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Was von „Wetten dass … ?“ übrig blieb

Nur für den Fall, dass Sie die letzten 43 Stunden abgeschnitten von der Außenwelt oder in der Redaktion einer österreichischen Boulevardzeitung zugebracht haben: Am Samstag wurde die ZDF-Sendung „Wetten dass … ?“ erst unter- und dann abgebrochen, nachdem sich ein Wettkandidat beim Sprung über ein fahrendes Auto schwer verletzt hatte. So etwas hat es in der 29-jährigen Geschichte der Show noch nie gegeben, wie ebenfalls überall nachzulesen ist.

Während die Bildregie des ZDF geistesgegenwärtig reagierte und der am Boden liegende Kandidat nur für Sekundenbruchteile im Bild zu sehen war, sahen die zahlreichen in der Düsseldorfer Messehalle anwesenden Pressefotografen ihre große Stunde gekommen. So war es etwa „Spiegel Online“ möglich, einen Artikel über den Quotendruck im Fernsehen mit einer 18-teiligen Bildergalerie zu versehen. Bilder von der Unfallstelle und von Sanitätern im Einsatz wurden völlig ironiefrei mit den Worten untertitelt: „Für den Bruchteil einer Sekunde sah man K. regungslos am Boden liegen, dann zeigte die Kamera nur noch das geschockte Publikum.“

Schon wenige Minuten nach dem Unfall war ein Video des Hergangs auf YouTube zu sehen, bis 21 Uhr war es mehrere Hundert Male angeklickt, was vielleicht mit Sensationslust zu tun hatte, vielleicht auch mit dem Interesse derer, die über Facebook und Videotext nachträglich mitbekommen hatten, dass etwas passiert war.

schreibt das „Hamburger Abendblatt“ neben einer Fotoserie, die fast ein Drittel der Seite einnimmt und den Unfall in fünf Schritten zeigt — und auf der sehr viel mehr zu sehen ist, als in dem Videoausschnitt der Livesendung.

Verschiedene Medien, darunter „Spiegel Online“ und taz.de hatten sich nach dem Unfall entschieden, den Nachnamen des jungen Mannes, den Thomas Gottschalk zunächst genannt hatte, zu anonymisieren, und haben ihn dann bei der Übernahme von Agenturmaterial doch wieder genannt.

Aber das sind alles sicher nur die üblichen Begleiterscheinungen jenes „Höher, Schneller, Weiter“, das nun in vielen Presseartikeln gegeißelt wird — und das sich interessanterweise fast immer nur auf Fernsehsendungen bezieht.

In einer eigenen Liga spielt – wie so oft – „Bild“:

Gottschalks Kandidat: Not-OP! Koma! Lähmungen!

Die Titelseite, die den verletzten Kandidaten mit einer Halsmanschette auf der Trage zeigt (und damit an einen berüchtigten Michael-Jackson-Titel erinnert) ist nur der Anfang: Auf einer Doppelseite schreibt „Bild“ das „Protokoll von Gottschalks Horror-Sendung“, zeigt den Unfall in gleich acht Bildern und druckt Statements von Prominenten, Stuntleuten und Gottschalk selbst. In einem Kurzporträt wird der verunglückte Kandidat vorgestellt (irritierenderweise vollständig im Präteritum, als sei er nicht mehr unter den Lebenden), in einem weiteren Text minutiös dokumentiert, was auf den Gängen des Düsseldorfer Uniklinikums vor sich ging.

„Bild“ schreibt, dass Mutter und Schwester barfuß durch die Klinik gelaufen seien, dass die Mutter vor der Notaufnahme gebetet und „Oh Gott, lass ihn nicht sterben!“ gerufen habe. Dazu Fotos, auf denen zu sehen ist, wie der Verletzte im Krankenhaus eingeliefert wird und wie seine Eltern die Uniklinik verlassen.

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Kein Knast für alle Fälle

In den USA warten derzeit mehr als 3.000 Gefangene auf ihre Hinrichtung, einer von ihnen ist John David Duty. Weil dem Staat Oklahoma das Medikament Thiopental ausgegangen ist, soll bei Dutys geplanter Exekution im Dezember Pentobarbital zum Einsatz kommen, das sonst zur Betäubung von Tieren eingesetzt werden. So berichteten es ausländische Medien seit dem 9. November.

