Die Redaktion hatte ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie Sportler der European Games von einem Bus angefahren werden. Sie erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Im Video wird mehrfach der Moment des Aufpralls gezeigt. Diese Wiederholung des Unfallmoments geht über ein öffentliches Interesse hinaus, die Grenze zur Sensationsberichterstattung nach Ziffer 11 des Pressekodex wird überschritten, bewertete der Presserat.

Inzwischen hat Bild.de das Video geändert; jetzt ist der Aufprall nur noch einmal zu sehen. Natürlich mit vorgeschalteter Werbung.

***

Negativer Spitzenreiter war diesmal allerdings „Focus Online“, das gleich drei Rügen kassierte. Einen für diesen Artikel:

„Man fühlt sich nicht wie beim Einkaufen, sondern wie bei Freunden.“ So oder so ähnlich beschreiben viele Frauen die angenehme Einkaufsatmosphäre, für die schon einmal extra Meilen zurückgelegt werden. Statt vollgestopften Regalschluchten in irrgartenartigen Minifilialen sind alle dm-Läden stets aufgeräumt sowie hell und freundlich gestaltet.

In den breiten Gängen kann man mühelos mit dem Einkaufs- oder Kinderwagen manövrieren. Gerade junge Mütter wissen diese Breite des Raumes zu schätzen, auch weil der Nachwuchs mit seinem eigenen Kindereinkaufswagen nicht alle drei Sekunden irgendwo anstößt.

Ein weiterer Pluspunkt: die schräg stehenden, niedrigen Regale ermöglichen selbst kleinen Frauen einen guten (Über-) Blick auf die Produkte.

Toll. Und das war erst Punkt 1 („Die Atmosphäre“). Es folgen acht weitere Lobeshymnen — „Das Lebensgefühl“, „Das Personal“, „Die Beratung“, „Das Angebot“, „Die Eigenmarken“, „Die Transparenz“, „Die Nachhaltigkeit“, „Die Ideologie“ — und nicht ein einziges kritisches Tönchen.

„Focus Online“ argumentierte zwar, „es handle sich zwar um einem wohlwollenden, aber keinen werblichen Beitrag, da keinerlei Vergünstigung für die Redaktion daraus entstand“, dem folgte der Presserat allerdings nicht.

Die zweite Rüge bekam „Focus Online“ für einen Artikel mit der Überschrift:

Dahinter verbarg sich dieses Video (BILDblog berichtete):

„Focus Online“ schrieb:

Eine ganz normale Straßensperre in Russland: Ein Auto wird aufgehalten, weil es nur einen funktionierenden Scheinwerfer hat. Während der Polizist noch mit dem Fahrer redet, taucht plötzlich ein Rudel Wölfe aus dem nichts auf. Gerade noch kann sich der Polizist retten.

Die “Maßnahmen” des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Was die Redaktion nicht erwähnte: Das Video ist ein vier Jahre alter Fake und wurde als Teil einer Wodka-Werbekampagne verbreitet.

Darin sah der Presserat „einen schwerwiegenden Verstoß gegen das in Ziffer 1 des Pressekodex festgeschriebene Gebot zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit.“

Eine dritte Rüge bekam „Focus Online“, weil das Portal über den Suizid eines Mädchens berichtet und dabei den vollen Namen genannt und ein Foto des Mädchens gezeigt hatte. Die Rüge bezieht sich dabei explizit nur auf den Facebook-Auftritt von „Focus Online“ (vermutlich, weil nur dazu – und nicht zum Artikel selbst – eine Beschwerde eingegangen war). Der Presserat schreibt: „Die in Richtlinie 8.7 geforderte Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Selbsttötung wurde hier grob missachtet.“

***

Neben den zehn Rügen sprach der Presserat auch 19 Missbilligungen aus. Sechs davon gingen an Bild.de.

In diesem Fall hatte “Bild”, wie so häufig, wenn es von grausamen Unfällen keine grausamen Fotos gibt, eine grausame Zeichnung anfertigen lassen — und verstieß damit gegen Ziffer 11 des Pressekodex (“Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid”).

So auch in diesem Fall:


Für beide Zeichnungen erhielt Bild.de Missbilligungen; die mit der Straßenbahn wurde inzwischen gelöscht, die mit der Statue ist weiterhin online.

Eine weitere Missbilligung gab es für diesen Artikel:

(Unkenntlichmachung der Frau von uns.)

Bild.de hatte das Gesicht der Frau nicht verpixelt — ein Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Das Foto ist übrigens immer noch unverändert online.

Ebenfalls missbilligt wurde dieser Artikel:

Darin zeigt Bild.de mehrere (Agentur-)Fotos der Opfer ohne jede Unkenntlichmachung. Auch hier erkannte der Presserat einen Verstoß gegen Ziffer 8. Und auch diese Fotos sind immer noch online.

Auch dafür gab es eine Missbilligung. Das Foto verstoße gegen die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung).

