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Wer ist schon gegen Kinderporno-Gegner?

Für die „Bild“-Leser war der Kampf gegen Kinderpornographie im Internet schon am 26. März so gut wie gewonnen: Die Bundesregierung habe beschlossen, sie zu sperren, berichtete das Blatt.

„Geht es der Kinderporno-Mafia im Internet jetzt endlich an den Kragen?“, fragte „Bild“ damals euphorisch. Dabei zielt der Gesetzentwurf der Bundesregierung [PDF] gar nicht auf den Kragen der Kinderporno-Mafia. Es geht in ihm nämlich nicht darum, die Inhalte aus dem Netz zu entfernen oder gar gegen die Urheber vorzugehen, sondern nur, den Zugang zu ihnen zu erschweren. Die Sperre besteht aus einem „Stopp“-Schild, das relativ leicht zu umgehen ist.

Für die Leser von „Bild“ war also, wie gesagt, der Kampf gegen Kinderpornographie im Internet schon am 26. März so gut wie gewonnen. Entsprechend eindeutig dürfte ihr Urteil über den Mann ausfallen, den „Bild“ ihnen heute als „Verlierer“ des Tages vorstellt:

Der Sprecher der SPD-Linken, Björn Böhning (31), will den Gesetzentwurf der Großen Koalition zur Sperrung von Kinderporno-Seiten im Internet zu Fall bringen. Der Entwurf sieht vor, dass solche Websites durch Stoppschilder gekennzeichnet werden. Wer sie trotzdem aufruft, wird strafrechtlich verfolgt. Für Böhning ist das laut „Spiegel Online“ nur „Alibi-Politik“.

BILD meint: Stoppt Böhning!

Es gibt nicht viele Möglichkeiten, das zu interpretieren. „Bild“ erweckt den Eindruck, Böhning sei dagegen, Kinderpornographie zu bekämpfen. Das ist ein politisch potentiell tödlicher Eindruck, und er ist falsch.

Der Antrag, den Böhning und andere auf dem SPD-Bundesparteitag am Sonntag stellen, trägt die Überschrift „Löschen statt Sperren: Kinderpornographie wirksam bekämpfen, Internetzensur verhindern!“ Darin heißt es unter anderem:

Ein direktes Vorgehen gegen die Inhalte-Anbieter wäre möglich und nachhaltiger als der Polizei Scheuklappen anzulegen. [… Die Initative der Bundesfamilienministerin] dient als bequemer Vorwand, um auch in Zukunft das mühsamere Löschen kinderpornografischer Inhalte aus dem Netz und das damit verbundene internationale Ermitteln der Täter zu vermeiden und von der bisherigen Tatenlosigkeit ablenken zu können.

Es geht also nicht um die Frage, ob Kinderpornographie bekämpft werden soll, sondern darum, wie dies am besten gelingt.

Aber kein Wunder, dass „Bild“ so heftig und unfair auf Böhnings Vorstoß reagiert. Schließlich ist „Alibi-Politik“ ihre ganz besondere Spezialität.

Korrektur, 19:10 Uhr. Ursprünglich hatten wir „Bild“ vorgeworfen, in dem Artikel Ende März fälschlicherweise behauptet zu haben, dass das „Stopp“-Zeichen nur zu sehen bekommt, „wer aus Deutschland auf kinderpornografische Seiten im Ausland zugreift“ — dabei könne es auch Seiten aus Deutschland betreffen. Doch „Bild“ hatte zum damaligen Zeitpunkt Recht: Der Arbeitsentwurf [PDF] bezog sich damals noch ausdrücklich auf die Sperrung ausländischer Seiten.

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Tornados wirbeln mehr Staub auf als früher

…fragen „Bild“ und Bild.de heute und schreiben wie zur Antwort:

„Wir verzeichnen eine Zunahme der Tornados in Deutschland. In den vergangenen Wochen hatten wir schon 20 Stück. Im Vergleich dazu hatten wir zwischen 1990 und 2000 gerade einmal 100 Tornados“, erklärt Diplom-Meteorologe Karsten Brandt (35) von „donnerwetter.de die Tornado-Saison gegenüber BILD.de.

