Archiv für Juni 18th, 2014

dpa, sid  etc.

Für eine Handvoll Massenschläger

Pressemitteilungen der Polizei lassen den abschreibenden Journalisten normalerweise eher geringen Interpretationsspielraum. Wenn sich der “Verunfallte” mit seinem “Kraftfahrzeug” vom “Unfallort entfernt”, gibt’s eben nicht viel rumzudeuten, da ist die Sache klar.

Die Mitteilung, die am Montagabend nach dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal von der Polizei Essen rausgehauen wurde, war allerdings nicht ganz so eindeutig zu lesen. Dort hieß es:

Polizei Essen im Einsatz
Kurz nach Spielschluß kam es zu einer Schlägerei vor der Essener Grugahalle, wo zuvor tausende Fans den deutschen Sieg über Portugal gefeiert hatten. Bis zu circa 100 Personen gerieten kurzfristig in Streit.

“Schlägerei”, “100 Personen”, “Streit” – da kann man als diensthabender dpa-Polizeimeldungszusammenfasser mitten in der Nacht schon mal durcheinanderkommen. Die Agentur meldete jedenfalls anderthalb Stunden nach der Polizeimeldung:

Schlägerei mit rund 100 Beteiligten nach Auftaktsieg der Nationalelf
Nach dem WM-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft haben sich rund 100 Fans in Essen geprügelt. Wie die Polizei mitteilte, eskalierte am Montagabend ein Streit vor der Essener Grugahalle, in der zuvor Tausende Menschen den 4:0-Sieg gegen Portugal verfolgt hatten.

Haben Sie’s bemerkt? In der Pressemitteilung gerieten die 100 Personen “in Streit” — bei der dpa haben sie sich “geprügelt”. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung:


Die dpa ist nicht die einzige Quelle für diese Artikel. Manche beruhen auch auf dem Sport-Informations-Dienst (SID), der gestern in gleich vier verschiedenen Meldungen berichtete, in Essen sei es zu einer “Massenschlägerei” beziehungsweise einer “wüsten Prügelei” gekommen. Als Beleg verweist der SID auf die oben zitierte Pressemitteilung der Polizei — in der von Massenschlägerei allerdings gar keine Rede ist.

Gestern Mittag, gut 14 Stunden nach ihrer ersten Meldung, hatte die dpa es dann schließlich auch geschafft, nochmal bei der Polizei nachzufragen — und siehe da: In der neuesten Meldung prügelten sich nicht mehr alle 100 Personen, sondern nur noch “etwa eine Handvoll”:

In Essen gerieten nach dem Schlusspfiff laut Polizeiangaben rund hundert Menschen vor der Essener Grugahalle in Streit. In dem Tumult sei etwa eine Handvoll Fans handgreiflich geworden, zwei Menschen erlitten leichte Verletzungen, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag.

Diese korrigierte und deutlich unspektakulärere Fassung hat es allerdings nur in in die wenigsten Medien geschafft.

Via Reviersport. Mit Dank an Wolfram L.

Reichweite, Tanzgruppe, ISIL

1. “Krautreporter am Start”
(anmutunddemut.de, Benjamin Birkenhake)
Benjamin Birkenhake findet es gut, dass die Krautreporter ohne den Druck, Online-Reichweite aufzubauen, an den Start gehen können, denn: “Online-Reichweite aufzubauen bedeutet fast zwangsläufig, sich der Bild-Zeitung und Heftig.co anzunähern.” Und er bittet darum, das gesammelte Geld für Texte einzusetzen: “Fast jeder Euro für Technik und Design ist vergeudet. Um besseren Online-Journalismus zu machen, reicht ein Standard-Wordpress mit einem netten Theme voll und ganz aus.”

2. “Putins Internetpiraten”
(nzz.ch, Christian Weisflog)
“50 Kommentare auf Nachrichtenportalen, 50 Kurznachrichten auf Twitter und die Bewirtschaftung von sechs Facebook-Seiten”, das sei das Tagessoll eines im Auftrag der russischen Regierung bezahlten Kommentarschreibers, berichtet Christian Weisflog: “Die Trolle erhalten von den Leitern der Agentur exakte Anweisungen, zu welcher Tageszeit sich die Kommentierung am meisten lohnt und mit welcher Sprache sie das gewünschte Echo in den Foren erzielen. Das Ziel ist es, mit möglichst derben Kommentaren eine Diskussion zu provozieren. Dabei wird den Trollen aber empfohlen, die jeweilige Zensurpolitik zu berücksichtigen und den Bogen nicht zu überspannen.”

3. “Kommentar: Stefan Laurin über den derzeit wohl gefährlichsten Medienpolitiker und seinen Griff in die Kasse”
(newsroom.de, Stefan Laurin)
Stefan Laurin macht auf ein Gesetzvorhaben im NRW-Landtag aufmerksam: “Erstmals werden, wenn auch mit eher überschaubaren Mitteln, aus der Haushaltsabgabe private Medien finanziert – und hängen dabei vom Wohl und Wehe partei- und verbandspolitischer Gremien ab.”

4. “Is it ISIL or ISIS in Iraq?”
(blog.ap.org, Tom Kent, englisch)
Tom Kent begründet, warum die Organisation Islamischer Staat im Irak und der Levante besser mit ISIL statt mit ISIS abgekürzt wird.

5. “Änderung unserer Nutzungsbedingungen: Verpflichtung zur Offenlegung”
(blog.wikimedia.org)
Wikipedia ändert die Nutzungsbedingungen für PR-Arbeiter: “Wenn Sie für Ihre Bearbeitung bezahlt werden, müssen Sie diese bezahlte Bearbeitung offenlegen, um die neuen Nutzungsbedingungen einzuhalten. Sie müssen Ihre Zugehörigkeit in Ihrer Bearbeitungszusammenfassung, Benutzerseite oder Diskussionsseite angeben, um Ihre Perspektive fair offenzulegen.”

6. “Brasilianischer Tanzgruppe gelingt Flucht aus WM-Studio des ORF”
(dietagespresse.com)