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„NZZ“ zieht blank

Jetzt hat auch die Schweiz ihren eigenen Sommerloch-Twitter-Porno-Skandal. Die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtete heute Morgen über …

Nach „Recherchen der NZZ“, heißt es dort, mache eine Sekretärin des Bundeshauses in ihrem Büro regelmäßig Nacktfotos von sich und veröffentliche diese auf ihrem Twitter-Profil.

Dass diese Bilder früher oder später jemand sehen könnte, mit dem sie beruflich zu tun hat, ist ihr bewusst. «Das Thema beschäftigt mich ständig», sagt die Frau, der auf Twitter über 11 000 Nutzer folgen, auf Anfrage. Da die Aufnahmen jedoch Teil ihres Privatlebens seien, sehe sie keinen Interessenkonflikt mit ihrer beruflichen Funktion.

Ob sie damit falschliegt, konnte die „NZZ“ nicht sagen. Und auch sonst war sich die Zeitung offensichtlich nicht sicher, was sie der Frau nun eigentlich vorwerfen soll. Sie schreibt lediglich, dass „der Sachverhalt“ nicht „ganz so einfach“ sei — „immerhin sind auf den Bildern die Büroräumlichkeiten erkennbar“.

Das Eidgenössische Personalamt (EPA) wollte sich gegenüber der Zeitung nicht dazu äußern, weil jede Verwaltungseinheit die Regeln im Umgang mit den Sozialen Medien selbständig umsetze.

Das EPA verwies jedoch auf den Verhaltenskodex der Bundesverwaltung, der vorsieht, dass Angestellte auch im Privatleben darauf achten sollten, den guten Ruf und das Ansehen des Bundes nicht zu beeinträchtigen. Ob dies durch Nacktaufnahmen am Arbeitsplatz geschieht, ist eine Interpretationssache.

Ein von der „NZZ“ zitierter Arbeitsrechtler hegt jedoch starke Zweifel daran, dass die Frau mit einer Kündigung rechnen muss:

«Es sei denn, der Arbeitgeber stuft die Tätigkeit als Sicherheitsrisiko ein» (…). Dies könnte der Fall sein, wenn der Arbeitgeber zum Schluss kommt, die Angestellte könnte durch die Bilder erpressbar werden.

Die Schweizer Boulevardmedien jedenfalls fanden die Sache auch so skandalös genug und sprangen eifrig mit auf. Zum Beispiel die Online-Ausgabe des Gratisblatts „20 Minuten“:

Dass die Fotos „während ihrer Arbeit“ veröffentlicht wurden, hatte die „NZZ“ übrigens nie behauptet.

Und weil das Blatt auch weder den richtigen noch den Twitter-Namen noch sonst irgendwelche persönlichen Informationen der Sekretärin verraten hatte, begann sogleich die Jagd nach ihrer Identität — und natürlich: nach ihren Fotos.

Kleine Auswahl aus den Kommentaren bei „20min.ch“:

Auch die Journalisten wollten unbedingt mehr wissen, darum bat „20 Minuten“ die Leser sogar um sachdienliche Hinweise:

Die „NZZ“ versuchte zwar noch, die von ihr ausgelösten Wogen zu glätten…

… doch der Zwischenruf verhallte im tosenden Sturm der Sekretärinnenjäger.

Kurze Zeit später tauchten dann auch die ersten (halbherzig verpixelten) Fotos auf. Der Schweizer „Blick“ zeigt sie online, inklusive abgekürztem Namen der Frau:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Auch 20min.ch konnte nun endlich verkünden:

… und den Lesern in einer Klickstrecke die lang ersehnten Nacktfotos zeigen.

Inzwischen hat der „Skandal“ einen eigenen Namen (natürlich: „Selfiegate“), der Account ist gelöscht, die Identität der „Porno-Sekretärin“ weitestgehend bekannt, die ersten Politiker fordern die Kündigung der Dame und Journalisten wie Leser machen sich weiterhin empört aber sabbernd über die Fotos her. Und uns bleibt nur der Verweis auf den Schweizer Presserat, der mal geschrieben hat:

Auch Amtspersonen haben ein Recht darauf, dass ihre Privatsphäre respektiert wird. Wenn Medien darüber berichten, dass von einer solchen Personen Sexbilder im Internet abgerufen werden können, befriedigt das allenfalls die Neugier des Publikums. Ein schützenswertes öffentliches Interesse an solchen Informationen gibt es in der Regel nicht – selbst dann nicht, wenn die Amtsperson eine hohe Stellung hat oder prominent ist.

