Suchergebnisse für ‘Josef Wagner’

Bild  

Der Leichnam aus einer anderen Welt

Es fällt schwer, das zuzugeben oder zu glauben, aber wenn in “Bild” mal die Stimme der Vernunft spricht, dann tut sie es meist aus der Kolumne von Franz Josef Wagner.

Der schreibt heute ausnahmsweise mal nicht an, sondern über etwas:

Gaddafis Leiche,

sie liegt auf einer Matratze in einem Supermarkt-Kühlhaus aus. Schlangen davor, alle 10 Minuten neuer Einlass der Anstehenden.

Alle wollen den toten Gaddafi sehen. Es wird kein Eintrittsgeld verlangt im Museum des Krepierten.

Wagner gibt sich als Humanist zu erkennen:

In unserer Welt zieht man den Reißverschluss des Leichensacks zu. Wer immer auch tot ist, hat seine Würde. Wir alle wissen nicht, was der Tod ist. Egal, ob man ein Massenmörder ist oder ein Dichter – der Tod ist so ungeheuerlich.

Zwar erklärt Wagner nicht, was genau diese, seine, “unsere Welt” ist, aber der Begriff scheint ihm wichtig zu sein:

Ich verstehe, dass die Rebellen Libyens den toten Diktator bespucken. Aber dies kann nicht unsere Welt sein. Tote sollten nicht bespuckt werden. Tote sind in einer anderen Welt der Gerechtigkeit.

In der Franz-Josef-Wagner-Welt werden Leichen also nicht bespuckt und nicht öffentlich vorgezeigt.

Währenddessen, zwölf Seiten weiter in der “Bild”-Welt:

Schlange stehen zum Gaddafi-Gaffen. Halb nackt, blutverschmiert: der Leichnam Gaddafis im Kühlhaus.

Mit Dank auch an MB.

Nachtrag, 18.20 Uhr: Zwölf Seiten, pah! In der Hamburger “Bild”-Ausgabe ist der tote Gaddafi gleich auf der selben Seite abgebildet wie Wagners Text:

Schlange stehen zum Gaddafi-Gaffen. Halb nackt, blutverschmiert: der Leichnam Gaddafis im Kühlhaus.

Mit Dank an Helga B.

Bild  

Das Grauen hat einen Namen

Franz Josef Wagner hat einen Liebesbrief geschrieben. Er geht an Joachim “Jogi” Löw, den “eleganten Bundestrainer, der wunderbar aussieht”. Mit mehr als einer Prise Homoerotik erinnert sich Wagner “an Artikel, in denen es nur um Ihr strahlend weißes Hemd ging”:

Wie lässig es Ihren 50-jährigen Körper bedeckte, auf Taille geschneidert und zu allen Träumen veranlasste.

Dann war der Hype um Ihren blauen Pullover. Sie trugen ihn nackt auf Ihrer Haut.

Einmal in Fahrt, gibt es für Wagner kein Halten mehr:

Und zu Ihrer Schönheit kam das Haar, als hätte Gott jedes einzelne Haar in Ihren Kopf eingepflanzt. Dieses volle Haar. Sie sind 51 und Sie haben kein einziges graues Haar.

So gesehen dürfte Franz Josef Wagner ziemlich enttäuscht gewesen sein, als er den Sportteil jener Zeitung aufschlug, für die er arbeitet:

Keine Farbe mehr! Löw steht zu Grau. Deutschland siegt und siegt. Warum wird denn unser Bundestrainer grau und grauer? Wer Joachim Löw (51) am Fernseher genau beobachtete, sah graue Haare in der vollen Haarpracht und den Koteletten. Der Grund ist einfach: Löw färbt seine Haare schon länger nicht mehr. "Endlich fällt es den Leuten mal auf", sagt er lächelnd. Das dichte Haar hat er übrigens von seinem Vater geerbt.

Im vergangenen Jahr war “Bild” übrigens selbst noch überzeugt davon, dass Löws Haarfarbe echt sei:

Die dichten schwarzen Haare sind nicht gefärbt. Hat er vom Vater (Beruf Ofensetzer) geerbt.

