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Springer hatte mit 1968 nichts zu tun

„Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen.“

Schlagzeile der Springer-Zeitung „B.Z.“ am 3. Juni 1967, dem Tag, nachdem der unbewaffnet gegen den Schah demonstrierende Benno Ohnesorg von dem Polizisten Kurras erschossen worden war.

„Bild“ hatte angesichts der Studenten-Demonstrationen schon im Dezember 1966 „Polizeihiebe auf Krawallköpfe“ empfohlen, „um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen.“ Im Februar 1966 schrieb das Blatt über eine Vietnam-Demonstration Berliner Studenten:

Es ist an der Zeit, diesen Leuten mit aller Deutlichkeit zu sagen: … Zwei Millionen Berliner lassen sich nicht von 1500 Wirrköpfen auf der Nase herumtanzen.

„Bild“ wolle „dafür sorgen, daß in Zukunft ähnlichen Demonstrationen die gebührende Antwort erteilt wird“. Springer-Zeitungen titelten: „Kein Geld für langbehaarte Affen“, „Da hilft nur noch eins: Härte“, „Unruhe stifter unter Studenten ausmerzen“ und nannten die Protestierenden „Eiterbeulen“.

Als mehrere Studenten im April 1967 vorübergehend festgenommen wurden, weil sie Mehl und Joghurt in Beutel abgefüllt und ein Attentat mit Pudding auf den amerikanischen Vizepräsidenten geplant hatten, sprach „Bild“ von „Bomben und hochexplosiven Chemikalien“ und „sprengstoffgefüllten Plastikbeuteln“ und titelte: „Bombenanschlag auf US-Vizepräsidenten.“

Das Buch „Das ‚Welt‘-‚Bild‘ des Axel Springer Verlages“ fasst die damalige Berichterstattung der Springer-Zeitungen so zusammen:

Richtete sich eine Demonstration gegen bundesdeutsche oder allgemein westliche Mißstände und legte noch dazu belebte Straßen wie den Berliner Kurfürstendamm lahm — tat also genau das, wofür sie gedacht war, nämlich den reibungslosen Ablauf zu stören –, wurde sie als illegaler Druck der Straße abgeleht. (…)

Die anfänglich demokratisch-legal artikulierte Kritik bewirkte keine Veränderung, sondern wurde statt dessen bereits kriminalisiert. Wie das Beispiel der Demonstranten zeigt, galt gerade in den Zeitungen des Springer-Verlages schon der friedliche, aber eben störende Protest als illegaler Übergriff auf das Recht der Bundesbürger auf Ruhe und Ordnung. (…) Obgleich anfänglich die Gewalt nicht von studentischer Seite ausging, sondern im Gegenteil von den staatlichen Instanzen Polizei oder Universität, wurden dennoch die Studenten als Initatoren der Gewalt geschildert.

Am 7. Februar 1968 schrieb „Bild“:

Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.

Ein Amtsgericht sah in diesen „Bild“-Sätzen damals „nicht eine demokratische Auseinandersetzung mit einem Andersdenkenden, sondern üble Stimmungsmache und Aufhetzung zu Gewalttaten“.

„Dutschke, der sich später den Grünen anschließt, ertrinkt Heiligabend 1974 in der Badewanne.“

(Gescheiterter Mini-Biographie-Versuch der „Bild am Sonntag“ gestern über ihren ewigen Gegner Rudi Dutschke)

Zwei Monate später wurde das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke verübt.

Man kann die Eskalation der Gewalt, die dem Tod Ohnesorgs folgte, nicht erklären ohne das politische Klima, in dem er geschah, und die Lügen und die Hetze der Springer-Zeitungen, die es anfeuerten.

Kann man nicht? „Bild“ kann es.

