1. “Medienunternehmen sind nicht sehr geübt” (deutschlandfunk.de, Günter Bentele & Isabelle Klein, Audio, 4:48 Minuten)
Der WDR hält sich mit Stellungnahmen zu seiner “#MeToo-Affäre” sehr zurück. Auch der @mediasres-Redaktion des Deutschlandfunks ist es nicht gelungen, dem Sender ein Interview abzuringen. Der PR-Experte und emeritierte Professor für Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations an der Universität Leipzig Günter Bentele sieht die Schweigsamkeit skeptisch: Sollte dies Strategie des Senders sein, so wäre sie “sicherlich schlecht”.
2. Von den Vorurteilen musste ich mich verabschieden. (planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre hat sich mit Friedemann Fromm, dem Regisseur der Fernsehserie „Weissensee“, zum Interview getroffen. Im Gespräch geht es nicht nur um die Serie sondern auch um zu viele Krimis, Verdummungs-TV, Reduzierung von Drehtagen, seine Regie-Studenten, den Rundfunkbeitrag und die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Systems.
3. Wissen zur DSGVO 2 – Fragen & Antworten (ipcl-rieck.com, Lars Rieck)
Nachdem sich Medienanwalt Lars Rieck schon einmal mit den möglichen Auswirkungen der ab dem 25. Mai geltenden Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) für Fotografen beschäftigt hat, folgt nun Teil zwei mit den häufigsten Fragen.
4. rp #3: Meine Heldin dieser Tage ist – meine Frau! (blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Während sich der Journalist Christian Jakubetz bei der Republica einen Vortrag über Filterblasen anhört, fiebert andernorts seine Frau mit ihrer achten Klasse einer Preisverleihung entgegen. Quasi live verfolgt Jakubetz am Handybildschirm, wie seine Frau mit ihrer Schulklasse einen Preis für den dritten Platz einheimst. Anlass für ihn, das Republica-Geschehen in Berlin zu überdenken und seine Frau zur eigentlichen Heldin der Republica auszurufen.
5. 5 praktische Beispiele, wie Vielfalt algorithmischer Sortierung aussehen kann (konradlischka.info)
Die Social-Media-Plattformen orientieren sich bei der Einstufung von Beiträgen meist an recht technischen Dingen wie Klicks, Scrollgeschwindigkeit, Likes, Sehdauer von Videos oder der Kommentarfrequenz. Werte wie Wahrheit, gesellschaftliche Integration, konstruktiven Diskurs oder Empathie fallen dabei hintenüber. Konrad Lischka hat sich Gedanken gemacht, wie man die Relevanz von Beiträgen neu bemessen könnte und stellt fünf alternative Sortierideen fürs Feeds auf Plattformen vor.
6. Gräfin vom Naschmarkt: Bröselteppich mit Semmelflummi (derstandard.at, Severin Corti)
Restaurantkritiker Severin Corti wollte prüfen, ob an den vielen schlechten Online-Bewertungen der “Gräfin vom Naschmarkt” etwas dran ist und hat dem Restaurant all seine lukullische Expertise angedeihen lassen. Und das liest sich recht vergnüglich: “Lasagne, ein in der Mikrowelle fachgerecht zu Magma verwandelter Ziegel mit großzügiger Garnierung aus Trockenkäse-Sägemehl, gerät zur Prüfung für Abenteuerlustige. Vom Teller steigt ein Duft auf, den Katzenbesitzer vom Öffnen besonders leckerer Futterdosen kennen. Der Salz- und Säuregehalt des Gerichts – und speziell der entfernt an Ketchup erinnernden rotfarbenen Sauce – beseitigt etwaige Zweifel aber sofort: In solch massiver Konzentration wäre das bei Tierfutter niemals zugelassen.”
1. Was hätte er zum Internet gesagt? (zeit.de, Tilman Baumgärtel)
Vieles, was uns das Netz gebracht hat, hätte gut in die Theorie von Karl Marx gepasst, findet Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel in der „Zeit“. Seine Empfehlung: Clickworker und Uber-Fahrer sollten Marx lesen!
2. Über einen, der aus Ängsten Geld macht (sueddeutsche.de, Jan Stremmel)
Manfred Spitzer ist ein Chefarzt und Hirnforscher, der vor allem für seine alarmistischen Sachbücher bekannt ist. In hunderttausendfach verkauften Werken wie “Vorsicht Bildschirm!“, “Digitale Demenz” und “Cyberkrank!” warnt Spitzer vor Folgen und Nebenwirkungen der Digitalisierung. Doch Spitzers Thesen sind umstritten, und gelegentlich scheint der Professor Kausalität mit Korrelation zu verwechseln. Dies werfen ihm jedenfalls seine Kritiker vor.
3. Achtung, Behörden-PR! (taz.de, Marcus Engert)
Marcus Engert empfiehlt Journalisten eine gesunde Skepsis, wenn es um Meldungen der Polizei geht: “Bei G20 wurden halb so viele Polizisten im Einsatz verletzt, wie behauptet. In Ellwangen konnten weder Waffen noch Gewalttäter gefunden werden. Das kam raus, weil Journalisten nicht einfach abgetippt, sondern angerufen und nachgefragt haben.” Engert schließt seinen Beitrag mit den Worten: „Die Polizei schützt das Funktionieren dieser Demokratie. Ohne sie ginge es nicht. Ihre Pressestellen aber sind nicht der Wahrheit verpflichtet, so mancher Polizeigewerkschafter erst recht nicht. Journalisten schon.“
4. Meine Republica-Rede, ein transfeindlicher Begriff und Internet-Hoffnung am Horizont (saschalobo.com)
Sascha Lobo hat in seiner Republica-Rede unabsichtlich einen transfeindlichen Begriff verwendet; ein Fehler, für den er sich in einem Blogbeitrag entschuldigt und weitere Schritte ankündigt. Zum Schluss beschreibt er die Kommunikation mit den ihn kritisierenden Personen: „Als ich nach meiner Rede auf Twitter viel Kritik wegen meiner Verwendung des Begriffs sah, war ich erst irritiert. Als ich dann aber nachfragte, geschah etwas Wundersames. Obwohl ich ein enorm verletzendes Wort massiv in die Welt getrötet hatte (das Zitat wurde sogar von der Tagesschau weiterverbreitet) – war ausnahmslos jede soeben von mir herabgewürdigte Kritikerin im direkten Kontakt außerordentlich freundlich und offen, und alle nahmen sich die Zeit, mir alles ausführlich zu erklären. Man muss sich das vergegenwärtigen: Erklärende Freundlichkeit als Reaktion darauf, schwer beleidigt zu werden. Wenn das keine Hoffnung macht auf eine bessere Zukunft im Netz, ganz ohne Brandstifter – was dann.“
5. Handreichungen für kleine Unternehmen und Vereine (lda.bayern.de)
Das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht hat die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) an kleine Unternehmen, Vereine und sonstige Betriebe inklusive Musterformularen und Checklisten zusammengestellt. Speziell aufgeführt sind u.a.: KFZ-Werkstatt, Handwerksbetrieb, Steuerberater, Arztpraxis, Produktionsbetrieb, Online-Shop, Bäckerei und Einzelhändler.
