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Verschwörungsbusiness, Rosa müffelt, Trainingscamp für “Hasis”

1. „Verschwörungstheorien sind ein Riesengeschäft“
(wiwo.de, Niklas Dummer)
Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und hat ein Buch über Verschwörungstheorien verfasst. Im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“ erklärt er, wie Verschwörungstheorien funktionieren und wie damit Geld verdient wird.

2. Video: Pink stinks – Geschlechterklischees
(daserste.de, Christiane Steckfuß, Video, 6:16 Minuten)
Die Hersteller von Kinderspielzeug haben erkannt, wie gut man daran verdienen kann, wenn man Spielzeug in blauen und und rosafarbenen Varianten auf den Markt wirft. „Gendermarketing“ heißt das Ganze und richtet sich schon an Grundschulkinder bzw. deren Eltern. Stevie Meriel Schmiedel von „Pinkstinks“ sieht das besonders kritisch. Durch die Genderisierung des Spielzeugs würden alte Geschlechterrollen unreflektiert weitergegeben. Doch Gendermarketing beschränkt sich nicht nur auf Spielzeug, erklärt Schmiedel, und weist auf einen interessanten Aspekt hin: „Wenn Sie mal auf Duschgel oder andere Produkte für Kinder gucken: Mädchen gucken immer den Betrachter an, ob sie jetzt Cartoon oder reell sind, und lächeln, und die Jungs schauen irgendwo in die Weite und sind gerade in Aktion begriffen. Und diese zwei Klischees, es ist unfassbar, findet man überall.“

3. YouTube schaltet weiterhin Werbung vor extremistischen Inhalten
(heise.de, Tilman Wittenhorst)
YouTube hat weiterhin mit einem peinlichen Problem zu kämpfen: Schlimm genug, dass auf der Plattform rassistische oder antisemitische Videos erscheinen. Doch diese werden von YouTube oftmals auch noch mit Werbeclips seriöser Unternehmen wie Adidas, Amazon und Netflix versehen.

4. Muss es immer pompös sein?
(faz.net, Oliver Jungen)
In Köln trafen sich die Filmbranche zum „Serien-Summit“, in der es um die Zukunft der deutschen Serie ging. Von drei Serienmachern aus dem Ausland konnte man lernen, dass auch mit verhältnismäßig kleinen Budgets gute Ergebnisse erzielbar sind.

5. Ein Trainingscamp für “Hasis”
(sueddeutsche.de, Ulrike Schuster)
Jahrelang soll ein WDR-Korrespondent junge Frauen sexuell belästigt haben, die er in einem von ihm veranstalteten Journalismus-Seminar traf. Die Geschichte beginnt bereits in den Neunziger Jahren und der Sender hatte lange Kenntnis von den Vorwürfen, doch eine tatsächlich wirksame Reaktion gab es erst jetzt.

6. Wahnsinnig unsympathisch, ne?
(uebermedien.de, Video, 0:52 Minuten)
In einer Folge von „Germany’s Next Topmodel“ konfrontiert die Online-Chefredakteurin von „Bunte“ Julia Bauer die Kandidatinnen mit vermeintlich „dunklen Geheimnissen“ aus ihrer Vergangenheit und stellt ihnen eine Frage, die sie, nun ja, auch ihrem Spiegelbild hätte stellen können.

Mord auf Malta, Der MDR und das “N”-Wort, Tschüss Neon

1. Wie man die Amok­fahrt von Münster mit dem IS in Verbindung bringt
(uebermedien.de, Katharina Wecker)
Die Journalistin Katharina Wecker bekommt eine Anfrage von der zweitgrößte Boulevardzeitung Großbritanniens, der „Daily Mail“: Ob sie die Online-Kollegen als sogenannte „Fixerin“ bei der Recherche zum Geschehen in Münster unterstützen könne? Sie sagt zu und erlebt, wie das recherchierte Material verdreht und falsch interpretiert wird, um einen Aufreger mit Verschwörungseinschlag zu produzieren: „Es war meine erste Zusammenarbeit mit „Mail Online“ und meine erste Tätigkeit als „Fixerin“. Es wird wahrscheinlich auch meine letzte sein. Nachdem ich den veröffentlichten Artikel gelesen und festgestellt habe, wie weit sich der Text teilweise von der Recherche entfernt hat, habe ich mich dazu entschlossen, auf mein Honorar zu verzichten und diesen Text zu schreiben.“

2. MDR will “vorsichtiger” mit dem “N-Wort” umgehen
(deutschlandradio.de, Sebastian Wellendorf, Audio, 4:48 Minuten)
Der MDR Sachsen hatte die Frage gestellt: “Darf man heute noch “Neger” sagen?” und dafür einen Shitstorm kassiert. Der “Deutschlandfunk” hat sich mit MDR-Radio-Sachsen-Chef Bernhard Holfeld über das Thema unterhalten. Das vierminütige Gespräch lohnt in zweierlei Hinsicht: Weil es einen Programmchef zeigt, der sich in alle Richtungen dreht und windet und nach Ausschlüpfen sucht, und mit Sebastian Wellendorf einen Journalisten, der ihm dies nicht durchgehen lässt.

