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Oettingers Verkündigung

Unter der Überschrift „25 Jahre jünger — Oettinger stellt seine neue Liebe vor“ steht heute auf Seite 2 der „Bild“-Zeitung über den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten:

"Oettinger verkündete exklusiv in BILD nach 13 Jahren das Ende seiner Ehe."

Doch wie muss man sich das vorstellen?

Hallo? Bin da richtig bei der „Bild“-Zeitung? … Ja, Oettinger mein Name, Günther Oettinger – und ich dachte mir… Ja, genau der. … Baden-Württemberg, richtig. … Was? Ja, ich hätte da was, wo ich mich freuen würde, wenn Sie das vielleicht in Ihrem Blatt… Was? … Achso, nee: Nix Politisches! Es geht um mein Privatleben. Mit meiner Frau und mir, wissen Sie, das klappt nicht mehr so, und ich… Was? Ja, ja, das auch. … 13 Jahre. … Ja, Kinder auch, einen Sohn. … Naja, ehrlich gesagt, es gibt da so eine andere, die ich… Hübsch? Ja, sehr hübsch sogar. … Und jünger, ja. Aber das bleibt unter uns, gell? … Was? Nein, das stand noch nirgends sonst, nein. … Na, und da wollte ich mal fragen, ob ich nicht vielleicht exklusiv in „Bild“ das Ende meiner Ehe verkünden dürfte? Das wäre wirklich furchtbar nett von Ihnen, wenn Sie das bringen würden!

Eher nicht. Als „Bild“ das „Ehe-Aus“ Oettingers vor einem Jahr öffentlich machte („In BILD spricht der Politiker über das Ende seiner Liebe“), geschah das, wir erinnern uns, womöglich nicht freiwillig. „Frankfurter Rundschau“ und „Südkurier“ berichteten, dass „Bild“ damals „ihre Folterwerkzeuge auspackte“. Die „Stuttgarter Nachrichten“ schrieben, „‚Bild‘ soll gedroht haben, die Ehe-Probleme öffentlich zu machen“. Und als Oettinger auf die Frage der „Stuttgarter“, ob er von „Bild“ gedrängt worden sei, sein „Liebes-Aus“ öffentlich zu machen, nur sagte, das werde er „später mal beantworten“, da übersetzte die „Süddeutsche Zeitung“ Oettingers „später mal“-Antwort kurzerhand mit: „Ja.“

Na, vielleicht meint die „Bild“-Zeitung ja auch all das, wenn sie heute schreibt:

"Oettinger verkündete exklusiv in BILD nach 13 Jahren das Ende seiner Ehe."

„Bild“ hilft… nicht bei Steiners Trauer

Matthias Steiners Geschichte ist wie gemacht für den Boulevard. Als er im Sommer bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Gewichtheben gewann, widmete er sie seiner verstorbenen Frau. Die kam im Juli 2007 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, und Steiner hielt bei der Siegerehrung ein Foto von ihr in die Kamera.

Seither berichtete die „Bild“Zeitung häufiger über Steiner und seine Geschichte. Vor einer knappen Woche war er als Blattkritiker zu Gast. Einen Tag später schrieb der „stärkste Mann der Welt“ selbst in „Bild“.

Heute berichtet „Bild“ darüber, wie Steiner (dem es im Prozess „nicht um Genugtuung“, sondern offenbar um Trauerbewältigung geht) als Nebenkläger die Gerichtsverhandlung gegen den „Totraser seiner Frau“ verfolgte, der wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist:

"Hier sieht der stärkste Mann der Welt den Totraser seiner Frau"

„Bild“ berichtet nicht, dass der Staatsanwalt den Angeklagten in der Verhandlung auch fragte, warum er sich nicht mit Steiner in Verbindung gesetzt und ihm „sein Mitleid ausgesprochen“ habe, „um den Schmerz zu lindern“.

Die „FAZ“ schreibt dazu:

[Der Angeklagte] antwortet mit leiser Stimme. Es tue ihm sehr leid, er wisse bis heute nicht, wie der Unfall passiert sei, Herr Steiner habe aber nur mit ihm reden wollen, wenn die Zeitung „Bild“ hätte anwesend sein dürfen.

„Ich wollte persönlich mit Ihnen reden, die ‚Bild‘-Zeitung hätte ich nicht geduldet“, antwortet Nebenkläger Steiner.

