Suchergebnisse für ‘BILD’

Russlands Attacke, Bedrohter Whistleblowerschutz, Absturz

1. Erfindungen sind nicht zu rechtfertigen!
(zeit.de, Andreas Wolfers)
Andreas Wolfers leitet die Henri-Nannen-Journalistenschule, die von Gruner+Jahr, dem Spiegel-Verlag und dem Zeitverlag getragen wird. Der Fall Relotius hat bei Wolfers einige grundsätzliche Fragen aufgeworfen: Handelte es sich um ein systemisches Versagen? Hat das Reportage-Format noch eine Berechtigung? Was wird dazu an Journalistenschulen gelehrt? Und was kann getan werden, um Vertrauen zurückzugewinnen? Wolfers setzt auf Transparenz: “Vor allem Journalisten, die Geschichten erzählen, sollten mehr davon offenbaren, wie diese Geschichten zustande gekommen sind. Kein anderes Genre verlangt einen höheren Vertrauensvorschuss ab als die Reportage. Weil ihr Wahrheitsgehalt sich, anders als etwa bei einer Nachricht, so schwer überprüfen lässt, all diese flüchtigen Momente, beiläufigen Zitate, biografischen Details unbekannter Menschen.”

2. Russland attackiert t-online.de – Journalistenverbände weisen Kritik zurück
(t-online.de)
Die Sprecherin des russischen Außenministeriums hat mehrere deutsche Medien, darunter auch t-online.de, scharf attackiert. In Deutschland gebe es eine staatlich gesteuerte Verfolgung russischer Medien, so der Vorwurf. t-online.de-Chefredakteur Florian Harms weist die Kritik entschieden zurück: “Selbstverständlich sind wir weder staatlich gesteuert noch ‘verfolgen’ wir russische Medien. Wir berichten unabhängig und gründlich, aber kritisch über den Einfluss russischer Medien und des russischen Staates in Deutschland. Dass dies manchen Stellen in Russland nicht gefällt, liegt auf der Hand.” Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Organisation “Reporter ohne Grenzen” wiesen die Vorwürfe zurück.

3. Instagram-Storys: Die kreative Art des Geschichtenerzählens
(fachjournalist.de, Bernd Oswald)
In den sozialen Netzwerken, aber vor allem auf Instagram, erfreut sich die Story-Funktion großer Beliebtheit. Bernd Oswald gibt am Beispiel Instagram einen Überblick über die wichtigsten Gestaltungselemente und zeigt, wie man sie für kreatives Storytelling verwendet.
Weiterer Lesehinweis: Benedikt Frank erklärt auf Süddeutsche.de, welche Social-Media-Beiträge gegebenenfalls als Werbung gekennzeichnet werden müssen und wie diese Kennzeichnung auszusehen hat: Preis der Bilder.

4. Whistleblower verdienen vollen Schutz
(djv.de, Sebastian Huld)
DJV-Sprecher Sebastian Huld kommentiert die geplante Richtlinie zum Whistleblowerschutz: “Problematisch ist auch, dass hier erneut eine Beweislastumkehr droht. Whistleblower müssten möglicherweise nachweisen, dass ihr Geheimnisverrat den Vorgaben entsprach. Aber welches Unternehmen oder Aufsichtsbehörde würde von sich aus einräumen, dass die Verantwortlichen im Fall einer ordentlichen Missstandsmeldung untätig geblieben wären?”

5. In eigener Sache: …und tschüss!
(vginfo.org)
Die VG-Wort-Aufklärer von “VG Info” machen Schluss. In den Abschied mischt sich Frust über das Verhalten von Politik und Interessenvertretern: “Man hätte erwarten sollen, dass die Politik nach dem Urteil die VG WORT dazu drängt, endlich eine rechtmäßige Verteilung der treuhänderisch verwalteten Gelder sicherzustellen. Stattdessen hat sie alles dafür getan, den Autoren das Geld, das ihnen der BGH zugesprochen hat, so schnell wie möglich wieder wegzunehmen. Man hätte erwarten sollen, dass die Autorenvertreter und Gewerkschaften alles dafür tun, dass die Rechte der Autoren gewahrt bleiben. Stattdessen haben sie alles dafür getan, sich mit den Verlegern zusammen dagegen zu wehren, dass Urheber in Zukunft mehr Geld von den Verwertungsgesellschaften bekommen.“” BILDblog dankt “VG Info” für die bisherige Aufklärungsarbeit und wünscht den Betreiberinnen und Betreibern alles Gute!

6. Der Fall Miguel Pablo: Was wir vom heftigsten YouTuber-Absturz Deutschlands lernen können
(motherboard.vice.com, Sebastian Meineck)
Miguel Pablo versorgt auf Youtube mehr als 750.000 Abonnenten mit Filmchen wie “24 Stunden ins Freibad einbrechen! (nachts)” oder “Ich rasiere mir meine Haare ab!” Wie sich Ende vergangenen Jahres herausstellte, hat der Youtuber massive psychische Probleme, spricht selbst von Psychose und Schizophrenie. Der Journalist Sebastian Meineck ist der Sache nachgegangen: “Der Fall Miguel Pablo zeigt mehr als das Schicksal eines einzelnen YouTubers. Er zeigt, wie die Beziehung zwischen Influencern und Fans durch soziale Medien eskalieren kann und wie die Neugier der Fans YouTuber unter Druck setzt. Der Fall zeigt auch, wie es ist, wenn Influencer nicht aufhören können, viel von sich zu zeigen — selbst, wenn sie sich mit ihrer Selbstentblößung schaden.”

