Suchergebnisse für ‘hamburger morgenpost’

Wo gibt’s denn sowas? Nicht bei Otto.

„Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen“ habe es gegeben, schrieb die „Hamburger Morgenpost“ vor zwei Monaten groß auf ihrer Titelseite, und zwar in der Hamburger Villa des Unternehmers Frank Otto. Dort sei eine „Teenie-Party“ mit 300 Gästen aus dem Ruder gelaufen.

Eine Teenie-Party in der Nacht zu Sonntag in der Hamburger Villa von Medienunternehmer Frank Otto (61) und Dschungelstar Nathalie Volk (22) ist derart ausgeufert, dass mehrfach die Polizei auftauchen musste. Für drei Jugendliche endete die Nacht in Handschellen.

Am Ende des Artikels kam auch Otto selbst zu Wort, der die Sache allerdings etwas anders darstellte. Er erklärte, dass …

in der Villa selbst alles friedlich gewesen sei. Randale hätten demnach Leute gemacht, die zu der Party gar nicht eingeladen waren und auf der Straße vor dem Anwesen bleiben mussten.

Trotzdem titelte die „Mopo“-Redaktion:

Große Titelschlagzeile der Hamburger Morgenpost: Krawall-Party in der Otto-Villa - Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen: 300 Jugendliche feierten in der Millionärs-Residenz, bis die Polizei kam

Heute musste sie auf ihrer Titelseite und im Innenteil eine Gegendarstellung abdrucken:

Gegendarstellung auf der Titelseite der Hamburger Morgenpost: Auf der Titelseite der "Hamburger Morgenpost" vom 24. Juni 2019 heißt es unter der Überschrift "Krawall-Party in der Otto-Villa": "Flaschenwürfe, Randale, Festnahmen: 300 Jugendliche feierten in der Millionärs-Residenz, bis die Polizei kam" Hierzu stelle ich fest: Die beschriebenen Vorfälle fanden nicht in meinem Haus statt; es feierten dort nicht mehr als 100 Personen - Hamburg, den 2. August 2019 - Frank Otto

Mopo-„Strategie“, Monetarisierter „Checkpoint“, Europa-Spot der NPD

1. DuMonts Mopo ändert Print-Strategie: Boulevardblatt folgt bei Zeitungsthemen den Leserinteressen im Netz
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Beim Lesen kann man fast die uninspirierte Verzweiflung spüren, mit der das Haus DuMont die gedruckte Hauptausgabe der „Hamburger Morgenpost“ „stärken“ will: Um den Auflagenschwund der gedruckten Zeitung zu stoppen, sollen klickstarke Geschichten aus dem Netz gefischt und für die Zeitung aufbereitet werden. Wobei sich DuMont wohl komplett aus dem Zeitungsgeschäft zurückziehen will: Seit einigen Tagen wird in Medien über den Verkauf der DuMont-Zeitungstitel spekuliert.

2. 1000 durchgeschriebene Nächte
(tagesspiegel.de, Lorenz Maroldt)
2014 gründeten Stefanie Golla und Lorenz Maroldt vom „Tagesspiegel“ einen täglichen Morgennewsletter aus Berlin: den „Checkpoint“. Tausend Ausgaben später kommt nun der nächste Schritt: die Vermarktung. Ein Abo des Newsletters kostet künftig monatlich 6,99 Euro, ein Jahresabo 5 Euro im Monat. Eine gekürzte Version des Newsletters soll jedoch weiterhin kostenlos erhältlich sein. Lorenz Maroldt nutzt die Gelegenheit, auf „1000 durchgeschriebene Nächte“ zurückzublicken.

3. Auf Immer­wiedersehen!
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Dorothea Wagner)
Es gibt wenig Tröstlicheres, als sich stets ­dieselben Filme und ­Serien ­anzuschauen, findet Dorothea Wagner in ihrem Artikel über das sogenannte „Comfort Bingen“. Wagner fragt: „Verlieren mit dem Comfort Binge die Serien und Filme nicht ihren Sinn? Sind Witze nicht darauf ausgelegt, dass mich ihre Pointe überrascht, und lebt Spannung nicht davon, dass ich das Ende der Geschichte nicht kenne? Jein. Der US-Autor Steven Johnson beschreibt im Buch Neue Intelligenz, dass Unterhaltungsserien so kompliziert geworden sind, dass sie einen dafür belohnen, wenn man sie sich mehrmals anschaut, weil man erst dann alle Anspielungen verstehen und die Eleganz der verschiedenen verknüpften Handlungsstränge würdigen kann.“

4. Wirken sich Antibiotika auf Herz-Kreislauf-Risiken aus? Science Media Newsreel No. 47
(meta-magazin.org)
Im Wochenrückblick des „Science Media Center“ geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Dieses mal: „Längere Einnahme von Antibiotika erhöht Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung“ („European Heart Journal“), aufgegriffen unter anderem von „Stern“, „Focus“ und „Deutschlandfunk“.

5. VGH Hessen: Hessischer Rundfunk muss Wahlwerbespot der NPD senden
(urheberrecht.org)
Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH Hessen) hat entschieden, dass der Hessische Rundfunk (hr) einen Europawahl-Wahlwerbespot der NPD im Hörfunk senden muss. Der hr hatte die Ausstrahlung abgelehnt, weil der Werbespot den Straftatbestand der Volksverhetzung erfülle. Das Gericht sah dies anders: Die Zuschreibung krimineller Neigungen stelle noch kein „Absprechen des Achtungsanspruchs als Mensch“ dar.

6. Die Freiheiten des Äthers
(deutschlandfunk.de, Kerstin Schweighöfer)
In den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mögen Piratensender noch ein Thema gewesen sein. Heutzutage kann jeder einen „Radiosender“ im Netz hochziehen oder sich per Podcast an die Welt wenden. Kerstin Schweighöfer erzählt in einem kurzen Abriss von den Anfängen der niederländischen Piratensender bis zur Jetztzeit.

Andere Zeiten

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist heute zurückgetreten. Dieser Schritt ist die Reaktion auf verschiedene Vorwürfe — der ausschlaggebende war wohl jener zu einer teuren Uhr, die Grindel von einem ukrainischen Oligarchen und Fußballfunktionär geschenkt bekommen hatte. Steht auch so bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - DFB-Rücktritt nach Uhren-Skandal - Grindel: Ich bin tief erschüttert

Tick, tick, tick…

Der Druck war am Ende zu groß und seine Uhr als DFB-Boss heute Vormittag endgültig abgelaufen.