Seit herausgekommen ist, dass Karl-Heinz Kurras, der Polizist, der Ohnesorg erschoss, Stasi-Agent war, lässt sich nach Ansicht der „Bild“-Zeitung offenbar alles, was damals, davor und danach passiert ist, allein durch die brutalen Machenschaften des DDR-Systems erklären. Ob Kurras mit dem Todesschuss im Auftrag der Stasi handelte, ist keineswegs ausgemacht — aber der frühere „Bild“-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje weiß schon, dass sie auch für den Tod Dutschkes verantwortlich war:

In der „taz“ kommentiert Christian Semler:

[Kurras] hatte in seinen Prozessen wegen fahrlässiger Tötung Ende der Sechzigerjahre Verbündete, allen voran Springers Bild-Zeitung. Sein vorbildlicher Einsatz, hieß es, sei leider in einem von ihm nicht verschuldeten Unglücksfall geendet.

Wie schnell aus aufrechten Verteidigern der Freiheit gedungene Mörder werden — denn jetzt, nachdem Kurras‘ Tätigkeit als IM der Staatssicherheit aufgeflogen ist, wird er zum Auftragsmörder, der gehorsam den Befehlen aus der Stasi-Zentrale folgte. (…) Man kann den delirierenden Autor Hans-Hermann Tiedje nicht unter der Rubrik „Berliner Absonderlichkeiten“ verbuchen. Vielmehr geht es hier um ein groß angelegtes Manöver der historischen Mystifikation. Indem die Stasi — ohne jedes Indiz — zum Täter gemacht wird, kann die Verantwortung der Westberliner Eliten für den 2. Juni 1967 beiseitegedrückt werden.

Und der Fernsehproduzent Friedrich Küppersbusch ätzt, was es angesichts der vorhergehenden Hetze von „Bild“ gegen die Studenten bedeutet, wenn sich der Tod von Ohnesorg dem DDR-Regime in die Schuhe schieben lässt:

Das klingt schon nach Aussöhnung zwischen Bild und Stasi.

 

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Der Amokläufer als Held – und andere Rügen

„Unangemessen sensationell“ hat die „Bild“-Zeitung über den Amoklauf von Winnenden berichtet und mehrfach die Persönlichkeitsrechte von Opfern und Betroffenen verletzt. Zu diesem Urteil ist jetzt auch der Deutsche Presserat gekommen. Er sprach deshalb drei Rügen gegen „Bild“ und Bild.de aus.

Der Beschwerdeausschuss beanstandete u.a. die „Bild“-Fotomontage, die den Amokläufer in Postergröße in einer Heldenpose zeigt. Eine weitere drastische Grafik, in der der „Bild“-Zeichner sich und den Lesern ausmalte, wie das ausgesehen haben könnte im Klassenzimmer, als Tim K. in seiner schwarzen Rächeruniform gerade eine Lehrerin erschoss, verstieß ebenfalls gegen den Pressekodex:

Diese Darstellung der Tötung, gezeigt durch das Nach-Hinten-Überkippen der Lehrerin, hält der Ausschuss mit Blick auf die Hinterbliebenen der Getöteten für eine unangemessen sensationelle Darstellung.

Aus dem Pressekodex

Richtlinie 8.1:
Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (…) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. (…) Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.

Richtlinie 11.1:
Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.

Der Presserat verurteilte u.a. auch, dass „Bild“ das Porträtbild eines einzelnen Opfers hervorhob und eine Jugendliche erkennbar zeigte, die gerade von einer Betreuerin getröstet wurde. Bild.de nannte unter der Überschrift „Diese jungen Leben hat er ausgelöscht“ zudem die vollen Namen mehrerer Opfer und verletzte damit nach Ansicht des Presserates die Persönlichkeitsrechte der Getöteten und Hinterbliebenen. Die Berichterstattung habe gegen die Ziffern 8 und 11 verstoßen.

Das Blatt kassierte eine weitere Rüge für seine Berichterstattung im Sommer 2008 über den Prozess gegen einen Mann, der seine schwangere Frau getötet hatte. „In […] ist […] (36) als Faschingsprinz beliebt — doch er ist ein eiskalter Killer“, begann die „Bild“-Zeitung ihren Artikel. Der Angeklagte hatte zwar zugegeben, seine Freundin getötet zu haben. Der Vorsatz, den „Bild“ unterstellte, war aber nicht erwiesen. Die Formulierung stelle eine unzulässige Vorverurteilung dar, urteilte der Presserat. Dadurch, dass „Bild“ (wie üblich) Fotos von Opfer und Täter zeigte, habe das Blatt zudem ihre Persönlichkeitsrechte verletzt.

