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Wie Glenn Greenwald mal versuchte, mit Julian Reichelt zu diskutieren

Gestern haben Bild.de-Chef Julian Reichelt, der Journalist Glenn Greenwald (der in Zusammenarbeit mit Edward Snowden die NSA-Spähaffäre publik machte) und “Spiegel”-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer per Twitter so eine Art Diskussion geführt, bei der man viel lernen konnte, vor allem über Julian Reichelts Unfähigkeit zu lesen — beziehungsweise über seinen unbändigen Willen, sämtliche Fakten zugunsten der eigenen Realitätsverzerrung misszuverstehen.

Wir haben das Hin-und-Her mal (so gut es ging) nachgezeichnet und uns ein paar Aussagen etwas genauer angeschaut.

Vorab: Im Kern dreht sich die Unterhaltung um zwei Dinge. Erstens um die jüngsten Wikileaks-Enthüllungen zur Überwachung französischer Politiker und zweitens um die “Spiegel”Geschichte vom Oktober 2013, in der erstmals bekannt wurde, dass Angela Merkels Handy (offenbar) abgehört wurde.

In beiden Fällen geht es um die Frage, ob die Enthüllungen auf den Dokumenten von Whistleblower Edward Snowden beruhten. In beiden Fällen behauptet Julian Reichelt: ja, Snowden sei die Quelle. Und in beiden Fällen scheitert er immer wieder daran, seine Version zu belegen, und ist immer wieder der einzige, der das einfach nicht verstehen will. Aber der Reihe nach.

***

Zunächst zu den Wikileaks-Enthüllungen aus Frankreich. Am Mittwoch fragt Reichelt in Richtung Greenwald:

Eine Antwort bekommt er nicht. Aber es war ohnehin eher eine rhetorische Frage, denn die Antwort kennt Reichelt ja längst. Nämlich: Wikileaks hat die Dokumente von Snowden.

Daraufhin Greenwald:

Auch eher eine rhetorische Frage, denn:

Tatsächlich gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass Wikileaks die Dokumente von Snowden bekommen hat. Im Gegenteil. “Zeit Online” schreibt zum Beispiel:

Die Quelle für das WikiLeaks-Projekt “Espionnage Élysée” ist offenbar nicht Edward Snowden. Seit zwei Jahren können mehrere Reporter auf die von ihm kopierten Dokumente zugreifen. Es ist nicht anzunehmen, dass sie alle derart brisante Unterlagen übersehen haben. Zudem hat WikiLeaks, anders als der Guardian, die Washington Post oder Der Spiegel, keine NSA-Originaldokumente veröffentlicht. Lediglich im begleitenden Artikel von mediapart.fr ist ein vollständiger Screenshot zu sehen. Die Liste der abgehörten Telefonnummern hat WikiLeaks in Form eines aufbereiteten Datenbankauszugs auf seine Website gestellt.

Damit verlassen wir den Punkt Wikileaks/Frankreich zunächst (später mehr dazu) und kommen zu der anderen Geschichte.

***

Am Mittwoch wird Glenn Greenwald gefragt, ob die Merkel-Handy-Abhör-Story im “Spiegel” vom Oktober 2013 auf Snowden-Dokumenten beruhte oder nicht. Greenwald antwortet:

Diesen Tweet greift Julian Reichelt gestern plötzlich auf und behauptet:

Denn er ist der festen Überzeugung, dass der “Spiegel” sich damals auf Snowden-Dokumente berufen hat.

Was Glenn Greenwald kaum glauben kann:

Reichelts Reaktion:

Einwurf von außen:

Reaktion von Greenwald:

Und dann geht sie los, die “Beweisführung” von Julian Reichelt.

“Beweisstück” Nr. 1:

“The Intercept” wird unter anderem von Greenwald betrieben. Im Text, den Reichelt verlinkt, steht auch tatsächlich:

A series of classified files from the archive provided to reporters by NSA whistleblower Edward Snowden, also seen by The Intercept, reveal that the NSA appears to have included Merkel in a surveillance database alongside more than 100 others foreign leaders.

Allerdings ist der Text im März 2014 erschienen und — was am wichtigsten ist — die Passage hat nichts mit der “Spiegel”-Geschichte zu tun. Die war schon fünf Monate zuvor, im Oktober 2013, veröffentlicht worden, wie auch im (von Reichelt verlinkten!) Text zu lesen ist:

Der Spiegel, which has already sketched out over several stories the vast extent of American and British targeting of German people and institutions, broke the news last October that Merkel’s cellphone calls were being tapped by the NSA – sparking a diplomatic backlash that strained US-Germany relations.

Der Link steht dort im Original. Folgt man ihm, kommt man zur ursprünglichen “Spiegel”-Enthüllung (“Kanzler-Handy im US-Visier? Merkel beschwert sich bei Obama”) aus dem Oktober, in der aber keinerlei Quelle genannt wird. Auch Snowden wird mit keinem Wort erwähnt, auch nicht andeutungsweise oder indirekt oder was auch immer. Nichts.

Erst die neuen Dokumente (“from the archive provided to reporters by NSA whistleblower Edward Snowden”) im März 2014 brachten Snowden ins Spiel.

Oder zusammengefasst von Glenn Greenwald:

Einwurf Konstantin von Notz:

Antwort Reichelt:

Nochmal: Widerlegt hat er den Punkt mitnichten. Es gibt einfach keinen Beleg dafür, dass der “Spiegel” die Story aus den Snowden-Dokumenten hatte. Im Gegenteil. Auf Golem.de war schon im Dezember 2014 zu lesen:

Aus dem Buch “Der NSA-Komplex” der Spiegel-Autoren Holger Stark und Marcel Rosenbach geht hervor, dass die Hinweise zum Abhören des Merkel-Handys nicht aus den Snowden-Dokumenten stammen. Demnach erhielt die Zeitschrift schon im Sommer 2013 “eine mündliche Warnung eines Geheimdienstmannes, ohne Details, ohne Beweis” zum Abhören des Handys (S. 252). Anfang Oktober 2013 “erreichte uns der Auszug aus der NSA-Datenbank zu Merkels Handy”. In welcher Form, steht allerdings nicht in dem Buch. Eine Abschrift des Eintrags auf einem einzelnen DIN-A4-Blatt sei am 17. Oktober 2013 an Regierungssprecher Steffen Seibert übergeben worden.

