Suchergebnisse für ‘Gelb’

Drittliga-Journalismus

Die UEFA muss verrückt geworden sein:

Drittliga-Schiri pfeift Dortmunds Halbfinale

Na gut, ein paar höherklassige Spiele hat Howard Webb aus England auch schon gepfiffen, wie auch Bild.de zugeben muss:

Der Unparteiische wurde berühmt-berüchtigt, weil er im WM-Finale 2010 in Südafrika einen brutalen Kung-Fu-Tritt des Holländers Nigel de Jong gegen Xabi Alonso nur mit Gelb bestrafte. Später räumte er ein: “Das war eine Rote Karte.”

Aber in letzter Zeit lief es bei ihm offenbar nicht so gut:

Seltsam: Webb wurde in der vorletzten Woche in England in der Premier League wegen schlechter Leistungen in die 3. Liga versetzt – aber Champions League darf er pfeifen.​

Der Einsatz in der Champions League wird vielleicht ein weniger “seltsam”, wenn man weiß, dass Webb nach seiner “Strafversetzung” in die 3. Liga am vorletzten Wochenende an diesem Samstag noch das Spiel zwischen Manchester City und West Ham United gepfiffen hat — in der Premier League, der ersten englischen Liga.

Und das scheint nicht unüblich zu sein: Der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark, der bei der WM in Südafrika immerhin auch drei Spiele gepfiffen hatte, hat in dieser Saison sogar ein Spiel in der Regionalliga Bayern geleitet. Was ihn nach der Logik von Bild.de zum “Viertliga-Schiri” machen würde.

Mit Dank an Marcus H.

Der Spiegel, Edwy Plenel, Leischure

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Halle wehrt sich”
(mz-web.de, Detlef Färber)
Ist die Stadt Halle eine “Hochburg des Rechtsradikalismus in Deutschland”, wie der “Spiegel” schreibt? Einwohner von Halle “überrascht” und “irritiert” diese Einschätzung. Autor Gordon Repinski antwortet den Reaktionen im “Spiegel”-Blog und erhält seinerseits Kommentare.

2. “Ex-Korrespondentin klagt gegen Spiegel”
(taz.de, Jasmin Kalarickal)
Eine langjährige freie Mitarbeiterin des “Spiegel” in Indien versucht vergeblich, ihren vertraglichen Status zu verändern. “Ja, sie hat die Verträge, die immer auf ein Jahr befristet waren, so unterschrieben. ‘Wer sagt denn Nein zu einer Adresse wie dem Spiegel?’, fragt die alleinerziehende Mutter.” Im “Spiegel”-Blog bestreitet Auslandsressortleiter Clemens Höges, der “Spiegel” habe sich zur Sache nicht äußern wollen.

3. “Der Journalist, der Hollande in Bedrängnis brachte”
(faz.net, Michaela Wiegel)
Michaela Wiegel stellt Edwy Plenel vor, der ein Auslandskonto von Frankreichs Haushaltsminister Jérôme Cahuzac aufdeckte: “Plenel ist davon überzeugt, dass Frankreichs Demokratie an einem Mangel von unabhängigen Presseorganen krankt.”

4. “‘Und dafür zahle ich GEZ!'”
(herrmeinhold.antville.org)
Philipmeinhold schreibt über den Rundfunkbeitrag: “Gut möglich, dass ich mich ebenfalls aufregen würde, wenn ich Monat für Monat ausgewiesen bekäme, wie viel meines Gehalts ich in den Bau von Autobahnen investiere – insofern hat es der Rundfunkbeitrag vergleichsweise schwer.”

5. “Weltneuheit: die erste Suchmaschine, die das Leistungsschutzrecht einhält!”
(blog.odem.org, Alvar Freude)
Alvar Freude präsentiert Leischure, “die erste Leistungsschutzrechts-legale Suchmaschine”.

6. “Mehrheit der Jugendlichen fühlt sich von Zeitungen und Zeitschriften im ÖPNV belästigt”
(eine-zeitung.net)

Innovation, Mail Online, Berlin Bundesplatz

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Schränkt der deutsche Staat die Pressefreiheit ein?”
(zeit.de, Martin Kotynek)
Martin Kotynek fürchtet aufgrund eines noch ausstehenden Gerichturteils eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland. “Bundesbehörden sollen nicht mehr länger verpflichtet sein, Journalisten nach den Pressegesetzen Auskunft zu erteilen. Das will das Innenministerium vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig durchsetzen. Gelingt es, wäre die Pressefreiheit stark beschnitten.”