Gängelung durch VW, “Don Alphonso” in der Jury, Unterirdische Klopapiere

1. Wie Volkswagen Journalisten gängelt
(horizont.net, Ulrike Simon)
Volkswagen lädt Journalistinnen und Journalisten zu einer Veranstaltung ein. So weit, so normal. Ab da wird’s aber bemerkenswert: Der Konzern schreibt vor, dass nicht fotografiert werden darf, nicht gefilmt werden darf, nicht mitgeschrieben werden darf. Und sollte anschließend doch jemand etwas veröffentlichen wollen, dann nur, nachdem er oder sie VW die Zitate “und auch die Fakten”, “die Sie gedenken zu verwenden”, zuvor zugeschickt hat. Man könne den Zugang zur Veranstaltung “leider nur gewähren, wenn wir die Artikel vor Veröffentlichung einmal sehen und ggf. ändern können”. Ulrike Simon fragt: “Heißt das mit anderen Worten: Ist der Ruf erst ruiniert, zensiert es sich ganz ungeniert?”

2. Jury-Berufung von “Don Alphonso” in der Kritik
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Rainer Meyer, besser bekannt als “Don Alphonso”, sitzt in diesem Jahr erstmals in der Jury des Medienpreises des Bundestages. Dass einer, der in seinen Blog-Beiträgen und Tweets immer wieder von “Merkels Medienpaladinen”, “Relotiusmedien” und “Systemredakteuren” spricht, nun über einen renommierten journalistischen Preis mitentscheiden soll, können einige kaum fassen.

3. Raus aus der Blase: Pfleger wird Politikchef
(ndr.de, Sebastian Friedrich)
Laut einer Studie haben drei Viertel der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland einen Hochschulabschluss. Das Medienmagazin “Zapp” hat mit einem gesprochen, der über einen deutlich anderen in den Journalismus gekommen ist: Jan Jessen ist ausgebildeter Krankenpfleger, war Sänger in einer Punk-Band, wohnte in besetzten Häusern und leitet heute das Politik-Ressort der “Neuen Ruhr Zeitung”. Für ihn sei die soziale Öffnung überlebenswichtig für die Branche.

4. Ich dachte naiverweise, dass der Focus Ärzte empfiehlt, weil sie gut sind
(facebook.com/yael.adlerdr, Yael Adler)
1900 Euro plus Mehrwertsteuer kostet es, um laut “Focus” ein guter Arzt, Pardon, ein “empfohlener Arzt in der Region” zu sein. Soviel will die BurdaNews GmbH haben, damit man ein entsprechendes “FOCUS-Empfehlungssiegel” verwenden darf. Yael Adler, selbst Ärztin, hat ein solches Angebot “von einem empörten Kollegen” zugespielt bekommen und bei Facebook veröffentlicht.

5. Soziale Netzwerke: Wo Mitgefühl überbewertet wird
(nordbayern.de, Christian Urban)
Nach den Meldungen zum Tod zweier Jugendlicher in Nürnberg und zum Tod eines Zweijährigen in Spanien habe er mit Mitgefühl und Anteilnahme gerechnet, schreibt Christian Urban: “Das wären die Reaktionen, die man nach solch tragischen Ereignissen erwarten sollte. Nicht gerechnet hatte ich allerdings mit den Kommentaren zahlreicher Nutzer auf unseren Facebook-Seiten.” In einer recht deftigen “Wutrede” richtet sich der Online-Redakteur an jene Nutzer: “Haltet einfach die Klappe. Eure noch nicht komplett abgestumpften Mitmenschen werden es Euch danken. Und ich sowieso.”

6. Pressefreiheit auch für Saftpressen
(instagram.com, Jan Josef Liefers)
“Steht er jetzt noch zu ihr?” steht in großen Buchstaben auf der Titelseite eines Klatschmagazins, dahinter die Fotos von Schauspielerin Anna Loos und Schauspieler Jan Josef Liefers. Diese Schlagzeile hat die zehnjährige Tochter der beiden offenbar so verunsichert, dass sie bei ihren Eltern in einer Familien-Whatsapp-Gruppe nachfragte, was da los sei. Liefers veröffentlichte den Chatverlauf und schrieb dazu: “Eines dieser unterirdischen Klopapiere hat es mal wieder geschafft. Seid ihr stolz auf Euch?”

Vom “Unwort des Jahres” zu einer Bedrohung für die Meinungsfreiheit

Seit 28 Jahren wird in Deutschland das “Unwort des Jahres” gewählt — sehr zum Gefallen der “Bild”-Zeitung, die seit vielen Jahren gerne darüber berichtet, oft sogar auf der Titelseite.

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres - Zum Unwort des Jahres 2009 hat eine Jury den Begriff betriebsratsverseucht gewählt. Ein Mitarbeiter einer Baumarkkette hatte das Wort im TV verwendet
(“Bild”, 2010, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Gesellschaft für deutsche Sprache - Alternativlos ist das Unwort des Jahres 2010 - Es war Angela Merkels Kommentar zur Griechenland-Hilfe
(Bild.de, 2011)

Ausriss Bild-Zeitung - Döner-Morde ist das Unwort des Jahres
(“Bild”, 2012, Titelseite. Dass sie selbst zur Verbreitung des Begriffs beigetragen hatte, ließ die Redaktion natürlich lieber unerwähnt.)