3. Mord auf Malta
(projekte.sueddeutsche.de, Mauritius Much & Hannes Munzinger & Bastian Obermayer & Holger Stark & Fritz Zimmermann)
Im Oktober 2017 wurde die maltesische Investigativ-Journalistin Daphne Caruana Galizia durch ein Attentat mit einer Autobombe getötet. Nun arbeiten Reporter von 18 Medien wie der „New York Times“, des „Guardian“ oder „Le Monde“ zusammen daran, ihre Recherchen fortzusetzen und ihre Ermordung zu rekonstruieren. In Deutschland sind der Rechercheverbund aus „SZ“, „WDR“ und „NDR“ beteiligt die “Zeit” (Wer hat sie umgebracht?). Der Text zeichnet Daphne Caruana Galizias Leben auf der Insel nach und stellt die Frage nach den Hintermännern ihrer Ermordung.
 Dazu ein TV-Tipp: Die „ARD“-Sendung Monitor widmet sich in ihrer heutigen Sendung dem Thema Mord auf Malta: Der Fall Caruana Galizia (“Das Erste”, 19.04.2018, 21:45 Uhr)

4. Tschüss Neon!
(zeit.de, Dirk Peitz)
Vor 15 Jahren erschien die erste Ausgabe des Monatsmagazins „Neon“, ein Heft “für junge Leserinnen und Leser, die schon lange volljährig sind, aber ihre jugendliche Unbeschwertheit bewahren wollen”. Nun ist es Zeit Abschied zu nehmen, jedenfalls von der gedruckten Ausgabe. „Neon“ wird nur noch digital weiterleben, wie Print-Chefredakteurin Ruth Fend in einem Abschiedsbrief bekannt machte. Dirk Peitz blickt bei “Zeit Online” auf die vergangenen Jahre zurück.

Auch der Rest der Branche kondoliert, zum Beispiel hier: Die Neon leuchtet nicht mehr (sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel) oder hier: Abschied vom Ich-Journalismus (spiegel.de, Eva Thöne)

5. Medienwächter: Bild macht Rundfunk!
(wuv.de, Petra Schwegler)
Die Kommission für Zulassung und Aufsicht „ZAK“ hat drei „Bild“-Live-Streams mit TV-Sendern gleichgestellt. Die Folge: “Springer” benötigt eine Sendelizenz! Dem widerspricht der Konzern: Es handele sich nicht um zulassungspflichtigen Rundfunk im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages. Amüsanter Nebenaspekt: Während die Verlage aufschreien, wenn Fernsehsender Textinhalte veröffentlichen und dies als Wildern in ihrem Revier beklagen, scheint dies umgekehrt nicht zu gelten. Jedenfalls nicht in diesem Fall.

6. Schöner Grüßen mit quoteSalute!
(dhd-blog.org, Stefan Dumontt & Frederike Neuber & Lou Klappenbach)
Ihnen sind die üblichen Grußformeln zu unpersönlich, primitiv und langweilig? Dann verabschieden Sie sich in der nächsten Mail doch einfach mal mit einem Textbaustein aus alten Zeiten. „quoteSalute“ hat Grußformeln aus verschiedenen frei verfügbaren historischen Briefeditionen zusammengetragen, die sich per Knopfdruck in die Zwischenablage kopieren lassen. In diesem Sinne empfehle ich mich mit der innigsten Ehrerbietung und Dankbarkeit als ihr gehorsamster Diener und 6-vor-9-Kurator Lorenz Meyer.

Der schöne Schein und die Ästhetisierung des Krieges

Als Reaktion auf einen mutmaßlichen Giftgasangriff bombardierten die USA unter Beteiligung von Frankreich und des Vereinigten Königreichs am 14. April syrische Einrichtungen bei Damaskus und Homs. Zur Bebilderung der Meldung verwendeten zahlreiche Medien (“Spiegel Online”, Berliner-Zeitung.de, Stern.de, Handelsblatt.com, taz.de, ksta.de, MDR.de, “Deutschlandfunk” und viele weitere) ein und dasselbe Bild der amerikanischen Nachrichtenagentur “Associated Press”, die in Deutschland mit der “dpa” zusammenarbeitet.

Screenshot Spiegel Online, der die Verwendung des Fotos zeigt - Foto-Beschreibung weiter hinten im Text
Screenshot Berliner-Zeitung.de, der die Verwendung des Fotos zeigt
Screenshot taz.de, der die Verwendung des Fotos zeigt

Kriegsmeldungen zu bebildern, ist mit Sicherheit keine einfache Aufgabe und vielleicht gab es auch nur wenig Auswahl. Dennoch tue ich mich mit diesem Bild schwer.