Der Meteorologe und Wirbelsturmexperte Thomas Sävert, der auch eine deutsche „Tornadoliste“ führt, schreibt uns dazu: „An diesem Absatz ist alles falsch. Wir verzeichnen keine echte Zunahme der Tornados in Deutschland, es wird einfach mehr beobachtet. Ob es einen tatsächlichen Trend gibt, weiß noch niemand, auch Herr Brandt nicht. Bisher sind aus diesem Jahr rund 10 (nicht 20) Tornados bei uns bekannt, und zwischen 1990 und 2000 gab es weit mehr als 150 Tornados, von denen man bisher weiß. Der zitierte Herr Brandt ist kein Diplom-Meteorologe und schon gar kein Tornadoexperte.

Falsch sei auch folgende Beschreibung:

Das Phänomen werde durch große Druckunterschiede verursacht und trete plötzlich und nur kurzzeitig am Rand von Gewitterzonen auf, anders als die über größere Strecken wandernden Tornados in den USA. Eine Vorhersage sei daher praktisch unmöglich, so [der Meteorologe Günther] Fleischhauer.

Sävert sagt: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Tornados in den USA und Tornados in Deutschland. Die meisten sind nur schwach und kurzlebig, auch in den USA. Sie können hier bei uns genauso stark sein wie in den Staaten.“

Und dann auch noch die „Tornado-Karte der Leser-Reporter“ von Bild.de: Von den derzeit neun eingetragenen Fällen aus Deutschland, seien nur drei Fälle bestätigte Tornados — alle anderen seien entweder noch nicht genauer untersucht oder sogar nur harmlose Staubteufel auf Sportplätzen. Säverts Fazit: „Hier wird selbst aus dem kleinsten Staubwirbel ein Tornado gemacht.“

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Ein Gewinn für die Tonne

Oh ja, „ausgerechnet“ (O-Ton „Bild“) Jakob Augstein lobt die „Bild“. Das Blatt zitiert den Herausgeber Verleger der Wochenzeitung „Freitag“ aus einem Interview in der „Frankfurter Rundschau“:

„Jeden Tag eine BILD, das macht total Sinn. Ich glaube, dass ich über das, was tatsächlich in der Gesellschaft los ist, aus der BILD mehr erfahre als aus der ‚Süddeutschen‘.“

Weswegen „Bild“ sofort ein „Stimmt!“ hinzufügt und ihn heute zum „Gewinner des Tages“ macht.

Übrigens, Augstein sagte in diesem Zusammenhang sogar noch mehr:

„Jeden Tag eine Bild, das macht total Sinn, weil das Boulevard ist, großflächig, flashig, das kriegen Sie nur mit Papier hin. Die kaufen Sie für kleines Geld, blättern sie einmal durch und stecken sie dann in die nächste Mülltonne.“

Mit Dank an Thomas L.!

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Die Gewalt-Fest-Spiele von Winnenden

Nicolaus Fest weiß, dass die „Bild“-Zeitung nach dem Amoklauf von Winnenden nichts Unzulässiges gemacht hat, und er kann es auch beweisen: „Kein einziges presserechtliches Verfahren“ habe es gegen die Berichterstattung des Blattes gegeben. So.

Nicolaus Fest ist Mitglied der Chefredaktion von „Bild“. Gisela Mayer ist die Mutter einer jungen Frau, die bei dem Amoklauf getötet wurde. Sie sagt, dass ein Foto ihrer Tochter, das in den Medien gezeigt wurde, von deren jüngerer Schwester in einem ganz privaten Rahmen gemacht worden sei. Die Familie habe nicht eingewilligt, dass es veröffentlicht wurde. „Es war uns bewusst, dass wir einen Anwalt beauftragen könnten, um dagegen vorzugehen“, sagt sie. „Aber wir waren zu schwach, trauerten, waren menschlich am Ende.“

von links nach rechts: Nicolaus Fest ("Bild"), Manfred Protze (Deutscher Presserat), Frank Nipkau ("Winnender Zeitung"), Kuno Haberbusch ("Zapp"), Gisela Mayer (Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden), Hans Müller-Jahns ("Brisant"), Georg Mascolo ("Spiegel")
Nonverbale Kommunikation: N. Fest (links). Foto: © Sozialgeschnatter.de

Beide sitzen nur wenige Meter auseinander auf dem Podium der Tagung des „Netzwerks Recherche“, das am vergangenen Samstag über die Grenzüberschreitungen bei der Berichterstattung über den Amoklauf diskutiert. „Geklaute Fotos, verletzte Intimsphäre — Medien ohne Moral?“ ist der Titel, und Nicolaus Fest hängt in einer Weise in seinen Stuhl, dass sein ganzer Körper demonstriert, wie sehr ihn die Diskussion langweilt und nervt.