Ausriss Bild-Zeitung - Schlecker-Frauen Unwort des Jahres?
(“Bild”, 2013, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Aus über 1300 Einsendungen gewählt - Sozialtourismus ist Unwort des Jahres
(Bild.de, 2014)

Ausriss Bild-Zeitung - Lügenpresse ist Unwort des Jahres
(“Bild”, 2015, Titelseite)

Ausriss Bild am Sonntag - Jury sucht Unwort 2015
(“Bild am Sonntag”, 2016)

Ausriss Bild-Zeitung - Umvolkung und Rapefugee sind Favoriten - Endspurt für Unwort 2016
(“Bild Frankfurt”, 2017)

Ausriss Bild-Zeitung - Volksverräter Unwort des Jahres
(“Bild”, 2017, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Jury aus Sprachwissenschaftlern hat entschieden - Alternative Fakten ist Unwort des Jahres 2017
(Bild.de, 2018)

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres 2017: Alternative Fakten
(“Bild”, 2018, Titelseite)

Auch über die jüngste Wahl zum “Unwort des Jahres 2018” hat “Bild” vor ein paar Tagen wieder berichtet. Diesmal aber mit einer, nun ja, leichten Änderung im Ton. Die Zeitung schreibt:

Ausriss Bild-Zeitung - Große Debatte um das Unwort des Jahres - Sprach-Polizei verordnet Deutschland Sagbarkeits-Regeln

Die Jury der sogenannten „Sprachkritischen Aktion“ aus Sprachwissenschaftlern hat die Formulierung „Anti-Abschiebe-Industrie“ von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (48) zum „Unwort des Jahres 2018“ gekürt – und löst damit kritisches Nachfragen aus.

Und zwar in erster Linie bei den Autoren des “Bild”-Artikels, Filipp Piatov und Ralf Schuler, die empört fragen: “Wer ist die Sprachpolizei überhaupt?” “Was hat die Sprach-Jury auszusetzen?” Und vor allem: “Wer soll das noch verstehen?”

“Niemand hat diese Jury legitimiert”, zitieren sie einen Sprachprofessor. Die Jury stehe “immer auf der sicheren Seite der politischen Korrektheit”. Diese ganze Sache sei “eine Farce”.

Man dürfe, so das bittere Fazit der “Bild”-Autoren, in diesem Land eben nicht mehr öffentlich sagen, was man möchte:

Nach der Kritik von Sport-Star Stefan Kretzschmar (45) diskutiert Deutschland, ob man eigentlich noch öffentlich sagen kann, was man möchte. Erkenntnis seit gestern: Ja, darf man. Es sei denn, es passt der Sprachpolizei nicht…

Über diese Kretzschmar-Sache hatte “Bild” schon in den Tagen davor groß berichtet:

Ausriss Bild-Titelseite - Darf man nicht mehr sagen, was man denkt? Die Debatte über Meinungsfreiheit geht weiter - was Prominente sagen

Die Antwort dürfte den “Bild”-Lesern spätestens seit dem “Unwort”-Artikel klar sein. Stichwort: Political Correctness! Stichwort: Sprachpolizei!

Jahrelang hielt die “Bild”-Zeitung die Wahl zum “Unwort des Jahres” für eine berichtenswerte Nachricht, sie widmete ihr prominente Plätze auf der Titelseite, machte regelrecht Werbung dafür: Diese Begriffe stehen zur Auswahl! So können Sie Vorschläge einreichen! Das sind die Gewinner!

… und auf einmal ist sie das Werk der “Sprachpolizei”, die mit ihrer “politischen Korrektheit” die Meinungsfreiheit in diesem Land einschränken will.

Ganz neu sind diese Argumente und Begrifflichkeiten freilich nicht. 2017 schrieb die AfD zum Unwort des Jahres, hier schwinge sich “eine Gesellschaft zur Sprachpolizei” auf. 2018 schrieb “Compact”: “Das Unwort des Jahres 2017 steht fest. Na, toll – und jetzt? Was soll dieser Zirkus eigentlich? Will uns die Sprachpolizei hier rhetorisch einnorden? Alles frei nach Orwell: ‘Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken?'” Und “Tichy’s Einblick” erklärte vor ein paar Tagen, die Wahl zum “Unwort” diene “Linksintellektuellen” lediglich dazu, “Andersdenkende lächerlich zu machen und zu diffamieren”. Überschrift: “Jährlich meldet sich die linke Sprachpolizei”.

Und “Bild” marschiert — mal wieder — munter mit.

Der Rytmus, Rhytmus und Rythmus, bei dem man mit muss

Ausriss Bild-Zeitung - Barbara Schöneberger - Mit Leuten, die Rhythmus nicht schreiben können, breche ich den Kontakt ab

… sagt Schöneberger im Gespräch mit “Bild”. Dann war das wohl ihr letztes Interview mit den “Bild”-Medien.

Wenn Luna (11) auf dem Parkett tanzt, merkt man: Sie hat Rytmus im Blut!

(Bild.de am 10. Januar 2019)

Brungs: “Ishak ist leider immer bisschen verletzt, deshalb findet er nur schwer seinen Rythmus, obwohl er ein guter Spieler ist.”

(Bild.de am 6. Dezember 2018)

Eröffnet werden die Einzel ab 12:05 Uhr im 12-Minuten-Rhytmus, wobei das finale Match von Tee 1 um 14:17 Uhr starten soll.

(Bild.de am 29. September 2018)

Saracchi: “(…) Dort wird im Vierjahres-Rythmus von Olympia zu Olympia gedacht.”

(Bild.de am 4. September 2018)

Noval Djokovic hat dagegen direkt einen guten Rhytmus und erspielt sich einen Breakball.

(Bild.de am 19. August 2018)

Für Slovan Bratislava ist es bereits das dritte Spiel in der Europa League Qualifikation. Ein bisschen europäischen Rythmus haben sie also schon in den Beinen.

(Bild.de am 9. August 2018)

Das bringt die Eisbären aus dem Rythmus — Ausgleich!

(Bild.de am 24. April 2018)

Pella setzt zum slice an und stört damit den Rhytmus vom Schweizer, der prompt nur mit dem Rahmen den Ball trifft und verzieht.

(Bild.de am 15. Juni 2018)

Comeback-Weltmeister Nigel de Jong bei Sky: “(…) Ich brauche jetzt den Rythmus, brauche Spiele.”