Weiterer Lesetipp: Datenschutzregeln ab 25. Mai 2018 für freie Journalisten vom Deutschen Journalistenverband (DJV)
6. Was hinter der Polizeikampagne der Kronen Zeitung steckt (kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
„Fast 38.000 Beamte im Dienst verletzt“ titelte die österreichische Kronen Zeitung, was insofern eine interessante Zahl ist, weil es 8.000 Polizisten mehr sind, als es überhaupt in Österreich gibt. Hans Kirchmeyr dröselt die kreative „Kronen“-Rechnung auf und siehe da: Von den 38.000 auf der Titelseite genannten Übergriffen bleiben ca. 1.100 im letzten Jahr übrig.
1. Der Journalist, dein Freund und Helfer (taz.de, Marco Carini)
Unterstützen einige Hamburger Medien die Polizei bei der Verfolgung mutmaßlicher G20-Straftäter und fungieren dabei gar als willfährige Hilfssheriffs? Der Eindruck könnte zumindest entstehen, wenn man liest, was Marco Carini für die „taz“ aufgeschrieben hat.
2. „Wir wissen, dass es keine Einzelfälle sind“ (journalist-magazin.de, René Martens)
Journalisten vom „Recherchezentrum Correctiv“ und dem „Stern“ haben über mehrere Fälle sexueller Belästigung beim „WDR“ berichtet. Im Interview erzählen die beiden Autoren, wie es zu der Geschichte gekommen ist, ob noch mit weiteren Fällen zu rechnen ist und wie sie damit umgehen, dass von Seiten des rechten Milieus versucht wird, die Recherchen für den Propagandakampf gegen das öffentlich-rechtliche System zu instrumentalisieren.
Weiterer Lesetipp: Frauen machen sich für freigestellten WDR-Mann stark (sueddeutsche.de)
3. Liebesgrüsse aus Moskau (medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Vom 14. Juni bis zum 15. Juli 2018 findet in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 statt. Pünktlich dazu hätten Russlands Auslandmedien eine mediale Charmeoffensive gestartet voller Positiv-Geschichten und Promis, so Adrian Lobe. Der TV-Sender „RT“ würde sich das Unternehmen einiges kosten lassen und hätte eine Menge Geld für Prominenz aus dem Westen aufgewendet.
4. #journalistenschule (2018.djs-online.de)
Zum Tag der Pressefreiheit (3. Mai 2018) besuchten Absolventen der Deutschen Journalistenschule ihre ehemaligen Schulen, um über Journalismus zu sprechen, von ihrer Arbeit in Redaktionen und Pressestellen zu berichten und über ethische Grundsätze, Fehlerquellen und “Fake News” zu diskutieren. Im Blog berichten sie nun von ihren Erlebnissen und Eindrücken in den von ihnen besuchten Schulen.
5. Fotografieren in Zeiten der DSGVO – Große Panikmache unangebracht (rechtambild.de, Florian Wagenknecht)
Die ab dem 25. Mail geltende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sorgt bei vielen Menschen für regelrechte Panik. Besonders Fotografen sehen sich durch die neuen Regelungen bedroht, manche sogar existenziell. Der Jurist Florian Wagenknecht hält derlei Panik für übertrieben und ordnet die Regelungen ein.
6. Spam: 40 Jahre Werbe-Mails (heise.de, Detlef Borchers)
Hurra, die Spam-Mail wird 40! Am 3. Mai vor 40 Jahren wurde die erste Werbe-Mail an 320 Postfächer von Nutzern des damaligen Arpanets verschickt. Detlef Borchers erinnert an das denkwürdige Datum und erzählt noch einmal die Geschichte nach, wie es zu dem Begriff um das „Frühstücksfleisch in Dosen“ kam.
Sondertrack re:publica 2018: Empfehlungen für Besucher und Daheimgebliebene
1. Erfrischend, erstaunlich, bedrückend – ein Zwischenfazit (tagesspiegel.de, Sebastian Leber & Hendrik Lehmann & Carsten Werner & Kurt Sagatz & Jana Demnitz & Marius Mestermann & Markus Lücker)
Das „Tagesspiegel“-Team hat den kompletten zweiten Konferenztag im Newsblog begleitet und seine Eindrücke in gut lesbaren Häppchen zusammengeführt.
2. “Keinen Rekrutierungsstand für ihre Cyberarmee” (deutschlandfunk.de, Markus Beckedahl, Antje Allroggen)
Republica-Gründer Markus Beckedahl bleibt im Gespräch mit dem Deutschlandfunk dabei, dass es die richtige Entscheidung war, die uniformierte Bundeswehr nicht auf der Konferenz zuzulassen: “Wir haben gesagt, dass wir keinen Rekrutierungsstand für ihre Cyberarmee haben möchten.“
3. re:publica: Sascha Lobo plädiert für offensiven Sozial-Liberalismus (heise.de, Torsten Kleinz)
Torsten Kleinz fasst bei „heise“ den Republica-Vortrag von Sascha Lobo zusammen, in dem dieser vor einem Abdriften Europas in autoritäre Gesellschaftsstrukturen warnte. Den für Populismus anfälligen Bevölkerungsschichten müssten bessere Alternativen aufgezeigt werden, so Lobo. Außerdem plädierte er für mehr Toleranz: “Lasst die Leute einfach tun – solange es im Rahmen der Werte der liberalen Demokratie bleibt.”