2. “Richtig, aber altbekannt”
(spiegel.de, Carsten Holm)
“Bild” schreibt, RAF-Mitglied Verena Becker habe mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet. “Das ist alles richtig – aber schon seit Jahren im Detail bekannt.”

3. “Wer suchet, der findet nichts – Fernsehinnovationen in Deutschland und Frankreich”
(dietrendblogger.de, Mareike Schönherr)
Mareike Schönherr vermisst echte Innovationen der TV-Sender. “Wie lange will man sich in den Fernsehanstalten noch dem Internet verschließen bzw. dieses wenn, dann nur halbherzig einbinden?”

4. “Die einvernehmliche Täuschung des Publikums”
(journalist.de, Jens Bergmann)
PR-Termine im Journalismus: “Für Journalisten, die noch nicht total verdrängt haben, warum sie den Beruf einst ergriffen haben, ist der Job des Werbe-Onkels für Berühmtheiten natürlich sehr unbefriedigend, von der Bezahlung ganz abgesehen.”

5. “‘I would like to ask MailOnline to please remove the photos'”
(tabloid-watch.blogspot.de, MacGuffin, englisch)
“Mail Online” veröffentlicht ein Ultraschall-Foto, das fotografiert wurde, als es Evan Rachel Wood auf dem Dach eines Parkhauses in den Händen hielt.

6. “‘Jedes Schicksal ist besonders'”
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Tobias Haberl)
Ein Gespräch mit den Machern von “Berlin – Ecke Bundesplatz”, einer Langzeit-Dokumentation, die ab 1986 gedreht wurde.

Christian Semler, Ralf Hoppe, Fotojournalisten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die Freude, ihn gekannt zu haben”
(taz.de)
Die “taz” verabschiedet sich von Christian Semler.

2. “Das komplizierte Verhältnis von Berichterstattern und Internetfirmen”
(netzwertig.com, Martin Weigert)
Martin Weigert beschreibt, wie schwierig es für Journalisten ist, nahe am Objekt der Berichterstattung und gleichzeitig unabhängig zu sein. “Je häufiger man gemeinsam auf Events und Parties Zeit verbringt, Bierchen trinkt und sich gegenseitig Informationen zuschiebt, desto schwieriger fällt es, in der Berichterstattung hundertprozentig der eigenen Linie treu zu bleiben.”

3. “Durchsucht: Staatsanwaltschaft nervt Pressefotografen”
(ndr.de, Video, 6:22 Minuten)
“Zapp” fragt bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt nach, warum sie Arbeitsmaterial von Fotojournalisten beschlagnahmt hat. Siehe dazu auch “Hausdurchsuchung bei Pressefotografen – mal eben so” (carta.info, Sabine Engelhardt).

4. “‘Am Flughafen'”
(spiegel.de, Ralf Hoppe)
Ralf Hoppe antwortet auf die Zweifel, die Alexander Svensson an einer im “Spiegel” beschriebenen 36-stündigen Blockade der Startbahn des Flughafens in Reykjavík hegte. Siehe dazu auch “ralf hoppe ist irgendwas peinlich” (wirres.net, Felix Schwenzel).

5. “Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch zu retten?”
(drehbuchautoren.de, Peter Henning)
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ersticke in seiner formatierten Programmgestaltung, schreibt “Tatort”- und Fernsehfilm-Regisseur Peter Henning – “allenfalls noch der ‘Tatort’ und der eine oder andere Fernsehfilm” rage aus dem Einheitsbrei hervor.

6. “Iran Photoshopped Its New Stealth Fighter Jet to Look Like It Was Flying When It Totally Wasn’t”
(gizmodo.com, Casey Chan, englisch)

Nach der Umfrage ist vor der Umfrage

Wenn Journalisten mit Statistiken jonglieren, ist immer äußerste Vorsicht geboten. Bei Umfrageergebnissen verhält es sich offenbar ganz ähnlich. Fangen wir bei “stern.de” an.

