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Dirk Hoerens verrenkte Rentenrechnung

Dirk Hoeren ist bei der “Bild”-Zeitung der Mann für die Zahlen. Wenn die Redaktion mal wieder eine Statistik so verbogen haben will, dass sie damit Stimmung gegen Hartz-IV-Empfänger/Rumänen und Bulgaren/Griechen/ARD und ZDF machen kann, setzen sie ihren Europa-Chefkorrespondenten an die Sache. Heute hat Hoeren mal wieder die Griechen ins Visier genommen:

Okay, dann schauen wir uns das mal an.

Hoeren behauptet, schon jetzt würden …

rund 17 % der Wirtschaftsleistung […] in Griechenland allein für die Altersgelder aufgewendet — zweithöchster EU-Wert (hinter Italien), errechnete der IWF. Das sind 42 Milliarden Euro.

Stimmt. Doch die 17 Prozent sagen nichts über die angeblich unbezahlbaren griechischen Renten aus. Wenn ich im Monat 300 Euro verdiene und davon 90 Prozent für die Miete ausgebe, bedeutet das nicht, dass die Wohnung überteuert ist, sondern mein Einkommen recht niedrig. Soll heißen: Der relative Anteil der Rentenzahlungen ist in Griechenland auch deswegen so hoch, weil er sich an einer krisengebeutelten Wirtschaftsleistung bemisst; und nicht nur, weil der Staat eine Luxusrente nach der anderen spendiert.

Daneben unterschlägt Dirk Hoeren einen noch wichtigeren Aspekt: Die hohen Rentenkosten entstehen in Griechenland auch, weil es dort mehr alte Menschen als anderswo gibt. 20,5 Prozent der Griechen sind 65 Jahre und älter — der dritthöchste Wert in der Eurozone.

Weiter schreibt Hoeren:

Die Durchschnittsrente liegt in Griechenland bei 960 Euro, in Deutschland bei 792 Euro (FAZ).

Die Angabe zur deutschen Durchschnittsrente dürfte in etwa stimmen: Laut Deutscher Rentenversicherung lag sie Ende 2013 bei 682 Euro in Westdeutschland und 801 Euro in Ostdeutschland (PDF).

Bei der griechischen Durchschnittsrente ist es hingegen deutlich komplizierter, an belastbare Zahlen zu kommen, was vor allem am aufgeblähten System aus 133 Pensionsträgern liegt. Hoeren bezieht sich bei seinen 960 Euro auf einen Artikel der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, der sich wiederum auf einen Artikel aus der “Welt” bezieht, der sich auf Angaben aus “Verhandlungskreisen in Brüssel” bezieht. Zwei Tage, nachdem Hoerens Kronzeugentext in der “FAZ” erschienen ist, musste die Redaktion enorm zurückrudern:

Es gibt keine aktuellen Berichte der EU-Kommission oder des Internationalen Währungsfonds über das griechischen [sic] Rentensystem und die aktuelle Höhe der Rentenzahlungen. Dennoch kursieren in der deutschen Debatte Zahlen über die Renten in Griechenland, die Vorurteile über „Luxusrenten“ zu bestätigen scheinen, aber die griechische Wirklichkeit nicht wirklich abbilden.

Und diese Vorurteile befeuert Dirk Hoeren selbst zweieinhalb Monate nach der “FAZ”-Klarstellung zu den 960 Euro fröhlich weiter.

Deutlich andere Zahlen zur durchschnittlichen griechischen Rente nennt aktuell die “Financial Times”: Sie spricht von 700 Euro, dazu gebe es eine freiwillige Zusatzrente, die durchschnittlich 170 Euro pro Monat betragen soll. Rund 45 Prozent der griechischen Renter sollen weniger als 665 Euro monatlich bekommen und somit unter der Armutsgrenze liegen. Auch die Zahlen der “Financial Times” sind natürlich mit Vorsicht zu betrachten.

Der nächste Punkt, den Dirk Hoeren bei der “Griechen-Rente” anprangert:

Etwa zwei Drittel der griechischen Senioren bekommen zwei Renten gleichzeitig, in Deutschland sind es nur knapp 20 % (z. B. Witwenrenten).

Die damit angedeutete — vermeintliche — Ungerechtigkeit ergibt sich unter anderem aus dem bereits erwähnten 133-Pensionsträger-System. Wenn Griechen durch verschiedene Tätigkeiten mehrere Rentenansprüche erworben haben, die von unterschiedlichen Trägern verwaltet werden, werden ihnen auch mehrere Renten gleichzeitig ausgezahlt. Gleiches gilt, wenn sie für freiwillige Zusatzrenten eingezahlt haben und diese nun bekommen oder ihnen Witwenrenten zustehen.

Hoeren poltert weiter:

Das griechische Rentenniveau liegt bei 63% des Bruttolohns, bei uns sind es 48%.

Hierbei verschweigt er, wie sich in Griechenland in der Regel das Einkommen zusammensetzt. Einen großen Teil bilden nämlich Zuschläge, im öffentlichen Dienst mitunter sogar den größeren. Die Rente bemisst sich aber am Grundgehalt. Deren Anteil ist dadurch scheinbar hoch; bezogen auf das gesamte Gehalt relativiert sich das aber wieder.