Mit etwas Verspätung kam die Geschichte vergangenen Freitag auch bei Bild.de an. Aber warum sitzt Duty überhaupt im Knast?

Duty war im Jahr 2001 wegen Mordes an seiner 22-jährigen Zellengenossin zum Tode verurteilt worden.

Er hatte die junge Frau mit Schnürsenkeln erdrosselt. Zu diesem Zeitpunkt saß Duty gerade drei lebenslange Haftstrafen ab – wegen Vergewaltigung, Raub und versuchten Mordes.

Nun ist es selbst in einem Land wie den USA, wo die Uhren manchmal etwas anders ticken, unüblich, verurteilte Straftäter mit jungen Frauen in eine Gefängniszelle zu sperren — noch dazu, wenn es sich dabei um Vergewaltiger handelt.

Auch wenn „cellmate“ im Englischen sowohl männlich als auch weiblich sein kann: Der Vorname hätte – neben der offensichtlichen Tatsache, dass es keine Unisex-Gefängniszellen gibt – ein Indiz für das Geschlecht des Opfers sein können, denn amerikanische Medien schreiben:

The 58-year-old Duty was convicted of the Dec. 19, 2001, killing of 22-year-old Curtis Wise, who was Duty’s cellmate at the Oklahoma State Penitentiary in McAlester. Wise was strangled with shoelaces.

Der 58-jährige Duty wurde wegen Tötung des 22-jährigen Curtis Wise am 19. Dezember 2001 verurteilt, der Dutys Zellengenosse im Staatsgefängnis von Oklahoma in McAlester war. Wise wurde mit Schnürsenkeln erdrosselt.

Heute nun berichtet auch „Spiegel Online“ über den Fall und schreibt:

Duty war 2001 wegen Mordes an seiner 22-jährigen Zellengenossin zum Tode verurteilt worden.

Weite Teile des Artikels wurden aus einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP übernommen, doch genau dieser Satz stellt die einzig nennenswerte Einzelleistung der Autorin dar. Oder die von Bild.de.

Mit Dank an Benjamin.

Nachtrag, 12.09 Uhr: „Spiegel Online“ hat den Satz unauffällig zusammengekürzt:

Duty war 2001 wegen Mordes zum Tode verurteilt worden.

2. Nachtrag, 15.20 Uhr: Jetzt steht auch ein Hinweis bei „Spiegel Online“:

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, Duty sei 2001 wegen Mordes „an seiner 22-jährigen Zellengenossin“ zum Tode verurteilt worden. In Wahrheit handelte es sich um einen männlichen Mitgefangenen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Sunglasses At Night

Die spektakuläre Rettungsaktion für die chilenischen Bergleute, die 69 Tage in mehr als 600 Metern Tiefe eingeschlossen waren, war auch ein Medienereignis: Seit Monaten wurde das Schicksal der Männer medial begleitet, ihre Rückkehr an die Erdoberfläche wurde weltweit live übertragen, teils rund um die Uhr.

Dennoch sind laut „Spiegel Online“ die wichtigsten Fragen immer noch unbeantwortet:

Wann zerbricht die Gemeinschaft der Mineros? Wann kommt der Rückschlag nach der Euphorie? Warum sprachen die Arbeiter so druckreif? Warum trugen die Männer bei ihrer Rettung keine Bärte? Warum wurde der schönste Kumpel als Erster nach oben gebracht? Warum warteten auf einen Arbeiter zwei Frauen? Wie hätten sich 33 Frauen unter Tage verhalten? Wie viel Licht braucht der Mensch? Warum küssten so wenige Mineros ihre Frauen?

(Wenn Sie auch ernst zu nehmende Antworten auf diese Fragen erwarten, ist „Spiegel Online“ allerdings der falsche Ort, danach zu suchen.)

Einer weiteren brennenden Frage hat sich „Welt Kompakt“ angenommen: Was waren das eigentlich für geile Sonnenbrillen, die die Kumpels trugen?

Coolness für die Augen der Kumpels. Das die geretteten Bergleute aussahen wie Stars, lag an den Sonnenbrillen, mit denen sie aus der Tiefe auftauchten, gestiftet von der kalifornischen Firma Oakley (Modell Radar, Preis: ab 209 Euro). Die Brille filtert laut der Firma sämtliche UVA-, UVB- und UVC-Strahlen und wird für besonders helle Lichtverhältnisse empfohlen. Genau das Richtige für die licht-entwöhnten Augen der Bergarbeiter. Oakley-Sprecher Christian Schramm betont, dass man sich den Bergarbeitern nicht aufgedrängt habe: "Uns hat ein chilenischer Journalist um die Brillen gebeten."