Eigentlich hätte er stattdessen zum Thema „Leser-Reporter“ diskutieren sollen, aber in der Runde ist auch der ehemalige BILDblogger Christoph Schultheis, und Fest weigert sich, mit ihm auf einem Podium zu sitzen.

Frank Nipkau, der Chefredakteur der „Winnender Zeitung“, gibt sich große Mühe, Fest nicht anzusehen, wenn er erzählt von der „Jagd auf die Opfer“ und davon, dass sogar Polizeistreifen nötig waren, um Angehörige vor Journalisten zu schützen. Seine Zeitung habe sich von einfachen Regeln leiten lassen: keine Opferfotos, keine Berichte von Beerdigungen, Vorsicht mit Stellungnahmen traumatisierter Kinder. „Es war eine einfache Haltung“, sagt Nipkau, „aber schon die erregte bundesweite Aufmerksamkeit.“

Nicolaus Fest hält das alles für „standeswidrige Verlogenheit“: „Es ist unsere Aufgabe, Informationen zu sammeln und zu berichten. Dass dabei manchmal Fehler passieren, ist sicher richtig. Aber bei einem so wichtigen Zeitereignis wie diesem überwiegt das Berichterstattungsinteresse der Öffentlichkeit die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen.“ Die „Bild“-Zeitung habe sich von mehreren, auch externen, juristischen Experten beraten lassen, ob die Veröffentlichung der Fotos der (teils minderjährigen) Opfer erlaubt sei. Keiner habe Bedenken gehabt, sagt Fest. Andere Medienvertreter auf dem Podium sind erstaunt.

Manche Argumente versteht Fest einfach nicht. Von Gisela Mayer will er wissen, ob sie denn nun für oder gegen die Veröffentlichung von Fotos der Opfer sei, die Fronten seien ihm da nicht ganz klar. Sie erklärt ihm dann geduldig, aber vermutlich vergeblich, dass es auf den Kontext ankomme: Die Fotos der Opfer, wie sie der „Focus“ auf seinem Titel gezeigt habe, seien für sie eine Art Traueranzeige und ein respektvoller Umgang gewesen. Unzulässig sei es dagegen, die Bilder zu benutzen, um sensationsheischend und falsch zu berichten.

Fest kann auch nicht nachvollziehen, warum man die riesige Fotomontage von „Bild“, die den Amokläufer in Kampfmontur zeigte, für eine unzulässige „Heroisierung“ hält: Mitglieder von Truppen wie der GSG9 oder der KSK zeige man doch auch regelmäßig in solchen Posen. Dieses Missverständnis lässt sich auf dem Podium nicht ausräumen, aber immerhin gelingt es mehreren Teilnehmern mit vereinten Kräften, Fest darauf aufmerksam zu machen, dass der Amokläufer eine solche Kampfuniform nicht einmal getragen habe (vgl. BILDblog vom 13. März 2009). Fest sagt, das höre er gerade zum ersten Mal, aber wenn das stimme, müsse er dem Sprecher des Presserats, der neben ihm sitzt und die entsprechende Rüge für „Bild“ erläutert hat, recht geben — „so schwer mir das fällt“.

Dennoch: „Hier wird eine Selbstskandalisierung betrieben, die wirklich Quatsch ist“, meint Fest. Natürlich gebe es Anlässe, bei denen Medien versagt hätten, der Fall Sebnitz zum Beispiel. Aber Winnenden gehöre wirklich nicht dazu. Er habe Verständnis dafür, dass die Berichterstattung für Frau Mayer schmerzhaft gewesen sei — „ja, das wühlt noch mal auf“, wenn man die Bilder und Berichte über die getötete Tochter sehen müsse — „aber wenn man eine Presse haben will, die diesen Namen verdient, muss man das leider in Kauf nehmen.“ Und wenn man die Veröffentlichung von Fotos jugendlicher Täter oder Opfer von der Zustimmung der Eltern abhängig machen wolle, „dann kann man den Journalismus gleich vergessen.“

Journalismus? Frank Nipkau bestreitet, dass es darum bei vielen Berichten über Winnenden überhaupt ging: „Das war teilweise Gewaltpornographie. Das hat mit unserem Informationsauftrag nichts zu tun.“

Die Mutter Gisela Mayer kritisiert auch die Aufmerksamkeit, die viele Medien dem Amokläufer hätten zukommen lassen. Dieser Nachruhm sei Teil dessen, was Amokläufer antreibt. Den Täter groß in Szene zu setzen, wie dies geschah, könne nachweislich Nachahmungstäter animieren. „Schwachsinn, Schwachsinn, Schwachsinn“, zischt Nicolaus Fest an dieser Stelle vor sich hin.

