Heute morgen haben ungarische Polizisten den Budapester Ostbahnhof geräumt. Flüchtlinge, die zum großen Teil von dort mit der Bahn über Österreich nach Deutschland fahren wollen, sitzen momentan in der ungarischen Hauptstadt fest.
Bild.de berichtete über die Polizeiaktion im und am Bahnhof — und kündigte das Ganze heute Vormittag so auf der Startseite an:
(Klicken für größere Version.)
Ungarische Polizisten, denen Kameraobjektive aus dem Hals wachsen, Beamte ohne Gesichter oder mit Doppelgänger. Ganz offensichtlich hat Bild.de an dem Foto der Agentur “Reuters” rumgedoktort.
Diese Bildmanipulation dürfte für die Flüchtlinge keine negativen Folgen haben; wenn überhaupt wird hier das Polizeiaufgebot dramatischer dargestellt, als es in diesem Moment tatsächlich war. Vor allem die ungarische Polizei hätte also wohl Grund zur Beschwerde. Aber mal unabhängig von Vor- oder Nachteilen: Mit einer möglichst objektiven Abbildung der wirklichen Situation am Budapester Ostbahnhof hat das Vorgehen von Bild.de nichts zu tun.
Mit viel Wohlwollen könnte man diese Bildfälschung auf das extreme Querformat schieben, das die Redaktion für ihre Vorschaufotos benötigt. Das erklärt aber lange nicht, warum das Bild.de-Team auch noch an anderer Stelle Pixel verschoben hat: Vergleicht man das Originalfoto von “Reuters” (in verlinkten Fall lediglich an der oberen und der unteren Kante leicht beschnitten) mit der Version von Bild.de, sieht man, dass die Lok im Original viel weiter links steht. Eine ganze Reihe von Flüchtlingen, die oberhalb des Mannes im blauen T-Shirt stehen, der im nächsten Moment in die Hände zu klatschen scheint, wurde rausretuschiert.
Mit Dank an Christian!
Nachtrag, 2. September: Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt hat sich für den “Fehler” entschuldigt:
. @BILDblog@KaiDiekmann Diese "Fälschung" ist so dilettantisch, weil sie eben keine Fälschung, sondern ein dämlicher Fehler ist. Sorry!
Mimoun Azaouagh war zehn Jahre lang Profifußballer, spielte unter anderem für den VfL Bochum, Schalke 04 und die deutsche U-21-Nationalmannschaft.
Im vergangenen Sommer war er noch in der zweiten Bundesliga unter Vertrag, doch kurze Zeit später kam eine Schlagzeile, die sein Leben veränderte.
So berichtete “Bild” (auch in der Bundesausgabe) im Februar dieses Jahres über den Fußballer. Seitdem machen Leute auf der Straße einen Bogen um ihn, Bekannte distanzieren sich, Vereine wollen ihn nicht mehr – alles wegen dieser “Bild”-Geschichte, sagt er. Dabei sei sie “absoluter Quatsch”.
Ron Ulrich hat für die aktuelle Ausgabe der “11FREUNDE” ein Interview mit Azaouagh geführt, aus dem wir mit freundlicher Genehmigung einen Auszug veröffentlichen.
***
Mimoun Azaouagh, im Februar berichtete die „Bild“-Zeitung auf ihrer Titelseite, dass Sie im Visier der Staatsanwaltschaft stünden. Die Schlagzeile lautete: „Ex-Schalke-Star jetzt Salafist?“ Sind Sie einer?
Ich bin kein Salafist, ich bin Muslim. Aus Überzeugung. Ich respektiere jeden, egal welche Hautfarbe oder Religion. Ich habe Freunde, der eine ist Christ, der andere Atheist. Ich lebe hier in Deutschland, bin im multikulturellen Frankfurt aufgewachsen. Hier interessiert es keinen, wo man herkommt, woran man glaubt. Diese Toleranz habe ich von klein auf mitbekommen. Dieser Bericht hat mich geschockt.