Der Vortrag ist auch auf YouTube verfügbar: Pop und Anti-Pop – Wie das Internet uns lehrte zu kämpfen. Und wofür. (65 Minuten)
1. Wie die „Krone“ den „Falter“ verschwinden ließ (kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Der österreichische „Falter“ hat jüngst eine Geschichte veröffentlicht, die für weltweites Aufsehen sorgte: In einem dem „Falter“ zugespielten und auf YouTube veröffentlichten Video konnte man sehen, wie österreichische UNO-Soldaten auf den Golan-Höhen ein Massaker zuließen. Die „Krone“ berichtete ebenfalls über den Fall und verwies dabei zunächst auch auf ihre Quelle, den „Falter“. Am nächsten Morgen waren jedoch alle Spuren verwischt: Nun war es ein geheimnisvoller “Informant”, der das Material angeblich der „Krone“ zugespielt hatte.
2. Freiheit für Kultur- und Medienschaffende (reporter-ohne-grenzen.de)
Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai haben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das PEN-Zentrum Deutschland und Reporter ohne Grenzen einen gemeinsamen Appell veröffentlicht, in dem sie Freiheit für eingesperrte Kultur- und Medienschaffende fordern.
3. Das Benin-Bronzen-Projekt (message-online.com, John Eromosele & Lutz Mükke)
Die beiden Macher des „Benin-Bronzen-Projekts“ berichten darüber, wie sie bei ihrer Recherche über afrikanische Beute-Kunst vorgegangen sind. Die Recherche erwies sich als ein in vielerlei Hinsicht schwieriges Unterfangen: „Recherchejournalismus ist oft aufwändig. Je heikler eine Story ist, desto länger braucht es, wichtige Quellen davon zu überzeugen, ein Interview zu geben. Die Annahme, dass das bei der Benin-Bronzen-Recherche anders sein würde, weil sie zum Großteil im liberal aufgeklärten Kultur- und Museumsmilieu spielt, erwies sich rasch als grobe Fehleinschätzung.“
4. Jetzt mit krassen Details!!! (taz.de, Dinah Riese)
Die „taz“ kritisiert den Umgang verschiedener Medien mit dem angeblichen Suizid des DJs Avicii. Die Berichterstattung sei nicht nur pietätlos, sondern auch gefährlich gewesen. Darunter dann einen Hinweis auf Hilfsangebote zu setzen, könne man nur zynisch nennen.
Weiterer Lesetipp: Auch wir vom BILDblog haben über den Fall berichtet: Gefährliche Berichte zum Tod von Avicii
5. Cambridge Analytica macht dicht (tagesschau.de)
Die berühmt-berüchtigte britische Analysefirma Cambridge Analytica stellt den Betrieb ein. Das Geschäftsmodell sei nicht länger “rentabel”. Das Unternehmen habe daher einen Antrag auf Insolvenz gestellt.
6. Jetzt will Mark uns verkuppeln (zeit.de, Christoph Drösser)
Auf der Entwicklerkonferenz F8 kündigte Mark Zuckerberg eine neue Facebook-Dating-Funktion an, mit der das Netzwerk nun auch zur Partnerbörse wird. Die Börse reagierte prompt: Der Kurs von „Match Group“, Betreiber von Match.com, Tinder und OkCupid, verlor 22 Prozent.
Sondertrack re:publica 2018: Empfehlungen für Besucher und Daheimgebliebene
1. Live von der Republica in Berlin | Von Hass und Hetze sowie Datenschutz und Medienwandel (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz)
Der “Deutschlandfunk” hat seine Live-Sendung vom ersten re:publica-Tag online gestellt. Mit dabei ein Interview mit Dunja Hayali, ein Gespräch mit Stefan Brink, dem Datenschutz-Beauftragten von Baden-Württemberg, und ein Interview mit der Intendantin des RBB, Patricia Schlesinger.
2. Vom Ungehorsam des freien Menschen (faz.net, Elena Witzeck)
Elena Witzeck berichtet in der “FAZ” über den vielbeachteten Auftritt der Whistleblowerin Chelsea Manning.
3. Leute in Uniform wollen sie nicht hier haben (welt.de, Christian Meier)
Christian Meier berichtet vom ersten Konferenztag und erwähnt dabei auch den Zwist zwischen den Veranstaltern und der Bundeswehr: Die Bundeswehr wollte mit einem Stand auf der re:publica vertreten sein. Die Veranstalter hatten dies mit der Bedingung verknüpft, dass die Soldaten un-uniformiert auftreten. Dies war für die Bundeswehr nicht hinnehmbar. Als Zeichen des Protests und in einer Form von Guerillamarketing stellte man einen Werbe-Truck vor den Eingangsbereich des Festivals. Was wiederum die re:publica-Veranstalter und einige Besucher verärgerte.
“Meedia”-Chefredakteur Stefan Winterbauer bezeichnet das Vorgehen der re:publica-Macher als PR-Eigentor: „Dass die Veranstalter eine solche Angst vor Uniformen und Unterwanderung durch die Bundeswehr haben und gleichzeitig betonen, wie weltoffen und Out-of-the-Box-denkend sie doch sind, das passt natürlich so ganz und gar nicht zusammen.“
Der Experte für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik Thomas Wiegold hat auf “Augen geradeaus!” einen anderen Blick auf den Vorgang: „Wenn ein privater Veranstalter diesen demonstrativen Auftritt der staatlichen Gewalt nicht will, kann man das beklagen, aber ihn nicht in den Senkel stellen.“
Und “Indiskretion Ehrensache”-Blogger Thomas Knüwer schreibt, “wie die Bundeswehr auf der re:publica meinen Respekt verlor”: “Ihr Auftreten vor dem Tor des Konferenzgeländes war unsensibel und übergriffig. Und deshalb traue ich der Bundeswehr nicht mehr zu, in einem fremden Kulturraum sensibel [zu] agieren, wenn ihr das nicht mal in der Heimat gelingt.”