Den krönenden Abschluss seines gesammelten Unfugs hat sich Dirk Hoeren aber fürs Ende seines Artikels aufgehoben:

Wegen der vielen Frühpensionen beträgt das tatsächliche Durchschnitts-Rentenalter in Griechenland 56,3 Jahre. Deutsche Rentner gingen vergangenes Jahr im Schnitt mit 64 Jahren aufs Altenteil.

Eine Quellenangabe für die 56,3 Jahre gibt’s im “Bild”-Text nicht. Auf Nachfrage reagierte Hoeren heute so:

Die Tabelle, die er seinem Tweet angehängt hat, stammt aus einem aktuellen Reformvorschlag der griechischen Regierung (PDF). In der linken Hälfte (“PS Δημóσιο”) gibt sie an, dass sie für das Jahr 2016 im öffentlichen Dienst ein durchschnittliches Renteneinstiegsalter von 56,3 Jahren anpeilt.

Also: das angepeilte Renteneinstiegsalter für den öffentlichen Dienst. Dirk Hoeren macht daraus das aktuelle Renteneinstiegsalter aller Griechen.

Dass der Wert so niedrig ist, weil er beispielsweise Soldaten und Feuerwehrmänner einrechnet, die regelmäßig früher mit ihrem Dienst aufhören, und weil er die Frühverrentung Tausender Staatsdiener im Zuge der Sparauflagen beinhaltet, interessiert Dirk Hoeren nicht. Ebenso wenig, dass vier Spalten weiter rechts das für 2016 anvisierte Renteneinstiegsalter bei der größten Rentenversicherung für Angestellte in der Privatwirtschaft mit 60,6 Jahren angegeben wird. Im Gegenteil: Er packt die knackigen 56 Jahre in die Dachzeile seines Artikels:

Da es noch einige weitere griechische Versicherungsträger gibt, handelt es sich aber auch bei den 60,6 Jahren nicht um das durchschnittliche Renteneintrittsalter aller Griechen. Das gab die OECD 2012 (Excel-Tabelle) mit 61,9 Jahren bei Männern und 60,3 Jahren bei Frauen an. Nun liegt bei Dirk Hoerens Altersangaben aber nicht nur das “Durchschnitts-Rentenalter in Griechenland” (er meint das Renteneintrittsalter) völlig daneben, sondern auch das in Deutschland. Die 64 Jahre hat er nach eigener Angabe von der “Deutschen Rentenversicherung”:

In der Statistik “Rentenversicherung in Zahlen 2014” (PDF) findet man tatsächlich ein “Rentenzugangsalter” von 64,1 Jahren. Dieser Wert bezieht sich allerdings nur auf die Personen, die wegen ihres Alters in Rente gegangen sind. Rechnet man diejenigen hinzu, die beispielsweise aufgrund einer Krankheit früher ihre Arbeit aufgeben musste, ergibt sich ein Renteneinrittsalter von 61,3 Jahren. Diese Angabe deckt sich in etwa mit der der OECD von 2012 (Männer: 62,1 Jahre, Frauen: 61,6, Jahre).

Wenn man es genau betrachtet, ist der Unterschied zwischen dem griechischen und dem deutschen Renteneintrittsalter also gar nicht mehr so groß. Wenn man es genau betrachtet, ist es aber auch viel schwieriger, den Hass gegen die Griechen zu schüren:

Mit Dank an Michalis P.!

Du hast den Farbbeutel vergessen

Da ging es aber mächtig drunter und drüber, als Frauke Petry, die Co-Vorsitzende der “Alternative für Deutschland” (AfD), am vergangenen Mittwoch in Göttingen Opfer eines Angriffs wurde. Also nicht nur im Restaurant “Ali Baba”, wo Petry mit einem Journalisten saß, sondern auch in den Medien.

In einer ersten Meldung, die die dpa am Mittwochabend sowohl über den Basisdienst als auch über den Landesdienst Niedersachsen rausjagte, stützte sich die Agentur in weiten Teilen auf die Aussagen eines AfD-Sprechers:

Die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, ist in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben von Parteisprecher Christian Lüth am Mittwoch den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß, so dass sie zu Boden ging. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Beuteln mit Fruchtsaft beworfen.

Dem Sprecher zufolge war vor der Attacke eine junge Frau an Petry herangetreten und hatte gefragt: “Sind Sie Frauke Petry?” Als diese die Frage bejahte, soll die Frau sie beschimpft haben und dann verschwunden sein. Kurz darauf stürmten die Vermummten in das Lokal. Sie riefen nach Angaben des Sprechers “Nazis raus!”

Die Darstellung, die die dpa an die Redaktionen im ganzen Land schickte, deckt sich stark mit der, die Frauke Petry knapp anderthalb Stunden zuvor auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte hatte:

Fruchtsaft? Farbbeutel? Da kamen nicht nur die AfD-Leute durcheinander, sondern auch die nach Aktualität hetzenden Journalisten. “Focus online” blieb bei der dpa-Variante und sprach von “Fruchtsaftbeuteln”, die “Augsburger Allgemeine” entschied sich in ihrer Überschrift hingegen für eine “Farbbeutel-Attacke”. sueddeutsche.de ließ die Angreifer Fruchtsaft aus Flaschen spritzen, laut stern.de sollen sie Petry mit Getränken beworfen haben.