Gerügt wurde schließlich auch der „Bild“-Bericht über einen Mann, der sich unter falschem Vorwand in eine Schule in Marktredwitz eingeschlichten hatte. Der Artikel entsprach nach Ansicht des Polizeisprechers „nicht mal ansatzweise der Wahrheit“. „Bild“ zitierte ohne Quellenangabe auch eine (veraltete) Äußerung der Schulleiterin, obwohl die (aus gutem Grund) nicht mit „Bild“ reden wollte. Der Presserat stellte einen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht fest.

 
Weitere Rügen sprach der Presserat aus gegen:

  • die Zeitschrift „In“, weil sie Schleichwerbung für eine neue Kosmetikserie von Verona Pooth betrieben habe.
  • die Zeitschrift „Myself“, weil sie ohne „redaktionellen Anlass“ im Zusammenhang mit Frisuren-Stylings zwei Pflegemittel mit Abbildung und Preisangaben vorstellte.
  • die Programmbeilage „Prisma“, weil sie ein Interview mit einem scheinbar unabhängigen „Experten für Pflanzenheilkunde“ veröffentlichte, der darin für ein bestimmtes Präparat und eine Homepage wirbt, auf der er das Mittel selbst vertreibt.
  • die „Sächsische Zeitung“, weil sie den vollen Namen und das Foto eines Mannes veröffentlichte, der gestanden hatte, ein achtjähriges Mädchen getötet zu haben.
  • die „taz“, weil sie einseitig über einen Sorgerechtsstreit berichtete, ohne den Vater zu den Vorwürfen der Mutter befragt zu haben und ihn und die Familie identifizierbar machte.

Zur Pressemitteilung des Presserates.

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Wo kein Nitzwill ist …

Es war vielleicht etwas problematisch, einen Artikel, der mit den Sätzen beginnt:

Gesine Schwan hat Probleme. Allem Anschein nach kostet sie ihre Weigerung, die DDR als „Unrechtsstaat“ zu bezeichnen, entscheidende Stimmen bei der Bundespräsidentenwahl.

mit der Überschrift „Unrechtsstaat kostet Gesine Schwan Stimmen“ zu versehen.

Das hat man bei „Bild“ offenbar auch schon gemerkt und die Überschrift in der Online-Version geändert.

Aber die letzten Sätze des Artikels sind immer noch problematisch. Sie lauten:

FOLGE: Köhler könnte es bereits im ersten Wahlgang (absolute Mehrheit) schaffen. Union, FDP, Freie Wähler und der fraktionslose Bundestagsabgeordnete Henry Nitzwill kommen zusammen rechnerisch auf 615 Stimmen – 613 sind nötig.

Das Problem hier: Es gibt keinen fraktionslosen Bundestagsabgeordneten Henry Nitzwill. Möglicherweise gibt es niemanden, der so heißt.

Aber den fraktionslosen Bundestagsabgeordneten Henry Nitzsche, den gäbe es wohl.

Mit Dank an Tobias D.

Mitte(l)lose Milchmädchen

Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadtbüros der „Bild“-Zeitung, hat sich gut in Fahrt kommentiert: Die beunruhigenden Zahlen über Armut in Deutschland, die der Paritätische Wohlfahrtsverband gestern veröffentlichte, beruhten auf einem „Taschenspieler-Trick“, behauptet er. Und Blome glaubt, er könne das auch beweisen:

Der Beweis: Kommen morgen tausend neue Millionäre nach Deutschland, steigt das Durchschnittseinkommen — und wir haben rechnerisch, oh Schreck, noch „mehr Arme“, die darunter liegen. Verlassen tausend Millionäre das Land, sinkt plötzlich auch die Zahl der „Armen“.

