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„Bild“ und Lidl: Kleine Meldung unter Freunden

„Frei nach Axel Springer: ‚Bild‘ sollte nie irgendein Boulevard-Blatt, sondern eine Volkszeitung sein. Also Anwalt der Leser, Zuhörer, Ratgeber, Verteidiger, Helfer. Übersetzt heißt das: ‚Bild‘ sagt nicht nur, was passiert. ‚Bild‘ sagt auch, was die Republik fühlt. (…) Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. ‚Bild‘ ist (…) die gedruckte Barrikade der Straße. Das ist ihre Macht.“

Kai Diekmann im September 2005 im „FAZ“-Interview.

Wenn das, was Diekmann damals der „FAZ“ sagte, noch gelten soll (und für etwas anderes gibt es keine Anhaltspunkte), dann „fühlt“ die „Republik“ so ziemlich gar nichts angesichts der Tatsache, dass beim Lebensmitteldiscounter Lidl die Mitarbeiter überwacht wurden.

„Bild“ über den Lidl-Skandal

Der Lebensmitteldiscounter Lidl soll Beschäftigte systematisch überwacht haben. Angeblich wurde mit Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen (…). Das berichtet der „Stern“. (…) Lidl-Geschäftsführer Jürgen Kisseberth wollte „nicht ausschließen“, dass es entsprechende Aufträge gegeben habe.

Dann findet die Republik nicht, es sei ein „Lidl-Skandal“, dass „Mitarbeiter bis aufs Klo bespitzelt“ wurden, wie beispielsweise das Boulevardblatt „Berliner Kurier“ heute auf der Titelseite (pdf) schreibt. Dann meint die Republik nicht, die „Stasi-Methoden bei Lidl“ seien eine „Schweinerei ohne Gleichen“, wie das Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ auf der Titelseite berichtet. Dann ist die Republik auch nicht der Auffassung, Lidl sei „mit den jüngsten Enthüllungen“ auf dem „Niveau totalitärer Sklavenhalter“ angekommen, wie es in einem Kommentar (leider nicht online) der Münchner „Abendzeitung“ heißt. Dann ist die Republik nicht mal an einer weniger aufgeregten aber ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert.

Wenn immer noch gelten soll, was Diekmann der „FAZ“ sagte, dann löst die Bespitzelung von Mitarbeitern bei Lidl bei den „Bild“-Lesern ungefähr genauso viele Emotionen aus, wie die Tatsache, dass der VdK-Präsident Hirrlinger die Rentenerhöhung verteidigt (siehe Ausriss).

Aber das geht uns ja eigentlich gar nichts an. Schließlich ist es ganz allein Aufgabe der Redaktion, zu entscheiden, was wie und in welcher Größe über den Lebensmitteldiscounter und besonders guten Geschäftspartner von „Bild“ in „Bild“ steht.

Mit Dank an Tim, Denis K., Horst E. und Kai Z. für den Hinweis.

  

„‚Richter Gnadenlos‘ spricht Klartext“

Dies ist die Geschichte, wie „Bild“ den umstrittenen Hamburger Amtsrichter Ronald Schill zum Hoffnungsträger hochschrieb, der mit seiner Partei bei der Bürgerschaftswahl 2001 schließlich fast 20 Prozent der Stimmen bekam. Und es ist die Geschichte von der außerordentlichen Nähe eines „Bild“-Redakteurs zu Schill und seinen Leuten.

Ungefähr ab 1996 taucht Ronald Schill in den Medien auf. Seine Urteile sind spektakulär — vor allem, weil sie so hart sind, dass die Staatsanwaltschaft immer wieder Berufung zugunsten der Angeklagten einlegt. Für Aufsehen sorgt vor allem, als er eine psychisch labile Frau, die zehn Autos zerkratzt hat, zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. „Bild“ berichtet zunächst relativ distanziert und unparteiisch.

1997 ist die Sympathie unverkennbar. „Urteilen deutsche Richter zu milde?“, fragt „Bild“ am 22. August und erwähnt Ronald Schill als positives Gegenbeispiel. Vier Tage später lautet die rhetorische Frage von „Bild“ schon: „Richter Gnadenlos — brauchen wir mehr von seiner Sorte?“

Redakteur Matthias S. wird offenbar von 1999 an langsam zum Schill-Beauftragten von „Bild“. „Der harte Richter Schill — Was ist das eigentlich für ein Mann?“ fragt er am 21. Mai. Anlass ist, dass Schill einen nicht vorbestraften Pflegehelfer zu 15 Monaten Haft verurteilt, der mit 20 anderen „Linksautonomen“ die Herausgabe eines Ausweises von zwei Polizisten gefordert hat. „Bild“ berichtet zwar ausführlich über die Kritik an diesem Urteil, schreibt aber auch: „In der Bevölkerung ist Schill dagegen beliebt“ und zitiert drei Bürger, die glücklich sind über das Durchgreifen gegenüber den „Chaoten“ und „Krawallbrüdern“.

Ein typischer Schill-Gerichts-Bericht in „Bild“ liest sich so wie dieser Artikel von Matthias S. und einer Kollegin vom 11. Juni 1999:

Der Staatsanwalt forderte zwei Jahre mit Bewährung, der Angeklagte atmete auf. Auf soviel Milde hatte Klaus B. (23) aus Dulsberg nicht zu hoffen gewagt. Schwere Brandstiftung — kein Kavaliersdelikt, seit fünf Monaten sitzt der Soldat in U-Haft. Aber mit seiner Entlassung wurde es trotzdem nichts. Denn das letzte Wort hat nicht der Staatsanwalt, sondern der Richter.

Und der hieß in diesem Fall Ronald Schill (40).