Über diesen „UHREN-SKANDAL“ berichteten zuerst die „Bild“-Medien:

Ausriss Bild-Titelseite - DFB-Präsident Grindel - Skandal um geschenkte Luxus-Uhr
Screenshot Bild.de - DFB-Präsident Grindel - Skandal um geschenkte Luxus-Uhr

Eine „geschenkte Luxus-Uhr“? Sowas würde bei „Bild“ ja niemand annehmen. Also, außer … Bei dem ganzen Wirbel um Reinhard Grindel fiel uns eine Geschichte von vor zehn Jahren ein: Damals bekam der Hamburger Sportchef der „Bild“-Zeitung Jürgen Schnitgerhans eine 1000 Euro teure Armbanduhr vom HSV-Vorstand geschenkt — also von dem Verein, über den er selbst und seine Redaktion berichteten. Schnitgerhans und „Bild“ fuhren unter anderem eine ordentliche Kampagne zugunsten des HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann.

Konsequenzen aus diesem „UHREN-SKANDAL“ bei „Bild“? Keine. Denn das hatte ja alles überhaupt nichts miteinander zu tun. Und außerdem handelte es sich ja auch gar nicht um ein Geschenk, wie der damalige „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich erklärte:

Hr. Schnitgerhans hat sich keine Uhr vom HSV-Vorstand „schenken lassen“. Sondern vielmehr wurde ihm diese Uhr vom gesamten HSV-Vorstand zum 60. Geburtstag als Würdigung und Anerkennung für seine 37-jährige Tätigkeit als Sportreporter für verschiedene Medien und speziell als journalistischer und kritischer Begleiter des Vereins überreicht. Dies wurde auch so in der Ansprache des Vorstands artikuliert.

Er wurde also für seine Gesamtleistung als langjähriger Sportjournalist und nicht als BILD-Reporter ausgezeichnet. Schnitgerhans schrieb über den HSV 1971 beim Sportmegaphon Lübeck, ab 1973 bei der Hamburger Morgenpost, seit 1980 für BILD. Aus diesem Grund sehen wir diese Auszeichnung nicht im Widerspruch zu unseren Leitlinien.

In diesen Leitlinien steht unter anderem:

Schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von Einladungen oder Geschenken beeinträchtigt werden, ist zu vermeiden.

Klar, so einen Anschein kann man natürlich auch durch Kleinreden vermeiden.

Mit Dank an @MikeGlindmeier für den Hinweis!

DuMont-Spekulationen, Grönemeyer-Paparazzi, Mindesthohn für Döpfner

1. Köln ohne DuMont-Dynastie – bis jetzt unvorstellbar
(welt.de, Christian Meier)
Gestern wurde bekannt, dass der DuMont-Konzern angeblich seine Zeitungen verkaufen wolle, darunter so bekannte Blätter wie „Kölner Stadt-Anzeiger“, „Express“, „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“, „Mitteldeutsche Zeitung“ und „Hamburger Morgenpost“. Christian Meier ist den Spekulationen nachgegangen und hat Experten befragt.
Weiterer Lesetipp: Auf „Spiegel Online“ kommentiert Markus Brauck das Zeitungssterben und prognostiziert: Das Jahr 2019 wird bitter.

2. „Lieber Insolvenzen von Zeitungen als der subventionierte Verlust ihrer Unabhängigkeit“
(horizont.net, Roland Pimpl)
Axel-Springer-Boss Mathias Döpfner hat am Montagabend vor dem Hamburger Presseclub gesprochen. Es ging um den Strukturwandel im Journalismus, Springers neue „Bild Politik“-Postille und Debattenkultur. Natürlich gab es die üblichen Seitenhiebe wie: „Wenn eine Haltung zum aktionistischen Interesse selbst für etwas vielleicht Gutes wird, ist das ein Problem.“ Nicht zu vergessen der Mindestlohn, der ihm große Sorgen bereite.
Dazu der passende Mindesthohn des 6-vor-9-Kurators: Hoffentlich reicht Döpfners geschätztes Jahreseinkommen von mehr als 19 Millionen Euro („FAZ“ vom 5. Juli 2017), dass er seine Sorgen, dass andere einen Mindestlohn bekommen könnten, wenigstens zwischendurch kurz vergessen kann.

3. „Hast du das aufgenommen?“
(zeit.de, Sebastian Kempkens)
Was Sebastian Kempkens über die vier Jahre zurückliegende Auseinandersetzung von Herbert Grönemeyer mit zwei Fotografen schreibt, liest sich wie ein spannender Krimi: Zwei Paparazzi-Knipser hatten dem Sänger und seiner Begleitung am Köln-Bonner-Flughafen aufgelauert, wo es zu Handgreiflichkeiten kam. Eine Eskalation, die von den Fotografen womöglich bewusst provoziert worden war, um das dabei entstehende Bildmaterial gewinnbringend an den Boulevard zu verhökern. Am heutigen Mittwoch soll vom Gericht das Urteil dazu gefällt werden.

4. Internet-Giganten müssen Druck widerstehen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Russische Behörden wollen das Internet und die Online-Plattformen kontrollieren und sind damit leider erfolgreich: Laut „Reporter ohne Grenzen“ sei bekannt geworden, dass sich Google dem Druck der russischen Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor beugt und einen Teil der in Russland blockierten Inhalte dort nicht mehr als Suchergebnisse anzeigt. Facebook und Twitter sollen per Gerichtsverfahren und Geldstrafen gefügig gemacht werden. „ROG“-Geschäftsführer Christian Mihr kommentiert: „Google macht sich zum Handlanger der Zensoren, wenn es verbotene Seiten in Russland nicht mehr anzeigt. Statt sich dem Druck zu beugen, sollten große Unternehmen ihre Marktmacht einsetzen, um Meinungs- und Pressefreiheit zu verteidigen und Nutzerdaten vor staatlichem Zugriff zu schützen. Internet-Giganten wie Google, Facebook und Twitter haben entscheidenden Einfluss darauf, ob sich Bürgerinnen und Bürger in Russland künftig noch frei im Internet äußern und informieren können oder ob die Regierung dem chinesischen Beispiel folgt und kritische Diskussionen im Keim erstickt.“

5. «Die Unternehmenskommunikation arbeitet heute journalistischer, hat aber einen ganz anderen Auftrag als Journalisten.»
(medienwoche.ch, Marie-Christine Schindler)
Viele Großunternehmen leisten sich für ihre Kommunikation einen eigenen Newsroom. Marie-Christine Schindler hat mit sieben Verantwortlichen aus unterschiedlichen Branchen über ihre Erfahrungen damit gesprochen: Kommen Beiträge, Themen und Botschaften mit Einführung des Newsrooms beim Publikum besser an? Was hat sich verändert gegenüber der traditionellen Unternehmenskommunikation?