Mit Dank an Flavio F.

Ups, verdrahtet

Die gute Nachricht: Dieser Mann auf Seite 52 der heutigen NZZ heißt tatsächlich Chris D’Elia:

Ausriss NZZ vom 7. August 2012

So steht es ja auch in der Bildunterschrift:

Die Serie „The Wire“ (im Bild Chris D’Elia) handelt vom Niedergang einer amerikanischen Innenstadt.

Die schlechte Nachricht: Das Bild stammt nicht aus der Serie „The Wire“, um die es in dem Artikel unter anderem geht (und bei der D’Elia auch gar nicht mitgewirkt hat), sondern aus der Sitcom „Whitney“, deren fünfte Episode der ersten Staffel zufälligerweise den Titel „The Wire“ trägt.

Nachtrag, 15.40 Uhr: Im Beitrag auf nzz.ch wurde das Bild ausgetauscht.

Unser 1. FC

Es ist ein schöner Bericht, den Stefan Osterhaus am Dienstag über den aktuellen Zustand des 1. FC Köln ablieferte. Unter anderem war zu erfahren, dass es von Trainer Frank Schaefer heiße, dass für ihn „bereits ein Trip ins rheinische Mönchengladbach eine Art Auslandserfahrung“ darstelle.

Der Folklore verpflichtet

Doch da stimmt was nicht:

Die Kölner Fans stehen zu ihrem 1. FC, auch in schlechten Zeiten.

behauptet die Bildunterschrift und gemessen an dem Foto, das sie ziert, müssen die Zeiten schlechter als schlecht sein.

Die „Kölner Fans“ stehen jedenfalls offensichtlich hinter dem 1. FC Nürnberg:

Legenden leben ewig

Mit Dank an Eugen E.

Fahrenheit 9/9

Es gibt bestimmte Ereignisse, da weiß man einfach, wo man war, als man davon erfuhr: Die Älteren erinnern sich an Bern ’54, die Ermordung John F. Kennedys oder die Mondlandung, Jüngere immerhin noch an den Mauerfall, den Tod von Prinzessin Diana oder die Terroranschläge in New York und Washington am …

Na …

Ach ja:

Vom Anschlag an den Spielen in München 1972 über den 9. September 2001 bis zu den jüngsten Zwischenfällen im US-Luftraum spannt sich ein Bogen von Ereignissen, der nicht nachlassende Aufmerksamkeit erfordert.
(„Neue Zürcher Zeitung“, 2. Februar)

Aber so einfach ist es nicht: Der "War on terror", mit dem Washington auf den 9. September 2001 reagierte, war nicht allein die Sache der Amerikaner.
(„Tagesanzeiger“, 4. Februar)

Die Erinnerungen ans World Trade Center sind unweigerlich mit den Anschlägen vom 9. September 2001 verbunden.
(bazonline.ch, 24. Februar)

Dieser erinnerte an den Nato-Beitrittsfall, der nach dem 9. September 2001 von den USA ausgerufen wurde und zum Einmarsch in Afghanistan führte.
(„Südkurier“, 2. März)

Die Terroranschläge vom 9. September 2001 haben jedoch die Bedingungen für professionelle Flieger verändert.
(„Hersfelder Zeitung“, 12. März)

Die Terrorakte vom 9. September 2001 betrachtet er als verwandte Verbrechen.
(„Neue Zürcher Zeitung“, 16. März)

Er entwickelte eine Strategie des "kalkulierten Terrors, der Souveränen, Fürsten, Generalen und Gouverneuren einen schnellen Tod brachte", wie es der britische Historiker Bernard Lewis in seiner großen Studie "Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam" formulierte, deren Erstausgabe 34 Jahre vor den Anschlägen vom 9. September 2001 erschien.
(„Die Welt“, 16. März)

Mit Dank auch an Rahel Z.