Darin ist die Rede davon, dass Sie Ihr Leben radikal geändert, sich von Ihrer Freundin und Freunden getrennt hätten. Stimmt das?
Absoluter Quatsch. Ich bin aus einer Firma ausgestiegen, ja, aber ich denke, das ist ein normaler Vorgang. Mein Freundeskreis ist gleich geblieben, die Leute kenne ich allesamt schon seit meinen Kindertagen. Da stand auch, ich wäre bei meinen Eltern ausgezogen. Ich wohne seit meinem 17. Lebensjahr nicht mehr bei ihnen. Und überhaupt: Was soll das alles beweisen?
Üben Sie Ihren Glauben anders aus als vorher?
Kein Stück. Es ist nie mehr oder weniger geworden als zu meiner aktiven Zeit als Profi. Ich bin schon während meiner Stationen in der ersten und zweiten Liga regelmäßig in die Moschee gegangen, habe auch gefastet und fünf Mal am Tag gebetet. Ich bin aber tolerant gegenüber anderen Religionen: Im Islam gibt es keinen Glaubenszwang. Jeder soll das ausüben, was er für richtig hält. Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Menschen nur eine Religion haben, dann hätte er nicht jedem den freien Willen gelassen.
Wurden Sie denn jemals von Salafisten angesprochen?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass die sich trauen, mich anzusprechen. Ich habe eine ganz andere Denkweise. Für mich sind das keine Muslime, das sind Verbrecher. Jürgen Todenhöfer hat es richtig gesagt: „Der Terrorismus hat genauso wenig mit Islam zu tun wie Vergewaltigung mit Liebe.“ Genauso sehe ich es.
Sind Sie überhaupt schon Salafisten begegnet?
Man muss wissen, wer Salafist ist. Wenn Sie mir sagen, wer Salafist ist, dann kann ich sagen: Okay, gut zu wissen, von denen halte ich mich fern. Wenn ich aber in eine Moschee gehe, kann es vorkommen, dass Leute mich ansprechen, ein Foto mit mir machen wollen. Da kenne ich nicht jeden einzelnen und seine Vergangenheit.
Was sagen Sie zu den Behauptungen, Sie hätten an Koran-Verteilungen teilgenommen?
Ich habe noch nie Korane verteilt. Noch nie! Und auch noch nie versucht, jemanden zu bekehren. Da können Sie auch jeden einzelnen meiner Mitspieler fragen. Ich habe immer mein Ding gemacht und andere machen lassen. Auch hier weiß ich nicht, wie so etwas zustandekommt. Glauben die Leute, ich stelle mich auf die Frankfurter Zeil und verteile den Koran? Unter dem Bericht war ein Foto von einer Koran-Verteilung, aber dort war irgendjemand anderer abgebildet und nicht ich.
Hat sich die Polizei bei Ihnen gemeldet?
Nach dem Bericht bin ich selbst zur Dienststelle gegangen, weil ich wissen wollte, was da angeblich gegen mich vorliegt. Die Polizei hat mir mündlich und schriftlich bestätigt, dass an den Vorwürfen nichts dran ist.
Welche Folgen hatte die Berichterstattung für Sie? Ich persönlich bin schmerzfrei, was das angeht. Aber die Leute begegnen mir anders als vorher: Sogenannte Bekannte haben mich vor dem Bericht herzlich umarmt und mit mir gequatscht, jetzt sind alle distanziert. Das merke ich allein an der Art und Weise, wie sie mir die Hand geben. Auf der Straße ziehen Eltern ihre Kinder zur Seite, weil sie im Kopf haben: Das ist Azaouagh, der Salafist.