6. „Sonst legt die Mafia mich doch sofort um“
(deutschlandfunk.de, Thomas Migge, Audio: 4:48 Minuten)
Journalisten führen in Italien ein gefährliches Leben, vor allem, wenn sie über die Mafia berichten. Roberto Saviano, einer der bekanntesten italienischen Journalisten, lebt seit seinen Enthüllungen unter Polizeischutz. Ein Schutz, den ihm Matteo Salvini, italienischer Innenminister und Politiker der rechtspopulistischen Partei Lega Nord, am liebsten entziehen würde. Weil er „ja viel Geld koste“.

„Sie haben es sicher bemerkt“

Bitte nicht erschrecken!

Die Seite 1 der „Hamburger Morgenpost“ sieht heute so aus …

Ausriss Titelseite Hamburger Morgenpost - Noch acht Tage bis zur Kollision - Bestätigt: Asteroid trifft Erde - Wo gibt es noch die letzten Bunkerplätze? Politiker und die große Schuldfrage - Der Impact und die Finanzen: Dollar oder Gold? Wie groß ist unsere Überlebenschance?
(Hier in größerer Version.)

… die Seite 2 so …

Ausriss Hamburger Morgenpost - Ein Asteroid rast auf Mitteleuropa zu. Die neue Serie auf Sky. Acht Tage

… und die Seite 3 so:

Ausriss Hamburger Morgenpost - Wein leiser! So soll der Hamburger Rapper Famo eine Frau verhöhnt haben, die er laut Anklage gerade vergewaltigte

Da rechts am Rand steht:

Ausriss Hamburger Morgenpost - Liebe Leserinnen und Leser, heute sieht Ihre Mopo anders aus als gewohnt. Aber natürlich geht nicht demnächst die Welt unter! Sie habe es sicher bemerkt: Die komplette Seite eins ist ausnahmsweise eine Anzeige, die eigentliche Titelseite ist hier auf der dritten Seite. Mit dieser Marketing-Aktion macht der Fernsehsender Sky auf eine neue Serie aufmerksam, in der ein Asteroid auf die Erde zurast. Ihre Mopo-Redaktion

Jaja, „Sie haben es sicher bemerkt“ — und weil das alles so offensichtlich ist, erklärt „Ihre MOPO-Redaktion“ lieber noch mal, dass sie ihre Titelseite an Sky verscherbelt hat, und dass sich die Leserinnen und Leser nun doch nicht um „die letzten Bunkerplätze“ kloppen müssen.

Schon klar, oben rechts auf Seite 1 hat sich die „Hamburger Morgenpost“ mit einem kleinen „ANZEIGE“ abgesichert. Dass die dazugehörige dünne, schwarze Linie aber auch den Schriftzug der Zeitung einschließt, ist mindestens befremdlich. Sky kann dort mit dem offiziellen Logo der „Mopo“-Redaktion werben.

Und wer jetzt sagt: „Naja, aber das Schriftbild sieht ja ganz anders aus als auf der echten Titelseite“ — nur zum optischen Vergleich die Titelseite von gestern:

Ausriss Titelseite Hamburger Morgenpost von gestern - Die Felgen-Mafia - Organisierte Banden stehlen Räder in Sekunden. Immer mehr Fälle

Eine mögliche Erklärung für den traurigen Ausverkauf der Seite 1: Das Blatt steht mächtig unter Druck. Laut IVW ist die verkaufte Auflage der „Hamburger Morgenpost“ im vergangenen Jahr um 17,2 Prozent eingebrochen. Seit 2016 sogar um 27,4 Prozent. Gut möglich also, dass im Verlag tatsächlich Weltuntergangsstimmung herrscht, auch wenn der Asteroid nur ein Werbegag ist.

Nachtrag, 16:02 Uhr: Bei „DWDL“ berichtet Alexander Krei, dass neben der „Hamburger Morgenpost“ auch der „Express“, die „tz“ und der „Berliner Kurier“ ihre Titelseiten für die Sky-Anzeige (optisch jeweils abgeändert) hergegeben haben.

Keine Extrawürste für „Bild“-Reporter? Das gibt Ärger!

Christian Titz, Trainer der Profi-Fußballer des HSV, soll die Tradition seiner Vorgänger, Extrawürste an „Bild“-Reporter zu verteilen, nicht fortgeführt haben. Dafür soll Titz nun den Zorn der „Bild“-Redaktion spüren. Das berichten jedenfalls andere Hamburger Medien.

Tatsächlich steht Christian Titz in den „Bild“-Medien besonders in der Kritik. Nach der — zugegeben, blamablen — 0:5-Heimniederlage gegen Jahn Regensburg stellte Bild.de den Posten des Trainers direkt in Frage:

Screenshot Bild.de - HSV-Trainer bei zwei weiteren Pleiten weg? Titz unter Druck

Und „Bild“ titelte zur Niederlage:

Ausriss Bild-Zeitung - Dieser HSV ist ein Titz

Es folgten ein 0:0 gegen die SpVgg Greuther Fürth und ein weiteres 0:0 im Stadtderby gegen den FC St. Pauli am vergangenen Wochenende. Und schon wieder fragen sie sich bei „Bild“, ob es das für Christian Titz jetzt gewesen ist:

Ausriss Bild-Zeitung - 0:0 gegen St. Pauli - Jetzt letzte Chance für Titz?