Schills Urteil: vier Jahre Haft — mehr darf ein Amtsrichter nicht verhängen.

Ein Jahr später — der Richter ist inzwischen versetzt worden — berichtet Matthias S. in „Bild“ über Schills Pläne, eine eigene Partei zu gründen. Sein Programm fasst „Bild“ so zusammen:

Mehr Sicherheit für alle, weg mit der Arroganz der Macht. Schluss mit der autofeindlichen Politik, her mit dem Transrapid, selbst wenn Hamburg dafür zwei Milliarden lockermachen muß. Dafür Verzicht auf die Straßenbahn und neue Gefängnisse.

Wenige Tage nach der Parteigründung erklärt Schill in „Bild“, in Hamburg herrschten „Zustände wie in Palermo oder im Chicago der 20er Jahre“ und „Ganz Europa lacht über die Zustände in dieser Stadt“. Die Zeitung wertet das so: „‚Richter Gnadenlos‘ spricht in BILD-Hamburg Klartext“.

„Bild“ steht ihm treu zur Seite, auch als die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Schill erhebt:

Rechtsbeugung? Freiheitsberaubung? Da gibt es einen, der die öffentliche Ordnung wiederherstellen wollte. Richter Ronald Schill.

Und „Bild“-Redakteur Christian Kersting kommentiert einen Tag später:

Schill trifft mit seiner Kritik an Hamburgs Innen-, Justizund Ausländerpolitik den Nerv vieler Bürger. Ihn deshalb in die rechte Ecke zu stellen wäre zu billig. (…)

In der Bevölkerung wächst das Unverständnis darüber, dass vor den Gerichten die Täter häufig mehr Verständnis finden als die Opfer. Vor allem, wenn es um Jungkriminelle geht.

In der Bevölkerungwächst das Unverständnis darüber, dass ausländische Verbrecher ihre Händel immer öfter auf offener Straße mit Waffengewalt austragen. Die Polizei scheint machtlos.

Richter Schill spricht diese Sorgen der Menschen an, verspricht Abhilfe.

Am 1. Juli 2001, knapp drei Monate vor der Wahl, stellt Matthias S. in „Bild“ vier „Sympathisanten“ Schills vor, allesamt offenbar ehrenwerte Männer, die Sätze sagen wie der Kaufmann Franz-Joseph Underberg: „Wir wollen ein CSU-Programm in Hamburg, ohne Rechtsradikale anzusprechen.“

Die nächsten Monate sind keine guten für Schill und seine neue Partei — und auch in „Bild“ finden sich ausführliche Berichte zum Beispiel über den Prozess gegen ihn, an dessen Ende er wegen Rechtsbeugung zu 12.000 Mark Strafe verurteilt wird — ein Urteil, das allerdings noch nicht rechtskräftig ist. Aber schon unmittelbar danach ist der Parteichef für „Bild“ wieder glaubwürdiger Zeuge und Experte für Kriminalität und diverse andere Themen und kommt regelmäßig zu Wort. In „Bild“ wirkt sein Populismus wie die Stimme der Vernunft.

Als sich im Juni 2001 abzeichnet, dass der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Ronald Schill kippen wird, feiert „Bild“-Redakteur Matthias S.:

Richter Schill triumphiert über Hamburger Justiz

Rechtsbeugung? Generalbundesanwalt fordert Freispruch! Amtsrichter Ronald Schill steht vor seinem bisher größten Sieg. Seine Verurteilung wegen Rechtsbeugung (120 Tagessätze a 100 Mark) wird beim Bundesgerichtshof mit Pauken und Trompeten durchfallen. (…) Ein vernichtenderes Urteil hätte es für Hamburgs Justiz kaum setzen können.

Im Rahmen einer Serie „Hamburger Spitzen-Kandidaten privat“ besucht Matthias S. den Kandidaten Schill zuhause:

(…) Ein häuslicher Typ war er eigentlich nie. Immer auf Achse. Früher im Gericht und in der Stadt. Nun der Wahlkampfstress. „Das ist auch finanziell ein Problem“, gibt er offen zu. „Seit Mai lebe ich von meinen Ersparnissen, habe unbezahlten Urlaub genommen. Die Miete zahlt Katrin.“ In die Stadt fährt er meistens per U-Bahn, manchmal auf mit seinem 20 Jahre alten Matra-Simca. Einkaufen geht er bei Aldi.

Kochen allerdings ist nicht sein Ding. „Ich gab ihm einmal eine Kartoffel zum Schälen“, sagt Katrin Freund. „Das war ein Fiasko.“ Also brutzelt sie für ihn, am liebsten Paella. Leibgetränk ist für den Ur- Hamburger (kam im UKE zur Welt) ein kühles Bier. (…)

„Gerne“, sagt er, „wäre ich Strafrichter geblieben. Politik hielt ich immer für ein schmutziges Geschäft.“

Warum gründete er dann eine Partei?

„Weil die Zustände in der Stadt so schlimm wurden.“

Ist er ein Selbstdarsteller?

„Ganz und gar nicht. Ich könnte mir vorstellen, mich wieder aus der Politik zurückzuziehen, sobald die Stadt wieder sicher ist.“

Als Schill dann auf Anhieb sensationelle knapp 20 Prozent der Stimmen bekommt, erklärt Matthias S. den Erfolg in „Bild“ so:

Die Würde seines Amtes und seine klare Sprache über die Zustände der Stadt haben in der Stadt den Nerv getroffen.