Dutzende weitere Medien berichteten über den Vorfall in Göttingen. So gut wie alle von ihnen übernahmen (von der dpa) Frauke Petrys Polterei, dass es sich bei dem Angriff um einen niederträchtigen Versuch handele, “die Meinungsfreiheit mit Gewalt einzuschränken”; und dass die Tat zeige, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost werde.

Später am Mittwochabend und nach ersten Befragungen im Restaurant “Ali Baba” veröffentlichte die Polzeiinspektion Göttingen eine Pressemitteilung, in der sie den Fruchsaft-Farbbeutel-Angriff mit keinem Wort erwähnte. Und am Donnerstag folgte eine zweite Pressemitteilung, die den AfD-Schilderungen sogar deutlich widersprach:

Aktuellen Erkenntnissen zufolge betraten im Anschluss an eine junge Frau gegen 16.00 Uhr vermutlich fünf bis sechs weitere Personen das Cafe. Es kam zu einem Wortgefecht, bei dem der Tisch, an dem Frau Petry und der Journalist saßen, aus bislang noch ungeklärten Gründen plötzlich kippelte, aber nach derzeitigem Stand nicht umstürzte. Dabei fielen die auf dem Tisch stehenden Gläser, darunter eines mit Fruchtsaft, und ein gläserner Kerzenhalter auf den Boden. […]

Hinweise darauf, dass es in dem Lokal zu Würfen von Farb- oder mit Fruchtsaft gefüllten Beuteln auf die Politikerin Petry gekommen ist, haben sich bei den aktuellen Ermittlungen nicht ergeben. Ebenso ist es nach derzeitigem Stand auch nicht zu Bedrohungen oder körperlichen Über-bzw. Angriffen auf die Parteivorsitzende oder ihren Gesprächspartner gekommen. Wegen der ihr gegenüber getätigten Äußerungen stellte Frau Petry am Mittwochabend Strafantrag wegen Beleidigung gegen Unbekannt.

Also kein umgekippter Tisch. Keine zu Boden gestürzte Frauke Petry. Und keine mit was auch immer gefüllten Beutel, die durchs Lokal flogen.

Das hatte inzwischen auch die dpa getickert, allerdings nicht mehr über den großen Basisdienst, sondern nur noch über den kleineren Landesdienst Niedersachsen:

Etwa ein halbes Dutzend Unbekannte, die die Polizei der linksautonomen Szene zurechnet, hatten Petry am Mittwochnachmittag in einem Lokal in der Innenstadt beschimpft. Außerdem hätten sie an dem Tisch gerüttelt, an dem die rechtskonservative Politikerin mit einem Journalisten saß, sagte die Sprecherin. Dabei sei ein Glas mit Saft umgekippt und ein gläserner Kerzenleuchter zu Boden gestürzt.

Als diese Meldung die Redaktionen erreichte, war die Legende vom Fruchtsaftbeutelwurf längst in der Welt. Dabei war relativ früh klar, dass es zumindest Zweifel an der AfD-Erzählung gibt: Das “Göttinger Tageblatt” zitierte bereits am Mittwoch eine Mitarbeiterin des Restaurants, die die Situation deutlich anders als Frauke Petry wahrgenommen hatte. Das scherte zu dem Zeitpunkt aber offenbar weder die dpa noch all die Medien, die die Meldung — und damit das Märchen des AfD-Sprechers — reihenweise übernahmen.

Nun ist das nicht der erste Fall, bei dem die AfD (Slogan: “Mut zur Wahrheit!”) eine Situation deutlich überspitzt darstellt, es sich in der Opferrolle gemütlich einrichtet und anschließend zuschauen kann, wie Medien die Partei-Sage unters Volk bringen. Als der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke im August 2013 bei einer Wahlkampfveranstaltung auf der Bühne geschubst wurde, sprachen sowohl die Partei als auch zahlreiche Medien schnell von einem “Messer-Angriff” und “linken Chaoten”. Lucke nutzte damals die mediale Aufmerksamkeit — wie vergangene Woche Frauke Petry –, um gegen “Linksextreme” zu wettern.

Im selben Monat hatte Lennard Rudolph, AfD-Mitglied aus Göttingen, behauptet, dass die Wände seines Wohnhauses mit Benzin übergossen wurden. Die “Welt” kaufte ihm die Geschichte vom vereitelten Brandanschlag damals ab, während die Göttinger Polizei sich über Rudolphs Aussagen wunderte.

Und wir wundern uns, dass Agenturen und Zeitungen den Aussagen der AfD immer noch blind vertrauen.

Siehe auch: The European: Die Petry und ihr Saftladen

Mit Dank an Benjamin L. und Fionn P.!

Nachtrag, 4. Juni: Der Journalist, mit dem Frauke Petry im Göttinger Restaurant am Tisch saß, ist Jens Schneider von der “Süddeutschen Zeitung”. Und der hat in einem Artikel (Paywall) die Szene so aufgeschrieben:

An diesem Nachmittag in Göttingen will sie [Petry] sich gern weiter in Erinnerungen bewegen. Sie sucht das Pfannkuchenhaus. Als das nicht zu finden ist, wählt sie fürs Interview die Crêperie “Ali Baba”. […]

Plötzlich steht eine junge Frau vor dem Café-Tisch. Sie fragt höflich, als wolle sie nicht an der falschen Stelle grob werden: “Entschuldigung, sind Sie Frauke Petry?”