Dazu muss man wissen: Aktuell liegt der HSV auf Platz 4 der 2. Fußball-Bundesliga. Nach der 0:5-Klatsche gegen Regensburg stand der Klub sogar noch auf Platz 2. In den Sportteilen der lokalen Medien gab und gibt es natürlich auch Kritik am HSV-Trainer, gerade nach der deutlichen Niederlage vor eineinhalb Wochen. Es wird dort aber längst nicht so hart gegen ihn geschossen wie bei „Bild“.

Woher kommt die harsche Kritik der „Bild“-Redaktion? Lars Albrecht, stellvertretender Sportchef der „Hamburger Morgenpost“ erklärte sie bereits am 25. September so:

Eine Zeitung mit vier Buchstaben, die nicht MOPO heißt, hat es sich zum klaren Ziel gemacht, Christian Titz als HSV-Trainer abzusägen. Die Kampagne läuft schon lange vor und hinter den Kulissen auf Hochtouren, das 0:5 gegen Regensburg kam da gerade recht, im Derby wird dann nun wohl St. Pauli die Daumen gedrückt.

Klar, der „Trainer-Lehrling“ (BILD) hat Fehler gemacht – wie jeder andere Trainer auch. Er hat es aber auch mit seiner unvergleichlichen Art geschafft, die Fans trotz des Abstieges für die 2. Liga zu mobilisieren, sie wieder hinter die Mannschaft zu stellen. Der HSV lebt!

Nach dem Derby gegen den FC St. Pauli wird die „Mopo“ konkreter. Simon Braasch und Christian Jung schreiben:

Erschwert, und auch das beklagt Titz offen, werde dieser Prozess durch äußere Einflüsse. „Wenn du beim HSV Trainer bist und deine Spiele nicht gewinnst, gibt es immer ein gewisses mediales Tohuwabohu“, erklärt der Coach und schmückt etwas nebulös aus: „Ich nehme gewisse Aufmerksamkeiten wahr. Das Thema, dass man sich auf gewisse Dinge fokussiert, hat schon vor einiger Zeit begonnen.“

Um zu wissen, was genau Titz damit meint, muss man die Hintergründe kennen. Denn einen seit Monaten wirklich schweren Stand (unabhängig von Ergebnissen) hat der Trainer eigentlich nur bei einem Medium, allerdings Deutschlands lautestem, der „Bild“. Darüber, warum das so ist, hält sich vor allem eine Darstellung hartnäckig.

So soll der Trainer zu Beginn seiner Amtszeit im März recht zügig klargestellt haben, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger nicht beabsichtige, gesondert mit „Bild“ kooperieren zu wollen, woraufhin ihm gegenüber unverhohlen angedeutet worden sein soll, er könne sich dann auf ein deutlich schwereres Leben als HSV-Trainer einstellen. War dem so, wurde diesbezüglich Wort gehalten.

Und Kai Schiller schreibt im „Hamburger Abendblatt“ zum selben Gerücht:

Dass nach dem dritten Spiel in Folge ohne Sieg und ohne Tor nicht jeder Kritiker so schnell zufriedengestellt werden kann, dürfte Trainer Titz spätestens nach der Lektüre der „Bild“-Zeitung am Morgen klar gewesen sein. „Jetzt letzte Chance für Titz?“, hatte die Boulevardzeitung getitelt — und damit den roten Faden der Berichterstattung der vergangenen Tage konsequent aufgenommen. „Dieser HSV ist ein Titz“, hatte die „Bild“ nach dem 0:5 gegen Regensburg getitelt. Danach folgte: „Titz unter Druck — zwei Pleiten könnten schon sein Aus bedeuten.“

Warum Titz, der noch bis zur vergangenen Woche hinter Legende Branko Zebec der nach Punkten und Siegen erfolgreichste HSV-Coach der Clubgeschichte war, so hart kritisiert wird, beantwortet Matthias Müller, Sportchef der Hamburg-Ausgabe der „Bild“, auf Nachfrage so: „Unsere Berichterstattung über den HSV spiegelt das Ergebnis unserer Recherchen wider. Nicht mehr — und nicht weniger.“

Ein anderer Erklärungsansatz könnte dieser sein: Nach Informationen des Abendblatts hatte sich Titz direkt nach seiner Beförderung zum Cheftrainer die Chuzpe herausgenommen, der „Bild“ — anders als die meisten seiner Vorgänger — keine Privataudienz nach den wöchentlichen Spieltagskonferenzen zu gewähren. Was erlauben Titz?

Mit Dank an Dirk H., Martin R. und Anonym für die Hinweise!

Die große Auflagenlüge der „Lügenpresse“-Rufer

Auf ihrer Titelseite verkündete die „Bild“-Zeitung am 1. August empört:

Ausriss Bild-Titelseite - Die große Abschiebelüge! In Wahrheit sinken die Ausreisezahlen! Sogar kriminelle Afghanen bleiben bei uns!

Der dazugehörige Artikel beklagt unter anderem, ebenfalls sehr empört, dass von Januar bis Ende Juni 2017 weniger Menschen abgeschoben wurden als im Vorjahreszeitraum. Man kann das auch unaufgeregter aufschreiben. Hier soll es aber nicht um „Bild“ gehen, sondern um eine typische Reaktion auf diese Art der Berichterstattung aus einer noch schlimmeren Ecke.

„Compact“-Chefredakteur Jürgen Elsässer griff die „Bild“-Schlagzeile auf und nutzte sie zur Eigenwerbung. Sein Magazin hätte all das schon im Frühjahr geschrieben. Wie er und sein Team bereits im Mai die genauen Abschiebezahlen bis Ende Juni kennen konnten, verrät Elsässer nicht. Das ist aber auch gar nicht die Frage:

Die Frage ist: Warum schreibt jetzt auch Bild endlich die Wahrheit, nachdem das Blatt bis vor kurzem den Offene-Grenzen-Wahnsinn mitgemacht hat?

Die Antwort kennt Elsässer auch schon:

Bild steht das Wasser bis zum Hals, Auflage nur noch 1,6 Millionen. Sie wollen ihren lausigen Ruf als Lügenpresse korrigieren…

Wobei er auch eine zweite Antwortmöglichkeit gelten lässt: Dass „Bild“ auf Befehl von US-Präsident Donald Trump Angela Merkel im Wahlkampf schaden wolle.