Aber Reichelt will es einfach nicht wahrhaben. Es folgt “Beweisstück” Nr. 2:

Vollständig liest sich der Textabschnitt (den Reichelt hier noch einmal als vermeintlichen Beleg anführt) so:

Recherchen des SPIEGEL in Berlin und Washington, Gespräche mit Geheimdienstlern, die Auswertung interner NSA-Dokumente und weiterer Informationen, die größtenteils aus dem Fundus des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden stammen, lassen den Schluss zu: Die Vertretung im Herzen der Hauptstadt diente nicht nur der Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Im Gegenteil: Sie ist so etwas wie ein Spionagenest. Vom Dach der Botschaft aus kann eine geheime Spezialeinheit von CIA und NSA offenbar einen Gutteil der Handykommunikation im Regierungsviertel überwachen. Und es spricht einiges dafür, dass auch das Handy, das die Kanzlerin mit Abstand am meisten nutzt, zuletzt von der Vertretung am Pariser Platz aus ins Visier genommen wurde.

Die “Spiegel”-Quellen sind also Recherchen in Berlin und Washington, Geheimdienstler, NSA-Dokumente und der Snowden-Fundus. Und für den “Spiegel” “spricht einiges dafür”, dass auch Merkels Handy abgehört wurde. Aus diesen beiden Informationen (und dem unsinnigen Verweis auf “The Intercept”) strickt sich Reichelt nun seine These, die Quelle für die Merkel-Story sei auf jeden Fall Snowden.

Und das Traurigste ist: Er hält das offenbar tatsächlich für eine gelungene und “umfangreiche Beweisführung”:

… woraufhin Greenwald sich nur noch entschuldigen kann:

Dann: Reichelts “Beweisstück” Nr. 3.

Der Artikel (November 2013) ist vom heutigen “Spiegel”-Chefredakteur (damals Stellvertreter) Klaus Brinkbäumer. Die — laut Reichelt — entscheidende Stelle ist folgende:

Die Deutschen bauen gute Autos. BMW und VW sind der Konkurrenz aus Detroit technologisch enteilt und haben offenbar gute Verkaufsstrategien. Warum sollte die NSA nicht auch BMW und VW abschöpfen und die Ergebnisse dezent weiterleiten, wenn sie es doch könnte? Weil die USA versprechen, dass sie so etwas nicht tun? Haha! Wenn die Amerikaner Angela Merkels Telefon nicht respektieren, was respektieren sie dann? Falls Edward Snowdens Dokumente eines bewiesen haben, dann dies: Alles, was gedacht wird, wird auch getan, das war schon bei Dürrenmatts Physikern so, und so ist es heute in Obamas Amerika.

Das ist quasi Reichelts Kronzeugenpassage, also lesen Sie diese Sätze zur Sicherheit noch einmal ganz in Ruhe. Und dann beantworten Sie doch bitte folgende Frage: Steht da, dass Snowden die Quelle für die Merkel-Geschichte ist? Eben: Nein.

Aber Reichelt will es immer noch nicht einsehen.

Hat er dann gemacht, nur gebracht hat’s wieder nichts:

Oh Mann.

Nein, Julian Reichelt. Kann man nicht. Weil es da nicht steht. Der “Spiegel” verrät die Quelle nicht. Wie oft denn noch?

Da wundert es auch nicht, dass inzwischen kaum noch jemand versucht, Reichelt klarzumachen, wie blödsinnig seine Argumentation ist. Und wenn doch mal Kritik kommt, reagiert der Bild.de-Chef so:

Glenn Greenwald, den man schon dafür bewundern muss, dass er den Quatsch überhaupt so lange mitgemacht hat, versucht es noch einmal sachlich (diesmal auch wieder bezogen auf die Wikileaks/Frankreich-Geschichte):

Aber vergebens:

Darauf geht Greenwald aber nicht mehr ein — und ärgert sich, dass er es überhaupt versucht hat:

Besonders ärgert ihn, dass Reichelt einfach kein Einsehen haben will (zur Erklärung: die Verfasserin des oberen Tweets hatte ebenfalls angenommen, dass die “Spiegel”-Story auf Snowden-Dokumenten basierte):

Und der “sleazy tablod editor” von Bild.de? Macht unbeeindruckt weiter mit seiner “Beweisführung”. Genauer: Er zeigt auf andere, die es vermeintlich genauso falsch gemacht haben wie er:

Als ob das in irgendeiner Weise ein Beleg dafür wäre, dass die Handy-Geschichte im “Spiegel” auf den Snowden-Dokumenten beruhte.

Oder das hier:

Auch das letzte “Beweisstück” von Reichelt …

… ist wertlos. Der Artikel ist (wie man sieht) vom Juni 2014. Da war die “Spiegel”-Enthüllung schon acht Monate alt. In der Zwischenzeit sind andere Dokumente aufgetaucht (auch aus dem Fundus von Snowden, siehe “Intercept”), die die Handy-Geschichte bestätigten. Heißt also wieder, um es mit Greenwald zu sagen: different story & different docs. Und noch einmal: The original “Spiegel” story said nothing about sourcing. Keine Quellen und erst recht kein Snowden.

Aber wem erklären wir das eigentlich? Alle haben es verstanden. Nur einer nicht, und bei dem sind eh alle Mühen umsonst.

Nachtrag, 12.50 Uhr: Tja.

Julian Reichelts Russland-Reisepläne für Edward Snowden

Am vergangenen Sonntag behauptete die britische “Sunday Times”, dass sowohl der russische als auch der chinesische Geheimdienst einen Großteil der rund 1,7 Millionen Datensätze entschlüsselt hätten, die Edward Snowden bei der NSA mitgehen ließ. Als Folge habe der britische Auslandsgeheimdienst MI6 Agenten abziehen müssen, weil deren Sicherheit nicht mehr garantiert sei. Klar, dass so ein Knaller auf die Titelseite kommt:

Der Artikel der “Sunday Times” stützt sich ausschließlich auf anonyme Regierungsquellen, bietet keinerlei Belege und beinhaltet faktische Fehler. Der Snowden-Vertraute Glenn Greenwald hat schon ausführlich über das Stück “journalism at its worst” geschrieben. Sowohl beim schottischen Journalisten Ryan Gallagher als auch beim “Guardian” hinterließ der Artikel viele Fragen. Und “Spiegel Online” wunderte sich ebenfalls über den Text “voller Ungereimtheiten”. Wie dünn die Recherche bei der “Sunday Times” offenbar war, beweist Tom Harper, einer der Autoren, eindrucksvoll in einem CNN-Interview.

Für einen aber war die zweifelhafte “Sunday Times”-Geschichte ein Geschenk: Bild.de-Chef Julian Reichelt.

Reichelt hält nicht besonders viel von Edward Snowden. Er stellt den Whistleblower als Wegbereiter für die Charlie-Hebdo-Attentäter dar und bezeichnet ihn als “Helden des globalen Terrorismus”.