Mit Dank an Flo M.

Bild  

Der letzte Blondikaner

Es spricht für die eigene geistige Gesundheit, wenn man nicht ganz versteht, warum “Bild” ausgerechnet zum 21. Jahrestag der Deutschen Einheit ein “Zukunfts-Special” darüber bringt, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird (“Ein Putz-Roboter macht unsere Hausarbeit”, “Fährt die Formel 1 bald elektrisch?”).

Franz Josef Wagner plagen in seiner “Post” an das “Liebe Jahr 2031” ganz andere Sorgen:

abgesehen davon, dass es in 20 Jahren kaum noch echte Blondinen gibt, wird sich die Welt nicht groß verändern. (…)

Natürlich ist es ein Verlust, wenn die Blondinen aussterben, “weil die Erbanlagen für dunkle Haare das blonde Haar dominieren” (so der Genetikforscher Prof. Steve Jones von der Universität London).

Welche Verluste, außer den Blondinen (blondes have more fun), werden wir in 20 Jahren spüren? (…)

2031 wird es im Winter schneien, der Mond wird aufgehen, die Sterne werden funkeln.

Ein 17-Jähriger wird eine chemisch gefärbte Blondine küssen.

Wagners Horrorvision einer Zukunft ohne Blondinen ist so befremdlich wie unbegründet. Zwar ist es korrekt, dass das “Blond-Gen” (oder besser Allel) rezessiv ist und sich daher in der Regel nicht durchsetzt, was zu einem (leichten und langsamen) Rückgang der Anzahl an (phänotypisch) blonden Menschen führen wird. Da das rezessive Gen aber auch in Nicht-Blonden schlummert und sogar dazu führen kann, dass zwei Nicht-Blonde blonde Kinder bekommen, ist ein Aussterben nahezu unmöglich.

Überhaupt ist das Aussterben der blonden Haarfarbe eine gut gepflegte Urbane Legende, die es sogar zu einem eigenen Eintrag in der englischen Wikipedia gebracht hat. Dort heißt es:

Bei dem verschwindenden Blond-Gen handelt es sich um eine pseudowissenschaftliche Behauptung, die seit 1865 immer wieder durch die Medien geistert. (…)

Die Behauptung basiert auf einer Fehlinterpretation von Rezessivität in der Genetik. In Wirklichkeit ist es unwahrscheinlich, dass blonde Haarfarbe ausstirbt (…).
(Übersetzung von uns.)

Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass 20 Jahre evolutionsbiologisch ohnehin eine lächerlich kurze Zeitspanne sind.

Jeder, der im Jahr 2031 in den Archiven der bis dahin längst eingestellten “Bild”-Zeitung wühlt, wird nur ein Kopfschütteln für die Sorgen von Wagner übrig haben — mit wallendem blonden Haar versteht sich.

Michael Jeannée, Papstbesuch, Hongkong

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Schluss mit der arroganten Scheiße!”
(taz.de, Isolde Charim)
Isolde Charim bespricht einen Auftritt (Video, 7:55 Minuten) in der Sendung “Die große Chance” auf ORF1, dem ersten öffentlich-rechtlichen Kanal in Österreich. Beteiligt sind Michael Jeannée, “eine österreichische Version von Franz Josef Wagner”, als Begleiter eines Motorengeräusch-Imitators und Sido als Juror.

2. “Bischof unter Verdacht”
(mittelbayerische.de, Christine Schröpf)
“Spiegel Online” meint, Bischof Gerhard Ludwig Müller im Restaurant “Grill Royal” gesehen zu haben, während dieser an der Papstmesse im Berliner Olympiastadion weilte. “Spiegel-Online hatte den Regensburger Oberhirten mit einem anderen bayerischen Kirchenmann verwechselt: Prälat Wilhelm Imkamp, Direktor der Wallfahrtsstätte Maria Vesperbild, der – grob betrachtet – ansatzweise eine Ähnlichkeit besitzt. Der Fehler ist inzwischen auf der Spiegel-Homepage korrigiert.”