Beschäftigen wir uns aber besser mit der etwas weniger kruden, ersten These. Die Behauptung, dass die veröffentlichte Meinung, insbesondere eine flüchtlingsfreundliche Berichterstattung, der Grund für die Auflagenverluste sei, wird von unterschiedlichen rechten Alternativmedien gerne verbreitet. Bei „Compact“ etwa klingt das so:

Oberlehrerhafte Leserbevormundung hat eben seinen Preis. Wie bei allen Etablierten, befindet sich die Auflage des ehemaligen Hamburger Nachrichtenmagazins [„Der Spiegel“] im Sturzflug. […] Gegen den Strom wächst COMPACT in der Zwischenzeit immer mehr.

Oder so:

Vielleicht sollten die deutschen Blätter mal versuchen, Informationen statt Propaganda zu publizieren — vielleicht steigt dann die Auflage wieder.

„Compact“ hat auch Peter Bartels, der um 1990 kurzzeitig „Bild“-Chefredakteur war, als Kolumnisten und Kronzeugen engagiert. Er ist der Autor einer als „Enthüllungsbuch“ betitelten Krawallschrift gegen „Bild“. Die Zeitung ist ihm nämlich nicht mehr krawallig genug. Für „Compact“ recycelt Bartels diese Meinung regelmäßig unter Hinweis auf die gefallene Auflage des Boulevardblatts. Und auch über die Auflagen anderer Tageszeitungen schreibt er, zum Beispiel in seiner Dezember-Kolumne:

Wohin man blickt im Blätterwald — Kahlschlag von der Alpen-Prawda SZ bis zur Antifa-Bibel Taz. Wer hoffte, Muttchen Merkels Schranzen würden nach der Dritten Quartals-Klatsche in Folge endlich begreifen, dass es nicht das Internet ist, das ihnen die Leser abspenstig macht, sondern ausschließlich ihre ignorante Sprach- und Denktyrannei, hoffte vergeblich.

„Compact“ äußert die These zum Auflagenschrumpfen zwar besonders laut, ist aber keinesfalls ihr einziger Verfechter.

Bei der „Achse des Guten“ erklärt Wolfgang Röhl einen möglichen Stellenabbau bei der „Hamburger Morgenpost“ Ende 2016: Die Zeitung habe „besondere Maßstäbe in Sachen Leserfeindlichkeit gesetzt“, nämlich Linksextreme verharmlost und Polizeieinsätze kritisiert. Die angebliche Folge: „Die Auflage der einstmals stolzen SPD-Postille sinkt wie Blei im Hafenbecken.“

Auch der russische Staatssender „RT Deutsch“ macht den stetigen Auflagenschwund deutscher Zeitungen immer mal wieder zum Thema, zuletzt etwa im Januar unter der Schlagzeile „Mainstream in Not: Erneut massiver Auflagenschwund bei den Etablierten“. An der Digitalisierung könne das nicht liegen, heißt es dort in Einklang mit „Compact“, schließlich setzten „Der Freitag“ und „Junge Freiheit“ zuletzt mehr Exemplare ihrer Wochenzeitungen ab.

Die „Junge Freiheit“ selbst stellt ihre Auflagengewinne regelmäßig weitgehend unkommentiert den Verlusten der großen Medien entgegen. Einige Leser verstehen das als Wink mit dem Zaunpfahl und interpretieren die Zahlen in den Kommentaren:

Die IndoktrinationsPresse bricht ein! Die FaktenPresse gewinnt.

Oder:

Es erkennen offensichtlich immer mehr Bürger, dass sie von den Systemmedien über Jahrzehnte belogen und betrogen worden sind.

Eine weitere Seite aus der rechten Ecke, die sich um eine feinere Ausdrucksweise als das Hau-Drauf-Blatt „Compact“ bemüht, macht bei der Auflagen-Erzählung ebenfalls mit. Roland Tichy schreibt auf seiner Website „Tichys Einblick“, die er selbst ein „liberal-konservatives Meinungsmagazin“ nennt, Anfang Juli:

In der Flüchtlingskrise genannten Migrationskrise zerbracht der Nasenring, an dem die Bevölkerung in die Irre geführt wurde. Zu weit klafften Realität und mediale Wirklichkeit auseinander. Das böse Wort von der „Lügenpresse“ entstand, der Auflagenschwund nimmt seither immer dramatischere Formen an.

Der Tenor ist, trotz unterschiedlicher Wortwahl, von Elsässer bis Tichy gleich: Die sinkenden Auflagenzahlen seien Folge von falscher Berichterstattung und Lügen. Die Medien schrieben am Leser vorbei. Abokündigungen seien folglich die Strafe für eine zu linke Haltung. Die Leser würden sich nun den rechten Medien zuwenden, da diese vermeintlich die Wahrheit schreiben.

Mal abgesehen davon, dass sich die Wahrheit nicht per Volks- oder Aboabstimmungen ermitteln lässt: Stimmt die These von der durch ideologische Dissonanz bedingten Auflagenkrise überhaupt?

Die wahren Fragmente, aus der sie geschmiedet ist: Die Auflagen der großen gedruckten Tageszeitungen sinken tatsächlich stetig, nicht zuletzt die von „Bild“. Neue Medien am rechten Rand wurde in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit zuteil. Und in den Kommentaren zu Onlineartikeln proklamieren regelmäßig angeblich jahrelange Abonnenten ihre Kündigung.

Doch gibt es zwischen diesen Beobachtungen auch einen Zusammenhang? Was sagen die Zahlen?

Zunächst misst die „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern“ („IVW“) lediglich die Auflagenzahl ihrer Mitglieder — die Gründe für eine Änderung der Verkaufszahlen erforscht sie nicht. Allein aufgrund der „IVW“-Zahlen lässt sich nicht argumentieren, dass explizit die Berichterstattung zur Flüchtlingsbewegung ab 2015 zum Auflagenrückgang geführt hätte.

Die verkaufte Auflage aller Tageszeitungen zusammengerechnet hat sich seit 1995 beinahe halbiert:

Grafik, die die Auflagenentwicklung aller Tageszeitungen gesamt seit 1992 (29,4 Millionen verkaufte Exemplare) bis 2017 (16,7 Millionen verkaufte Exemplare) zeigt
(Draufklicken für größere Version.)