Wie ging Ihre Familie damit um? Für sie war es viel schlimmer. Nur ein Beispiel: Mein Bruder leitet seit fünf Jahren in einer internationalen Schule ein Fußballtraining, am Wochenende die Spiele. Einen Monat nach der Veröffentlichung hat er einen Anruf der Direktorin bekommen, die auf einmal ein Führungszeugnis von ihm sehen wollte. Sie erklärte lediglich, es sei damals vergessen worden. Doch im Endeffekt kann man ja eins und eins zusammenzählen.
Warum sind Sie nicht ihrerseits in die Öffentlichkeit gegangen?
Der „Bild“-Reporter hat mir einen Tag nach der Veröffentlichung eine SMS geschrieben, vorher nicht. Ich habe damals nicht eingesehen, auf so einen Schwachsinn einzugehen. Und auch später habe ich mich nicht geäußert. Zum einen haben die Leute sowieso ihre vorgefertigte Meinung, zum anderen bin ich auch nicht der geborene Redner. Ich habe zu meiner aktiven Zeit nie viele Interviews gegeben. Ich hatte Angst, dass ich mich verhaspele. Es war wie Lampenfieber. Andere Fußballer sprechen ganz locker, als wären sie mit dem Mikrofon geboren, ich nicht.
Inwieweit hatten die Berichte Einfluss auf Ihre Karriere?
Viele Vereine, die mich auf dem Zettel hatten, haben mich deswegen gestrichen. Da bin ich sicher.
***
Das vollständige Interview gibt’s in der aktuellen Ausgabe der „11 FREUNDE“.
Mit Dank an Marcel B.
1. VICE News-Journalisten in der Türkei inhaftiert (vice.com)
Seit dem 28. August werden die beiden britischen “Vice”-Journalisten Jake Hanrahan und Philip Pendlebury in der Türkei ohne offizielle Anklage festgehalten. Jetzt müssen sie vor Gericht erscheinen; ihnen wird vorgeworfen, in “terroristische Aktivitäten” des sogenannten Islamischer Staats verwickelt zu sein. NGOs wie Amnesty International und PEN International nennen die Vorwürfe “bizarr”.
2. Rekord-Beschwerden zu “Krone”-Foto mit toten Flüchtlingen (derstandard.at)
Beim österreichischen Presserat sind bis gestern Mittag 170 Beschwerden zum Foto der “Kronen Zeitung” eingegangen, das die erstickten Flüchtlinge in einem LKW-Laderaum zeigt — so viele wie noch nie zu einer einzelnen Veröffentlichung. Auch dem deutschen Presserat liegen inzwischen Beschwerden vor, da “Bild” und andere Medien das Foto ebenfalls verwendeten.
3. Die Medien und ein närrischer alter Mann (evangelisch.de, Frank Lübberding)
Frank Lübberding ärgert sich über die Medien, die vor Kurzem noch über Günter Grass den Kopf schüttelten, als der eine “zwangsweise Einquartierung von Flüchtlingen in Privatwohnungen ins Spiel” brachte, und heute große Flüchtlingskampagnen auf ihren Titelseiten bringen: “Aber die gleichen Medien, die noch vor wenigen Monaten die Anmerkungen von Grass als die eines senilen alten Mannes deklarierten, tröten jetzt in dessen Horn, ohne es allerdings zu bemerken.”
5. Schönenborn lässt Plasberg-Sendung wieder in Mediathek (kress.de, Bülend Ürük)
WDR-Fernsehchef Jörg Schönenborn hat entschieden, die umstrittene — und zwischenzeitlich gelöschte — “Hart aber fair”-Sendung wieder in die Mediathek zu stellen. Schönenborn reagierte damit auf die Kritik von außen: “Die Unabhängigkeit unserer Arbeit ist für uns das höchste Gut. Auch wenn der Vorwurf der Zensur oder Selbstzensur absolut unangemessen ist: Schon wenn der Anschein entsteht, diese Unabhängigkeit sei beeinträchtigt, belastet das unsere Arbeit.” Bülend Ürük kommentiert zum Hin und Her beim WDR: “Der Fall zeigt zumindest, dass öffentlich-rechtliche Führungskräfte bereit sind, ihre Entscheidung auch mal zu überdenken — wenn der Druck und Hohn nur groß genug ist.”