Das Foto zeigt ein nächtliches Stadtpanorama in warmen Farbtönen mit einem spektakulären Lichtschweif, der weite Teile des Himmels erhellt.

Je nachdem, welcher Ausschnitt von der jeweiligen Redaktion gewählt wurde, ergeben sich stimmungsvolle Kompositionen aus malerischer Stadtkulisse und einem leuchtendem Himmel, der dynamisch von der Diagonale des Leuchtstreifens zerteilt wird. Man könnte durchaus von einem ästhetischen Bild sprechen, das man sich gerne ansieht. Kein Wunder: Bilder von nächtlichen Stadtlandschaften, Skylines und Gewittern sind begehrte Postermotive und werden sogar auf Leinwand angeboten.

Was bei all der visuellen Schönheit in den Hintergrund zu geraten droht: Es handelt sich immer noch um eine Kriegsaktion, mit all den furchtbaren Folgen für die dort lebende Bevölkerung.

Während sich also in Damaskus und Homs die Menschen Sorgen um ihr Leben machen, schauen wir uns romantischen Kriegskitsch an. Fast wie zu Silvester, wo wir dank der jährlichen Überdosis Raclette oder Fondue um Mitternacht schwerfällig nach draußen schwanken und sagen: “Oh, ist das schön!” Und uns danach wieder in das kuschelige Warm unserer sicheren Wohnung zurückziehen.

Nennt mich streng, nennt mich überkorrekt. Außerdem weiß ich, dass es natürlich — wie fast immer — Wichtigeres gibt. Aber mir ist unwohl bei dieser journalistischen Entscheidung, etwas schön zu bebildern, was nicht schön zu bebildern ist.

Dazu auch:

  • Das Töten von Menschen als medial inszenierte Rekordjagd: Mord ist Sport.

Der “MDR” und der grausige Tweet, Abgehefteter Hass, Bahnbabo

1. MDR-Sendung platzt nach rassistischem Tweet
(tagesspiegel.de, Matthias Meisner)
“Darf man heute noch “Neger” sagen? Warum Ist politische Korrektheit zur Kampfzone geworden?” So lautete die verstörende Ankündigung einer Radiodiskussion mit der früheren AfD-Chefin Frauke Petry, dem Moderator Peter Hahne, der sächsischen Linke-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz und dem Leipziger Politikwissenschaftler Robert Feustel. Nachdem es auf Twitter zu einem Shitstorm kam und zwei Diskussionspartner absagten, sagte der MDR die Sendung ab.

Für alles Weitere zum Ablauf des Geschehens samt unglücklicher MDR-Kommunikation siehe unseren Beitrag: MDR diskutiert mit Weißen über Rassismus gegenüber Schwarzen (bildblog.de, Moritz Tschermak).


2. Schreit es weg!
(sueddeutsche.de, Willi Winkler)
“National Enquirer” heißt das Klatschblatt, das in ganz Amerika strategisch günstig neben der Supermarktkasse ausliegt. Sämtliche Promis müssen damit rechnen, irgendwann einmal ins Visier der Boulevardzeitung zu geraten. Nur einer scheint sicher: Donald Trump. Und das liegt an der engen Freundschaft von Trump und David J. Pecker, dem Verleger des Revolverblatts.

3. Virtueller Hass, säuberlich sortiert
(spiegel.de, Melanie Amann & Marcel Rosenbach)
Wer rechtswidrige Posts in sozialen Netzwerken entdeckt und vergeblich versucht hat, eine Löschung zu bewirken, kann sich an das Bundesamt für Justiz in Bonn wenden. Melanie Amann und Marcel Rosenbach vom „Spiegel“ haben die Behörde besucht, bei der die Beschwerden fein säuberlich in blauen Aktenmappen landen. Und mussten als externe Besucher zunächst die vorgeschriebene Sicherheitseinweisung für den Paternoster überstehen.

4. Der Mann, der kein Spion war: Wie sich das Leben des Baslers nach falschen Vorwürfen verändert hat
(bzbasel.ch, Annika Bangerter)
Der türkischstämmige Basler Y. S. soll als Polizeiassistent für Erdogan spioniert haben, doch die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Die öffentliche Wahrnehmung war jedoch eine andere, auch durch die Medienberichte. „bz Basel“ hat mit Y.S. darüber gesprochen, wie die falsche Spitzel-Geschichte sein Leben verändert hat: „Der Spion bleibt an mir haften, ich bin abgestempelt. Bis heute meide ich deshalb Örtlichkeiten, an denen sich viele Menschen aufhalten. Ich will nicht, dass sich jemand durch meine Anwesenheit provoziert fühlt oder gar das Gefühl hat, sich beweisen zu müssen. Im Sinne von: «Jetzt zeigen wir es dem Spion.» Eine solche Situation eskaliert schnell.“

5. Investigative Filmemacher und die Haftungsfrage
(ndr.de, Sabine Schaper)
Bei den in der ARD ausgestrahlten investigativen Dokumentationen, auf die der Sender so stolz ist, handelt es sich um Auftragsproduktionen, hinter denen freie Produzenten stecken. Als kleine Firmen legen sie sich oft mit den großen Playern aus Politik und Wirtschaft an und setzten sich einem erheblichen Risiko aus, verklagt und in den finanziellen Ruin getrieben zu werden. Was helfen könnte: Neue Verträge.