Petry, liebenswürdig: “Ja.”

Die Frau freut sich. Dann sagt sie: “Geil, ich wollte Ihnen immer schon mal sagen, dass ich Sie richtig scheiße finde.”

“Ja, in Ordnung”, antwortet Frauke Petry unerschüttert. Die Frau ist da schon wieder weg. “Das ist halt Göttingen”, sagt Petry, lacht und widmet sich wieder dem Interviewer. Wenige Minuten später wird es laut. Zwei Vermummte stehen brüllend vor dem Tisch. “Scheiß-Nazi-Frau!” rufen sie. Und: “Verpisst euch aus Scheiß-Göttingen!” Einer stößt gegen den Tisch, der Tisch kippt. Sie spritzen mit klebriger Flüssigkeit. Es ist beängstigend, auch wenn es keine Minute dauert.

Frauke Petrys Bluse ist nass.

“Vertrauen Sie der Chemikerin, das war Fruchtsaft, nicht gefährlich”, stellt sie fest und “tja, Demokratie in Deutschland.”

Will sie die Polizei rufen?

“Nein, das nicht, aber wenn Sie bitte ein Handtuch hätten?” fragt sie die Kellnerin.

Sie macht ein paar Scherze, fragt schließlich: “Wo waren wir stehen geblieben?” Vorm Café lauern Autonome, machen Sprüche, als sie geht: “Hey, ihr habt was verloren — den Zweiten Weltkrieg!” […]

Der Sprecher der AfD in Berlin wittert eine Gelegenheit. Er versendet eine Pressemitteilung, schreibt von einer Attacke mit Farbbeuteln und erheblichem Sachschaden. Unfug. Er macht den üblen Angriff schlimmer als er war. Petry beklagt in der selben Erklärung, die Tat zeige “erneut, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost wird”.

Mit Dank an Stefan P.!

Nachtrag, 10. Juni: Bei Welt.de haben sie es immer noch nicht mitbekommen. Gestern erschien ein weiterer Artikel zur AfD, in dem die Redaktion am Fruchtsaftbeutel-Opfer-Mythos festhält:

Vor zwei Wochen war die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben des Parteisprechers den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Fruchtsaftbeuteln beworfen.

 

Ich packe meinen Koffer und nehme ein Wechselgerücht mit

Einer der großen Vorteile der Sozialen Netzwerke ist, dass Fußballprofis den Quatschgeschichten der “Bild”-Zeitung direkt widersprechen können.

Heute musste BVB-Torwart Roman Weidenfeller bei Facebook aktiv werden, nachdem die “Bild”-Ruhrgebietsausgabe getitelt hatte:

Ganze drei Autoren schauten Weidenfeller in Dortmund beim Beladen seines Autos zu und strickten sich daraus ihr Wechselgerücht:

Nach der Rückkehr vom Pokalfinale aus Berlin pendelte er zwischen der Kabine und seinem Dienst-Opel, lud mehrere Koffer, Taschen und BVB-Tüten ein. Die letzten Erinnerungsstücke an Weidenfellers erfolgreiche Ära als BVB-Towart (2-mal Meister, Pokalsieger).

Roman Weidenfeller hatte für die Koffer und Taschen und Tüten eine etwas andere Erklärung als eine Flucht aus Dortmund:

Die Leute von Bild.de haben inzwischen reagiert und den Artikel aktualisiert. Ihr Gerücht lassen sie sich von dem Dementi aber selbstverständlich nicht kaputtmachen. Die Überschrift lautet jetzt:

Mit Dank an Stefan K. und Thomas B.!

dpa  etc.

Die antirussische Ente vom verbotenen Oktoberfest

Diese bekloppten Russen mal wieder!

Es hätte so schön sein können: Oktoberfest in Moskau. Aber nein, die Verwaltung der russischen Hauptstadt verwehrt einheimischen Bierfans die große Sause und verbietet die Gaudi einfach.

So schrieb es die “taz” vor zwei Wochen. Aber das war noch lange nicht die ganze Geschichte. Bei der dpa (die die Story in Deutschland verbreitete) war nämlich zu lesen:

Moskauer Stadtverwaltung nennt Oktoberfest “antirussisch”

Moskau (dpa) – Die Verwaltung der russischen Hauptstadt Moskau hat einer ausschweifenden Bierparty nach dem Vorbild des Oktoberfestes in München eine Absage erteilt. Eine solche Veranstaltung mit großen Zelten, Trachtenkleidung und Gerstensaft vom Fass sei «antirussisch», sagte Behördensprecher Alexej Nemerjuk der Agentur Interfax.

Was in etwa so ausgesehen haben dürfte:

Gut, ob Nemerjuk auch eine Augenklappe trägt, ist nicht überliefert, aber bei diesen Irren weiß man ja nie.

