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Journalisten müssen sich Studie von Lesern erklären lassen

Vergangene Woche ging das Ergebnis einer Studie um die Welt, das von vielen Medien so zusammengefasst wurde:

Studie: Es gibt kein "Schwulen-Gen"
Ein Gen für Homosexualität existiert nicht
Studie: Homosexualität ist nicht durch Genetik erklärbar

Tatsächlich spielen Gene beim Sexualverhalten aber sehr wohl eine Rolle. In der Studie (PDF) heißt es sinngemäß, dass sich zwar nicht ein einzelnes Gen isolieren lässt, das die sexuelle Orientierung bestimmt, dass es aber auf verschiedenen Chromosomen bestimmte genetische Marker gibt, die dafür mitverantwortlich scheinen. Einfacher gesagt:

Same-sex sexual behavior is influenced by not one or a few genes but many.

Oder wie Anna Müllner auf der Blogplattform „Scilogs“ schreibt:

Viele News-Outlets – unter anderem renommierte wie Nature.com – titelten kürzlich: „Das Schwul-Gen gibt es nicht“. Peinlich, denn die Studie, über die sie berichten, sagt etwas ganz anderes: Es gibt zwar kein einzelnes Gen, dass unsere Sexualität reguliert, dafür scheint es aber viele genetische Veränderungen zu geben, deren Zusammenspiel am Ende einen Teil unseres Sexualverhaltens beeinflusst.

Warum die „Kein Schwulen-Gen!“-Schlagzeilen so problematisch sind, erklärt ein LGBTQ+-Wissenschaftler in den „Scilogs“ so:

Die Wissenschaftler*innen selbst haben bereits erwähnt, dass dies ein Minenfeld sein könnte, und „Nature“ hat sich dennoch für die Verwendung von „no gay gene“ in ihrer Schlagzeile entschieden. Das ist problematisch, da dies keine genaue Take-Home-Message war und auch unverantwortlich. Viele der Gegner der LGBTQ+-Community glauben uns bereits nicht, wenn wir den Ausdruck „so geboren“ verwenden. Was wir jetzt befürchten, ist, dass sie sich befähigt oder (falsch) wissenschaftlich gerechtfertigt fühlen könnten, weil sie solche sensationshungrigen Schlagzeilen haben.

Und damit kommen wir zum Deutschlandfunk (DLF), der gestern bei Facebook folgenden Post veröffentlichte:

Facebook-Post des Deutschlandfunks: Auf dem Foto sieht man zwei Männer von hinten, die sich an den Händen halten. Dazu die Überschrift: "Homosexualität ist nicht genetisch bedingt - Eine Studie im Science-Magazin zeigt, dass Gene zwar Einfluss auf das sexuelle Verhalten haben, die Umgebung aber wichtiger ist"

Das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass es mehrere Stunden und hunderte Leserkommentare brauchte, bis es auch der DLF endlich verstanden hatte. Den nicht gerade schmeichelhaften Lernprozess konnte man dabei live mitverfolgen:

Nachdem einige Leserinnen und Leser den Post kritisiert und als Beleg den Artikel der „Scilogs“ verlinkt hatten, räumte der DLF ein:

Es muss heißen: „Nicht ausschließlich genetisch bedingt“. Es stimmt, das ist ein wichtiger Unterschied.

Und so antwortete er in den darauffolgenden Stunden auf kritische Einwände immer wieder:

Ja, es stimmt: Es muss heißen, dass die Studie besagt, dass die Gene nicht ausschließlich für Homosexualität ausschlaggebend sind; prägender ist das soziale Umfeld. In dem Bild kann man das leider nicht ändern, so gerne wir das tun würden. Wir bitten um Entschuldigung für diesen krassen Lapsus.

Was der DLF da noch nicht bemerkt hatte: Es war nicht sein einziger krasser Lapsus. Denn wie die Leserschaft erklärte:

Umgebung heisst NICHT soziales Umfeld und kann 100% biologische Prozesse sein.

Gene = Bauplan
Biologische Prozesses = der Bau selbst.