Sie wissen es. Sie wissen ganz genau, was ihre Artikel anrichten können. Sie wissen, wie katastrophal die Folgen sein können, wenn sie detailliert über Suizide berichten. Und trotzdem machen sie es.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns in diesem Fall entschieden, über das Thema Suizid zu berichten. Leider kann es passieren, dass depressiv veranlagte Menschen sich nach Berichten dieser Art in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe.
… schreibt Bunte.de.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund ist die hohe Nachahmerquote.
… schreibt die Onlineredaktion der “Berliner Zeitung”.
BILD berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinen Anreiz für Nachahmung zu geben – außer, Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.
… schreibt Bild.de.
Also eigentlich wollen sie ja gar nicht berichten, die Leute bei Bunte.de, bei der “Berliner Zeitung”, bei Bild.de und bei all den anderen Portalen, die aktuell über den angeblichen Suizid des schwedischen DJs Avicii berichten: Express.de, inFranken.de, Kurier.at, Rollingstone.de, Heute.at, Musikexpress.de, oe24.at. Aber, hey: die “besondere Aufmerksamkeit”! Es ist Avicii! Da kann man ja gar nicht anders. Und dann machen sie es eben doch: berichten, obwohl sie den “Werther-Effekt” kennen, der beschreibt, dass eine ausführliche Berichterstattung über einen Suizid zu Nachahmungen führen kann; obwohl sie wissen, dass die Nennung der Suizidmethode Leserinnen und Leser in Gefahr bringen kann; obwohl sie die wichtigen Ratschläge der “Stiftung Deutsche Depressionshilfe” (PDF) und der “Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention” (PDF) kennen oder zumindest kennen könnten.
Die Redaktionen fügen seit ein paar Jahren einen Absatz in ihre Artikel ein, in denen die oben zitierten Sätze stehen und dazu noch die Telefonnummern der TelefonSeelsorge (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222), an die sich Menschen mit Suizid-Gedanken wenden können. Das ist eigentlich sinnvoll, aber inzwischen auch nur noch eine Alibihandlung. Als wäre ein kurzer Hinweis auf die TelefonSeelsorge für die Redaktionen ein Freifahrtschein, der sie dazu berechtigt, alles zu schreiben: “Wir nennen hier in diesem Artikel mal all die Details, die Dich in Deinen Suizid-Gedanken bestärken könnten, und hier ist übrigens die Nummer, an die Du Dich wenden kannst, wenn wir Dich damit in Gefahr gebracht haben sollten.”
Im aktuellen Fall schreiben sie wirklich alles, und das im größtmöglichen Format. Bild.de nennt die Suizidmethode in der Überschrift auf der Startseite (!):
(Unkenntlichmachung durch uns.)
“Focus Online” nennt die Methode zwar nicht, schickt dafür abergleichvierTweets (dreimal von @focusonline selbst, einmal von @focuskultur und von @focusonline retweetet) an die knapp 520.000 Follower, damit’s auch ja niemand verpasst.
Und wiederum die “Bild”-Redaktion sendet eine Push-Meldung an alle App-Nutzer:
Das ist dann nicht nur bedenklich in Hinsicht auf den “Werther-Effekt”, sondern auch ekeligster Clickbait mit dem Tod eines Menschen.
1. “Die ‘Cumhuriyet’ bekommen sie nicht” (zeit.de, Can Dündar)
Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung “Cumhuriyet”, Can Dündar, erzählt, wie er und der “Cumhuriyet“-Herausgeber Akın Atalay vor anderthalb Jahren vor der Entscheidung standen, in die Türkei zurückzukehren oder ins Exil zu gehen. „Wir diskutierten wie bei einem Großbrand, ob wir uns hineinstürzen und die Freunde und Kollegen retten oder besser von außen Wasser herbeischaffen sollten. Wir rangen um die Entscheidung zwischen Haft und Exil.“
2. Gesellschaft des Spektakels (deutschlandfunk.de, Manuel Gogos, 49:40 Minuten)
Im Deutschland-Feature geht es um die teilweise als sehr aggressiv empfundenen und nicht immer unumstrittenen Politaktionen des „Zentrums für Politische Schönheit“ (ZPS). Der Autor beobachtet die Kampagnen-Arbeit – vom ersten Brainstorming über die Stoffentwicklung bis zur Logistik ihrer Großproduktionen. Und er stellt sich Fragen: Sind die Mitarbeiter und Komplizen des ZPS die Helden unsrer Tage, weil sie mit ihrer Kunst erzwingen, was die Politik nicht schafft? Heiligt der Zweck jedes Mittel? Oder ist alles nur Theater, bei dem Flüchtlinge und Parlamentarier unbewusst zum Teil einer Inszenierung werden?
3. Thank you for your music (taz.de, Steffen Greiner)
Das kostenlose und in einer sechsstelligen Auflage erscheinende Popkultur- und Musikmagazin „Intro“ wird nach mehr als einem Vierteljahrhundert eingestellt. Die Digitalerlöse hätten nicht die dramatisch schrumpfenden Werbeerlöse in der Printausgabe ausgleichen können, wie Chefredakteur Daniel Koch in seinem Abschied erklärt. Auf Facebook blickt der ehemalige „Intro“-Redakteur und „Deputy Editor in Chief” Linus Volkmann noch einmal auf seine „Intro“-Zeit zurück: „Produktionsnächte bis morgens, nach Mitternacht nur noch die In-Crowd um sich, ein Gefühl von Gang, das sich ausbreitete, man war die Ramones mit Stiften.“
4. Heute mächtig, morgen schmächtig (nzz.ch, Rainer Stadler)
Die diversen Datenschutz-Skandale scheinen Facebook nichts anhaben zu können: Das soziale Netzwerk ist mächtiger denn eh und konnte im ersten Quartal einen Umsatzanstieg von fast 50 Prozent verbuchen. Doch kein Digitalplayer ist unsterblich, wie Rainer Stadler in seiner Kolumne anhand von Beispielen ausführt: „Wer die Übermacht eines Akteurs fürchtet, braucht manchmal bloss Geduld. Das Problem erledigt sich von selber.“
5. AfD-Politiker und Rechtsanwalt Dubravko Mandic verurteilt (badische-zeitung.de, Frank Zimmermann)
Der AfD-Politiker und Rechtsanwalt Dubravko Mandic veröffentlichte auf Facebook eine geschmacklose Fotomontage: Eine historische Aufnahme der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, auf der die Köpfe angeklagter Nazigrößen durch die Konterfeis aktueller Politiker ersetzt wurden. Fünf von ihnen wehrten sich per Strafantrag und bekamen nun Recht: Mandic wurde wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen à 100 Euro verurteilt.
