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Angebot und Nachfrage

Atlético Madrid hat angeblich Interesse am Brasilianer Rafinha, zur Zeit in Diensten des FC Schalke 04. Das berichtete gestern die spanische Sportzeitung „El Mundo Deportivo“.

Dem konnte Bild.de gestern Nachmittag etwas hinzufügen:

Magath bestätigt Angebot: Atletico Madrid jagt Rafinha!

Schon im August wollte der derzeitige Tabellenelfte der Primera Division den Rechtsverteidiger ausleihen. Wird’s diesmal ernster? Trainer Felix Magath: „Ja, ein Klub hat wegen Rafinha angefragt…“

Magath bestätigt Angebot – Atletico will Rafinha!

Was man auf den ersten Blick kaum sieht: Dieser kleine Strich zwischen „Magath bestätigt Angebot“ und „Atletico will Rafinha!“ markiert die Grenze zwischen sicherer Faktenlage und dünnem Eis.

Laut Sportinformationsdienst (sid) war Magaths Ausspruch nämlich noch etwas länger:

„Ich habe eine Anfrage für den Spieler Rafinha vorliegen, aber von einem Interesse von Atletico Madrid höre ich zum ersten Mal. Das ist nicht der Verein, der bei mir angeklopft hat“, sagte Schalke-Trainer Felix Magath am Mittwoch zu diesem Gerücht.

So lange Magath nicht verrät, welcher Verein angefragt hat, kann also munter weiter spekuliert werden: Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ munkelt recht unpräzise von einem „größeren ausländischen Klub“, die Sportwebsite Spox.com will erfahren haben, dass der VfL Wolfsburg an Rafinha interessiert ist — was wiederum bei Bild.de in Frage gestellt wird.

Mit Dank an Bastian.

Weniger bleibt mehr

Barack Obama ist auf dem absteigenden Ast. Kein Zweifel — denn man kann es schließlich überall lesen. Und so kam man auch heute Morgen kaum an den Schlagzeilen über den neusten, schwer herben Rückschlag für den US-Präsidenten vorbei:

Bei Focus.de:
Obama erleidet schweren Rückschlag. Es läuft nicht gut für Barack Obama. Bei den Nachwahlen haben die Demokraten eine Hochburg und damit ihre Mehrheit im Senat verloren. Damit können die Republikaner große Projekte blockieren – auch die Gesundheitsreform.

Bei Bild.de:
 Schwerer Rückschlag  US-Präsident Obama verliert Mehrheit im Senat

Und bei Express.de:
Herber Rückschlag Obama verliert Mehrheit im Senat

Kenner der US-Politik reiben sich verwundert sie Augen: Gestern hatte Obama noch eine satte Mehrheit: zehn Stimmen mehr als die Häfte der Senatoren. Wie konnte der Präsident – oder besser: seine Partei – diesen Vorsprung quasi über Nacht verlieren, wo am Dienstag doch nur die Nachwahl eines einzigen Abgeordneten anstand?

Die Auflösung ist einfach: Natürlich meinten die deutschen Medien nicht etwa, dass Obama die Mehrheit verloren habe, sondern nur eine Mehrheit — nämlich die qualifizierte Mehrheit von 60 Prozent der Senatssitze. Die erlaubt es einer Partei, so genannte Filibuster zu unterbrechen, bei denen ein Abgeordneter des politischen Gegners durch lange Debattenbeiträge eine Abstimmung zu verhindern versucht.

Klingt kompliziert? Ist auch so. Was also der Verlust eines Sitzes im US-Senat bedeutet, erklärt uns der Express deshalb sogar fett gedruckt — ohne mit gesetzgeberischen Details zu langweilen:

Damit verfügt Obama ein Jahr nach seiner Amtsübernahme in der kleineren Kongresskammer nicht mehr über die nötige 60-Stimmen-Mehrheit zur Durchsetzung wichtiger Gesetzesvorhaben.

So ähnlich scheint es auch der Redakteur von Stern.de gesehen zu haben, der die Lage heute Morgen noch etwas prägnanter zusammenfasste:

Massachusetts republikanisch: Demokraten verlieren Senat

Inzwischen wurde die Überschrift geändert und bekam einen „-orenposten“ angehängt.

