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Will eine “Grünen-Frau” Luftballons verbieten?

Wenn die Bild.de-Redaktion auf ihrer Startseite sowas hier schreibt …

Screenshot Bild.de - Landeschefin in Niedersachsen - Grünen-Frau will Luftballons verbieten

… dann könnte man ja fast glauben, dass eine “Grünen-Frau” (gemeint ist offenbar eine Politikerin der Grünen) Luftballons verbieten will. So viel schon mal jetzt: Das ist eine kräftig verzerrte Darstellung.

In der “Neuen Osnabrücker Zeitung” wird die Landesvorsitzende der Grünen in Niedersachsen Anne Kura (das ist bei Bild.de die “Grünen-Frau”) heute so zitiert:

Soll das Steigenlassen von Luftballons verboten werden? Die Grünen in Niedersachsen halten einen entsprechenden Beschluss der nordrhein-westfälischen Stadt Gütersloh für nachahmenswert. “Steigen gelassene Luftballons landen in den allermeisten Fällen in der Natur. Vögel und andere Tiere fressen die weichen Ballonreste und verhungern dann mit vollem Magen. Auch Ballons aus Naturlatex sind deswegen keine wirkliche Alternative”, sagte Grünen-Landeschefin Anne Kura unserer Redaktion. Es sei deshalb “begrüßenswert, dass die Stadt Gütersloh mit gutem Beispiel vorangeht und auf das Steigenlassen von Luftballons verzichtet”, ergänzte sie.

Im Artikeleinstieg bei Bild.de klingt das alles dann schon etwas anders:

Luftballons zur Hochzeit steigen lassen, Deko für Kindergeburtstage oder lustige Tierfiguren — das alles könnte schon bald Geschichte sein.

Zumindest wenn es nach den Willen der Grünen aus Niedersachsen geht. Sie sprechen sich für ein Luftballonverbot aus.

Die Bild.de-Redaktion schafft es, drei Beispiele zu nennen — und mit allen drei danebenzuliegen: Die Grünen aus Niedersachsen fordern kein Verbot für “Luftballons zur Hochzeit”, sie fordern kein Verbot für “Deko bei Kindergeburtstagen” und sie fordern auch kein Verbot von “lustigen Tierfiguren”.

Auf Nachfrage sagt uns ein Sprecher der Partei, dass es Anne Kura ausschließlich um gasgefüllte Luftballons geht, die man in die Natur steigen lässt. In Fußgängerzonen könnten gern weiterhin Dackel oder Affen oder andere Tiere aus Luftballons geknotet werden, ganze Hallen sollen weiter mit Luftballons ausgeschmückt werden — alles kein Problem für die Grünen. Und es gibt noch eine Einschränkung zum vermeintlichen allgemeinen Luftballonverbot: Kura bezieht sich auf eine Entscheidung aus Gütersloh. Diese betraf allerdings nicht private Feste wie Hochzeitsfeiern oder Kindergeburtstage, sondern nur städtische Veranstaltungen (was dann natürlich auch für städtische Kindergärten und Schulen gelten würde). Bei privaten Feiern könnte man weiterhin Luftballons aufhängen, sie zum Platzen bringen oder auch gasgefüllte Ballons steigen lassen.

Statt eines generellen Luftballonverbots fordern die Grünen aus Niedersachsen also ein Verbot* fürs Steigenlassen von gasgefüllten Luftballons bei städtischen Veranstaltungen. Für so viel Differenzierung war nicht nur bei Bild.de kein Platz — in den Überschriften vieler anderer Medien klingt es ganz ähnlich verzerrt.

Nachtrag, 14:17 Uhr: Bei der Entscheidung in Gütersloh geht es neben städtischen Veranstaltungen auch um private Feiern auf städtischem Gelände.

Mit Dank an @LeKWiNK für den Hinweis!

Nachtrag, 14:25 Uhr: Bei Bild.de ist inzwischen ein Artikel mit dieser Überschrift erschienen:

Screenshot Bild.de - Luftballon-Debatte - Grüne fordern kein generelles Verbot

Mit Dank an @cbstralsund für den Hinweis!

*Nachtrag, 13. September: Genau genommen fordern die Grünen aus Niedersachsen gar kein Verbot. Die Landesvorsitzende Anne Kura hat gegenüber der “Neuen Osnabrücker Zeitung” lediglich gesagt, dass das (von allen Parteien beschlossene) Verbot im nordrhein-westfälischen Gütersloh begrüßenswert sei. Eine konkrete Forderung nach einem Verbot in Niedersachsen stellte sie hingegen nicht auf.

Mit Dank an Frank O. für den Hinweis!

Waldorf-Salat des SWR, Rettet den “Weltspiegel”, Grenzüberschreitung

1. “Weltspiegel”-Streit: Brief an die Intendanten im Wortlaut
(dwdl.de, Alexander Krei & Thomas Lückerath)
In der ARD wird diskutiert, den “Weltspiegel” auf einen anderen (ungünstigeren) Sendeplatz zu verlegen. “DWDL” veröffentlicht zwei Schreiben, in denen sich die ARD-“Weltspiegel”-Redaktion und Korrespondentinnen sowie Korrespondenten “gegen die Marginalisierung” der Sendung aussprechen.