Nicht nur, dass Bild.de die angeblichen Enthüllungen der “Sunday Times” übernahm, ohne sie in Frage zu stellen:

Der anonyme Verfasser nutzte die Gelegenheit auch, um Snowdens Nähe zu Putin zu belegen:

Snowden war sich der Brisanz seiner Tat von Anfang an bewusst. Als er mit der Veröffentlichung der Geheim-Dokumente von Hongkong aus begann, bat er Russland um Asyl. Kreml-Chef Wladimir Putin zögerte nicht und stellte Snowden zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr aus, die dann noch einmal um 3 Jahre verlängert wurde – gültig also noch bis Sommer 2017. Die USA erklärten daraufhin Snowdens US-Pass für ungültig und stellten einen internationalen Haftbefehl aus. Seither lebt er in Russland – er flog von Hongkong über Kuba nach Moskau – weitgehend in der Isolation.

Klingt nach einer klaren Sache: Snowden wollte Asyl, Putin sagte sofort ja.

Das Problem dabei: Die Bild.de-Darstellung ist nicht nur ein- oder zweifach falsch und auch nicht drei- oder vierfach.

Der Rechercheverbund aus NDR, WDR und “Süddeutsche Zeitung” hatte bereits im Januar Edward Snowdens Fluchtroute genauer nachgezeichnet. Demnach …

… bat Snowden nicht von Hongkong aus um Asyl in Russland, sondern erst, als er im Transitbereich des Moskauer Flughafens feststeckte.

… zögerte Wladimir Putin anfangs durchaus und ließ Snowden nicht ins Land. Erst nach zwei Monaten erteilte Russland ihm Asyl. In der Zwischenzeit hatte Snowden bei 21 Staaten ein Asylgesuch eingereicht, alle lehnten ab oder antworteten nicht.

… erklärten die USA Snowdens Reisepass schon früher für ungültig als von Bild.de behauptet. Der annullierte Reisepass war der Grund, warum Snowden von Moskau aus nicht weiter nach Havanna fliegen konnte.

… wurde auch der internationale Haftbefehl schon früher ausgestellt als Bild.de angibt. Ein Versuch der US-Behörden, Snowden schon in Hongkong zu stoppen, scheiterte nur daran, dass in einem Festnahmeantrag als zweiter Vorname des Gesuchten fälschlicherweise James statt Joseph angegeben war.

… flog Snowden nicht von “Hongkong über Kuba nach Moskau”, sondern von Hongkong nach Moskau. Von dort aus wollte er weiter nach Kuba.

Auch Bild.de-Chef Julian Reichelt machte sich Gedanken zur Reiseroute des Whistleblowers:


(Zur besseren Lesbarkeit zusammenmontiert)

Bereits vor zwei Jahren hat Edward Snowden erzählt, dass er als NSA-Zulieferer nicht, wie Reichelt behauptet, “VORHER ungehindert in JEDES Land der Welt reisen” konnte: Auslandsaufenthalte habe er 30 Tage im Voraus anmelden müssen, es habe die Möglichkeit gegeben, dass ihm eine Reise verboten wird. Daher habe Snowden seinen Hongkong-Plan nicht angekündigt.

Snowden scheint auch nicht, wie Reichelt es darstellt, von Anfang an überlegt zu haben, von “Hawaii über Hongkong und Moskau nach Südamerika” zu reisen. Vielmehr wählte er nach eigener Aussage erst einmal Hongkong, weil er dort weniger Zugriffsmöglichkeiten der USA vermutete. Nach Recherchen von NDR, WDR und “SZ” ist der Plan, über Moskau nach Kuba zu fliehen, erst entstanden, als Mitarbeiter von WikiLeaks in Hongkong zu Snowden stießen.

Und “FREIWILLIG” in Moskau? Nun ja, wenn die Definition eines freiwilligen Aufenthalts so aussieht, dass man eigentlich schon ins nächste Flugzeug steigen will und nicht darf, weil der Reisepass annulliert wurde, und man dadurch nicht mehr aus Moskau wegkommt, dann hat Julian Reichelt recht. Für seine Argumentation schmiedete er sogar ganz neue Allianzen mit RT-Deutsch-Mitarbeitern.

Die einzelnen Zwischenhalte Snowdens und die Frage, wann er wen und wo um Asyl gebeten hat, sind deswegen interessant, weil seine Kritiker momentan versuchen, ihn über diese Details zum Überläufer zu degradieren. Allen voran Reichelt:

So sieht die allgemeine Definition von Überläufer sicher nicht aus. Denn die setzt voraus, dass jemand vom einen zum anderen Geheimdienst wechselt. Snowden müsste als ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes also nachweislich mit dem russischen Geheimdienst kooperieren. Das mag Julian Reichelt vermuten, Beweise dafür liefert er aber keine.

Stattdessen ließen er und Bild.de am Montag einen Gastautoren Edward Snowdens “schöne Geschichte” auseinandernehmen:

Über John Schindler verrät Bild.de am Ende des Artikels:

John R. Schindler ist ein Sicherheitsberater und ehemaliger Beamter der NSA-Spionageabwehr.

Ein ehemaliger NSA-Mann also, der über den vermutlich meist gehassten Mann innerhalb der NSA schreibt. Und so bezeichnet Schindler etwa Snowdens Flucht als einen “Umzug nach Moskau”, bringt ihn mit einer “beispiellosen Hack-Attacke auf Datenbanken der US-Regierung” in Zusammenhang und behauptet, dass “Peking” Snowden “auf seinem Weg nach Moskau Asyl gewährte”.

Das war selbst Bild.de-Lesern zu doof. Nur einer war über den Gastbeitrag richtig “happy”:

Mit Dank an Jonas N., Martin P., Frederik S. und Daniel B.!

dpa  etc.

Die antirussische Ente vom verbotenen Oktoberfest

Diese bekloppten Russen mal wieder!

Es hätte so schön sein können: Oktoberfest in Moskau. Aber nein, die Verwaltung der russischen Hauptstadt verwehrt einheimischen Bierfans die große Sause und verbietet die Gaudi einfach.

So schrieb es die “taz” vor zwei Wochen. Aber das war noch lange nicht die ganze Geschichte. Bei der dpa (die die Story in Deutschland verbreitete) war nämlich zu lesen:

Moskauer Stadtverwaltung nennt Oktoberfest “antirussisch”

Moskau (dpa) – Die Verwaltung der russischen Hauptstadt Moskau hat einer ausschweifenden Bierparty nach dem Vorbild des Oktoberfestes in München eine Absage erteilt. Eine solche Veranstaltung mit großen Zelten, Trachtenkleidung und Gerstensaft vom Fass sei «antirussisch», sagte Behördensprecher Alexej Nemerjuk der Agentur Interfax.

Was in etwa so ausgesehen haben dürfte:

Gut, ob Nemerjuk auch eine Augenklappe trägt, ist nicht überliefert, aber bei diesen Irren weiß man ja nie.