Gewiss: Ein etwas harsches Urteil für eine Senatsmehrheit, die zum Beispiel weit oberhalb der Mehrheit der schwarz-gelben Koalition im Deutschen Bundestag liegt. Aber wenn Obama nun keine wichtigen Gesetze mehr durchbringen kann, ist das Fazit sicher gerechtfertigt. Außerdem klingt es so viel besser als die komplizierten Fakten.

Allerdings war Barack Obama im vergangenen Jahr der erste Präsident seit Jimmy Carter, der über diese super majority verfügte. Und dass weder Ronald Reagan, noch George Bush, Bill Clinton oder George W. Bush je ein wichtiges Gesetz durchgebracht hätten, ist eine Interpretation, die wohl nur wenige Menschen teilen würden.

Mit Dank auch an TM.

Nachtrag, 21. Januar: Focus.de hat inzwischen den Beitrag berichtigt und den Fehler richtig gestellt.

Trick oder Trick?

Es muss Freude geherrscht haben in der Bild.de-Redaktion, als jemand auf YouTube ein „irres Basketball-Video“ fand, in dem nacheinander „vier Volltreffer von der Mittellinie“ zu sehen sind:

Wurde dieses Video manipuliert oder nicht? Es lässt sich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit feststellen. In den inzwischen über 500 Kommentaren zu dem Clip auf YouTube wird leidenschaftlich darüber gestritten. Die Person, die das Video online gestellt hat und nach eigenen Angaben aus dem Umfeld der gezeigten Kansas Jayhawks stammt, beteuert, dass alles echt sei.

Auffällig ist, dass offenbar von Anfang an vier Würfe geplant waren. So jubelt der Mann hinter der Kamera erst, als auch der vierte Wurf gelingt. Niemand wagt einen fünften Versuch.

Irritierend ist auch dieser Screenshot nach 27 Sekunden:

Basketball-Trickshot ohne Ball

Der Ball ist, nur für Sekundenbruchteile, nirgends zu sehen.

Zu unterscheiden, was echt und was nicht echt ist, wird schwieriger in Zukunft, für Laien und für Sportjournalisten. War es „die ganz große Kunst des Basketballs“, wie Bild.de die Aufnahmen einschätzt? Oder eher die ganz große Kunst der Videotechnik?

Videos von außergewöhnlichen Trickschüssen sind nämlich oft manipuliert. Wie das geht, zeigt der Filmemacher Jack Anderson in einem kurzen Video, das schon seit 2008 online ist:

Mit Dank an Bene F. und Jack Anderson.

Posthum gealtert

Eigentlich wollten wir ja nicht mehr über falsche Altersangaben bei „Bild“ berichten. Die sind nämlich immer noch so häufig, dass man dafür ein eigenes Blog einrichten könnte.

Aber die Vehemenz, mit der „Bild“ und Bild.de Petra Schürmann (†74) mit ihrem Tod um zwei Jahre haben altern lassen, ist schon bemerkenswert:

Die frühere Fernsehmoderatorin starb im Alter von 76 Jahren in ihrem Haus in Starnberg. Die Klinik Großhadern bestätigte am Donnerstag entsprechende Informationen der Münchner "Abendzeitung".

Petra Schürmann († 76) ist tot. Sie starb um halb zwei in der Nacht zu Donnerstag in ihrem Haus in Starnberg.

Der 21. Juni 2001. Sommerbeginn. Ein Tag, der dem Leben von TV-Moderatorin Petra Schürmann († 76) eine tragische Wendung geben sollte .

Petra Schürmann ist tot. Die Moderatorin starb in der Nacht zum Donnerstag in ihrem Haus am Starnberger See im Alter von 76 Jahren.

Freunde und Kollegen erinnern sich an Petra Schürmann (†76): Sie war ein wunderschöner Mensch ...