Und vermutlich stimmt, was Steiner sagt. Denn in einer ddp-Meldung kann man (ähnlich wie in der „Welt“) nachlesen, was Steiner noch geantwortet hat:

Steiner habe ein Gespräch im Beisein eines Boulevard-Journalsten führen wollen. „Das habe ich abgelehnt“, sagte der Angeklagte.

Steiner betonte jedoch, es könne sein, dass eine Boulevard-Zeitung den Vorschlag gemacht habe, „aber der Vorschlag kam nicht von mir“.

Insofern ist die „Bild“-Zeitung womöglich mitverantwortlich, dass es nicht zu einer Aussprache zwischen Steiner und dem Angeklagten gekommen ist.

Unverbesserlich VI

Im Frühjahr dieses Jahres wurde bekannt, dass eine Mutter in einem Zeitraum von über 20 Jahren drei Babys zur Welt gebracht, möglicherweise nach der Geburt getötet und in die Tiefkühltruhe gelegt hatte. Was danach geschah, fasst die Nachrichtenagentur AP wie folgt zusammen: „Nach dem Fund der Babys war die [Frau] mit ihrem Ehemann und ihrer [erwachsenen] Tochter auf einer Polizeiwache erschienen und hatte Selbstanzeige erstattet. Nach einem Teilgeständnis äußerte sie sich nicht weiter zu den Vorwürfen und galt während ihrer Zeit in der Untersuchungshaft als nicht vernehmungsfähig. Seit Oktober ist die Frau auf eigenen Wunsch in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.“

Aus dem Pressekodex:

„Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (…) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. (…) Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen. (…) Liegen Anhaltspunkte für eine mögliche Schuldunfähigkeit eines Täters oder Tatverdächtigen vor, sollen Namensnennung und Abbildung unterbleiben.“

Zum heutigen Prozessauftakt vorm Landgericht Siegen hatte sich die Angeklagte bis zur Unkenntlichkeit vermummt, trug einen schwarzen Schal überm Kopf und vorm Gesicht und eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern vor den Augen – und es ist nicht anzunehmen, dass das einem eigenwilligen Modebewusstsein geschuldet war. Es hatte einen guten Grund.

Denn wie groß das Medieninteresse hier auch sein mag: Das Persönlichkeitsrecht der Angeklagten ist größer. Oder um es – ohne Wenn und Aber – mit den Worten des Presserates zu sagen: Medien müssen in Fällen wie diesem „auf eine erkennbare Darstellung des Betroffenen verzichten“ (siehe auch Kasten).

Fast überall, wo heute über den Prozess berichtet wird, finden sich Fotos der vermummten Frau – auch in einem großen Teaser auf der Bild.de-Startseite. Bild.de hat es allerdings nicht dabei belassen, sondern den Teaser und den dazugehörigen Artikel um ein weiteres Foto ergänzt:

Das zweite Foto veröffentlicht Bild.de nicht zum ersten Mal. Schon im Frühjahr, als der Fall bekannt wurde, war es – exklusiv – auf Bild.de und andertags auch auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung zu sehen (wir berichteten). Es zeigt die Frau ohne Unkenntlichmachung.

Ob es sich bei dem Foto auf Bild.de jedoch nur um ein (unentschuldbares) Versehen handelt, wird sich spätestens morgen zeigen, wenn die gedruckte „Bild“ ihre elfeinhalb Millionen Leser über den heutigen Prozessauftakt unterrichtet.

Nachtrag, 12.11.2008: Nun… Während das unverpixelte Foto der „Todes-Mutter“ auf Bild.de nach wie vor online ist, hat die „Bild“-Zeitung („Hier versteckt sich die Horrormutter“) heute offenbar auf dessen Abdruck verzichtet.

Haiders Brille als offiziell verkauft

Wenn die Polizei Polizeifotos veröffentlicht und die „Bild“-Zeitung sie nachdruckt, schreibt sie für gewöhnlich dazu:

"Foto: Polizei"

Haider-Details

„Bild“ vom 27.10.2008:

  • „Haiders Schuh: Der rechte Schuh der Edelmarke ‚Ludwig Reiter‘ wurde aus dem Wagen geschleudert“
  • „Haiders Brille: Das Gestell der Marke ‚Donna Karan‘ liegt auf der Straße“

„BamS“ vom 26.10.2008:

  • „Ein schwarzer Schuh Haiders der Luxusmarke Ludwig Reiter sowie eine Brille (Donna Karan)…“

Außer am vergangenen Montag. Da druckte „Bild“ mehrere sorgfältig beschriftete Detail-Fotos vom Autowrack und der Unfallstelle des tödlich verunglückten österreichischen Politikers Jörg Haider (siehe Kasten) und schrieb:

Mehr als zwei Wochen nach dem tödlichen Unfall wurden jetzt Bilder des Horror-Crashs veröffentlicht (…) Offizielle Beweisfotos — freigegeben von der Polizei.