6. Alles gechillt beim Bahnbabo
(fr.de, Kathrin Rosendorff)
Peter Wirth (57) ist Straßenbahnfahrer, Social-Media-Star und eine Berühmtheit in Frankfurt: Er ist der durchtrainierte, muskelgestählte und von allen geliebte „Bahnbabo“.

MDR  

MDR diskutiert mit Weißen über Rassismus gegenüber Schwarzen

Wie oft wurde die frühere AfD-Politikerin Frauke Petry in ihrem Leben wohl als “Negerin” beschimpft?
Wie oft der ZDF-Moderator Peter Hahne?
Wie oft die Linke-Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz?
Wie oft der Politikwissenschaftler Robert Feustel?

Das sind vier völlig blöde Fragen, schließlich haben Petry und Hahne und Köditz und Feustel alle eine sehr helle Hautfarbe, was sie vor einer solchen unsäglichen rassistischen Beleidigung schützt. Und doch hätte sich die Redaktion des MDR Sachsen diese Fragen mal stellen können, denn heute Abend um 20 Uhr will der Radiosender mit diesen vier Studiogästen die Frage klären, ob man “noch ‘Neger'” sagen darf:

Um erstmal auf die Frage einzugehen: nein. Es handelt sich um eine Beleidigung (dass man sowas wirklich noch klarstellen muss). Selbst der Duden schreibt, dass die Bezeichnung “im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend” gelte. Sie verletzt Menschen. Man kann das Wort benutzen, ja. Aber dann kann man sich nicht damit rausreden, dass man nicht wisse, was für eine üble rassistische Beleidigung man benutzt hat.

In der Sendung des MDR Sachsen soll es laut Ankündigung allgemein um die Frage “Politisch korrekt oder korrekt politisch?” gehen. Es ist bemerkenswert, dass eine Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders in die dazugehörige Twitter-Ankündigung das N-Wort einbaut. Die Frage wirkt wie ein kalkulierter Tabu-Bruch: Längst Indiskutables zur Diskussion stellen, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen — eine Strategie, die man ständig bei der Neuen Rechten beobachten kann. Allein das Stellen dieser Frage ist ein Rückschritt, schließlich lässt dies es so wirken, als könnte man ernstzunehmende unterschiedliche Positionen zu ihr einnehmen. Was könnte man denn noch so diskutieren? Darf man heute noch “Kümmeltürke” sagen? Darf man heute noch “Judensau” sagen? Darf man Schwule “Schwuchteln” nennen? Darf man einen Menschen mit Trisomie 21 “Mongo” nennen? Die Antworten wären übrigens: nein, nein, nein und nein.

Was viele Twitter-Nutzer stört ist nicht nur die Reproduktion einer rassistischen Beleidigung durch den MDR Sachsen, sondern auch die Zusammensetzung der Talk-Runde: Warum sitzt keine von Rassismus betroffene Person am Mikrofon, die sagen könnte, was sie von der Verwendung des Wortes hält? Etwa jemand, der “Zigeunerschnitzel”- und “Negerkuss”-Verteidiger Peter Hahne im Studio erklären könnte, wie kränkend das Wort ist. Warum diskutieren ausschließlich Weiße darüber, mit welchen Rassismen sie Schwarze versehen dürfen und mit welchen nicht?

Die Reaktion des MDR Sachsen auf diese Kritik ist gelinde gesagt eine Katastrophe:

Was für eine Bankrotterklärung einer Redaktion: Auf Anrufe von Betroffenen hoffen, weil man es (im besten Fall) verpennt hat oder (im schlimmeren Fall) für unnötig hielt, die Menschen ins Studio einzuladen, die die Beleidigung im Alltag betrifft.

Anderen Kritikerin entgegnet der MDR Sachsen, dass sie mal etwas sorgfältiger lesen sollen:

Das wäre ziemlich lustig, wenn es nicht so traurig wäre: Dass eine Redaktion, heischend nach Aufmerksamkeit, an den Anfang ihres Tweets eine rassistische Beleidigung stellt und bei Kritik daran sagt, dass man sich mal nicht von der rassistischen Beleidigung blenden lassen solle. Und vielleicht zeichnet eine gute Überschrift auch aus, dass sie die Leserschaft den Inhalt einer Sendung nicht falsch verstehen lässt.