(…) Braun gebrannt, schlank, Frauentyp – und Kämpfer. Er geht zur CDU, bietet Zusammenarbeit an, redet mit der STATT-Partei. Sie alle winken ab. Schill hat glasklare Vorstellungen und will sie durchsetzen. (…)

Und Schill legt sich mit seinen Gegnern an. Er zieht vor den BGH, als man ihn in Hamburg wegen Rechtsbeugung verurteilt, und erreicht die Aufhebung des Urteils. Er wettert gebetsmühlenartig gegen Rot-Grün, die Kriminalität, gegen die der Senat nichts tut. Und wird auf grausame Weise durch die Terroranschläge [vom 11. September] bestätigt. Plötzlich wird Hamburg zur Drehscheibe des Weltterrorismus.

Gestern um 14 Uhr im Wahllokal umringen ihn 30 Fotografen. Auch die, die ihn anfangs als Spinner verlachten.

Schon am nächsten Tag meldet „Bild“ voreilig: „Bürgerblock steht“ — damit ist die von „Bild“ Hamburg angestrebte Koalition aus CDU, FDP und Schill-Partei gemeint. Die Zeitung kann es nicht erwarten, dass der Rechtspopulist endlich an die Macht kommt. Drei Tage nach der Wahl fragt Matthias S. in „Bild“:

Warum verzögert die FDP den Senatswechsel?

Während ganz Hamburg auf den Wachwechsel im Rathaus wartet, wollen sich die Liberalen mit der Regierungsbildung richtig Zeit lassen — Schnecken-Tempo bei FDP-Chef Rudolf Lang(e)sam! (…)

Die „innere Wahrheit“, so vermuten informierte Rathaus-Kreise, geht so: Die Polit-Neulinge aus der FDP haben Angst, von den CDU-Profis und Schill überfahren zu werden.

Am folgenden Tag legt „Bild“ nach. Weil der FDP-Chef erklärt, Schill sei als Senator „nicht tragbar“, falls er rechtskräftig wegen Rechtsbeugung verurteilt werde, staunen Matthias S. und Christian Kersting:

Nanu! FDP rückt von Schill ab (…)

Erst verzögert FDP-Chef Lange die Koalitionsverhandlungen (BILD von gestern). Jetzt rückt er auch noch von seinem neuen Partner Schill ab und stellt Forderungen. Was spielt Lange da für ein Spiel?

Es kommt schließlich zur Koalition, Schill wird Minister, und „Bild“ feiert schon zwei Monate später den „ersten großen Erfolg für Innensenator Ronald Schill“: „20 Polizisten als Soforthilfe!“, leihweise aus Bayern.

Als Anfang 2002 die Drogen-Gerüchte um Schill nicht verstummen wollen, ist die Interpretation von „Bild“ unmissverständlich — fast möchte man sagen: vorbildlich, angesichts der sonst üblichen Vorverurteilungen durch „Bild“. „Bild“-Redakteur Matthias S. und eine Kollegin schreiben:

Was läuft da für ein schmutziges Spiel um Ronald Schill? Der ehemalige Justizsenator und jetzige Bundesverfassungsrichter Prof. Wolfgang Hoffmann-Riem hat den Innensenator in einem offenen Brief dazu aufgefordert, sich öffentlich zu Kokain-Vorwürfen zu äußern. Schill erklärte daraufhin ganz klar: „Ich habe niemals Kokain genommen.“

Der schmutzige Spieler scheint für „Bild“ der Bundesverfassungsrichter zu sein.

Es folgt die inzwischen berüchtigte Episode mit Schills Drogentest, dessen Ergebnis „Bild“ zu einem Beweis dafür verfälscht, dass der Richter „nie“ Drogen genommen habe (BILDblog berichtete). Konsequenterweise beginnt die Zeitung nun eine Kampagne gegen Schills Kritiker. Autor fast all dieser Artikel: Matthias S.

Ende 2002 nimmt die Geschichte eine interessante Wendung. Die „Hamburger Morgenpost“ berichtet, dass die Ehefrau von Matthias S. unerwartet eine Stelle in der Hamburger Justizbehörde bekommen habe — obwohl sie nicht über die nötigen Erfahrungen verfüge. CDU-Justizminister Roger Kusch habe sogar ihre Ernennung zur Richterin vorgeschlagen, was der Richterwahlausschuss ablehnte: Sie werde den Anforderungen offenkundig nicht gerecht. Die „taz“ titelt: „Gefälligkeitsdeal für wohlgesonnenen ‚Bild‘-Reporter“. Die SPD behauptet, beweisen zu können, dass Frau S. die Stelle nach einer Absprache zwischen ihrem Mann und dem Justizsenator bekommen hat. Der „Bild“-Redakteur habe sich in einer Mail an den Justizsenator darüber beschwert, dass sich das Bewerbungsverfahren so lange hinziehe, obwohl längst abgemacht sei, dass seine Frau die Stelle bekommen sollte.

„BILD berichtet nicht über üble Gerüchte“

„taz“-Interview mit dem „Bild“-Lokalchef Peter Huth, 11. Januar 2003:

(…) Warum hat die BILD [über die Vorwürfe gegen S. und den CDU-Senator] bis heute nicht berichtet?
BILD berichtet über Fakten und nicht über üble Gerüchte und böswillige Unterstellungen. Für uns gilt als erwiesen, dass die Unterstellungen gegen unseren Reporter haltlos sind.

Beim Thema Filz in Hamburg hat BILD an anderer Stelle sehr ausführlich und wiederholt berichtet. Jetzt halten Sie sich auffallend zurück. Worin liegt der Unterschied zu dem aktuellen Fall?
Noch einmal: Man kann nur über Filz berichten, wo es Filz gibt. Im vorliegenden Fall kann davon keine Rede sein.