2. SWR-Doku: Eine Autorin und ihre Nähe zu Waldorfschulen
(ndr.de, Sebastian Asmus, Video: 5:55 Minuten)
Zum hundertjährigen Bestehen der Waldorfschulen hat der SWR zur besten Sendezeit eine weitgehend unkritische und als beschönigend empfundene Doku der Autorin Esther Saoub ausgestrahlt, die, so die Kritik, einer Werbesendung gleichkam. Auch in den “Tagesthemen” erschien ein Beitrag von ihr zum Thema, der als “Werbeunterbrechung” kritisiert wurde. Die Unausgewogenheit ist nicht zufällig: Die Autorin des Films ist eng mit der Waldorf-Welt verbunden, tritt auf Waldorf-Podien auf und war als Waldorf-Festrednerin gebucht — was einer neutralen Berichterstattung im Wege steht, wie auch Volker Lilienthal, Professor für “Praxis des Qualitätsjournalismus” an der Uni Hamburg, feststellt: “Die Autorin Saoub ist ja im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sozialisiert, sie kennt die professionellen Standards, da hätte sie selbst verzichten müssen.”
Weiterer Lesetipp: Waldorf-Dokumentation im SWR: Und nun tanze einen „deskriptiven“ Film (uebermedien.de, Boris Rosenkranz).

3. Eine Radtour mit dem Chefredakteur
(deutschlandfunk.de, Vera Linß, Audio: 5:27 Minuten)
Der Chefredakteur des “Tagesspiegel” Lorenz Maroldt ist unter anderem für seinen Berlin-Newsletter “Checkpoint” bekannt. Und für seine ungewöhnlichen Aktionen zur Leserbindung und Leserbetreuung. Das aktuellste Projekt: eine gemeinsame Radtour durch Berlin. Vera Linß war für den Deutschlandfunk dabei.

4. Vollehalle, Gala und eine Party! Am Freitag feiern wir Geburtstag
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Netzpolitik.org feiert am Freitag seinen 15. Geburtstag mit einer Konferenz in der Berliner Volksbühne und einer anschließenden Party. Als ebenfalls 15-Jährige gratuliert das BILDblog-Team und wünscht den Kolleginnen und Kollegen alles Gute für die nächsten 15 Jahre.

Weiterer Lesetipp: Interview mit Markus Beckedahl, dem Gründer der Plattform: “Man darf nicht gleich den Untergang der Demokratie verkünden” (spiegel.de, Judith Horchert).

5. Mit zwölf Schritten in die Verschwörungsgalaxie
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Warum lassen sich Menschen auf Verschwörungstheorien ein? Sascha Lobo hat die Entwicklung zum Verschwörungstheoretiker in zwölf Phasen unterteilt: Von der Sinnsuche bis zum kompletten Persönlichkeitsumbau, der eine normale Diskussion unmöglich mache: “Wer solche Verschwörungsweltbilder als Teil seiner neuen Persönlichkeit verinnerlicht hat, sieht in jedem Diskussionsversuch über die Verschwörungstheorie zwingend einen Angriff auf die eigene Person.”

6. Das ist eine Grenzüberschreitung.
(twitter.com/florianklenk)
Als BILDblog-Kurator hat man schon einiges an Schmutz gesehen und müsste entsprechend abgehärtet sein. Aber hier gerate auch ich an meine Grenzen: Was ein Kolumnist der größten österreichischen Tageszeitung “Krone” über den “Falter”-Chef Florian Klenk schreibt, ist von besonderer Widerwärtigkeit.

Von dusseligen Mächten verhängnisvoll gegoogelt

Wer die Zeile “Von guten Mächten wunderbar geborgen” googelt, dem wird in den Ergebnissen ganz oben angezeigt: “Von guten Mächten”, Lied von Glashaus, verfügbar bei Spotify, Deezer und Google Play Music. Soso.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fügte einem Video, in dem sie gestern ankündigte, ihre Parteiämter auf Bundesebene (und nicht alle Ämter, wie Bild.de zwischenzeitlich behauptete) wegen einer Krebserkrankung niederzulegen, eben dieses Zitat bei: “Von guten Mächten wunderbar geborgen…” Darauf vertraue sie.

Die “Bild”-Zeitung vertraut dagegen aufs erste Google-Ergebnis. Der Redaktion zufolge zitiert Schwesig nämlich die Pop-Gruppe Glashaus:

Ausriss Bild-Zeitung - Auf Twitter zitierte sie aus einem Lied der Pop-Gruppe Glashaus das sie auch morgens beim Joggen hört: Von guten Mächten wunderbar geborgen, darauf vertraue ich

Tatsächlich aber stammt diese Zeile nicht von einer Pop-Band, sondern vom Theologen und Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime Dietrich Bonhoeffer, der das dazugehörige Gedicht in der Vorweihnachtszeit 1944 schrieb, wie man etwa in der Bonhoeffer-Biografie des Theologen Wolfgang Huber nachlesen kann. Bonhoeffer verfasste den Text während seiner Gefangenschaft im Gestapo-Gefängnis in Berlin und fügte ihn einem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer an.