Jedenfalls schreibt die dpa weiter:

“Für die Deutschen ist das Oktoberfest eine historische Realität, aber in Russland gibt es eine solche Tradition nicht.” Nemerjuks Aussagen stehen im Widerspruch zum allgemeinen Trend in Russland. Bier wird in der Heimat des Wodkas seit Jahren immer beliebter. Der Gesundheitsbehörde zufolge stieg der jährliche Pro-Kopf-Konsum seit dem Jahr 2000 von 36 Liter auf mehr als 70 Liter.

Auch das noch. Das Volk will Bier, aber Moskau verwehrt es ihm. Russenpolitik. Typisch.

Ein klassischer Russland-Aufreger also mal wieder, und weil die Geschichte von der dpa kam, deren Meldungen von vielen Medien direkt übernommen werden, landete sie unter anderem in den Newstickern von Bild.de, “Focus Online”, FAZ.net, “Zeit Online”, Stern.de, N24, News.de, “Shortnews”, T-Online, auf den Seiten der “Siegener Zeitung”, des “Handelsblatts”, der “Schweriner Volkszeitung”, des “Kölner Stadt-Anzeigers”, der “Mittelbayerischen”, der “Kölnischen Rundschau”, der “Emder Zeitung”, des “Trierischen Volksfreunds”, der “Mitteldeutschen Zeitung”, der “Augsburger Allgemeinen”, der “Stuttgarter Nachrichten”, der “Berliner Morgenpost”, der “Welt”, der “Passauer Neuen Presse”, der “Westdeutschen Zeitung”, der “Abendzeitung”, der “Süddeutschen Zeitung”, der “Frankfurter Neuen Presse”, des “Berliner Kuriers”, der “Neuen Osnabrücker Zeitung”, der “Freien Presse”, der “Dattelner Morgenpost”, der “Frankfurter Rundschau”, der “Lübecker Nachrichten”, der “Stuttgarter Zeitung”, der “Ruhr Nachrichten”, der “Saarbrücker Zeitung”, des “Express”, der “Südwestpresse”, des “Greenpeace Magazins”, der “Münsterlandzeitung”, des “Merkur”, der “Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen”, des “Nordkuriers”, des “General Anzeigers”, des “Berchtesgadener Anzeigers”, der “Neuen Presse”, der “Schwäbischen”, der “Berliner Zeitung” und vielen mehr:




Die Geschichte wurde auch gedruckt, unter anderem in der “Süddeutschen”, der “Berliner Morgenpost” und der “Welt” (Ausriss):

Und nun der große Haken.

Schaut man sich (mit entsprechenden Russischkenntnissen) die Originalmeldung der Agentur Interfax an, wird klar: Das Wort „antirussisch“ kommt dort überhaupt nicht vor. Auch sonst liest sich die Originalmeldung viel harm- und belangloser als das, was die dpa daraus gemacht hat.

Übersetzt lautet die Interfax-Meldung:

In Moskau ist eine Veranstaltung im Sinne des Oktoberfestes nicht geplant, teilte der Leiter der Moskauer Abteilung für Handel und Dienstleistungen, Alexei Nemerjuk, am Mittwoch mit.

“Sicher ist: Es gibt keine Pläne für ein Bierfestival”, betonte Nemerjuk. Das Oktoberfest sei eine “historische Gegebenheit” für die Deutschen. In Russland gebe es solch eine Tradition nicht. “Es gab keine Anfrage von Seiten der Eventplaner Bierhersteller [korrigiert am 30.5.], und eine Tradition gibt es auch nicht”, so der Beamte.

Laut seiner Aussage startet im Sommer jedoch das Festival “Moskauer Konfitüre”, das bereits vergangenes Jahr durchgeführt wurde. Im Herbst erwarte die Bevölkerung das Festival “Goldener Herbst” und Ende des Jahres die traditionelle Veranstaltung “die Reise zum Christfest”.

Von Verboten ist da keine Rede, von “antirussisch” erst recht nicht. Der Beamte sagt bloß, dass kein Oktoberfest geplant sei und es für ein solches Fest keine Tradition in Russland gebe.

Wir haben sicherheitshalber auch noch bei Interfax nachgefragt. Hätte ja sein können, dass es eine weitere Meldung gab, in der tatsächlich das Wort „antirussisch“ auftaucht. Aber: Fehlanzeige.

Kurzum: “Antirussisch” ist an dieser Geschichte allein die Tatsache, dass deutsche Journalisten einem Moskauer Beamten Worte in den Mund legen, die die russische Politik schlecht(er) dastehen lassen, die er in Wahrheit aber nie gesagt hat.

Selbst wenn es keine böse Absicht war, sondern nur die Schludrigkeit des übersetzenden Journalisten — bei Lesern, die die Originalmeldung gelesen haben, kommt es so an, als wollten die deutschen Medien Russland bewusst schaden:

Und man kann ihnen diese Interpretation (zumindest in diesem Fall) nicht mal übelnehmen.

So untergraben die Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und stellen sich — sei es nun mit Absicht oder aus schierer Doofheit — selbst in die russlandfeindliche Ecke. Und das Traurigste ist: Sie merken es nicht mal. Oder sie wollen es nicht merken. Der Leser-Kommentar (Screenshot) ist inzwischen über zwei Wochen alt, seither haben auch einige andere Leser auf den Fehler hingewiesen. Trotzdem steht die Quatschgeschichte bei allen Medien, die wir oben aufgelistet haben, auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an Ben, Katha K. und Mascha B.!