6. Wikipedia-Abmahnungen für Panoramabild ohne Urheberrechtsschutz (steigerlegal.ch, Martin Steiger)
Bilder sind im schweizerischen Urheberrecht nur geschützt, wenn sie individuellen Charakter haben und eine gewisse Schöpfungshöhe aufweisen. Trifft dies nicht zu, kann der Fotograf keinen Schadensersatz verlangen, wenn ein Bild von ihm ohne Zustimmung verwendet wird. Dies musste ein Fotograf aus Deutschland lernen, der für die Verwendung seiner Wikipedia-Bilder kostenpflichtige Abmahnungen durch eine Schweizer Anwältin versenden ließ und vor Gericht unterlag. Wobei sich der Lerneffekt wohl in Grenzen hält, denn der Fotograf scheint nach dem Urteil weiterhin auf das Erlösmodell Abmahnung zu setzen.
Diekmann wohnt in Potsdam in einer Villa am Jungfernsee. Nach einer Klausurtagung in einem nahe gelegenen Hotel grillten die “Bild”-Leute bei ihm. Man trank und badete im See, Diekmann auch nackt. Am Ende dieser Nacht stand ein ungeheurer Vorwurf im Raum: Diekmann wurde von einer Mitarbeiterin beschuldigt, sie im See vergewaltigt zu haben.
Einige Wochen später zog Diekmann Reichelt ins Vertrauen, fast verzweifelt. Der war zwar beim Baden im See nicht dabei gewesen, aber auf der Party. Und Reichelt wusste offenbar, was zu tun war.
Reichelt fertigte ein Gedächtnisprotokoll über seine Erfahrungen mit der Kollegin an, das einer charakterlichen Vernichtung gleichkommt: Sie habe etwa während der Recherche über den Absturz einer Germanwings-Maschine damit geprahlt, einen Pilotenschein zu besitzen, um später davon wieder abzurücken. Er sei schon vorher zu dem Schluss gekommen, sie sei eine “unfassbare, gefährliche Hochstaplerin”.
Ein Mitarbeiter Reichelts schrieb auf dessen Bitte hin zusammen, welche Erfahrungen er bei der Zusammenarbeit mit der Kollegin im Haus gemacht habe. Ein weiterer “Bild”-Mitarbeiter erkundigte sich an ihrer Universität nach ihrer Dissertation. Die Recherche lief wie eine “Bild”-Kampagne im eigenen Haus.
Reichelt schickte Diekmann zudem ein Foto. Er hatte es in jener Nacht um kurz vor vier Uhr gemacht, im Hotel, wo die Belegschaft einquartiert war. Zu sehen ist darauf besagte Mitarbeiterin, die nach der Party mit Kollegen auf der Terrasse noch etwas trinkt, vermeintlich gut gelaunt.
Springer schaltete einen externen Anwalt ein, der Zeugen und Kollegen befragte. Das Prozedere gipfelte in einer absurden Szene, die wohl in keinem anderen Konzern vorstellbar wäre: Die Mitarbeiterin und Diekmann wurden, nacheinander, vor dem Vorstand und Verlegerin Friede Springer befragt. Döpfner persönlich stellte Fragen. Er kannte dabei augenscheinlich auch die Informationen aus Reichelts Niederschrift.
Erst danach gab der Konzern den Fall an die Staatsanwaltschaft ab.
Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat das Verfahren gegen Diekmann bereits vor Monaten eingestellt, man habe keinen hinreichenden Tatverdacht ermitteln können.
Das Vorgehen von Julian Reichelt und seiner zwei Helfer — das Zusammenstellen einer Art Dossier, um die Reputation eines vermeintlichen oder tatsächlichen Opfers einer Vergewaltigung zu zerstören, noch bevor die zuständigen Strafverfolgungsbehörden ihre Arbeit aufnehmen — ist aber erschreckend: Was hat eine etwaige Lüge zu einem Pilotenschein mit einer möglichen Vergewaltigung zu tun? Was hat eine Dissertation mit einer möglichen Vergewaltigung zu tun? Können Frauen, die schon mal gelogen haben, nicht vergewaltigt werden? Reichelt und seine zwei Minions mögen von Beginn an davon überzeugt gewesen sein, dass die heftigen Vorwürfe gegen Kai Diekmann nicht haltbar sind. Falsche Vergewaltigungsvorwürfe können schreckliche Folgen haben und ganze Leben zerstören. Und natürlich gilt auch für Diekmann die Unschuldsvermutung. Aber gilt nicht genauso, dass man einen Vorwurf eines möglichen Vergewaltigungsopfers ernst nehmen sollte? Ist das Vorgehen von Julian Reichelt nicht das exakte Gegenteil? Und was ist das für ein merkwürdiges Verständnis einer ordentlichen Ermittlungsarbeit, wenn man noch vor Start dieser Ermittlung ein mögliches Opfer mit Schmutz überschüttet?
Was für einen (berechtigten) Skandal würde “Bild” wohl daraus machen, wenn bei den aktuellen Belästigungs-Vorwürfen beim WDR rauskommen würde, dass beispielsweise WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn noch vor jeder Aufklärung erstmal Schmutz-Dossiers über die Frauen angefertigt hat, die sich beim Sender beschwert haben?
Das haben wir auch Julian Reichelt gefragt. Er hat darauf nicht geantwortet. Er hat auch nicht auf die Frage geantwortet, ob die vom “Spiegel” geschilderten Vorgänge stimmen. Und auch nicht darauf, ob er es für einen angemessenen Vorgang hält, ein mögliches Opfer eines sexuellen Missbrauchs erstmal zu diskreditieren und erst dann den Fall aufklären zu lassen. Bei Kai Diekmann haben wir nachgefragt, ob Reichelts Dossier in seinem Auftrag erstellt wurde. Es kam keine Antwort. Auch nicht auf unsere Frage an Diekmann, ob das Ganze so abgelaufen ist, wie vom “Spiegel” behauptet. Springer-Chef Mathias Döpfner haben wir all das auch gefragt und dazu noch, ob die von Julian Reichelt zusammengetragenen Informationen bei der Befragung durch ihn eine Rolle spielten. Verlagssprecherin Edda Fels antwortete, dass man zum “Spiegel”-Bericht keine Stellung nehme und der Fall mittlerweile für alle Beteiligten abgeschlossen sei. Springer habe den Vorwurf und die eigene Aufklärungspflicht sehr ernst genommen, ebenso die Fürsorgepflicht beiden Personen gegenüber. Die Betroffenen hätten absolut freiwillig an der internen Aufklärung mitgewirkt und seien von eigenen Anwälten beraten und begleitet worden. Es sei niemand diskreditiert worden.