Die Nähe des Reporters [Matthias S.] zu Mitgliedern dieses Senats ist unter den Rathausjournalisten seit längerem ein Thema. Er soll ja auch mal als Pressesprecher der Schill-Partei im Gespräch gewesen sein. Wie beurteilen Sie diese journalistische Nähe?
BILD-Reporter verfügen im allgemeinen über ausgezeichnete Kontakte zu Politikern aller Couleur. Dass dieses Vertrauensverhältnis von vielen Kollegen neidisch begutachtet wird, ist uns nicht neu.

Wie würden Sie das Verhältnis der BILD-Zeitung zu diesem Senat beschreiben?
Das Verhältnis von BILD zum Senat ergibt sich — wie bei jeder guten Zeitung — aus der Verpflichtung gegenüber dem Leser. BILD berichtet sorgfältig, unabhängig und wahrheitsgemäß über die Geschehnisse im Rathaus — egal, wer und welche Partei dort regiert.

Hat sich BILD aus rein journalistischer Sicht über den Regierungswechsel in Hamburg gefreut?
Der Regierungswechsel ist das Ergebnis einer freien Wahl der Hamburger Bürger. Es wäre mehr als zynisch, diesen aufgrund von journalistischen Kriterien zu bewerten.

Die „Bild“-Zeitung berichtet zunächst gar nicht über die Vorwürfe gegen ihren Redakteur (siehe Kasten). Als sie es endlich doch tut, lautet die Überschrift: „Kusch räumt mit Filzvorwürfen auf“.

Der Fall S. wird einer der Anlässe, einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss „Schwarzer Filz“ einzuberufen. Und seine engen Beziehungen zum Senat und der Schill-Partei zeigen sich laut „taz“ auch an anderer Stelle: Er zitiert in „Bild“ aus internen Ermittlungsakten gegen einen SPD-Sprecher, bevor dessen Anwalt sie überhaupt zu sehen bekommt. Der Staatsrat und Schill-Freund Walter Wellinghausen, der für die Ermittlungen zuständig ist und später wegen mehrere Affären zurücktreten muss, räumt schließlich ein, mit Matthias S. über das Thema gesprochen zu haben — die Opposition spricht von „Geheimnisverrat“.

Zum Verhängnis wird Matthias S. schließlich ein Wochenendtrip mit Peter Rehaag, dem Umweltsenator der Schill-Partei. Gemeinsam mit ihren Begleiterinnen fliegen sie im September 2003 nach Italien. „Als Spezialist in Sachen Schill hatte [Matthias S.] in der ‚Bild‘ zuvor regelmäßig wohlwollend über Rehaag berichtet“, schreibt der „Spiegel“, „etwa über dessen heroischen Kampf zur Trockenlegung versumpfter Alsterwiesen oder über Rehaags Drogenpolitik.“ Gut zwei Wochen, nachdem die „taz“ den gemeinsamen Ausflug öffentlich gemacht hatte, stellt Springer Matthias S. „mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres von seiner Arbeit frei“. Er habe seine Vorgesetzten nicht über die Reise informiert — was den „journalistischen Leitlinien“ des Verlages widerspreche.

Matthias S. bleibt nicht lange arbeitslos. Schon im Frühjahr 2004 taucht sein Name wieder in den Zeitungen auf: als Sprecher von Firmen von Ulrich Marseille. Marseille, der den gleichnamigen Klinikkonzern gründete, war 2002 Spitzenkandidat der Schill-Partei in Sachsen-Anhalt. 2003 flog Ronald Schill in seinem Privatflugzeug nach München, um seine Haarprobe für den Drogentest abzugeben.

Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen?

Hans-Peter Buschheuer, 54, ist, wie er selbst es formuliert, „Hundebesitzer und Chefredakteur der beiden Boulevardzeitungen ‚Berliner Kurier‘ und ‚Hamburger Morgenpost‘“ — beim „Kurier“ seit 2003, bei der „MoPo“ seit 2006. Zuvor arbeitete er u.a. beim (1991 von Franz Josef Wagner und dem ehemaligen „Bild“-Chef Günter Prinz für den Burda-Verlag entwickelten) ostdeutschen Boulevardblatt „Super!“ als Chef vom Dienst wie auch anschließend bei der Berliner „Bild“-Schwester „B.Z.“ und war Chefredakteur der Kölner Boulevardzeitung „Express“. Laut Buschheuer, der als Kind „Priester oder Mönch“ hatte werden wollen und mit der Schriftstellerin Else Buschheuer verheiratet war, ist sein „Berliner Kurier“ übrigens „die einzige deutsche Kaufzeitung, die in den letzten zweieinhalb Jahren Auflage hinzu gewann. Die ‚Hamburger Morgenpost‘ startete vor einem Jahr eine Sonntagsausgabe, gegen die Springer erfolglos mit einem Konkurrenzblatt an- und wieder abtrat“. Mehr über Buschheuer unter www.buschheuer.de.

Von Hans-Peter Buschheuer

Dass der 6. Dezember 2027 eigentlich ein historisch bedeutender Tag ist, entging der überwältigenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung. An diesem Tag nämlich stellte die Printversion der „Bild“-Zeitung ihr Erscheinen ein.

Kein Wunder, dass dieses Ereignis kaum jemanden interessierte, war doch die Auflage der einstmals größten Zeitung Europas auf zuletzt 240.000 Exemplare gefallen, und die mussten verstreut in ganz Deutschland ausgeliefert werden. „Zu teuer“, befand „Bild“-Verleger Georg Gafron, der für die russische Newsprom-Gesellschaft das Blatt Mitte 2010 von der Axel Springer AG übernommen hatte.