Empörungsjournalismus, Denkfabriken, Wissenschaftslügen

1. “Die Produktion von Angst”
(tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Constantin Seibt schreibt über Empörungsjournalismus: “Das politische Resultat von Empörungsjournalismus ist primär Angst: die Angst, einen Fehler zu machen. Und zu deren Abwehr mehr Bürokratie. Journalismus wird zu einer teuren Sache.”

2. “Springer oder nichts”
(taz.de, Marco Wedig)
Zeitschriftenhändler, die “Bild” nicht mehr verkaufen möchten, werden von Vertriebsfirmen unter Druck gesetzt.

3. “Die Denkfabriken der BILD Zeitung”
(hogymag.wordpress.com, almasala)
Experten, die von “Bild” zitiert werden: “Wenn BILD ‘renommierte Experten’ von einer ‘renommierten Denkfabrik’ zu Wort kommen lässt, bedient sie sich stillschweigend des sogenannten Autoritätsarguments, um ihre eigene politische Sicht durch den Mund eines Experten verkünden zu lassen. Das Autoritätsargument geht von devoter Obrigkeitshörigkeit des Lesers gegenüber einem Experten aus: ‘wenn ein Experte das behauptet, wird das wohl schon richtig sein’. Ein weiterer Vorteil von Expertenmeinungen ist, dass die Verantwortung über die Richtigkeit der Aussagen alleine beim Experten liegen. Die ohnehin verrufene BILD muss sich in diesem Fall nicht dem Vorwurf aussetzen, wieder einmal falsche Behauptungen in die Welt gestreut zu haben.”

4. “Eine süße Lüge”
(sueddeutsche.de, Lars Langenau)
Ein Ausblick auf die am 5. Juni zu sehende Dokumentation “Schlank durch Schokolade – Eine Wissenschaftslüge geht um die Welt” (future.arte.tv): “‘Journalisten-Kollegen spielen bei dem Wissenschaftsmüll eine fragwürdige Rolle’, sagt Onneken. Erst durch die Publikation in einem ‘Fachblatt’ wurde ihre Studie zur Wahrheit – und die Veröffentlichung könne man sich etwa im angeblich renommierten International Archives of Medicine kaufen. Keiner prüfte die Echtheit des Instituts, keiner die dünne Auswahl an Probanden, ‘man vertraute einfach der Pressemitteilung, in der wir ein Märchen erzählt haben’, sagt Onneken.”

5. “Es kann ein wenig lauter werden: Über das Diskutieren im Netz”
(kleinerdrei.org, Lucie)
Lucie denkt nach über Filterblasen und fragt sich, “wer denn hier eigentlich wessen Meinung ‘aushalten’ soll”: “Sollen etwa Marginalisierte und Diskriminierte die Meinungen derer aushalten, die sie marginalisieren und diskriminieren? Ab wann halte ich eine Meinung aus? Wenn ich sie nicht mehr kritisiere?”

6. “Webmaster sammelt auf örtlicher CSU-Seite weiter Journalismus-Zitate”
(merkur.de, Daniel Krehl)
Siehe dazu auch “CSU schaltet neue Homepage frei” (merkur.de, Stephen Hank, 19. April), “Pegida-Programm auf CSU-Homepage gepostet” (merkur.de, Kathrin Brack, 16. April) und “Medienschelte auf Homepage der Kreis-CSU” (merkur.de, Stephen Hank, 14. April).

Zur “Westfalenblatt”-Kolumne

Wir müssen noch schnell einen Gedanken zur „Westfalenblatt“-Kolumne loswerden.

Am vegangenen Wochenende ist in der zur „Westfalenblatt“-Unternehmensgruppe gehörenden Sonntagszeitung „OWL am Sonntag“ folgende Kolumne erschienen:

Das Stück löste zwei Tage später — zu Recht — eine heftige Diskussion in den Sozialen Netzwerken aus, viele verurteilten den homophoben Charakter des Textes.

Daraufhin veröffentlichte das „Westfalenblatt“ eine Stellungnahme, in der der Redaktionsleiter unter anderem schreibt:

Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat. Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder »verwirrt werden« könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte – nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt. 

Diese Entscheidung der Eltern ist sicher für sich genommen diskussionswürdig. Wir halten sie mit Blick auf das Alter der Töchter – die Mädchen sind acht und sechs Jahre alt – allerdings durchaus für legitim. Selbstredend kann das jeder Erziehungsverantwortliche für sich selbst und seine Schutzbefohlenen natürlich anders sehen und handhaben. Diese Eltern aber haben für sich so entschieden, und auf dieser Entscheidung wiederum fußt der Rat unserer Autorin.

Einen Tag später, also gestern, gab das „Westfalenblatt“ eine weitere Stellungnahme heraus, die plötzlich deutlich anders klingt. Der Redaktionsleiter teilt diesmal mit:

Der Artikel der freien Autorin Barbara Eggert in der Sonntagszeitung „OWL am Sonntag“ vom 17. Mai hätte so in keinem Fall erscheinen dürfen. Er war fälschlicherweise mit der Redaktionsleitung nicht abgestimmt, und die Unternehmensgruppe WESTFALEN-BLATT distanziert sich ausdrücklich von seinem Inhalt. Zugleich trägt die Redaktion die volle Verantwortung für diese sehr gravierende journalistische Fehlleistung. Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung. Frau Eggert wird fortan nicht mehr für uns schreiben, wir werden ihre Kolumne beenden.