(Bild.de am 13. Januar 2018)

Das Angebot richtet sich speziell an Frauen, im 30-Minuten-Rythmus wird per Zirkeltraining der Körper in Schwung gebracht.

(Bild.de am 6. Oktober 2017)

Der ungarische Coach nimmt eine Auszeit, um den Rhytmus der deutschen Aufschlägerin zu unterbrechen.

(Bild.de am 24. September 2017)

Auf dem Kurs in Spa fand Vettel im Training nicht zu seinem Rhytmus.

(Bild.de am 25. August 2017)

Das Beste: Das Rekordschiff bleibt Hamburg treu und wird im 12-Wochen-Rhytmus immer wieder bei uns festmachen.

(Bild.de am 5. August 2017)

Darmstadts Verteidiger Fabian Holland (26) leidet unter dem Wolff-Parkinson-White-Syndrom, das kann zu Herz-Rhytmus-Störungen führen kann.

(Bild.de am 11. Mai 2017)

“taz” vs. Bayer, Erklärungsversuch, Die Spende an den Internet-Troll

1. taz zwingt Bayer in die Knie
(taz.de, Jost Maurin)
Als der Chemiekonzern Bayer der “taz” eine satirische Titelseite zum Pestizid Glyphosat verbieten lassen will, kehrt die Zeitung den Spieß um und kontert mit einer sogenannten “negativen Feststellungsklage”. Das Ziel: Die offizielle Feststellung, dass die Zeitung die Titelseite verbreiten und der Konzern nicht das Gegenteil verlangen darf. Nachdem die “taz” die Klage vorgelegt hatte, gab der Chemieriese auf und verpflichtete sich, nicht gegen die Berichterstattung vorzugehen. “taz”-Justiziar Eisenberg kommentiert: “Die Kosten hat die Beklagte zu tragen. Sie ist zu feige, um sich dem Verfahren zu stellen. Die Beklagte wollte eine kritische Berichterstattung mit Drohungen unterbinden und hat jetzt Sorge, daß diese Drohung ins Leere geht. Allein deshalb will sie den Prozeß nicht. Sie kneift.”

2. Wie kann es sein, dass Claas Relotius 2018 zum vierten Mal mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurde? – Ein Erklärungsversuch
(reporter-forum.de, PDF)
Das “Reporter-Forum” hat Claas Relotius viermal mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. In einer Stellungnahme versuchen Jurymitglieder zu erklären, welche Argumente für und welche Argumente gegen Relotius’ letzte Auszeichnung sprachen, wie die ganze Debatte zu beurteilen sei, und was man aus dem Fall lernen könne.
Der Journalist Wolfgang Michal kommentiert auf Twitter: “Das eigentlich Besorgniserregende ist, dass Journalistenjurys Verkitschung nicht erkennen. Die meisten Geschichten waren aus zweiter Hand. Abgestaubt aus Esquire, LA Times, NYT, Mother Jones u. preisgekrönten Dokumentarfilmen. Man findet sie beim ersten googeln.”

3. Rannenberg und Friends
(peterbreuer.me)
Werbetexter und Kreativ-Genie Peter Breuer ist für seine feinsinnigen Tweets und seinen kultivierten Humor auf Twitter bekannt (wer ihm noch nicht auf Twitter folgt: hier nachholen). Von ihm stammen unzählige geistreiche Sprüche, Wortspiele und Bildwitze, die von anderen dreist geklaut und wirtschaftlich ausgebeutet werden. Jüngstes Beispiel: Sein Satz “Brettspiel für eine Person? Bügeln.”, der vom Hamburger Postkartenverlag “Rannenberg und Friends” vermarktet werde. Breuer hat sich an die Chefin des Unternehmens gewandt und ist dort auf wenig Einsicht gestoßen: “Ich ekle mich vor dieser Frau, aber selbst das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels gibt ihr die Gelegenheit, sich mit ihrem zauberhaften “Non-Book-Sortiment” als Rettung des stationären Buchhandels zu gerieren. Dabei sind ihr Autoren scheißegal, solange die Kohle stimmt.”

4. “Es geht um die Leser in ihrer Rolle als Verbraucher”
(message-online.com)
Die Journalismus-Zeitschrift “Message” hat sich mit den Wirtschaftsjournalisten Jens Bergmann (“brand eins”) und Jan-Henrik Petermann (dpa) über das neue Selbstverständnis ihres Berufszweigs unterhalten. Es geht um die Funktionen von Wirtschaftsjournalismus, den Umgang mit den riesigen PR-Apparaten großer Unternehmen und um die Frage, wie man trotz oft fehlender Auskunftspflichten an Interna kommen kann.

5. Amazon lässt Mitarbeiter fürs Image twittern
(br.de, Manuel Mehlhorn)
Der Versandhändler Amazon sieht sich immer wieder Kritik ausgesetzt, zum Beispiel wegen der Arbeitsbedingungen oder der beharrlichen Weigerung, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Versandhandelstarif zu bezahlen. Wer auf Twitter kritische Worte gegenüber Amazons Geschäftsgebaren äußert, wird unter Umständen “Anne”, “Andrea”, “Rico” und “Andreas” kennenlernen. Die sogenannten Amazon-Botschafter versuchen das in dieser Hinsicht schlechte Image des Versandriesen mit allerlei positiv klingenden Worten zu polieren.