Vor dieser Zeit kann man die „IVW“-Zahlen nur bedingt vergleichen, da die Anmeldung von Zeitungen aus der ehemaligen DDR für einen großen Zuwachs der statistischen Auflage sorgte. Wie zu sehen ist, sinkt die Gesamtauflage deutscher Tageszeitungen bereits 20 Jahre vor 2015 ziemlich stetig. So auch etwa zwischen 2005 und 2010, einer Zeit mit sehr niedrigen Asylantragszahlen. Der Schwund nimmt auch nicht „immer dramatischere Formen“ an, wie Roland Tichy meint, sondern ist recht konstant. Von dem Einbruch der Auflagen sind zudem beinahe alle Zeitungen, ungeachtet ihrer politischen Ausrichtungen, betroffen.

Und was hat es mit dem Erfolg neuer rechter Medien auf sich? Die „Junge Freiheit“ etwa hat ihre wöchentliche Auflage seit 2008 auf rund 30.000 Exemplare verdoppelt. Anders als bei den Tageszeitungen ist der Auflagenverlust der Wochenzeitungen insgesamt weniger stark. „Die Zeit“ etwa konnte ihre Printauflage bei ungefähr 500.000 Stück halten. Bis die „Junge Freiheit“ der „Zeit“ als führende Wochenzeitung den Rang abläuft, dürfte es noch eine Weile dauern:

Grafik, die die Auflagenentwicklung aller Wochenzeitungen gesamt seit 2008 (1,99 Millionen verkaufte Exemplare) bis 2017 (1,71 Millionen verkaufte Exemplare) zeigt, sowie die Auflagenentwicklung der Zeit (2008 485223 verkaufte Exemplare, 2017 504420 verkaufte Exemplare) und der Jungen Freiheit (2008 15705 verkaufte Exemplare, 2017 30316 verkaufte Exemplare)
(Draufklicken für größere Version.)

„Tichys Einblick“ gibt es seit Oktober 2016 auch als gedrucktes Monatsmagazin. Im ersten Quartal 2017 brachte dieses es auf 13.978 Exemplare im Einzelverkauf und Abo, im zweiten Quartal auf 10.414. Da man für einen fairen Vergleich letztlich die gleichen Quartale aus einem anderen Jahr bräuchte, lässt sich hier noch keine Tendenz ablesen. Wirklich hoch sind die Verkaufszahlen allerdings nicht. Sollte Roland Tichys Behauptung stimmen, die Auflage sei an die Wahrheit des Inhalts gebunden, stünde es um sein eigenes Printprodukt nicht besonders gut.

Und „Compact“? Elsässers Magazin hat überhaupt keine „IVW“-Auflage. Die „IVW“ zeichnet nämlich nur die Titel aus, die bei ihr Mitglied sind. Sie tut dies auch, damit Anzeigenkunden besser abschätzen können, ob ihr Geld gut investiert ist.

Niemand muss sein Magazin oder seine Zeitung bei der „IVW“ anmelden. Dann gibt es allerdings auch niemanden, der unabhängig überprüft, ob die genannten Auflagenzahlen der Wahrheit entsprechen. „Compact“ behauptet, eine gedruckte Auflage von etwa 80.000 Exemplaren zu haben, von der die Hälfte auch verkauft werde. Ob das grundsätzlich stimmt, wie viele der Magazine zum vollen Preis verkauft wurden oder — wie kürzlich geschehen — als „Pegida“-Aktionsabo verschenkt wurden: von außen ist das nicht zu beurteilen.

Wären da noch „RT Deutsch“ und die „Achse des Guten“. Die haben ebenfalls keine „IVW“-Auflage, sie liefern schließlich kein Printprodukt. Das gilt natürlich ebenso für diverse Blogs, die sich der „Lügenpresse“-Schelte gerne anschließen.

Die Printauflage ist eben doch nicht alles — was die „Lügenpresse“-Rufer nicht daran hindert, ausschließlich mit dieser Zahl zu argumentieren. Verweisen die Verlage bei der Erklärung für ihren Auflagenverlust auf die Online-Konkurrenz, tun „Compact“ und all die anderen das gerne als Gejammer ab. Das Argument passt nicht zu ihrer Erzählung, an der Printkrise sei alleine die inhaltliche Ausrichtung Schuld.

Im digitalen Bereich ergibt sich ein völlig anderes Bild. Dort wuchs beispielsweise Bild.de laut „IVW“-Messung von etwa 47,9 Millionen Visits im Juli 2007 auf 354,7 Millionen Visits zehn Jahre danach. Die „Junge Freiheit“ lag bei dieser Kennzahl im Juli dieses Jahres bei rund 2,2 Millionen, „Tichys Einblick“ bei 1,7 Millionen.

Visits sind einzelne Besuche innerhalb einer bestimmten Zeitspanne (bei der „IVW“ 30 Minuten). Wer also mehrmals im Monat eine Seite aufruft, wird auch mehrmals gezählt. Mit Abonnentenzahlen oder einzelnen Lesern ist diese Größe daher nicht gleichzusetzen.

Eine andere wichtige Ziffer sind die Unique User, die einzelnen Nutzer, die jeweils mindestens einmal im Monat ein digitales Angebot besuchen. Bild.de hatte im Juli laut „Arbeitsgemeinschaft Online Forschung“ („AGOF“) 21,87 Millionen Unique User, die einzige gemessene Website der Ankläger, „Tichys Einblick“, 410.000.

Mit einem Blick auf die Online-Zahlen lässt sich nicht argumentieren, dass es den großen Medienmarken generell an Aufmerksamkeit mangele. Genauso sind die Publikationen vom rechten Rand zahlenmäßig noch lange keine große Konkurrenz für sie.

„Compact“, die „Achse des Guten“ und „RT Deutsch“ tauchen übrigens weder in der „IVW“-Ausweisung für digitale Medien noch bei den „AGOF“-Zahlen auf. Auch hier wird nur gezählt, wer sich anmeldet.

„Compact“ behauptete in einer Broschüre aus dem Jahr 2014, „5.000 User vertrauen tagtäglich der unabhängige [sic] Berichterstattung“ der Redaktion. Diese Zahl lässt sich nicht überprüfen. Genauso wenig kann man die Gedanken der angeblichen User lesen, um zu verifizieren, ob sie „Compact“ tatsächlich „vertrauen“ oder nur aus Versehen auf der Seite gelandet sind.