„Bild“ ist immerhin so konsequent, auch ein anderes Geburtsdatum zu nennen als alle anderen Quellen:

(*15.09.1933)

Nun kann es natürlich sein, dass „Bild“ mehr weiß als alle Anderen. Das dann aber noch nicht sehr lange: Im vergangenen Frühjahr, als „Bild“ und Bild.de zuletzt über Frau Schürmann berichteten, war sie dort noch 73.

Große Sorge um Schauspielerin Petra Schürmann (73). Ihre Freunde sind in Alarmstimmung!

Traurig erinnert die Geschichte von Peter Alexander an einen anderen Fall: Den der TV-Moderatorin Petra Schürmann (73).

Mit Dank an Big J, John H. und Stefan W.

Nachtrag, 20. Januar: „Bild“ wusste tatsächlich mehr als die meisten Anderen — mehr dazu hier.

Kürzer gemacht

Eine (vielleicht) wichtige Meldung für Formel-1-Fans:

Ecclestone will das "Abkürzen" erlauben

Bevor es offiziell so weit ist, geht Bild.de aber schon mal mit gutem Beispiel voran:

Bernie Ecclestone (l.) im Gespräch mit Ferrari-Star Fernando. Jetzt überrascht der Formel-1-Boss mit einem kuriosen Vorschlag: Er will Abkürzungen bei den Formel-1-Rennen für die Fahrer zu lassen

… und kürzt Fernando Alonso den Nachnamen weg.

Mit Dank an Sven D.

Nachtrag, 16. Januar: Bild.de hat „Fernando“ sein „Alonso“ zurückgegeben.

Schleichst du noch oder wirbst du schon?

Schleichwerbung oder Modemacke - Warum trägt Bohlen immer dieselbe Polo-Hemden-Marke?

fragt Bild.de gewohnt investigativ und unterstreicht mit einer dreiteiligen Bildergalerie die Feststellung, dass Dieter Bohlen in der dritten Folge der aktuellen Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ bereits zum dritten Mal ein Polohemd von „Camp David“ trug. Ironischerweise riecht die überaus schmeichelhafte Beschreibung des amerikanischen Modelabels durch „Bild“ („Laut Konzern ‚eine Marke für selbstbewusste Männer ab 25‘ (Shirts rund 30 Euro)“) selbst schon ein wenig nach Schleichwerbung.

Den Beitrag schmücken zwei InText-Werbelinks zu einer Mode-Preisvergleichsseite und zwischen den zahlreichen Anzeigen für verschiedenste Online-Mode-Versandhäuser hat Bild.de ein mutmaßlich redaktionell gemeintes Video von Reuters eingebaut, in dem über die Modeschau eines Unterwäsche-Herstellers berichtet wird. Für Produktinformationen ist also ausreichend gesorgt.

Was jedoch komplett fehlt, ist die Antwort auf die ursprüngliche Frage, die wir gerne beantworten: Nein, Dieter Bohlen macht keine Schleichwerbung — sondern ganz offen Werbung für „Camp David“. Recherchefreudige Journalisten hätten dies leicht mit einem Besuch im Online-Shop der Marke herausfinden können:

Camp David - Dieter Bohlen - Bestseller!

Da grinst einen der Dieter nämlich die halbe Seite ausfüllend direkt an — und die Polohemden sind auch schon alle ausverkauft.

Mit Dank an Matthias K.

Eigento

Seit die „Tagesthemen“ im Juni 2008 eine falsche Deutschlandfahne eingeblendet haben, hat „Bild“ die Nachrichten der ARD genau im Auge — vielleicht sogar noch ein bisschen genauer, seit der Axel Springer Verlag sauer auf „ARD aktuell“ ist.

Am Wochenende hatten die Beobachter von „Bild“ endlich mal wieder was entdeckt, was sie der „Tagesschau“ am Montag sofort aufs Brot schmieren konnten:

Verlierer: Wieder mal Erdkunde-Probleme bei der "Tagesschau"! Diesmal traf es das Emirat Katar am Golf. Dessen Hauptstadt Doha machte die ARD gestern früh zu "Dohar". Die peinliche Panne sprach sich auch in der Delegation von Außenminister Westerwelle herum, dessen Arabien-Reise der Beitrag betraf. BILD meint: Oha(r)!