Es sollte sein letztes Gedicht sein, das der Nachwelt erhalten blieb. Und wohl auch das berühmteste. In Ermangelung einer Überschrift wurde es erst mit dem Titel “Neujahr 1945” veröffentlicht, später ging es dann mit dem Titel “Von guten Mächten” um die Welt, so Biograf Huber. Wenig später, am 9. April 1945, wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg erhängt — auf direkten Befehl Hitlers, alle Mitverschwörer des Attentats vom 20. Juli 1944 hinzurichten, zu denen die Nazis auch Bonhoeffer zählten.

Heute kennen viele Bonhoeffers letztes Gedicht aus der evangelischen Kirche, wo es sich, unter anderem vertont von Siegfried Fietz, großer Beliebtheit erfreut. Die von “Bild” erwähnte Band Glashaus hat Bonhoeffers Werk 2009 recht schmalzig interpretiert.

Es wäre wahrlich nicht schwer gewesen herauszufinden, wer der wirkliche Urheber der Worte ist, die Manuela Schwesig gestern twitterte. Eine Alternative zum Runterscrollen bei den Google-Ergebnissen hätte übrigens ein kurzer Blick ins “Bild”-Archiv sein können: Erst vor drei Monaten berichtete die Redaktion über einen Tweet des thüringischen CDU-Landeschefs Mike Mohring, in dem dieser dieselben Worte Bonhoeffers zitierte — diesmal aber richtig eingeordnet durch das “Bild”-Team.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Game of Phones, Hockeyschläger weiter gültig, Reden-Visualisierer

1. Darüber spricht der Bundestag
(zeit.de, Kai Biermann, Paul Blickle, Ron Drongowski, Elena Erdmann, Flavio Gortana, Alicia Lindhoff, Christopher Möller, Christoph Rauscher, Stephan Scheying, Michael Schlieben, Julian Stahnke, Julius Tröger & Sascha Venohr)
“Zeit Online” hat alle Bundestagsreden seit 1949 grafisch analysierbar gemacht. So lässt sich zu jedem Suchbegriff beziehungsweise Schlüsselwort visualisieren, wann und wie oft er im Parlament erwähnt wurde. Ein tolles Werk- und Spielzeug zugleich.

2. Game of Phones
(journalist-magazin.de, Richard Gutjahr)
Richard Gutjahr hat einen lesenswerten Beitrag über die Zukunft des Journalismus verfasst. Man müsse realisieren, dass das Smartphone als Medium gewonnen habe und die Textform auch zukünftig weiter von Bewegtbild verdrängt werde: “In diesem laufenden Game of Phones wird uns daher nichts anderes übrigbleiben, uns selbst ein Stück weit als Smartphone zu begreifen, das alle paar Monate ein Update verlangt. Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass wir — wie sehr wir uns auch anstrengen — niemals im gelobten Neuland ankommen werden. Dass wir den Prozess der digitalen Transformation nicht gegen, sondern nur mit dem Publikum meistern können. Dass nicht die abstrakte Marke unser Ticket in die Zukunft ist, sondern das Individuum, jeder User, jeder Mitarbeiter. Dass 5G und der damit wachsende Hunger nach Videos letztlich auch nur ein Vehikel sein wird für das eigentliche Produkt, für das es mehr denn je zu kämpfen lohnt: Vertrauen.”

3. Die “Hockeyschläger-Kurve” vor Gericht: Ist der Klimawandel bei einem Prozess in Kanada widerlegt worden?
(blog.gwup.net, Bernd Harder)
Zahlreiche “Alternativmedien” wie die “Achse des Guten”, “EIKE”, “Tichys Einblick”, “KenFM”, “Freie Welt” oder “Epoch Times” verbreiteten die Nachricht, dass ein führender Klimawissenschaftler einem Klimawandelleugner vor Gericht unterlegen sei. Alles Quatsch, wie Bernd Harder von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften erklärt.

4. Große Halle, kleiner Mut
(taz.de, Peter Weissenburger)
Bei Angela Merkels Besuch in Peking wollte die chinesische Regierung anscheinend einigen deutschen Journalisten den Zugang zu einer Pressekonferenz der Kanzlerin verwehren. Die “Irritationen” konnten jedoch geklärt werden. “Alle deutschen Journalisten, die an der Willkommenszeremonie teilgenommen haben, erhielten letztlich auch Zugang zur Pressekonferenz”, so der Regierungssprecher.

5. US-Staaten eröffnen Kartellverfahren gegen Google und Facebook
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
US-amerikanische Behörden ermitteln gegen Tech-Unternehmen wie Google und Facebook wegen diverser Wettbewerbsverletzungen. Dabei geht es also nicht um Datenschutzverstöße, die in der Vergangenheit im Fall von Facebook bereits mit einer Strafzahlung von fünf Milliarden Dollar geahndet wurden, sondern ausdrücklich um die Marktdominanz der Unternehmen.

