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1. “Michael Jürgs‘ Rotz” (stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier beleuchtet die Metaphern und Wortspiele von Michael Jürgs: “Es ist die ewige Klage über das Verkommen der Welt. Sie begleitet den Lauf der Zeit mit ihrem Gegrummel, seit es alte Männer gibt.”
3. “Quelle: Internet” (fernsehkritik.tv, Video)
Holger Kreymeier fragt bei ARD, ZDF, RTL und Sat.1 nach, wieso so viele der ausgetrahlten, aber ursprünglich aus dem Web stammenden Videos keine konkrete Quellenangabe, sondern nur eine allgemeine, wie “Quelle: Internet” oder “Quelle: YouTube” haben.
4. “Wozu Zeitschriften kaufen? Im Internet ist doch alles so schön kostenlos” (presseschauder.de, Christoph Keese) Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Axel Springer, zeigt auf, wie einfach es ist, im Web Zeitschriften herunterzuladen. “Alle Beteiligten behaupten, sie würden nicht stehlen, sondern lediglich Dateien ausspielen, die unbekannte Dritte hochgeladen haben. Unter dem Strich aber steht fest: Journalisten und Verlage gehen leer aus. Jede herunter geladene Datei ist ein Verkauf weniger.”
5. “Wenn Ironie zum Zwang wird” (zeit.de, Nina Pauer)
Nina Pauer schreibt über die gemeinschaftsgenerierende Erfahrung, sich durch Fernseh- oder YouTube-Konsum in Sachen Peinlichkeit kollektiv nach unten abzugrenzen. “Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert.”
Heute erfahren wir aus “Bild”: Angela Merkel ist mit dem Preis für Verständigung und Toleranz ausgezeichnet worden. Die Türken haben Deutschlands Wirtschaft um Döner und Brautkleider bereichert.
Doch nicht überall ist es um Toleranz und Integration so gut bestellt:
Wenn Zeitungen in anderen Ländern mit uralten Stereotypen arbeiten, nennt “Bild” das übrigens “Hass” und “Beleidigung” …
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1. “Seid umarmt, Protestler!” (zeit.de, Lenz Jacobson)
Die Occupy-Bewegung wird von Medien und Politik bis auf wenige Ausnahmen gefeiert – “die Kritik ist so grundsätzlich und diffus, dass noch für jeden etwas dabei ist”. “Auf Seiten der Medien ist es wohl auch die Verankerung vieler Journalisten in der gut gebildeten Mittelschicht, die eine positive Berichterstattung fördert. Weil auch viele der Protestierenden aus dieser Schicht kommen, können sich die Redakteure und Autoren mit ihnen besser identifizieren.”
2. “Talk-Tiefpunkt: Jauch bei Schmidt und Steinbrück” (katjaschoenherr.de)
Peer Steinbrück und Helmut Schmidt wurden bei “Günther Jauch” zu wenig kritisch befragt, findet Katja Schönherr: “Wenn sich Jauch zum Sprachrohr einer solchen, von einem Buch begleiteten Personal-Kampagne macht, dann hat er das zu thematisieren. Dann hat er dreimal nachzufragen, warum die beiden hier in der Sendung sitzen.” Siehe dazu auch “Die Günther-Jauch-Show durchschaut gar nichts” (nachdenkseiten.de, Wolfgang Lieb).
3. “Mehr als neunzig Prozent der Tunesier haben gewählt” (zettelsraum.blogspot.com)
“Mehr als neunzig Prozent der Tunesier folgten dem Aufruf, eine verfassungsgebende Versammlung zu wählen”, sagte Matthias Fornoff in der gestrigen 19-Uhr-Ausgabe der Nachrichtensendung “Heute” (ab 9:10 Minuten). “In die Wahllisten eingetragen nun haben sich 4,1 Millionen der über 7 Millionen Wahlberechtigten. Von diesen – und nicht von den Wahlberechtigten – haben rund 90 Prozent gestern abgestimmt; also ungefähr 3,7 Millionen von mehr als 7 Millionen wahlberechtigten Tunesiern.”