Reicht es für Redaktionen, sich bei der eigenen Berichterstattung einzig auf Polizeimeldungen zu verlassen? Ein aktueller Fall aus Nordhessen zeigt, dass das keine gute Idee ist.
In der Nacht von Sonntag auf Montag holte die Polizei im hessischen Witzenhausen einen 27-jährigen Syrer aus dessen Wohnung, weil dieser nach Bulgarien abgeschoben werden sollte. Ziemlich schnell versammelten sich Menschen auf der Straße vor dem Haus. Sie protestierten gegen die Festnahme und umzingelten die geparkten Polizeiautos, um diese am Wegfahren zu hindern. Die Polizei rief daraufhin Verstärkung. Auch die Gruppe der Demonstranten vergrößerte sich, auf rund 60 Personen. Was alles in den knapp zwei Stunden in dieser Nacht passiert ist, ist noch nicht endgültig geklärt — es stehen Aussagen gegen Aussagen: Die Polizei behauptet, es seien Steine auf sie geworfen worden. Dem widersprechen die Demo-Teilnehmer, die wiederum sagen, dass Pfefferspray und Schlagstöcke gegen sie eingesetzt wurden, was die Polizei bestätigt. Bei der Frage, ob dieser Einsatz angemessen war, gehen die Meinungen auseinander.
Bereits um 5:03 Uhr am Montag, also gut zwei Stunden, nachdem sie ihren Einsatz in Witzenhausen beendet haben, veröffentlichten die Beamten der Polizeidirektion Werra-Meißner eine erste Pressemitteilung. Darin werden auch die angeblich geworfenen Steine erwähnt. Bereits eineinhalb Stunden später, um 6:40 Uhr, verbreitete die dpa ihre erste Meldung über den Landesdienst Hessen. Einzige Quelle: die Polizei:
Protestaktion gegen Abschiebung: 60 Menschen umzingeln Streifenwagen
Witzenhausen (dpa/lhe) – Bis zu 60 Menschen haben in der Nacht zu Montag in Witzenhausen (Werra-Meißner-Kreises) gegen die Abschiebung eines 27-jährigen Syrers protestiert. Nachdem der Mann festgenommen wurde, wurden die beiden Streifenwagen umzingelt und Fahrradfahrer blockierten den Weg, wie die Polizei mitteilte. Die Beamten hätten nicht wegfahren können und Verstärkung gerufen. Während der Räumung der Straße kam es laut Polizei zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten, bei denen Steine geworfen und Pfefferspray sowie Schlagstöcke eingesetzt wurden. Mehrere Teilnehmer der Protestaktion wurden dabei verletzt. Nach zwei Stunden habe sich die Demonstration aufgelöst.
Vier Stunden später, um 10:53 Uhr, schickte die dpa einen fast wortgleichen Artikel über den größeren Basisdienst. Auch hier bezieht sich die Agentur ausschließlich auf die Polizeimeldung. Dieser Text ist bei mehreren Nachrichtenseiten als erste Information zu dem Vorfall in Witzenhausen erschienen und dort noch immer abrufbar, etwa bei Welt.de, bei “Zeit Online”, bei shz.de und vielen weiteren.
Die Pressestelle der Polizeidirektion Werra-Meißner gab um 11:17 Uhr eine “Folgemeldung” raus. Neu ist nun, dass nicht nur “rund ein Dutzend Teilnehmer der Spontanversammlung” verletzt worden seien, sondern auch “mehrere Polizeibeamte”. Die dpa griff auch diese Polizeimeldung auf, verzichtete erneut auf andere Quellen und schickte um 12:14 Uhr einen Text über den Landesdienst Hessen, der so anfängt:
Witzenhausen (dpa/lhe) – Bei einem gewalttätigen Spontan-Protest gegen die Abschiebung eines Syrers sind in der Nacht zum Montag im nordhessischen Witzenhausen mehrere Polizisten und etwa ein Dutzend Demonstranten verletzt worden. Beamte seien mit Steinen beworfen worden.
Steinewerfer bei “einem gewalttätigen Spontan-Protest”.
Um 19:34 Uhr schrieb die dpa in einer weiteren Meldung (erneut im Landesdienst Hessen) noch immer von einem “gewalttätigen Spontan-Protest”, nun kommt aber erstmals auch der Arbeitskreis Asyl Witzenhausen zu Wort:
Witzenhausen (dpa/lhe) – Bei einem gewalttätigen Spontan-Protest gegen die geplante Abschiebung eines Syrers sind in der Nacht zum Montag im nordhessischen Witzenhausen mehrere Polizisten und etwa ein Dutzend Demonstranten verletzt worden. Beamte seien mit Steinen beworfen worden. Die Polizei musste nach eigenen Angaben Reizgas und Schlagstöcke einsetzen. Ein Arbeitskreis Asyl Witzenhausen ging von deutlich mehr verletzten Demonstranten aus.
Zu diesem Zeitpunkt steht längst fest, dass es auch andere Versionen als die der Polizei zum nächtlichen Geschehen in Witzenhausen gibt. Die Onlineredaktion der “Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen” veröffentlichte am Montag um 14:01 Uhr einen Artikel (von der Redaktion um 15:30 Uhr desselben Tages noch einmal aktualisiert), in dem unter anderem steht:
Mehrere Leser und Anwohner haben sich dagegen mit einer anderen Version der Ereignisse an die HNA gewandt: Sie berichten, dass die Proteste friedlich gewesen seien und die Gewalt von den Polizisten ausgegangen sei. “Die Demonstrierenden waren lautstark und haben mit ihren Sprechchören “Kein Mensch ist illegal” auf sich aufmerksam gemacht, aber nicht mit irgendeiner Form von Gewalt”, schreiben Teilnehmer der Solidaritätskundgebung. “Ich beobachtete auch, dass Polizisten ohne Vorwarnung Menschen ins Gesicht schlugen “um ihnen die Trillerpfeifen wegzunehmen””, schreibt eine Anwohnerin.