Und die „Bild am Sonntag“, wo dieselben Fotos schon tags zuvor zu sehen waren, wurde fast noch deutlicher:

"Polizei veröffentlicht die Fotos aus dem Unfallbericht"

Die Polizei hat sie freigegeben. Fotos des Grauens vom völlig zerstörten Wrack (…).

In den Fotonachweisen jedoch sucht man den Hinweis auf die „Polizei“ vergeblich.

Wie jetzt herauskam, ist das kein Wunder. Denn anders als von „Bild“ und „BamS“ behauptet, sind die Wrack-Fotos keine „offiziellen Beweisfotos“ „aus dem Unfallbericht“: Ein Polizeibeamter hatte sie offenbar in der Unfallnacht mit seiner Privatkamera gemacht, anschließend verschiedenen Medien angeboten und auch verkauft. Erschienen sind sie nach Angaben der Nachrichtenagentur APA „bei einem österreichischen Nachrichtenmagazin“ – aber vorgestern eben auch in der „Bild am Sonntag“ sowie gestern in „Bild“.

Weil der (geständige) Polizeibeamte „widerrechtlich gehandelt“ habe, wurde er nun suspendiert. Laut diepresse.com hat er sich „durch den Verkauf der Fotos nämlich der Verletzung des Amtsgeheimnisses schuldig gemacht, was ein Disziplinar- und höchstwahrscheinlich auch ein Gerichtsverfahren nach sich ziehen wird“.

Aber darüber werden ja „Bild“ und „BamS“ sicherlich auch zum nächstmöglichen Zeitpunkt berichten und nicht nur erklären, unter welchen Umständen sie an die privaten Aufnahmen des Polizisten gelangt sind, sondern auch, warum sie behaupteten, die Fotos seien offiziell.

P.S.: Auf oe24.at, dem Online-Angebot der Zeitung „Österreich“, wo die Fotos ebenfalls seit Sonntag zu sehen sind, heißt es perfiderweise unter der Überschrift „Polizei legt Bilder vom Unfalltod offen“: „Haiders Familie ist nun entsetzt darüber, dass die Bilder (…) ohne Rücksprache an die Öffentlichkeit weitergegeben wurden.“

Xavier Naidoo über das Leben mit Leserreportern

Gegenüber dem „Mannheimer Morgen“ erklärt der Sänger Xavier Naidoo, wie die Einführung der „Leserreporter“ durch die „Bild“-Zeitung sein Leben verändert hat und dazu beitrug, dass er „noch mal zwei Schritte zurück aus der Öffentlichkeit“ gemacht habe:

Ich hatte zu der Zeit keinen Führerschein und bin mit dem Fahrrad durch Mannheim gefahren. Und diese Gelegenheit hat sich natürlich niemand nehmen lassen. Viele haben mir gesagt: „Du, ich krieg Geld dafür“. Manche wurden echt rabiat. Ich wurde auch schon mal richtig gefährdet, und mir wurde der Weg abgeschnitten. Ich war so schwer mit Tüten bepackt, dass ich dem fast ins Auto gefahren wäre. Der Fahrer ist einfach aus dem Auto raus und hat sein Foto gemacht. Und ich stand da mit den Tüten! Hab mir bloß gedacht: „Oh, mein Gott, das jetzt auch noch in der Zeitung.“ Mich hatte es eh schon mehrfach erwischt, und ich will das einfach nicht mehr.

Mit Dank an Ralph A.!

„Stoppen Sie voyeuristische Berichterstattung!“

"Erzbischof Sterzinsky kritisiert Medien"Ja, das hier links ist tatsächlich ein Ausriss aus der „Bild“-Zeitung. Georg Kardinal Sterzinsky hat beim gestrigen Medienempfang des Erzbistums in Berlin unter anderem die „Bild“-Zeitung kritisiert – und „Bild“ berichtet unter der Überschrift „Erzbischof Sterzinsky kritisiert Medien“ darüber. Das ist ungewöhnlich für „Bild“.