Springer hatte sich damals völlig aus dem Zeitungsgeschäft zurück gezogen, nachdem ihr erst die (eigentlich freundlich gestimmte) Merkel-Regierung den Einstieg ins Briefgeschäft vergällt hatte. Dann waren auch die Versuche des einstigen Springer-Chefs Matthias Döpfner, im deutschen Fernsehgeschäft Fuß zu fassen, an den Kartellgesetzen gescheitert. Als schließlich noch die Verlegerswitwe Friede Springer einen jahrelang andauernden Erbschaftsstreit mit den Enkeln des Verlagsgründers verlor und der milliardenschwere Konzern unter den Erben aufgeteilt werden musste, war es um die Schlagkraft des einstigen Presseimperiums geschehen. Gut, die „Springer Enterprises“, wie sich der Konzern nun nannte, machten Milliarden-Umsätze mit den
„Volks“-Produkten und verdienten an jedem zweiten deutschen Handyvertrag und jeder 4. Lebensversicherung mit, doch das Unternehmen hatte seine politische Mission aufgegeben.

Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen?

Der Zusammenbruch der „Bild“-Zeitung deutete sich schon 2001 an, als ein junger Mann namens Kai Diekmann überraschend Chefredakteur des 4,5-Millionen-Blattes geworden war. Diekmann galt als „Jahrhundert-Talent“ und den deutschen Rechtskonservativen nahestehend, ganz nach dem Geschmack der Verlegerswitwe. Diekmann war weniger am Journalismus gelegen, als vielmehr an der Verbreitung rechter Gesinnung, vermischt mit Sex- und Blutgeschichten und ständig wiederkehrenden Horrorszenarien vom nahen Weltuntergang durch Kometeneinschlag oder der Invasion von Außerirdischen. Immer weniger Deutsche mochten den wirren Visionen des „Bild“-Chefs folgen. Schon in den ersten sechs Jahren seiner Amtszeit fiel die Auflage um eine Million Exemplare. Vollends büßte „Bild“ seinen Einfluss auf die breiten Massen ein, als es Ende 2007 auch die Online-Markführerschaft verlor: Ausgerechnet an „Spiegel Online“, das immer mehr die klassischen Boulevard-Inhalte verbreitete (aber ohne ideologische Propaganda).

So ging es immer weiter bergab mit „Bild“. Bis zu jenem 6. Dezember. Walter Mayer, der letzte „Bild“-Chefredakteur (im Branchenspott auch „Schlussredakteur“ genannt, weil er vorher bereits „Tempo“ und „B.Z.“ einstellen musste), formulierte eine letzte Schlagzeile:

"Wir waren Gott!"
Bitter traf es auch die Jungs vom BILDblog. Weil sich immer weniger Deutsche für das einstige Massenblatt interessierten, stellte schließlich auch das Watchblog seine Tätigkeit ein.
 
Wer morgen BILDblogger für einen Tag ist, wird noch nicht verraten.

„Bild“ schreibt, was alle schreiben, bloß „exklusiv“

Dass man sich bei der „Bild“-Zeitung etwas wichtiger nimmt, als bei vielen andere Medien, sieht man manchmal an vermeintlichen Kleinigkeiten.

Als man beispielsweise beim „Hamburger Abendblatt“ erfuhr, dass die Elbinsel Kaltehofe zum „Badeparadies“ umgebaut werden soll, und allerlei Einzelheiten dazu herausfand, entschied man sich dort für folgende Formulierung:

Am Freitag wird das Projekt offiziell vorgestellt. Das Abendblatt berichtet vorab.

Ähnlich machte es die „Hamburger Morgenpost“, als sie erfuhr, dass die Elbinsel Kaltehofe zum „Badeparadies“ umgebaut werden soll, und allerlei Einzelheiten dazu herausfand:

Einzelheiten wollte [Volker Dumann von der Umweltbehörde] nicht verraten. Die MOPO bekam die Details trotzdem heraus: (…)

Als die „Bild“-Zeitung hingegen erfuhr, dass die Elbinsel Kaltehofe zum „Badeparadies“ umgebaut werden soll, und allerlei Einzelheiten dazu herausfand, kam offenbar niemandem der Gedanke, dass auch andere dieselben Einzelheiten hätten erfahren können wie „Bild“. Man entschied sich, die Überschrift der fast ganzseitigen Geschichte, mit diesem Wort zu garnieren:

"Exklusiv!"

Vielleicht wurde der Gedanke an andere Medien aber auch einfach ignoriert, weil „Exklusiv!“ irgendwie, ähm, exklusiver klingt. Auch wenn’s nicht stimmt.

Wie Michael Naumann in die „Bild“-Zeitung kommt

Wenn „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann heute abend im Berliner Restaurant Sale e Tabacchi sein neues Buch „Der große Selbstbetrug“ vorstellt, hat er als Laudator Michael Naumann an seiner Seite. Das ist ein bisschen überraschend. Denn der ehemalige Kulturstaatsminister hat über den „Bild“-Chef noch im Januar 2006 im „Tagesspiegel“ gesagt:

Herr Diekmann ist ja offenkundig nur zu zwei Gefühlsregungen in der Lage: Enthusiasmus – „Wir sind Papst“ – und Verachtung: vor allem für seine Leser und vielleicht auch für seine Kritiker. (…) Wir haben uns mal getroffen, ich fand ihn keineswegs unsympathisch. Meine Verachtung richtet sich gegen die altbekannten publizistischen Schweinereien. Inklusive dieser frauenverachtenden Unterstützung von Zwangsprostitution, die vorne als Skandal vorgeführt und hinten verkauft wird. „Bild“ ist entschieden schlimmer geworden. Darum verliert sie Auflage.

Und im Juni 2004 schrieb Naumann in der „Zeit“:

Bild ist das Geschlechtsteil der deutschen Massenmedien.