Der MDR Sachsen hat nun auch etwas grundsätzlicher auf die Kritik reagiert:

Auch dazu könnte man einige Fragen stellen, etwa: Was an der “Einstiegsfrage” soll eine “Überspitzung” gewesen sein? Das war keine “Überspitzung”. Das war schlicht das Wiedergeben einer rassistischen Beleidigung.

Die zwei angekündigten Studiogäste Kerstin Köditz und Robert Feustel haben ihre Teilnahmen an der Diskussionsrunde inzwischen übrigens abgesagt:

Ein letzter Gedanke: Ja, auch wir haben hier nun diese Beleidigung mehrfach verwendet. Das lässt sich bei einer Kritik an manchen Stellen leider nicht vermeiden. Wir haben uns jedenfalls Mühe gegeben, das Wort so selten wie möglich zu verwenden.

Nachtrag, 17:38 Uhr: Laut “Tagesspiegel” hat der MDR Sachsen nun die gesamte Sendung abgesagt.

Mit Dank an @jens_jans für den Hinweis!

32 frohe Botschaften, Unruhe im Funkhaus, Springerknechtle Bechtle

1. Die Welt wird immer besser
(faz.net, Hans Rosling)
Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass alles schlechter wird auf unserer Erde. Das liegt daran, dass über Verschlechterungen in der Regel viel und über Verbesserungen in der Regel wenig berichtet wird. Der im Februar 2017 verstorbene Wissenschaftler Hans Rosling hatte es sich zur Aufgabe gemacht, auf die positiven Veränderungen hinzuweisen.
 In einem Gastbeitrag für die „FAZ“ gibt es sein Vermächtnis: 32 gute Botschaften! Beachtens- und lesenwert wegen der Grafiken mit den positiven Entwicklungen, aber auch wegen der Gedanken drumherum.

2. Unruhe im Funkhaus
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Beim „WDR“ rumort es: Nach Belästigungsvorwürfen gegen einen weiteren Mitarbeiter hat der Sender externe Anwälte mit der Aufklärung von Vorwürfen der sexuellen Belästigung innerhalb der Anstalt beauftragt. Inwieweit eine transparente Aufklärung der Fälle erfolgt, ist fraglich: „Persönlichkeitsschutz und Arbeitsrecht heißen ganz offenbar die Linien, hinter die sich der WDR bislang immer wieder zurückzieht. Parallel wird immer deutlicher, dass offenbar sehr viele im Haus sehr lange schon von den Vorwürfen wussten, sich aber nicht trauten, dies anzusprechen.“

3. Springerknechtle Bechtle
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Ein Ausflug in die Zeitgeschichte: 1968 wurde der Wortführer der Studentenbewegung Rudi Dutschke niedergeschossen. Viele Menschen machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, die lange gegen Dutschke und die aufbegehrenden Studenten gehetzt hatte. Josef-Otto Freudenreich erzählt die Geschichte der Springer-Blockade in Esslingen. Dort hatten sich Demonstranten versammelt, welche die Auslieferung des Boulevardblatts verhindern wollten.

4. Das Bild der Bauern
(ndr.de, Oda Lambrecht & Christian Baars)
Immer wieder gibt es Berichte, die sich kritisch mit der Landwirtschaft und ihren Folgen für Mensch, Umwelt und Tier auseinandersetzen. Berichte, die von Landwirten oft als einseitig empfunden werden. Ihre Antwort: Das Herstellen einer Gegenöffentlichkeit durch die Online-Veröffentlichung eigener Berichte, Fotos und Videos.

5. Auf Youtube ist die Erde eine Scheibe
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Wegen des Datenskandals richten sich momentan alle Augen der Welt auf Facebook, doch auch Google hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Videoplattform erweise sich, so Adrian Lobe, „immer mehr als Katalysator für Verschwörungstheorien und Hassbotschaften, die dem erklärten Ziel der Mutterfirma Google, «die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen», zuwiderlaufen.“

6. Hustensaft Jüngling hat uns den Facebook-Skandal erklärt
(noisey.vice.com, Nina Damsch)
Als Rausschmeißer fürs Wochenende ein Chat-Interview der besonderen Art: Was würde der deutsche Rapper „Hustensaft Jüngling“ an Mark Zuckerbergs Stelle tun? Sollten wir alle Facebook löschen? Hängen die coolen Kidz überhaupt noch da ab? Und ist Mark Zuckerberg wirklich ein Roboter, wenn nicht sogar ein Reptiloid?