Immer diese Journalisten …

Mit Dank an Thomas N. und Axel F.

Agenturmeldung vergurkt

Bei „Spiegel Online“ werden Meldungen von Nachrichtenagenturen in aller Regel nicht veröffentlicht, ohne von einem Redakteur noch einmal bearbeitet worden zu sein. Das ist nicht immer eine gute Idee.

Am Wochenende berichtete „Spiegel Online“:

Mit eintägiger Verzögerung ist eine Sojus-Kapsel mit drei Astronauten der Internationalen Raumstation ISS sicher in der kasachischen Steppe gelandet. (…) Die drei Astronauten sind wohlauf. Zur Begrüßung gab es eine Gurke.

Das mit der Gurke fand der Redakteur so interessant, dass er auch die Überschrift daraus machte:

Sojus-Kapsel von der ISS: Verspätet gelandet, mit Gurke begrüßt

Verwirrenderweise heißt es aber am Ende seines Artikels dann:

„Wir sind sanft und zart auf der Erde aufgekommen“, sagte Kosmonaut Alexander Skworzow, der am Samstag als erstes aus der Kapsel stieg. Wie in Russland traditionell üblich, reichten ihm Helfer als erstes Nahrungsmittel einen Apfel. Skworzow biss breit grinsend hinein, merkte dann aber an, dass er nächstes Mal lieber eine Gurke hätte. „Wir müssen die Tradition ändern“, sagte er. „Ich hatte seit einem halben Jahr keine Gurke mehr!“

Hm. Hätte es dann nicht in der Überschrift heißen müssen: „Verspätet gelandet, ohne Gurke begrüßt“? Welche von den beiden Versionen stimmt denn nun?

Die überraschende Antwort lautet: keine. Jedenfalls heißt es in der AFP-Meldung, auf der der „Spiegel Online“-Bericht beruht, dass die Kosmonauten zwar mit dem klassischen Apfel begrüßt worden seien. Nicht Skworzow, sondern sein Kollege Kornjenko habe dann aber gesagt: „Wir müssen die Tradition ändern. Ich hatte seit einem halben Jahr keine Gurke mehr!“

Ein Tag später veröffentlichte AFP dann noch eine aktualisierte und um ein Happy-End ergänzte Fassung:

Prompt wurde ihm sein Wunsch erfüllt: Der Weltraumfahrer bekam seine Gurke.

So gesehen stimmt natürlich jetzt die „Spiegel Online“-Überschrift wieder. Auf eine Art.

Mit Dank an Andreas M.!

Absturz mit Ansage

Die Sonne ist heute in Berlin um zwei Minuten später aufgegangen als gestern. Erstaunlicherweise war das aber nicht einmal „Spiegel Online“ einen unheilschwangeren Artikel wert. Das könnte daran liegen, dass die Entwicklung abzusehen war. Das allein erklärt die fehlenden Schlagzeilen aber nicht.

Heute morgen ist der Aktienkurs der Deutschen Bank eingebrochen, und das Bemerkenswerte daran ist, dass man das gestern schon wissen konnte. Die Aktie wird nämlich seit heute ohne das Bezugsrecht auf die neuen Aktien gehandelt, die das Unternehmen ausgeben wird, und der Kurs liegt um den Wert dieses Bezugsrechtes niedriger. Deshalb war klar, dass unabhängig von irgendwelchen anderen Einflüssen allein aus technischen Gründen die Aktie um diesen Betrag niedriger in den Handel gehen würde, das macht über acht Prozent aus.

Aktien-Experten wussten das. Und zum Beispiel die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat es ihren Lesern freundlicherweise vorab schon erklärt; „Der Aktionär“ riet online vor der Börsenöffnung: „Aktionäre der Deutschen Bank sollten beim Anblick des heutigen Kurses nicht in Panik verfallen.“

Nun sind aber, anders als man vielleicht glauben könnte, Journalisten, die über Aktien berichten, nicht unbedingt Aktien-Experten. Und wer ahnungslos auf die reinen Zahlen schaut, gerät schnell und ganz unnötig ins Hyperventilieren.