Wir wollen das gar nicht weiter kommentieren, im Grunde ist eh schon alles gesagt worden, und manches davon war erwartungsgemäß ähnlich daneben und empörenswert wie die Kolumne selbst. Irgendwann schien es einigen auch kaum mehr um die Sache zu gehen, sondern vielmehr darum, der Kolumnistin auf persönlicher Ebene eins reinzuwürgen.

Ein interessanter Punkt ist inmitten der ganzen Wut aber ziemlich untergegangen, darum wollen wir ihn noch kurz erwähnen. Unser Leser Marc D. hat es bei Facebook schon gut auf den Punkt gebracht, darum hier in seinen Worten:

Es gibt ja mindestens zwei Versionen der Kolumne, eine etwas ausführlichere und eine gekürzte.

Die ausführliche Kolumne klingt bei weitem nicht so homophob. Darin rät die Psychologin zwar auch, die Kinder nicht zu der gleichgeschlechtlichen Hochzeit zu lassen, begründet ihren Rat aber etwas anders. Tatsächlich ist daraus ein leichter Vorwurf in Richtung der Eltern herauszulesen, die es offenbar versäumt hätten, ihre Kinder über Homosexualität aufzuklären. Da sie nicht beurteilen könne, wie liberal die Eltern die Kinder aufgeklärt hätten, könne es tatsächlich zu Verwirrungen kommen, und die Eltern sollten in diesem Fall vielleicht ihre Kinder tatsächlich lieber zuhause lassen.

Die kritisierte Kolumne ist die redaktionell gekürzte. Für diese Kürzungen dürfte sich aber kaum die Verfasserin selbst verantwortlich zeichnen, denn sie ist ja laut Stellungnahme der Zeitung eine freie Mitarbeiterin. Da hat also eigentlich jemand anders gehörigen Bockmist gebaut, indem er durch die Kürzungen den Tenor der Kolumne meiner Wahrnehmung nach deutlich verschoben hat. Es handelt sich also mit einiger Wahrscheinlichkeit um ein Bauernopfer.

Natürlich ist auch die lange Version der Kolumne noch problematisch (was auch an der fehlenden Unterscheidung zwischen Liebe und Sex liegt), aber dennoch: In ihr wirkt die Sichtweise der Kolumnistin für uns zumindest ein Stück weit differenzierter.

Marc D. schreibt noch:

Unter dem folgenden Link findet man beide Versionen der Kolumne und kann sich ein eigenes Bild machen:

http://www.westfalen-blatt.de/Ueberregional/Artikel/1981377-In-eigener-Sache-Stellungnahme-zum-Artikel-Unsere-Toechter-schuetzen

… was vor allem jenen zu raten ist, die der Kolumnistin seit zwei Tagen die Pest und noch viel Schlimmeres an den Hals wünschen.

Fluchtfantasien

Was ist das Schlimmste, was ein Fußballer nach seinem letzten Spiel für einen Verein machen kann? Zum Beispiel sich wutentbrannt sein Trikot runterreißen und schnurstracks im Kabinentrakt verschwinden, ohne sich von den Fans zu verabschieden.

Und was das Sympathischste? Vielleicht noch schnell sein Trikot einem Fan mit Behinderung schenken, bevor er ordnungsgemäß und direkt zur vom Verband angeordneten Dopingkontrolle geht.

Na, und wie haben “Bild” und Bild.de wohl dieses Foto interpretiert?

Genau:

Der Hintergrund: Am vorletzten Spieltag der 2. Fußballbundesliga bekam Fortuna Düsseldorfs Stürmer Charlison Benschop seine fünfte Gelbe Karte der laufenden Spielzeit. Er ist damit für die letzte Partie der Saison am kommenden Sonntag gesperrt. Gut möglich, dass Benschop nie wieder für Fortuna Düsseldorf aufläuft: Es gibt Gerüchte, dass er bald den Verein wechselt.

Diese Gemengelage nutzt “Bild” für eine kleine Skandalgeschichte:

Direkt nach Abpfiff stürmt Benschop vom Platz, reißt sich sauer das Trikot vom Körper und verschwindet zur Doping-Probe — ohne sich wie der Rest des Teams von den mitgereisten Anhängern zu verabschieden.

Charlison Benschop wollte das so nicht stehen lassen:

Die Wahrheit: Ich gab mein Trikot dem behinderten Mann hinter dem Zaun, der es gerne haben wollte und musste anschließend direkt mit dem Herren links in blau zur Doping Kontrolle. Ich kann am Sonntag leider nicht spielen, was mich natürlich ärgert aber ich bin mit der Mannschaft dabei. Danke an alle mitgereisten Fans, die uns immer unterstützen und bis Sonntag :) @f95_fortunaduesseldorf

Aber auch ohne Benschops Erklärung stünde die “Bild”-Interpretation auf wackeligen Beinen. Man sollte bei Sportreportern schließlich das Wissen voraussetzen können, dass Fußballprofis vor einer Dopingprobe nicht noch lange Fans umarmen und alte Wegbegleiter herzen können. In den “Anti-Doping-Richtlinien” des DFB steht dazu (PDF):

Jeder betroffene Verein ist dafür verantwortlich, dass seine zur Kontrolle bestimmten Spieler den Chaperons bzw. dem Doping-Kontrollarzt und/ oder seinem Helfer nach Spielende direkt vom Spielfeld zum Raum für die Doping-Kontrolle folgen.