6. An Peinlichkeit kaum zu übertreffen
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Arno Orzessek hat sich angeschaut, wie die Youtube-Community auf das erste Propagandafilmchen der CSU (“CSYou”) reagiert: “Sie lästern derart ab, und zwar tausendfach, dass schon jetzt feststeht: Begreift man “CSYou” als psychohygienische Müllhalde der Netz-Junkies, ist es ein unübertroffener Erfolg.”

Was Julian Reichelt so alles für möglich hält

Zur Berichterstattung der “Bild”-Medien über einen ehemaligen Fußballprofi, der per WhatsApp Fotos verschickt haben soll, die den Missbrauch von Kindern zeigen, gab es nicht nur von uns Kritik. Nun hat sich “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt zu dieser Kritik im Deutschlandfunk geäußert. Und er kann — Überraschung! — keinerlei Fehlerverhalten seiner Redaktion erkennen.

An einer Stelle des Interviews fragt Moderatorin Brigitte Baetz den “Bild”-Chef:

Der “Bildblog” schreibt aber quasi, dass Sie die eigene Berichterstattung erst initiiert haben, indem Sie sich an die Hamburger Polizei gewandt haben. Was würden Sie dazu sagen?

Reichelt antwortet:

Dazu müssen Sie den “Bildblog” fragen, wie sie auf diese Interpretation kommen und wie, das würde mich dann interessieren, “Bildblog” verfahren würde, wenn sie, wie gesagt, in einem grundsätzlich gelagerten Fall Kenntnis von möglichen schwersten Straftaten erlangen, ob sie das dann für sich behalten, was ich bei “Bildblog” durchaus für möglich halte, oder ob sie das der Polizei mitteilen würden.

Wir haben nicht die leiseste Ahnung, wie Julian Reichelt darauf kommt, dass wir es für uns behalten würden, wenn wir “Kenntnis von möglichen schwersten Straftaten erlangen” würden. Aber weil es ihn so “interessiert”: Natürlich würden wir das der Polizei melden.

Was wir hingegen nicht machen würden: dem Verdächtigen mit einer Armada aus Reportern, Fotografen und Kameramännern auflauern; den Fall bis ins Letzte ausschlachten; Sätze schreiben wie “Warum sind die Ermittler so sicher, dass [M.] über kinderpornografische Fotos verfügt?”, wenn überhaupt noch nichts sicher zu sein scheint; mehrere Fotos abdrucken, die den Verdächtigen mit Gruppen von Kindern und Jugendlichen zeigen, obwohl diese Aufnahmen nichts mit dem Fall zu tun haben; riesengroß und in einer Art und Weise berichten, dass der Verdächtige — wenn sich später seine Unschuld herausstellen sollte — künftig keine Chance mehr auf ein normales Leben haben dürfte; oder den Anfangsverdacht und die Ermittlungen, zu denen die Staatsanwaltschaft verpflichtet ist, so in Szene setzen, dass bei der Leserschaft letztlich kein anderer Gedanken entstehen kann als: “Der hat doch Dreck am Stecken”. Denn auch der Bundesgerichtshof warnt:

Dabei ist im Hinblick auf die aus dem Rechtsstaatsprinzip folgende (…) Unschuldsvermutung die Gefahr in den Blick zu nehmen, dass die Öffentlichkeit die bloße Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mit dem Nachweis der Schuld gleichsetzt und deshalb im Fall einer späteren Einstellung des Ermittlungsverfahrens oder eines Freispruchs vom Schuldvorwurf “etwas hängenbleibt”

Mit Dank an Marc und @ThougthsAsmbly für die Hinweise!

Der Tag, an dem Angela Merkel die Grenzen gar nicht öffnen musste

Am 4. September 2015 öffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel keine Grenzen und sie ließ sie auch nicht öffnen, denn sie waren ja schon längst offen, seit Jahrzehnten. Und das ist jetzt auch wahrlich nichts Neues, was wir hier schreiben, im Gegenteil, das haben andere schon vor längerer Zeit ausführlich erörtert.

Und dennoch gibt es bei “Bild” und Bild.de noch immer Leute, die die falsche Erzählung der grenzenöffnenden Kanzlerin, die gern von ganz rechtsaußen verbreitet wird, im Blatt und auf der Startseite unters Volk bringen:

Ausriss Bild-Zeitung - Heute im ZDF: Doku-Drama über den 4. September 2015, als Angela Merkel die Grenzen öffnete - Der Tag, der Deutschland veränderte
Screenshot Bild.de - ZDF-Doku-Drama über den 4. September 2015 - Der Tag, an dem Angela Merkel die Grenzen öffnete

Im Artikel der “Bild”-Medien liest sich das dann auch direkt etwas anders:

Das ZDF-Doku-Drama “Stunden der Entscheidung” (Mittwoch, 20.15 Uhr) handelt von den 25 Stunden, die Deutschland verändern sollten. Vor genau vier Jahren entschied Bundeskanzlerin Angela Merkel (heute 65), die Grenzen nicht dicht zu machen für Tausende Flüchtlinge, die sich zu Fuß auf den Weg vom Budapester Hauptbahnhof nach Deutschland gemacht hatten.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Journalisten müssen sich Studie von Lesern erklären lassen

Vergangene Woche ging das Ergebnis einer Studie um die Welt, das von vielen Medien so zusammengefasst wurde:

Studie: Es gibt kein "Schwulen-Gen"
Ein Gen für Homosexualität existiert nicht
Studie: Homosexualität ist nicht durch Genetik erklärbar

Tatsächlich spielen Gene beim Sexualverhalten aber sehr wohl eine Rolle. In der Studie (PDF) heißt es sinngemäß, dass sich zwar nicht ein einzelnes Gen isolieren lässt, das die sexuelle Orientierung bestimmt, dass es aber auf verschiedenen Chromosomen bestimmte genetische Marker gibt, die dafür mitverantwortlich scheinen. Einfacher gesagt:

Same-sex sexual behavior is influenced by not one or a few genes but many.

Oder wie Anna Müllner auf der Blogplattform “Scilogs” schreibt:

Viele News-Outlets — unter anderem renommierte wie Nature.com — titelten kürzlich: “Das Schwul-Gen gibt es nicht”. Peinlich, denn die Studie, über die sie berichten, sagt etwas ganz anderes: Es gibt zwar kein einzelnes Gen, dass unsere Sexualität reguliert, dafür scheint es aber viele genetische Veränderungen zu geben, deren Zusammenspiel am Ende einen Teil unseres Sexualverhaltens beeinflusst.

Warum die “Kein Schwulen-Gen!”-Schlagzeilen so problematisch sind, erklärt ein LGBTQ+-Wissenschaftler in den “Scilogs” so:

Die Wissenschaftler*innen selbst haben bereits erwähnt, dass dies ein Minenfeld sein könnte, und “Nature” hat sich dennoch für die Verwendung von “no gay gene” in ihrer Schlagzeile entschieden. Das ist problematisch, da dies keine genaue Take-Home-Message war und auch unverantwortlich. Viele der Gegner der LGBTQ+-Community glauben uns bereits nicht, wenn wir den Ausdruck “so geboren” verwenden. Was wir jetzt befürchten, ist, dass sie sich befähigt oder (falsch) wissenschaftlich gerechtfertigt fühlen könnten, weil sie solche sensationshungrigen Schlagzeilen haben.

Und damit kommen wir zum Deutschlandfunk (DLF), der gestern bei Facebook folgenden Post veröffentlichte:

Facebook-Post des Deutschlandfunks: Auf dem Foto sieht man zwei Männer von hinten, die sich an den Händen halten. Dazu die Überschrift: "Homosexualität ist nicht genetisch bedingt - Eine Studie im Science-Magazin zeigt, dass Gene zwar Einfluss auf das sexuelle Verhalten haben, die Umgebung aber wichtiger ist"

Das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass es mehrere Stunden und hunderte Leserkommentare brauchte, bis es auch der DLF endlich verstanden hatte. Den nicht gerade schmeichelhaften Lernprozess konnte man dabei live mitverfolgen:

Nachdem einige Leserinnen und Leser den Post kritisiert und als Beleg den Artikel der “Scilogs” verlinkt hatten, räumte der DLF ein:

Es muss heißen: “Nicht ausschließlich genetisch bedingt”. Es stimmt, das ist ein wichtiger Unterschied.

Und so antwortete er in den darauffolgenden Stunden auf kritische Einwände immer wieder:

Ja, es stimmt: Es muss heißen, dass die Studie besagt, dass die Gene nicht ausschließlich für Homosexualität ausschlaggebend sind; prägender ist das soziale Umfeld. In dem Bild kann man das leider nicht ändern, so gerne wir das tun würden. Wir bitten um Entschuldigung für diesen krassen Lapsus.

Was der DLF da noch nicht bemerkt hatte: Es war nicht sein einziger “krasser Lapsus”. Denn wie die Leserschaft erklärte:

Umgebung heisst NICHT soziales Umfeld und kann 100% biologische Prozesse sein.

Gene = Bauplan
Biologische Prozesses = der Bau selbst.

Aber das schien den DLF nur noch mehr zu verwirren. Er entgegnete:

Die Studie besagt doch, dass die Gene bis zu 25% ausschlaggebend für die Sexualität sind. Das würde doch im logischen Umkehrschluss bedeuten, dass die restliche Prägung über das soziale Umfeld zustande kommt, oder nicht?

Antwort:

NEIN.

Sie verstehen Genetik nicht!!

Der Körper baut das Gehirn anhand von Genen auf (also der Bauplan).

Wenn jetzt 25% Genetik ist, dann ist Homosexualität zu 25% verursacht durch die Gene (den Bauplan), und der Rest kann 75% biologische Prozesse sein. Zum Beispiel durch abnormalen Hormonspiegel (durch irgendwelche Gründe) in der Schwangerschaft kann das Embryo eine andere als normal Neurobiologie bekommen OHNE irgendwelchen Einfluss von Genen!!