Wie die Nachrichtenagentur AFP. Die meldete heute morgen um 9.22 Uhr:

Deutsche-Bank-Aktien stürzen nach Gewinnwarnung acht Prozent ab

Frankfurt/Main, 22. September (AFP) – Die Aktien der Deutschen Bank sind am Mittwoch nach einer Verlustwarnung des Konzerns vom Vortag massiv abgestürzt. Die Papiere des Konzerns verloren an der Deutschen Börse in Frankfurt am Main kurz nach Handelsstart über acht Prozent. Deutschlands größte private Bank hatte am Dienstag mitgeteilt, dass sie für das dritte Quartal von Juli bis September mit einem Verlust rechnet. (…)

Noch einmal: Der „Absturz“ war schon am Tag vorauszusehen und er hatte nichts mit der Gewinnwarnung zu tun.

Doch obwohl Reuters bereits eine halbe Stunde zuvor den Abschlag von 8,8 Prozent berichtet und richtig eingeordnet hatte, wurde die sensationsheischende Falschmeldung von AFP mit der branchenüblichen Besinnungslosigkeit von den Online-Medien übernommen. „Spiegel Online“ meldete aufgeregt:

Aktie tief im Minus: Anleger strafen Deutsche Bank ab

An der Frankfurter Börse spekulieren die Investoren massiv gegen die Deutsche Bank: Nachdem das Institut vor einem Verlust warnen musste, fiel die Aktie am Mittwochmorgen um bis zu acht Prozent in die Tiefe. Bereits am Vortag war der Kurs abgestürzt.

Frankfurt am Main – Aktien der Deutschen Bank sind am Mittwoch nach einer Verlustwarnung vom Vortag massiv abgestürzt. Der Konzern rechnet für das dritte Quartal mit einem negativen Ergebnis. Diese Nachricht gab das größte deutsche Geldhaus bereits am Dienstag bekannt – woraufhin der Aktienkurs um rund fünf Prozent fiel. Doch auch am Mittwochmorgen ist noch keine Erholung in Sicht. Im Gegenteil: Die Papiere notierten am Vormittag zeitweise mit rund acht Prozent noch kräftiger im Minus.

„Welt Online“ titelte: „Nach Verlustwarnung: Deutsche-Bank-Aktien stürzen in den Keller“, die Internetableger von „Stern“ und „Rheinischer Post“ schrieben: „Nach Gewinnwarnung: Deutsche-Bank-Aktien stürzen acht Prozent ab“.

Es dauerte bis 15:51, bis AFP in einer Meldung den Sachverhalt richtig darstellte, allerdings ohne die Falschmeldung vom Morgen explizit zu korrigieren. Aber auch „Welt Online“ und „RP-Online“ verzichteten darauf, den Fehler ihren Lesern zu erklären, und verbesserten nur klammheimlich ihre Artikel. „Spiegel Online“ hat seiner neuen Fassung, die plötzlich harmlos „Bezugsrechtehandel drückt Aktienkurs“ heißt, immerhin einen Hinweis auf den früheren Fehler hinzugefügt.

Beim Rumpfonlineangebot des „Stern“ steht natürlich weiterhin die alte Falschmeldung. Rechnet man den rein technischen Kursrückgang heraus, hat die Deutsche-Bank-Aktie heute übrigens sogar an Wert gewonnen.

Mit Dank an Stefan K.!

Als hätten sich alle verschworen!

Amerikanischer Verschwörungstheoretiker müsste man sein! Dann würden die europäischen Medien über einen berichten — wenn es denn das ist, was man will.

Screenshots: NZZ.ch, yahoo.de, FAZ.net, spiegel.de, focus.de

Doch von Anfang an: Das „International Center for 9/11 Studies“ ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Anschläge vom 11. September 2001 besser verständlich zu machen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Einsturz des WTC 7, jenes Gebäudes des World Trade Centers, das – anders als die beiden berühmten Türme – nicht selbst von einem Flugzeug getroffen wurde. Hinter dem Kollaps dieses Hochhauses vermuten Verschwörungstheoretiker eine gezielte Sprengung.

Das „National Institute of Standards and Technology“ (NIST) wiederum ist eine Normierungsbehörde in den Vereinigten Staaten, die auch zahlreiche bautechnische Untersuchungen zum Einsturz des World Trade Centers durchgeführt hat. Im Jahr 2008 veröffentlichte das NIST eine Untersuchung über den Einsturz von WTC 7, deren ursprüngliche Fassung nach zahlreichen Hinweisen des Zentrums für 9/11-Studien noch einmal etwas überarbeitet werden musste. Es gibt also seit längerem ein gewisses Spannungsfeld zwischen dem Verein und der Behörde.

Unter Berufung auf den Freedom of Information Act, der jedem US-Bürger Einblick in Regierungsdokumente erlaubt, hat das 9/11-Zentrum vom NIST die Herausgabe von Gutachten, Plänen und Detailzeichnungen statischer Elemente des WTC 7 gefordert (PDF) — und die Herausgabe aller Videos und Fotos, die bei der Untersuchung des Einsturzes durch das NIST verwendet wurden.

In einer Pressemitteilung schreibt das 9/11-Center, dass das NIST das Material erst herausgegeben habe, nachdem das Center Klage eingereicht habe. Diese Klage ist ein bisschen nebulös: Außer in dieser Pressemittelung lässt sich kein Hinweis dazu finden. Auch lässt das Center selbst offen, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Klage und Herausgabe gibt oder nur einen zeitlichen, und ob es tatsächlich zu einer Verhandlung oder gar einem Urteil gegen das NIST kam.

Als das Material, das eine bunte Sammlung von Fotos und Videos von privaten Nutzern und Medien darstellt, dem Verein vor kurzem dann endlich übergeben wurde, fing der an, es auf YouTube hochzuladen — eine Nachricht, die in den USA außer den üblichen Verschwörungswebseiten näherungsweise niemanden interessierte.

Ganz anders in Europa: Mit der Internetseite der „Neuen Zürcher Zeitung“ fing letzte Woche alles an. Die erklärte erst noch einigermaßen korrekt:

[Die Videos] gleichen im wesentlichen denjenigen, die schon am 11. September 2001 und kurz danach im Fernsehen gezeigt wurden. Darunter befinden sich aber auch die Szene [sic] aus der Sicht von direkt Beteiligten, etwa von Feuerwehrmännern oder von Eingeschlossenen.

Nur um dann hinzuzufügen:

Die Aufnahmen blieben während Jahren unter Verschluss.

Eine Formulierung, die so oder so ähnlich von allen anderen Medien übernommen wurde, die aber grob irreführend ist: Das NIST hatte die Aufnahmen ja nur für seine Untersuchungen zusammengetragen, nicht etwa beschlagnahmt. Die Originalaufnahmen existierten weiterhin und wurden teilweise veröffentlicht (zum Teil live am 11. September 2001 selbst) und teilweise eben nicht. Bei der Menge des Materials lässt sich schlecht sagen, was davon schon veröffentlicht wurde und was nicht, und anders als Texte lassen sich Videos auch nur bedingt googeln. Schon unter den Clips, die das 9/11-Center mit seiner Pressemitteilung online gestellt hat, finden sich aber prompt zwei, die schon seit mindestens drei Jahren auf YouTube zu sehen sind.

„NZZ Online“ zeigte die beiden seit Jahren veröffentlichten Videos als zwei von drei Beispielen für die „bisher unbekannten Videos“. Und weil die Formulierungen zur Klage gegen das NIST in der Pressemitteilung etwas vage waren und der Autor von „NZZ Online“ auf jede weitere Recherche verzichtete, wie er uns auf Anfrage mitteilte, lautet die Formulierung dort ähnlich vage:

Die Veröffentlichung erfolgt unter dem Druck einer Klage des International Center for 9/11 Studies.

Obwohl sich „NZZ Online“ ausschließlich auf das Center for 9/11 Studies selbst stützt, reichte der gute Ruf der „Neuen Zürcher Zeitung“ einigen Journalisten offenbar aus, die Angaben ungeprüft zu übernehmen. Und damit existierte plötzlich eine neue, vermeintlich seriösere Quelle:

Wie die „Neue Züricher Zeitung“ in ihrem Internetangebot berichtet, seien die Videos in den vergangenen neun Jahren durch das National Institute of Standards and Technology (Nist) unter Verschluss gehalten worden.

(Yahoo! Nachrichten)

Auch Bild.de (BILDblog berichtete), express.de, FAZ.net und „Focus Online“ schlossen sich an. „Spiegel Online“ erklärte gar, die Veröffentlichung der „jahrelang unter Verschluss gehaltenen“ Aufnahmen sei „vor Gericht“ erzwungen worden, wofür sich nun wirklich überhaupt kein Beweis mehr finden lässt.

Und weil ein paar europäische Journalisten auf der Suche nach einer guten Story und beeindruckenden Bildern auf ernstzunehmende Recherche verzichtet haben, glauben jetzt ein paar Millionen Internetnutzer, dass sie bisher unbekannte Videos gesehen haben, für die amerikanische Verschwörungstheoretiker vor Gericht gezogen sind.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 15. September: Das International Center for 9/11 Studies hat uns gegenüber bestätigt, dass es keine gerichtliche Entscheidung gegen das NIST gegeben hat. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen der eingereichten Klage und der Freigabe des Bildmaterials durch das NIST besteht, ließ das Center selbst offen.

Ups, verfickt!

In den USA konnte sich ein Mann einige Tage nicht in ein Online-Spiel-Netzwerk einloggen, weil dessen Betreiber den Wohnort des Mannes für einen Witz hielt: Fort Gay.

„Hihi“, dachte man sich da bei „Spiegel Online“, „‚Schwulburg‘, das ist ja witzig“, und kalauerte weiter:

Spott macht dünnhäutig – die Bewohner von Hodenhagen, Sexau, Fickdorf, Petting oder Tuntenhausen werden es nachfühlen können.

Es ist kein Zufall, dass „Fickdorf“ – im Gegensatz zu den anderen genannten Orten – nicht mit einem Link unterlegt ist: Ein Ort dieses Namens ist nämlich nirgends zu finden.

Mit Dank an Horst.

Frau erschleicht sich Aufmerksamkeit!

Es gibt wohl kaum etwas, was Michaele Salahi nicht täte, um bekannt zu werden

erklärt „Spiegel Online“ und ist sich der Ironie dieser Aussage offenbar nicht bewusst.

Michaele Salahi und ihr Mann jedenfalls sind „mit einer Unverfrorenheit“ schon einmal „vorübergehend groß heraus“ gekommen:

Die Ex-Cheerleaderin der Washington Redskins und der Winzer schafften es, sich uneingeladen zu einem Staatsdinner ins Weiße Haus zu stehlen.

Was „Spiegel Online“ nicht ahnen konnte: Wer es schafft, sich selbst ins Weiße Haus zu schmuggeln, der schafft es auch, sich als frühere Cheerleaderin der Washington Redskins auszugeben. In einem Artikel über Salahis Auftritt mit den Cheerleaderinnen betont die „Washington Post“ jedenfalls vier Mal, dass sich niemand daran erinnern konnte, dass die Frau jemals Mitglied gewesen sei:

Ihre Zweifel stiegen, als Salahi einige grundlegende Cheerleader-Routinen nicht ausführen konnte, darunter die Standard-Choreographie zum Teamsong „Hail to the Redskins“.

(Übersetzung von uns.)

Mit Dank an Ralf M.

Ein Tag am Boulevard

Ehrgeizig sind sie ja, das muss man den Autoren des Panorama-Ressorts von „Spiegel Online“ lassen. Anders lässt sich nämlich kaum erklären, warum sie es wagen, sich mit den Schmutz- und Tränenprofis von „Bild“, „Bunte“ & Co. zu messen.

Ein aktueller Artikel etwa, den „Spiegel Online“ aus der britischen „Daily Mail“ zweitverwertet (das ist so üblich) und mit einer elfteiligen Fotostrecke (Titel: „Einmal Ersatzteillager und zurück“) angereichert hat, dreht sich um das amerikanische „Reality-TV-Sternchen“ Heidi Montag. Ihre Berühmtheit rührt hauptsächlich daher, dass sie an nur einem Tag zehn Schönheitsoperationen über sich ergehen ließ. Und genau unter diesem operierten Körper leidet sie inzwischen:

Ich möchte nicht, dass meine Nase abfällt wie die von Michael Jackson.

Und was fällt „Spiegel Online“ dazu ein?
Nasen-Erosion: Heidi Montag fürchtet Michael Jacksons Schicksal

Und:

So ist das mit Ersatzteilen – manche halten, andere nicht. Heidi Montag, Reality-TV-Sternchen, unterzog sich einer körperlichen Generalüberholung und ließ zehn Schönheits-OPs an einem Tag durchführen. Nun bereut sie den Schritt: Die Nase bröckelt, und das Silikon bereitet Unannehmlichkeiten.