3. “Prädikat: ‘Besonders peinlich!'”
(giordano-bruno-stiftung.de)
Die Giordano-Bruno-Stiftung hält Medienberichte zum Papstbesuch in Deutschland für unkritisch: “Im Fernsehen, im Radio, in den Printmedien wurden regelrechte Jubelarien auf den Papst angestimmt. Unterschiede zwischen Boulevard-Journalismus und Feuilleton verschwanden zunehmend – nicht nur die BILD feierte ‘ihren’ Papst, auch die ‘seriöse’ FAZ stimmte fröhlich in den frommen Jubelchor ein.”

4. “Das Transmitter-Problem”
(freitag.de, 2. September 2011)
Drei Wissenschaftler schreiben darüber, was die Medien aus ihren Forschungen machen: “Haben Sie schon davon gehört, dass die verheerenden Ausschreitungen in England durch eine chemische Mangelerscheinung im Gehirn verursacht wurden? Und dass wir bald in der Lage sein werden, ein solches Verhalten mit einem Nasenspray zu behandeln? Im Verlauf der vergangenen drei Wochen konnten Millionen von Menschen auf mindestens drei Kontinenten derartige Geschichten aus der Presse erfahren. Sie sind komplett erfunden.”

5. “Schweizer Online-Portal baut 24-Stunden-Redaktion auf”
(tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann)
Sonja Pohlmann stellt das Büro von 20min.ch in Hongkong vor.

6. “Günther meets Angie oder: Boulevard trifft Politik”
(heise.de, Rudolf Maresch)
Rudolf Maresch rezensiert den Besuch von Angela Merkel bei Günther Jauch (Video, 61 Minuten). Siehe dazu auch jacobjung.wordpress.com, nachdenkseiten.de oder welt.de.

Good Molch, bad Molch

Vielleicht können Psychologen erklären, warum Christian von Boetticher, frischgebackener Ex-designierter Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, das erste Interview nach seinem Rücktritt ausgerechnet jener Zeitung gegeben hat, die als erstes Medium über seine Beziehung zu einem damals 16-jährigen Mädchen berichtet hatte: Der “Bild am Sonntag”.

Die Folgeberichterstattung über Boettichers Rücktritt, seine ehemalige Geliebte und seine “Blitzhochzeit” mit seiner langjährigen Lebensgefährtin hatte dann “Bild” übernommen.

Oder, wie es die “Bild am Sonntag” ausdrückt:

Es ist seitdem viel über die Affäre, ihre Folgen und die Darsteller geschrieben und gesendet worden, man hat Boetticher in diesem Zusammenhang “einen Lolita-Politiker” genannt oder, deutlicher noch, einen “Lustmolch”.

Die letzte Bezeichnung scheint auch Boetticher schwer getroffen zu haben:

“(…) Erst wurde ich zum Kinderschänder gemacht, dann zum Weiberhelden und Lustmolch.”

Und dann direkt wieder “BamS”:

Wie lustig ist es für einen konservativen Politiker aus Schleswig-Holstein, Lustmolch genannt zu werden?

Man kann Boettichers Monologe durchaus unterbrechen, man muss dazu zwei bis drei Anläufe unternehmen. Aber er lässt die Unterbrechungen zu, sie verstimmen ihn nicht.

“Über den Lustmolch haben meine Freunde noch geschmunzelt. Sie wissen genau, dass ich mich weder zum Lustmolch noch zum Weiberhelden eigne.”

Langsam sollte es auch ein gemeiner Schwanzlurch verstanden haben: Herr Boetticher wurde als “Lustmolch” bezeichnet.

Aber wer war so böse, herz- und lustlos?

Sie, lieber von Boetticher, Sie sind weder christlich noch sozial. Sie sind ein Lustmolch. Herzlichst, Ihr Franz Josef Wagner

Mit Dank an Oliver K.

Journalismus in den Seilen

17 Stunden saßen die Leute, denen Franz Josef Wagner gestern seine “Post” widmete, am Wochenende in der Gondel einer Seilbahn in Schwangau im Allgäu fest. Erst am Samstagmorgen ab 6 Uhr konnten die 19 Fahrgäste und der Gondelführer gerettet werden.