6. Der Mann, der das Fest in Heidenau möglich machte (jetzt.sueddeutsche.de, charlotte-haunhorst)
Mit dem Fax-Gerät gegen den Freistaat Sachsen: Wie ein Jurastudent das Willkommensfest in Heidenau möglich machte.
Da dachten wir, wir hätten in Sachen Clickbaiting schon alles gesehen, und dann kommt Youtube-News-Kanzler LeFloid …
… und benutzt als Köder Screenshots aus einem Video, in dem ein Mann filmt, wie er zwei Menschen erschießt. (Unkenntlichmachung oben von uns.)
In LeFloids Video selbst sind die Szenen nicht zu sehen.
Nachtrag, 13:10 Uhr: Die Screenshots hatte LeFloid zunächst auch bei Youtube als Thumbnail benutzt, das hat er aber gestern Abend geändert und dazu geschrieben:
Stimmen wurden laut, dass sich viele am Thumbnail gestört haben – weil es ihnen zu drastisch ist. (Obwohl es aus einer ganz normalen Quelle für Pressebilder ist..) JUT!! Community sagt! Floid überlegt. Floid sieht ein. Floid ändert. EASY! ;)
Das neue passt genau so zum Thema, ist aber weniger heftig. Läuft doch bei uns Froooinde! :) Cheerio! Jut’s Nächtle! Aight! ;)
Und so sieht das neue aus:
Mit Dank an C aus K.
Nachtrag, 2. September: Inzwischen hat LeFloid den Facebook-Eintrag und den Tweet gelöscht.
In der Titelgeschichte von gestern „entlarvt“ die Zeitung „die sieben größten Lügen über Asylbewerber“, zum Beispiel: „Flüchtlinge sind besonders häufig kriminell“ oder „Flüchtlinge kriegen mehr Geld als Hartz-IVler“.
… und zeigt nebenbei, dass sie durchaus in der Lage ist, ihre reißerischen Boulevardmethoden auch für gute Zwecke einzusetzen. Angekündigt wird die Geschichte nämlich so:
Das ist ziemlich clever, denn die düstere Aufmachung lockt wohl am ehesten diejenigen, die sich dahinter eine Bestätigung ihrer Vorurteile erhoffen – aber dann genau das Gegenteil vorfinden.
Gegen all das können und wollen wir auch überhaupt nichts sagen. Nur muss man bedenken, dass die Berichterstattung bis vor Kurzem noch völlig anders aussah. Und dass die „Bild“-Zeitung genau die Vorurteile, die sie heute „entlarvt“, in den vergangenen Jahren immer und immer wieder mit voller Absicht befeuert hat.
Als „Bild“ das letzte Mal „Die Wahrheit“ versprach …
Nochmal: Man kann die „Bild“-Zeitung natürlich dafür loben, dass sie jetzt mithilft, die rechten Geister zu bekämpfen. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie jahrelang dabei mitgeholfen hat, sie zu rufen.
1. “Es gibt schon schöne Trotteln” (facebook.com, Armin Wolf)
Am Ende eines Beitrags der ORF-Nachrichtensendung “ZiB2” war ein Facebook-Posting über Flüchtlinge zu lesen: “An die Wand stellen und einen Kopfschuss verpassen”. Moderator Armin Wolf kommentierte das mit den Worten: “Da graust einer Sau” und “Es gibt schon Trotteln”. Das veranlasste einen Zuschauer zu einer Beschwerdemail an den Publikumsrat, auf die Armin Wolf nun antwortet: “Würde ich es noch einmal sagen? Nein. Ich würde nicht ‘schöne Trotteln’ sondern ‘Es gibt schon feste Trotteln’ sagen. ‘Schöne’ war tatsächlich unpassend.”