Zwei Tage nachdem Schwarz-Gelb Ende Januar bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Schlappe hinnehmen musste, hatte das Portal doch noch eine gute Nachricht für die Anhänger von Union und FDP:stern-RTL-Wahltrend - Keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene

“stern.de” weiß:

Die Union kann weiter zuversichtlich auf das Wahljahr blicken.

Denn im “stern-RTL-Wahltrend” hält sie “mit 42 Prozent (…) einen ihrer besten Werte seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist”. Die SPD hingegen “verharrt weiter im Tief: Zum zweiten Mal in Folge erreicht sie nur 23 Prozent”.

Durchgeführt wurde die Befragung für den “stern-RTL-Wahltrend” vom Forsa-Institut, dessen Chef Manfred Güllner ebenfalls zu Wort kommt:

Dass die SPD trotz des rot-grünen Wahlerfolgs in Niedersachsen bundesweit schwach bleibt, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner nur auf den ersten Blick ein Gegensatz.

Auf den zweiten Blick ist ihm dann vielleicht etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, dass sein Institut die Umfrage vom 14. bis 18. Januar durchgeführt hat – also mehrere Tage vor der Niedersachsenwahl. Dass die Wahl die Umfrageergebnisse nicht beeinflusst hat, könnte also durchaus daran liegen, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht mal begonnen hatte.

Das müssten die Leuten bei “stern.de” eigentlich auch bemerkt haben, denn am Ende des Artikels schreiben sie selbst:

Datenbasis: 2506 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger, befragt vom 14. bis 18. Januar 2013, statistische Fehlertoleranz: +/- 2,5 Prozentpunkte. Institut: Forsa Berlin.

Und schon am Anfang des Textes:

Im stern-RTL-Wahltrend, der vor der Wahl in Niedersachsen erhoben wurde, (…)

(Hervorhebungen von uns.)

Und auch sonst beweist “stern.de” viel Geschick darin, inhaltliche Widersprüche einfach zu ignorieren. Während es noch in der Überschrift heißt, es gebe “keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene”, und im Teaser, Schwarz-Gelb habe im Wahltrend “triumphiert”, stellt sich dieser Triumph im Text ein bisschen anders dar: Die FDP ist bundesweit nämlich “nur auf 4 Prozent” gekommen — und wäre damit nicht mal im Parlament. Nicht die besten Voraussetzungen für eine schwarz-gelbe Zukunft.

Eine ähnliche Verrenkung hat heute “Spiegel Online” hinbekommen: Umfrage: Union legt trotz Schavans Plagiatsaffäre kräftig zu

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt der ehemaligen Bildungsministerin klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von “Stern” und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Dass die Union “trotz Schavans Plagiatsaffäre” zulegt, mag ja sein. Das heißt aber nocht nicht, dass sie es “trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt” tut:

Der Doktortitel wurde Frau Schavan am 5. Februar aberkannt. Durchgeführt wurde der Wahltrend, wie “Spiegel Online” selbst schreibt, “in der Zeit vom 4. bis 8. Februar”. Einige Befragte konnten also noch gar nichts von der Aberkennung des Doktortitels wissen. Vom Rücktritt wussten sogar noch weniger der befragten Personen — niemand, um genau zu sein. Denn der wurde erst einen Tag nach der Umfrage bekanntgegeben.

Mit Dank an Jascha H.

Nachtrag, 20.10 Uhr: “Spiegel Online” hat sich unauffällig korrigiert. Der betreffende Absatz lautet nun so:

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Debatte um ihre Doktorarbeit klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von “Stern” und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Und aus dem Satz …

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt.

… ist Folgender geworden:

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt – also noch vor dem Rücktritt der Ministerin. Diese zog sich am 9. Februar vom Amt der Bildungsministerin zurück.

Superlative, Übergriffe, Affen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der kritischste Artikel über Superlative aller Zeiten”
(sportsaal.de, Derhatschongelb)
Der Sportjournalismus neigt zu Superlativen. Dabei wäre Aufmerksamkeit auch bei einer nüchternen Anpreisung sicher: “Ich würde die Videos und Geschichten auch anklicken, wenn sie einfach mit ‘Mittelfeldspieler trifft aus 78 Metern’ oder ‘Torwart schießt Abstoß ins eigene Toraus’ betitelt wären.”