In der “HNA”-Reportage von einer spontanen Kundgebung am Montag gegen die Abschiebung des Syrers und gegen Polizeigewalt zitiert der Autor Personen, die Sonntagnacht dabei waren:
Unabhängig voneinander erzählen die Zeugen der vorigen Nacht dieselbe Geschichte. Einer von ihnen trägt eine Armschlinge, rund um sein Schlüsselbein leuchten rote Blutergüsse. Er sagt, dass mehrere Polizisten ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen hätten.
Das bestätigt auch eine junge Frau. Sie berichtet von über 50 Menschen, die sich ab 1.12 Uhr vor dem Haus von Bangin H. versammelt hätten. Rund um die Polizeistreife, in der Bangin H. später nach Eschwege gebracht wurde, hätten sie eine Menschenkette gebildet, um das Auto zu blockieren. Entgegen der Angaben der Polizei sei von den Protestierenden dabei keine Gewalt ausgegangen — und schon gar kein Stein geworfen worden. Nachdem sie aber der Aufforderung der Polizei, sich von dem Wagen zu entfernen, nicht nachgekommen seien, sei eine Front von Polizisten auf sie zugekommen, habe “einfach so geprügelt” — auch auf die, die bereits auf dem Boden gelegen hätten.
Bei der dpa, die um 21:44 Uhr eine weitere Meldung über den Landesdienst Hessen schickte, ist das alles offenbar nicht angekommen. Zwar wird erneut erwähnt, dass der Arbeitskreis Asyl Witzenhausen “von deutlich mehr verletzten Demonstranten” ausgehe; doch noch immer ist von “einem gewalttätigen Spontan-Protest” die Rede, als gäbe es keine Zweifel daran. Und auch sonst sind keine weiteren Gegenstimmen zur Version der Polizei im Text der dpa zu finden.
Erst am Dienstag um 11:43 Uhr berichtet die Agentur im Landesdienst Hessen über “Knochenbrüche”, “Klagen” und den Widerspruch zur Polizei-Meldung:
Demonstranten klagen wegen «Polizeigewalt» in Witzenhausen
Witzenhausen (dpa/lhe) – Der Polizei-Einsatz bei einer Demo gegen die Abschiebung eines Syrers im nordhessischen Witzenhausen hat ein juristisches Nachspiel. Der für den Arbeitskreis Asyl Witzenhausen tätige Rechtsanwalt Sven Adam hat Klagen beim Verwaltungsgericht Kassel eingereicht. Es solle festgestellt werden, dass der Polizei-Einsatz mit Pfefferspray und Schlagstöcken übertrieben und rechtswidrig gewesen sei. Zwei Klagen von Betroffenen seien am Montag eingereicht worden, sagte Adam. (…)
Nach Polizei-Angaben wurden die Beamten mit Steinen beworfen. Es habe Verletzte gegeben. Der AK Asyl Witzenhausen widersprach der Schilderung.
In ihrer (bis dato) letzten Meldung, erschienen am Dienstag um 16:16 Uhr im Landesdienst Hessen, zitiert die dpa zusätzlich noch die Polizei, die es für “eine schwere Frage” halte, ob ihr Einsatz angemessen gewesen sei.
Über einen ganzen Tag hat es gedauert, bis auch die Demonstranten ihre Sicht bei der dpa erzählen durften und beispielsweise das Steinewerfen dementieren konnten. Bis dahin schien einzig die Version der Polizei Gültigkeit zu besitzen. In Berichten überregionaler Medien, die sich größtenteils auf die Agentur verlassen und die nicht, wie die “HNA”, selbst vor Ort recherchiert haben, spiegelt sich das wider. Bild.de titelt:
Sich bei der Berichterstattung einzig auf Aussagen der Polizei zu verlassen, reicht oft nicht. Erst recht nicht, wenn die Polizei Partei in einem Konflikt ist, wie Sonntagnacht in Witzenhausen. Es gibt genug Beispiele, in denen Redaktionen Falschinformationen der Polizei ungeprüft verbreitet haben: der vermeintlich unter Strom gesetzte Türknauf in der Friedelstraße 54 in Berlin etwa oder die falschen Molotowcocktails bei den G20-Krawallen in Hamburg.
Der 27-jährige Syrer, der nach Bulgarien abgeschoben werden sollte, weil er dort zuerst in die Europäische Union einreiste, ist übrigens wieder frei. Er hätte auch gar nicht von der Polizei mitgenommen werden dürfen: Bereits vor einem Jahr entschied das Verwaltungsgericht Kassel, dass der Mann nicht nach Bulgarien abgeschoben werden darf, weil das Asylsystem dort “insbesondere hinsichtlich bereits anerkannter Flüchtlinge an systemischen Mängeln” leide. Die Polizei konnte das wohl nicht wissen, vermutlich liegt der Fehler bei Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Der Syrer lebt nun weiter in Witzenhausen, wo er einen Job hat und bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist.
Heute Abend wird es eine große Feier im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin geben, Amazon-Chef Jeff Bezos kommt und soll im Journalisten-Club einen Preis verliehen bekommen. Mit dem “Axel Springer Award” wolle man “herausragende Persönlichkeiten” auszeichnen, “die in besonderer Weise innovativ sind, Märkte schaffen und verändern, die Kultur prägen und sich gleichzeitig ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.”
“In besonderer Weise innovativ” — okay. “Märkte schaffen und verändern” — ja. Aber im positiven Sinne “die Kultur prägen” und sich einer “gesellschaftlichen Verantwortung stellen”? Jeff Bezos?
Klar, Amazon ist wahnsinnig erfolgreich, Bezos wahnsinnig reich. Und ohne Zweifel hat sein Kauf der “Washington Post” dazu geführt, dass aus einer angeschlagenen Traditionsmarke ein hervorragendes Medienunternehmen wurde.