Die These, den etablierten Medien laufe das Publikum davon, weil es deren vermeintliche Lügen durchschaue, ist anhand von Auflagenzahlen und Reichweitenmessungen nicht belegbar. Sie ist eine PR-Behauptung der neuen rechten Medien, sicher auch an die eigene Leserschaft gerichtet, damit diese sich auf der Gewinnerseite wähnen darf. Wer diesen Parolen trotz widersprüchlicher Faktenlage glaubt, folgt Scheinriesen. Obwohl sie selbst so gerne mit den Zahlen argumentieren, nehmen die meisten dieser Blogs, Websites und Magazine nicht an den unabhängigen Erhebungen teil. Gerade denen, die häufig über die angebliche Unaufrichtigkeit der „Systempresse“ poltern, mangelt es hier an Transparenz.

Erpresserin Merkel, Indymedia-Verbot, Trumps Lügenbilanz

1a. BILDblog braucht Deine Hilfe — unterstütze uns bei Steady
(bildblog.de)
Hier beim BILDblog sieht es finanziell nicht gut inzwischen etwas besser aus. Dank Eurer Unterstützung sind 2000 Euro pro Monat zusammengekommen. Das ist großartig, aber immer noch knapp kalkuliert — wir können uns dadurch gerade so den Mindestlohn zahlen. Um BILDblog eine solidere Basis zu geben, machen wir bei Steady weiter. Du kannst also auch jetzt noch ganz einfach helfen und uns bei Steady monatlich oder jährlich per Lastschrift, Paypal oder Kreditkarte unterstützen.
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1b. Ex-ZDF-Chefredakteur Brender wirft Merkel Erpressung vor
(spiegel.de)
Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender erhebt laut „Spiegel“ schwere Vorwürfe gegen Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Diese habe das TV-Duell am 3. September durch massiven Druck ihrer Vertrauten zu einem reinen Kanzlerformat gemacht. „Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf“, so Brender: „Als Fernsehformat ist das eine Missgeburt.“ Merkel mache einen Wahlkampf „im Schlafmodus“. Ein Fernsehduell, „das Funken schlägt, würde dabei nur stören“.

2. Durchsuchungen wegen Linksunten: Doch keine Waffen bei Journalisten gefunden
(netzpolitik.org, Matthias Monroy)
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte auf einer Pressekonferenz zum Verbot der linken Plattform „linksunten.indymedia.org“ erklärt, bei den Betroffenen seien Waffen beschlagnahmt worden. Viele Medien übernahmen diese Aussage ungeprüft. Nach hartnäckigem Nachfragen von „Netzpolitik.org“ musste das Bundesinnenministerium nun einräumen, dass bei den angeblichen Betreibern keine gefährlichen Gegenstände gefunden wurden. Die beschlagnahmten Gegenstände stammten aus dem Freiburger autonomen Kulturzentrum KTS. Ihr Besitz dürfte zudem in den allermeisten Fällen nicht strafbar sein.
(Zum Indymedia-Verbot siehe auch den „Vice“-Kommentar: Mit dem Indymedia-Verbot haben sich die Behörden selbst ins Bein geschossen und den taz-Kommentar Keine Sorge, der Feind steht links)

3. Zeitungslandschaft im Umbruch
(dumontschauberg.wordpress.com)
Sei April 2009 gehört die Boulevard-Zeitung „Hamburger Morgenpost“ zur DuMont Mediengruppe. Die erste Ausgabe der „Mopo“ erschien 1949. Heute hat das Blatt eine Auflage von knapp über 70.000. Für Unruhe sorgen derzeit die Abbau-Pläne des Mopo-Chefredakteurs, der die Lokalredaktion ausdünnen und unter anderem die Rathausreporterin entlassen will. Ein Vorhaben, das von Hamburger Politikern stark kritisiert wird.

4. Wie wäre es mit Lokaljournalismus?
(taz.de, Daniel Bouhs)
Momentan geben sich viele Redaktionen volksnah und schicken ihre Reporter in die Außenwelt: Sie sollen mit „echten Menschen“ über „echte Probleme“ reden. Ob innerhalb eines Sonderprojekts, einer Arbeitsgruppe, einer Taskforce oder eines „Pop-up-Ressorts“. Daniel Bouhs stellt einige der Vorgehensweisen vor, von „Zeit Online“ bis zu „RTL“ und „Bild“.

5. 1.057 Falschaussagen und Lügen – das ist Trumps Bilanz
(blog.zeit.de, Sybille Klormann)
Redakteure der „Washington Post“ haben nachgezählt: Seit seinem Amtsantritt im Januar hat Donald Trump mehr als 1.000 Falschaussagen und Lügen verbreitet. Ein Video (2:55 Minuten) sorgt für den schnellen Überblick. Wer es detaillierter und aktueller haben will, kann eine Datenbank mit einer Lügen-Chronologie der Trump-Regentschaft aufrufen, die nach Themen und Stichworten gefiltert werden kann.
Weiterer Lesetipp: Der „Infosperber“-Beitrag: Wie Donald Trump mit Twitter regiert

6. Wem gehört ein Tattoo? Kann man damit Marken- oder Urheberrecht verletzen?
(tattoo-recht.de, Lars Rieck)
Gehören Tattoos rechtlich gesehen dem Träger, dem Tätowierer oder gar einem Konzern als Markenrechtsinhaber? Und worauf müssen Fotografen achten, wenn sie tätowierte Models ablichten und nicht in die Haftungsfalle tappen wollen? Rechtsanwalt und Medienrechtler Lars Rieck beschreibt das Spannungsfeld zwischen Körperkunst und der Rechtslage in Deutschland und gibt konkrete Praxistipps.

Kika-Post, Milchmärchen, Wasserkonflikt

1. „Ich bin fassungslos, dass dieser verblödete Schrott gesendet wird!“
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Bei der Zuschauerredaktion von „Kika“, dem öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehen, trudeln jedes Jahr ca. 67.000 Briefe und 25.000 E-Mails ein. Während die Zuschriften der jüngeren Kinder den Mitarbeitern oft große Freude machen würden, sähe das bei der Post der Älteren oft anders aus: Die Kritik habe in letzter Zeit zugenommen und der Ton sich verschärft.