2. “Qualitätsmedien im Web: Artikel werden zur Trägermasse für Klick-Fabriken”
(onlinejournalismusblog.com, Stephan Dörner)
Die Auswirkungen von Page Impressions als Währung für Werbung im Netz: “Der für mich wichtigste Schritt, Qualitätsjournalismus ins digitale Zeitalter zu holen, ist, ihn endlich auch im Onlinejournalismus stattfinden zu lassen. Sobald das passiert ist, können alle Medienhäuser auch über eine Monetarisierung beispielsweise über Paywalls nachdenken. Vorher nicht.”

3. “Analyse: Der typische Bild-Leser”
(meedia.de, Jens Schröder)
“Der typische Bild-Leser” ist “ein Mann im Alter von 40 bis 59 Jahren”, schreibt Jens Schröder. “Er ist zur Haupt- oder Realschule gegangen, arbeitet als Facharbeiter und verfügt über ein Haushalts-Nettoeinkommen von 1.500 bis 2.500 Euro.”

4. “Wahrlich, keine Sternstunde”
(saarbruecker-zeitung.de, Bernard Benrarding)
Bernard Benrarding kommentiert die Vorwürfe einer “Stern”-Journalistin gegen Rainer Brüderle: “Was für eine Heuchelei: Ausgerechnet jene, die permanent mit grellem Sex Auflage machen, schüren die Erregung über angeblichen Sexismus.” Siehe dazu auch “‘Anzügliche Blicke gibt es überall'”, ein Interview mit Wibke Bruhns (tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann).

5. “Normal ist das nicht!”
(kleinerdrei.org, Maike)
Maike versammelt verschiedene Erlebnisse sexueller Übergriffe im Alltag: “Solche Erlebnisse prägen – dabei kann ich noch von Glück sprechen, denn mir ist keine körperliche Gewalt widerfahren. Aber die Angst bleibt und geschürt wird sie immer wieder mit alltäglichen Sexismen, die ich und viele andere Menschen – meist Frauen – auf der Straße erleben.”

6. “Bildunterschrift der Affen”
(juliane-wiedemeier.de)

Die nächste Zarah Neander

Es ist eine Geschichte epischer Tragweite, daran ließ der “Spiegel” in seiner Ausgabe vom 14. Januar gar keine Zweifel. Schon in der Ankündigung auf Seite 5 fährt das Nachrichtenmagazin die ganz großen Geschütze auf:

Ein Biologe spielt Gott — Seite 110

Mit Hilfe der synthetischen Biologie will George Church Neandertaler klonen und virusresistente Menschen schaffen. “Die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie”, sagt der amerikanische Genforscher im SPIEGEL-Gespräch.

Das Gespräch beginnt dann auch direkt mit der spannenden Frage nach der Rückkehr der Neanderthaler:

SPIEGEL: Herr Church, Sie kündigen an, schon bald werde es möglich sein, Neandertaler zu erschaffen. Was heißt “bald”? Werden Sie es noch erleben, dass ein Neandertaler-Baby geboren wird?

Church: Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke trotzdem, die Antwort lautet: “Ja”. Denn die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie. Vor allem kostet das Lesen und Schreiben von DNA heute nur noch ein Millionstel dessen, was es noch vor sieben, acht Jahren gekostet hat. Allerdings müssten wir, um die Ausrottung des Neandertalers rückgängig zu machen, das Klonen von Menschen erproben. Technisch dürfte das möglich sein. Wir können lauter Säugetiere klonen, warum also nicht auch den Menschen?

Im Folgenden werden die Fragen verhandelt, ob es überhaupt wünschenswert sei, den Neandertaler wiederauferstehen zu lassen (“Nur wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens darüber herstellen lässt”), worin der Nutzen liegen könnte (“Vielleicht denken die Neandertaler völlig anders als wir”) und ob die “Wiedergeburt von Neandertalern” technisch überhaupt möglich sei (anscheinend schon).