Jedenfalls schreibt die dpa weiter:

“Für die Deutschen ist das Oktoberfest eine historische Realität, aber in Russland gibt es eine solche Tradition nicht.” Nemerjuks Aussagen stehen im Widerspruch zum allgemeinen Trend in Russland. Bier wird in der Heimat des Wodkas seit Jahren immer beliebter. Der Gesundheitsbehörde zufolge stieg der jährliche Pro-Kopf-Konsum seit dem Jahr 2000 von 36 Liter auf mehr als 70 Liter.

Auch das noch. Das Volk will Bier, aber Moskau verwehrt es ihm. Russenpolitik. Typisch.

Ein klassischer Russland-Aufreger also mal wieder, und weil die Geschichte von der dpa kam, deren Meldungen von vielen Medien direkt übernommen werden, landete sie unter anderem in den Newstickern von Bild.de, “Focus Online”, FAZ.net, “Zeit Online”, Stern.de, N24, News.de, “Shortnews”, T-Online, auf den Seiten der “Siegener Zeitung”, des “Handelsblatts”, der “Schweriner Volkszeitung”, des “Kölner Stadt-Anzeigers”, der “Mittelbayerischen”, der “Kölnischen Rundschau”, der “Emder Zeitung”, des “Trierischen Volksfreunds”, der “Mitteldeutschen Zeitung”, der “Augsburger Allgemeinen”, der “Stuttgarter Nachrichten”, der “Berliner Morgenpost”, der “Welt”, der “Passauer Neuen Presse”, der “Westdeutschen Zeitung”, der “Abendzeitung”, der “Süddeutschen Zeitung”, der “Frankfurter Neuen Presse”, des “Berliner Kuriers”, der “Neuen Osnabrücker Zeitung”, der “Freien Presse”, der “Dattelner Morgenpost”, der “Frankfurter Rundschau”, der “Lübecker Nachrichten”, der “Stuttgarter Zeitung”, der “Ruhr Nachrichten”, der “Saarbrücker Zeitung”, des “Express”, der “Südwestpresse”, des “Greenpeace Magazins”, der “Münsterlandzeitung”, des “Merkur”, der “Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen”, des “Nordkuriers”, des “General Anzeigers”, des “Berchtesgadener Anzeigers”, der “Neuen Presse”, der “Schwäbischen”, der “Berliner Zeitung” und vielen mehr:




Die Geschichte wurde auch gedruckt, unter anderem in der “Süddeutschen”, der “Berliner Morgenpost” und der “Welt” (Ausriss):

Und nun der große Haken.

Schaut man sich (mit entsprechenden Russischkenntnissen) die Originalmeldung der Agentur Interfax an, wird klar: Das Wort „antirussisch“ kommt dort überhaupt nicht vor. Auch sonst liest sich die Originalmeldung viel harm- und belangloser als das, was die dpa daraus gemacht hat.

Übersetzt lautet die Interfax-Meldung:

In Moskau ist eine Veranstaltung im Sinne des Oktoberfestes nicht geplant, teilte der Leiter der Moskauer Abteilung für Handel und Dienstleistungen, Alexei Nemerjuk, am Mittwoch mit.

“Sicher ist: Es gibt keine Pläne für ein Bierfestival”, betonte Nemerjuk. Das Oktoberfest sei eine “historische Gegebenheit” für die Deutschen. In Russland gebe es solch eine Tradition nicht. “Es gab keine Anfrage von Seiten der Eventplaner Bierhersteller [korrigiert am 30.5.], und eine Tradition gibt es auch nicht”, so der Beamte.

Laut seiner Aussage startet im Sommer jedoch das Festival “Moskauer Konfitüre”, das bereits vergangenes Jahr durchgeführt wurde. Im Herbst erwarte die Bevölkerung das Festival “Goldener Herbst” und Ende des Jahres die traditionelle Veranstaltung “die Reise zum Christfest”.

Von Verboten ist da keine Rede, von “antirussisch” erst recht nicht. Der Beamte sagt bloß, dass kein Oktoberfest geplant sei und es für ein solches Fest keine Tradition in Russland gebe.

Wir haben sicherheitshalber auch noch bei Interfax nachgefragt. Hätte ja sein können, dass es eine weitere Meldung gab, in der tatsächlich das Wort „antirussisch“ auftaucht. Aber: Fehlanzeige.

Kurzum: “Antirussisch” ist an dieser Geschichte allein die Tatsache, dass deutsche Journalisten einem Moskauer Beamten Worte in den Mund legen, die die russische Politik schlecht(er) dastehen lassen, die er in Wahrheit aber nie gesagt hat.

Selbst wenn es keine böse Absicht war, sondern nur die Schludrigkeit des übersetzenden Journalisten — bei Lesern, die die Originalmeldung gelesen haben, kommt es so an, als wollten die deutschen Medien Russland bewusst schaden:

Und man kann ihnen diese Interpretation (zumindest in diesem Fall) nicht mal übelnehmen.

So untergraben die Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und stellen sich — sei es nun mit Absicht oder aus schierer Doofheit — selbst in die russlandfeindliche Ecke. Und das Traurigste ist: Sie merken es nicht mal. Oder sie wollen es nicht merken. Der Leser-Kommentar (Screenshot) ist inzwischen über zwei Wochen alt, seither haben auch einige andere Leser auf den Fehler hingewiesen. Trotzdem steht die Quatschgeschichte bei allen Medien, die wir oben aufgelistet haben, auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an Ben, Katha K. und Mascha B.!

Fünf Jahre alter Steuersünder-Pranger in der Schweiz entdeckt

Eine Nachricht aus der Schweiz versetzt die deutsche Medienlandschaft seit Sonntag in Aufruhr:

Die “Tagesschau” hat gestern über die Sache berichtet die “Tagesthemen” auch, ebenso “ZDF heute”, das “heute Journal”, “RTL aktuell”, die dpa, “Spiegel Online”, Bild.de, die “Huffington Post”, “Focus Online”, FAZ.net, Web.de, News.de, “RP Online”, die Online-Auftritte von “Stern”, “Handelsblatt”, n-tv, N24, Deutschlandfunk, “Berliner Morgenpost”, “Welt” und so ziemlich jedes andere Medium in Deutschland.

Fast alle von ihnen berufen sich auf die Schweizer “Sonntagszeitung” und behaupten, dass die Schweizer Steuerverwaltung “jetzt” damit “begonnen” habe,

die Namen möglicher deutscher und anderer ausländischer Steuerbetrüger im Internet zu veröffentlichen.

Bloß: Das stimmt gar nicht. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) veröffentlicht solche Namen nicht erst seit Neuestem und schon gar nicht “erstmals” (Bild.de), sondern bereits seit fünf Jahren — für jedermann zugänglich im Internet.