Dass die Gazette kraft ihrer 3,8 Millionen Käufer auch eine politische Macht ist, verdankt sie der falschen Vermutung vieler Berufspolitiker, Bild gebe Volkes Stimme wieder. Doch hier spricht lediglich der Gesamtkleinbürger, der in allerlei Nachrichtenplunder Aufklärung simuliert. Dabei zählt das Blatt im Halbschlaf nur die wechselnden Stimmungen, die gleich Schafswölkchen über die deutsche Gemütslandschaft ziehen.

(…) Werbewirksame Einschaltquoten und Auflagehöhen, also rein wirtschaftliche Faktoren, wurden zu Determinanten des politischen Prozesses, weil die Politiker ihre selbst verursachte Entmachtung durch die Massenmedien akzeptierten, mehr noch: weil sie paradoxerweise glaubten, in ihnen Verbündete im Kampf um die Macht zu finden. Ein Auftritt bei Sabine Christiansen oder ein Zitat in Bild gelten inzwischen als politischer Existenznachweis im eigenen Wahlkreis.

Warum also wird Michael Naumann heute abend das neue Buch von Kai Diekmann vorstellen? Es gibt eine recht plausible Erklärung. Naumann ist neuerdings Spitzenkandidat der SPD für die Bürgerschaftswahl in Hamburg, die im kommenden Februar stattfindet. Und dabei ist es ein bisschen unpraktisch, dass er — wie verschiedene Beobachter meinen — von Diekmanns Zeitung weitgehend ignoriert wird. Die „Hamburger Morgenpost“ schrieb:

Er kam in der ‚Bild‘ so selten vor wie ein Delfin in der Ostsee.

Das „Hamburger Abendblatt“, das wie „Bild“ aus dem Haus Axel Springer kommt, formulierte es so:

(…) die Abneigung war bisher so tief, dass Naumann sich gewünscht hatte, in „Bild“ nicht vorzukommen — und Diekmann dem Wunsch wochenlang entsprach. Um den Beginn einer wunderbaren Freundschaft dürfte es sich kaum handeln, eher um einen taktischen Friedensschluss. Denn schon Naumann-Vorbild Gerhard Schröder wusste: Wer regieren will, muss nicht nur im Bilde, er muss auch in „Bild“ sein.

Der große Selbstbetrug:
heute, 19.30 Uhr, Sale e Tabacchi, Berlin (nur auf Einladung).

Nachtrag, 23.10.2007: Stern.de berichtet ausführlich über den „Abend mit zwei Männern, die sich eigentlich nichts zu sagen haben“: „Diese beiden Männer werden keine Freunde mehr. Nicht in diesem Leben. Zu monströs sind die Unterschiede. Hier der grobe Klotz im offenen, lachsfarbenen Hemd, der brutalstmöglich auf die 68er-Generation einprügelt. Dort der distinguierte, graumelierte Herr, der mit feinsinniger Textexegese kontert. Der eine Chef der ‚Bild‘, des größten Boulevardblatts in Europa. Der andere derzeit beurlaubter Herausgeber der ‚Zeit‘ und Spitzenkandidat der SPD in Hamburg. Würde man Kai Dieckmann und Michael Naumann zwei Wochen in einen Raum sperren, sie würden randalieren.“

Laut Stern.de hat Naumann die Einladung als Diekmanns „Laudator“ aus Gründen einer „gewissen Rachsucht“ angenommen, doch sein Verhältnis zur „Bild“ sei nun keinen Deut besser als vorher. Diekmann habe gesagt, das Verhältnis habe sich normalisiert. Außerdem schreibt Stern.de, die „Bild“-Zeitung werde keine Werbung für Diekmanns Buch machen.

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet ebenfalls über Diekmanns Buchvorstellung (siehe z.B. Welt.de) — und sueddeutsche.de ausführlich über „Die Rache des Kulturministers“.

Mehr dazu hier.

Allgemein  

„BamS“ amputiert Gänsefüßchen

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat gerade Neuigkeiten über einen 2001 ins US-Gefangenenlager von Guantanamo verschleppten gebürtigen Bremer zu berichten. Aber natürlich berichten und berichteten auch andere Medien über „den Fall des fälschlich als ‚Bremer Taliban‘ bezeichneten Murat Kurnaz“ („Frankfurter Rundschau“) — beispielsweise so:

Kurnaz wird später „Bremer Taliban“ genannt – wie sich herausstellt zu Unrecht.
(„Hannoversche Allgemeine“)

In den Medien wurde er schnell zum „Bremer Taliban“.
(„Stuttgarter Zeitung“)

Ein „Bremer Taliban“? Kaum zu glauben. Mittlerweile steht fest, dass der demnächst 25-jährige mit dem islamischen Terrorismus nichts zu tun hat.
(„Westfalenpost“)

Der als „Bremer Taliban“ bekannt gewordene Murat Kurnaz…
(tagesschau.de)

Der als „Bremer Taliban“ bekannt gewordene Murat Kurnaz…
(stern.de)

… der als „Bremer Taliban“ bekannte Kurnaz…
(„Hamburger Morgenpost“)

Der in den Medien gelegentlich auch als „Bremer Taliban“ bezeichnete Kurnaz …
(k-news.de)

Und so weiter. Manche Zeitungen, wie etwa die „Zeit“ oder der „Tagesspiegel“, verzichten in ihren Berichten z.T. sogar komplett auf den irreführenden Beinamen „Bremer Taliban“.

Die „Bild am Sonntag“ hingegen verzichtet heute neben einem großen Kurnaz-Foto lieber auf die Anführungszeichen.

Jetzt XVI

Es gibt Signalwörter, die einen sofort an der Richtigkeit eines „Bild“-Artikels zweifeln lassen sollten. „Jetzt“ und „neu“ gehören dazu, „enthüllt“ und „Paul C. Martin“.

