Archiv für Juni 3rd, 2019

„Bild“ duldet schwulenfeindliche Hetze

In Russland wird der Film über das Leben von Elton John offenbar nur in einer zensierten Version zu sehen sein, wenn er diese Woche dort in die Kinos kommt. Das berichten Journalisten, die „Rocketman“ vorab sehen konnte. Demnach seien unter anderem „alle Szenen mit Küssen, Sex und Oralsex zwischen Männern“ von der Vertriebsfirma herausgeschnitten worden.

Bild.de berichtet auch über diesen Vorgang und hat den Artikel zum Thema bei Facebook geteilt. Im Kommentarbereich auf der „Bild“-Facebookseite gibt es seitdem größtenteils Jubel: „Richtig!“, „Gut so!“, „Gute Idee“, „Ich verstehe die Russen.“, „Sollte aber komplett verboten werden“. Von „Homowahn“ ist da die Rede, von „schwuppen kamelle“, von „Homo scheisse“. „Schwule-nein danke!“ kommentieren „Bild“-Leserinnen und -Leser und: „Das ist die Version die ich mir ansehen würde. Danke! Spart mir den Kotzkrampf!“

Manche gehen aber noch ein bisschen weiter. Ein Nutzer bringt den inzwischen abgeschafften Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches ins Spiel, der noch bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und das Leben vieler, vieler Menschen zerstörte:

Screenshot eines Facebook-Kommentars - gut anders gesagt ich muss keinerlei Verständnis für solche Neigungen haben. Schließlich handelt es sich hier um eine spezielle Lebensweise und die war in Deutschland schon seit langem fragwürdig. Warum gab es sonst den Paragraphen 175. Da hat sich jemand was bei gedacht.

Ein anderer bezeichnet Homosexualität als „trend krankheit“:

Screenshot eines Facebook-Kommentars - Also meine kinder haben verstanden das homosexualität wine trend krankheit ist.

Und einer will „DIESE KRANKHEIT“ gleich ganz „VERNICHTEN“:

Screenshot eines Facebook-Kommentars - RICHTIG SO!!!! DIESE KRANKHEIT MUSS VERNICHTET WERDEN

Diese Kommentare sind seit Tagen online, ohne dass die „Bild“-Redaktion eingreift.

Mit Dank an Fabian für den Hinweis!

Nachtrag, 4. Juni: Auf die Nachfrage eines BILDblog-Lesers hat die „Bild“-Redaktion nun reagiert und den größten Teil der homophoben Kommentare gelöscht. Sie schreibt dazu im Kommentarbereich der „Bild“-Facebookseite:

Nein, solche Kommentare sind nicht normal, zutiefst verachtenswert und werden von uns nicht geduldet. Hier haben wir auf jeden Fall zu spät reagiert, zumal bei einer überschaubaren Gesamtzahl an Kommentaren. Wir sind dabei, Kommentare zu löschen und auch Nutzer zu bannen. Liebe Grüße.

Mit Dank an Marco S. und Sebastian K.!

Bild.de lässt Greta Thunberg ein ganzes Jahr schwänzen

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg wird für ein Jahr nicht in die Schule gehen. Sie wolle sich in dieser Zeit voll auf ihren Kampf für das Klima konzentrieren und erst anschließend aufs Gymnasium wechseln. Die meisten Redaktionen bekommen es hin, das auch so zu berichten. „Zeit Online“ schriebt zum Beispiel: „Greta Thunberg setzt die Schule für ein Jahr aus“. Oder Süddeutsche.de: „Greta Thunberg macht ein Jahr Schulpause“.

Bei Bild.de klingt das anders:

Greta Thunberg (16) wird das kommende Schuljahr ganz schwänzen — um sich dem Kampf gegen die Klima-Krise zu widmen!

… steht gleich am Anfang des Artikels. Und auch wenn man ihn bei Facebook oder Twitter verbreitet, erscheint direkt der Vorwurf, Thunberg schwänze das kommende Schuljahr:

Screenshot eines Facebook-Posts - Greta Thunberg: Klimaaktivistin wird ein Jahr lang die Schule schwänzen
Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion -

Doch das ist kompletter Unsinn. Die Schule „schwänzen“ kann man nur, wenn man eigentlich zur Schule gehen müsste. Aber das muss Thunberg bald nicht mehr: In Schweden endet nach den neun Jahren in der Grundschule, die sie gerade abschließt, die Schulpflicht.

Das weiß auch die Bild.de-Redaktion. In ihrem Artikel, der zu großen Teilen auf einer dpa-Meldung basiert (in der die Passage mit dem „schwänzen“ allerdings nicht vorkommt), steht:

Um ihre Schulzeit mache sie sich keine Sorgen, sagte Thunberg. Sie werde einfach ein Jahr später aufs Gymnasium wechseln. Normalerweise stünde für die junge Schwedin im August der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. In den ersten neun Jahren gilt Schulpflicht.

Obwohl es einige Hinweise an die Redaktion gibt, dass das mit dem „schwänzen“ nicht stimmt, lässt sie den Absatz weiter im Text.