Ja, was für peinliche Volltrottel da bei der ARD sitzen. Wo doch jeder Depp weiß, dass die Hauptstadt Katars Doha heißt.

Also: Von dem Menschen mal ab, der für „Sportbild“ – deren Internetauftritt seit November eine Unterseite von Bild.de ist – die Sport-Termine für den letzten Dezember zusammengestellt hat:

Reiten (bis 23.12.): Weltcup, Springen in Dohar (Katar)

Mit Dank an Thomas H.

Eiskalt abgeschrieben

Fiese Freibiermentalität gefährdet nach Ansicht der Axel Springer AG einfach „jedes qualitativ anspruchsvolle Angebot im Netz“. „Abendblatt“-Vizechefredakteur Matthias Iken sang seinen Lesern Mitte Dezember das Klagelied vom bösen Kostenlosjournalismus vor. „Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus“, beschimpfte er das Publikum (und gab diese Woche ein herrliches Beispiel, wie bezahlter Qualitätsjournalismus auf abendblatt.de aussehen kann).

Wie dramatisch muss man sich dann erst die Lage beim (noch) kostenlosen Bild.de vorstellen?

Bei der völlig übertriebenen Panikmache von „Bild“ vor einem angeblich drohenden Schneechaos am Wochenende darf online ein Rückblick auf die Schneekatastrophe zum Jahreswechsel 1978/1979 nicht fehlen. Wo könnte man recherchieren? In einem Geschichtsbuch? In historischen Artikeln aus dem Redaktionsarchiv? Bei Meteorologen oder Zeitzeugen?

Doch warum einen solchen Aufwand für den Artikel betreiben? Das Volk will nicht für Inhalte bezahlen, also will es auch keinen Qualitätsjournalismus. Und zum Glück kann man sich ja bei anderer Leute Freibier bedienen. Also schnell zu Wikipedia.

Artikel auf bild.de
Eintrag bei de.wikipedia.org
In meterhohen Schneeverwehungen bleiben Hunderte Fahrzeuge auf Landstraßen und Autobahnen liegen, Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Auf Rügen ist ein Zug fast 48 Stunden von der Außenwelt abgeschnitten. Meterhohe Schneeverwehungen brachten den Straßen- und Eisenbahnverkehr zum Erliegen, viele Ortschaften und auch die ganze Insel Rügen, wo ein Eisenbahnzug mehr als 48 Stunden im Schnee steckte, waren von der Außenwelt abgeschnitten.
30 Zentimeter dicke Eispanzer legen sich um die Strom- und Telefonleitungen. Unter dem Gewicht brechen die Masten. Überall fallen die Strom- und Telefonnetze aus. Vielerorts fielen Strom und Telefonnetze aus, da sich bis zu 30 cm dicke Eispanzer um die Leitungen legten und die Strom- und Telefonmasten unter dem Gewicht barsten.
Bundeswehr und NVA sowie die Rote Armee in der DDR müssen mit Panzern den Gemeinden zu Hilfe kommen, deren Räumfahrzeuge die Schneemassen nicht mehr bewältigen können. Räumfahrzeuge der Gemeinden konnten die Schneemassen nicht mehr bewältigen, so dass die Bundeswehr, die NVA und die hier stationierte Rote Armee mit Panzern eingesetzt wurden, um zumindest liegen gebliebene Fahrzeuge und Züge zu erreichen.
Die Inseln an der deutschen Nordsee- und Ostseeküste sind nicht mehr erreichbar. Auf den Bauernhöfen gehen Kleinviehbestände zu Grunde. Örtliche Bäckereien fallen aus, es gibt kein frisches Brot mehr. Ebenso waren die Inseln nicht mehr erreichbar und komplett auf sich selbst gestellt. Kleinviehbestände gingen zu Grunde, der Ausfall örtlicher Bäckereien führte zu Brotmangel.
Die Telefone waren ausgefallen, Gemeinden, Hilfsorganisationen, Bundeswehr, Stromversorger und Bundespost arbeiteten auf unterschiedlichen Funkfrequenzen. Die Bundeswehr stationierte Funkpanzer als Relaisstationen im Katastrophengebiet. Eine Koordinierung der Hilfe war anfangs nicht möglich, da eine Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Hilfsorganisationen, Bundeswehr, Stromversorgern und Bundespost nie geplant worden war: es gab keine gemeinsamen Funkfrequenzen, auf denen man hätte kommunizieren können.
Funkamateure aus Schleswig-Holstein und Umgebung nahmen unmittelbar den Notfunkbetrieb auf. Funkamateure aus Schleswig-Holstein und Umgebung nahmen unmittelbar den Notfunkbetrieb auf und ermöglichten somit eine Koordination der Hilfskräfte untereinander
Auch die Fahrzeuge der Rettungsdienste konnten auf den zugeschneiten Straßen nicht mehr fahren, so dass auch hier die Bundeswehr ihre teilweise eingemotteten geländegängigen Krankenwagen kurzfristig reaktivieren und den zivilen Rettungsbetrieb nahezu komplett übernehmen musste. Auch die Fahrzeuge der Rettungsdienste konnten auf den zugeschneiten Straßen nicht mehr verkehren, so dass auch hier die Bundeswehr ihre teilweise eingemotteten geländegängigen Krankenwagen kurzfristig reaktivieren und den zivilen Rettungsbetrieb nahezu komplett übernehmen musste.