6. Schauspieler spendet für seinen Internet-Troll
(spiegel.de)
Patton Oswalt ist ein US-amerikanischer Komiker und Schauspieler und vielen Zuschauern aus der Serie “King of Queens” bekannt. Als Oswalt auf Twitter angerüpelt wurde, spendete er seinem Angreifer laut “Washington Post” 2.000 Dollar und rief dazu auf, es ihm nachzutun. Der Schauspieler hatte sich die Timeline des Pöbelnden angeschaut und festgestellt, dass dieser große gesundheitliche Probleme habe. “Da wäre ich auch sauer”, so Oswalt. Mittlerweile ist das Spendenkonto des Erkrankten auf über 40.000 US-Dollar angewachsen.

David Berger und der WDR: ein Sender auf Koks

Beim WDR ereignete sich in den vergangene Tagen eine Geschichte, die sehr an die Kokainaffäre des Fußballtrainers Christoph Daum im Jahr 2000 erinnert. Dieser sollte eigentlich Coach der deutschen Männer-Nationalmannschaft werden, doch es gab die starke Vermutung, dass er Kokain konsumierte, ein Verhalten, das der um einen “sauberen Sport” bemühte DFB nicht dulden konnte. Die Vorwürfe standen, vorgebracht durch Uli Hoeneß, im Raum. Daum bestritt heftig und bot schließlich zu seiner Ehrenrettung auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz eine freiwillige gerichtsmedizinische Überprüfung seiner Haare auf Kokainrückstände an. Dort verkündete er: “Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe”.

Als das Resultat der Haarprobe schließlich mit einem positives Testergebnis feststand, war wissenschaftlich belegt, dass Daum gelogen hatte. Bis heute wird darüber gerätselt, warum er sich im Wissen über das zu erwartende Ergebnis in eine solche Situation brachte, die zu einem riesigen Skandal führte.

Und nun zum WDR.

Dessen Radiosender WDR 5 hatte auf seiner Homepage ein Interview mit dem Blogger David Berger angekündigt. Berger ist eine schillernde Figur der Neuen Rechten. Er tritt mit Mitgliedern der Identitären Bewegung auf, sitzt im Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung der AfD, sein Blog ist nicht nur eines der reichweitenstärksten der Szene, sondern verzeichnet laut “Correctiv” bei Facebook und Twitter mehr Interaktionen als taz.de oder Tagesspiegel.de. Dort werden immer wieder Beiträge veröffentlicht, die auch objektiv betrachtet als Hetze gegen Minderheiten bezeichnet werden müssen. Unter anderem wurde dort der “Johannes Gabriel”-Text erstveröffentlicht, der Homosexuelle mit Pädophilie assoziierte und der später, nach seinem Abdruck in der “FAZ”, vom Presserat als “diskriminierend” gerügt wurde.

Screenshot WDR.de - Tischgespräch - Theologe und Blogger David Berger

Die Rechercheplattform “Correctiv” weist in einem Faktencheck völkische Rhetoriken und reihenweise Falschmeldungen nach, vor allem seine Kritik am Islam habe Berger mittlerweile auf die Spitze getrieben:

Schlagzeilen auf seinem Blog lauten:
“‘Goldstücke’ oder die Wiederkehr der Zoophilie” (25.05.2018)
“Bombenentschärfung, Messer- und Giftattacken: Auch in Frankreich wird Ramadan gefeiert” (19.05.2018)
“ISLAMische Merkmale: Dominanzdenken, Kritikresistenz, Schuldverweigerung, Opferrollen und Forderungsmentalität” (03.10.2017)
“Europa: ‘Eines Tages wird das alles uns gehören'” (24.08.2017).

In der Vorab-Information des WDR zum “Tischgespräch” mit David Berger war nichts über die öffentliche Rolle zu lesen, die dieser seit Jahren einnimmt. “Verharmlosend” ist ein viel zu verharmlosendes Wort für die Beschreibung, die der WDR für seinen Gesprächsgast wählte. Er sei bei manchen Schwulen zur Hassfigur mutiert und mache sich mit den politischen Äußerungen in seinem Blog “bei vielen unbeliebt”, heißt es dort lediglich.

In den sozialen Netzwerken wuchs folglich der Protest darüber, dass der Sender seinen Hörerinnen und Hörern Basisinformationen über Berger vorenthielt. Außerdem wurde angesichts des Weglassens der aktuellen Rolle Bergers in der Ankündigung befürchtet, dass auch das Interview selbst keinerlei Einordnung und Reflexion seiner politischen Bedeutung enthalten würde.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. In seinem neuen Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber” prangert er die “schrecklich nette Homophobie” auch in den Medien an. Für seinen “Nollendorfblog” bekam er eine Nominierung für den “Grimme Online Award”, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Das wäre die Stelle gewesen, an der der WDR eine saubere Lösung hätte finden können. Das “Tischgespräch” war nämlich schon längst aufgezeichnet, und die Verantwortlichen wussten, dass die Befürchtungen der Kritiker (auch von mir in meinem “Nollendorfblog” geäußert) nicht nur berechtigt waren — in Wahrheit war alles noch viel schlimmer: Es gibt in der Sendung nicht nur keine kritische Auseinandersetzung; vielmehr hilft der Interviewer seinem Gesprächsgast sogar bei dessen Legendenbildung, unterstützt ihn dabei, nachweislich falsche Angaben über dessen Werdegang in sanftem Plauderton zu verquirlen. “Deutschlandradio Kultur” wird den Beitrag später als “journalistische Bankrotterklärung” bezeichnen. (Erst nach erneuter heftiger Kritik heftete der WDR einen Hinweis vor den Beitrag: “In dem Gespräch ist auch David Bergers Internetblog Thema. Darin veröffentlicht Berger zum Teil rechtsradikale und menschenverachtende Beiträge.”)