2. „Die Eskalation war teilweise inszeniert“ (ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck)
Marco Risovic war als Fotograf an der griechisch-mazedonischen Grenze, als die Regierung dort vergangene Woche den Übergang für Flüchtlinge blockierte. Im Interview spricht er über die Arbeit vor Ort und die Inszenierung von Bildern. Denn dass danach vor allem Fotos von Polizisten zu sehen waren, die mit Tränengas und Blendgranaten auf Flüchtlinge losgehen, war seiner Ansicht nach “von mazedonischer Seite beabsichtigt”.
3. Sarrazins Erbe wirkt weiter (mediendienst-integration.de, Daniel Bax)
Vor fünf Jahren warnte Thilo Sarrazin schlagzeilenträchtig und begleitet von einem enormen Medienecho vor der Selbstabschaffung Deutschlands. Der “taz”-Journalist Daniel Bax sieht das Buch und die folgende Debatte als Zäsur, die “deutlich gemacht [habe], dass es auch in Deutschland das Potential für eine rechtspopulistische Partei jenseits der Union gibt” und der AfD und “Pegida” den Weg geebnet habe. Sarrazin selbst habe mittlerweile an Popularität verloren, seine Thesen seien jedoch salonfähiger als je zuvor.
4. Wie eine Bücherverbrennung erfunden wurde (wibkeschmidt.com, Wibke Schmidt)
In einer “Provinzbücherei im Schwarzwald” wurden vor einem Monat 3200 Bücher aussortiert — aus Sicht der “Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen” ein “übliches Vorgehen”, schreibt Wibke Schmidt. Daher wundert sie sich, dass Roland Tichy in seinem Blog die Aktualisierungsaktion in Bad Dürrheim in eine neu aufgelegte Bücherverbrennung umdichtet: “Aus der Aussortierung alter Bücher in einer Gemeindebibliothek eine von höchsten staatlichen Stellen gesteuerte rot-grüne Umerziehungsaktion zu machen — darauf muss man erst mal kommen.”
5. Dramatisches Drama (udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl)
“Bis zu 50 Flüchtlinge in Schlepper-LKW erstickt” – diese Schlagzeile tauchte gestern in etlichen Medien auf. Udo Stiehl fragt sich, warum so viele Journalisten “die Verlockung [verspüren], eine ohnehin schreckliche Story sofort zu dramatisieren”. Korrekter wäre es gewesen, sich an der Angabe des Ermittlers auf der Pressekonferenz zu orientieren, der von “mindestens 20 Todesopfern” sprach. Wenn man bei Todesmeldungen “mindestens” durch “bis zu” ersetze, “würden Spekulation und Dramatisierung wohl bald zum Standard von Schlagzeilen erhoben”. (Inzwischen hat das österreichische Innenministerium bekanntgegeben, dass in dem LKW mehr als 70 Tote gefunden wurden.)
1. Wie das “vermutlich” bei Heidenau in die Überschrift kam (kress.de, Froben Homburger)
dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt, wie die Überschrift mit den “vermutlich Rechten” entstand, und warum er die Häme in den Sozialen Netzwerken für ungerecht hält. Auf FAZ.net unterstützt Michael Hanfeld diesen Eindruck und lobt die Sorgfalt der dpa: “Je genauer die Deutsche Presse-Agentur formuliert, so scheint es, desto heftiger, oberflächlicher, tumber wird sie kritisiert – von rechts oder von links. Das darf die Nachrichtenagentur ruhig als Auszeichnung verstehen.”