Blome hätte Recht, wenn sich die Definition von Armut auf das „Durchschnittseinkommen“ beziehen würde. Das tut sie aber nicht. Sie bezieht sich auf das „mittlere Einkommen“. Nach der Definition der Europäischen Union, die der Paritätische Wohlfahrtsverband übernommen hat, gilt als arm1), wer weniger als 60 Prozent davon zur Verfügung hat.

Das mittlere Einkommen ist der Median. Man erhält diesen Wert, indem man alle Bürger sortiert nach Einkommen in einer Reihe aufstellt und denjenigen, der dann genau in der Mitte steht, fragt, was er verdient. Der Unterschied zum durchschnittlichen Einkommen kann erheblich sein — und zwar genau dann, wenn zum Beispiel einzelne Millionäre ins Spiel kommen wie im „Beweis“ von Nikolaus Blome.

Denken wir uns ein Blome-Land, in dem elf Blombürger leben (Schema rechts). Zwei verdienen 1000 Euro, fünf 2000 Euro, drei 3000 Euro — und einer hat sagenhafte 10.000 Euro im Monat. Ihr durchschnittliches Einkommen beträgt 2818 Euro (die Summe geteilt durch elf); das mittlere Einkommen ist das, das bei einer Aufreihung der elf Blombürger der sechste hat (*): 2000 Euro. Als „arm“ gelten die beiden 1000-Euro-Blombürger.

Nun stellen wir uns vor, dass plötzlich zwei weitere Reiche mit 10.000 Euro Einkommen nach Blomland ziehen. Das durchschnittliche Einkommen steigt deutlich. Das mittlere aber bleibt konstant: diesmal müssen wir bei 13 Einwohnern in der Reihe von arm nach reich den siebten (*) fragen: Auch er hat 2000 Euro.

Würde sich die Armutsdefinition nach dem Durchschnittseinkommen richten, wären nun auch die 2000-Euro-Blombürger „arm“. Da sie sich aber nach dem mittleren Einkommen richtet, ändert sich — in diesem Beispiel — nichts.

Der Median ist deshalb eine so praktische statistische Größe, weil er genau die Verzerrungen vermeidet, die Blome behauptet. Eine kleine Zahl von großen Ausreißern beeinflusst den mittleren Wert nur minimal. Der Zuzug von tausend Millionären würde bei 80 Millionen Einwohnern das mittlere Einkommen nur unwesentlich erhöhen, wenn überhaupt.

Und apropos: Ist es nicht arm, so laut von „Taschenspieler-Tricks“ und „Unsinn“ und „Aberwitz“ zu schreien, wenn man nicht einmal die Grundlage der Berechnungen verstanden hat?

Leider ist Blome nicht allein. Klaus Köster, Wirtschaftschef der „Stuttgarter Nachrichten“, kommentiert heute:

Wenn ein Topmanager sein Einkommen steigert, steigt statistisch die Armut.

Nein, denn der Median ändert sich dadurch nicht.

(Über die durchschnittliche und die mittlere Klugheit aller Zeitungskommentare zum Thema heute treffen wir also lieber keine Aussagen.)

Mit Dank an Benjamin B.!

1) Korrektur, 21:20 Uhr. Genau genommen definiert diese Größe nicht, wer arm ist, sondern „armutsgefährdet“.

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Hamburger Räuberlauf fällt aus

„Bild“ hat manchmal ein paar Probleme mit dem Verständnis des deutschen Justizsystems. Oder mit der deutschen Sprache.

Wenn die Überschrift beispielsweise

Justiz-Skandal: Richter lässt Räuber laufen

lautet, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass irgendwo ein Räuber freigesprochen wurde. Es kann auch bedeuten, dass ein Dieb 20 Monate Haft auf Bewährung erhalten hat.