2. Der unrühmliche Sturz des Kabelkönigs
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Der amerikanische Fernsehsender „Fox News“ musste sich von Bill O’Reilly trennen, einem der bekanntesten Fernseh-Moderatoren Amerikas und bekennendem Trump-Fan. Die „New York Times“ hatte berichtet, dass fünf Frauen O’Reilly vorgeworfen hatten, sie sexuell belästigt zu haben und von ihm mit insgesamt 13 Millionen Dollar abgefunden worden zu seien.

3. Das Milchmärchen vom Milchmädchen
(udostiehl.wordpress.com)
In Deutschland lebende türkische Staatsbürger haben jüngst über Verfassungsänderungen in der Türkei abgestimmt. „63 Prozent der Türken in Deutschland für Präsidialsystem“, so die Schlagzeile der „Frankfurter Rundschau“ am Tag danach und an anderer Stelle „Das bedeutet unterm Strich: 412 000 von 2,8 Millionen Deutsch-Türken stärkten Erdogan den Rücken“ Udo Stiehl hat sich die Mühe gemacht und den Rechenweg auf deutsche Gegebenheiten angewandt.

4. Die multimediale Preisträgerin – Fünf Fragen an Katharina Thoms
(watch-salon.blogspot.de, Christine Olderdissen)
Der Journalistinnenbund feiert dieses Jahr sein 30jähriges Jubiläum. Bis zum Stichtag werden innerhalb der Interviewserie „Fünf Fragen“ in lockerer Folge ganz unterschiedliche Journalistinnen vorgestellt. Im aktuellen Interview steht Katharina Thoms Rede und Antwort, die u.a. wegen ihrer preisgekrönten Webdoku über die „Erstaufnahmestelle Meßstetten“ vom „medium magazin“ zu den Top 3 Journalistinnen 2016 regional gewählt wurde.

5. Journalisten der Nowaja Gaseta schützen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zwei Journalistinnen der „Nowaja Gaseta“ haben über schwere Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen in Tschetschenien berichtet und werden nun von der tschetschenischen Führung bedroht. Drohungen, die man ernst nehmen müsse, weil im Nordkaukasus schon öfter kritische Berichterstatter ermordet worden seien. „Die russische Regierung muss endlich den Teufelskreis von Gewalt gegen Journalisten und Straflosigkeit für die Täter in Tschetschenien stoppen“, so der Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“.

6. Skurriler Wasserstreit um Til Schweiger
(haz.de)
Um schnödes Wasser geht es beim Streit zwischen Til Schweiger und der „Hamburger Morgenpost“. Nachdem diese Anfang des Jahres berichtet hatte, dass der Schauspieler in seinem Restaurant „Hamburgs teuerstes Leitungswasser“ verkaufe, wehrte der sich gegen den Vorwurf. Nun musste die Zeitung eine Gegendarstellung veröffentlichen, nutzte dies jedoch für einen erneuten Konter.

Polizei und Medien gehen mit Bushido auf Verbrecherjagd

In Buxtehude gab es einen Raub. Schon vor einigen Tagen überfielen zwei Männer eine Frau und nahmen ihr Geld und Handy ab. Die zuständige Polizeiinspektion Stade hat in einer Pressemitteilung nun ein paar Details zu einem der Täter veröffentlicht:

Männlich — nicht über 30 Jahre — 190-200cm groß, sportlich schlank — südländisches Erscheinungsbild — kräftiger Vollbart – sprach gebrochenes deutsch – dunkelrotes Basecap mit einem silbernen Button an der Unterseite der Schirms

Und, noch besser, es gibt auch ein Phantombild:

Viele lokale, aber auch überregionale Medien berichten über die Suche der Polizei. Zum Beispiel die Hamburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung heute:

Oder Bild.de bereits gestern Abend:

Das Onlineportal des „Hamburger Abendblatts“ mit leicht verzerrtem Phantombild:

„Focus Online“ berichtet ebenfalls:

Und die Onlineredaktion der „Hamburger Morgenpost“:

Wir haben eine gute Nachricht: Die Polizei kann die Suche einstellen. Wir wissen nämlich, wer der Mann auf dem Foto ist: der Rapper Bushido. Gewisse Zweifel, dass er etwas mit dem Raubüberfall in Buxtehude zu tun hat, haben wir durchaus. Aber: Das auf dem Foto ist Bushido.

Die Polizeiinspektion Stade hat offenbar ein Foto des Rappers genommen …

… es gespiegelt …

… das Foto leicht verzerrt, einen fancy Filter über das Bild gelegt, Bushidos Kette wegretuschiert, seinen Bart verlängert, ein paar Punkte und Striche in sein Gesicht gemalt, ihm ein Käppi aufgesetzt. Und schon war das Phantombild fertig:

Für eine größere Version einfach auf die Collage klicken. Dann erkennt man auch drei besonders prägnante Stellen: ein helles Haar in der Augenbraue, ein rausstehendes Nasenhaar und die Spuren der wegretuschierten Kette am Kragen des T-Shirts.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!

Nachtrag, 13:14 Uhr: Laut tageblatt.de beruft sich die Polizeiinspektion Stade darauf, dass es sich um eine „‚zufällige Ähnlichkeit'“ handelt. Das Phantombild sei von einem Zeichner des Landeskriminalamtes nach Angaben einer Zeugin angefertigt worden.

Und Bushido will sich demnächst „ein rotes Cap“ zulegen.

Nachtrag, 31. März: Laut kreiszeitung.de gibt inzwischen auch das fürs Phantombild zuständige Landeskriminalamt Niedersachsen zu, dass das Bushido-Foto als Grundlage für die Zeichnung diente. Die Polizeiinspektion Stade bestritt gestern noch einen Zusammenhang und sprach von einem „Zufall“.

Nachtrag, 18. April: Anfangs bedankte sich Bushido zwar noch für den Modetipp bei der Polizei, ganz so lustig fand er die Verwendung seines Fotos als Vorlage für das Phantombild dann aber offenbar doch nicht. Denn inzwischen hat der Rapper Anzeige erstattet, wegen Verleumdung und Verfolgung Unschuldiger.

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