Anlass für Sterzinskys Kritik war die Veröffentlichung eines Leser-Reporter-Fotos, das einen geistig verwirrten, nackten Mann zeigte, der mitten am Tag auf allen Vieren über eine Kreuzung kroch (wir berichteten). „Bild“ hatte das Foto „garniert mit zynischen und ehrabschneidenden Kommentaren“, wie Sterzinsky es in seiner Rede ausdrückte (siehe Kasten).

Aus Sterzinskys Rede

„Aber warum dann immer wieder einzelne Entgleisungen – wie jüngst, als ein Verwirrter, der nackt durch die Straßen Berlins kroch, sich in grob kompromittierender Weise in der Zeitung wiederfand, garniert mit zynischen und ehrabschneidenden Kommentaren. ‚Die Wahrheit über den Menschen bekannt gemacht?‘ – Meine Bitte an die Verantwortlichen des Boulevard-Journalismus: Stoppen Sie voyeuristische Berichterstattung! Beenden Sie den Unsinn, Sensationslust und niedere Instinkte durch das fragwürdige Handwerk sogenannter ‚Fotoreporter‘ zu bedienen!“

Offenbar in der Absicht, die Berichterstattung zu entschuldigen, anstatt sich für sie zu entschuldigen, schreibt „Bild“ zu Sterzinskys Vorwurf:

Das Gesicht des Mannes war nicht erkennbar. Eine Nachfrage bei der Feuerwehr, ob in der fraglichen Zeit eine hilflose Person in Neukölln aufgegriffen und ins Krankenhaus gebracht wurde, wurde damals verneint. Am Tag nach der Veröffentlichung berichtete der „Tagesspiegel“, dass es sich bei dem Mann um einen geistig Verwirrten gehandelt hatte.

Demnach rechtfertigt also die Tatsache, dass „Bild“ keinerlei Ahnung hatte, was genau mit dem verwirrten, nackten Mann los war, dass „Bild“ sich über ihn lustig machte, öffentlich zur Schau stellte und als mutmaßlichen „Puffgänger“ verunglimpfte, der zu viel „Schampus intus“ hatte.

Das ist dann wieder nicht so ungewöhnlich für „Bild“.

Von Puffgängern und psychisch Kranken

„Bild“ gibt alles:

„Liebes Model! Bitte melde Dich! Bewirb Dich als ‚BILD Girl‘ für die Seite 1! Kontakt: BILDFotoredaktion (…)“
(Bild.de vom 17.4.2008)

„War der Frau etwa zu warm? Oder wurden ihr die Klamotten gestohlen? Oder suchte sie einfach nur den ultimativen Kick? BILD.de bleibt dran.“
(Bild.de vom 10.7.2008)

„Top-Abrufzahlen bei BILD.de. Und jetzt gewann die Unbekannte auch noch das große Online-Voting. (…) Doch wer ist sie? Wie heißt sie? Gibt es Freunde, Bekannte, die die Frau kennen? Hinweise per Email an [email protected]
(Bild.de vom 23.7.2008)

Wenn irgendwo junge Frauen „nackt“, „komplett nackt“, „völlig nackt“, „splitternackt“, „hüllenlos“, „ohne irgendetwas am Leib“, „wie Gott sie schuf“ bzw. „NACKT!“ in der Öffentlichkeit gesichtet werden, gibt man bei „Bild“ alles.

Da werden dann nicht nur wahllos „BILD-Leser-Reporter“-Fotos von ihnen veröffentlicht und Online-Votings veranstaltet, sondern auch Psychologen befragt („Neudeutsch wird dieses Phänomen ’nude in public‘ genannt“) und öffentliche Aufrufe gestartet (siehe Kasten).

Und was fällt der „Bild“-Redaktion ein, wenn mitten am Tag ein ca. 50 Jahre alter Mann nackt und auf allen Vieren über eine belebte Kreuzung kriecht?

Na, sehen Sie selbst:

"War es ein Puffgänger, der zu viel Schampus intus und seine Klamotten vergessen hatte? War es eine Wette? Oder einfach das warme Wetter? Das bleibt wohl das Geheimnis des Nackten aus Neukölln ..."

„Geheimnis“? Der Berliner „Tagesspiegel“ hat es gelüftet:

Denn wie die Polizei problemlos bestätigt hätte, wurde der Mann kurz nach dem Vorfall in die Psychiatrie eingeliefert. Offenbar gab es noch ein paar Passanten, die Hilfe holten, statt das Elend eines Verwirrten auszuschlachten.

Mit Dank an Ben für den Hinweis.

Ansporn zum Ausweiden (2)

Kürzlich berichtete „Bild“ über die im März verstorbene 23-jährige Sara L. – unter Berufung auf einen Artikel des „Tagesspiegel“ aber gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern von Sara. Die „Bild“-Zeitung hatte den Artikel zudem mit diversen Fotos von Sara illustriert, die sie sich im Internet besorgt hatte, und an denen sie keinerlei Rechte besaß (wir berichteten).

Seit kurzem ist der „Bild“-Artikel aus dem Online-Angebot von Bild.de verschwunden. Bild.de hat den Text, wie üblich, nicht freiwillig entfernt, sondern Saras Eltern haben Anfang der Woche einen Anwalt eingeschaltet, der den Axel Springer Verlag aufforderte, wegen der Berichterstattung eine Unterlassungserklärung abzugeben. Das hat Springer getan.

Saras Eltern überlegen derzeit, ob sie noch weiter rechtlich gegen „Bild“ vorgehen.

Ansporn zum Ausweiden

Vergangenen Samstag berichtete „Bild“ über die 23-jährige Sara, über ihr Leben, ihre Magersucht und ihren Tod. Sara starb im März dieses Jahres, woran genau ist bislang unklar.

"Magersucht: Als Sara (23) starb, wog sie nur noch 29 Kilo"Die „Bild“-Zeitung ist nicht von sich aus auf diese Geschichte gekommen, die sie großzügig mit Fotos des toten Mädchens bebildert (siehe Ausriss). Sie hat sie aus dem „Tagesspiegel“, der am Freitag einen längeren Nachruf auf Sara veröffentlichte. „Bild“ schrieb:

Die Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ veröffentlichte mit Zustimmung der Eltern die erschütternde Geschichte von Sara L.

Das ist ein entlarvender Satz. Er zeigt, dass „Bild“ es offenbar nicht für eine Selbstverständlichkeit hält, die Zustimmung der Eltern einzuholen, bevor man über das Leben und den Tod ihres Kindes berichtet. Im Gegenteil. Nach unseren Information kann man den Satz noch ergänzen: Anders als die Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ berichtet „Bild“ nicht nur ohne Zustimmung der Eltern über die „erschütternde Geschichte von Sara L.“, sondern sogar gegen deren ausdrücklichen Willen.

„Bild“-Mitarbeiter haben nämlich offenbar den Eltern nach Erscheinen der Geschichte im „Tagesspiegel“ aufgelauert und versucht, sie zur Zusammenarbeit zu bewegen, um eine eigene Geschichte machen zu können. Doch die Eltern lehnten ab und sprachen nicht mit „Bild“.

Woraufhin die „Bild“-Zeitung beim „Tagesspiegel“ nachfragte, ob sie die Geschichte nachdrucken dürfe. Der „Tagesspiegel“ jedoch lehnte – nach Rücksprache mit den Eltern – ebenfalls ab. Die Eltern wollten überhaupt nicht, dass etwas über ihre Tochter in „Bild“ erscheint.

Diese doppelte Ablehnung war für „Bild“ offenbar erst recht Ansporn. „Bild“ veröffentlichte die Geschichte nicht nur trotzdem, sie bebilderte sie auch, wie gesagt, großzügig mit Fotos des toten Mädchens, die „Bild“ wohl von Internetseiten wie SchülerVZ oder StudiVZ geklaut haben dürfte (der Foto-Nachweis lautet: „Internet“). Nach unseren Informationen jedenfalls haben weder Saras Eltern noch Freunde von ihr die Fotos an „Bild“ weitergegeben.

Und egal, was an der „Bild“-Geschichte unrechtmäßig ist und was nur moralisch fragwürdig: Widerwärtig ist sie in jedem Fall.

„Bild“-Reporter bei mieser Recherche erwischt

Ein BILDblog-Leser schilderte uns vorgestern folgendes Erlebnis:

Am heutigen Montag, dem 4. August, hatte ich einen handgeschriebenen Zettel im Briefkasten auf dem stand „Lieber            , bitte ruf mich an Jörg Bergmann“ und eine Handynummer (siehe Ausriss). Mein Vater hatte den Zettel gefunden, und weil ich keinen Jörg Bergmann kenne, rief mein Vater die Handy-Nummer an. Er gab sich zunächst als ich aus, reichte das Telefon aber kurz darauf an mich weiter. Der Mann am anderen Ende erklärte kurz, er sei Journalist, und sagte, es ginge um einen gewissen Stefan B. und ob ich mit ihm befreundet sei. Auf meine Frage, für welche Zeitung er denn arbeitet, antwortete der Mann zunächst nur, er sei freier Journalist. Aber ich wollte es genauer wissen und bekam etwas zögerlich zur Antwort: „Konkret für die ‚B.Z.‘ und ‚Bild‘.“

Ich gab dem Mann deutlich zu verstehen, dass er nichts von mir erfahren wird, und dass er keine Zitate von mir veröffentlichen darf. Daraufhin sagte der Mann, dass das dann so am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde. Mir kam das ein wenig wie eine Drohung vor. Ich sagte dem Mann, dass ich auf keinen Fall Bestandteil der Berichterstattung werden möchte und dass er nicht mehr anrufen soll. Damit war das Gespräch beendet und ich kontaktierte noch einige Leute, die Stefan B. auch kannten, und riet ihnen, nicht mit Journalisten über Stefan B. zu reden. Zum Wohle Stefans, seiner Eltern und ihrem eigenen.

Soweit die Schilderung unseres Lesers.

Gestern fand sich dann folgende Meldung in der „Bild“-Zeitung:

"Abiturient (20) rast gegen Baum – tot!"

Abiturient Stefan B. (20) ist im grünen Skoda seiner Eltern unterwegs. Er ist mit der Schule fertig, wartet auf einen Studienplatz. Medizin oder Psychologie will der Musterschüler (Abischnitt 1,6) vom            -Gymnasium in             studieren. Doch dann rast der junge Mann gegen einen Straßenbaum. (…)

Bergmann in „Bild“:

  • „Sex-Unfall: Foto-Model (20) tot nach Fessel-Spielen“
    (31.7.2008)
  • „Anna (11) in diesem Keller vergewaltigt – Straßenmusiker festgenommen“
    (23.7.2008)
  • „Ihr Herz schlägt jetzt in der Brust eines 7-Jährigen: Michelle (15) totgerast“
    (16.2.2008)
  • „Mädchen (6) auf Schulweg vergewaltigt – Polizei jagt Mann mit weißen Schuhen“
    (31.1.2008)
  • „Liebes-Terror! Anna (13) schickte Prügel-Bande zu ihrem Ex“
    (29.1.2008)

Es ist keine besonders große Geschichte. Vielleicht gab es nichts übermäßig Aufregendes oder gar Skandalöses über Stefan B. zu berichten. Vielleicht hatte Bergmann bei anderen Mitschülern von Stefan B. genauso wenig Glück wie bei unserem Leser. Vielleicht gab es aber auch Wichtigeres.

Anscheinend hat Bergmann aber immerhin ein Foto des tödlich Verunglückten auftreiben können, wie sich aus einem Foto-Nachweis ergibt. Es ist ein wenig unscharf, und Bergmann könnte es aus einem Internet-Angebot wie StudiVZ oder SchülerVZ haben. Das sind bekanntlich beliebte und ergiebige Quellen für „Bild“-Mitarbeiter auf der Suche nach privaten Fotos von Unfall-Opfern. Und bei StudiVZ beispielsweise gibt es tatsächlich diverse Abi-Fotos des Abschlussjahrgangs von Stefan B.

Allerdings ist der junge Mann auf dem „Bild“-Foto, das einen kleinen Ausschnitt eines Gruppenfotos vom Abi-Ball zeigt, nicht der tödlich verunglückte Abiturient Stefan B. Es ist nur ein junger Mann aus demselben Jahrgang. Stefan B. war nach unseren Informationen überhaupt nicht anwesend, als das Foto entstand.

P.S.: Interessanterweise steht nirgends in der „Bild“-Meldung explizit, dass das Foto Stefan B. zeigt. Wir hoffen, das liegt nicht daran, dass man bei der „Bild“-Zeitung wusste, dass das Foto nicht Stefan B. zeigt.

Nachtrag, 18.44 Uhr: Jörg Bergmann teilt uns auf Anfrage mit, er habe das Foto nicht aus dem Internet, sondern aus dem Umfeld von Stefan B. bekommen. Den Umständen nach habe er keine Zweifel gehabt, dass Stefan B. darauf zu sehen sei. Sonst fände er das sehr schlimm.

Nachtrag, 7.8.2008: „Bild“ veröffentlicht heute diese Gegendarstellung:

"Gegendarstellung"

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