Im konkreten Fall ging es vor dem Hamburger Amtsgericht um einen Wachmann, der einen kaputten Tresor bewachen sollte, diesen aber stattdessen leer räumte, mit einem Taxi nach Österreich fuhr und die Beute von 107.600 Euro dort im Spielcasino verspielte.

Im Text wird aus dem „Räuber“ dann immerhin wieder ein Dieb:

Jetzt stand der 22-Jährige wegen Diebstahls vor Gericht, ihm drohten bis zu 10 Jahre Haft.

Zum „Justizskandal“ wird der Fall laut „Bild“, weil der Richter, den „Bild“ mit Foto und Namensnennung gleich an den Pranger stellt, bei der Urteilsbegründung folgendes gesagt haben soll:

„Wenn ich mir angucke, dass Manager Schäden in Millionenhöhe verursachen und frei herumlaufen, sehe ich nicht ein, warum ich dann auf den kleinen Mann einhauen soll.“

Das Schwesterblatt „Welt“ zitiert den Richter etwas anders:

Sein Argument: „Wenn bekannte Manager, die um Millionen betrügen, mit Bewährung davonkommen, dann muss man auch diesem jungen Mann Bewährung zugestehen.“

In der „Welt“ erfährt man auch, dass der Angeklagte vor Gericht Reue zeigte, dass „der Staatsanwalt“ („Bild“) offenbar eine „junge Staatsanwältin“ war, und dass der Richter in seiner Urteilsbegründung auf einen weiteren Aspekt eingegangen ist:

Eine Rüge verpasste der Richter der Wachdienst-Firma, die Mirnes H. beschäftigt hatte: „Es ist eine grobe Fahrlässigkeit, einen jungen Mann, der gerade erst eingestellt wurde, ganz allein mit der Bewachung eines defekten Tresors zu betrauen.“

Mit Dank an Sarah K.

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Wie kein Ei dem anderen

Das Leben könnte ja so schön einfach sein — wenn man nur einen Zwilling als Geschwister hätte. Ein eineiiger sollte es allerdings schon sein. Denn solche eineiigen Zwillinge, so schreibt die „Bild“-Ausgabe Dresden, sind dermaßen identisch, dass sie niemand, wirklich niemand auseinander halten kann. Man könnte sich also abwechseln mit dem täglichen Gang in die Arbeit, man könnte sich einen Ehepartner teilen, ohne dass der das merkt. Oder aber, um zu den wirklich praktischen Seiten des Lebens zu kommen:

Ätsch, Polizei! Wir teilen uns einen Führerschein

Unter dieser Überschrift berichtet „Bild“ von zwei Dresdnerinnen, die nie von einem Fahrverbot betroffen sind — selbst dann nicht, wenn eine der beiden mal den Führerschein verliert (was angeblich öfter vorkommt). Denn wenn das mal der Fall sein sollte, dann fährt die eine einfach mit dem Führerschein der anderen weiter. Und das Schöne daran: „Die Polizei kann nichts dagegen tun!“. Die Erklärung dafür liefert „Bild“ gleich hinterher: Die beiden eineiigen Zwillinge seien wie Klons, was in der Konsequenz bedeute

Und weil die beiden genetisch identisch sind, kann kein Polizist der Welt sagen, wer nun wirklich gefahren ist…

Wenn die Polizisten dieser Erde nur „Bild“ lesen würden, könnte das vielleicht sein. Wenn sie (und die „Bild“-Redaktion) sich aber beispielsweise hier informieren würden, wüssten sie, dass eineiige Zwillinge keineswegs immer einen identischen genetischen Code haben müssen. Im Gegenteil, so heißt es bei „Bild der Wissenschaft“ weiter:

In ihrem Erbgut, dem „Buch des Lebens“, können im Vergleich zu ihrem Zwilling ganze Textteile fehlen oder auch mehrfach vorkommen.

Und wenn die Polizisten (und die „Bild“-Redaktion) ganz schlau wären, dann wüssten sie, dass man nicht einmal genetische Codes überprüfen muss, um Menschen auseinanderhalten zu können. Da Fingerabdrücke letztendlich das Resultat eines sehr zufälligen Prozesses sind, gibt es keine identischen Abdrücke — nicht mal bei eineiigen Zwillingen.