Dann kommt die entscheidende Frage:

SPIEGEL: Und als Leihmutter suchen Sie sich einen “besonders abenteuerlustigen weiblichen Menschen”, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Church: Ganz genau – vorausgesetzt natürlich, dass das Klonen von Menschen von der Gesellschaft akzeptiert würde.

Was diese dünnen Worte im Zeitalter von Castingshows in Journalistengehirnen anrichten können, zeigte sich alsbald: Die britische “Daily Mail” schrieb am Sonntag, der Forscher “sucht eine Mutter für ein geklontes Höhlenmenschenbaby” und führte aus:

Man hält sie normalerweise für eine brutale, primitive Spezies.

Welche Frau würde also ein Neanderthaler-Baby zur Welt bringen wollen?

Und dennoch ist dieses Szenario der Plan von einem der weltweit führenden Genetiker, der eine Freiwillige sucht, die ihm dabei hilft, diesen lange ausgestorbenen nahen Verwandten des Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

Professor George Church von der Harvard Medical School glaubt, er könne die Neanderthaler-DNA rekonstruieren und die Spezies wiederauferstehen lassen, die vor 33.000 Jahren ausgestorben ist.

(Übersetzung von uns.)

Und weiter:

Er sagt: “Nun brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen.

Es hängt von verdammt vielen Dingen ab, aber ich denke, man kann das machen.”

(Übersetzung von uns.)

Damit war die Geschichte natürlich noch einmal bedeutend spannender, als sie im “Spiegel” und in der Zusammenfassung bei “Spiegel Online” gewesen war, wo sie – trotz der reißerischen und irreführenden Titelzeile “Genforscher George Church will Neandertaler klonen” – von deutschen Boulevard-Journalisten noch ignoriert worden war.

Der “Berliner Kurier” titelte gestern:

Leihmutter soll Neanderthaler gebären

Dem Kölner “Kurier”-Schwesterblatt “Express” gelang es wie üblich, das Thema auf eine lokale Ebene herunterzubrechen:

Leihmutter für Neanderthaler-Baby gesucht! Harvard-Professor will Steinzeit-Rheinländer züchten

Beide Zeitungen berichten übereinstimmend, George Church glaube, “dass er Neandertaler wieder zum Leben erwecken kann”. Das hatten zwar die “Daily Mail” und nach ihr viele andere Medien in aller Welt behauptet, Professor Church jedoch offensichtlich nie.

Der Wissenschaftler sah sich also genötigt, via “Boston Herald” klarzustellen, dass er persönlich keinerlei Ambitionen hege, einen Neanderthaler zu klonen:

“Ich befürworte das sicherlich nicht”, sagte Church. “Ich sage nur, wenn es eines Tages technisch möglich ist, müssen wir heute anfangen, darüber zu reden.”

Church sagte, er sei nicht einmal an der Sequenzierung von Neanderthaler-DNA beteiligt — einem Projekt, von dem Wissenschaftler sagen, dass es geholfen habe, festzustellen, dass moderne Menschen tatsächlich Spuren ihrer entfernten, menschenähnlichen Vorfahren tragen.

[…]

Church sagte, er habe in mehr als 20 Jahren vermutlich 500 Interviews geführt und dies sei das erste, das derart aus dem Ruder gelaufen sei.

(Übersetzung von uns.)

Stunden, nachdem Professor Churchs Richtigstellung für Jedermann lesbar im Internet erschienen war, nahm sich endlich auch Bild.de des Themas an:

LEIHMUTTER FÜR IRRES EXPERIMENT GESUCHT: US-Genforscher will Neandertaler züchten!

Die Bild.de-Autoren zitieren zwar ausgiebig aus dem “Spiegel”-Interview, scheinen aber nicht bemerkt zu haben, dass Church dort gar nicht behauptet, er selbst wolle “einen Menschen erschaffen, der gegen alle bekannten Krankheiten immun ist – indem er einen Neandertaler klont!”

Der “Berliner Kurier” hat für seine heutige Aufgabe indes sogar richtiggehend recherchiert und mehrere Wissenschaftler aufgetan, die Churchs “Pläne” scharf kritisieren. Nur Churchs eigener Widerspruch bleibt unerwähnt.

Mit Dank an Erwin P., Christian P. und Basti.