Als Erwiderung auf die Kritik hätte der WDR also zugeben können, dass da etwas falsch gelaufen ist. Man hätte sagen können, man möchte David Berger gerne noch einmal einladen, aber in eine Sendung, in der man auf eine kritische Auseinandersetzung vorbereitet ist. So hätte man zu einer Lösung kommen können, die sowohl den Berger-Kritikern als auch den -Unterstützern zu vermitteln gewesen wäre. Vor allem hätte man aber hier noch eine Entscheidung treffen können, die den eigenen journalistischen Prinzipien genügen könnte.

Stattdessen entschied man sich beim WDR für die Haarprobe. Der Sender platzierte eine Notlüge, von der alle Beteiligten wissen mussten, dass sie spätestens bei der Ausstrahlung des Gespräches auffliegen wird. Auf der Website wurde die Ankündigung des Berger-Interviews um einen Hinweis ergänzt, in dem es unter anderem heißt:

Die Redaktion hat über die Frage, ob es eine Sendung mit David Berger geben soll, im Vorfeld ausführlich diskutiert. Den Ausschlag gab letztlich die Überzeugung, dass WDR 5 auch mit Menschen in den journalistisch-kritischen Diskurs gehen möchte, die Positionen vertreten, die viele nicht teilen. Wenn unsere Gesellschaft die offene Diskussion will, dann sollte sie auch die verschiedenen Positionen kennen — selbst, wenn das für manche nur schwer zu ertragen sein mag.

So wie Christoph Daums “reines Gewissen” eine bewusste Irreführung war, so war es beim WDR das Beschwören eines beabsichtigten “journalistisch-kritischen Diskurses”. Der WDR musste wissen, dass das Interview genau das Gegenteil davon war. Trotzdem blieb der Sender bei dieser Behauptung, die bald jeder als falsch erkennen konnte.

Und wie Fußballtrainer Daum trieb sich der WDR immer tiefer in die Misere: Jetzt hatte man also nicht nur eine zur baldigen Ausstrahlung vorgesehene PR-Sendung für einen Rechtspopulisten. Man hatte auch das Versprechen des Senders, dem sei nicht so. Und nach wie vor entschied man sich dazu, auf der Ankündigungsseite des Senders keine angemessene Einordnung des Interviewgastes vorzunehmen, während man gleichzeitig den Protestlern auf Twitter permanent mitteilte, wie ernst man ihre Kritik nehme.

Am Vormittag der für den Abend geplanten Ausstrahlung ging dann der Senderchef selbst in die Offensive, um eine weitere Etage auf das Kartenhaus zu setzen. In der Sendung mit dem für die momentane Situation wunderbar zynischen Titel “Neugier genügt” nahm Florian Quecke Stellung zu den Vorwürfen. Er verteidigte unter anderem die unterlassenen Informationen im Ankündigungstext mit dem Hinweis darauf, dass es die Höflichkeit gebiete, einen Gast nicht schlechter als beschrieben aussehen zu lassen, und bestätigte damit zumindest, dass es in der ganzen Sache nie um journalistische Kriterien gegangen sein kann. Und er verteidigte die Einladung Bergers und behauptete, es handele sich lediglich um “das falsche Format”, weil das “Tischgespräch” vom Charakter her zu wenig politisch konfrontativ sei.

Aus dem Umfeld des Senders hört man, dass die Einladung Bergers in die Sendung “Tischgespräch” allerdings kein Unfall gewesen sei; das Gespräch habe genau so stattfinden sollen. Die journalistische Katastrophe sei nicht aus Unwissenheit passiert, sondern weil der Gesprächsführer exakt gewusst habe, wen er da vor sich haben wird: “Tischgespräch”-Moderator Ulrich Horstmann soll diesen Gast für genau dieses Format gewollt haben. Man merkt dem Gespräch an, dass der Moderator nicht undankbar dafür ist, an gewissen Stellen nicht nachfragen zu müssen. Insofern war es genau das richtige Format.

Wir haben beim WDR nachgefragt. Dort sagte man uns, dass die Redaktion sich dazu entschieden habe, “David Berger einzuladen, weil sie seine Entwicklung vom Kirchenkritiker und gefragten Talkgast zum polemisierenden Publizisten am rechten Rand nachzeichnen wollte.” Doch auch das ist nicht gerade glaubwürdig: Die Radikalisierung Bergers spielte in der Sendung nicht nur keine Rolle, der Interviewer stellte sie durch Suggestivfragen sogar in Abrede.

Wie es zu all dem kommen konnte, müsste der WDR mal erklären. Doch dafür müsste der Sender erst einmal eingestehen, dass so gut wie nichts von dem, was er bisher zur Sache verlautbart hat, mit der Realität in Einklang zu bringen ist. Der WDR müsste erst einmal runter. Runter vom Koks.

Wenn Nils nicht Nils hieße

Nils ist 31, Baumaschinist und laut “Bild” ein echter Glückspilz:

Nils Heinecke (31) lebt ein Leben, von dem viele Männer vielleicht insgeheim träumen: Er teilt Tisch und Bett mit zwei Frauen. Er liebt sie beide, die beiden lieben einander, und alle gemeinsam ziehen sie drei Kinder groß.

Ist doch super, wenn alle damit einverstanden sind. Seine Familie stellte Nils gestern bei Bild.de vor:

Screenshot Bild.de - Nils (31) stellt seine ungewöhnliche Familie vor - Ich lebe mit zwei Frauen - Und die lieben auch einander

Und auch in der Sachsen-Anhalt-Ausgabe der gedruckten “Bild” präsentierte er sein Glück:

Ausriss Bild-Zeitung - Nils (31) - Ich lebe mit zwei Frauen und drei Töchtern
(Unkenntlichmachung der Kinder durch uns.)