Bei dapd mussten die Eingeschlossenen allerdings nicht so lange ausharren. Schon am Freitag um 18.44 Uhr vermeldete die Nachrichtenagentur ihre Rettung:

45 Bergbahnfahrgäste mit Hubschraubern geborgen

Nach der Kollision eines Tandemgleitschirms mit einem Bergbahntragseil sind am Freitag in Schwangau im Allgäu zwei Gondeln evakuiert worden. 45 Fahrgäste und die beiden Gleitschirmflieger mussten mit mehreren Hubschraubern geborgen werden, wie die Polizei mitteilte.

Erst nach Mitternacht vermeldete dapd, dass zu diesem Zeitpunkt immer noch fast die Hälfte der ursprünglich 45 Menschen in der oberen Gondel festsaßen.

Auch dpa hatte am frühen Freitagabend eine mindestens irreführende Meldung abgesetzt:

Gleitschirm legt Seilbahn lahm – 45 Fahrgäste steckten fest

Schwangau (dpa) – Ein Gleitschirm hat sich am Freitag in Schwangau im Allgäu in einer Seilbahn verfangen und sie damit stundenlang lahmgelegt. 45 Fahrgäste in den Gondeln mussten mit mehreren Hubschraubern geborgen werden.

In der Überschrift der Zusammenfassung von 20 Uhr war aus “45 Fahrgäste steckten fest” überraschend “45 Fahrgäste stecken fest” geworden, aber ansonsten legte der Text den Schluss nahe, dass die Rettungsaktion bereits erfolgreich abgeschlossen war:

Ein Gleitschirm hat sich am Freitag in Schwangau im Allgäu in einer Seilbahn verfangen und sie damit stundenlang lahmgelegt. 45 Fahrgäste in den Gondeln der Tegelbergbahn mussten mit Hubschraubern geborgen werden.

Die Rettungsaktion dauerte bis in den Abend an.

Die dpa erklärte uns auf Anfrage, dass diese Meldungen für die Tageszeitungen des Samstags gedacht waren, die bereits am Abend Redaktionsschluss haben. Es handle sich dabei um einen “Kunstgriff”, die Redaktionen würden meist selbst dazuschreiben, dass die Entwicklung bei Redaktionsschluss noch nicht zu abgeschlossen gewesen sei. (Aus der Meldung selbst ergibt sich das allerdings nicht.)

Anders als dapd setzte dpa seine Berichterstattung am Abend aber fort und meldete so etwa um 22.04 Uhr:

Ein Ausflug in die Berge nahe dem Schloss Neuschwanstein hat für zahlreiche Menschen eine dramatische Wende genommen. Nach einem Unfall steht die Seilbahn still. 45 Menschen sitzen in luftiger Höhe fest.

Da stimmte dann nur die Zahl nicht mehr.

Doch auch nach der erfolgreichen Rettung aller eingeschlossenen ließen die journalistischen Merkwürdigkeiten nicht nach — sie fingen bei Bild.de erst richtig an.

Sonntagmittag vermeldete das Portal:

Er brachte 50 Menschen in Lebensgefahr: Gleitschirm-Pilot auf der Flucht

Und schrieb:

UNFASSBAR, DER GLEITSCHITM-PILOT IST AUF DER FLUCHT!

Der Mann aus dem schweizerischen Kanton Zürich hat sich direkt nach der Bergung in die Schweiz abgesetzt.

Unfassbar und ziemlicher Quatsch — den “Welt Online” gerne übernommen hat:

17 Stunden Angst. Autor: Antje Hildebrandt. Gleitschirmflieger von Gondel-Drama auf der Flucht. Die Situation in der Gondel am Tegelberg war kritischer als bisher angenommen. Der mutmaßliche Schuldige ist in die Schweiz geflüchtet.

Das “Füssener Blatt” hat heute ein Interview mit dem Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in Kempten, Christian Owsinski, abgedruckt. Darin heißt es unter anderem:

Der Gleitschirmpilot, der einen Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks in Gurt hatte, hat sich angeblich in die Schweiz abgesetzt. Stimmt das?