Ein Beispiel: So klingen die Mitteilungen, die vor ein paar Tagen vom ESTV veröffentlicht wurden und über die jetzt alle schreiben:

Um die Geltendmachung des rechtlichen Gehörs zu ermöglichen, fordert die ESTV [Vorname Nachname], geboren am [Geburtsdatum], spanischer Staatsangehöriger, auf, ihr innerhalb von zehn Tagen ab Publikation der vorliegenden Mitteilung eine zur Zustellung bevollmächtigte Person in der Schweiz zu bezeichnen beziehungsweise eine aktuelle Adresse in der Schweiz mitzuteilen.

Ein Blick ins Bundesblatt-Archiv zeigt jedoch, dass es ähnliche Mitteilungen schon lange gibt, zum Beispiel die folgende, fast wortgleiche Meldung vom Juni 2013 (damals sogar noch mit Adresse):

[…] hat die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) in [Vorname Nachname], geb. [Geburtsdatum], letzte bekannte Adresse: [Adresse], Spanien, am 4. Juni 2013 die folgende Mitteilung erlassen:
– [Vorname Nachname] wird hiermit durch die ESTV aufgefordert, innert 10 Tagen ab Publikation der vorliegenden Mitteilung eine zustellungsbevollmächtigte Person, einen Vertreter oder eine Vertreterin in der Schweiz zu bezeichnen.

So verfährt die ESTV schon seit mindestens 2010. In ihrem Archiv finden sich etliche solcher Mitteilungen samt Klarnamen, Geburtsdaten, Staatsangehörigkeiten und Adressen.

Was also ist jetzt das Neue an der Geschichte? Nichts.

Aus unserer Sicht ist da gar nichts neu

teilte uns auch ESTV-Sprecher Patrick Teuscher auf Nachfrage mit. Geändert habe sich an der Praxis nichts.

Der einzige Unterschied zu früher sei, dass inzwischen deutlich mehr Amtshilfegesuche gestellt werden: 2014 erreichten das ESTV insgesamt über 2700 Anfragen von ausländischen Behörden, in den Jahren davor waren es jeweils nur halb so viele. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Namen der Betroffenen auch früher schon im Internet veröffentlicht wurden. Im Übrigen sei es auch nicht korrekt, die Betroffenen gleich als “Steuersünder” zu bezeichnen. Dass ihre Namen dort auftauchen, heiße erstmal nur, dass es steuerliche Unklarheiten gibt.

Eine (oder: die einzige) mögliche Erklärung dafür, warum die deutschen Medien jetzt plötzlich über die Namensveröffentlichung berichten, ist das geschickte Händchen von Arthur Rutishauser, dem Chefredakteur der Schweizer Sonntagszeitung. Der hatte die Story (geschrieben von ihm persönlich) am Sonntag auf der Titelseite gebracht …

… und so getan, es handele sich um eine Neuigkeit:

Jetzt veröffentlicht die Behörde die Namen von Betroffenen im Bundesblatt, das im Internet für jedermann zugänglich ist.

Mit ihrem Vorgehen brechen die Behörden beim Bankgeheimnis ein weiteres Tabu, denn jetzt ist nicht nur für den ausländischen Fiskus einsehbar, wer ein Problem mit den Steuerbehörden hat, sondern für alle.

Einst wurden Bankkundennamen gehütet wie Staatsgeheimnisse, bis heute steht ihre Weitergabe unter Strafe. Doch neuerdings stellt sie die eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) zu Dutzenden ins Netz.

(Hervorhebung von uns.)

Praktischerweise lieferte Rutishauser (der ab Frühjahr übrigens auch die Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ übernehmen wird) den deutschen Medien auch gleich einen deutschen Aufhänger …

…, den die Journalisten natürlich dankbar aufgriffen. Und immer schön mit Verweis auf die vermeintlichen Enthüller der “Sonntagszeitung”.

So tingelt die Geschichte seit Tagen ungeprüft durch nahezu alle deutsche Medien. Dabei hätten die Journalisten durch einen kurzen Anruf bei der Steuerverwaltung oder einen Blick ins Bundesblatt-Archiv ganz einfach selbst herausfinden können, dass die Neuigkeit eigentlich gar keine ist.

Mit Dank an Matthias M.!

Nachtrag, 27. Mai: Ein paar Journalisten haben zwischendurch dann doch noch ihren Job gemacht: Die dpa erwähnte am Montag in einer Meldung, dass im Bundesblatt-Archiv „auch Fälle aus den vergangenen Jahren zu finden“ seien. Gestern schrieb sie dann, dass sich die Sache „bei näherem Hinsehen“ als „alter Hut“ erweise. Warum sie nicht schon vorher näher hingesehen hat, schreibt sie aber nicht.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ hat tatsächlich selbst recherchiert und schrieb in der Ausgabe von gestern:

Wie unbekannt diese [Veröffentlichungs-]Praxis ist, lässt sich gut daran ablesen, dass das Verfahren nach SZ-Recherchen tatsächlich schon mindestens seit Anfang 2012 läuft. Ohne mediale Reaktion. Und es wäre wohl auch länger unentdeckt geblieben, wäre nicht ein Redakteur der Sonntagszeitung darauf gestoßen.

Online steht es bei der “Süddeutschen” allerdings immer noch falsch.

2. Nachtrag: Claus Kleber hat im “heute journal” (ab 9:06) gestern so eine Art Korrektur Rechtfertigung versteckt. Mehr über die traurige Verschlimmbesserung bei Stefan Niggemeier.

Wikileaks, DHL, Germania

1. “Mit Vollgas in die Vertrauenskrise”
(infosperber.ch, Christof Moser)
Christof Moser befragt Mitarbeiter von Schweizer Onlineportalen zu ihren Arbeitsbedingungen: “Journalisten müssen damit beginnen, den Journalismus gegen seine Feinde zu verteidigen. Zu diesen gehören auch die Medienkonzerne, bei denen sie heute noch angestellt sind.”

2. “Wie die Presse versucht, WikiLeaks zu diskreditieren”
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal beleuchtet die Beziehung zwischen Wikileaks und den etablierten Medien: “Die pressetypische Umsetzung von Leaks gleicht heute in ihrer seriellen Herstellung in verblüffender Weise der Zurückhaltung staatlicher Behörden gegenüber parlamentarischen Untersuchungsausschüssen: Immer wenn es konkret wird, sind die Dokumente ‘geschwärzt’. So heißt es in der groß aufgemachten ‘Swiss Leaks’-Story der SZ über Steuerhinterzieher aus dem Hochadel, dem Sportbusiness und dem Rotlichtmilieu: ‘Die Süddeutsche Zeitung wird deren Namen nicht nennen’. Man möchte zwar den Pelz waschen, aber er soll nicht nass werden.”