“Es ist die wohl außergewöhnlichste Dreiecksbeziehung Deutschlands!”, schreibt Autorin Doreen Beilke. Wir fragen uns ja, wie “Bild” wohl berichten würden, wenn Nils nicht Nils hieße, sondern beispielsweise Abdul, und nicht aus Halle käme, sondern beispielsweise aus Kandahar. Und wenn die Redaktion dann noch entdecken würde, dass die eine Freundin aktuell 19 Jahre alt ist, und “die wohl außergewöhnlichste Dreiecksbeziehung Deutschlands” vor “rund zwei Jahren” begonnen haben soll — na, da wär’ aber was los!

Gesehen bei @AnjaReschke1, mit Dank an @GeorgAlbrecht1 für den Hinweis!

Reichweitenverlust, Geld verdirbt den Sportjournalismus, Gefakte Werbung

1. Focus und Stern verlieren jeweils neun Prozent an Reichweite
(horizont.net, David Hein)
Die Media-Analyse “ma Pressemedien” erfasst die Reichweiten der Publikumszeitschriften in Deutschland, und die sind gegenwärtig meist rückläufig. Vor allem die aktuellen Magazine haben es schwer. So haben “Focus” und “Stern” jeweils neun Prozent an Reichweite verloren. Gegen den Trend zulegen konnten Wochenzeitungen wie “FAZ”, “Welt am Sonntag” und “Zeit”.

2. Böhmermanns Anwalt zieht vor Bundesgerichtshof
(sueddeutsche.de)
Der Rechtsstreit um Jan Böhmermanns Schmähgedicht über Recep Tayyip Erdogan geht in die nächste Instanz: Nachdem der Satiriker letztes Jahr im Berufungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Hamburg gescheitert war, hat Böhmermanns Rechtsanwalt Christian Schertz nun Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt.

3. Fußball und Fernsehen: Das Geld hat den Sportjournalismus versaut
(120minuten.net, Jérôme Grad)
Können Fußballübertragungen und die Berichterstattung drumherum wirklich kritisch sein? Angesichts der Tatsache, dass Fernsehsender und andere Bewegtbild-Plattformen jedes Jahr einen Milliardenbetrag für die Übertragung von Fußballspielen investieren? Hat das Geld “den Sportjournalismus versaut”, wie der frühere DFB-Mediendirektor und langjährige SWR-Sportchef Gerhard Meier-Röhn sagte? In einem längeren Beitrag erklärt Jérôme Grad die derzeitige Situation und entwirft verschiedene Szenarien für die Zukunft.

4. Ein bisschen Pressefreiheit
(deutschlandfunk.de, Marc Engelhardt)
Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Äthiopien derzeit noch auf einem unrühmlichen 150. Platz, doch das könnte sich bald zum Besseren wenden: Unter dem Premierminister und selbsternannten Reformer Abiy Ahmed wurden Dutzende inhaftierte Journalisten freigelassen, die Blockade von 250 Websites und Blogs aufgehoben und kritische Medien zur Rückkehr nach Äthiopien bewegt. Von echter Pressefreiheit sei das Land jedoch noch weit entfernt.

5. “Paradise Papers”: Haft für türkische Journalistin
(ndr.de, Oliver Mayer-Rüth, Video: 4:46 Minuten)
Bei ihren Recherchen zu den “Panama Papers” stieß die türkische Journalistin Pelin Ünker auf die Namen der Söhne des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten und heutigen Parlamentspräsidenten Yildirim. Für ihre Berichterstattung über diesen Fall wurde sie mit Preisen für hervorragenden investigativen Journalismus ausgezeichnet. Und zu etwas mehr als einem Jahr Haft verurteilt — wegen “übler Nachrede” …

6. Diese Instagrammer posten gefakte Werbung, um sich als Influencer zu gerieren
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Dass manche Instagram-Influencer ihre von Unternehmen bezahlten Posts nicht als Werbung erscheinen lassen wollen, ist soweit bekannt. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Instagrammer, die ihre Posts gezielt wie Werbung aussehen lassen, obwohl das beworbene Unternehmen sie gar nicht dafür bezahlt hat. “OMR” ist der Sache nachgegangen und hat sich nach deutschen Beispielen umgeschaut.

Flughafen-Journalismus, Authentisch schlecht gelaunt, Handball-Promoter

1. Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht»
(medienwoche.ch, Eva Hirschi)
Der norwegische Politikwissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung macht sich Sorgen, was die Auslegung seiner Nachrichtenwert-Theorie anbelangt: “Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!” Medien würden sich zu stark auf Faktoren wie Negativität und Prominenz fixieren. Das Resultat sei ein “Flughafen-Journalismus”, bei dem “alle darüber berichten, wie wichtige Menschen in ein Flugzeug ein- und wieder aussteigen, ohne Kontext. Das kann ich nicht verstehen, damit degradieren sich Medienschaffende ja selbst, wie sie da vor dem Flugzeug warten, nur um ein paar Schritte einer bestimmten Person zu sehen.”

2. Der erste Umweltjournalist
(taz.de, Manfred Kriener)
Der im Alter von 96 Jahren verstorbene Horst Stern war nicht nur der erste Umweltjournalist, sondern auch Mitbegründer des Bunds für Umwelt- und Naturschutz. Und er war eine Persönlichkeit, wie Manfred Kriener in seinem Nachruf feststellt: “Seine Fernseh-Nachhilfestunden machten ein breites Publikum mit dem Artensterben und dem Siechtum des Wald bekannt, mit Gentechnik-Größenwahn und dem Elend der Massentierhaltung. Was ihm fehlte zum Fernsehstar, war die joviale Ausstrahlung eines Ranga Yogeshwar oder die Lässigkeit anderer, ewig gut gelaunter TV-Größen. Stern wirkte vor der Kamera immer bekümmert, als sei gerade die Hauskatze gestorben. Das eigentlich Großartige: Er machte keinerlei Versuche, einmal zu lächeln oder gar heiter rüber zu kommen. Er blieb authentisch schlecht gelaunt.”