Aber das schien den DLF nur noch mehr zu verwirren. Er entgegnete:

Die Studie besagt doch, dass die Gene bis zu 25% ausschlaggebend für die Sexualität sind. Das würde doch im logischen Umkehrschluss bedeuten, dass die restliche Prägung über das soziale Umfeld zustande kommt, oder nicht?

Antwort:

NEIN.

Sie verstehen Genetik nicht!!

Der Körper baut das Gehirn anhand von Genen auf (also der Bauplan).

Wenn jetzt 25% Genetik ist, dann ist Homosexualität zu 25% verursacht durch die Gene (den Bauplan), und der Rest kann 75% biologische Prozesse sein. Zum Beispiel durch abnormalen Hormonspiegel (durch irgendwelche Gründe) in der Schwangerschaft kann das Embryo eine andere als normal Neurobiologie bekommen OHNE irgendwelchen Einfluss von Genen!!

Die 75% nicht-genetischen Faktoren kann ALLES sein: biologische Entwicklung, physikalische Umwelt, soziales Umfeld, usw.

Ein anderer Leser versuchte es mit einem Zitat aus dem Artikel, den der DLF selbst verlinkt hatte:

So steht es in dem Artikel: „When the researchers combined all the variants they measured across the entire genome, they estimate that genetics can explain between 8% and 25% of nonheterosexual behavior. The rest, they say, is explained by environmental influences, which could range from hormone exposure in the womb to social influences later in life.“

Worauf der DLF antwortete:

Vielen Dank. Wir sind Journalisten und Redakteure und keine Gen-Forscher, aber so haben wir das auch verstanden.

Das ist von allen Antworten des DLF wahrscheinlich die traurigste. Können wir ja nix für, dass wir da nicht durchblicken, wir sind ja nur Journalisten.

Und es ist ja schön, dass der DLF so transparent mit seinen Fehlern umgeht, aber noch schöner wäre es, wenn er seinen Lesern die Welt erklären würde, statt andersherum.

Geändert wurde an dem Post bislang übrigens — nichts. Zur Begründung schreibt der DLF in den Kommentaren:

Leider lässt sich das in dem Bild nicht ändern; und den ganzen Post wollten wir nicht löschen, weil dann auch alle Kommentare aller Beteiligten hier gelöscht werden. Und wir wollen nicht den Eindruck erwecken, als wollten wir den Fehler unter den Teppich kehren. Die Vorwürfe sind hart und tun weh, sind aber berechtigt. Danke in diesem Sinne für die sachliche kritische Rückmeldung.

Das Problem ist, dass die Kommentare vermutlich nur von einem Bruchteil der Leute gelesen werden. Die meisten dürften nur das Bild mit den Falschaussagen sehen.

Und es gäbe ja noch andere Möglichkeiten, die Leser darauf hinzuweisen, dass die Meldung falsch war. Man könnte zum Beispiel eine Korrektur posten. Oder wenigstens eine Korrektur im Begleittext des falschen Posts veröffentlichen. Aber so weit reicht die Selbstkritik des Deutschlandfunks dann wohl doch nicht.

Mit Dank an Dominik D. für den Hinweis!

Nachtrag, 5. September: Der DLF hat auf unseren Beitrag reagiert:

Tweet des Deutschlandfunks: "Wir haben die Ergebnisse einer Studie unzulässig verkürzt und dadurch das Studienergebnis falsch dargestellt. Dafür bitten wir in aller Form um Entschuldigung. Dieser Social-Media-Post genügte anders als der Radio- und Online-Beitrag nicht unseren journalistischen Standards."

Tweet des Deutschlandfunks: "Da wir grundsätzlich mit Fehlern einen transparenten Umgang pflegen, hatten wir ursprünglich entschieden, diesen Post nicht zu löschen. Um allerdings die Weiterverbreitung dieser unzulässig verkürzten Aussage zu stoppen, werden wir diesen Post in zwei Stunden löschen."

Diese Stellungnahme hat die Redaktion auch in dem von uns kritisierten Facebook-Post veröffentlicht. Diesen Post hat sie inzwischen, wie angekündigt, gelöscht.