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Der nette, hilfsbereite Angreifer von nebenan

Bei manchen Geschichten, die wir auf dieser kleinen Seite so erzählen, hat man ein gewisses Gefühl dafür, wie der Fehler, den man da gerade schildert, entstanden sein könnte: Irgendwas wurde verwechselt, vielleicht auch mal schlampig recherchiert — oder man versteht einfach mal was falsch.

Und dann gibt es die Kategorie, bei denen man nur noch zwei Möglichkeiten entdeckt. Entweder, jemand hat etwas fürchterlich falsch verstanden. Oder frei erfunden. Bei der folgenden Geschichte muss man befürchten, dass auf sie letztere Variante zutrifft.

Erst einmal zu den Fakten: In München saß, wie die Polizei im einigermaßen umständlichen Deutsch eines Polizeiberichts schildert, ein 26-jähriger Serbe mit zwei Begleitern in einer Eisdiele. Die drei wurden plötzlich von einer Gruppe angegriffen, deren Größe die Polizei mit „10 bis 20“ angibt. Angeführt wurde die Gruppe von einem 24-jährigen Türken. Offenbar hatte es die Gruppe insbesondere auf den Serben abgesehen. Sie malträtierte ihn mit Schlägen, benutzte dazu auch diverse Gegenstände — und umringte den Mann schließlich.

Den weiteren Verlauf schildert die Polizei so:

Dieser zog daraufhin ein Messer und stach auf die Angreifer ein. Er selbst trug Schnittverletzungen an beiden Händen davon, die ambulant in einem Krankenhaus versorgt werden mussten. Der 24-jährige Türke erlitt einen Stich in die Brust und verstarb wenig später in einem Münchner Krankenhaus.

Der 26-Jährige ist inzwischen wieder auf freiem Fuß und hat laut Staatsanwaltschaft keine Strafverfolgung zu befürchten, da er ganz offensichtlich aus Notwehr gehandelt hat.

Das ist die Geschichte, wie sie die Polizei erzählt (und auch andere Münchner Medien). Kommen wir jetzt zu der Geschichte, wie sie die Münchner Ausgabe der „Bild“ schildert. Aus dem 24-jährigen Türken, den die Polizei als Rädelsführer und Hauptangreifer schildert, wird plötzlich ein Opfer. Ein Mann, der jedem gerne half — und den seine Hilfsbereitschaft das Leben gekostet hat, wie „Bild“ säuselt:

Blutiges Ende einer Massenschlägerei in der Blumenau: Muskelmann vor Eiscafé tot gestochen. Immer so aufmerksam. Der Nachbarin die Einkaufstaschen hoch - und den Abfall runtergetragen. Wenn Freunde Hilfe brauchten – Eftal K. (24) war sofort da. Doch am Sonntagabend hätte Eftal sein Handy mal besser klingeln lassen. Denn dieser Anruf und seine Hilfbereitschaft führten ihn direkt in den Tod.

Und auch der Rest der Erzählung ist nicht weniger erstaunlich: Demnach war der 24-Jährige ursprünglich gar nicht dabei, als die Schlägerei zwischen den Jugendlichen begann. Dazu gekommen sei er erst, als einer seiner in die Prügelei verwickelten Freunde einen (O-Ton „Bild“) „verhängnisvollen Anruf “ absetzte: „Eftal hilf!“. Der hilfsbereite „Muskelmann“ (ebenfalls O-Ton „Bild) sei direkt von der gegenüberliegenden Wohnung seiner Mutter an den Ort des Geschehens gelaufen — und dort erstochen worden: Er „starb weil er helfen wollte“.

Und wenn man schließlich ein wenig vergleicht, was von dem, was im Polizeibericht stand, in „Bild“ angekommen ist, kommt man schnell zu dem Resultat: ungefähr gar nichts. Nur, warum das so ist, ist uns auch nach vierfachem Durchlesen der Geschichte nicht klar…

Mit Dank an Florian B.!

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Kurz korrigiert (495–497)

Der Fußball-Trainer Peter Hermann muss ein bedauernswerter Mann sein. Offensichtlich übersieht man ihn gerne mal — und wenn es nach „Bild“ geht, dann ist er auch noch ziemlich schwach. So schwach, dass man ihm sogar die Schuld daran geben will, dass die Saison bei Bayer Leverkusen in diesem Jahr etwas, nunja, missraten war.