Bei diesem „Bild“-Artikel vom vergangenen Samstag kommen alle vier zusammen:

Historikerin enthüllt in einer neuen Biografie: ANNE FRANK VON EINER FRAU VERRATEN

Was „enthüllt“ das „neue“, „jetzt“ veröffentlichte Buch über Anne Frank laut „Bild“-Autor „Paul C. Martin“? Dass Anne Frank von der Frau eines Lagerarbeiters verraten wurde. Die soll anderen gegenüber gesagt haben: „Ich habe Angst um mich und meinen Mann, falls alles auffliegt.“

Das Buch „Das Mädchen Anne Frank“ von Melissa Müller ist allerdings nicht wirklich neu. Es kommt nur bald in einer erweiterten, überarbeiteten Neuauflage heraus. Die erste Auflage war 1998 erschienen. Damals schrieb zum Beispiel „Die Welt“ über das Buch:

Müller äußert nun den Verdacht, [der Leiter des Warenlagers] van Maaren habe seine Beobachtung, daß im Hinterhaus Juden versteckt seien, seinem Lagergehilfen Lammert Hartog weitererzählt, der wiederum seine Frau Lena einweihte. Diese habe dann wahrscheinlich aus Angst um ihren Mann, der den Aufruf zum Arbeitseinsatz ignoriert hatte und als Schwarzarbeiter tätig war, das Versteck verraten.

Jene Lena ist genau die Frau, die auch Paul C. Martin meint. Ihren Verdacht, dass sie die Verräterin war, deutete Müller schon in der Erstausgabe der Biographie 1998 an. Außer der „Welt“ berichteten damals u.a. „F.A.Z.“, „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Zeitung“ darüber. Seitdem ist die Enthüllung an vielen, oft naheliegenden Orten nachzulesen.

Und nun, neun Jahre später, noch einmal in „Bild“. Allerdings erstmals wieder neu.

Vielen Dank an Tina M. für den Hinweis!

Irgendetwas in dieser Richtung hat er doch gesagt!

Dies ist die Geschichte, wie der Hamburger CDU-Politiker Robert Heinemann einmal ganz groß bundesweit Schlagzeilen machte.

Es fing ganz unspektakulär an. Am Dienstag vergangener Woche gab Heinemann mehreren Zeitungen Interviews. Es ging um die aktuelle Diskussion, ob auf Schulhöfen deutsch Pflichtsprache sein sollte. Heinemann äußerte sich differenziert: Er begrüße solche Regeln, aber die Schulen dürften und müssten das selbst entscheiden. Eine Regelung „von oben“ lehnte er laut „Hamburger Morgenpost“ ausdrücklich ab. „Wir werden das nicht vorschreiben“, zitiert ihn das „Hamburger Abendblatt“.

In „Bild“ las sich das am selben Tag schon etwas knackiger. Die Hamburger Ausgabe zitierte Heinemann am Mittwoch mit den Worten:

„Sanktionen müßten die Schulen selbst festlegen. Mögliche Strafe: Wer nicht deutsch spricht, soll den Schulhof fegen.“

Die Formulierung fand Heinemann, wie er später erklärte, „zwar erheblich verkürzt — aber noch nicht völlig falsch“. Eigentlich habe er dem „Bild“-Redakteur auf die Frage nach den Sanktionsmöglichkeiten für Schulen, die eine Deutschpflicht durchsetzen wollten, nur geantwortet, dass viele Maßnahmen denkbar seien: „vom erzieherischen Gespräch über Verfahren wie bei den Streitschlichtern bis hin zu Strafmaßnahmen wie dem Fegen des Schulhofes“. Am Mittwoch habe er den „Bild“-Redakteur angerufen und ermahnt, dass das ihm zugeschriebene Zitat „journalistisch an der Grenze“ sei.

Am Donnerstag überschritt „Bild Hamburg“ diese Grenze und machte aus der möglichen Maßnahme eine Forderung:

CDU-Politiker Heinemann löst hitzige Debatte aus: Deutsch sprechen oder Schulhof fegen! - Riesen-Wirbel um den Hamburger CDU-Schulexperten Robert Heinemann. Der forderte gestern in BILD: "Schüler, die nicht deutsch sprechen, sollen den Schulhof fegen!" Heinemann bekräftigte gestern gegenüber BILD noch einmal seinen Besen-Appell. "Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe!"

In einer Fotounterschrift machte „Bild“ aus Heinemann sogar eine Art Grammatik-Polizisten:

Wer nicht richtig deutsch spricht, soll fegen, meint Schulexperte Robert Heinemann.
(Hervorhebung von uns.)

Heinemann sagt, er habe sich daraufhin „massiv bei der Bild-Zeitung beschwert“. Das scheint keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Am Freitag erschien die Falschmeldung groß in der Bundesausgabe von „Bild“:

Und am Samstag wieder in der Hamburger Ausgabe, diesmal als „Spruch der Woche“:

Erst am gestrigen Montag, nachdem Heinemanns angebliches Zitat von vielen anderen Medien aufgegriffen worden war, erschien in „Bild“ Hamburg so etwas wie eine Richtigstellung. Wobei die „Bild“-Zeitung über die Richtigstellung natürlich nicht „Richtigstellung“ schrieb, sondern:

Herr Heinemann, wie ist das denn nun mit dem Schulhof-Fegen? (...) Schüler, die auf den Pausenhöfen nicht deutsch sprechen, sollen zur Strafe den Schulhof fegen. Mit dieser Idee hat CDU-Schulexperte Robert Heinemann bundesweit für Aufsehen gesorgt und für hetige Reaktionen bei SPD und GAL gesorgt (BILD berichtete).