4. “Medientage München: Von Blogs und PDFs…” (mrtopf.de, Christian Scholz)
Christian Scholz besucht die Medientage München: “Man wartet auf Standards und setzt auf Regulierung, anstatt all die Chancen, die ungenutzt vor einem liegen, mal zu ergreifen und etwas neues zu machen. (…) Und wenn am Ende innovativere US-Unternehmen alles an sich gerissen haben, wendet man sich dann jammernd an den Staat und bittet um Rettung!”
5. “Gespenstische Reporter” (kanzlei-hoenig.info)
Carsten R. Hoenig beobachtet zwei “Bild”-Mitarbeiter bei der Arbeit am Artikel “Hier stellt die Polizei den Busunfall von der A10 nach”.
Es fällt schwer, das zuzugeben oder zu glauben, aber wenn in “Bild” mal die Stimme der Vernunft spricht, dann tut sie es meist aus der Kolumne von Franz Josef Wagner.
Der schreibt heute ausnahmsweise mal nicht an, sondern über etwas:
Gaddafis Leiche,
sie liegt auf einer Matratze in einem Supermarkt-Kühlhaus aus. Schlangen davor, alle 10 Minuten neuer Einlass der Anstehenden.
Alle wollen den toten Gaddafi sehen. Es wird kein Eintrittsgeld verlangt im Museum des Krepierten.
Wagner gibt sich als Humanist zu erkennen:
In unserer Welt zieht man den Reißverschluss des Leichensacks zu. Wer immer auch tot ist, hat seine Würde. Wir alle wissen nicht, was der Tod ist. Egal, ob man ein Massenmörder ist oder ein Dichter – der Tod ist so ungeheuerlich.
Zwar erklärt Wagner nicht, was genau diese, seine, “unsere Welt” ist, aber der Begriff scheint ihm wichtig zu sein:
Ich verstehe, dass die Rebellen Libyens den toten Diktator bespucken. Aber dies kann nicht unsere Welt sein. Tote sollten nicht bespuckt werden. Tote sind in einer anderen Welt der Gerechtigkeit.
In der Franz-Josef-Wagner-Welt werden Leichen also nicht bespuckt und nicht öffentlich vorgezeigt.
Währenddessen, zwölf Seiten weiter in der “Bild”-Welt:
Mit Dank auch an MB.
Nachtrag, 18.20 Uhr: Zwölf Seiten, pah! In der Hamburger “Bild”-Ausgabe ist der tote Gaddafi gleich auf der selben Seite abgebildet wie Wagners Text:
In London hat ein Kosmetikgeschäft geschlossen. Dies allein ist keine Meldung, die es in “Die Welt” schaffen würde — schon gar nicht in die dortige Rubrik “Meinung”.
Wenn es sich allerdings um ein israelisches Kosmetikgeschäft handelt und der Schließung Proteste, Verzeihung: eine wöchentliche “wilde Demo Hunderter junger Muslime”, vorangegangen sind, dann ist das natürlich ein Fall für “Die Welt” — und für die üblichen Islamfeinde, die solche Meldungen weitertratschen.
Autor Michael Stürmer, Historiker und Chefkorrespondent der “Welt”-Gruppe, hatte sich allerdings auch alle Mühe gegeben, das Ende des Londoner Flagship Stores der israelischen Kosmetikfirma Ahava an das schwarz-weiße Weltbild der Islamophoben anzupassen. Auf der einen Seite der christlich-jüdische, tolerante Westen, auf der anderen Seite eben die “wilden” Muslime, die in London am Liebsten “Londonistan” ausrufen würden:
Zur Gentrifizierung gehörte die Einrichtung der Londoner Hauptfiliale des israelischen, am Toten Meer beheimateten Unternehmens “Ahava” – was auf Hebräisch Liebe heißt.
Zu Londonistan gehört die jeden Samstag stattfindende wilde Demo Hunderter junger Muslime, die dieser Tage der Liebe ein Ende machten und das Unternehmen zwangen, den Laden aufzugeben.
Ausführlich beschreibt Stürmer die tollen Produkte von Ahava, die aus dem Heilschlamm vom Grunde des Toten Meeres hergestellt werden, und von der ruhmreichen Geschichte dieser Produkte (“Es gibt nicht viele moderne Kosmetikprodukte, deren Lob schon im Alten Testament zu finden ist.”).