Normalerweise sind in solchen Fällen ja gerne mal die Trainer dran, bei Bayer ist das laut „Bild“ aber nicht zwingend der Fall. Bruno Labbadia stehe zwar durchaus auf der Kippe, schreibt das Blatt, aber:

Eine geringe Überlebens-Chance bei Bayer hat er (Labbadia) aber wohl höchstens, wenn er sich einen stärkeren Co-Trainer zur Seite stellen lässt (diese Saison: Peter Herrmann).

Das wäre allerdings erstaunlich. Denn Hermann hat in den letzten Monaten vielleicht noch etwas Freizeit in Leverkusen verbracht, als Co-Trainer jedenfalls kann er in diesem Jahr dort nicht mehr gesichtet worden sein. Diesen Job übt er seit September 2008 beim frischgebackenen Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Nürnberg aus. Und wer in der zurückliegenden Saison bei Bayer 04 Leverkusen Co-Trainer war, ist auch gar kein Geheimnis. Hier beispielsweise steht’s ziemlich ausführlich erklärt.

* * *

Bleiben wir beim Fußball, gehen aber ein paar Etagen höher — in jeder Hinsicht. Nicht nur, dass wir statt von einem Co- von einem richtigen Bundestrainer sprechen. Nein, wir verlassen auch den Boden und begeben uns in die Höhe von über 12.000 Metern. Dort hat laut „Bild am Sonntag“ der Bundestrainer während des Flugs der Nationalmannschaft nach China neben den Piloten Platz genommen und für entspannte Stimmung gesorgt. Nicht einmal die in dieser Höhe eher selten auftretenden Autos konnten die gute Laune im Cockpit trüben.

* * *

Als Journalist lernt man das zeitig: richtiges Zitieren. Auch bei Bild.de zitiert man richtig. Um ganz sicherzugehen auch mal aus der „Süddeutschen Zeitung“, die ein Interview mit dem Klatschreporter Michael Graeter über dessen bewegtes Leben geführt hatte. Besonders angetan hat Bild.de die Passage, in der Graeter schildert, wie er — zum einzigen Mal in seinem Leben — in die „Liebesfalle“ tappte. „Bild“ bedient sich des Originalzitats aus der SZ:

„Sie war in München, ich in Paris. Sie war ständig eifersüchtig. Dabei habe ich in Paris nur den Eiffelturm bestiegen. Hat sie mir aber nicht geglaubt. Da bin ich zurück. Und dann erwischte ich sie mit einem anderen Mann. Da bin ich weg, über die Dächer.“

Jene ominöse „sie“ ist laut Bild.de die „schöne Schauspielerin Iris Berben“, wobei „schön“ und „Schauspielerin“ richtig sein mögen. Die Frage, die die SZ Graeter gestellt hatte, lautete allerdings:

„Sie tun immer so cool. Aber auch Ihnen hat man mal das Herz gebrochen, oder? Anfang der 70er Jahre waren Sie doch mit Hannelore Elsner zusammen.“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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No Son Of Mine

Im Berliner Abgeordnetenhaus ist kürzlich eine Abgeordnete gebeten worden, ihr Baby in einem Nebenraum oder doch wenigstens in einer der hinteren Reihen des Plenarsaals zu stillen.

Diese Episode nimmt „Bild“ zum Anlass, um sich in der Berliner Ausgabe unter der etwas übergeigten Überschrift

Baby-Zoff im Parlament - Spielgruppe Abgeordnetenhaus. Berlins Politikerinnen stimmen zwischen Windelwechsel und Stillen ab

nicht nur über die „Krabbelgruppe Parlament“ lustig zu machen, sondern auch „Abgeordnete und ihre Sprösslinge“ vorzustellen.

Wie egal der Zeitung dabei die konkreten Personen waren, zeigt der Fall von Fabian, Sohn der Grünen-Abgeordneten Lisa Paus:

Krabbelgruppe Parlament. Der kleine Fabian zieht seinen Papa Olaf Reimann (Grüne) an der Nase

Die Namen der Abgebildeten stimmen, doch ein entscheidendes Detail ist falsch.

Fabians Mutter Lisa Paus zu BILDblog:

Olaf Reimann ist unser Mitarbeiter für IT-Fragen — aber mitnichten der Vater des Kindes. Der tatsächliche Vater will trotz dieser „Enthüllungen“ auf einen Vaterschaftstest verzichten. Sein Name ist Dietmar Lingemann.