Mit Dank an Jens.

Nachtrag, 18.30 Uhr.

Auch abendblatt.de erinnert an die Schneekatastrophe zum Jahreswechsel 1978/1979 — in den Genuss der handverlesenen Premium-Information kommen allerdings nur zahlende Leser. 7,95 Euro pro Monat kostet der Übertritt vom kostenlosen Journalismus-Jammertal in den Hamburger Qualitätshimmel.

Wer hinter der Bezahlschranke ein exklusives Hintergrundstück zum Schneechaos erwartet wird jedoch enttäuscht — auch die „Abendblatt“-Redakteure haben sich einfach großräumig in der „Wikipedia“ bedient. Doch wenigstens geben die im Gegensatz zur hauseigenen Kostenlos-Konkurrenz offen zu, woher die Ware stammt, und nennen als Quelle „wikipedia“. Womöglich ist das der Qualitätsgewinn, den man als zahlender Kunde bei Springer bekommt.

Nachtrag, 21.30 Uhr.

Inzwischen hat die Redaktion von „abendblatt.de“ den Artikel über die Schneekatastrophe 1978/1979, der in wesentlichen Teilen auf einem Wikipedia-Eintrag basierte, kommentarlos aus dem kostenpflichtigen Bereich gelöscht. Die Redaktion von „Bild.de“ hat ihren Artikel währenddessen um einen Hinweis ergänzt („Ein Rückblick auf den Horror-Winter vor 30 Jahren, wie er in Wikipedia („Schneekatastrophe in Norddeutschland“) und in den Artikeln von damals nachzulesen ist“).

Dreckschweine muss man zeigen dürfen

„Bild“ hat ein eklatantes Problem zu akzeptieren, dass auch Menschen, die schlimme Verbrechen begangen haben, Menschen bleiben und die Menschenrechte somit auch weiterhin für sie gelten.

Im August hatte das Bundeskriminalamt in verschiedenen Medien nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde. Aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit stellte sich der mutmaßliche Täter nach einem Tag und das BKA bat, die zur Fahndung veröffentlichten Fotos nicht weiter zu verwenden und aus dem Internet zu entfernen. „Bild“ ignorierte diese Bitte ebenso wie etliche als seriös geltende Medien (BILDblog berichtete).

Im Oktober nutzte „Bild“ die Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft Trier als willkommenen Anlass, die Fotos erneut zu veröffentlichen und den mutmaßlichen Täter unter anderem als „Deutschlands schlimmsten Kinderschänder“, „Sex-Bestie“ und „Dreckschwein“ zu bezeichnen (BILDblog berichtete auch da).