Hohlspiegel, Ökozid, EU-Berater

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Hinter den Kulissen des Hohlspiegels”
(spiegel.de, Hohlspiegel-Team)
Die meisten Hinweise für die 65 Jahre alte Rubrik “Hohlspiegel”, zu finden jeweils auf der letzten Seite des “Spiegel”, kommen von Lesern: “Über hundert Vorschläge erreichen uns jede Woche als E-Mail, Fax oder ganz traditionell als Brief, die betreffende Passage liebevoll ausgeschnitten und mit handschriftlichen Markierungen und Hinweisen versehen.”

2. “Anatomy of a cock-up: how the People’s fake Roger Moore interview made it to New Zealand”
(newstatesman.com, Alex Hern, englisch)
Ein Interview mit Roger Moore, das nie stattgefunden hat, verbreitet sich über die “Daily Mail” und die “Australian Associated Press” bis nach Neuseeland.

3. “Made a mistake? Advice for journalists on online corrections”
(journalism.co.uk, Rachel McAthy, englisch)
Greg Brock, Steve Buttry und Craig Silverman geben Tipps zur Korrektur von Fehlern.

4. “Die tragische Bluttat von Michelau aus der Sicht von BILD.de”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Bild.de berichtet über einen Prozess vor dem Landgericht Coburg: “Doch wie ist es eigentlich um eine mögliche Schuldunfähigkeit des Angeklagten bestellt? Bei BILD.de erfährt der Leser darüber nichts.”

5. “EU-Berater wollen Medien stärker überwachen”
(faz.net, Nikolas Busse)
Der Bericht “A free and pluralistic media to sustain European democracy” (ec.europa.eu, PDF-Datei) gibt eine Reihe von Empfehlungen zur europäischen Medienlandschaft ab und will damit eine Debatte eröffnen. Auf Seite 7 heißt es beispielsweise: “Media councils should have real enforcement powers, such as the imposition of fines, orders for printed or broadcast apologies, or removal of journalistic status. The national media councils should follow a set of European-wide standards and be monitored by the Commission to ensure that they comply with European values.”

6. “Ahnungslose Journalisten in der Ökokrise”
(swr.de, Sonja Striegl)
Für das Buch “Die vierte Macht” führte Dirk Fleck 25 Interviews mit deutschen Top-Journalisten, um “eine Debatte über den Umgang mit dem drohenden Ökozid” anzuregen. Doch: “Die Medien, und insbesondere die, in denen die Leute arbeiten, haben dieses Buch totgeschwiegen.”

Diagnose: untervögelt

Heute werden wir mal ein bisschen intimer. Also, liebe Leser: Haben Sie eigentlich genug Sex?

Wir fragen deshalb, weil Bild.de neulich folgende Schreckensnachricht aufgedeckt hat:

Es kommt vor, dass man länger keinen Sex hat – und es einem gar nicht auffällt.

Ob Sie selbst zur Genug-Sex-Fraktion gehören oder ob Sie es doch “mal wieder so richtig nötig haben” (Bild.de), können Sie im selben Artikel schnell mal überprüfen. Dort wurden nämlich (mit Unterstützung der “B.Z.”) “13 Anzeichen für einen akuten Sex-Mangel” zusammengestellt.

Darunter finden sich dann so originelle Punkte wie:

Sie ordnen Ihre Pornosammlung nach cineastischen Gesichtspunkten.

Oder:

Sie fahren häufiger Fahrrad als sonst, weil sich das so schön anfühlt.

Nun ja.

Interessant ist jedoch, dass gerade die Leute von Bild.de von Zeit zu Zeit genau jene Symptome zeigen, die in dem Artikel beschrieben werden. Hier eine kleine Gegenüberstellung.

Sex-Mangel-Anzeichen Nr. 4: Sie finden sogar Zeichentrickfiguren erregend.

Bild.de vom 17. Dezember 2009:
Blauhaarige Beauty in sexy Dessous - Marge Simpson strippt für Playboy

Im Innenteil des Magazins sollen heiße Dessous-Bilder von der Hausfrau und dreifachen Mutter mit der blauen Turmfrisur befinden. Sicher ist: Die gelbhäutige Lady wird einfach nicht älter!