Nichts deutet darauf hin, dass sich in dem folgenden Interview quasi „Bild“ korrigiert und nicht Heinemann. Es sei denn, man kennt den Hintergrund – dann versteht man auch die merkwürdig trotzköpfige Fragestellung von „Bild“:

PS: Unsere Anfrage bei „Bild“, zu Heinemanns Vorwürfen Stellung zu nehmen, blieb unbeantwortet.

Nachtrag, 1. Februar. Inzwischen haben wir eine Antwort von „Bild“ bekommen. Sie lautet: „Von unserer Seite gibt es dazu nichts zu sagen.“

Kriegsberichterstattung

Ja, dieser „Preiskrieg der Elektro-Giganten“ (O-Ton: Bild.de) ist wirklich ’n Ding! Da verkaufte der „Mediamarkt“ (O-Ton: Bild.de) am vergangenen Montag alles „ohne Mehrwertsteuer“, und am gestrigen Dienstag der „Konkurrent Saturn“ (O-Ton: Bild.de) lauter Sachen „zum Einkaufspreis“, woraufhin sich Bild.de anschickte, „die wichtigsten Fragen rund um den Preiskrieg der Elektronik-Giganten(O-Ton: Bild.de) zu beantworten bzw. von Christian Fronczak vom Bundesverband der Verbraucherzentrale beantworten zu lassen. Soweit so gut.

Nur für den nicht weniger wichtigsten Hinweis, dass der Bild.de-Partner Mediamarkt und „Konkurrent“ Saturn sich ja eigentlich gar keinen „Preiskrieg“ liefern, weil doch Mediamarkt und Saturn beide zum Metro-Konzern gehören, dafür war (anders als etwa in den Online-Versionen der „Süddeutschen Zeitung“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“, des „Handelsblatts“, der „Neuen Westfälischen“, des „Kölner Stadtanzeigers“, der „Mitteldeutschen Zeitung“, der „Rhein Zeitung“, der „Märkischen Oderzeitung“, der „Volksstimme“, der „Leipziger Volkszeitung“, der „Allgäuer Zeitung“, der „Hessischen Allgemeinen“, der „Westfalenpost“, der „Lausitzer Rundschau“, des „Iserlohner Kreisanzeigers“, der „Schwäbischen Zeitung“, der „Westdeutschen Zeitung“, der „Wendlinger Zeitung“, der „Backnanger Kreiszeitung“, der „Oberhessischen Presse“, der „Nürtinger Zeitung“, der „Ostthüringer Zeitung“, der „Stuttgarter Nachrichten“, der „Hamburger Morgenpost“, der „WAZ“, der „Thüringischen Landeszeitung“, der „Lübecker Nachrichten“, der „Aachener Zeitung“, der „Wormser Zeitung“, der „Offenbach Post“ oder beispielsweise der „Welt“) in der multimedialen Erweiterung von Europas größter Tageszeitung aber offenbar kein Platz. Schade.

Mitfeiern erlaubt

Am Freitag vergangener Woche sorgte sich die „Bild“-Zeitung öffentlich, ob die „Bachelorette“, die Kandidatin der RTL-Kuppelshow, „alle Gefühle nur gespielt“ hat. Sie wurde nämlich „im Arm eines Mannes“ gesehen, „der gar nicht in der TV-Show auftauchte“. Aber auch die Männer, die bei RTL um sie buhlten, schienen nicht die Erwartungen von „Bild“ zu erfüllen:

Die Männer vergnügen sich gerade im Hamburger Table-Dance-Lokal „Dollhouse“! (…) Wie kommt’s, daß die Männer hemmungslose Partys feiern, während sie zeitgleich im TV als ritterliche Kavaliere zu sehen sind?

Dokumentiert wurden die Exzesse in einer Fotogalerie, unter deren Link bei Bild.de steht:

Die geheime Bachelorette-Teilnehmer Party im Dollhouse!

Nun weiß man, dass das Wort „geheim“ in der „Bild“-Zeitung verschiedene Bedeutungen hat, die meisten davon das Gegenteil dessen, was der Duden darunter versteht. In diesem Fall war die Party so „geheim“, dass die „Hamburger Morgenpost“ am Tag vorher nur ein paar Details herausließ:

Den Start der Reality-Serie begießt der Charming Boy morgen mit 15 anderen Show-Schönlingen und Großbildleinwand …

Na gut, aber da stand ja nicht wo.

… im „Dollhouse“ …

Okay, aber wann?

… (ab 19.30 Uhr). …

Ach, die hätten einen bestimmt nicht reingelassen.

… Mitfeiern erlaubt.

Hm.

Die Fotos, die „Bild“ vom Abend der „Bachelor“-Kandidaten zeigt, sind einigermaßen drastisch. Kein Wunder: Das „Dollhouse“ ist ein Touristen- und Szene-Club mit Go-Go-Dancing und Striptease. Andererseits entwarnt der Reiseführer:

Hier geht es um „Showerotik“ – Erotik, Tanz und Spaß – niemand wird zum Mitmachen gezwungen, Körperkontakt ist tabu!

Wären unter Einhaltung dieser Regel spannende Fotos für die „Bild“-Zeitung zustande gekommen? Womöglich nicht. Aber zum Glück hatten mindestens zwei der „Bachelor“-Kandidaten außerordentlich intensiven Körperkontakt mit den Frauen, wie die Fotos zeigen. Vielleicht war das kein Zufall. Maximilian Pütz, einer der Kandidaten, hat uns jedenfalls erzählt, dass die Tabledancerinnen, die „Bild“ in Aktion zeigt, von „Bild“ selbst bezahlt worden seien.

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