Aber nicht alle Menschen finden die Ahava-Produkte so toll wie Michael Stürmer, weswegen es zu unschönen Szenen kam:
In London hat der Heilschlamm zwar Kunden angezogen, aber leider auch gewalttätige Protestierer, die den benachbarten Läden, von Ahava nicht zu reden, das Leben so zur Hölle machten, als sei noch einmal Sodom und Gomorrha. Die Polizei gab sich redlich Mühe, aber nicht genug.
Nach Wochen des Kräftemessens gaben die braven Bobbys auf. Weder Polizei noch Anwohner hatten den Nerv, den Randalierern standzuhalten.
Für Stürmer ist klar, womit wir es hier zu tun haben:
London, einst die zivilisierteste Stadt in Europa, räumt zugereisten Fanatikern ein Vetorecht darüber ein, ob jemand einen Laden führen darf.
Die Lehre für London und den Rest der Welt: Wenn wir so weitermachen, ist Londonistan bald überall.
Wenn er sich nicht seinen ausführlichen Ausflügen in die Geschichte von Heilschlamm, Altem Testament und Totem Meer gewidmet hätte, hätte Stürmer vielleicht noch Zeit gehabt, auf ein nicht ganz unbedeutendes Detail in der Geschichte der Firma Ahava einzugehen: Die Firma produziert in einer israelischen Siedlung im Westjordanland, das eigentlich zu den palästinensischen Autonomiegebieten gehört. Diese Siedlung ist nach internationaler Einschätzung illegal und verstößt gegen die Genfer Konvention.
Verschiedene Organisationen wie die pazifistische Bürgerrechtsbewegung Code Pink haben Ahava vorgeworfen, mit Bodenschätzen Geschäfte zu machen, die den Palästinensern gestohlen worden seien. In Südafrika dürfen Waren wie die von Ahava nicht mehr als israelische Produkte verkauft werden, sondern müssen als “Produkte illegaler Besiedlung in den Besetzten Palästinensischen Gebieten” ausgezeichnet werden.
Diese Informationen wären hilfreich gewesen um zu verstehen, dass sich die Proteste gegen Ahava nicht auf plumpen Antisemitismus reduzieren lassen. Vielmehr wären sie ein schönes Beispiel um zu zeigen, wie sich der seit Jahrzehnten schwelende Nahost-Konflikt im Alltag und im Badezimmerschrank westlicher Bürger niederschlägt. Doch Michael Stürmer hat sich dagegen entschieden, diese Geschichte zu erzählen.
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1. “Helmut Markworts Kosmos” (nollendorfblog.de, jk) Helmut Markwort schreibt im “Focus” über Homosexuelle. “Was soll man zu jemand sagen, der ‘die Pose des Widerstands und der Ruf nach Toleranz’ lächerlich findet ‘in einer Zeit, in der sich führende Vertreter aller Parteien zu ihren homosexuellen Neigungen bekennen’? Kann es sein, dass Herr Markwort tatsächlich glaubt, das würde irgendeinen Eindruck auf den Schulhöfen machen, auf denen ‘Schwule Sau’ das häufigste Schimpfwort ist?”
2. “Biene Maja bis zur Volljährigkeit” (gunnargeller.de)
Wie die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” die aktuellen Altersfreigaben von Filmen kritisiert: “Das Ganze mieft nach den frühen Sechzigern, nach kleinbürgerlicher Aufregung über Sittenverfall und Negermusik und gammelnde Langhaarige, wird uns aber in einer Zeit präsentiert, in der via Internet Kinder und Jugendliche, die es wollen, nur ein paar Klicks brauchen um Fickfilmchen aller Art oder wahlweise auch Videos von Hinrichtungen oder Folterungen anzuschauen.”
3. “Gaddafi-Fotos ethisch nicht vertretbar” (meedia.de, Christine Lübbers)
Elke Grittmann vom Insitut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster kommentiert die Veröffentlichung letzter Bilder von Muammar al-Gaddafi: “In den Medien wird Diktatoren die letzte Würde abgesprochen. Bis heute wird die Tötung des Gegners oder Zurschaustellung von dessen Leiche auch benutzt, um diesen zu entwürdigen. Heute läuft diese Zurschaustellung über Fotos und Filme und erreicht damit eine viel größere Öffentlichkeit. Für Medien ist hier die Gefahr sehr groß, nicht nur zu dokumentieren, sondern selbst auch instrumentalisiert zu werden.” Siehe dazu auch “Ein Screenshot hat keine Würde” (sueddeutsche.de, Bernd Graff) und “Gaddafis Leiche: Schweizer Medien kennen keine Grenzen” (ottohostettler.wordpress.com).