Bild.de vom 3. und 23. Dezember 2007:
Sexy Kalender 2008 - Superheldinnen im Nackteinsatz

Werfen Sie einen Blick unter die Kampfanzüge weiblicher Comic-Legenden wie Lara Croft oder Superwoman – ganz exklusiv, versteht sich. So verführerisch haben wir die Starlets noch nie gesehen.

Sex-Mangel-Anzeichen-Nr. 5: Sie kichern jedes Mal, wenn jemand Penis sagt.

Bild.de vom 8. November 2012:

Krasser Penis-Versprecher bei Anne Will
Der “köstliche Versprecher” (O-Ton des Bild.de-Videos): In der Talkshow hatte ein Gast “Phallussieg” statt “Pyrrhussieg” gesagt. Hihi.

Sex-Mangel-Anzeichen-Nr. 1: Sie nennen Sex Geschlechtsverkehr oder sprechen vom Kopulieren.

Bild.de vom 18. Oktober 2011:

Anschließend kopulieren Gastgeber und Gäste mit den schönen Sammlerinnen, bis der Papst die ausdauerndsten Herren mit Ehrenpreisen belohnt.

Bild.de vom 3. Juni 2010 und 11. Mai 2011:

 Kopulieren setzt Endorphine frei, also Glückshormone.

Bild.de vom 16. November 2009:

Die Prostituierten suchen quasi im Konzertsaal ihre Freier, um dann in den oberen Etagen, wahrscheinlich weit weniger taktvoll, zu kopulieren.

Sex-Mangel-Anzeichen Nr. 7: Sie sehen im Supermarkt keine Gurken, sondern pflanzliche Sextoys.

Bild.de vom 4. März 2008:

Kennen Sie dieses Kribbeln an der Gemüsetheke? Diesen winzigen Moment der Verlegenheit beim Anblick von Stangen-Sellerie, Kürbis, Aubergine? So manches erinnert in seiner Form doch stark an das beste Stück des Mannes.

Bild.de vom 17. August 2010:
Schniedlwurzel - BILD-Leser Dirk Philippi (39, Saarwellingen) zog diese Karotte aus der Erde

Fragt sich also, wer es hier tatsächlich “mal wieder so richtig nötig” hat.

Marina Weisband, Gratiszeitungen, Hypertext

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. ” Von wegen nicht autorisiert: Antwort auf Marina Weisband”
(spiegel.de, Merlind Theile)
Merlind Theile kontert die Vorwürfe von Marina Weisband: “Alle Zitate des Artikels sind so gefallen, und Frau Weisband hat sie kurz nach Erhalt der Mail telefonisch so bestätigt. (…) Die abgedruckten Zitate entsprechen Frau Weisbands Autorisierung.”

2. “Piraten im Spiegel”
(dirkvongehlen.de)
Dirk von Gehlen zieht Schlüsse aus der Auseinandersetzung: “Journalisten, die die Aufmerksamkeit ihrer Leser erlangen und erhalten wollen, müssen mehr als bisher begründen, warum sie arbeiten wie sie das tun. Sie müssen mehr als bisher transparent machen wie sie arbeiten, dokumentieren woher sie Zitate haben und auf welche Quellen sie sich stützen.”

3. “Laut einer aktuellen Statistik”
(noemix.twoday.net)
Die Zahlen zum “Spiegel-Online”-Artikel “Fast 40 Prozent der Europäer sind psychisch krank”.

4. “‘Gratiszeitungen machen uns dümmer'”
(zeit.de, Peer Teuwsen)
Pedro Lenz kritisiert die massive Verbreitung von Gratiszeitungen in der Schweiz. Ihm fällt auf, “dass morgens 80 Prozent der Leute in die Gratiszeitung 20 Minuten starren und abends 90 Prozent in den Blick am Abend. (…) Wenn Honecker in der DDR von allen verlangt hätte, im Zug das Parteiorgan zu lesen, er hätte nie die Abdeckung erreicht, die bei uns die Gratiszeitungen haben.”

5. “BILD erklärt”
(twitter.com/tazgezwitscher)
Was “Bild” unter “Hypertext” versteht.

6. ” Kleine Systematik dummer Argumente”
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.de, Thomas)

Blättern:  1 ... 10 11 12 ... 22