Digitaldealer auf Entzug, Ahnungslos, Italiens Fußball-Hustinetten-Bären

1. Digitale Dealer auf Entzug
(freitag.de, Paul Lewis)
Der „Freitag“ hat einen längeren Aufsatz von Paul Lewis veröffentlicht, der das „Guardian“-Büro für die Westküste der USA leitet. Es geht um einige IT-Entwickler, die sich von den sozialen Medien abwenden. Darunter Leute wie Justin Rosenstein, der Facebooks Like-Button entwickelt hat, und Loren Brichter, der das „Pull-to-Refresh“ eingeführt hat und nun die Schattenseiten seiner Erfindung bereut. Der Digitalkonsum wird nicht nur pauschal mit Glücksspiel oder Drogenkonsum verglichen, sondern die Wirkweisen werden konkret erklärt. Und das ist erschreckend raffiniert und banal zugleich.

2. Wie jetzt, Mark? Zuckerberg spielt vor dem US-Senat den Ahnungslosen
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
„Netzpolitik.org“ hat die Anhörung des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress ausgewertet. Zuckerberg könne den Auftritt als Erfolg für sich verbuchen. Er hätte die Abgeordneten durch Tarnen und Täuschen wiederholt in die Irre geführt.
Weiterer Lesetipp: Die „Washington Post“ hat eine hübsche Zeitleiste montiert: 14 years of Mark Zuckerberg saying sorry, not sorry (washingtonpost.com, Geoffrey A. Fowler & Chiqui Esteban)

3. China zwingt muslimische Minderheit, Überwachungs-App zu installieren
(motherboard.vice.com, Joseph Cox)
Im Westen Chinas, in der Region Xinjiang, leben hauptsächlich muslimische Uiguren. Angehörige dieser ethnischen Minderheit wurden von der chinesischen Regierung nach Medienberichten gezwungen, das Spionage-Programm „JingWang“ auf ihren Handys zu installieren. Die App durchsuche das Handy nach „terroristischen und illegalen religiösen Videos, Bildern, E-Büchern und Dokumenten“.

4. Wie ein Bericht über “Fake News” zu “Fake News” führte
(wuv.de, Franz Scheele)
Viele amerikanische Medien haben sich darüber lustig gemacht, dass „Fox News“ für einen kurzen Moment versehentlich eine für sich nachteilige Grafik zum Thema Leservertrauen eingeblendet hat. Was dabei unterschlagen wurde: Die Grafik wurde wenig später durchaus eingeblendet. Franz Scheele hat den Vorfall aufgearbeitet und kommt zum Schluss, dass die betreffenden US-Medien damit die Ergebnisse einer Studie über “Fake News” ungewollt bestätigt hätten.

5. Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel: Lokaljournalismus sollte nicht das Publikum erziehen wollen
(kress.de, Benjamin Piel)
Benjamin Piel spricht sich in einem Debattenbeitrag gegen „belehrenden“ beziehungsweise „erzieherischen“ Lokaljournalismus aus. Die Welt – selbst die kleine vor Ort – sei komplex und bestehe aus vielen Graustufen statt bloß aus Schwarz und Weiß. Deshalb sei das Publikum auch „dankbar, wenn es spürt, dass jemand sich die Mühe macht, die komplexe Realität anschaulich zwar, aber ohne Verhüllen des Komplizierten schildert. Es gibt fast nie nur eine Wahrheit, sondern viele Wahrheiten, die sich aus unterschiedlichen Wahrnehmungen der Wirklichkeit ergeben. Journalisten tun gut daran, diese Tatsache nicht zu verschleiern, das Publikum mündig zu machen statt es zu bevormunden.“

6. Wie sich Journalisten in Ekstase brüllen
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Italienische Fußballkommentatoren müssen sich nicht nur gut auskennen, sondern auch gut bei Stimme sein. Carolin Gasteiger hat drei Hörbeispiele herausgesucht, bei denen man spontan mit Kamille und Salbei gurgeln will. Wenn man sich nicht schon vorher eine Tüte Halspastillen in den Rachen geschüttet hat.

Jens R.

“Spiegel Online” schreibt von “Jens R.”:

Screenshot Spiegel Online - Amoktäter von Münster - Wie Jens R. sein Leben entglitt - Der Amokfahrer von Münster hatte wohl schon als Kind Suizidgedanken. Jens R. flüchtete sich später in Verschwörungsideen und zeigte nach SPIEGEL-Informationen seinen Vater an, als der ihm helfen wollte.

Welt.de schreibt von “Jens R.”:

Screenshot Welt.de - Folgenschwerer Sturz - Wie konnte Jens R. zum Mörder werden?

FAZ.net schreibt von “Jens R.”:

Screenshot FAZ.net - Amokfahrer von Münster - Das rätselhafte Leben des Jens R.

Stern.de schreibt von “Jens R.”:

Screenshot stern.de - Amokfahrt von Münster - Es liegt der Verdacht nahe, dass Jens R. eine paranoide Schizophrenie hatte

Tagesspiegel.de schreibt von “Jens R.”:

Screenshot Tagesspiegel.de - Täter von Münster - Hatte der Amokfahrer Jens R. Kontakte zu Rechtsextremisten?