Die „Bild“-Medien können aber auch anders, wenn eine 16-Jährige ihrem großen Ziel folgt, statt dem Schulunterricht. Für Laura Dekker, die als Jugendliche allein die Welt umsegelte, gab es Anerkennung statt Schwänzvorwürfe:

Screenshot Bild.de - Laura Dekker - Das Mädchen, das stärker war als tausend Stürme

Einen Schulabschluss hat Laura nie gemacht. Bis sie 16 Jahre alt wurde und der Schulpflicht unterlag, musste sie den Lehrplan der sogenannten Weltschule absolvieren. „Ich habe mich da durchgequält“, sagt sie, „diese ganze Theorie war fürchterlich.“ Ab dem sechzehnten Geburtstag lebte Laura nach ihrem eigenen Lehrplan: Sie spielte Gitarre und Flöte, studierte Fliegende Fische, die immer wieder an Bord landeten, hörte Metallica, las Segelbücher, fotografierte, skypte, tauschte über SSB-Funk Erfahrungen aus: „Es war toll, mit den Seglern aus anderen Ländern in Kontakt zu stehen. Einsam habe ich mich nie gefühlt.“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Fake on my dear, Rezo-Fallout, Facebook kennt keine Privatsphäre

1. Bloggerin soll Holocaust-Opfer erfunden haben
(tagesspiegel.de, Julia Prosinger)
Der Erfolg der promovierten Historikerin und Bloggerin („Read on my dear, read on“) Marie Sophie Hingst beruht anscheinend auf weitgehend erfundenen Geschichten. So habe Hingst ihre jüdische Familiengeschichte erlogen. Auch sei fraglich, ob Hingst im Alter von 19 Jahren tatsächlich ein Slumkrankenhaus gegründet habe. „Zeit Online“ rückt mittlerweile von einem Beitrag über eine angebliche Aufklärungs-Sprechstunde mit Geflüchteten ab. Die „FAZ“ hat ein mit Hingst veröffentlichtes Interview offline genommen.
Weiterer Lesetipp: Anke Gröner kommentiert in ihrem Blog: „Holocaust-Opfer zu erfinden, ist nicht nur geschmacklos, es ist gefährlich. Es ist Wasser auf den Mühlen der Holocaust-Leugner, es ist Wasser auf den Mühlen derer, die Opfern eine Mitschuld unterstellen, ganz gleich, von was sie Opfer geworden sind, es ist Wasser auf den Mühlen der Geschichtsverfälscher und -umdeuter, die im Nachhinein besser wissen wollen, was passiert ist und wie wir damit umgehen sollten („Schlusstrich“, „langt jetzt auch“, „DRESDEN!“).“
Und wer sich noch weiter einlesen will: Die Causa Hingst – Fragen und erste Antworten zu einem Skandal der Blogosphäre (archivalia.hypotheses.org, Klaus Graf).

2. Angaben zu Social-Media-Profilen sind jetzt Pflicht
(spiegel.de)
Antragsteller für ein US-Visum müssen zukünftig ihre Social-Media-Identitäten offenlegen und sowohl ihre aktuellen als auch ihre früheren Telefonnummern angeben. USA-Urlauber seien davon jedoch derzeit nicht betroffen. Für sie gilt das visumlose ESTA-Programm für Besuche mit befristeter Aufenthaltsdauer.

3. Lügen, Sex und YouTube
(gutjahr.biz)
Anlässlich der jüngsten Videoveröffentlichungen mit politischem Rückhall, kommentiert Richard Gutjahr: „Stellen wir uns vor, das Ibiza-Video wäre kein Video gewesen, sondern nur ein Audio-Mitschnitt. Oder ein verschriftetes Wortprotokoll. Ich gehe jede Wette ein, Kurz und Strache wären heute noch im Amt. Oder die „Zerstörung der CDU“. Nehmen wir mal an, Rezo hätte seinen Rant nicht als Video, sondern in Schriftform ins Netz gestellt. Wort für Wort. Mit allen Fußnoten und Quellenhinweisen. Rezo… wer?“ Gutjahrs Prognose: „Die Bedeutung von Video wird in den kommenden Jahren nicht nur weiter linear wachsen, sondern geradezu explodieren.“

4. Nutzer können laut Facebook keine Privatsphäre erwarten
(golem.de, Friedhelm Greis)
In einem Prozess um den Cambridge-Analytica-Skandal verteidigt sich Facebook mit einer bemerkenswerten Argumentation: Das Unternehmen habe nicht gegen Datenschutzvorgaben verstoßen, da es bei Sozialen Medien „keine vernünftige Erwartung auf Datenschutz“ gebe und weiter: „Es gibt keine Verletzung der Privatsphäre, da es überhaupt keine Privatsphäre gibt“.

5. Rezo-Fallout: „Wir brauchen Regeln gegen Desinformation“
(heise.de, Markus Kompa)
Markus Kompa kommentiert ein Interview, das Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, der „FAZ“ zur Netzregulierung gegeben hat (Wir brauchen Regeln gegen Desinformation). „Landesmediendirektor Schmid behauptet im Interview allen Ernstes, die Einhaltung journalistischer Standards überwache bei der Presse der Presserat. Bei solch weltfremder Naivität möchte man in die Tischkante beißen. Der Presserat ist nichts weiter als eine Propaganda-Veranstaltung der Verlagsbranche, mit der man in den 1950er Jahren den Erlass eines lästigen Ehrenschutzgesetzes verhindern wollte. Das geplante Gesetz wurde aber überflüssig, weil die Rechtsprechung praktisch die gleichen Ergebnisse durch Entwicklung des aus der Verfassung hergeleiteten allgemeinen Persönlichkeitsrechts erzielt.“

6. Diese Instagram-Accounts gingen im Mai durch die Decke
(horizont.net, Giuseppe Rondinella)
„Horizont“ hat die Wachstumsraten aller deutschsprachigen Instagram-Kanäle ab 100.000 Follower für den Monat Mai analysieren lassen. Die Top 10 werden von den Teilnehmerinnen von „Germany’s Next Topmodel“ dominiert. Mit dabei sind aber auch ein Fußballer und ein PARTEI-Politiker.