Die 75% nicht-genetischen Faktoren kann ALLES sein: biologische Entwicklung, physikalische Umwelt, soziales Umfeld, usw.

Ein anderer Leser versuchte es mit einem Zitat aus dem Artikel, den der DLF selbst verlinkt hatte:

So steht es in dem Artikel: “When the researchers combined all the variants they measured across the entire genome, they estimate that genetics can explain between 8% and 25% of nonheterosexual behavior. The rest, they say, is explained by environmental influences, which could range from hormone exposure in the womb to social influences later in life.”

Worauf der DLF antwortete:

Vielen Dank. Wir sind Journalisten und Redakteure und keine Gen-Forscher, aber so haben wir das auch verstanden.

Das ist von allen Antworten des DLF wahrscheinlich die traurigste. Können wir ja nix für, dass wir da nicht durchblicken, wir sind ja nur Journalisten.

Und es ist ja schön, dass der DLF so transparent mit seinen Fehlern umgeht, aber noch schöner wäre es, wenn er seinen Lesern die Welt erklären würde, statt andersherum.

Geändert wurde an dem Post bislang übrigens — nichts. Zur Begründung schreibt der DLF in den Kommentaren:

Leider lässt sich das in dem Bild nicht ändern; und den ganzen Post wollten wir nicht löschen, weil dann auch alle Kommentare aller Beteiligten hier gelöscht werden. Und wir wollen nicht den Eindruck erwecken, als wollten wir den Fehler unter den Teppich kehren. Die Vorwürfe sind hart und tun weh, sind aber berechtigt. Danke in diesem Sinne für die sachliche kritische Rückmeldung.

Das Problem ist, dass die Kommentare vermutlich nur von einem Bruchteil der Leute gelesen werden. Die meisten dürften nur das Bild mit den Falschaussagen sehen.

Und es gäbe ja noch andere Möglichkeiten, die Leser darauf hinzuweisen, dass die Meldung falsch war. Man könnte zum Beispiel eine Korrektur posten. Oder wenigstens eine Korrektur im Begleittext des falschen Posts veröffentlichen. Aber so weit reicht die Selbstkritik des Deutschlandfunks dann wohl doch nicht.

Mit Dank an Dominik D. für den Hinweis!

Nachtrag, 5. September: Der DLF hat auf unseren Beitrag reagiert:

Tweet des Deutschlandfunks: "Wir haben die Ergebnisse einer Studie unzulässig verkürzt und dadurch das Studienergebnis falsch dargestellt. Dafür bitten wir in aller Form um Entschuldigung. Dieser Social-Media-Post genügte anders als der Radio- und Online-Beitrag nicht unseren journalistischen Standards."

Tweet des Deutschlandfunks: "Da wir grundsätzlich mit Fehlern einen transparenten Umgang pflegen, hatten wir ursprünglich entschieden, diesen Post nicht zu löschen. Um allerdings die Weiterverbreitung dieser unzulässig verkürzten Aussage zu stoppen, werden wir diesen Post in zwei Stunden löschen."

Diese Stellungnahme hat die Redaktion auch in dem von uns kritisierten Facebook-Post veröffentlicht. Diesen Post hat sie inzwischen, wie angekündigt, gelöscht.

Krankentracking, “Jerks”-Klischees, Schief gewickelt

1. Wie Hilfesuchende im Netz erfasst werden
(sueddeutsche.de, Jannis Brühl & Felix Ebert & Svea Eckert & Jan Strozyk & Vanessa Wormer)
Wer sich im Netz über psychische Erkrankungen informiert oder einen Depressions-Selbsttest durchführt, muss damit rechnen, dass seine Daten an Dritte weitergegeben werden. Das hat eine Analyse der Organisation Privacy International ergeben, die der “Süddeutschen Zeitung” und dem NDR vorliegt: “Heikel ist das vor allem, weil wenige Themen so schambesetzt sind wie psychische Krankheiten. Daten, die Rückschlüsse auf die Gesundheit Einzelner zulassen können, sollten deshalb nicht nur in der Krankenakte beim Arzt, sondern auch im Netz besonders geschützt sein.”

2. “Jerks”: Sind Klischees über behinderte Menschen witzig?
(ze.tt, Konrad Wolf)
Der studierte Theaterregisseur und Autor Konrad Wolf hat sich angeschaut, wie in der Comedyserie “Jerks” mit dem Thema Behinderung umgegangen wird: “Die Serie gibt vor, mit Klischees zu spielen. Aber tut sie das wirklich? Der Serie gelingt in den Szenen, die die Behinderung thematisieren, nicht, was ihr in vielen anderen Szenen sehr wohl gelingt: dass der Witz auf Christian und Fahri zurückfällt. Jerks bedient die Klischees über Menschen mit Behinderung, ohne sie überraschend zu brechen.”