Dass zu Michael Jacksons Schicksal deutlich mehr gehört als die Angst vor dem Verlust der Nase, weiß man spätestens seit letztem Jahr. Außerdem sind es Schmuddelmedien wie „Spiegel Online“, wo zu Heidi Montags Schönheitsoperationen in diesem Jahr bereits neun Artikel (Klickstrecken inklusive) erschienen sind, für die sich Frauen unters Messer legen.

Apropos ziemlich viel von irgendetwas an nur einem Tag: In einem anderen aktuellen Artikel zur Tattoo-Künstlerin Kat von D, die in Deutschland vor allem deshalb bekannt ist, weil sie die Neue von Sandra Bullocks Ex ist, kann man unter der launigen Überschrift „Jesse James‘ Neue faselt von großer Liebe“ lesen:

Sie ist 28, arbeitet als Tattoo-Künstlerin und nennt sich Weltrekordlerin, seit sie sich im Dezember 2007 binnen 24 Stunden 400 Tätowierungen stechen ließ.

Tatsächlich war es aber genau andersherum: Kat von D ließ sich nicht stechen, sondern stach selbst binnen 24 Stunden 400 Tätowierungen an verschiedenen Personen. Weltrekordlerin wiederum kann sie sich schon lange nicht mehr nennen, denn ihr Rekord wurde seitdem schon mehrfach gebrochen.

Vermutlich haben sich die Autoren hier vom deutschen Wikipedia-Eintrag zu Kat von D verwirren lassen. Dort heißt es:

Am 14. Dezember 2007 setzte sie mit 400 Tattoos innerhalb von 24 Stunden den Weltrekord.

Was soll man sagen? Die Anpassung des „Spiegel Online“-Panoramaressorts an andere Boulevardmedien scheint zu funktionieren — zumindest, was Niveau und Recherche angeht.

Mit Dank an Nina.

Nachtrag, 7. September: „Spiegel Online“ hat den Artikel über Kat von D zum Teil korrigiert:

In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass sich die Tattoo-Künstlerin Kat von D. Weltrekordlerin nennt, weil sie sich im Dezember 2007 binnen 24 Stunden 400 Tätowierungen stechen ließ. Korrekt ist, dass Kat von D. innerhalb von 24 Stunden 400 Tattoos gestochen hat und sie sich deshalb Weltrekordlerin nennen darf. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.

Schlechte Luft

Eine Woche, nachdem der „Spiegel“ einen Vorabdruck des neuen Buchs von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin veröffentlicht hatte („Bild“ hatte im Laufe der Woche das gleiche getan), wurde das Buch heute endlich offiziell vorgestellt — begleitet von Livetickern auf „Spiegel Online“ und Bild.de.

Auch sonst geben sich die Medien viel Mühe, die von ihnen selbst entfachte Kontroverse um den früheren Berliner Finanzsenator umfangreich auszuschlachten abzudecken: „Spiegel Online“ hat da zum Beispiel eine Bildergalerie vorbereitet, die die Proteste gegen Sarrazin bei dessen Buchpräsentation zeigt.

Demonstrant in Berlin: Begleitet von einem Polizeiaufgebot machten einige Bürger ihrem Ärger Luft.

stand da erst, dann:

Demonstrant in Berlin: Begleitet von einem Polizeiaufgebot machten die Bürger ihrem Ärger Luft. Unterstützt wurde die Veranstaltung von Politikern der SPD, der Grünen, der Linken sowie Gewerkschaftsvertretern.

Das wäre gar nicht weiter erwähnenswert — wenn, ja wenn das dazugehörige Foto nicht etwas ganz anderes zeigte:

Danke Thilo! www.pi-news.net

Nicht nur, dass der Demonstrant sich offensichtlich bei Sarrazin bedankt — er hat auch gleich noch die Webadresse der islamophoben Hassseite „Politically Incorrect“ auf sein Schild gekritzelt.

Inzwischen hat „Spiegel Online“ offenbar bemerkt, was für Inhalte da (wieder mal) unbesehen in eine Bildergalerie gerutscht waren, und hat das Foto durch ein ganz anderes ersetzt.

Mit Dank an Tobias B. und Reemt R.

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