Mit Dank an Andreas S.!

Was “Focus Online” dann abschrieb, ist schier unglaublich

Oha, das passiert auch nicht allzu oft: Auf der Startseite von „Focus Online“ steht aktuell eine Nachricht, bei der man nicht (!) klicken muss, um zu erfahren, was passiert ist:

Aber so ganz ohne ihre liebgewonnenen Clickbaiting-Formeln kommen sie dann doch nicht aus, darum lautet der Einstieg in den Text:

Eine gefühlte Ewigkeit mussten die Kunden in einer Lidl-Filiale im irischen Dunboyne darauf warten, dass endlich eine zweite Kasse geöffnet wurde. Was dann geschah, ist schier unglaublich

Das Schöne ist: Vermutlich weiß der zuständige Redakteur nicht mal, wie recht er damit hat. Als Quelle werden nämlich die „Waterford Whispers News“ angegeben. Den Disclaimer, in dem steht:

Waterford Whispers News is a fabricated satirical newspaper and comedy website

… haben sie beim Recherche-Discounter “Focus Online” aber blöderweise übersehen.

Mit Dank an @derhuge, @vierzueinser, Stefan S. und Angelina E.!

Nachtrag, 14.20 Uhr: “Focus Online” hat den Artikel umgeschrieben. Die Überschrift lautet jetzt: “Satirebericht über Massenpanik in Lidl-Filiale begeistert das Netz”, und am Ende steht eine “Anm. der Red.”:

In einer früheren Version des Artikels fehlte der Hinweis, dass es sich um einen Satirebeitrag handelte.

Naja. Aber immerhin.

In 80 Fehlern um die Welt

Rennfahrer Lewis Hamilton und seine Formel-1-Kollegen hatten die vergangenen Wochen frei, nach dem Großen Preis von Bahrain war erstmal Rennpause. Und die hat Hamilton ordentlich genutzt:

Genau genommen ging’s für ihn in Teilstücken und dann aufsummiert “einmal um die Welt”. Wie Bild.de auf Hamiltons 45.000-Kilometer-Trip kommt?

Die genaue Reiseroute kann man auf seinem Twitter-Account nachvollziehen. Hamilton postete von jeder Station mehrere Fotos.

Der Tourplan laut Bild.de: Bahrain — London — Mallorca — Monza — Los Angeles — Las Vegas — New York — Brackley — Barcelona.

Mal davon abgesehen, dass Bild.de vermutlich nicht auf Hamiltons Twitter-Account (wo bis heute Mittag nichts zu sehen war über Aufenthalte auf Mallorca und in Barcelona), sondern auf dessen Instagram-Account nachgeschaut, einen Zwischenstopp in Rom und einen in Monaco vergessen hat und auf keinem der Kanäle Fotos von Hamilton in Brackley zu finden sind, gibt es noch ein ganz anderes Problem:

Die Bild.de-Weltreisen-Rechnung haut also nur dann hin, wenn Hamiltons Pilot beim Flug von London nach Mallorca eine große Schleife über halb Europa gedreht hat und die Strecke Mallorca — Monza gleich mehrfach geflogen ist, bevor er zur Landung ansetzte.

Inzwischen haben sie auch bei Bild.de gemerkt, dass das alles nicht so ganz hinhaut — vielleicht haben die kritischen Leserkommentare unter dem Artikel dazu beigetragen. Text und Überschrift wurden jedenfalls klammheimlich geändert: Aus den 8775 Kilometern nach Mallorca sind 1347 geworden, die 9730 Kilomenter nach Monza sind jetzt nur noch 862. Und aus der 45.000-Kilometer-Weltreise wurde eine 27.606-Kilometer-Halbweltreise:

Nun hat Lewis Hamilton am 30. April — also zwischen seinem Aufenthalt in Kalifornien und dem Boxkampf, den er sich in Las Vegas angeschaut hat — allerdings dieses Foto bei Instagram gepostet:

Sollte er also tatsächlich die 8666 Kilometer von Los Angeles bis ins britische Silverstone und von dort wenig später wieder die 8318 Kilometer nach Las Vegas geflogen sein, wäre Lewis Hamilton in den vergangenen 14 Tagen 44.590 Kilometer geflogen. Also — wie Bild.de vor der Verschlimmbesserung behauptet hatte — einmal um die Welt.

Mit Dank an Bishop und Christian K.

Mergste selbst, ne?

Uh, peinlich!

Den Nachnamen der deutschen Bundeskanzlerin mit “g” statt “k” schreiben — das ist ja so, als würde man am gleichen Tag Ungarns Ministerpräsidenten in einer Überschrift “Victor Orban” statt “Viktor Orbán” nennen:

Mit Dank an Dániel K.

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