Weil wir in der Berichterstattung von „Bild“ einen Verstoß gegen den Pressekodex sahen, haben wir uns beim Deutschen Presserat beschwert und waren damit nicht allein.

Ziffer 1 Pressekodex

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.

Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.

In seiner Stellungnahme an den Presserat erklärte die Rechtsvertretung der Axel Springer AG, dass sie die Bezeichnungen „Sexbestie“, „Perverser“ oder „Dreckschwein“ für zulässig halte. (Über das besondere Verhältnis von „Bild“ zur Bezeichnung „Schwein“ hatten wir auch schon mal berichtet.) Ausschlaggebend seien hierfür die besonderen Umstände des Falls. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik habe das Bundeskriminalamt öffentlich nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen werde.

„Bild“ möchte den Mann also gerne als „Dreckschwein“ bezeichnen dürfen, weil öffentlich nach ihm gefahndet worden war, und erklärt weiterhin, dass es sich „nicht nur um Wertungen der Tat durch die Redaktion“ handele, sondern mit der Wortwahl „auch ausgedrückt werde, was der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung über den Mann denke“.

Der Beschwerdeausschuss sieht in der Bezeichnung „Dreckschwein“ hingegen eine Beleidigung, die die Menschenwürde verletze. Die Bezeichnung „Sex-Bestie“ hält der Ausschuss dagegen für vereinbar mit dem Pressekodex.

Auch bei der Veröffentlichung der Fotos beruft sich das Springer-Justitiariat auf das große öffentliche Interesse an dem Fall. Außerdem habe der Presserat schon öfter entschieden, dass bei einem vorliegenden Geständnis auch identifizierend über Tatverdächtige berichtet werden dürfe. Etwas unglücklich für diese Argumentationsführung ist freilich der Umstand, dass der Angeklagte bisher noch gar kein Geständnis abgelegt hat, was dann sogar dem Presserat auffiel.

Er hält die erneute Veröffentlichung der Fotos für unzulässig und verweist ausdrücklich darauf, dass das BKA die Aufnahmen offiziell zurückgezogen habe.

Wegen Verstoßes gegen Ziffer 8, Richtlinie 8.1 und Verletzung der Ziffer 1 des Pressekodex sprach der Beschwerdeausschuss eine „Missbilligung“ gegen „Bild“ und Bild.de aus. Es besteht keine Pflicht, eine solche „Missbilligung“ zu veröffentlichen, „als Ausdruck fairer Berichterstattung“ empfiehlt der Beschwerdeausschuss jedoch eine Veröffentlichung.

Es ist unwahrscheinlich, dass „Bild“ und Bild.de gewillt sind, faire Berichterstattung ausdrücken zu wollen. Die Bilder, die der Presserat beanstandete, sind immer noch online. Aber um deren Entfernung hatte ja schon das BKA vor Monaten vergeblich gebeten. Und im Gegensatz zum Presserat sind die Leute beim BKA sogar bewaffnet.

Brittany Murphy und das Schweinegrippenfoto

Immer wenn ein Star stirbt und die Todesursache nicht binnen fünf Minuten gekärt ist, fühlen sich die (Boulevard-)Medien aufgefordert zu spekulieren, was das Zeug hält. Beim Tod der amerikanischen Schauspielerin Brittany Murphy ist das nicht
anders. Das neueste Gerücht besagt, dass das Immunsystem der 32-Jährigen durch die Schweinegrippe geschwächt gewesen sei.

Bild.de beteiligt sich unter der Überschrift „Medien spekulieren, dass Brittany Murphy Schweinegrippe gehabt haben könnte“ an den Spekulationen und zeigt auf der Startseite ein Foto von Brittany Murphy, auf dem sie tatsächlich schwer angeschlagen wirkt:

Was die meisten Leser vermutlich nicht wissen und Bild.de ihnen nicht verrät: Es handelt sich um kein aktuelles Foto, sondern um eine acht Jahre alte Aufnahme aus dem 2001 gedrehten Film „Spun“. Darin spielt Murphy eine Drogenabhängige. Und deshalb sieht sie auf dem Bild so aus.

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