3. Geleakte Lobbystrategie: VG Media fühlt sich missverstanden und entschuldigt sich
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Netzpolitik.org hat vor ein paar Tagen über ein internes Schreiben einer “Verwerterlobby” berichtet, zu der unter anderem der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der Börsenverein des deutschen Buchhandels gehören, aber auch die Kinderschützer von Innocence in Danger, die “eine große Kampagne” plane, “um für mehr Regulierung der Digitalkonzerne zu werben.” Nun hat sich die Lobbyorganisation VG Media zu Wort gemeldet und sich “für missverständliche Formulierungen” entschuldigt. Markus Beckedahl ist nicht überzeugt: “Für uns zeigte sich vor allem eine große Doppelmoral: Die beteiligten Verlegerverbände kämpfen auf EU-Ebene Hand in Hand mit den Digitalkonzernen gegen besseren Datenschutz und Verbraucherrechte beim intransparenten Tracking und drohen dabei mit dem “Ende der Demokratie”.”

4. Liebe 20 Minuten-Redaktion…
(daslamm.ch, Miriam Suter)
Miriam Suter ärgert sich über einen Artikel der kostenlosen Schweizer Pendlerzeitung “20 Minuten” zum Wickeln eines Kindes in der Öffentlichkeit: “Dass sich eine Frau 2019 tatsächlich noch immer schämen muss, wenn sie ihr Kind in der Öffentlichkeit wickelt oder stillt, ist auch Artikeln wie euren zu verdanken. Dass die Frau dafür öffentlich an den Pranger gestellt wird und man in euren Kommentarspalten gar von ihr verlangt, sich öffentlich für ihr “Verhalten” zu entschuldigen, ist einer übertrieben klickgeilen Art von Journalismus geschuldet, wie ihr ihn betreibt. Es ist eine bewusste redaktionelle Entscheidung von euch, mit Frauenfeindlichkeit Geld zu machen.”

5. YouTube löscht Rekordzahl an Hassvideos
(tagesschau.de)
Youtube hat im vergangenen Quartal nach eigenen Angaben wesentlich mehr Videos wegen Hassinhalten gelöscht als bisher. Mehr als 100.000 Videos habe das Netzwerk gelöscht, das sei fünfmal so viel wie zuvor. Des Weiteren habe man 17.000 Youtube-Kanäle wegen Hassinhalten gesperrt und mehr als 500 Millionen Kommentare unter Videos entfernt. Leider fehlen Zahlen zur quantitativen Gesamtentwicklung, mit denen sich die Entwicklung besser einordnen lassen würde.

6. Ich bin ein Mann mit Bauch
(faz.net, Anna Vollmer)
Der (derzeit geschäftsführende) italienische Innenminister und Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini ist ein Meister der Selbstinszenierung. Auf seinem Twitter-Account soll er bereits über 11.000 Fotos und Videos gepostet haben. Der rassistische Politiker und volkstümliche Kumpel von nebenan sende dabei gerne doppeldeutige Signale: “Salvinis Fotos suggerieren ein Italien-Bild, bei dem es vor allem um drei Dinge geht: Essen, Fußball und Katholizismus. Themen, die auch in den klassischen italienischen Komödien immer wieder eine Rolle spielen. Wo die Filme jedoch mit Leichtigkeit und Selbstironie daherkommen, haben Salvinis Bilder einen doppelten Boden, der durchaus politisch ist. Indem Salvini vorgibt, was italienisch ist, zeigt er auch, wer nicht dazugehört.”

Wahlberichterstattung, Jatta ist Jatta, “Das sagt man nicht!”

1. Schön komfortabel für die AfD
(zeit.de, Matthias Dell)
Matthias Dell analysiert den Wahlabend im “Ersten” mit Fokus auf die AfD. Der Sender sei daran gescheitert, angemessen über die Partei zu berichten: “Die eigentlich doch bestens informierten ARD-Journalisten haben in sechs Jahren AfD-Auftritten scheinbar nicht verstanden, worum es sich bei der Partei handelt, wie verschieden sie intern und nach außen spricht und mit welchen Lügen und falschen Selbstviktimisierungen sie sich ihren Platz im öffentlichen Diskurs erbrüllt hat.”
Die “taz” sieht das ähnlich, wenn sie den Umgang des MDR mit der AfD kritisiert und fragt: “Darf das passieren?”

Weiterer Lesetipp: Netzpolitik.org hat ein paar Beispiele für guten Datenjournalismus zur Wahl zusammengesucht: Wahlen in Brandenburg und Sachsen: Diese Grafiken und Karten visualisieren den Rechtsruck
Für den “Tagesspiegel” hat Sebastian Leber das brandenburgische “AfD-Rekorddorf” Hirschfeld im Elbe-Elster-Kreis besucht und eine lesenswerte Reportage mitgebracht.