Owsinski: Die Formulierung “abgesetzt” ist irritierend, denn der Mann hat sich dem Zugriff der Behörden nicht entzogen. Der Deutsche mit Wohnsitz in der Schweiz ist nach dem Vorfall am Tegelberg in die Schweiz abgereist. Das ist nicht zu beanstanden.

Mit Dank an Norbert P., Murry, Jens und Michael W.

Elektroschrott, Norwegen, Karim El-Gawhary

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Journalisten erklären, wie es bei Österreichs Boulevardzeitungen wirklich zugeht”
(falter.at, Ingrid Brodnig und Nina Horaczek)
Österreichische Medienschaffende erzählen aus ihrem Arbeitsalltag. Ein “Jungjournalist” sagt zum Beispiel: “Du musst dir das so vorstellen: Als Redakteur schlägt man meist die eigene Geschichte nicht vor, sondern es wird einem gesagt, was man zu schreiben hat, welchen Politiker man zitieren soll. Du musst dann den Artikel so hinbiegen, auch wenn die Recherche etwas anderes ergibt.”

2. “Gib mir einen Splash!”
(tagesspiegel.de, Tewe Pannier)
Was Tewe Pannier 1986 während sechs Wochen als Gastreporter beim “Sunday Mirror” erlebte.

3. “Zahlen, bitte!”
(muel.ch, Samuel Burri)
Afrika-Korrespondent Samuel Burri versucht herauszufinden, wie viele Tonnen elektronische Geräte in Ghana ankommen und was davon noch zu gebrauchen ist.

4. “Die Inszenierung des Attentäters”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Kai Gniffke schreibt über den Umgang mit dem Norwegen-Attentäter: “Nahezu alle Kriminologen und Psychologen haben uns bestätigt, dass es das Ziel eines Amokläufers ist, Aufmerksamkeit zu erzielen. Er inszeniert sich, um wahrgenommen zu werden und erwartet von den Medien, dass sie ihm eine Bühne bieten. Er (in der Regel sind es Männer) möchte auf den Titelseiten der Zeitungen und im Fernsehen auftauchen, gerne in der von ihm selbst gewählten Pose. Er möchte, dass seine Gedanken bekannt werden ebenso wie sein Name – gerne auch postum.”

5. “Der blonde Teufel von Seite 1”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Auch Lukas Heinser widmet sich der Medienberichterstattung zu den Anschlägen in Norwegen: “Es muss schon einiges falsch gelaufen sein, wenn die Stimme der Vernunft ausgerechnet aus dem Körper von Franz Josef Wagner spricht.”

6. “Die Arbeit als Nahost-Korrespondent”
(blogs.taz.de/hausblog, Video, 13:40 Minuten)
Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary zu Besuch bei Stermann & Grissemann.

Super!, Urs Meier, Elmar Theveßen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wie BILD am SONNTAG aus Fehlern Profit schlägt”
(danielbroeckerhoff.de, Tina Schober)
Tina Schober beleuchtet die Hintergründe zu einem in der “Bild am Sonntag” abgedruckten Foto eines siebenjährigen Mädchens aus Thüringen, das ermordet wurde. “Die Redaktion entschuldigt sich also für ein falsch abgedrucktes Foto – und belohnt sich mit einem Exklusiv-Bild.”

2. “Ein Schweizer Opfer packt aus”
(sonntagonline.ch, Nadja Pastega)
Ex-Fußballschiedsrichter Urs Meier erzählt, was ihm widerfuhr, nachdem er 2004 England ein Tor aberkannte. “Britische Journalisten haben in Portugal recherchiert, ob ich dort eine Ferienwohnung oder ein Haus besitze. Sie wollten mir nachweisen, dass ich mal Geld genommen habe oder korrupt war. Meiner Ex-Frau haben sie 30000 Pfund geboten, weil sie eine Story machen und mich in die Pfanne hauen wollten. Meinem damals 14-jährigen Sohn haben sie auf dem Schulweg abgepasst. Sie wollten wissen, von welcher englischen Mannschaft er Fan sei. Wenn er über seinen Vater rede, würden sie organisieren, dass er zu einem Spiel seiner Lieblingsmannschaft gegen Manchester United eingeladen werde.”