4. “Sie, Peer, sind ein guter Kandidat” (blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz kommentiert die aktuelle “Spiegel”-Titelgeschichte, eine “der merkwürdigsten Veranstaltungen der an Merkwürdigkeiten nicht armen ‘Spiegel’-Geschichte”. “Im Kern geht es darum, dass Helmut Schmidt zusammen mit Peer Steinbrück ein Buch veröffentlicht, dessen interessanteste Aussage vermutlich die ist, dass Schmidt seiner Partei Steinbrück offen als Kanzlerkanidat empfiehlt. Das wiederum veranlasst den ‘Spiegel’ zu einer Titelgeschichte, in der als Quintessenz steht, dass Schmidt Steinbrück als Kanzlerkandidat empfiehlt.”
5. “Wie Jenny aus Essen Thurgauerin wurde” (20min.ch, A. Mustedanagic)
Obwohl nur Frauen mit Schweizer Wohnsitz in der “Blick”-Wahl zum “Girl des Jahres” zugelassen sind, schafft es ein Model aus Essen ins Finale.
Neben Euro-Rettung, Randalen in Griechenland, der Tochter von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni und dem Tod von Muammar al-Gaddafi trieb “Bild” und Bild.de diese Woche vor allem eine Frage um:
Der Fall des deutschen Abenteurers Stefan R., der in Französisch-Polynesien verschwunden war, inspirierte die Reporter dazu, jahrhundertealte Horrorgeschichten zu entstauben und neu aufzukochen.
Sebastian Brauns, freier Journalist aus Konstanz, hat sich die Geschichte und ihre Hintergründe für uns angesehen und einen Gastbeitrag verfasst:
Aus dem Schicksal eines deutschen Urlaubers in Französisch Polynesien kochen Zeitungen aus aller Welt genüsslich ein Kannibalen-Süppchen. Im deutschen Raum ist besonders das Vorgehen von “Bild” ein Musterbeispiel an Sensationsgier, Geschmacklosigkeit und Perfidie.
“Bild” und Bild.de verbreiten dabei rassistisch geprägte Vorurteile gegenüber Bevölkerungsgruppen, die bereits im Zeitalter des Kolonialismus mit Hilfe perverser Klischees von Europäern unterdrückt, ausgebeutet und getötet wurden.
Ein kleiner Satz am Ende der ersten Meldung bei Bild.de am 14. Oktober bringt den Stein ins Rollen:
Französisch-Polynesien liegt im Pazifik, die bekannteste Insel ist Tahiti. In Französisch-Polynesien war Kannibalismus einst sehr verbreitet.
Obwohl die Ermittler noch völlig im Dunkeln tappen, kreiert Bild.de aus verbrannten menschlichen und tierischen Überresten auf einer Marquesas-Insel mitten im Pazifik und den Aussagen der verstörten Freundin des verschollenen deutschen Weltumseglers Stefan R. eine große Kannibalen-Story. Dabei ist die Schlussfolgerung rein logisch schon recht hanebüchen: Ein Feuer, Tierkadaver und eine menschliche Leiche sprechen ja eher nicht für Kannibalismus, sondern eher für den Versuch, die Spuren eines Verbrechens zu kaschieren bzw. restlos zu beseitigen.
Doch wie kommt Bild.de überhaupt auf die Kannibalismus-Idee? Romanautoren, Abenteurer und Kaufleute haben vor hunderten von Jahren von Kannibalen in der Südsee, der Karibik und Schwarzafrika geschrieben, die sie angeblich gesehen haben wollen. Für die Marquesas-Inseln waren das etwa der Abenteuer-Roman-Autor Herman Melville (“Moby Dick”) und der belgische Kaumann Jacques-Antoine Moerenhout. Handfeste Beweise wurden jedoch nie erbracht.