Missbilligt wurde schließlich auch dieser Artikel:

Darin zeigt Bild.de ein Video (auch das ist nach wie vor online), auf dem ein hilfloser Mann immer wieder getreten und geschlagen wird. Damit verstößt das Portal nach Auffassung des Presserats gegen Ziffer 11, weil der Leser die Möglichkeit habe, unmittelbar bei der Gewalttat dabei zu sein. Außerdem erhöhe dies das Risiko von Nachahmungen.

Darüber hinaus sprach der Presserat auch zwei “Hinweise” gegen “Bild” bzw. Bild.de aus. Einen wegen des (inzwischen entfernten) Emotions-Tools, mit dem die Online-Leser auch bei den unpassendsten Gelegenheiten “Lachen” konnten:

Der Presserat erklärte, es schade dem Ansehen der Presse, “wenn ein Medium bei einem Beitrag, der sich mit einer Gewalttat gegen einen Menschen beschäftigt, den Usern die Möglichkeit eröffnet, den Artikel mit einer Emotion wie ‘Lachen’ zu bewerten” (siehe dazu auch hier und hier).

Der zweite Hinweis ging an die gedruckte “Bild”-Zeitung, weil sie ein Mädchen, das zunächst vermisst worden aber dann wieder aufgetaucht war, auch nach dem Auftauchen unverpixelt gezeigt hatte:

Eine Rüge, sechs Missbilligungen, zwei Hinweise — da können die Leute von “Bild” ja wieder richtig stolz auf sich sein.

Gegen Recht und Ordner

In Deggendorf steht seit heute eine 47-jährige Frau vor Gericht, weil sie ihren Mann wenige Monate nach der Hochzeit erstochen haben soll. Viele Medien berichten über den Prozess. Bebildert sind die Artikel in den meisten Fällen so:


(br.de)


(welt.de)


(pnp.de)

Voll gemein mit diesem Aktenordner. Da hat man ja kaum eine Chance, die Persönlichkeitsrechte der Frau zu verletzen!

Doch zum Glück war “Bild”-Reporter Jörg Völkerling zur richtigen Zeit in der richtigen Position:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Mit Dank an Boris R.

Nachtrag, 1. Dezember: In der Print-Ausgabe hat “Bild” der Frau einen schwarzen Augenbalken spendiert.

Nachtrag, 4. Dezember: … und online ist sie nun doch verpixelt.

n24.de  

Über tote Flüchtlinge lachen mit N24

Am Wochenende berichtete N24 auf seiner Onlineseite:

Wegen der hohen Zahl von Flüchtlingen haben in Südschweden in der Nacht zum Freitag einige Menschen unter freiem Himmel übernachten müssen. Im südschwedischen Malmö liegen die Temperaturen nachts derzeit knapp über dem Gefrierpunkt.

Zuvor hatte die Ausländerbehörde mitgeteilt, dass das Land nicht mehr allen Asylbewerbern ein Dach über dem Kopf anbieten könne.

Und wie reagierten die Leser auf diese Nachricht?

(“belustigt”, “inspiriert”, “überrascht”, “informiert”, “egal”, “erschreckt”, “traurig”, “verärgert”)

Eine ähnliche Emotions-Funktion (“Lachen”, “Weinen”, “Wut”, “Staunen”, “Wow”) gab es bis vor Kurzem auch bei den Springer-Kollegen von Bild.de. Der Unterschied: Die Leser von N24 lachen (im Gegensatz zu denen von Bild.de) nicht über alles. Wenn Menschen Deutsche zu Schaden kommen, reagieren sie sogar meist “erschreckt” oder “traurig”. Wenn jedoch Flüchtlinge die Leidtragenden sind, kommt Freude auf:




































Der Presserat hat sich in seiner letzten Sitzung mit diesem Emotions-Tool beschäftigt. Im konkreten Fall ging es nicht um N24, sondern um Bild.de, und zwar um einen Artikel mit der Überschrift “Schläger attackieren homosexuellen Politiker” (224-mal “Lachen”). Es schade dem Ansehen der Presse, so der Presserat, “wenn ein Medium bei einem Beitrag, der sich mit einer Gewalttat gegen einen Menschen beschäftigt, den Usern die Möglichkeit eröffnet, den Artikel mit einer Emotion wie ‘Lachen’ zu bewerten”. Darum sprach der Presserat einen folgenlosen “Hinweis” gegen Bild.de aus; inzwischen gibt es die Funktion dort nicht mehr.

Bei N24 muss man fairerweise dazusagen: Nicht bei allen Artikeln über Flüchtlinge reagieren die Leser mehrheitlich belustigt.


Mit Dank an Thomas O.!

Nachtrag, 25. November: N24 hat die Funktion jetzt komplett von der Seite entfernt. Übrigens kam die hohe “belustigt”-Zahl im ersten Screenshot (“In Schweden schlafen Flüchtlinge nun in der Kälte”) vor allem dadurch zustande, weil auf der Plattform “pr0gramm” jemand auf die Voting-Funktion hingewiesen hatte.

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