2. Heidenau in den Köpfen der sz.de (nice-bastard.blogspot.de, Dorin Popa)
In der Dienstagsausgabe der “Süddeutschen Zeitung” findet man einen Kommentar von Constanze von Bullion. Es geht um das Ost-West-Gefälle in der finanziellen Ausstattung von Kitas und Ganztagsschulen, die Überschrift lautet “Es gäbe jetzt Geld dafür”. Online stand über dem Artikel zunächst: “Geld für Kinder statt Flüchtlinge”. Im Text selbst ist von Flüchtlingen jedoch gar nicht die Rede. Nach heftiger Kritik auf Twitter änderte die SZ schließlich den Titel. Dorin Popa vermutet darin Klickschinderei oder die “innere Überzeugung eines, wie sagt man heute so schön, Asylkritikers” in der Onlineredaktion.
3. Ultra-Berichterstattung: Hysterie nach Drehbuch (effzeh.com, David Schmitz)
Nachdem das Stadionverbot für die Kölner Ultra-Gruppe “Boyz” aufgehoben worden war, gab es bei dem letzten Spiel gegen den VfL Wolfsburg eine Schlägerei vor dem Spiel – mit Beteiligung von “Boyz”-Mitgliedern. Was die “Bild”-Zeitung zum Anlass nimmt, den Dialog des 1. FC Köln mit seiner Fangruppe zu kritisieren, weil die “Boyz” schließlich nur auf Gewalt aus seien. Diese Verurteilung des gesamten Fanclubs stört David Schmitz: “Schließlich – das wird gerne vergessen in der aktuellen Berichterstattung – hieß die Aufhebung der Stadionverbote vor allem, dass Fans, denen offenbar keine Straftaten nachgewiesen werden konnten, wieder ihre Bürgerrechte wahrnehmen und ins Stadion gehen dürfen. Es ist also weniger eine Gnade, als eine juristische Richtigstellung.”
4. Der Kandidat des Königs (operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Matthias Pauqué möchte Oberbürgermeister von Bonn werden. Der parteilose Kandidat tritt im Namen einer bizarren Bewegung an, die unter anderem die “Abschaffung gemeingefährlicher Organisationen (IWF, Weltbank, CIA und andere)” fordert und ein neues Parlament einführen will. Unterstützt wird Pauqué auch von Peter Fitzek, der sich selbst zum “König von Deutschland” ernannt und auf einem alten Krankenhausgelände einen eigenen Staat ausgerufen hat. Von all dem ist im Kandidaten-Porträt, das der “Bonner General-Anzeiger” veröffentlicht hat, aber nichts zu lesen — offenbar hatte sich die Redaktion einfach auf die Pressemitteilung der Verschwörungstruppe verlassen.
5. Deutschlands vielleicht kleinste Zeitung (sueddeutsche.de, Olaf Przybilla)
Die Ostheimer Zeitung ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Wer dem Chefredakteur etwas zuschickt, wird gedruckt, so sind die Regeln. Das klingt nach einem seltsamen Verständnis von Journalismus – bis man einen Blick ins Impressum wirft: “Inhaber: Volker Gunzenheimer. Lokalchef: Volker Gunzenheimer. Anzeigenchef: Nein, offiziell nicht Volker Gunzenheimer, das macht sein Sohn. Was das Impressum verschweigt, vermutlich aus Bescheidenheit: Auch der Chefreporter, der einzig festangestellte Fotograf, der Chefdrucker und der Chef vom Dienst hören auf den Namen Volker Gunzenheimer.”
Immerhin: Das Clickbaiting mit Toten haben sie eingestellt. Aber sonst geht es munter weiter auf der Facebookseite der „TV Movie“:
Oder auf der Facebookseite der „Intouch“ (Bauer):
Oder der „Bravo Girl“ (Bauer):
Oder der “Closer” (Bauer):
(Unkenntlichmachung von uns.)
Oder der „Bravo“ (Bauer):
Um Letzteres kurz aufzuklären: LionT (ein Youtuber) spricht natürlich nicht über Selbstmord. Also, schon ein bisschen, denn er spricht darüber, dass er manchmal hässliche Kommentare bekommt – zum Beispiel, er solle sich doch umbringen.