Erwiesen ist hingegen, dass die Entdecker der neuen Welt und deren Nachhut ihre Grusel-Erzählungen in Gestalt von sogenannter “Transamericana-Literatur” gewinnbringend auf dem europäischen Buchmarkt verkauft haben. Außerdem wurden die gewaltsame Kolonialisierung und Christianisierung durch die Europäer mit einer notwendigen Zivilisierung der “Wilden” gerechtfertigt. Neben Kannibalen wurde auch von zahlreichen anderen Fabelwesen, wie Amazonen oder Seeungeheuer berichtet, an die heute keiner mehr glaubt. Der noch aus der Antike stammende Mythos des Kannibalen hält sich jedoch hartnäckig, weil er im Bereich des unvorstellbar Vorstellbaren liegt.
“Bild” behauptet, die Polizei auf der Insel Nuku Hiva befürchte einen Kannibalen-Mord. In Wirklichkeit scheint es jedoch der Wille von “Bild” zu sein, einen Mord mit der Menschenfresserei zu verbinden:
WURDE DER DEUTSCHE ABENTEURER VON KANNIBALEN ERMORDET?
Die Polizei auf den Marquesas-Inseln (gehört zu Französisch Polynesien) befürchtet genau das!
Noch einmal wird die Gefahr vor etwaigen Kannibalen beschworen:
Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen Mordes. Beängstigend: In der Vergangenheit berichteten Forscher und Seefahrer immer wieder über Kannibalen auf den Marquesas-Inseln!
Namentlich nicht genannte Forscher und Seefahrer aus der “Vergangenheit” bleiben also weiterhin die einzigen Referenzen, die “Bild” zur Kannibalismus-These vorweisen kann.
Unterdessen hat Bild.de einiges über den mutmaßlichen Mörder des Abenteurers (bzw. für “Bild” natürlich den “mutmaßlichen Kannibalen”) in Erfahrung gebracht. Das Online-Portal nennt seinen Namen, zeigt sein Bild und berichtet, der Mann sei tätowiert, trage eine Sonnenbrille und habe ein freundliches Lächeln. Die “bange Frage” von Bild.de lautet nicht etwa: “Lebt Stefan R. noch?”, sondern “Ist er Kannibale und hat er sein Opfer gegessen?” und “Grinst uns hier ein Kannibale an?”
Weil sich keine Behörde finden lässt, welche die Kannibalismus-These von “Bild” und Bild.de bestätigen will, holen sich die Autoren stattdessen einen “Tattoo-Experten”: Den Betreiber eines Tattoo-Studios in Minden, der das Tattoo des “mutmaßlichen Kannibalen” erklären soll. Und der ist sich ganz sicher: “Es zeigt einen Kaioi-Krieger in seinem Kanu.”
“Bild” ergänzt:
Die Kaioi waren dafür bekannt, ihre Kriegsgegner zu fressen.
Doch “Bild” will sich nicht nur auf diese Expertise stützen und hat deshalb an deutschen Universitäten herum telefoniert, um der Frage nachzugehen:
Die Zeichnung entstammt dem französischen Abenteuer-Magazin “Journal des Voyages” aus dem Jahr 1878 und soll suggerieren: So war es damals und so könnte es auch heute wieder geschehen sein. “Menschenfresser verspeisen einen Seemann“.
Derartige Hefte sind zwar historische Quellen, aber mit deutlicher Vorsicht zu genießen. Sie geben lediglich Auskunft darüber, wie die “Neue Welt” aus europäischer Sicht beschaffen war. “Bild” knüpft nahtlos an dieses koloniale Weltbild an: Europäische Zivilisation und Fortschritt gegen niedere, triebhafte Wilde.
“Bild” versucht, die eigene antiquierte Weltsicht zu untermauern, indem sie zwei Wissenschaftler der Gegenwart zu Wort kommen lässt. Zuerst der “Kannibalismus-Experte” Dr. Gundolf Krüger:
“Eigentlich sind die Einwohner Polynesiens heute zum Großteil christianisiert und alphabetisiert und damit ein frommes und gebildetes Volk”, erklärt Kannibalismus-Experte Dr. Gundolf Krüger (61). Für ihn klingt der Tod des Deutschen nach einem wahnsinnigen Einzeltäter. Krüger: “Kannibalismus liegt außerhalb jeder Norm. Aber es ist gut möglich, dass sich der Täter von alten Ritualen leiten ließ.” So war es Tradition der “Kaioi” (Krieger), Feinde zu enthaupten und von ihren Extremitäten zu kosten. “Um sich ihr Mana, ihre Lebenskraft, einzuverleiben. Es ging aber nie um den Genuss des Fleisches”, erklärt Krüger.