2. Absurd peinliches CSU-Video: CSYOU im Faktencheck
(vice.com)
Die CSU hat auf ihrem Youtube-Kanal ein Video veröffentlicht, das auf viele wie eine Karikatur eines jugendlich-flippigen Beitrags im Rezo-Style wirkt. Kein Wunder, dass das Video viele negative Reaktionen hervorruft (bislang 94.000 Daumen nach unten, bei 2400 Daumen nach oben). Außerdem wird vielerorts der Vorwurf geäußert, die CSU habe negative Kommentare gelöscht — was von der CSU jedoch bestritten wird. Aber es besteht auch inhaltliche Kritik an dem Werk: Journalist Sebastian Meineck hat einige der Behauptungen aus dem Video einem Faktencheck unterzogen (Twitter-Thread). Sein Fazit: “Diese Häufung irreführender Informationen ist ein sehr schlechter Stil. Hinzu kommt das Cringefest aus Schnitten, Soundeffekten und hippeligem Host. Mehr als 3 Monate nach dem Rezo-Video ist das eine Riesenblamage.”

3. 5 Learnings aus einem Jahr Paywall
(medium.com, Martin Fehrensen)
Martin Fehrensen ist der Herausgeber des “Social Media Briefings”. Dabei handelt es sich um Fachinformationen, die zwei- bis dreimal die Woche per Newsletter an die (zahlenden) Abonnenten verschickt werden. In einem Bericht hat Fehrensen seine fünf “Learnings” notiert, die er im vergangenen Jahr, seit sein Angebot hinter einer Paywall steht, gewonnen hat. Davon könnten auch andere journalistische Angebote profitieren, die auf der Suche nach tragfähigen Finanzierungsmodellen sind.

4. Rassistischer Konjunktiv
(taz.de, Johannes Kopp)
Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hat gestern mitgeteilt, dass es sich bei dem HSV-Fußballer Bakery Jatta tatsächlich um Bakery Jatta handelt. Eigentlich könnte nun endlich Schluss sein mit den vom Springer-Verlag ausgehenden Spekulationen um die Identität des gambischen Fußballprofis. Springer zündele jedoch munter weiter: “Dass der Springer-Verlag seine eigenen Mutmaßungen für beweiskräftiger hält als die Einträge im Geburtenregister von Gambia mag auch deren rassistischen Vorstellungen geschuldet sein.”

5. Das sagt man nicht!
(spiegel.de, Nils Minkmar)
In einem Essay hat sich Nils Minkmar mit der oftmals geäußerten Behauptung auseinandergesetzt, man dürfe heutzutage nicht mehr sagen, was man denke. Dies führe zu unterschiedlichen Verhaltensweisen, etwa dem Rückzug ins Schweigen oder dem lautstarken Schimpfen im Netz. Bei der Antwort auf übertriebene Ängste seien Politikerinnen und Politiker oftmals überfordert. Daher sollten sie von anderen Akteuren, Unternehmerinnen und Unternehmern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Künstlerinnen und Künstlern unterstützt werden: “Sicher ist, dass ein neuer Prozess nötig ist — man kann nicht immer nur retrospektiv den Aufstieg der Nazis von 1933 verhindern wollen. Die Dialektik von Provokation und Empörung führt zu Lagerbildung, und irgendwann sind alle nur noch beleidigt. Etwas Sportsgeist und Forscherdrang helfen in diesen bewegten Zeiten weiter. Was gesagt wird, ist mitunter nicht halb so spannend wie die Gründe, die Gedanken und Ansichten, die zu der Aussage führten.”

6. Gehet hin und bleibt zu Hause
(faz.net, Nele Antonia Höfler)
Die Kirche hat es heutzutage schwer. Jahr für Jahr gehen die Mitgliederzahlen zurück und die meisten Gotteshäuser sind nur zu den Feiertagen oder bei besonderen Anlässen voll. Da liegt der Gedanke nahe, die Leute dort abzuholen, wo sie sind: im Internet. Nele Antonia Höfler stellt Geistliche vor, die online aktiv sind und die “Frohe Botschaft” via Youtube verbreiten.

Kurz korrigiert (531)

Seit der gestrigen Landtagswahl in Brandenburg gibt sich “Bild” große Mühe, das “historisch schlechteste Ergebnis” der SPD in möglichst drastischen Worten zu umschreiben.

So schlecht war die Brandenburg-SPD noch nie!

Rekord-Klatsche für SPD und CDU bei der Landtagswahl in Brandenburg!

In Brandenburg ist von den knapp 40 Prozent der SPD der letzten Landtagswahl nur noch die Hälfte übrig.

Das letzte Zitat stammt aus einem Artikel vom Samstag, und es ist Quatsch. Denn bei der letzten Landtagswahl holte die SPD nicht “knapp 40 Prozent”, sondern 31,9 Prozent. Somit ist auch nicht “nur noch die Hälfte übrig”, sondern deutlich mehr. Das alles hätte auch die “Bild”-Autorin wissen können, wenn sie mal ihren eigenen Artikel richtig gelesen hätte:

Screenshot BILD.de: Balkendiagramm der Wahlergebnisse in Brandenburg 2019 im Vergleich mit den Wahlergebnissen von 2014. Für 2014 SPD-Wert: 31,9 Prozent

Mit Dank an Tobias W. und Faktenfreund!

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