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Der spektakulärste Wechsel aller Zeiten

Am Dienstag traute sich die Sportredaktion von „Bild“ wirklich mal was: Während nahezu die ganze Fußball-Welt (einschließlich der Fußball-Bibel „Kicker“) davon ausging, dass der Spieler Diego von Werder Bremen zu Juventus Turin wechseln würde, vermeldete „Bild“ „exklusiv“:

„BILD weiß…:

BILD weiß: Bayern und Werders Super-Star Diego (24) sind sich schon einig! Der Brasilianer soll in Kürze einen Vier-Jahres-Vertrag unterschreiben. Juventus ist aus dem Rennen. (…) Der Wechsel nach Italien scheitert an Diego! (…)

Heute wollte Juventus erneut zu Verhandlungen nach Bremen fliegen. Vermutlich hatte Bayern Angst, dass die Turiner beim Gehalt doch noch mal ordentlich drauflegen.

Den Flug im Lear-Jet nach Bremen können sich die Italiener sparen. Diegos Vater ist aus München direkt nach Brasilien geflogen. Im Gepäck den spektakulärsten Wechsel aller Bundesliga-Zeiten!

In gewohnter Unbescheidenheit hieß es dann gleich zu Beginn des Textes: „Das ist der Transferhammer des Jahres!“ Der Hammer bestand in der Information von Bild.de, es habe ein „Geheimtreffen“ zwischen Diegos Vater und Berater sowie den Verantwortlichen des FC Bayern gegeben. Diego sei sich mit den Bayern einig und werde den Münchnern den Vorzug gegenüber Turin geben. Die Vereine müssten nur noch letzte Modalitäten klären. Und damit es sich der Leser auch bildlich vorstellen konnte, packte ihn die „Bild“-Fotomonteure gleich mal in das Trikot des FC Bayern.

Der „Transferhammer“ hatte nur einen kleinen Haken: Diego dachte nicht im Traum daran, zu den Bayern zu gehen. Der „Kicker“ schrieb bereits am Mittwoch:

Von einem offiziellen Angebot der Bayern, wie es die Bild-Zeitung berichtet und bereits Vollzug über den Transfer vermeldet hatte, wollte Diego nichts wissen. „Es gibt losen Kontakt zu den Bayern, aber nur über meine Berater“, erklärte der 2006 von Porto zu Werder gekommene Spieler. Auch Manager Uli Hoeneß schlägt in die gleiche Kerbe: „Wer sagt das, dass wir uns getroffen haben? Wir haben überhaupt nicht verhandelt.“

So richtig zugeben, dass die Exklusiv-Meldung eine Exklusiv-Ente war, mochte man bei „Bild“ allerdings dann doch nicht. Und so war man nicht unglücklich, einen Schuldigen für das Exklusiv-Debakel präsentieren zu können. Der Papa war’s, Papa Diego. Denn der ist — ganz unbrasilianisch — ein Baron:

Papa Diego ist als Lügen-Baron aufgeflogen! Weil Djair da Cunha die Bayern gelinkt hat, ist der Wechsel geplatzt. Als Berater seines Sohnes verhandelte er noch vorgestern mit den Bayern-Bossen, obwohl er sich bereits mit Juventus Turin über einen Wechsel zum Saisonende geeinigt hat.

Bayern gelinkt — und, was fast noch schlimmer ist: „Bild“ gelinkt! Kein Wunder also, dass man so jemandem nur die niedersten Motive unterstellen kann, die Frage nach dem „Warum“ beantwortet sich für „Bild“ jedenfalls ziemlich leicht:

Die Antwort: Reine Gier! Diego und sein Vater versuchten die Ablösesumme in die Höhe zu treiben, weil sie daran mit 15 Prozent beteiligt sind…

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Netzwerk Recherche

Am Montag hatten wir darüber berichtet, wie StudiVZ darauf reagiert, dass sich Medienvertreter in dem sozialen Netzwerk mit Fotos und Informationen über Jugendliche eindecken.