3. “Germanwings-Foto: Presserat rügt ‘Krone’ und ‘Österreich'”
(derstandard.at)
“Kronen Zeitung” und “Österreich” erhalten eine Rüge des österreichischen Presserats, weil sie einen Unbeteiligten zum Copilot des abgestürzten Germanwings-Flugs 9525 machten: “Auf der Titelseite der ‘Kronen Zeitung’ wurde das beanstandete Foto am 28. März 2015 klein und dieses Mal verpixelt mit einem kurzen Begleittext mit der Überschrift ‘Ich wurde mit dem Copiloten verwechselt’ noch einmal gebracht und der Fehler eingestanden.”

4. “Bull-Analyse: Die neuen Diener der Datenkraken”
(blogs.taz.de/hausblog, Andreas Bull)
“Taz”-Geschäftsführer Andreas Bull kommentiert die Zusammenarbeit anderer Zeitungsverlage mit Google und Facebook: “Der Verlust der Entscheidungshoheit, was die Marke ihrem Publikum zeigen und zumuten will, wird dabei dem Altar purer pekuniärer Prosperität geopfert.”

5. “Zur Demokratie gehört eine freie Diskussionskultur”
(hpd.de, Frank Nicolai)
Hamed Abdel-Samad erzählt von seinen Erfahrungen mit der Burschenschaft “Germania” in Marburg: “Ich geh nicht zu Rassisten, zu Leuten, die zu Gewalt aufrufen, nicht zu Menschen, die sich nicht zum Grundgesetz bekennen. Aber sonst rede ich mit jedem. Denn ich finde, man sollte mit jedem reden, auch wenn mein Gegenüber ein anderes Geschichtsbild oder Gesellschaftsbild hat als ich. Es hilft überhaupt nichts, wenn man eine Gruppe in die Isolation treibt, weil das genau das ist, was zur Radikalisierung führt.”

6. “der marktführer”
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Felix Schwenzel verfolgt ein Paket: “niemand fühlt sich zuständig. der versandhändler (der nicht amazon war) will mit den versandproblemen nichts zu tun haben und nicht intervenieren. DHL schiebt die schuld auf den kunden (weil der kunde nicht anwesend war, mussten wir das paket nach speyer fahren und die rücksendung ankündigen). der kunde (wir) fühlt sich von DHL verarscht. die auslieferungsfahrer sind überfordert und unglücklich.”

Heißen alle gleich (3)

Heute sind die ersten Ergebnisse der britischen Unterhauswahlen veröffentlicht worden. Gewonnen hat demnach wieder dieser … wie heißt er nochmal?

Dort hat James Cameron die Wahlen zum Unterhaus gewonnen.

(“Spiegel Online”)

Ach ja.

Da sind sich die Medien schon seit Jahren einig:

Den britischen Premierminister James Cameron

(süddeutsche.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(abendblatt.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(merkur.de)

Premierminister James Cameron

(wiwo.de)

Premierminister James Cameron

(n-tv.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(op-online.de)

Der britische Premierminister James Cameron

(manager-magazin.de)

Der britische Premier James Cameron

(handelsblatt.com)

mit dem britischen Premier James Cameron

(abendzeitung-muenchen.de)

mit dem britischen Premierminister James Cameron

(vip.de)

der britische Noch-Premierminister James Cameron

(dradiowissen.de)

Großbritanniens Premierminister James Cameron

(gala.de)


(hr-online.de)

Hat ja ein ganz schönes Pensum, dieser James Cameron. Großbritannien regieren und nebenbei „Avatar“ 2 bis 5 drehen — Hut ab!

Scheine nach Athen fahren

Journalisten rechnen gerne um. Zum Beispiel die Fläche von Absturzgebieten in Fußballfelder oder die Dicke von Prozessor-Leiterbahnen in menschliche Haare. Bild.de hat jetzt sogar eine Möglichkeit gefunden, den Umrechnungswahnsinn mit der Stimmungsmache gegen Griechenland zu verbinden: Hilfsgelder in LKW umrechnen, die mit 100-Euro-Scheinen beladen imaginär von Brüssel nach Athen fahren.

Die Rechnung dahinter geht so:

Bis zum heutigen Tag gewährten die Geldgeber […] 215,7 Milliarden Euro an Hilfskrediten

215,7 Milliarden Euro entsprechen 2,157 Milliarden 100-Euro-Scheinen. Ein 100-Euro-Schein wiegt 1,02 Gramm. Alle 100-Euro-Scheine zusammen wiegen demnach 2.200,14 Tonnen.

Ein LKW der Gewichtsklasse 40 Tonnen hat in der Regel eine Nutzlast von 25 Tonnen. Also:

Um 215,7 Milliarden Euro in 100-Euro Scheinen [sic] auf Lastwagen nach Athen zu transportieren, müssten 88 LKW der Gewichtsklasse 40-Tonner in Marsch gesetzt werden.

Stimmt mathematisch, verzerrt die Sache aber total. Denn dann würden 88 LKW nach Athen fahren, die jeweils nur zu 33 Prozent gefüllt sind: Wegen der erreichten maximalen Nutzlast befänden sich gerade mal 24,5 Millionen 100-Euro-Noten in jedem LKW, das Ladevolumen von 90 Kubikmetern böte theoretisch aber Platz für 74,7 Millionen Scheine. Würde man also auf die Nutzlast pfeifen, stattdessen das Ladevolumen ausnutzen und die 40-Tonner bis unters Dach mit 100-Euro-Scheinen vollpacken, bräuchte man gerade mal 29 LKW.

Und sowieso: Wenn man die 215,7 Milliarden Euro schon unbedingt per Lastwagen nach Griechenland schicken will, statt sie zu überweisen — wäre es da nicht schlauer, die größtmögliche Euronote zu wählen? Dann bräuchte man 431,4 Millionen 500-Euro-Scheine (à 1,12 Gramm). Und die würden schon in etwa 19 (nach Nutzlast) beziehungsweise sechs LKW (nach Ladevolumen) passen.

Aber das klingt erstens nicht nach irrer 88-LKW-voll-mit-Geld-für-Griechenland-Verschwendung. Und zweitens haben die bei Bild.de sich schon längst in einen Rausch gerechnet:

Aneinandergereiht ließen sich die 100-Euro-Scheine auf einer Strecke von 317 079 Kilometern am Äquator fast acht Mal rund um den Globus wickeln. Aufeinander gestapelt ergäbe sich ein Turm von 215,7 Kilometern Höhe. Nähme man für den Bau 50-Euro-Scheine, würde der Turm doppelt so hoch. Er würde mühelos die Flughöhe der internationalen Raumstation ISS übertreffen, die aktuell in etwa 400 Kilometern Höhe im Weltall die Erde umkreist.