Auf Anfrage von uns erklärt Krüger, “Bild” habe ihn in einer völlig falschen Weise wiedergegeben: Er habe dem Anrufer vom Axel-Springer-Verlag sehr differenziert erläutert, dass es außer literarischen Zeugnissen von Melville und der späteren Trivial-Literatur keine Beweise für Kannibalismus auf den Marquesas gebe. Außerdem habe er darauf hingewiesen, dass man bei diesem Thema sehr behutsam und mit größter Vorsicht vorgehen müsse.
Dr. Gundolf Krüger hat per E-Mail insgesamt drei Zitate freigegeben, die jedoch nie erschienen. “Ich bin im übrigen kein Kannibalismus-Experte, sondern Ethnologe mit dem Fachgebiet Ozeanien”, stellt Krüger klar.
Immerhin kommt dann die ausgewiesene Kannibalismus-Skeptikerin Annerose Menninger zu Wort, die “Bild” als Ethnologin bezeichnet, die aber eigentlich als Historikerin an der Bundeswehruniversität München lehrt:
Ethnologin Prof. Annerose Menninger (50) beschreibt ein anderes Ritual: “Es muss nicht sein, dass Stefan R. verspeist wurde. Möglicherweise ist das Opfer verunglückt und bei der Zeremonie am Feuer handelte es sich um ein Bestattungsritual, mit dem der angebliche Täter den Toten noch ehrte.”
Die als Gegenspielerin von Dr. Krüger aufgebaute Privatdozentin Menninger ist Spezialistin für die Frühe Neuzeit der Karibik, nicht für die Südsee und schon gar nicht für den aktuellen Fall. Sie erklärt uns auf Anfrage: “Ich ärgere mich sehr, dass Bild mich so zitiert, bzw. meine Argumentation kontextentfremdet – und dabei auch noch haarsträubend unlogisch wiedergegeben hat. Im Gegensatz zu Herrn Dr. Krüger habe ich nicht einmal Zitate freigegeben.” Die renommierte Dozentin berichtet, sie müsse sich seit der Veröffentlichung in “Bild” mit dem Unverständnis ihrer Fachkollegen herumschlagen.
Besser ergeht es da den Experten, die in einem anderen Artikel zu Rate gezogen werden: Sie haben einfach keine Namen.
Experten vermuten, dass einige nur deshalb sterben mussten, weil die Kannibalen Lust auf Menschenfleisch hatten. Das letzte bekannte Opfer auf Nuku Hiva soll ein etwa zehnjähriges Mädchen gewesen sein, das 1924 verspeist wurde. Jetzt offenbar ein neuer, schockierender Kannibalismus-Mord – ist Jäger (…) dem Todes-Kult verfallen, ein perverser Mörder, was steckt hinter dem Verbrechen?
Medien aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Deutschland und Großbritannien, widmen sich der Geschichte, meist völlig undifferenziert. Am weitesten geht der Korrespondent des “Tagesspiegels” und der “Potsdamer Neuesten Nachrichten”, Alexander Hofmann. Keine Behörde hat den Kannibalismus bestätigt, aber:
(Im Online-Auftritt des “Tagesspiegels” wurde die Überschrift inzwischen deutlich abgeschwächt. Dort lautet sie nun: “Deutscher von Kannibalen verspeist?”)
Die einheimische Bevölkerung und der mit den Ermittlungen betraute Staatsanwalt José Thorel versuchen unterdessen gegen diese diskriminierende Berichterstattung anzukämpfen:
“Kannibalismus, darüber will ich nichts hören. Das ist Wahnsinn. Ich sehe keine andere Grundlage, auf der wir von Kannibalismus sprechen könnten.
Für mich ist das kein Thema. Kannibalismus stand nie zur Debatte und ich verstehe nicht, wie die Presse dieses Thema so behandeln konnte.”