Logo der StudiVZ-Gruppe "Wenn ich tot bin, soll mein Bild nicht in die Bild-Zeitung!"Im Anschluss daran schrieben uns Leser, die fragten, wie sie einem solchen Bilderklau Vorschub leisten könnten (Korrektur von 16:19 Uhr: BILDblogger scheitert an der deutschen Sprache) einen solchen Bilderklau verhindern könnten. Eine richtige Antwort darauf hatten wir auch nicht, bis uns ein weiterer Leser schrieb, er habe gerade eine neue Gruppe bei StudiVZ gegründet: „Wenn ich tot bin, soll mein Bild nicht in die Bild-Zeitung!“ Eine vielleicht etwas hilflose und symbolische Aktion, die aber immerhin auf das Problem aufmerksam macht.

Der folgende Tag allerdings zeigte, dass das Problem der Recherche in Sozialen Netzwerken kein „Bild“-spezifisches ist — und dass man nicht unbedingt tot sein muss, um unfreiwillig seine privaten Fotos in der Boulevardpresse wiederzufinden:

In Sankt Augustin hatte eine Schülerin offenbar einen Brandanschlag auf ihr Gymnasium geplant. Eine Mitschülerin stellte sich ihr in den Weg und wurde mit einem Messer verletzt. „Bild“ berichtete am Dienstag groß über die „Heldin“ und veröffentlichte dabei eine Kurz-Charakterisierung, die sich liest, als sei sie direkt aus dem Profil einen Sozialen Netzwerks zusammenkopiert:

Wer ist die hübsche Schülerin? Sie geht in die 11. Klasse und möchte später gerne in Paris studieren. Dennoch ist Ankes Lieblingsfach Englisch. Die begeisterte Tennis-Spielerin geht gerne shoppen, liest und reist viel. Raucher mag sie dagegen überhaupt nicht.

Auch der „Express“ überrascht mit erstaunlichem Faktenwissen:

Ihr Opfer Janine, die davon träumt an der Sorbonne in Paris zu studieren, ist inzwischen in der Uni-Klinik notoperiert worden.

Beide Zeitungen haben nach eigenen Angaben den Namen der Verletzten geändert. Ihre Berichte sind mit Fotos des Mädchens garniert, auf denen das Gesicht verpixelt wurde. Es sieht ganz danach aus, dass sie aus dem Profil des Mädchens in einem Sozialen Netzwerk entnommen wurden. Auf Nachfrage erklärte SchuelerVZ, man prüfe gerade, ob die Fotos aus dem eigenen Angebot stammen.

Einen besonderen Einblick in den Arbeitsalltag von Boulevardjournalisten liefert ein Artikel in der „Rheinischen Post“ (die in ihrer Printausgabe sogar den vollen Namen der 16-jährigen Tatverdächtigen angegeben hatte). Man meint, dem Autor Jürgen Stock seine Enttäuschung regelrecht anmerken zu können:

Alternativ hätte sie der „Rheinischen Post“ kurz vor ihrem geplanten Amoklauf vielleicht auch einfach kurz ein paar biographische Notizen faxen können — das hätte Herrn Stock auch viel Zeit gespart.

Mit Dank auch an Falk E., Leonard E., Birgit H. und Fabian P.

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Ein Leserbriefschreiber, der ankommt

Jeden Tag wählt die „Bild“-Redaktion aus den vielen Leserbriefen, die sie bekommt, ein paar aus, die sie in der Zeitung veröffentlicht. Manche hält sie für so lesenswert, dass sie sie durch Fettdruck hervorhebt und den Absender sogar im Foto zeigt.

Am Donnerstag hatte „Bild“ groß auf der Titelseite eine junge Frau gezeigt, die im Bundestagsbüro von SPD-Chef Franz Müntefering als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet. Sie sei „die neue Frau“ in seinem Leben, „sein neues Glück“, nachdem seine Ehefrau Ankepetra im vergangenen Jahr an Krebs gestorben war. Müntefering hatte sich vorübergehend aus der Politik zurückgezogen, um sie in den letzten Monaten ihres Lebens zu pflegen.