Wundern muss man sich über diese Geschmacklosigkeiten aber nicht, schließlich gehört die Irreführung der potentiellen Kundschaft zu den Kernkompetenzen der Bauer Media Group.
Auch in der analogen Welt. Das ebenfalls im Bauer-Verlag erscheinende Knallblatt „das neue“ zum Beispiel will die Leser am Kioskregal aktuell mit diesem Cover zum Kauf verführen:
Nun könnte man meinen – und darauf zielt die Redaktion ja ab –, dass sich der Gesundheitszustand von Michael Schumacher auf wundersame Weise verbessert hat und “das neue” über exklusive Infos verfügt (so, wie es viele Regenbogenhefte seit Schumachers Ski-Unfall immer wieder suggerieren). Das „Wunder“ besteht aber, wie man dann im Heft erfährt, in Wahrheit darin, dass es Fotos von Corinna Schumacher gibt, auf denen sie lächelt.
Die Kinder lassen sie einen Moment lang die Sorgen vergessen. Die Sorgen um ihren Mann, der seit Dezember 2013 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Und über deren (sic) Gesundheitszustand nur die Familie Bescheid weiß. (…) Es könnte doch sein, dass sie so glücklich ist, weil sie weiß, dass es ihrem Michael jeden Tag ein bisschen besser geht …
So ist das Clickbaiting bei “TV Movie”, “Bravo” & Co. im Grunde die digitalisierte Version dessen, was Bauer in der analogen Welt schon seit Jahrzehnten treibt: ein perfides Spiel mit den Erwartungen und Sorgen der Leser, um sich selbst zu bereichern.
Doof nur: Das Logo wurde nicht erst jetzt entfernt, wie alle glauben, sondern schon vor Monaten. Nach BILDblog-Informationen bereits im Mai.
Mit einem Blick in die “Wayback Machine”, in der frühere Versionen von Internetseiten gespeichert werden, hätten die Journalisten das auch ganz schnell selbst herausfinden können:
Datiert ist diese Version auf den 8. Juni 2015 — schon damals gab’s anstelle des RB-Logos nur einen „Leipzig“-Schriftzug.
In die Welt gesetzt wurde die Geschichte heute übrigens, klar, von der “Bild”-Zeitung:
Mit Dank an Ananyma.
Korrektur, 22.05 Uhr: Wir hatten zunächst geschrieben, das Logo sei vor fünf Monaten gelöscht worden. Das war Quatsch; richtig sind mindestens drei. Entschuldigung!
Die “New York Times” hat ein halbes Jahr lang recherchiert, mit welchen teils erschreckenden Methoden die Menschen beim Versandhändler Amazon zu immer neuen Höchstleistungen angetrieben werden sollen. Der lange Bericht sorgte international für Aufmerksamkeit und Diskussionen.
“Tränen, Rauswürfe und ein Knopf gegen zu lange Klo-Pausen”.
Und wie kämpft Amazon laut “Bild” gegen zu lange Klo-Pausen? Unter anderem so:
Bah. Wie gemein! Perfide! Sowas trauen die sich bei Amazon?
Äh, nun. In Wahrheit ist es einfach so, dass das Unternehmen gerade damit experimentiert, ein Gerät zu verkaufen, das man sich zu Hause hinlegen kann, und wenn man merkt, dass das Klopapier zur Neige geht, kann man draufdrücken, dann wird schnell eine neue Ladung vorbeigebracht.
Hat mit den Arbeitsbedingungen bei Amazon gar nichts zu tun. Steht auch so in der “New York Times”, sogar mit Link:
Even as the company tests delivery by drone and ways to restock toilet paper at the push of a bathroom button, it is conducting a little-known experiment in how far it can push white-collar workers, redrawing the boundaries of what is acceptable.
Aber halt leider auf Englisch.
Mit welchen Methoden die “Bild”-Zeitung ihre Leute zu journalistischen Höchstleistungen antreibt, ist nicht bekannt.