(Übersetzung von uns.)
“Survival International – Die Bewegung für indigene Völker” hat wegen der “beleidigenden und haarsträubenden” Berichte über Kannibalismus an einem deutschen Touristen im Südpazifik Beschwerde beim Presserat in Großbritannien eingereicht und zitiert dazu Benny Wenda, ein Mitglied der Ethnie der Lani in Papua:
Wir haben genug von diesen Geschichten. Sie beschreiben uns immer noch als Kannibalen, weil sie denken wir wären Wilde. Es ist als ob man Deutsche heute wegen ihrer Geschichte als Nazis bezeichnen würde. Oder Großbritannien ein Land nennen würde, in dem Hexen an Pfählen verbrannt, Kinder versklavt und Menschen öffentlich exekutiert werden. Es ist verrückter, rassistischer Journalismus.
Bild.de hingegen versucht im Umkehrschluss, den Staatsanwalt bloßzustellen: Hier wird José Thorel als “Südsee-Staatsanwalt”, der abwiegeln würde, bezeichnet. Bild.de unterstellt dem Staatsanwalt, er sei “besorgt um den Ruf der Insel”.
Munter setzt Bild.de den mutmaßlichen Mord mit Kannibalismus gleich:
Auch der Staatsanwalt kann den schlimmen Verdacht nicht aus der Welt räumen. “Es ist wahr, dass wir Fleischstücke im Feuer gefunden haben. Die gefundenen Zähne stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Stefan R.”, sagte Thorel.
Es bleibt also dabei: Bild.de meint, von einem verbrannten Körper auf einen kannibalistischen Akt schließen zu können.
Auch nachdem die trauernde Familie von Stefan R. dessen Tod auf seiner Homepage bekannt gegeben hat, gibt sich Bild.de nicht zufrieden, sondern stellt die mittlerweile fünf Tage alte, “furchtbare” Frage:
Die furchtbare Frage: Hat ein Kannibale den deutschen Weltumsegler getötet und Teile von ihm gegessen?
Dass diese Frage vornehmlich von westeuropäischen Medien gestellt wurde, verschweigt Bild.de elegant — es reden ja eh “alle” davon:
Seit dem Verschwinden des Urlaubers steht die Insel unter Schock. Der Täter ist auf der Flucht, und alle treibt die Frage um: Ist er wirklich ein Menschenfresser?
Als Bild.de heute von der DNA-Analyse berichtet, die ergeben hat, dass die Knochenreste und Zähne, die an einer Feuerstelle gefunden wurden, tatsächlich von Stefan R. stammen, da taucht der Kannibalismus-Vorwurf plötzlich mit keinem Wort mehr auf.
Sebastian Brauns ist freier Journalist. Im März dieses Jahres hat er für die “Zeit” über Kannibalismus-Mythen geschrieben.
Es ist “Hamburgs brutalste Ausstellung”, so die “Hamburger Morgenpost”. “Vom Tatort ins Labor – Rechtsmediziner decken auf” heißt sie und im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erwartet die Besucher etwa Folgendes:
Mit Drähten umwickelte Handgelenke, eine strangulierte Person auf dem Dachboden, oder blasse, aufgeschwemmte Körper von Wasserleiche: Vieles, was Rechtsmediziner am Tatort zu sehen bekommen, ist nichts für schwache Nerven.
Die Redakteure von mopo.de halten die Bilder für so hart, dass sie die Klickstrecke extra mit einem Warnhinweis versehen haben:
Das ist womöglich gut gemeint, bringt aber im Zweifelsfall wenig, wenn die Startseite von mopo.de so aussieht:
Dass die “Gewinner/Verlierer”-Rubrik in “Bild” nichtsehrfaktenorientiertist, hat sich mittlerweile herumgesprochen.
Das ist heute nicht anders:
Dass “it works” – zu deutsch: “es funktioniert” – ein “böser Spruch” sein soll, hätte die Redakteure eigentlich misstrauisch machen müssen. Hätten sie dann noch auf Bild.de nachrecherchiert – ein Vorgehen, von dem wir sonst ausdrücklich abraten – hätten sie neben einem Screenshot der gehackten Homepage Uhls auch die Erklärung für die merkwürdige Kurzbotschaft gefunden: