Archiv für Juni 12th, 2019

„Bild“-Leser wollen Florian Silbereisen als Kanzler

… jedenfalls sagten das die zwei Hansel mit „Bild“-Zeitung unterm Arm, die wir heute am Kiosk auf das Thema angesprochen haben. Und so funktioniert das ja auch bei den „Bild“-Medien mit den Überschriften:

Screenshot Bild.de - Überraschender Vorschlag für Nahles-Nachfolge - Bayern-Genossen wollen Sarrazin als SPD-Chef

Da hat „Bild“-Chefreporter Peter Tiede unter den rund 438.000 SPD-Mitgliedern doch tatsächlich ein paar gefunden, die sich Thilo Sarrazin als neuen SPD-Vorsitzenden vorstellen können und, zack, wird das bei Bild.de und in „Bild“ zur Story. Wie groß die „Gruppe bayerischer SPD-Mitglieder“ ist, die angeblich „Sarrazin als SPD-Chef“ will, und wer die „Bayern-Genossen“ überhaupt sind, die für die „Überraschung“ „im Streit um die Nachfolge von Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles“ sorgen, konkretisiert Tiede nicht.

Dafür gab es aber direkt klare Dementis von der bayerischen SPD. Die Landesvorsitzende Natascha Kohnen sagte dem Bayerischen Rundfunk: „Ich kenne niemanden, der das fordert, und für mich ist das undenkbar“. Horst Arnold, SPD-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag, sprach von einem „misslungenen Satirebeitrag“. Klaus Adelt, Vize der Landtagsfraktion, sagte, er habe „Fragezeichen hoch drei“ und kenne auch niemanden, der Sarrazin als SPD-Chef will. Der bayerische Bundestagsabgeordnete Florian Post sprach von einer „völligen Blödsinnsidee“. Und die Partei vermutete den „Postillon“ oder die „Titanic“ als Quelle für die „Bild“-Geschichte. Diese „Bayern-Genossen“ hat Peter Tiede offensichtlich nicht befragt bei seiner Recherche.

Nachdem unter anderem die „Bild“-Medien Thilo Sarrazin vor Jahren großgeschrieben haben, bringen sie ihn jetzt also als SPD-Chef ins Spiel. Peter Tiede ist mit seinem Text bei den entsprechenden Kreisen auf jeden Fall schon mal auf Interesse gestoßen: Facebook-Gruppen wie „Bekenntnis zu Deutschland II“ („Hätte Charme!“), „Widerstand Bischofswerda“ („Ich kann mich noch genau erinnern wie sie ihn versucht haben fertig zu machen und aus der Partei zu ekeln.“) und „Kameradschaft Deutscher Nationen“ haben seinen Artikel geteilt. Die „Achse des Guten“ sieht sich bestätigt: „Vor vier Tagen hat Thilo Sarrazin auf Achgut.com beschrieben, was er als SPD-Vorsitzender jetzt tun würde, jetzt nimmt die Sache irgendwie Schwung auf.“ Auch „Epoch Times“ springt auf das Thema auf: „Bayern sorgt für Überraschung: Sarrazin soll neuer SPD-Chef werden“. Und „Compact“ schreibt über „Messias“ Sarrazin: „Nanu, was ist denn das? Es ist doch gar nicht Karneval. Die SPD sucht einen neuen Chef und nun soll es Thilo Sarrazin richten.“

Dass das alles — genau wie die Sache mit Florian Silbereisen als Wunschkanzler der „Bild“-Leser — ziemlich dünn ist, interessiert da schon längst nicht mehr.

Mit Dank an @RoterMaxEike und @greenyosh_17 für die Hinweise!

„FAZ“-Selbstzerstörer, Philipp Amthors Code, Über das Schreiben

1. FAZ-Innenpolitikchef zerstört sich im Kampf gegen Rezo
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Achtung, für diesen Beitrag braucht man starke Nerven und sollte einigermaßen Fremdscham-resistent sein: Stefan Niggemeier dröselt den Twitter-Beef zwischen dem „FAZ“-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum und dem Youtuber Rezo auf. Niggemeier bringt es schon im ersten Satz gut auf den Punkt: „Jasper von Altenbockum sollte mehr FAZ lesen und weniger Youtube-Videos gucken.“

2. Können wir aufhören, Philipp Amthor in eine Opferrolle zu schreiben?
(twitter.com/C_Holler)
In letzter Zeit erschienen verschiedene Artikel über den Umgang mit dem CDU-Politiker Philipp Amthor („Tagesspiegel“, „Freitag“, „Bento“). Allgemeiner Tenor: Man möge es unterlassen, Amthor für sein Auftreten zu kritisieren. Für Claudius Holler greift dies zu kurz. Sein Twitter-Thread startet mit: „Können wir aufhören, Philipp Amthor in eine Opferrolle zu schreiben? Dafür ist er viel zu schlau. Was hier vorschnell Lookismus genannt wird, ist die Sichtbarmachung seines Codes. Er kleidet sich nicht unbeholfen, sondern ganz bewusst und aus Machtinteresse exakt so.“

3. „Hört den Leisen zu!“
(journalist-magazin.de, Ellen Ehni)
Das Medienmagazin „journalist“ befragt regelmäßig führende Journalisten und Journalistinnen nach ihrem persönlichen Blick auf den Journalismus. In der aktuellen Ausgabe äußert sich die WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni. In einem achtteiligen Appell fordert sie ihre Kollegen und Kolleginnen dazu auf, sich selbst und ihre Routinen zu hinterfragen. Es sind viele Selbstverständlichkeiten dabei, die aber — wie so oft bei Selbstverständlichkeiten — eben doch nicht so selbstverständlich sind.

4. Vom Politik- zum Presseskandal?
(message-online.com, Magdalena Neubig)
Magdalena Neubig fasst in einem längeren Beitrag die Verdachtsberichterstattung rund um das Bremer BAMF und dessen Leiterin Ulrike B. zusammen. Dabei lässt sie sowohl die berichterstattenden Medien als auch ihre Kritiker zu Wort kommen. Sie endet mit einem Zitat eines Strafrechtsprofessors, der es für gut möglich hält, dass es sich beim sogenannten „BAMF-Skandal“ eher um einen „Skandal der (übertriebenen) Medienberichterstattung“ handeln könnte.

5. Micropayments für Journalismus funktionieren nicht, Episode 736: Auch Blendle gibt auf
(neunetz.com)
Seit Jahren suchen die Verlage nach funktionierenden Erlösmodellen für ihre journalistischen Inhalte. Eine Idee war es, einzelne Artikel zum Kauf anzubieten und über Micropayment abzurechnen. Der niederländische Dienst Blendle hatte hierzu eine Infrastruktur aufgebaut, streicht jedoch jetzt die Segel. Marcel Weiss kommentiert die Entscheidung und verweist dazu auf seine Aussagen von 2015 zur Inkompatibilität von Journalismus und Micropayment: „Man liest selbst den besten journalistischen Text nur einmal. Musikstücke, vor allem die, die man sogar kauft, hört man öfter an. Noch wichtiger: In der Regel hat man den Song, den man kaufen will, bereits oft gehört -im Radio, auf YouTube, in einer TV-Serie-. Man kennt also schon das Informationsgut, das jetzt erworben wird und weiß bereits, dass es gefällt und den zu bezahlenden Preis wert ist. Das kann für journalistische Texte niemals gelten.“

6. WR953 Wie man (k)ein populärwissenschaftliches Sachbuch macht
(wrint.de, Holger Klein & Florian Freistetter, Audio: 91 Minuten)
Im „Wrint“-Podcast unterhalten sich Holger Klein und Florian Freistetter über das Schreiben von populärwissenschaftlichen Sachbüchern. Das ist insofern interessant, als dass Florian Freistetter ein erfahrener Sachbuchautor ist und Holger Klein jüngst an der Produktion eines Buchs gescheitert ist. Es geht unter anderem um Ideenfindung, Arbeitsweise und Strukturierung, die Wahl eines passenden Verlags und was unter dem Strich finanziell hängenbleibt.