Die wichtigste aller Rechnungen hat die Redaktion dabei aber völlig vergessen: Nebeneinandergelegt ergäben die 100-Euro-Scheine eine Fläche von 26 Millionen Quadratmetern. Und das wäre — genau: 3.642 mal das Fußballfeld im Athener Olympiastadion.

Mit Dank an Lothar Z.

Quelle: Pizzabäcker

Die „Spurensuche“ läuft auf Hochtouren: Dutzende, vielleicht Hunderte Journalisten durchforsten gerade das private Umfeld von Andreas L., dem Co-Piloten, der unter Verdacht steht, die Germanwings-Maschine 4U9525 absichtlich zum Absturz gebracht zu haben, und versuchen vor allem, mit Menschen zu sprechen, die (fast) mal was ihm zu tun hatten.

Als erfahrene Katastrophenjournalisten sind die Leute von „Bild“ im Auftreiben solcher Zitategeber natürlich besonders talentiert, darum konnte die „Bild“-Zeitung zum Beispiel schon diesen Mann hier präsentieren:

Und diesen:

Und sie veröffentlichte ein Interview mit Frank Woiton, einem weiteren Piloten, der in den sozialen Netzwerken von einigen als Held gefeiert wird, weil er, als er zwei Tage nach dem Unglück freiwillig als Pilot einsprang, alle Passagiere vor dem Flug persönlich begrüßte und in einer Ansage versprach, dass er alles dafür tun werde, sie sicher ans Ziel zu bringen, und dass auch er eine Familie habe, die er abends wieder in die Arme schließen wolle. Ein Fluggast hatte sich via Facebook bei dem Piloten bedankt, darum wurde er ein bisschen berühmt und von “Bild” interviewt. Das Interview trägt die Überschrift:

Hö?

Dachte sich vermutlich auch Frank Woiton, der noch in der Nacht bei Facebook schrieb:

Derweil versuchen viele Journalisten fiebrig, auch mit Verwandten, Freunden und Kollegen des Co-Piloten Andreas L. zu sprechen, aber weil zurzeit offenbar die meisten von denen mit so albernen Dingen wie Trauern beschäftigt sind, ziehen viele Reporter durch den Heimatort des Co-Piloten und befragen halt den Pizzabäcker um die Ecke.

Im Ernst:

Dass sich [Andreas L. und seine Freundin] getrennt haben könnten, schließt auch Pizzabäcker Habib Hassani (53) nicht aus. Zu ihm kamen die beiden immer ein- bis zweimal die Woche. “Sie waren immer freundlich und nett und bestellten meistens das gleiche: Pizza mit Schinken, Brokkoli und Zwiebeln.” Doch in den Wochen vor dem Absturz sei fast nur noch Andreas L. zu ihm gekommen – aber auch das nur noch sehr selten.

Erschienen ist dieser Absatz in der „Rheinischen Post“ und auf dem dazugehörigen Internetportal „RP Online“.

Die RP-Leute waren aber nicht die einzigen, die es für eine gute Idee hielten, den Pizzabäcker als Informanten heranzuziehen: Inzwischen ist er sogar eine der am häufigsten zitierten Quellen, wenn es um den Beziehungsstatus und den psychischen Zustand des Co-Piloten Andreas L. geht.

Er wurde bereits von „Bild“ zitiert …

Habibalah Hassani (53), der die Pizzeria in Düsseldorf betreibt, die ganz in der Nähe [von Andreas L.s] Zweitwohnung liegt, sagt, er habe ihn öfter mit einer Freundin gesehen.

… vom „Berliner Kurier“ …

Pizzabäcker Habib Hassani (53) erinnert sich an L. als einen gut gelaunten, freundlichen Kunden. „Ich habe ihn manchmal zweimal die Woche gesehen, er kaufte Pizza und Tiramisu.“

… vom „Stern“ …

Es ist eine ruhige Gegend mit Apotheke und Bäcker und der Pizzabude Da Paolo, 210 Meter entfernt von seiner Wohnung. Der Besitzer Habib Hassani hat [L.] oft bedient, machte ihm Pizza, immer mit Brokkoli, Schinken, Paprika, Zwiebeln, zum Mitnehmen. Zwei Stück. Eine für [L.] und eine für seine Freundin. Manchmal begleitete ihn die Freundin auch. Dunkelhaarig sei sie gewesen, kräftig und nett. Herr Hassani sagt: „Das war ein guter Junge. Manchmal hat er vom Fliegen erzählt. Hat gesagt: ‘Für mich scheint immer die Sonne – über den Wolken.’ Und dass er es liebt.“

… von der „Westdeutschen Zeitung“ …

Pizzabäcker Habib Hassani (53): “Ich habe ihn manchmal zweimal die Woche gesehen, er kaufte Pizza und Tiramisu. Er war immer freundlich, gut gelaunt.” Die letzten zwei Monate sei er aber nicht mehr gekommen.

… von der „Hamburger Morgenpost“ und dem „Express“ …

Pizzabäcker Habib Hassani (53) erinnert sich an [L.] als einen freundlichen Kunden, der einen älteren Fiat fuhr. “Ich habe ihn manchmal zwei Mal die Woche gesehen, er kaufte Pizza und Tiramisu.”

… von „Mail Online“ …

Habibalah Hassani, 53, who runs a pizza restaurant close to their flat said he had often seen them together. 
‘They were a very nice, friendly young couple. She was a polite and attractive woman. They would come in once maybe twice a week. ‘He used to tip well, he was very generous. He had told me about his trip to San Francisco. I hadn’t seen them for a couple of months before this happened.’ 

… von der „Mail on Sunday“, die es sogar schafft, die Wahl des Pizzabelags als Symptom einer angeblichen Kontrollsucht zu deuten …

His obsessive need to be in charge extended even to fast food. Habib Hassani, who runs a pizza restaurant near [L.]’s Dusseldorf home, said: ‘He was extremely particular about pizza toppings. He wasn’t interested in what was on the menu. It was often paprika, ham, onion and broccoli. He had to have it his way. He was compulsive about it.’

… von Telegraph.co.uk …

Local pizza shop owner Habibalah Hassani who knew [L.] refused to accept that he could have had a serious psychological condition […].

… von der „Financial Times“ …

Habib Hassani, owner of a pizza parlour close to [L.]’s home, was baffled as to why his regular customer might have taken such a step. “He was completely normal, always laughing, always nice,” he said.

… sowie von amerikanischen, kenianischen, ecuadorianischen, malaysischen, spanischen, neuseeländischen, indonesischen, französischen, honduranischen, estnischen, vietnamesischen, polnischen und unzähligen weiteren Medien.

Der „Financial Times“ sagte er übrigens noch:

“It’s impossible to believe he did this. But you can never know what’s happening inside someone’s head.”

Tja. Noch nicht mal als Pizzabäcker.