3. “Die Macht der Boulevard-Zeitungen”
(echo-online.de, Klaus Thomas Heck)
Klaus Thomas Heck erinnert an die Boulevardzeitung “Super!”, die Anfang der 1990er-Jahre in Ostdeutschland erschien: “Ein Jahr lang kübelt die Zeitung, die im englischen Tabloid-Format erscheint, eine widerliche Mischung aus Übertreibungen und Halbwahrheiten aufs Papier, dann endet die Ära von ‘Super!’ am 24. Juli 1992 wegen sinkender Auflagen. Doch viele ihrer Redakteure landen später problemlos bei anderen Medien. Franz Josef Wagner ist heute Kolummnist für ‘Bild’. Und auch die Verleger von ‘Super!’ haben ihr ostdeutsches Abenteuer gut überstanden. Sie hießen Hubert Burda – und Rupert Murdoch.”

4. “Plädoyer zur Abschaffung des Terrorexperten. Selten waren so viele so schnell auf dem Holzweg”
(blogs.taz.de/arabesken, Karim El-Gawhary)
Die ersten Spekulationen von Terrorexperten nach den Anschlägen in Norwegen befassen sich mit möglichen islamischen Tätern, obwohl es dafür keine konkreten Anhaltspunkte gibt (BILDblog berichtete, siehe dazu auch Stefan Niggemeier).

5. “BILD.de vs. Elmar Theveßen: die fragwürdige Degradierung eines renommierten Journalisten zum Möchtegern-Experten”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Für “Bild” ist ZDF-Journalist Elmar Theveßen ein “Möchtegern-Experte” und darum “Verlierer des Tages”. Ralf Marder: “Ich meine, dass man hier zu weit über das Ziel hinausgeschossen ist und sich vielleicht auch mal an die eigene Nase fassen sollte.” Siehe dazu auch die Stellungnahme von Elmar Theveßen im ZDF-Blog.

6. “Der ZEIT-Online-Totenrechner: 1500 deutsche Opfer in Norwegen”
(blog.dummy-magazin.de)
“Auf Deutschland mit seinen 80 Millionen Menschen umgerechnet, würde dies fast 1500 Tote in einer Nacht bedeuten”, schreibt Christoph Bertram auf zeit.de zu den Opfern in Norwegen. Das dummyblog erweitert die Umrechnung: “Wieso bei der Umrechnung der Opfer auf Deutschland aufhören? Viel eindrucksvollere Ergebnisse verspricht der Vergleich mit China. 90 Norweger entsprechen 24000 Chinesen!”

Murdoch, Henri-Nannen-Preis, Beamtenstuben

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der britische Umsturz”
(faz.net, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier analysiert die aktuellen Vorgänge rund um den Medienkonzern News Corp: “Es scheint, als sei Großbritannien von einer Besatzungsmacht befreit worden. Ein Bann ist gebrochen, und die Reaktionen sind so heftig, dass man fragen muss, ob es sein kann, dass das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht von Thatcher, Major, Blair, Brown und Cameron regiert wurde, sondern von Murdoch, Murdoch, Murdoch, Murdoch und Murdoch.” Siehe dazu auch den Entschuldigungsbrief von Rupert Murdoch im Original und “im Original” (wirres.net, englisch).

2. “Franz Josef Wagners Weisheiten (3)”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Hat bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft eine Schwedin einer Französin “mit ihrem Fußballschuh ins Gesicht” getreten, wie Franz Josef Wagner schreibt? Nein.

3. “BILD diktiert den Körperkult”
(filmrisss.blogspot.com)
Das “Bild”-Drehbuch zu Michelle Hunziker und ihrem Bodyguard in fünf Zeilen zusammengefasst.