Nachtrag, 31. Mai: Während Fabian bei Bild.de immer noch einen falschen Vater hat, hat „Bild“ den Fehler in der Berliner Printausgabe inzwischen ausführlich korrigiert:

Reimann nicht Vater vom kleinen Fabian (4 Monate).

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Springer hatte mit 1968 nichts zu tun (2)

Am Tag danach „mußten Berliner Zeitungsleser glauben, daß Benno Ohnesorg von seinen Kommilitonen umgebracht worden sei“, schrieb der „Spiegel“ im Juni 1967.

Unter der Schlagzeile „Blutige Krawalle: 1 Toter!“ berichtete die „Bild“-Zeitung an jenem 3. Juni 1967:

Ein junger Mann ist gestern in Berlin gestorben. Er wurde Opfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten. (…) Ihnen genügte der Krawall nicht mehr. Sie müssen Blut sehen. Sie schwenken die Rote Fahne, und sie meinen die Rote Fahne. Hier hören der Spaß und der Kompromiss und die demokratische Toleranz auf. Wir haben etwas gegen SA-Methoden.

Die Schwesterzeitung „Berliner Morgenpost“ meldete immerhin:

Ein Kriminalbeamter feuerte im wirren Tumult und in dem unübersehbaren Handgemenge einen Warnschuß ab.

Und Schwesterzeitung „Welt am Sonntag“ erklärte am folgenden Tag ihren Lesern, warum ein Kriminalbeamter „von seiner Schußwaffe Gebrauch gemacht“ hatte:

Er war von den Demonstranten in einen Hof abgedrängt, dort festgehalten, getreten und mit Messern bedroht worden.

Noch einen Tag später titelte „Bild“:

Studenten drohen: Wir schießen zurück — Sanfte Polizei-Welle

Der „Bild“-Reporter sagte laut „Spiegel“ hinterher:

„Ich schäme mich für meine Zeitung. Das mit dem Zurückschießen hat mit keinem Wort in meinem Artikel gestanden. Das haben die erst in der Redaktion dazugedichtet, um eine knallige Überschrift zu kriegen.“

* * *

Thomas Schmid, früher selbst in der Studentenbewegung tätig, inzwischen aber Chefredakteur der „Welt“, schreibt in seinem heutigen Leitartikel, in dem er den „alten Kämpen“ vorwirft, sich „an ihren Mythos“ zu „klammern“:

Kein Zweifel (…), dass in den überhitzten Jahren 1967 und 1968 einige Blätter dieses Hauses sich im Ton vergriffen und die Demonstrierenden auch verunglimpften. [Aber:] Die Blätter des Axel Springer Verlages haben — was wir belegen werden — über die 68er-Bewegung sehr viel differenzierter berichtet, als es im Schreckbild von der „hetzerischen Springerpresse“ vorgesehen ist.

Das eingeschobene „was wir belegen werden“ wird als Ankündigung einer internen Untersuchung interpretiert. Vielleicht holt Schmid aber auch nur ein altes Papier aus dem Schrank. Denn der Verlag ließ schon vor über 40 Jahren eine solche Untersuchung mit demselben Ziel anfertigen (rechts): Sie sollte vor allem den Vorwurf entkräften, alle Springer-Zeitungen hätten einheitlich undifferenziert über die Studenten und den Tod Ohnesorgs berichtet. Zu genau diesem Ergebnis kam hingegen eine wissenschaftliche Untersuchung des renommierten Publizistik-Wissenschaftlers Walter J. Schütz.

* * *

In der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt Marek Dutschke, der jüngste Sohn von Rudi Dutschke, warum er ausgerechnet in der „Bild“-Zeitung forderte, man solle prüfen, ob die Stasi mit dem Attentat auf seinen Vater 1968 zu tun habe.

SZ: Bislang hätte man kaum für möglich gehalten, dass ein Dutschke mit der Bild-Zeitung spricht, nach den Kampagnen des Blattes gegen Ihren Vater.

Dutschke: Das stimmt. Aber die Bild-Zeitung hat Einfluss in Deutschland, und wenn man den für eigene Forderungen nutzen kann, finde ich es okay. Interessant aber ist doch zu sehen, wie Bild heute mit dem Fall Ohnesorg umgeht, das Motiv ist ja durchschaubar: Indem sie die Geschichte jetzt auf die Stasi konzentriert, kann sie von der eigenen historischen Schuld ablenken, denn Bild hat ja die Stimmung gegen die Studenten angefacht und das Klima des Hasses erzeugt.

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