PS: Ziemlich genau eine Stunde bevor bei „RP Online“ die Aussagen des Pizzamanns erschienen waren, hatte RP-Chefredakteur Michael Bröcker „In eigener Sache“ geschrieben:

Glaubwürdigkeit bleibt gerade im Dauerfeuer der elektronischen Eilmeldungen das höchste Gut des Journalismus. Deshalb diskutieren wir bei jedem Foto, bei jeder Nachricht, bei jeder noch so kleinen Information: Kann das stimmen? Können wir das schon veröffentlichen? Trägt das Bild zum Verständnis des Unfassbaren bei oder ist es bloß voyeuristisch? Wir wägen ab, wir ringen mit uns. Eine tägliche Herkulesaufgabe. Sie gelingt sicher nicht immer.

In der Tat.

Mit Dank auch an Martin F., Christoph W., und S.!

Bild  

Einzelhändler sagen Nein zu “Bild”

Vor drei Wochen haben wir hier ein Interview mit Winfried Buck veröffentlicht, der in seinem Hamburger Kiosk seit fünf Jahren keine “Bild”-Zeitung mehr verkauft.

Inzwischen gibt es noch mehr Verkaufsstellen, die sich dazu entschlossen haben, “Bild” aus dem Sortiment zu nehmen:

Eine Tankstelle in Bendorf (Rheinland-Pfalz):

Ein Zeitschriftenladen in Rutesheim (Baden-Württemberg):

Eine Tankstelle in Papenburg (Niedersachsen):

Und ein Supermarkt in Chemnitz:

Nachtrag, 31. März: Dieser Späti in Marburg ist fortan ebenfalls “Bild”-frei:

In diesem Laden in Stuttgart wird schon länger keine “Bild”-Zeitung verkauft:

Und dieser Kiosk in Hannover boykottiert “Bild” seit 2010:

Nachtrag, 1. April (keine Sorge, ist ernst gemeint): Auch dieser Supermarkt in Bremen ist nun “Bild”-frei (und hier hat der Besitzer ein paar Gedanken zum Boykott aufgeschrieben). Nachtrag, 13. April: Inzwischen hat er “Bild” wieder ins Sortiment genommen.

Nachtrag, 2. April: Im Wittener Stadtteil Bommern haben sich gleich vier Einzelhändler dazu entschlossen, “Bild” bis auf Weiteres zu verbannen: ein Supermarkt (Edeka Schwalemeyer), zwei Kioske (Trinkhalle Bonema & Kiosk Auf dem Brenschen) und eine Bäckerei (Elberfelder Straße).

Ein Supermarkt in Lübz (Mecklenburg-Vorpommern) tut sich derweil etwas schwer mit dem Boykott-Gedanken, hat sich aber einen anderen Weg überlegt, gegen die Berichterstattung zu protestieren:

Mit Dank an Chris W., Thomas, Henning M., Michael, Michael B., Michael S., Sandra H., Björn H., Klaus W., Jascha G., Raphael F. und Daniel D.!

Sollten Sie noch mehr Geschäfte kennen, die keine “Bild”-Zeitung mehr anbieten, freuen wir uns über einen Hinweis.

Süddeutsche Zeitung, Recht auf Vergessenwerden, Til Schweiger

1. “‘Süddeutsche Zeitung’ wehrt sich gegen ‘SZ-Leaks’: Berichterstattung keine ‘Schleichwerbung für Steuerhinterziehung'”
(newsroom.de, Bülend Ürük)
Wolfgang Krach, stv. Chefredakteur der “Süddeutschen Zeitung”, nimmt Stellung zur Arbeitsweise der Sonderthemen-Redaktion, wie sie Sebastian Heiser aufgedeckt hat: “Warum entstehen Beilagen, warum veröffentlichen wir Sonderseiten? Es ist wie bei jeder anderen Zeitung in Deutschland, die Anzeigenabteilung kommt auf die Redaktion zu und schlägt ein Thema vor. Was wir dann journalistisch daraus machen, welche Themen in diesen Beilagen gesetzt werden, das entscheidet die Redaktion.” Siehe dazu auch “Gute Frage” (heisersstimme.wordpress.com).

2. “Habe ich ‘über angebliche Verstöße nicht informiert’?”
(heisersstimme.wordpress.com)
Weiter sagt Wolfgang Krach, Sebastian Heiser habe die Ressortleitung nicht informiert “über angebliche Verstöße gegen journalistische Grundsätze”. Heiser belegt mit Tondokumenten das Gegenteil.

3. “Diekmann twittert Adresse von Herbert Grönemeyer”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann twittert ein Foto eines Schreibens des Landgerichts Köln, auf dem die Privatadresse von Herbert Grönemeyer zu lesen ist. Thomas Lückerath schreibt: “Seine Behauptung, wonach der Beschluss des Landgerichts ja öffentlich sei und sein Tweet demnach also nur schlechter Stil, nicht aber unlauter gewesen sei, ist irreführend: Die Adressen der beteiligten Parteien werden vor Herausgabe von Beschlüssen von den Gerichten geschwärzt. Nach der eigenwilligen Logik des Kai Diekmann wären bei einer juristischen Auseinandersetzung Prominente sonst zwangsläufig zum Umzug gezwungen.”

4. “Vergessene Debatte ums Recht auf Vergessen”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler bemerkt, dass die Debatte um das Recht auf Vergessenwerden von den Medien kaum noch geführt wird: “Das Bedürfnis, die Privatsphäre zu schützen und sich den Augen des interessierten Publikums zu entziehen, ist jedenfalls riesig. Seit dem genannten Gerichtsurteil hat Google fast 218 000 Gesuche um die Löschung von Links zu 786 000 Webseiten erhalten.”

5. “‘Freiheit birgt auch Verantwortung'”
(taz.de, Cigdem Akyol)
Ein Interview mit Jana Sinram, der Autorin der Dissertation “Pressefreiheit oder Fremdenfeindlichkeit? Der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die dänische Einwanderungspolitik”, die ohne den Abdruck der Mohammed-Karikaturen auskommt: “Ich habe lange darüber nachgedacht und mich letztlich dagegen entschieden. Jeder, der diese sehen will, kann sie problemlos im Netz finden. Die Karikaturen haben für so viel Hass auf beiden Seiten gesorgt, dass es schwierig ist, sie in einem wissenschaftlichen Buch neutral abzubilden.”

6. “Til Schweiger versus SPIEGEL ONLINE: ‘Irgendwelche Spackos'”
(spiegel.de, Christian Buß)
Christian Buß antwortet Til Schweiger, der auf Facebook fragt, wo die Qualität bleibe, wenn man versuche, “klicks dadurch zu generieren, indem man die gehässigsten twitter-kommentare von irgendwelchen internetnerds, die nix anderes zu tun haben, als zu lästern und zu haten”, publiziere.

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