4. “Die Debatte um den Henri-Nannen-Preis 2011”
(reporter-forum.de, PDF-Datei, 346 kb)
Das “Reporter-Forum” arbeitet die Debatte um den verliehenen und gleich wieder aberkannten Henri-Nannen-Preis auf. “Weil diese Debatte so lehrreich ist, haben wir einen Reader mit den wichtigsten Beiträgen zusammengestellt. Und zudem drei Autoren gebeten – sie sind selbst nicht Teil des Gemenges -, die Standpunkte einzuordnen: Bernhard Pörksen, Professor aus Tübingen, Georg Brunold, Experte für literarische Reportagen, und Nora Berning, eine junge Narratologin.”

5. “Ein stummer Schrei nach Liebe”
(philibuster.de, Michael Stepper)
Michael Stepper schreibt an junge Journalisten: “Seid mir nicht böse, Ihr jungen Journalisten, aber vielleicht habe ich da auch einfach etwas falsch verstanden: Ihr fordert tatsächlich, dass Euch die Verleger die Hintern pudern, weil Ihr einen Traum vom unabhängigen Journalismus träumt?” Auch ältere Kollegen kommen zur Sprache: “Immer wieder sehe ich die Bilder in den einschlägigen Branchenmagazinen. Bilder von alternden Journalisten, die mit traurigen Gesichtern vor Ihren Verlagsgebäuden stehen und noch traurigere Transparente in die Luft halten. Pappschilder die Aufschriften tragen wie: ‘Tarifflucht ist unmoralisch!’ oder ‘Unsere Arbeit ist mehr wert!’ Und die dann nach der Demo wieder in ihre Redaktionsbüros wandern – die längst Beamtenstuben ähneln – und sich wundern, dass dieses Internet ihren Job so ruhelos gemacht hat.”

6. “Ein staatenloser Deutscher, gefangen in der Schweiz”
(welt.de, Marc Neller)
Tontechniker Peter Wilk versucht vergeblich, Deutschland zu beweisen, dass er ein Deutscher ist. “Wilk ist in Gelsenkirchen geboren, in Essen aufgewachsen, seine Eltern waren Deutsche, er hat seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr geleistet. Er hat 30 Jahre in Deutschland verbracht, mehr als die Hälfte seines Lebens.”

AFP, dapd, dpa  etc.

Panikmache in deutschen Landen

Das Darmbakterium EHEC sorgt in der Bevölkerung für Unruhe: Franz Josef Wagner schrieb gestern an die “lieben Gurken, Tomaten, Kopfsalate” und stellte fest, dass “alles, was früher gesund war”, heute “nicht mehr gesund” sei, und bei “Spiegel Online” erklärte ein Gemüsehändler:

Händler im Ehec-Stress: "Ich werde wie ein Mörder behandelt, weil ich Gurken verkaufe"

Am Mittwochabend hatte die Deutsche Presseagentur (dpa) getickert:

Auch für die Fachleute vom Robert Koch-Institut erhellt sich das Bild erst langsam. Aufgrund einer unter Hochdruck erstellten Studie greifen die Experten jetzt zum Hammer: Vorsorglich sollte man auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland komplett verzichten.

Doch der “Hammer” hing woanders: in seiner Pressemitteilung hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) erklärt:

Vor dem Hintergrund des noch anhaltenden, gravierenden Ausbruchsgeschehens mit zum teil schweren gesundheitlichen Folgen empfehlen RKI und BfR über die üblichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gemüse hinaus, vorsorglich bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.

Also keine Warnung vor Gemüse aus Norddeutschland, sondern “insbesondere in Norddeutschland” — ein Unterschied, wie ob man vor Touristen aus einem bestimmten Land warnt oder vor Urlaub ebenda.

Das BKI hatte sogar noch erklärt, dass die Studie “nur bedingt Aussagewert für andere betroffene Orte” habe, da sie nur in Hamburg durchgeführt worden war. Das hatte sogar die dpa irgendwie verstanden:

(…) Aussagewert hat die Studie vor allem für Hamburg. Doch der Rat zum Komplettverzicht im Norden im Rohzustand trifft Millionen Menschen, Bauern und Händler.