“Zeit Online” schreibt von “Jens R.”:

Screenshot Zeit Online - Jens R. - Täter von Münster wollte Suizid begehen - Jens R. handelte laut neuen Erkenntnissen in Selbstmordabsicht. Die Ermittler dementierten Berichte, wonach er seine Tat kurz zuvor andeutete.

Süddeutsche.de schreibt von “Jens R.”:

Screenshot Süddeutsche.de - Anschlag in Münster - Jens R. gegen den Rest der Welt

Selbst “Focus Online” schreibt von “Jens R.”:

Screenshot Focus Online - Psychologe erklärt das Unfassbare - Jens R. machte Eltern Vorwürfe - Psychologe zweifelt an Kindheitstrauma als Amok-Auslöser

So gut wie jede Redaktion in Deutschland schreibt von “Jens R.”, wenn sie über den Mann berichtet, der bei seiner Amokfahrt am Samstagnachmittag in Münster zwei Menschen tötete und viele weitere verletzte — mit einer Ausnahme: “Bild” und Bild.de. Nur die “Bild”-Medien nennen den kompletten Namen des Attentäters, ohne Rücksicht etwa auf dessen Familie:

Ausriss Bild-Zeitung - Das Protokoll der Amok-Fahrt von Münster - Um 15.27 Uhr fuhr Jens Nachname Volleyball-Star Chiara ins Koma
Screenshot Bild.de - Amokfahrer von Münster schrieb Jammer-Brief im Tatfahrzeug - Psychotherapeut analysiert 92 Seiten Abschiedsbrief von Jens Nachname
(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Dazu auch:

Mit Dank an @FrauBeng, @bluejacket12346 und @jujohol für die Hinweise!

Halbmarathon, ganzer Fehler, Der Fall Methadon, “Monitoring”

1. Berliner Halbmarathon: Anschlagsmeldung auf Verdacht
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Hat die Polizei einen Terror-Anschlag auf den Berliner Halbmarathon verhindert, wie „Welt“ und später „Bild“ berichteten? Nein, hat sie nicht. Das liegt aber daran, dass keiner geplant war. Stefan Niggemeier berichtet von einer „Anschlagsmeldung auf Verdacht“.

2. US-Heimatschützer planen weltweites Monitoring von Journalisten
(netzpolitik.org, Constanze Kurz)
Das amerikanische Heimatministerium beabsichtigt nach Medienberichten, eine Datenbank mit Überwachungs-Informationen zu annähernd 300.000 Journalisten, Bloggern, Korrespondenten und Herausgebern anzulegen. Bedenken von Kritikern weist das Heimatschutzministerium via Twitter als „Verschwörungstheorien“ von „Aluhutträgern“ zurück.

3. Der Fall Methadon
(deutschlandfunk.de, Martina Keller, Audio, 27:33)
Wenn man manchen Erzählungen Glauben schenkt, wirkt Methadon in der Krebsbehandlung wahre Wunder. Doch ist die Substanz wirklich der erhoffte Krebskiller? Der womöglich aus Profitinteressen der Pharmaindustrie kleingehalten wird, wie im Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ (ARD) angedeutet? Medizinjournalist Marcus Anhäuser hat untersucht, wie sich die Methadon-Berichterstattung von „Plusminus“ ausgewirkt hat. Außerdem hat der „Deutschlandfunk“ in seiner halbstündigen Produktion Mediziner und die „Plusminus“-Redaktion selbst zu Wort kommen lassen. Eine nachdenklich machende Sendung über Schwierigkeiten und Besonderheiten der Berichterstattung bei Medizinthemen.

4. Twitter, ich bin es so leid…
(couchblog.de, Nico Brünjes)
Couchblogger Nico Brünjes hat sich den Frust von der Seele gerantet über Twitters Ankündigung, den Third-Party-App-Entwickler die Schnittstellen zu entziehen.

5. Ohne Ergebnis
(djv.de, Hendrik Zörner)
Gestern Abend trafen sich der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zur vierten Runde der Tarifverhandlungen. Zuletzt hätten die Verleger für die nächsten beiden Jahre je 1,3 Prozent mehr geboten. Ein Angebot, das unter der Inflationsrate läge und deshalb abgelehnt worden sei. Ende des Monats will man sich erneut zusammensetzen.

Weiterer Lesetipp: Patrick Guyton schreibt in der „taz“ über den Streik der Zeitungsredakteure in Bayern: „Frustration hoch, Stimmung gut“

6. Die »alternativen Fakten« für Österreichs Medien
(noemix.twoday.net, Michael Nöhrig)
Im Konkurrenzkampf der beiden größten österreichischen Gratis-Tageszeitungen prahlt „ÖSTERREICH“ mit Auflagenzahlen, die um ein Drittel höher sind als die Gesamtleserzahl. Michael Nörig hat den Krieg der Balkengrafiken aufgedröselt.