3. Leicht sein ist nicht alles
(sueddeutsche.de, Anna Steinbauer)
Zu Beginn des Jahres beschäftigen sich Frauenzeitschriften besonders intensiv mit dem Thema Abnehmen. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch etwas geändert, so die Soziologin Paula-Irene Villa: “Diätmachen spielt nach wie vor eine große Rolle. Allerdings dreht es sich immer mehr darum, gesund und fit sein.” Zeitschriften seien aber eher Überbringer als Verursacher von Körperkult und Schlankheitswahn: Die Popkultur spiele eine enorme Rolle dafür, dass Diäten nicht wegzukriegen seien.

4. Der Fall Relotius und die Medien: Wir schreiben einfach wundervoll
(nzz.ch, Susanne Gaschke)
Susanne Gaschke nimmt den Fall Relotius zum Anlass, über die Entfremdung zwischen Medienmachern und ihrem Publikum nachzudenken. Gaschke beklagt die mangelnde Selbstkritik der Medien: “Journalisten müssen mehr Bescheidenheit und manchmal auch mehr Wohlwollen gegenüber ihren Berichtsgegenständen — und Lesern — entwickeln. Und sie brauchen eine Entschuldigungskultur, die nicht verschämt oder trotzig Fehler höchstens auf Seite 18 zugibt. Ob das alles hilft, um die Öffentlichkeit zu reparieren und Vertrauen zurückzugewinnen? Vielleicht nicht. Es aber nicht einmal versucht zu haben, hilft auf keinen Fall.”

5. Wir brauchen eine investigative Kultur in allen Redaktionen
(journalist-magazin.de, Daniel Drepper)
Das Medienmagazin “journalist” startet die Serie “Mein Blick auf den Journalismus”, in der sich die “klugen Köpfe der Branche” Gedanken darüber machen, wie Journalismus besser gemacht werden kann. Im ersten Teil dabei: Daniel Drepper, Chefredakteur von “BuzzFeed News Deutschland”, im zweiten Teil die Journalistin und Medienexpertin Carline Mohr.

6. Kommentatoren ohne Distanz
(djv.de, Sebastian Huld)
Sebastian Huld vom Deutschen Journalisten-Verband kritisiert die seiner Ansicht nach zu positive TV-Kommentierung des vergangenen Handballspiels der deutschen Nationalmannschaft. Die Kommentatoren seien irgendwo zwischen Fans und Teammitgliedern anzusiedeln. Sie “geben wie ARD und ZDF insgesamt vor, die Handball-WM zu übertragen und das Geschehen mit Expertise aufzubereiten. Tatsächlich aber sind sie nur die ersten Promoter des Produkts Handball-WM, weil der Erwerb der Übertragungslizenzen nur durch hohen Zuschauerzuspruch zu rechtfertigen ist. Vor diesem Konflikt stehen alle Sender beim Übertragen von Sportevents, ganz besonders aber die Öffentlich-Rechtlichen.”

Mit Spatzen auf Polizisten schießen

Es könnte sein, dass bald fallschirmspringende Hasen, Schildkröten mit Gewehren und Hunde mit Kanonen die Polizei am oder im Hambacher Forst angreifen. Möglich, dass dann auch die Ameisen mit ihren Grubenhelmen dabei sind und für Bürgerrechte demonstrieren, und die Fledermäuse auf ihren Schildern einmal mehr klarmachen, dass nichts zu verkaufen ist. “Bild” und “Bild”-Redakteur Peter Poensgen sind jedenfalls einer ganz heißen Sache auf der Spur:

Ausriss Bild-Zeitung - Bildunterschrift - Eine Gruppe aus der Waldbesetzer-Szene studiert eine Art Schlachtplan gegen die Polizei

Das Foto und die Bildunterschrift stammen aus einem Beitrag, der am vergangenen Freitag in der Düsseldorf-Ausgabe der “Bild”-Zeitung erschienen ist. Und auch Bild.de zeigt die Aufnahme, mit einer leicht anderen Zeile darunter:

Screenshot Bild.de - Bildunterschrift - Gewaltschauplatz Hambacher Forst: Anhand einer riesigen Karte werden Strategien gegen die Polizei geplant

Überschrift in der Onlineversion: “Die ‘Gewalt-Uni’ der Hambach-Aktivisten” (die bereits im ersten Satz des Artikels nur noch “fast wie eine Uni für Gewalt und Krawall” sei). Gemeint sind die Skill-Sharing-Camps, in denen Aktivisten anderen Aktivisten auch Fähigkeiten vermitteln, die für zivilen Ungehorsam nützlich sein können.

In einem dieser Camps steht also ein Mann an einem großen Plakat und soll mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern “Strategien gegen die Polizei” planen. Doch dazu taugt die “riesige Karte” überhaupt nicht. Es handelt sich dabei nämlich um einen Druck des Wimmelbilds “The True Cost of Coal”, gezeichnet vom Beehive Design Collective. Dieses Netzwerk aus Künstlerinnen und Künstlern stellt Aktivisten große Illustrationen für deren Arbeit etwa in Skill-Sharing-Camps zur Verfügung. Auf dem Exemplar, das “Bild” und Bild.de zeigen, sind der fallschirmspringende Hase, die Schildkröte mit dem Gewehr, der Hund mit der Kanone, die Ameise mit dem Grubenhelm, die Fledermaus mit dem Protestschild und viele weitere Tiere zu sehen, deren Lebensraum vom Kohlebergbau, von Baggern und Planierraupen zerstört wird.

Das ist der “Gewaltschauplatz Hambacher Forst”, den “Bild” ausruft.

Mit Dank an @SoliFur für den Hinweis!

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