Haben Sie’s gemerkt? Jetzt war plötzlich vom Komplettverzicht im Norden die Rede.

Doch in einer zweiten Kurzmeldung (“EHEC: Warnung vor Salat, Gurken und rohen Tomaten aus dem Norden”) warnte das RKI laut dpa plötzlich vor dem Gemüse “insbesondere aus Norddeutschland”. Und da es Agenturen wie AFP und dapd auch nicht so genau genommen hatten, rollte die Lawine los:

EHEC: Keine Tomaten, kein Salat aus Norddeutschland. Wo kommt der EHEC-Keim her? Erste Experten raten davon ab, Tomaten, Gurken und Salat aus Norddeutschland zu essen. Für die Gemüsehändler ist die Warnung ein Desaster.

Salat, Gurken und Tomaten: Experten warnen vor rohem Gemüse aus Norddeutschland

RKI warnt vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland: Das Robert Koch-Institut warnt davor, rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland zu essen. Die EHEC-Erkrankten in einer Studie hätten diese Gemüsesorten deutlich häufiger gegessen als gesunde Vergleichspersonen, teilte das Institut in Berlin mit.

EHEC: Warnung vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland

Darmkeim Ehec: Warnung vor Gemüse aus Norddeutschland

Salat, Gurken und Tomaten: Experten warnen vor rohem Gemüse aus Norddeutschland

Auch in der 20-Uhr-“Tagesschau” sprach Marc Bator am Mittwoch von einer Warnung vor “Salaten, Salatgurken und Tomaten, insbesondere aus Norddeutschland”, während sich “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke nicht so recht entscheiden wollte, ob es nun um Gemüse aus oder in Norddeutschland ginge. Wichtiger als der richtige Sachverhalt war ihm offenbar die richtige Reihenfolge der Meldungen in seiner Sendung.

Rund eine Stunde später versuchte die dpa mit einer weiteren Meldung, den Fehler unauffällig zu korrigieren. Doch die “Warnung vor Salat, Gurken und rohen Tomaten im Norden” interessierte da schon niemanden mehr. Auch AFP und dapd schwenkten irgendwann unauffällig auf die Formulierung “in Norddeutschland” um.

Am Donnerstag aber wählte die dpa eine ganz besondere Art der Korrektur und veröffentlichte am Nachmittag unter der Überschrift “EHEC-Warnung galt für den Norden, nicht für Gemüse aus dem Norden” eine Meldung, die dpa-Chef Wolfgang Büchner höchstselbst als Autor auswies.

Darin hieß es:

Auf Grundlage dieser Pressemitteilung des RKI berichteten zahlreiche Medien, das Institut warne vor Gemüse aus Norddeutschland. Auch die dpa sendete am Mittwochabend eine Eilmeldung mit der “Überschrift RKI warnt vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland”. Diese Formulierung war unscharf, weil sie als Aussage über der genaue Herkunft des Gemüses verstanden werden konnte. Es sollte damit aber lediglich eine Aussage über die regionale Begrenzung der Warnung getroffen werden. Die Formulierung “Gemüse aus Norddeutschland” wurde und wird in der weiteren dpa-Berichterstattung nicht mehr verwendet.

Da die dpa ihre Artikel in den Redaktionssystemen ihrer Kunden aus technischen Gründen nur am Veröffentlichungstag selbst korrigieren kann, die Ursprungsmeldung aber schon vom Vortag war, schrieb die dpa erklärend dazu:

Damit wird die dpa 1812 vom 25. Mai präzisiert. Damit ist klargestellt, dass das RKI nicht ausdrücklich vor Gemüse aus Norddeutschland gewarnt hatte, sondern vor dem Verzehr roher Tomaten, Salatgurken und Blattsalate “insbesondere in Norddeutschland”.

Zu der eigentlich fälligen Welle von Korrekturen oder “Präzisionen” auf den News-Seiten führte dieser Hinweis aber nicht.

Mit Dank an Gert M., Marcus W. und Jo A.

Blättern: ◄ 1 ... 13 14 15 ... 22 ►