Der Troll-Journalismus übernimmt

Ein Gastbeitrag von Alf Frommer

Der Journalist Jens Jessen war bisher wohl vor allem Kollegen und “Zeit”-Lesern ein Begriff. Seit dieser Woche kennt ihn zumindest das netzaffine Deutschland zur Genüge: Seine provokative Titelgeschichte über das Ende des Mannes …

Ausriss der Zeit-Titelseite - Schäm dich Mann

… trifft zielgenau sowohl den Nerv der Zeit als auch einen Ton, der Aufmerksamkeit garantiert. Jessen schreibt vom “Triumph des totalitären Feminismus”, vom “Schema des bolschewistischen Schauprozesses”, dem “das System der feministischen Rhetorik” folge, vom “feministischen Volkssturm”, “diesem Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der moralisch Minderwertigen”. Es folgten Kritik und Entsetzen in sozialen Netzwerken und Online-Artikeln.

Im Journalismus sind die Troll-Mechanismen der Kommentarspalten nun sogar in Leitartikeln von seriösen Medien zu finden. Trolle sind sattsam bekannt, weil sie jede noch so respektvolle Diskussion im Netz durch hanebüchene Beiträge in ihr genaues Gegenteil umkehren. Aussagen, Behauptungen und Meinungen, die im Grunde nur stören und zerstören wollen, machen eine sinnvolle Lösungssuche vollkommen unmöglich. Was man früher an den “Klowänden des Internets” bewundern durfte, blickt einem heute von der Titelseite einer journalistischen Institution entgegen.

Genau dies hat Jens Jessen gemacht: Provoziert und verzerrt, um nach Aufmerksamkeit zu heischen. Und er ist damit beileibe nicht allein. Schon vor drei Jahren hatte sich die damalige “Welt”-Journalistin Ronja von Rönne vor dem Feminismus nach eigener Aussage geekelt. Das Thema taugt sowieso hervorragend für Troll-Journalismus, weil man damit zumindest den Nerv vieler Männer treffen kann, die sich benachteiligt fühlen. Das Genre ist gar nicht dafür da, ernstgemeinte Beiträge abzuliefern, sondern soll nur die Aufmerksamkeitsökonomie bedienen. Gut ist, was Klicks, Auflage und Reichweite bringt. Es geht nicht um die Qualität des Debattenbeitrags, sondern um Quantität. Ob radikale Positionen wie “Ekel” oder der weinerliche Abgesang auf den Mann eine wichtige gesellschaftliche Diskussion weiterbringen, ist komplett egal. Hauptsache, man ist im Gespräch — nicht mit Menschen mit anderen Meinungen, sondern in der öffentlichen Wahrnehmung. Das macht den Troll-Journalismus so banal wie gefährlich.

Der Godfather of Troll-Journalismus ist und bleibt natürlich Julian Reichelt. Der “Bild”-Chef hat das System perfektioniert und in Serienreife gebracht. An ernsthafter Diskussion ist “Bild” nicht interessiert, es geht nur darum, gesellschaftliche Reizpunkte zu setzen. Alarmismus, wohin man blickt. Aktuell nutzt Reichelt dazu gern Gesundheitsminister Jens Spahn, der im Grunde ein Troll der Politik ist: Spahn hat die (Internet-)Mechanismen genauso verinnerlicht wie viele Medienvertreter. Er setzt mit kurzen harten Statements (“Hartz IV bedeutet nicht Armut”) sogenannte Diskussionen in Gang, die zu nichts führen. Das Duo Reichelt/Spahn arbeitet Hand in Hand, erst vor zwei Tagen wieder auf der “Bild”-Titelseite:

Ausriss der Bild-Titelseite - Groko-Minister tritt Debatte los - Sorge um Recht und Ordnung in Deutschland

Sie zeichnen das Bild eines Deutschlands, in denen kriminelle Clans die Städte übernommen haben, der Islam unsere christliche Kultur zerstört oder niemand mehr Diesel fahren darf. Alles Unsinn oder so nicht wahr. Aber es geht ja nicht um die Sache, sondern darum, den Ton zu setzen und die Agenda zu bestimmen.

Was man bei “Bild” getrost als moderne Erweiterung des Geschäftsmodells verstehen kann, sorgt für Nachdenklichkeit, wenn auch Medien wie “Welt” oder “Zeit” Troll-Journalismus nutzen. Zwar hat schon Maxim Biller in “Tempo” in seinen “100 Zeilen Hass” mehr polarisiert als abgewägt, doch “Tempo” war halt “Tempo” und Billers Kolumne mehr Kunstform als Debattenbeitrag. Wir können uns darauf einstellen, dass wir nun öfter Artikel wie jene von Jessen oder von Rönne sehen werden. Aber was bringt es? Oft nicht mal den Schreibern selbst etwas. Oder kann sich jemand an irgendeinen relevanten Artikel von Ronja von Rönne aus den vergangenen drei Jahren erinnern? Genau.

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