Doch gibt es nicht genug gute Gründe, Jeff Bezos nicht zu ehren?
Diese Frage stellte das Springer-Medium wenige Tage, nachdem Bezos vom “Internationalen Gewerkschaftsbund” zum “schlimmsten Chef des Planeten” gewählt wurde. Einige Gründe dafür: Mitarbeiter, deren Bewegungen überwacht werden, fehlende Zeit für Mittagspausen, Gängelung, Druck, das systematische Vorenthalten von Urlaubsgeldern, Einschüchterung mit “Inaktivitätsprotokollen” und viele weitere Schweinereien. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.
In Deutschland weigert sich Amazon schon lange, die Mitarbeiter in den Logistikzentren nach dem Tarifvertrag für den Versand- und Einzelhandel zu bezahlen. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.
Jeff Bezos gehört mit Amazon zu den größten Experten in Sachen Steuervermeidung. Erst im Oktober vergangenen Jahres forderte die EU-Kommission von Amazon eine Steuernachzahlung in Höhe von 250 Millionen Euro. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute für seine “gesellschaftliche Verantwortung” ehren.
Seit Jahren setzt Amazon Buchverlage unter Druck, fordert höhere Rabatte und blockiert auch schon mal die Auslieferung von Büchern einzelner Verlage, die nicht spuren wollen. Den Mann, der das letztlich verantwortet, will der Springer-Verlag heute dafür ehren, dass er auf positive Weise “die Kultur prägt”.
Man kann es als zynisch bezeichnen, dass Springer ausgerechnet einen Steuervermeider, Tarifvertragsverweigerer, Angestelltenüberwacher und Preisdrücker wie Jeff Bezos mit einem Award ehrt, in dem es auch um die Prägung der Kultur und gesellschaftliche Verantwortung geht. Dementsprechend gibt es auch Protest: Am Logistikzentrum in Bad Hersfeld wird seit gestern gestreikt. In Berlin protestiert die Initiative “Make Amazon Pay” gemeinsam mit Amazon-Angestellten aus Deutschland und Polen, erst am Oranienplatz (ab 16 Uhr) und später vor dem Axel-Springer-Hochhaus (ab 18 Uhr). EBuch, ein genossenschaftlicher Zusammenschluss aus kleinen und mittleren Buchhandlungen, hält die Ehrung Bezos’ für einen “Fauxpas erster Güte”.
Vor zwei Jahren bekam übrigens Facebook-Chef Mark Zuckerberg den “Axel Springer Award” verliehen, auch weil er laut Springer zu denjenigen gehört, die sich “ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen”. In Anbetracht des aktuellen Datenskandals hätte die Wahl nicht viel peinlicher sein können.
1. Gutes lesen, mehr verstehen — wie wir das neue SPIEGEL+ entwickeln. (medium.com/@devspiegel)
Dem „Spiegel“ ist es trotz allerlei Herumexperimentierens bislang nicht gelungen, sein Bezahlangebot „Spiegel plus“ zu etablieren. Das soll sich nun ändern: Noch im Sommer will man mit einem neuen Bezahlmodell an den Start gehen. Wie das aussehen soll und welche Gedanken dahinter stehen, erklärt ein erstaunlich offener und selbstkritischer Blogbeitrag.
2. Wissen zur DSGVO – 7 Tipps für Fotografen (ipcl-rieck.com, Lars Rieck)
Ab dem 25. Mai 2018 gilt die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die sich auch auf Fotografen und Fotografinnen auswirkt. Medienrechtler Lars Rieck hat die undankbare Aufgabe übernommen und die komplizierte Lage sortiert. Sein Fazit: Digitale Street Photography, Sportfotografie, Konzertfotografie, Hochzeitsfotografie und alle Bereiche, die absichtlich oder unabsichtlich Personen abbilden, werden bis auf weiteres nur noch unter Eingehung eines ganz erheblichen Risikos möglich sein. Um juristischen Ärger (und hohe Geldbußen) zu vermeiden, sollten Fotografen daher einen Blick auf die sieben Tipps werfen, die Rieck am Ende seines Beitrags zusammenfasst.
3. „In“ lässt Träume mit Photoshop wahr werden (uebermedien.de, Mats Schönauer)
Wer das das Klatschblatt „In“ durchblättert, könnte es auch für ein verhindertes Fachmagazin für Photoshop-Nerds halten, die darüber spekulieren, mit welchen technischen Tricks all die gefälschten Bilder, Montagen und Retuschen entstanden sind. Mats Schönauer zeigt beeindruckende Vorher-/Nachher-Bilder zum „Tuschelthema“ Jennifer Aniston und Brad Pitt.
4. Markt der Sonntagszeitungen schrumpft dramatisch (wuv.de, Franz Scheele)
Großbritannien ist traditionell ein starker Markt für Sonntagszeitungen, doch das hat nun ein Ende: Seit 2010 hat sich die Gesamtauflage mehr als halbiert. Schuld daran ist natürlich die verstärkte Nutzung von Online-Angeboten, aber auch die Verlagerung auf die Print-Samstagsausgabe.
5. “Fake News als Kampfansage” (faktenfinder.tagesschau.de, Jan-Christoph Kitzler)
Die journalistische Karriere des Tommaso Debenedetti fand ein jähes Ende, als sich herausstellte, dass seine Interviews mit Schriftstellern wie Gore Vidal und Philipp Roth erfunden waren. Seitdem verbreitet er auf Twitter unter falschem Namen Falschmeldungen, auf die auch schon große Medien hereingefallen sind. Angeblich, um „Nutzer und Journalisten auf ihre Verantwortung aufmerksam machen“.
6. Florian Klenk, Chefredakteur vom „Falter“ – Folge 362 aus Österreich (jungundnaiv.de)
Tilo Jung hat den Chefredakteur des Wiener Stadtmagazins „Falter“ Florian Klenk zum Interview getroffen. Alleine schon die erste Minute ist feinstes Politkabarett: Klenk spricht über den Twitter-Hashtag „#answerlikekurz“, der sich über die ausweichende Rhetorik von Bundeskanzler Sebastian Kurz lustig macht. Und liefert in einer Stegreif-Stellungnahme zur Frage: „Wie ist das Wetter heute?“ eine fast bühnenreife Performance.