Die Leser-Meinung, die „Bild“ dazu auswählte und besonders hervorhob, liest sich so:

Das ist nicht nur erstaunlich gehässig, was das Privatleben des SPD-Vorsitzenden angeht. Die Formulierung am Schluss ist auch politisch verräterisch. So gesehen ist es keine Überraschung, was man herausfindet, wenn man ein bisschen recherchiert, wer Reinhart Jahnke ist. Er war im „Bündnis RECHTS“ in Mecklenburg-Vorpommern aktiv, wurde 2005 Bundestagskandidat der NPD in Lübeck und sprach im selben Jahr bei einer von dem militanten Hamburger Neonazi Christian Worch organisierten Kundgebung in der Stadt. Nach internen Querelen verließ er den NPD-Kreisverband 2006.

Inzwischen scheint er einen größeren Teil seiner Zeit mit dem Schreiben von Leserbriefen und Kommentaren zu verbringen, und in der „Bild“-Zeitung hat er einen dankbaren Abnehmer gefunden. Die Häme über Müntefering und das System der „BRD“ war der vierte Leserbrief von ihm, den „Bild“ in weniger als drei Monaten veröffentlichte.

Mit Dank an Reinhard K.!

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Widerruf einer Herz-OP

Vor zwölf Jahren hat sich Peter Alexander fast völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der „Tagesspiegel“ schrieb zu seinem 80. Geburtstag:

Alexander, der sein Leben lang die Öffentlichkeit unterhalten hat, hat keine Lust mehr auf Öffentlichkeit, und dabei ist er sogar konsequenter als Günther Jauch. Er hat nie Charity gemacht, hat sich nie wie andere Stars für irgendwelche Projekte eingesetzt, Tiere gerettet oder vor Landminen gewarnt. Er wolle keine politischen Anliegen vertreten, hat er mal zu seinem Biografen gesagt. Und vor allem: Alexander gibt keine Interviews mehr. „Ich habe meinen Beruf sehr ernst genommen, und genauso ernst werde ich meine Pension nehmen“, hat er einmal gesagt, und daran hält er sich auch.

Für viele Medien ist das nicht akzeptabel. Sie respektieren seinen Wunsch nicht, sein Privatleben privat zu leben. Und als im März Alexanders Tochter bei einem Unfall in Thailand ums Leben kam, war es für sie eine wunderbare Gelegenheit, mit dem früheren Entertainer noch einmal Auflage zu machen.

Die Tochter von Peter Alexander war selbst nicht prominent, sie war nur die Tochter von Peter Alexander, aber „Bild“ und andere nahmen ihren Tod zum Anlass, in größter Aufmachung nicht nur ausführlich über die Umstände des Unfalls zu berichten, sondern auch über das Privatleben von Peter Alexander. Nach Angaben seiner Anwältin ist er gegen mehrere Dutzend Artikel, unter anderem in der Illustrierten „Bunte“, erfolgreich juristisch vorgegangen.

Die „Bild“-Autoren Robin Mühlebach und Daniel Kestenholz behaupteten zudem, „erfahren“ zu haben, dass „der große Entertainer zur Zeit in einer Wiener Klinik liegt. Dort soll er sich in den nächsten Tagen einer Bypass-Operation unterziehen“.

Die Behauptung wurde von anderen Medien wie dem Online-Auftritt der Illustrierten „Gala“ begierig übernommen. Eine Sprecherin Alexanders widersprach den Meldungen allerdings noch am selben Tag.

„Bild“-Leser erfuhren von dem Dementi nichts. Erst am vergangenen Samstag, sechs Wochen später, widerrief die Zeitung ihre Behauptung. Peter Alexander hat vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt, die „Bild“ zwang, eine Gegendarstellung auf der Titelseite abzudrucken:

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